Beschreibung

Das zweite Buch des damals 30-jährigen McEwan, das bei seinem Erscheinen 1978 sofort die Bestsellerliste der ›Sunday Times‹ stürmte! Sieben bestechende Erzählungen vom Meister der Kurzgeschichten – zum Wiederlesen und Neuentdecken: ›Pornographie / Betrachtungen eines Hausaffen / Zwei Fragmente: März 199-, Samstag und Sonntag / Der kleine Tod / Zwischen den Laken / Hin und Her / Psychopolis‹.

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EPUB

Seitenzahl: 210


Ian McEwan

Zwischenden Laken

Erzählungen

Aus dem Englischen von

Michael Walter und

Bernhard Robben

Titel der 1978

bei Jonathan Cape Ltd., London,

erschienenen Originalausgabe:

›In Between the Sheets‹

Copyright © 1978 bei Ian McEwan

Die deutsche Erstausgabe

erschien 1982 im Diogenes Verlag

Nachweis der einzelnen Erzählungen

und ihrer Übersetzer am Schluβ des Bandes

Umschlagillustration:

David Hockney, ›The Splash‹, 1966 Acrylic on Canvas (Acryl auf Leinwand), 72x72"

Copyright © David Hockney

Alle deutschen Rechte vorbehalten

Copyright © 2013

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 21084 2 (9.Auflage)

ISBN E-Book 978 3 257 60329 3

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5] Für Vic Sage

[7] Inhalt

Pornographie  [9]

Betrachtungen eines Hausaffen  [39]

Zwei Fragmente: März 199–

Samstag  [67]

Sonntag  [82]

Der kleine Tod  [102]

Zwischen den Laken  [134]

Hin und Her  [162]

Psychopolis  [177]

[9] Pornographie

O’Byrne ging über den Soho Market zum Laden seines Bruders in der Brewer Street. Eine Handvoll Kunden, die in den Heften blätterten, und Harold, der sie durch kieseldicke Brillengläser von seiner erhöhten Plattform in der Ecke beobachtete. Harold war kaum einsfünfzig und trug Plateausohlen-Schuhe. Bevor er sein Angestellter wurde, hatte ihn O’Byrne immer Kleiner Pimpf genannt. An Harolds Ellbogen schnarrte ein Miniradio Einzelheiten über Renn-Meetings am Nachmittag. »Sieh da«, sagte Harold mit kaum verhohlener Verachtung, »der verlorene Bruder…« Seine vergrößerten Wimpern flatterten bei jedem Konsonanten. Er sah an O’Byrnes Schulter vorbei. »Alle Hefte sind verkäuflich, Gentlemen.« Die Leser zuckten zusammen, als hätte man sie aus einem Traum aufgeschreckt. Einer stellte ein Heft zurück und ging schnell aus dem Laden. »Wo haste gesteckt?« sagte Harold mit leiserer Stimme. Er stieg vom Podest herunter, zog seinen Mantel an und [10] funkelte zu O’Byrne hoch, wartete auf eine Antwort. Kleiner Pimpf. O’Byrne war zehn Jahre jünger als sein Bruder und verabscheute ihn und seinen Erfolg, suchte aber sonderbarerweise dennoch seine Anerkennung. »Beim Arzt«, sagte er leise. »Ich hab den Tripper.« Harold war voller Genugtuung. Er langte hoch und knuffte ausgelassen O’Byrnes Schulter. »Geschieht dir recht«, sagte er und kicherte hämisch. Ein weiterer Kunde verdrückte sich aus dem Laden. Harold rief von der Tür her: »Ich bin um fünf zurück.« O’Byrne lächelte, als sein Bruder ging. Er hakte die Daumen in seine Jeans und schlenderte zu dem Schwarm von Kunden. »Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Gentlemen, die Hefte sind alle verkäuflich.« Sie stoben vor ihm auseinander wie aufgescheuchte Hühner, und plötzlich war er allein im Laden.

