Zwischen Fell und Federn -  - E-Book

Zwischen Fell und Federn E-Book

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Beschreibung

Tiere begleiten unser Leben. Seien es die eigenen oder auch die von Freunden. In dieser Spendenanthologie, an der sich 23 Autorinnen beteiligt haben, warten wunderschöne Kurzgeschichten auf Sie! Wollen Sie zum Lachen, vielleicht zum Weinen und auch zum Nachdenken bringen. Von Hund und Katze über Papagei und Pavian! Hier sind Tiere in bunter Vielfalt vertreten. Der komplette Verkaufserlös kommt einem Tierheim zugute, in dem vielleicht ihr persönlicher Wegbegleiter gerade darauf wartet, von Ihnen abgeholt zu werden.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Autor*innen dieser wundervollen Anthologie:

Liesa Marin

Isabell Bayer

Sahra Sofie Caspari

Laura Misellie

Carmen Schneider

Poppy A. Robin

Claudia Fischer

Christiane Fischer

Heike Hamboch

Liz Rosen

Faye Bilgett

Isabel Renner

Nadja Schindler

Stina Milner

Yola Stahl

Marina Hülsmann

Jasmin Engel

Lucia Barreto Cabrera

Marlene Guggenberger

Julie Fraser

Jade Spring

Melanie Häcker

Alina Joelle

An dieser Stelle allen, die an diesem wundervollen Herzensprojekt beteiligt waren, ein großes Dankeschön! Ohne eure Hilfe würde es dieses Buch nicht geben.

Buchbeschreibung:

Tiere begleiten unser Leben. Seien es die eigenen oder auch die von Freunden.

In dieser Spendenanthologie, an der sich 23 Autorinnen beteiligt haben, warten wunderschöne Kurzgeschichten auf Sie! Wollen Sie zum Lachen, vielleicht zum Weinen und auch zum Nachdenken bringen.

Von Hund und Katze über Papagei und Pavian! Hier sind Tiere in bunter Vielfalt vertreten.

Der komplette Verkaufserlös kommt einem Tierheim zugute, in dem vielleicht Ihr persönlicher Wegbegleiter gerade darauf wartet, von Ihnen abgeholt zu werden.

Inhaltsverzeichnis

Fluse

Autorin von „Fluse“ Christiane Fischer

Gattina

Autorin von „Gattina“ Marlene Guggenberger

Ein Beagle zu Weihnachten

Autorin von „Ein Beagle zu Weihnachten“

Ein Gedicht, ein Gedicht

Pepe, die treue Feder

Autorin von „Pepe, die treue Feder“

Wunder um Mitternacht

Autorin von „Wunder um Mitternacht“

Ellies Weg nach Hause

Autorin von „Ellies Weg nach Hause“

Vom Schicksal zusammengeführt

Autorin von „Vom Schicksal zusammengeführt“

Ben und Silia

Autorinnen von „Ben und Silia“

Kowu & Feluna Ein Herz, zwei Seelen

Autorin von „Kowu & Feluna Ein Herz, zwei Seelen“

Wer zuletzt kommt …

Autorin von „Wer zuletzt kommt ...“

Suche

Autorin von „Suche“

Wie Häschen Rambo eine Freundin fand

Autorin von „Wie Häschen Rambo eine Freundin fand“

Orion

Autorin von „Orion“

Leise Pfoten in der Nacht

Autorin von „Leise Pfoten durch die Nacht“

Hummeln können nicht fliegen

Autorin von „Hummeln können nicht fliegen“

Music in my Heart Rettungsmission Spezial

Jipsy – Bananen gibt es überall

Autorin von „Jipsy – Bananen gibt es überall“

Herr Konrad

Autorin von: „Herr Konrad“ und „Ein Gedicht, ein Gedicht“

Großes Glück auf kleinen Pfoten

Autorin von „Großes Glück auf kleinen Pfoten“

Katzendiebin

Autorin von „Katzendiebin“

Der Held Billy

Autorin von „Der Held Billy“

Ein Funkeln im Wald

Autorin von „Ein Funkeln im Wald“

Der etwas andere Weg zur Freundschaft

Autorin von „Der etwas andere Weg zur Freundschaft“

Fluse

Schwaches Winseln war zu hören. Es war leiser als ein Flüstern, erbärmlich leise. Die Hündin Kira hatte in dieser Nacht fünf Junge zur Welt gebracht. Es waren kleine Mischlinge, denn Kira war nicht reinrassig, stammte aber, das konnte man deutlich erkennen, von einem Terrier ab. Vier Jungs und nur ein einziges Mädchen waren nun auf ihre Hilfe angewiesen.

