Zwischen Baum und Borke - Ralph Ronneberger - E-Book

Zwischen Baum und Borke E-Book

Ralph Ronneberger

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Beschreibung

In der vorliegenden Sammlung von zahlreichen Erzählungen, Kurzgeschichten und Gedichten stellen elf Autoren - alle im Spreewald beheimatet - jeweils einen Ausschnitt aus ihrem individuellem Schaffen vor. Im Vordergrund stehen dabei die enge Verbundenheit mit der heimatlichen Natur sowie die Sorge um deren Bestand. Aber es geht auch um Dinge des täglichen Lebens, um Liebe und die Sehnsucht nach Erfüllung individueller Träume. Man kann die Werke unmöglich bestimmten Themenkategorien zuordnen. Zu unterschiedlich sind die Inhalte und der stilistische Umgang mit ihnen. Ein von einigen Autoren obendrein selbst illustriertes Buch, das den Leser einfach zum Stöbern einlädt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Zwischen Baum und Borke

Gedichte und Geschichten aus dem „Lübbener Autorentreff“

Ralph Ronneberger (Hrsg)

© 2021 Herausgeber Ralph Ronneberger

AutorInnen:

Horst Schulze, Monikas Schubert, Ralph Ronneberger, Klaus Friedrich, Ilona Noack, Helga Lehmann-Kuhnt, Brigitte König, Sybille Grunert, Ingrid Groschke, Gabriele Friedrich und Gisela Christl.

Umschlag:

Sybille Grunert,

Illustration:

Sybille Grunert, Ingrid Groschke, Monika Schubert

Korrektorat:

Ralph Ronneberger

Verlag & Druck: tredition GmbH,Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback

ISBN Paperback 978-3-347-41429-7

Hardcover

ISBN Hardcover 978-3-347-41430-3

e-Book

ISBN e-Book 978-3-347-41431-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autoren unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Der Lübbener Autorentreff

Horst Schulze

Wenn das der Führer wüsste

Monika Schubert

Windsbraut

Bioteich

Perlentaucher

Rettung

Angekommen

Verweht

Novemberblues

Zeit des Aufbruchs

Maskenball

Verlust

Horizontloser Morgen

Schlittschuhläufer

Sehnsucht

Skizzenhaft

Glühwürmchen

Nachtbaum

Schulpause

Danach

Zeitreise

Ralph Ronneberger

Mücken sind auch nur Menschen

Sport ist ja sooo gesund

Der beneidenswerte Thomas

Klaus Friedrich

Plagenfragen

Stoppt Willi – bald!

Willi – bald naht dein Ende!

Ilona Noack

Leben

Träume aus Glas

Herbstanfang

Helga Lehmann-Kuhnt

Engel und Teufel

Eine Fliegenfamilie

Vollmondnacht

Ich frage Gott

Noch

Das verkaufte Glück

Tante Frieda muss ins Heim

Die abgesagte Reise

Engel der Nacht

Ich, du, wir

Brigitte König

Angekommen

Ich und das Lied

Im Wind

Die Eiche

Leise

Mutter

Rote Dächer

Von Elfen und Zwergen

Unse Oma

Sybille Grunert

Sonnenstrahlen

In bester Gesellschaft – so lang noch vorhanden

Im Garten

Ausgebremst

Das bisschen Sand

Heute dachte ich …

Mittagszauber

Immer noch Corona

Herbst 2020

Zeit

Der Spreewald – mein kleines Eden

Wundersame Begegnungen

Ingrid Groschke

Begegnung

Ruhe

Ein Holzdieb?

Winterwald

Ein Kind wird geboren

Der Himmel über mir

Im Spreewald

Kater Paul

Das Geschenk

Der Küchentisch

Schlachtfest

Stille oder Ruhe?

Warten

Der Wecker

Das traute Heim

Gabriele Friedrich

Selbstfindung

Gisela Christl

Nachgedachtes

Respekt

Insektomanie

Der Lübbener Autorentreff

Der „Lübbener Autorentreff“ ist kein Verein, wie man vielleicht vermuten könnte. Es handelt sich vielmehr um eine Gruppe von Leuten, die einfach nur Spaß am Schreiben haben. Sie treffen sich mindestens einmal im Monat, um sich über ihr Hobby auszutauschen, ihre Texte zu Gehör zu bringen und sie zur Diskussion zu stellen. Im Vordergrund steht der gegenseitige Meinungsaustausch über die vorgetragenen Texte, wobei auch Wert auf Kritik gelegt wird, die wiederum zu Anstößen für eventuelle Überarbeitungen führt.