Eine dralle Frau um die Fünfzig oder älter stand vor einem Plastikduschvorhang, nackt bis auf Schlüpfer und Gasmaske. Ihre Hände hingen schlapp neben ihr, und in der einen verschmurgelte eine Zigarette. Ehefrau des Monats. Seit Gasmasken und einem dicken Gummilaken auf dem Bett, schrieb JN aus Andover, gibt’s bei uns kein Halten mehr. O’Byrne spielte eine Weile mit dem Radio und drehte es dann aus. Eine um die andere blätterte er die Seiten des Heftes um, bis er auf die [11] Briefe stieß. Eine unbeschnittene männliche Jungfrau, ohne Körperpflege, nächsten Mai zweiundvierzig, traute sich nicht, die Vorhaut zurückzupellen, aus Furcht vor dem, was er möglicherweise zu sehen bekäme. Ich habe diese Alpträume von Würmern. O’Byrne lachte und stellte ein Bein vor das andere. Er tat das Heft zurück, ging wieder zum Radio, drehte es rasch an und aus und erhaschte einen unverständlichen Wortfetzen. Er spazierte durch den Laden und ordnete die Hefte in den Ständern. Er stand am Eingang und starrte auf die nasse, von den bunten Plastikstreifen des Türvorhangs zerteilte Straße. Er pfiff immer wieder eine Melodie, deren Ende einen immer wieder von vorne beginnen ließ. Dann kehrte er zu Harolds erhöhter Plattform zurück und machte zwei Telefonanrufe, beide im Krankenhaus, den ersten bei Lucy. Doch Stationsschwester Drew hatte zu tun und konnte nicht ans Telefon kommen. O’Byrne hinterließ die Nachricht, daß er sie heute abend doch nicht treffen könne und morgen wieder anrufe. Er wählte die Nummer der Krankenhaustelefonzentrale und verlangte diesmal Lernschwester Shepherd auf der Kinderstation. »Tag«, sagte O’Byrne, als Pauline das Telefon abnahm. »Ich bin’s.« Und er streckte sich und lehnte sich an die Wand. Pauline war ein stilles Mädchen, die einmal in einem Film über die [12] Auswirkungen von Pestiziden auf Schmetterlinge geweint hatte und O’Byrne mit ihrer Liebe erretten wollte. Jetzt lachte sie: »Ich habe dich den ganzen Morgen lang angerufen«, sagte sie. »Hat es dir dein Bruder nicht gesagt?«

»Hör zu«, sagte O’Byrne, »ich bin gegen acht bei dir«, und legte den Hörer auf.

Harold kam erst nach sechs wieder, und O’Byrne war fast eingeschlafen, den Kopf auf den Unterarm gebettet. Kunden waren keine da. O’Byrne hatte bloß ›American Bitch‹ verkauft. »Diese Ami-Hefte«, sagte Harold, während er 15Pfund in Scheinen und eine Handvoll Silber aus der Ladenkasse räumte, »sind echt gut.« Harolds neue Lederjacke. O’Byrne befingerte sie anerkennend. »Achtundsiebzig Pfund«, sagte Harold und baute sich vor dem Fischaugenspiegel auf. Seine Brille blitzte. »Nicht übel«, sagte O’Byrne. »Gottverdammt nicht übel«, sagte Harold und begann den Laden dichtzumachen. »Mittwochs kommt nie viel rein«, sagte er wehmütig, während er hochlangte und die Alarmanlage einschaltete. »Mittwoch ist ein Scheißtag.« Jetzt war O’Byrne vor dem Spiegel und untersuchte eine kleine Aknespur, die von seinem Mundwinkel ausging. »Du hast gottverdammt noch mal recht«, stimmte er zu.