Die junge Hündin war ausgelaugt, konnte kaum mehr die Augen offenhalten.

Ein Müllberg, zusammengehalten durch zerrissene Kartons, die als Dach dienten, war ihr Nachtlager. Sie wusch jedes der Hundebabys mit der Zunge und säugte sie. Daraufhin schliefen die Kleinen erschöpft ein.

Als Streunerin in Antalya hatte sich Kira allein nur mit den allergrößten Anstrengungen durchschlagen können. „Wie wird es einmal meinen Kindern ergehen?“, dachte sie. So ein Leben hatte sie sich für ihre fünf Fellknäuel nicht gewünscht. Sie selbst hatte einst eine Familie, ein Zuhause gehabt, doch musste sie die bittere Erfahrung machen, dass die Liebe des Menschen vergänglich war. Ihr Herrchen hatte sie damals an einem Strand ausgesetzt. Ohne mit der Wimper zu zucken, war der Mann in sein Auto eingestiegen und losgefahren. Ohne Kira. Das hatte der Hündin das Herz gebrochen und von diesem Schmerz hatte sie sich nie richtig erholen können.

Mit der Sorge darüber, wie es weitergehen sollte, schlief Kira wenige Minuten darauf ebenfalls ein.

Am nächsten Tag wurde Kira vom flapsigen Gejaule und den Sonnenstrahlen, die durch das Pappdach drangen, geweckt. Ihre Kleinen hatten Hunger und zogen bereits an den Zitzen ihrer Mutter. Die Hündin hatte seit fast zwei Tagen nichts mehr gefressen, war geradezu ausgemergelt. Sie brauchte dringend etwas zwischen die Zähne.

Sie befanden sich abseits eines Marktplatzes, nicht weit von einem Hafen entfernt. So beschloss sie, ihre Babys im Versteck zu lassen und allein loszuziehen, um nach Futter für sich zu suchen.

Im Laufe der vielen Jahre auf der Straße wusste sie, wo sie Nahrung ergattern konnte. Unter anderem in den Mülltonnen am Hinterhof eines kleinen Restaurants. Dieser Futterplatz war bei den Streunern heißbegehrt. Auch Kira hatte in all der Zeit ihre Technik perfektioniert, eine Mülltonne, die dreimal so groß war wie sie, umzuwerfen. Not machte eben erfinderisch. Doch musste man sich vor dem Inhaber des Restaurants in Acht nehmen, denn dieser kam, kaum hatte er etwas gemerkt, mit einem Besenstiel angerannt, um die streunenden Hunde zu vertreiben.

So vergingen die Wochen, in denen Kira sich vormittags auf Futtersuche machte und anschließend zurück zu ihren Jungen ging.

Diese entwickelten sich prächtig.

Jedes von ihnen besaß wie Kira ein weißes Fell, hatte ein niedliches Stupsnäschen und noch viel zu kurze Beine. Die Kleinen wollten die Welt entdecken, waren geradezu hungrig nach dem Neuen, Unbekannten, vor dem ihre Mutter sie noch zu schützen gedachte. Ganz besonders das Mädchen war wissbegierig und abenteuerlustig. Sie stach mit einem Fell, das wuscheliger und buschiger war als das ihrer Brüder, deutlich hervor.

Eines Tages dann, als Kira gestärkt zurück nach Hause kam, war das Mädchen fort. Die Mutter war außer sich vor Sorge, kämmte sämtliche Gebiete auf der Suche ihrer Tochter ab. Ohne Erfolg.

Das Mädchen blieb verschwunden …

Das Hundemädchen war von dieser neuen Welt so fasziniert, dass es immer weiter, immer schneller rannte. Der strahlend blaue Himmel lag über ihr, die Sonne kitzelte ihre Nase und der Wind wehte ihr angenehm durchs Fell.