Es gibt den, vom, leider schon so früh verstorbenen, Bernd Juds, sowie Harald Lindstädt, Ingrid Groschke und Ralph Ronneberger gegründeten und rasch an Mitgliedern zunehmenden „Lübbener Autorentreff“ bereits seit rund achtzehn Jahren. Bei zahlreichen Lesungen innerhalb unserer Region wurden schon viele Werke einem interessierten Publikum vorgestellt. Das durchweg positive Echo in der Regionalpresse war für die Mitglieder ein zusätzlicher Ansporn.

Natürlich unterlag die Gruppe in dieser langen Zeit einer gewissen Fluktuation. Momentan sind es elf Autoren, die wir zum Stamm zählen dürfen und die sich hier in diesem kleinen Buch mit einigen ihrer Werke vorstellen wollen. Nach unseren bereits 2014 und 2018 unter den Titeln „Autorenmix“ und „Autorenmix II“ vorgelegten Anthologien ist dies nun die dritte Textsammlung dieser Art.

Dass es unter den Autoren auch drei Kunstmalerinnen gibt, darf als eine besondere Bereicherung unseres Autorentreffs und auch des vorliegenden Buches gewertet werden.

Was Inhalt und Form angeht, so unterscheiden sich die Autoren in ihren präsentierten Texten zum Teil beträchtlich. Und das ist gut so. Wir sind froh, auf eine derartige Vielfalt zurückgreifen zu können.

Aber lesen Sie selbst.

Horst Schulze

Horst Schulze wurde 1934 in Lübben als Sohn eines Textilarbeiterehepaares geboren und wuchs in einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus auf.

Es folgten Forstfacharbeiterlehre, Abitur, Forsttechnisches Studium in Moskau, danach eine Assistenzzeit im Forstwirtschaftsbetrieb Lübben, bevor er in der Oberförsterei in Straupitz tätig war.

Durch seine kritische Haltung zur Landwirtschaftspolitik der DDR kam er mit den Staatsorganen in Konflikt, verlor seine Arbeitsstelle und musste seine Heimatstadt verlassen.

Er übersiedelte nach Potsdam und begann dort neu im Berufszweig der Holzbearbeitung.

Er projektierte Industriebetriebe, entwickelte Wirtschaftspatente, war bei internationalen Verhandlungen anerkannter Fachmann und gefragter Simultanübersetzer.

Wegen seiner kritischen Einstellung zur Wirtschaftspolitik in der DDR wurde er 1989 mit Berufsverbot belegt. Trotzdem war er gewählter Wortführer der Belegschaft bei einem Streik. Die Aktivitäten mündeten in die ersten Protestdemonstrationen, welche in der Folgezeit die Wende einleiteten.

Einen Teil seiner Lebenserfahrungen hat er in einer Trilogie „Sternmarsch gen Lübben“ festgehalten, wobei ihn das Jahr 1945 besonders prägte.

Der Autor lebt heute in Lübben.

Wenn das der Führer wüsste

Die Schulglocke bimmelte. Die Pause war zu Ende und wir drängelten uns in den Klassenraum hinein.

Neben dem Lehrerpult standen noch immer die drei Neuen – ein Großer und zwei Kleine, wie sie zu Beginn des Unterrichts von Fräulein Trettenborn hereingeführt wurden.

Als sich der Klassenraum füllte, wollten die beiden kleinen Buben ins Freie flüchten, doch die Trettenborn passte auf.

Die Tür öffnete sich und in ihrem Rahmen erschien der Lehrer Fehlhaber. Wir sprangen auf und nahmen Haltung an.

„Was sucht denn der hier?“, zischte Banknachbar Heinz in meine Richtung.

„Heil Hitler!“

Die von uns gebrüllte Antwort „Heil Hitler, Herr Lehrer!“ gehörte an den Anfang jeder Schulstunde.

„Frau Markhoff ist heute im Auftrag der Nationalsozialistischen Frauenschaft unterwegs. Ich übernehme die Vertretung.“

„Das hat uns gerade noch gefehlt“, schimpfte ich zum Heinz hin.