[13] Harolds Haus lag am Fuß des Post Office Tower, und O’Byrne hatte ein Zimmer bei ihm gemietet. Sie liefen wortlos nebeneinander her. Ab und zu warf Harold einen Seitenblick in ein dunkles Schaufenster, um das Spiegelbild von sich und seiner neuen Lederjacke zu sehen. Kleiner Pimpf. O’Byrne sagte: »Kalt, nich?«, und Harold sagte nichts. Als sie Minuten später an einem Pub vorbeikamen, bugsierte Harold O’Byrne in die feuchtkalte, verödete Kneipe und sagte: »Wo du schon mal den Tripper hast, geb ich dir einen aus.« Der Wirt hörte die Bemerkung und musterte O’Byrne interessiert. Sie tranken jeder drei Scotch, und als O’Byrne für die vierte Runde bezahlte, sagte Harold: »Ach ja, eine von den beiden Krankenschwestern, mit denen du rumgebumst hast, hat angerufen.« O’Byrne nickte und wischte sich die Lippen. Nach einer Pause sagte Harold: »Du bist ja gut drin…« O’Byrne nickte erneut. »Ja.« Harolds Jacke glänzte. Als er nach seinem Drink griff, knarzte sie. O’Byrne dachte nicht daran, ihm etwas zu erzählen. Er schlug die Fäuste ineinander. »Ja«, sagte er noch einmal und starrte über den Kopf seines Bruders hinweg auf die leere Bar. Harold probierte es wieder. »Sie wollte wissen, wo du gesteckt hast…« – »Glaub ich gern«, murmelte O’Byrne und lächelte dann.

[14] Pauline, klein und wortkarg, ihre Stirn blutlos blaß, zerteilt von schweren, schwarzen Fransen, ihre Augen groß, grün und wachsam, ihre Wohnung klein, klamm und geteilt mit einer Sekretärin, die nie da war. O’Byrne erschien nach zehn, leicht angetrunken und hatte ein Bad nötig, um den schwachen Eitergeruch zu vertreiben, der in letzter Zeit seinen Fingern anhaftete. Sie setzte sich auf einen kleinen Holzhocker, um zuzusehen, wie er sich aalte. Einmal beugte sie sich vor und berührte seinen Körper dort, wo er die Oberfläche durchstieß. O’Byrnes Augen waren geschlossen, seine Hände trieben neben ihm, das einzige Geräusch das nachlassende Zischen des Spülkastens. Pauline erhob sich still, um ein sauberes, weißes Handtuch aus ihrem Schlafzimmer zu holen, und O’Byrne hörte sie weder gehen noch kommen. Sie setzte sich wieder und verstrubbelte, so gut es ging, O’Byrnes feuchtes, verfilztes Haar. »Das Essen ist im Eimer«, sagte sie ohne Anklage. Schweißperlen sammelten sich in O’Byrnes Augenwinkeln und rollten wie Tränen seine Nase entlang. Pauline legte ihre Hand auf O’Byrnes Knie, wo es aus dem grauen Wasser ragte. Dampf verwandelte sich an den kalten Wänden in Wasser, träge Minuten vergingen. »Macht nichts, Liebling«, sagte O’Byrne und stand auf.

Pauline ging Bier und Pizzas einkaufen, und [15] O’Byrne legte sich in der Zwischenzeit in ihr winziges Schlafzimmer. Zehn Minuten vergingen. Nach flüchtiger Untersuchung seiner sauberen, doch anschwellenden Harnröhrenöffnung zog er sich an und wanderte lustlos durchs Wohnzimmer. Von Paulines kleiner Büchersammlung interessierte ihn nichts. Es gab keine Heftchen. Auf der Suche nach einem Drink betrat er die Küche. Da war nur eine angekohlte Fleischpastete. Er pickte sich zwischen den verbrannten Stellen etwas heraus und blätterte beim Essen in einem Bildkalender. Als er fertig war, fiel ihm wieder ein, daß er auf Pauline wartete. Er sah auf die Uhr. Sie war jetzt beinahe eine halbe Stunde weg. Er stand schnell auf und kippte dabei den Küchenstuhl hinter sich um. Im Wohnzimmer hielt er inne, dann verließ er entschlossen die Wohnung und knallte dabei die Eingangstür zu. Er eilte die Treppen hinab, ängstlich darauf bedacht, ihr jetzt nicht zu begegnen, wo er zu verschwinden beschlossen hatte. Doch sie war da. Auf dem Weg in den zweiten Stock, ein wenig außer Atem, die Arme voller Flaschen und Stanniolpäckchen. »Wo haste gesteckt?« sagte O’Byrne. Pauline blieb mehrere Stufen unter ihm stehen, das Gesicht über ihren Sachen unbeholfen schräg nach oben gerichtet, das Weiße ihrer Augen und das Stanniol leuchteten im Dunkel. »Der Laden um die Ecke hatte zu. Ich [16] mußte meilenweit laufen… entschuldige.« Sie standen da. O’Byrne war nicht hungrig. Er wollte gehen. Er klemmte die Daumen in den Bund seiner Jeans und hielt den Kopf schief zur unsichtbaren Decke hin, dann blickte er auf die wartende Pauline herab. »Hm«, sagte er schließlich, »ich wollte gerade gehen.« Pauline kam herauf und flüsterte, während sie sich an ihm vorbeischob: »Dummerchen!« O’Byrne machte kehrt und folgte ihr mit einem dumpfen Gefühl des Betrogenseins.