Irgendwann hatte sie dann einen Strand erreicht.

Als sie das Meer erblickte, dessen Wellen sich im Sonnenlicht brachen und funkelten und glitzerten wie Diamanten, war es um sie geschehen. Es zog sie immer näher zu diesem geheimnisvollen Wasser. Vergnügt tapste sie im Sand umher, hinterließ ihre Pfotenabdrücke darauf und fühlte sich so frei und unbeschwert.

Irgendwann wurde es dunkel und das Mädchen hatte den Weg nach Hause zu ihrer Familie vergessen. Unbändige Angst kroch in ihr hoch.

„Wo ist meine Mama?“, fragte sie sich wimmernd. „Wo sind meine Brüder? Ich will zurück nach Hause!“

Die Nacht war sternenklar und kalt. Zusammengekauert zwischen Ästen und Gestrüpp lag sie, hoffte auf ein Wunder, das sie wieder zurück zu ihrer Mutter bringen würde. Doch auch am nächsten Tag gelang es der kleinen Hündin nicht, den Weg zurück nach Hause zu finden. Es schien so, als ob sie sich immer weiter entfernen würde, so kam es ihr jedenfalls vor. Sie war auch noch viel zu klein und unerfahren, ihre Instinkte waren noch nicht ausgereift.

Hungrig lief sie den endlos wirkenden Strand immer weiter geradeaus. Ein paar Mal musste sie Rast machen, suchte Schatten vor den heißen Sonnenstrahlen, die erbarmungslos auf ihren Pelz brannten.

Das Meer rauscht, tut nie etwas anderes als rauschen und glitzern. Es hat mich gelockt mit seiner geheimnisvollen Art, dachte das Hundemädchen.

Ach, wenn ich doch nur nicht abgehauen wäre! Ich vermisse meine Brüder und Mama!

Die Hündin begann vor Pein zu jaulen. Das Herz war ihr schwer wie Blei. Plötzlich spürte sie etwas an ihrem Rücken. Erschrocken drehte sie sich um.

Vor ihr stand ein Menschen-Mädchen und streichelte ihr übers Fell.

Sie sprach etwas zu ihr, was die Hündin nicht verstehen konnte, aber es klang lieb und aufrichtig. So ließ sie es zu, sich von dem Mädchen tragen zu lassen. Sie wurde in eine kleine Scheune gebracht. Dort setzte das Mädchen sie in eine Ecke mit Stroh, gab ihr einen Napf mit Wasser und einen mit Futter.

Gierig leerte die Hündin in Windeseile beide Näpfe und war unendlich dankbar. Sie hörte den Namen Kübra aus dem Mund des dunkelhaarigen Mädchens und war sich sicher, dass ihre Retterin so heißen musste.

Einige Tage vergingen, in denen Kübra der Hündin zweimal am Tag Futter und Wasser brachte, mit ihr gegen Abend zum Strand ging, um mit ihr herumzutollen und zu spielen. Beide waren inzwischen Freunde geworden und das Hundemädchen war glücklich, endlich ein Zuhause gefunden zu haben.

Doch das Glück währte nicht lang, weil das Tier tags darauf von einem Mann entdeckt und aus der Scheune geworfen wurde. Kübra kam hinzugeeilt, flehte den Mann unter Tränen an. Doch dieser ließ sich nicht erweichen, scheuchte und prügelte die Hündin von seinem Grundstück.

Die Jahre vergingen und das Hundemädchen hatte sich als Streunerin durchschlagen müssen, genau wie ihre Mutter. Sie ernährte sich von Abfällen, erbettelte sich hier und da etwas Fressen von den Menschen aus der Stadt. Es war ein hartes Hundeleben, dennoch erfreute sich die junge Hündin an den Schönheiten dieser Welt. Nach wie vor liebte sie den Strand, die Schaumkronen, die an Land gespült wurden, und das endlos wirkende, blaue Meer. Oft sprang sie in das kühle Nass, um zu planschen, sich zu waschen oder einfach nur, um zu spielen.