„Ruhe da hinten!“, bellte Fehlhaber in meine Richtung.

Dann umrundete der Lehrer das Pult und fragte verärgert: „Was hat dieser Aufmarsch zu bedeuten?“

Mit hochgezogenen Brauen taxierte er die drei Neulinge, die sich wie verschreckte Schafe im Gewitter zusammen drängelten: Haare verfilzt, Hemdkragen angeschmuddelt, Ärmel durchgescheuert, Hosen geflickt, Socken kaputt und Schnürsenkel aus Papierstrippe. Die Neuen zogen den Kopf zwischen die Schultern, pressten die Lippen zusammen und schwiegen.

„Ich habe etwas gefragt!“

Die Lippen pressten noch heftiger. Unser Klassenprimus sprang auf und meldete: „Herr Lehrer, die sind gekommen von hinter Posen wegen Begradigung der Ostfront und müssen bei uns noch rein, weil die anderen Klassen schon proppenvoll sind. Nach dem Endsieg hauen die aber wieder ab.“

„Hinter Posen? Also Beutepreußen. Könnt ihr Deutsch?“ Der ironische Zug in den Mundwinkeln nahm dem gefürchteten Lehrer etwas von seinem Schrecken. Die gebeutelten Preußen schwiegen verbissen vor sich hin und dem Kleinsten kamen die Tränen.

„Ein deutscher Junge heult nicht! Kann nicht bis drei zählen und will in die vierte Klasse. Setzen!“

Die Augen der Heimatlosen durchkämmten auf der Suche nach einem Sitzplatz die Bankreihen, doch auch hier schien es so zu sein, wie sie es zuvor wochenlang in vielen Orten an der Fluchtstraße hörten: Alles voll – zieht weiter.

Als die genarbte Faust des einarmigen Lehrers auf den Tintenfassdeckel des Pultes paukte, spurteten sie ziellos in den Raum hinein. Neben mir sprang Heinz aus der Bank und der Große begriff sofort. Er rutschte flink in unsere Mitte und streckte uns seine Hand entgegen: „Tach, ich bin Eberhard.“

„Mann, von hinter Posen kommst du? Ich habe keine Ahnung, wo das liegt“, staunte ich.

„Quatsch, ich bin Oberschlesier.“

Das Kreidestück prallte gegen meine Schläfe und klirrte als Querschläger an die Fensterscheibe. Die Blicke des strengen Lehrers durchbohrten mich wie Pfeile und ich kam erst wieder hinter dem breiten Rücken des Vordermanns hoch, als die Lehrerhand nach dem Klassenbuch griff.

„Das kenne ich, Tieffliegerbeschuss,“ hauchte Eberhard mitfühlend und ich nahm mir vor, mit ihm mein Pausenbrot zu teilen.

„Ein Lied!“, schallte es vom Pult herunter.

Jochen sprang auf. „Am Brunnen vor dem Tore, Herr Lehrer!“

Fehlhaber zog die Augenbrauen in die Höhe und spielte den Erstaunten. „Bin ich hier in einer Klosterschule? Deutschland wird ringsherum von Feinden berannt und bei dir plätschert der Brunnen?“ Dann erinnerte sich der Lehrer, dass Jochens großer Bruder Flugzeugführer war und das Eiserne Kreuz an der Uniform trug. Er wurde freundlich: „Du kennst doch bestimmt ein richtiges deutsches Lied, mein Junge.“

Auf Jochens Stirn kräuselten sich die Falten, doch ihm fiel kein Deutsches ein.

„Wer kennt?“

Keiner kannte.

„Das gibts doch nicht!“ Die Igelfrisur auf Fehlhabers Kopf sträubte sich.

„Ich, Herr Lehrer.“

„Und?“

„Es zittern die morschen Knochen!“

„Jawollja, das passt in unsere Zeit rein, wie die Faust aufs Auge. Alles auf! Drei-vier!“

„Lied aus! Das ist ein Kampflied und kein Schunkelwalzer. Ich will die morschen Knochen zittern hören. Das Ganze noch einmal!“

Jetzt brüllten achtundvierzig Kehlen aus Freude am Krach und in der Hoffnung auf baldigen Fliegeralarm, die morschen Knochen gegen die Zimmerdecke:

Wir werden weiter marschieren,

bis alles in Scherben fällt.