Er lehnte im Türrahmen, sie stellte den Stuhl wieder hin. Mit einer Kopfbewegung gab O’Byrne zu verstehen, daß er nichts von dem Essen wollte, das Pauline auf Tellern anrichtete. Sie goß ihm ein Bier ein und kniete sich hin, um ein paar schwarze Pastetenkrümel vom Boden aufzuklauben. Sie setzten sich ins Wohnzimmer. O’Byrne trank, Pauline aß langsam, keiner sprach. O’Byrne leerte das Bier und legte seine Hand auf Paulines Knie. Sie wandte sich nicht um. Er sagte fröhlich: »Was hast du?«, und sie sagte: »Nichts.« Beunruhigt rutschte O’Byrne näher und legte seinen Arm schützend um ihre Schultern. »Weißt du was«, raunte er. »Wir gehen ins Bett.« Pauline stand plötzlich auf und ging ins Schlafzimmer. O’Byrne saß da, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er hörte zu, wie Pauline sich auszog, und er hörte das Knarren des Betts. Er [17] kam auf die Füße und ging, noch immer ohne Lust, ins Schlafzimmer.

Pauline lag auf dem Rücken, und O’Byrne, der sich schnell ausgezogen hatte, legte sich neben sie. Sie kam nicht wie sonst näher, sie rührte sich nicht. O’Byrne hob den Arm, um ihre Schultern zu streicheln, doch dann ließ er seine Hand auf das Laken plumpsen. In wachsendem Schweigen lagen beide auf dem Rücken, bis O’Byrne beschloß, ihr noch eine allerletzte Chance zu geben, und sich mit einem Grunzen auf den Ellbogen hochstemmte und sein Gesicht über ihres brachte. Ihre Augen, voller Tränen, starrten an ihm vorbei. »Was ist mit dir?« sagte er in einem resignierten Singsang. Die Augen rührten sich eine Spur vom Fleck und fixierten seine. »Du«, sagte sie einfach. O’Byrne zog sich auf seine Betthälfte zurück und sagte nach einem Augenblick drohend: »Ah ja.« Dann kam er hoch, war über ihr, und dann an ihr vorbei und am anderen Ende des Zimmers. »Also dann…«, sagte er. Er schlang seine Schnürsenkel zu einem groben Knoten und suchte sein Hemd. Pauline wandte ihm den Rücken zu. Doch als er das Wohnzimmer durchquerte, protestierte sie mit höher und lauter werdendem Wimmern, bis er stehenblieb und sich umdrehte. Ganz weiß, in einem Baumwollnachthemd, war sie an der Schlafzimmertür, dann in der Luft, [18] beschrieb jeden Bogenpunkt der Kreislinie zwischen ihnen, wie die Trickfotografie eines Kunstspringers, gelangte am anderen Zimmerende an und hing an seinem Revers, hatte die Fingerknöchel im Mund und schüttelte den Kopf. O’Byrne lächelte und legte ihr die Arme um die Schultern. Verzeihen durchströmte ihn. Einander umklammernd kehrten sie ins Schlafzimmer zurück. O’Byrne zog sich aus, und sie legten sich wieder hin, O’Byrne auf den Rücken, Pauline den Kopf auf seine Schulter gebettet.