Eines Tages wurde die Hündin sehr krank. Ihre Kräfte verließen sie. Sie hatte es gerade eben noch rechtzeitig geschafft, aus dem Wasser zu kriechen, sonst wäre sie höchstwahrscheinlich ertrunken. Kraftlos ließ sie sich in den Sand fallen und verlor das Bewusstsein.

Als sie wieder zu sich kam, fand sie sich in einem Käfig wieder. Man hatte sie eingefangen. Sie war noch nie eingesperrt gewesen und bekam unsagbar große Angst. Ein Mann näherte sich ihr und öffnete plötzlich den Käfig. Vorsichtig hob er die Hündin auf einen großen, metallenen Tisch. Die Deckenbeleuchtung spiegelte sich grell darin wider. In der ganzen Zeit versuchte sich die Hündin nicht einmal zu wehren. Sie war zu schwach, zu gutmütig. Dann jaulte sie panisch auf, als sie bemerkt hatte, dass der Mann ihr eine Nadel in die Haut stach.

Er war Tierarzt und hatte ihr eine Spritze gegeben, was die Hündin nicht wissen konnte. Woher auch. Sie litt an einer Meerwasserkrankheit. Das war eine bakterielle Infektion, die sie sich im Meer eingefangen hatte und die sie ungemein schwächte. Der Mann gehörte einer Auffangstation für in Not geratene Tiere an und brachte den Hund, den er Beach getauft hatte, nach Deutschland. Sie hielten den Namen für originell, weil sie die Hündin völlig verwahrlost an einem Strand gefunden hatten.

Auch ihr Haar bekam Beach geschoren, da es zu verfilzt und verknotet war. Sie wurde gebadet, gepflegt und bald darauf in einen großen Raum zusammen mit ganz vielen anderen Hunden gesteckt.

Den ganzen Tag konnte Beach spielen, fressen und mehrmals täglich mit einer Mitarbeiterin der Auffangstation Gassi gehen.

Ungewohnt war das Laufen an einer Leine noch für Beach gewesen, doch sie gewöhnte sich daran, auch an ihren Namen, auf den sie zwar hörte, ihn aber dennoch nicht mochte.

Sechs Wochen später:

Die Leute der Auffangstation nannten die Hündin nicht mehr Beach, sondern Fluse. Es war passender, vor allem wegen ihres wuscheligen und buschigen langen Fells.

Sie fanden nach ihrem Inserat im Internet schnell ein junges Pärchen, das sich für Fluse interessierte. Schlussendlich nahmen sie diese mit zu sich nach Hause. Die Hündin konnte ihr Glück kaum fassen. Endlich hatte sie nach ihrem langen Leidensweg eine Familie für sich gefunden, ein Zuhause.

Zufrieden und glücklich legte Fluse sich auf dem Teppich, zu Füßen ihres neuen Frauchens. Sie hieß Jana, wie Fluse unschwer hören konnte. Ihr Mann nannte sie so. Dieser wurde von seiner Frau Jonas genannt. Das Ehepaar warf Fluse immer wieder einen Ball entgegen.

Doch die Hündin hatte kein Bedürfnis zu spielen. Sie war kein Welpe mehr und auch nicht mehr die Jüngste. Jana und Jonas wollten das nicht verstehen. Immerzu warfen sie diesen Ball nach ihr, trafen sie ein paar Mal sogar am Kopf. Fluse jaulte daraufhin kurz auf und verzog sich in ihr Hundekörbchen. Sie wollte einfach Ruhe haben. Kuscheln, schlafen, fressen, Gassi gehen, reichte das denn nicht aus?

In den nächsten zwei Tagen versuchte das Ehepaar vergeblich ihr neues Familienmitglied in einem aktiven Spielehund zu verwandeln.

Das war Fluse nicht.

Sie hatte immer noch nicht ganz verstehen können, was der ganze Aufwand mit dem Stockwerfen und dem Ball sollte, und war viel zu sehr auf Ruhe bedacht. Ehe sich Fluse versah, saß sie in einem Hundetransporter und wurde zurück in die Auffangstation gefahren.

Sie wurde wie ein Paar nicht passender Schuhe mit der Begründung „Dieser Hund ist uns zu langweilig“ zurückgebracht. Das Herz der Hündin blutete. Sie hatte es nicht verstehen können. Warum waren die Menschen so? Gehörte sie zu niemanden? War sie einfach nicht gut genug? Wirklich zu langweilig?