Denn heute gehört uns Deutschland

und morgen die ganze Welt

„Ausgezeichnet!“

Fehlhaber hatte Tritt gefasst und kam zur Sache: „Heldenehrung!!!“

Hierbei ging es um frisch gefallene Väter, die mit einer Schweigeminute geehrt wurden. Diese Zeremonie begann bei uns schon in der zweiten Klasse, als Wolfgangs Vater in Russland gefallen war, doch heute meldete sich niemand. Die übrig gebliebenen Väter lebten also noch.

„Hausaufgabenkontrolle!“, lautete der nächste Befehl.

Das holzgesprenkelte Kriegspapier der Schreibhefte raschelte in den Schulranzen. Dann schwebte das Damoklesschwert über der Klasse und der Lehrerfinger zielte auf die erste Bankreihe.

„Aufschlagen!“

Rolfs Hände flatterten wie Schmetterlinge durch das Heft und deckten die Arbeitspflichten auf. Das war die Stunde der Wahrheit, auf die sich Fehlhaber jeden Tag mächtig freute, denn in ihr sonderte sich der Weizen von der Spreu. Diese Stunde zeigte, worin das arische Blut den Gesetzen der Vorsehung folgte, in den noch formlosen Körpern fließen würde. Es strömt entweder kraftvoll hinauf in die sendungsbewusste Elite der Führerpersönlichkeiten, oder es plätschert hinunter in die feldgraue Masse des Gefolges. Jedem das Seine! Doch gebraucht werden sie alle, die da oben, und auch die von ganz unten. Jeder an seinem hingestellten Platz, wie es der Führer sagen würde.

Es ging in diesen stürmischen Tagen letztendlich um Sein oder Nichtsein von Führer, Volk und Vaterland. Es ging um alles oder nichts!

Fehlhaber zückte seine Taschenuhr und griff dann hastig zum nächsten Heft. „Alles richtig. Bei wem hast du abgeschrieben?“

„Bei keinem, Herr Lehrer!“

„Dann wolln wir das mal glauben.“ Seine Pupillen schnürten auf der Suche nach Spreu jetzt emsiger durch das Zeilendickicht der Hausaufgaben.

„Aha!“ Fehlhaber spurtete triumphierend zur Tafel. Unter der schwungvoll kreisenden Lehrerhand erschien auf der schwarzen Fläche das Wort THRON.

„Wer es anders hat, hat Fehler!“, rief er begeistert.

Ich konnte es mir nicht verkneifen und stieß dem Eberhard in die Rippen: „Davon hat der seinen Spitznamen bekommen!“

„Warum wird THRON mit „h“ geschrieben?“ wollte Fehlhaber jetzt wissen. Zwei Finger schnipsten. „Du da hinten.“

„Als man dem Kaiser die neue Rechtschreibung vorgelesen hatte, hat der Kaiser gesagt, an meinem Thron darf nicht gerüttelt werden, hat der Kaiser da gesagt.“

„Richtig, setzen.“ Der Lehrerfinger zeigte auf Martin, der in der ersten Bankreihe hockte und sich nicht verstecken konnte: „Der demontiert den Thron des Kaisers, wie nennt man das?“

Alle Köpfe versanken zwischen die Schultern und Fehlhaber stöberte weiter durch das Geschriebene.

„Unser hochverehrter Reichspräsident hieß nicht Hinneburg und die Entente hat 1918 nie und nimmer das Deutsche Reich besiegt. Der Dolchstoß kam von hinten, wie seinerzeit beim Siegfried. Ich weiß das genau, denn ich bin schließlich dabei gewesen! Wenn die Heimat uns mit ihrer Novemberrevolution nicht in den Rücken gefallen wäre, stünden wir heute noch bei den Kaffern und Hottentotten in Deutsch-Südwestafrika!“

Der Lehrer spielte den Gekränkten, ging zu seinem Pult, sackte auf den Stuhl und hielt sich die Hand vor das Gesicht: „Das muss mir passieren! In meiner Stunde! Wenn das der Führer wüsste!“

Nun gehörte Martin also zu den Novemberverbrechern, denn so nennt man die Revolutionäre welche 1918 den Kaiser stürzten. Ich fühlte mit Martin, denn auch mein Vater hatte damals als junger Soldat gegen die Generäle rebelliert.