O’Byrne sagte: »Ich weiß nie, was in deinem Kopf vorgeht«, und zutiefst getröstet von diesem Gedanken schlief er ein. Eine halbe Stunde später erwachte er. Pauline, erschöpft von einer Woche mit 12-Stunden-Schichten, schlief schwer auf seinem Arm. Er rüttelte sie sanft. »He«, sagte er. Er rüttelte sie kräftig, und als ihr Atem nicht mehr regelmäßig ging und sie sich unruhig zu bewegen begann, sagte er in einer lakonischen Parodie auf irgendeinen Film, an den er sich noch düster erinnerte: »Hey, da war doch noch was…«

Harold war aufgeregt. Als O’Byrne gegen Mittag des folgenden Tages in den Laden ging, faßte ihn Harold am Arm und fuchtelte mit einem Stück Papier in der Luft. Er brüllte fast. »Ich habe alles [19] durchgerechnet. Ich weiß jetzt, was ich mit dem Laden mache.« – »Ach ja«, sagte O’Byrne träge und kratzte sich mit den Fingern so lange an den Augen herum, bis das unerträgliche Jucken ein aushaltbarer Schmerz wurde. Harold rieb sich die kleinen rosa Händchen und erklärte hastig: »Ich stelle ganz auf amerikanisch um. Ich hab heute morgen mit dem Vertreter telefoniert, und er kommt in einer halben Stunde. Ich schaff mir diese ganzen Ein-Pfund-Nummer-Piß-ihr-in-die-Möse-Schreiben vom Hals. Ich werde das komplette House-of-Florence-Sortiment führen, zu je 4Pfund 50.«

O’Byrne ging durch den Laden zum Stuhl, über dem Harolds Jacke hing. Er probierte sie an. Sie war natürlich zu klein. »Und ich nenne ihn Transatlantic Books«, sagte Harold gerade. O’Byrne schmiß die Jacke auf den Stuhl. Sie rutschte auf den Fußboden und fiel dort zusammen wie der Luftsack eines Reptils. Harold hob sie auf und redete weiter. »Wenn ich exklusiv Florence führe, bekomme ich einen Sonderrabatt und«, kicherte er, »die bezahlen die scheiß Leuchtreklame.«

O’Byrne setzte sich hin und unterbrach seinen Bruder. »Wie viele dieser verfickten Aufblasweiber bist du losgeworden? Im Keller sind noch immer fünfundzwanzig von diesen Fotzen.« Aber Harold füllte zwei Gläser mit Scotch. »Er kommt in einer [20] halben Stunde«, wiederholte er und reichte O’Byrne ein Glas. »Sag bloß«, sagte O’Byrne und probierte. »Ich möchte, daß du heute nachmittag mit dem Lieferwagen nach Norbury rüberfährst und die Bestellung abholst. Ich will da gleich richtig einsteigen.«

O’Byrne hockte mürrisch mit seinem Drink da, während sein Bruder vor sich hin pfiff und sich im Laden zu schaffen machte. Ein Mann kam herein und kaufte ein Heft. »Na bitte«, sagte O’Byrne säuerlich, während der Kunde noch bei den Noppenkondomen zauderte, »er hat ein englisches gekauft, stimmt’s?« Der Mann machte schuldbewußt auf dem Absatz kehrt und ging. Harold kam und hockte sich neben O’Byrnes Stuhl und redete wie jemand, der einem Kind den Beischlaf erklärt. »Und was verdiene ich daran? Vierzig Prozent von 75Pence. Dreißig Pence. Beschissene dreißig Pence. Bei House of Florence verdiene ich fünfzig Prozent von 4Pfund 50. Und das«, er legte seine Hand kurz auf O’Byrnes Knie, »nenne ich ein Geschäft.«

O’Byrne wedelte mit seinem leeren Glas vor Harolds Gesicht herum und wartete geduldig darauf, daß sein Bruder es füllte… Kleiner Pimpf.

Das Lager von House of Florence war eine stillgelegte Kirche in einer abschüssigen Reihenhäuserstraße auf der Brixton-Seite von Norbury. O’Byrne [21] kam zum Hauptportal herein. In der Westecke hatte man aus unverputzten Gipsfaserplatten ein Büro und ein Wartezimmer hochgezogen. Das Taufbecken diente als großer Aschenbecher im Wartezimmer. Eine ältere Frau mit einer Blauspülung saß alleine im Büro und tippte Als O’Byrne an das Schiebefenster pochte, ignorierte sie ihn erst, dann erhob sie sich und schob die Glasscheibe beiseite. Sie nahm den Bestellschein, den er ihr hinschob, und streifte O’Byrne mit einem unverhohlen angeekelten Blick. Sie sagte spitz: »Sie warten besser hier.« O’Byrne steppte gedankenverloren um das Taufbecken, kämmte sich die Haare und pfiff den Ohrwurm vor sich hin. Plötzlich war ein altersgeschrumpfter Mann mit einem braunen Kittel und einem Klemmbrett neben ihm. »Transatlantic Books?« sagte er. O’Byrne zuckte die Achseln und folgte ihm. Gemeinsam schritten sie langsam durch lange Gänge verbolzter Stahlregale, der alte Mann schob einen großen Rollwagen, und O’Byrne ging, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ein wenig voraus. Alle paar Meter blieb der Lagerverwalter stehen und hob mit schlechtgelauntem Keuchen dicke Heftstapel von den Regalen. Die Ladung auf dem Rollwagen wuchs. Das Atmen des alten Mannes hallte heiser in der Kirche wider. Am Ende des ersten Gangs setzte er sich auf den Rollwagen, [22] zwischen seine ordentlichen Stapel, und hustete und rotzte etwa eine Minute lang in ein Papiertaschentuch. Dann sagte er zu O’Byrne, indem er das Papiertuch mit seinem gewichtigen grünen Inhalt sorgfältig wieder in die Tasche faltete: »Da, du bist jung. Schieb du das Ding.« Und O’Byrne sagte: »Schieb den Kack selber. Das ist dein Job«, und bot dem Mann eine Zigarette an und gab ihm Feuer.

O’Byrne nickte zu den Regalen hin. »Jede Menge Lesestoff hier.« Der alte Mann stieß ärgerlich den Rauch aus. »Alles Mist. Sollte verboten werden.« Sie gingen weiter. Als er zum Schluß die Warenrechnung quittierte, sagte O’Byrne: »Wen haste heut abend auf dem Menü? Die Gnädigste im Büro?« Der Lagerist war erfreut. Sein gackerndes Lachen hallte wie Glocken und mündete dann in einen erneuten Hustenanfall. Geschwächt lehnte er sich an die Wand, und als er sich wieder erholt hatte, hob er den Kopf und zwinkerte vielsagend mit wässerigem Blick. Doch O’Byrne hatte kehrtgemacht und karrte die Hefte zum Lieferwagen hinaus.

Lucy war zehn Jahre älter als Pauline und ein bißchen pummelig. Doch ihre Wohnung war groß und komfortabel. Sie war Stationsschwester und Pauline bloß Lernschwester. Sie wußten nichts voneinander. An der U-Bahn-Station kaufte O’Byrne [23] Blumen für Lucy, und als sie ihm die Tür öffnete, überreichte er ihr die Blumen, indem er eine Verbeugung andeutete und die Hacken zusammenschlug. »Ein Friedensangebot?« sagte sie verächtlich und nahm die Narzissen an sich. Sie hatte ihn ins Schlafzimmer geführt. Sie setzten sich nebeneinander aufs Bett. O’Byrne fuhr ihr mit der Hand mechanisch am Bein hoch. Sie stieß seinen Arm weg und sagte: »Moment mal. Wo warst du die letzten drei Tage?« O’Byrne konnte sich kaum erinnern. Zwei Nächte mit Pauline, eine in der Kneipe mit Freunden seines Bruders.

Er ließ sich genüßlich nach hinten auf die rosa Flauschbettdecke fallen. »Du weißt schon… bis spät nachts für Harold gearbeitet. Den Laden umgeräumt. So Zeug.«

»Diese schmutzigen Bücher«, sagte Lucy mit einem etwas schrillen Lachen. O’Byrne stand auf und streifte sich die Schuhe ab. »Fang nicht damit an«, sagte er, froh, aus der Defensive heraus zu sein. Lucy beugte sich vor und hob seine Schuhe auf. »Du wirst dir die Schuhe noch hinten kaputtmachen«, sagte sie eifrig, »wenn du sie dir so abstreifst.«

Sie zogen sich beide aus. Lucy hängte ihre Kleider ordentlich in den Schrank. Als O’Byrne fast nackt vor ihr stand, rümpfte sie angewidert die [24] Nase. »Stinkst du so?« O’Byrne war verletzt. »Ich nehme ein Bad«, bot er knapp an.