In Fehlhaber brodelte die Empörung und sein Armstumpf zielte wie eine Kanone auf den Feind, als er das zitternde Jungchen anschnauzte: „Wegen der Schwere der Fehler wird die Strafe verdop-pelt, sechs Ex!“

Das zischend durch die Zahnlücke heraus gepresste Urteil verkündete die Anzahl der Stockhiebe, die ein Übeltäter bei der Auspeitschung auf das Hinterteil erhielt. Bei uns hieß das Zischen Exekution. Man wurde zwar nicht erschossen, doch die Ängste davor und die Schmerzen danach ähnelten sich.

Martin trabte mit krummem Buckel zur Richtstätte nach vorn und siebenundvierzig Lippenpaare beteten: Lieber Gott, bitte mache, dass ich keinen Fehler habe.

Dann schlug das Urteil bei Willi zu: „Zwei Ex!“

Als nächsten hatte es Fritzchen erwischt. Den kleinen Jungen hatte man halb tot in einem Flüchtlingstreck gefunden und ihn im Krankenhaus wieder auf die Beine gestellt. Er teilte nun mit anderen Vertriebenen draußen vor der Stadt in Wiesenau das Strohlager einer Scheune. Fritzchen verstand nicht sofort was der zornige Lehrer von ihm wollte. Als ihn der Nachbar in die Seite stieß, rannte er dem Willi hinterher.

Dann stand Fehlhaber neben mir. „Aha das vorlaute Bürschchen!“ Die Igelbürste beugte sich über meine Hausaufgaben und der Rotstift fuhrwerkte durch die Zeilen. Zwischen den Lippen zischte es: „Vier Ex und eine für die Störung des Unterrichts, macht fünf!“

Ich schlurfte nach vorn.

Die erste Stufe der Exekution war das Warten. Viele Schüler kannten das schon und ich erfuhr es jetzt wieder. Beim Warten kamen die Gedanken, welche die Seele für die Exekution weichklopfen sollte. Das Warten machte den Sträfling mürbe und hilflos. Der Übeltäter sollte verzweifeln und bereuen, Abbitte leisten und hundert Eide der Besserung schwören. Doch die Reue wollte sich bei mir nicht einstellen, das Betteln auch nicht und stattdessen schwor ich Rache.

„Tut das sehr weh?“

Fritzchens zitterndes Stimmchen holte mich in die Wirklichkeit zurück. Ich griff zur Lüge. „Das ist halb so schlimm.“

Fritzchens Augen glaubten mir kein Wort.

„Dich schlägt er nicht mit der Stahlrute, weil du noch klein bist“, beruhigte ich ihn und glaubte selbst nicht daran.

„Und wenn doch?“ Eine Träne rollte den anderen hinterher.

„Dann haut er bestimmt nicht so doll.“

„Meinst du?“ Es war der letzte Strohhalm, an den sich der Kleine klammerte.

„Ganz bestimmt! Die Markhoff nimmt die Stahlkante des Lineals auch nur bei den Jungs, wenn sie hochkant auf die Finger schlägt. Die Mädchen kriegen nur die Rückseite zu spüren, da bluten die Nägel nicht.“

Fritzchens Augen wurden größer und ich begriff, dass meine Worte alles nur noch schlimmer machten. Seine Hände glitten zitternd über meinen Rücken, denn er stand hinter mir, war vom Richtbock ein kleines Stückchen abgerückt. Seine Augen bettelten: Verzeih, dass ich mir den kleinen Aufschub von dir gestohlen habe.

In mir wuchs die Wut, eine Wut auf den Fehlhaber, auf die Schule, auf die Engländer, auf die Russen, auf die ganze beschissene Welt, die uns schlug. Am wütendsten war ich auf die Amerikaner, die uns jetzt im Stich ließen. Um diese Zeit brummten sonst immer ihre Flugzeuge über Lübben hinweg und verkürzten die Schulstunden. Doch ausgerechnet heute hatten die verpennt! Der gleiche Zorn schrie aus Martins bleichem Gesicht, der ganz vorne stand: Wann legen wir diesem Schläger das Handwerk?

Wir erinnerten uns oft und gern an Herrn Oslath, der den Mut gehabt hatte, dem Fehlhaber für die Misshandlungen seines Sohnes Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Er hatte ihm auf dem Korridor vor unserem Klassenzimmer die Faust auf die Nase geknallt. Jedem das Seine!