Lucy rührte mit der Hand das Badewasser um und übertönte das Brausen der Wasserhähne. »Du hättest mir Sachen zum Waschen mitbringen sollen.« Sie hakte ihre Finger in den Gummizug seiner Unterhose. »Wenn du mir die jetzt gibst, ist sie morgen früh trocken.« O’Byrne schlang seine Finger in ihre, Zuneigung vorschützend. »Nein, nein«, rief er hastig. »Die hab ich heute früh frisch angezogen, bestimmt.« Lucy versuchte, sie ihm im Scherz zu entwinden. Sie rangen auf dem Badezimmerboden, Lucy kreischend vor Lachen, O’Byrne erregt, doch entschlossen.

Schließlich zog Lucy ihren Morgenrock an und ging. O’Byrne hörte sie in der Küche hantieren. Er saß im Bad und wusch die hellgrünen Flecken aus. Als Lucy zurückkam, trocknete seine Unterhose auf der Heizung. »Emanzipation, was?« sagte O’Byrne aus der Wanne. Lucy sagte: »Ich komme auch rein«, und zog ihren Morgenrock aus. O’Byrne machte ihr Platz. »Wie’s beliebt«, sagte er mit einem Lächeln, als sie sich in dem grauen Wasser niederließ.

O’Byrne lag rücklings auf den sauberen weißen Laken, und Lucy machte es sich wie ein großer nistender Vogel auf seinem Bauch bequem. Anders kam es für sie nicht in Frage, von Anfang an hatte sie [25] gesagt: »Das Kommando führe ich.« – »Das sehen wir dann noch«, hatte O’Byrne erwidert. Die Vorstellung, er könnte es genießen, überwältigt zu werden wie einer dieser Krüppel in den Magazinen seines Bruders, entsetzte und ekelte ihn. Lucy hatte energisch gesprochen, wie mit einem schwierigen Patienten. »Wenn es dir nicht paßt, brauchst du nicht wiederzukommen.« O’Byrne wurde unmerklich in Lucys Bedürfnisse eingeführt. Es ging nicht nur einfach darum, daß sie auf ihm hocken wollte. Sie wollte nicht, daß er sich bewegte. »Wenn du dich noch mal bewegst«, warnte sie ihn, »dann passiert was.« Aus schierer Gewohnheit stieß O’Byrne aufwärts und tiefer, und flink wie die Zunge einer Schlange peitschte sie ihm mit der offenen Hand mehrmals ins Gesicht. Im selben Moment kam sie und lag später halb schluchzend, halb lachend auf dem Bett. O’Byrne mit einer geschwollenen roten Gesichtshälfte zog schmollend ab. »Du bist ja pervers«, hatte er von der Tür aus gerufen.

Am nächsten Tag war er zurück, und Lucy erklärte sich einverstanden, ihn nicht wieder zu schlagen. Statt dessen beschimpfte sie ihn. »Du mieser, hilfloser kleiner Scheißer«, kreischte sie auf dem Höhepunkt ihrer Erregung. Und sie schien O’Byrnes schulderfüllten Wonneschauer zu erahnen und steigern zu wollen. Einmal hatte sie sich plötzlich von [26] ihm erhoben und ihm mit einem entrückten Lächeln auf Kopf und Brust uriniert. O’Byrne hatte versucht, sich freizukämpfen, doch Lucy hielt ihn unten und schien von seinem unwillkürlichen Orgasmus zutiefst befriedigt. Diesmal verließ O’Byrne die Wohnung wütend. Lucys strenger, chemischer Geruch haftete ihm tagelang an, und in dieser Zeit traf er Pauline. Aber noch in der gleichen Woche war er wieder in Lucys Wohnung, um, wie er beharrlich beteuerte, seinen Rasierer abzuholen, und Lucy überredete ihn, ihre Unterwäsche anzuprobieren. O’Byrne weigerte sich voller Entsetzen und Erregung. »Das Problem mit dir«, sagte Lucy, »ist, daß du dich vor dem fürchtest, was dir gefällt.«

Jetzt packte Lucy mit einer Hand seine Kehle. »Wehe, du rührst dich«, zischte sie und schloß die Augen. O’Byrne lag still. Über ihm wiegte sich Lucy wie ein Riesenbaum. Ihre Lippen formten ein Wort, doch es war unhörbar. Viele Minuten später öffnete sie die Augen und starrte mit leicht gerunzelter Stirn herab, als bemühe sie sich, ihn einzuordnen. Und immerzu glitt sie dabei vor und zurück. Schließlich sprach sie, mehr zu sich als zu ihm. »Wurm…« O’Byrne stöhnte. Lucys Beine und Schenkel spannten und bebten. »Wurm… Wurm… du kleiner Wurm. Ich werde dich zertreten… kleiner dreckiger Wurm.« Erneut schloß sich [27] ihre Hand um seine Kehle. Seine Augen waren in die Höhlen zurückgetreten, und sein Wort war lange unterwegs, ehe es ihm von den Lippen kam. »Ja«, flüsterte er.

Am folgenden Tag suchte O’Byrne die Klinik auf. Der Doktor und sein Assistent gaben sich sachlich und unbeeindruckt. Der Assistent füllte ein Formular aus und wollte Einzelheiten über O’Byrnes jüngste sexuelle Vergangenheit wissen. O’Byrne erfand eine Hure am Busbahnhof von Ipswich. Danach blieb er viele Tage für sich. Die Morgen- und Abendbesuche im Krankenhaus wegen der Injektionen hatten seine Begierde ausgelaugt. Wenn Pauline oder Lucy anriefen, erzählte ihnen Harold, er wisse nicht, wo O’Byrne stecke. »Wahrscheinlich irgendwo hingefahren«, sagte er, und zwinkerte seinem Bruder durch den Laden zu. Beide Frauen riefen drei oder vier Tage lang täglich an, und dann kamen plötzlich von keiner mehr Anrufe. O’Byrne kümmerte sich nicht darum. Der Laden brachte jetzt gutes Geld. Abends trank er mit seinem Bruder und den Freunden seines Bruders. Er fühlte sich ebenso beschäftigt wie krank. Zehn Tage vergingen. Von dem Extrageld, das ihm Harold gab, kaufte er eine Lederjacke, so eine wie Harolds, nur irgendwie besser, schnittiger, mit roter [28] Seidenimitation gefüttert. Sie glänzte und knarzte auch. Er verbrachte viele Minuten vor dem Fischaugenspiegel, stellte sich seitlich davor und bewunderte, wie seine Schultern und sein Bizeps das Leder zu straffem glattem Glanz spannten. Er trug die Jacke auf dem Weg vom Laden zur Klinik und genoß die Blicke der Frauen auf der Straße. Er dachte an Pauline und Lucy. Er überlegte einen Tag lang, welche er zuerst anrufen sollte. Er wählte Pauline und rief sie vom Laden aus an.

Lernschwester Shepherd sei nicht abkömmlich, wurde O’Byrne nach minutenlangem Warten mitgeteilt. Sie sitze in einer Prüfung. O’Byrne ließ sein Gespräch auf die andere Krankenhausseite durchstellen. »Tag«, sagte er, als Lucy abnahm. »Ich bin’s.« Lucy war entzückt. »Wann bist du zurückgekommen? Wo bist du gewesen? Wann schaust du mal vorbei?« Er setzte sich. »Wie wär’s mit heute abend?« sagte er. Lucy flüsterte mit französischer Sexbömbchen-Stimme: »Isch kann es kaum erwarten…« O’Byrne lachte, preßte Daumen und Zeigefinger gegen die Stirn und hörte in der Leitung undeutlich noch andere Stimmen. Er hörte Lucy Anweisungen geben. Dann sprach sie hastig mit ihm. »Ich muß gehen. Sie haben gerade einen Fall eingeliefert. Also heute abend gegen acht…« und weg war sie.

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