Es war nicht die erste Auspeitschung in unserer Klasse und alle kannten das nun folgende Ritual. Fehlhaber schickte den Klassenprimus zum Lehrer Merten, der den schulweit durchschlagendsten Knüppel besaß. Es war der gefürchtete Eisenstab, welcher in einem Holzrohr steckte, denn das Prügeln mit dem blanken Eisenstab war verboten. Der Überbringer legte das Folterinstrument gehorsam auf das Lehrerpult. Fehlhaber beäugte den Knüppel, beschnupperte ihn, peitschte damit durch die Luft, ließ ihn nachschwingen, wippte den Körper auf den Zehenspitzen und pumpte die Lungen auf. Dann steckte der Einarmige den Knüppel quer in sein Gebiss und griff nach dem ersten Delinquenten. Die Hand krallte sich in den Hemdkragen, riss den Körper gegen die Schienbeine und die Kniegelenke quetschten den Hals wie ein Schraubstock zusammen. Dieser Griff fesselte den Sträfling und verhinderte das Schreien. „Hosen runter. Sechs Ex!“

Der schwere Stab durchschlug sechs Mal die Haut und matschte in Martins Hintern, denn Fehlhabers Einarmigkeit verdoppelte die Schlagkraft. Das Opfer spuckte, röchelte und taumelte ziellos durch die Bankreihen.

„Der Nächste!“

Die Köpfe der Schüler zuckten im Takt der peitschenden Hiebe und das Schnauben des schuftenden Schlägers erfüllte den Raum. „Der Nächste!“

Ich war vom übersinnlichen Schmerz gelähmt, der bei jedem Hieb meinen Körper wie einen Stromstoß durchstieß und den ich in dieser Intensität sonst nie erlebte. Vor meinen Augen explodierte ein Feuerwerk sprühender Funken. Ich wurde zurückgestoßen und taumelte mit dem Kopf gegen die Wand. Das Klassenzimmer drehte sich vor meinen Augen wie ein Karussell und Eberhard fing mich auf. Ich konnte nicht sitzen, legte mich wie Martin und Willi bäuchlings auf die Tischplatte. Es lief feucht in meine Kniekehlen hinein. Vor mir krümmten sich meine Schulkameraden unter den Schmerzen und ihre Rücken erzählten von den Qualen, die ihre Seelen in diesen langen Minuten durchleiden mussten.

Mir kamen die Gespräche in den Sinn, die in Vaters Bekanntenkreis die Runde machten. Dort sprach man von den Folterungen, die manche von ihnen in den Gefängnissen erduldet hatten. Dass uns hier in der Schule das Gleiche widerfuhr, davon sprachen sie nicht.

Eberhard, der mit versteinertem Gesicht auf den Lehrer blickte, sprang plötzlich auf: „Neiiiiin!“

Die Hand, welche Fritzchen schon im Würgegriff hatte, ließ die Beute wieder fallen.

„Wer war das?“

„Kleine Buben schlägt man nicht!“, rief Eberhard.

„Gerade erst angekommen und hat schon den großen Rand!“, schnauzte Fehlhaber. Er kam mit schnellen Schritten durch die Bankreihen und schlug dem vorlauten Schüler ins Gesicht. Eberhard boxte zurück, doch gegen die Kraft des Einarmigen kam der Junge nicht an. Er musste mehrere Hiebe einstecken und krümmte sich vor Schmerzen.

„Dieses Gesocks hat nichts anderes verdient!“, fauchte Fehlhaber und ging wieder nach vorn, um die Reihe der Wartenden abzuarbeiten.

Auf dem Schulhof trillerte eine Pfeife: Fliegeralarm – die Bomber kommen! Endlich haben die Yankees ausgeschlafen, freuten wir uns und stürmten ins Freie.

Auf dem Schulhof stand der Hausmeister und hielt Ulli, den Sohn des Pumpenbauers aus der Sternstraße, fest. Der kleine Bub protestierte, denn er hatte die Trillerpfeife geschenkt bekommen und wollte sie nur ausprobieren, doch der Hausmeister kannte keine Gnade und schleppte den Ulli in die Schule. Am Tor stand Eberhard und kühlte mit dem Taschentuch sein blau geschlagenes Auge.