Immer schon war sie ein Außenseiter gewesen. Es sollte wohl nicht sein. Der Traum von einer Familie schien ausgeträumt.

Tieftraurig gab sich die gutmütige Hündin ihrem Schicksal hin.

Hier in dieser Auffangstation mit den vielen Pflegern und Hunden war es ja auch nicht übel. Immerhin hatte sie ein Dach über dem Kopf, zu fressen und zu trinken. Doch jedes Mal, wenn ein anderer Hund eine neue Familie bekam, verspürte Fluse einen tiefen Stich in ihrem Herzen. Einige Monate später:

Fluse war gerade damit beschäftigt, ihr Ohr ausgiebig zu kratzen, da liefen plötzlich zwei junge Frauen auf sie zu. Eine von ihnen war blond, die andere brünett. Es waren keine der Pflegerinnen, das wusste sie. Die beiden hatte sie hier noch nie zuvor gesehen. Aber sie schienen Interesse an Fluse zu haben.

Dennoch wollte sich die Hündin keine falschen Hoffnungen machen. Doch als beide immer näherkamen und sie streichelten, konnte Fluse nicht verhindern, dass ihr plötzlich ganz warm wurde und ihr Herz vor Freude auf und ab hüpfte.

Beide Frauen leinten sie an, gingen den Hofweg entlang mit ihr Gassi. Fluse war so aufgeregt. Das hatte mit ihr bisher keiner der Besucher gemacht. Das musste doch etwas zu bedeuten haben!

Als die beiden Frauen Fluse schließlich in einem Hundetransporter setzten und in ein Auto brachten, war ihre Neugierde kaum zu bändigen. Sie wollen mich! Sie wollen wirklich mich, dachte die Hündin vor sich hin hechelnd. Und tatsächlich bekam Fluse endlich das verdiente Zuhause, worauf sie schon ihr ganzes Leben gewartet hatte.

Fluse wohnte von nun an in der Wohnung der blonden Frau mit dem Namen Christiane, die sie immerzu streichelte und anlächelte.

Auch die Eltern der jungen Frau kamen immer wieder vorbei und passten auf den Hund auf, denn sie wohnten nur drei Häuser entfernt. Die brünette Frau, so erfuhr Fluse, war Stephanie, die Schwester ihres neuen Frauchens. All diese Menschen kamen regelmäßig in die Wohnung, um Zeit mit ihr zu verbringen. Es begann die wundervollste Zeit der Hündin. Eine Zeit, in der sie so viel Liebe erfahren konnte, so viel Freude und Glück, wie sie es kaum für möglich gehalten hatte. Irgendwann konnte sie sogar die Sprache ihrer Besitzerin verstehen.

Es war die Kraft des Herzens, so wusste Fluse. Ihr Frauchen hatte folgende Worte immer wieder zu ihr gesagt: „Mein liebes Flüschen, ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe. Weißt du, ich hatte eine schwere Zeit hinter mir, in der es mir nicht so gut ging. Doch seit du jetzt bei mir bist, habe ich das Gefühl, dass alles gut werden wird, solange wir zusammen sind. Du bist der liebste Hund auf der ganzen Welt für mich.“

Jedes Mal hatte Fluse dann den Kopf auf den Schoß ihres Frauchens gelegt und ein zufriedenes Brummen abgegeben, das nur eines aussagen sollte: „Ja, es wird alles gut werden.“

Autorin von „Fluse“ Christiane Fischer

Christiane Fischer wurde 1986 in Gelsenkirchen geboren und lebt mit ihrer Tochter und ihrem Mann in Essen.Sie ist gelernte Einzelhandelskauffrau. Seit der Schulzeit verfasst sie Kurzgeschichten. Durch das Schreiben von Märchen und Fabeln erhielt sie ein erstes Gespür für Charakterentwicklungen, Plot-Strukturen und Prämissen. Von 2017 bis 2020 trat Christiane regelmäßig mit ihren Texten auf Poetryslams auf, wie zum Beispiel bei „WortLautRuhr“, „Dachstudio-Slam“ oder „Reim in Flammen“. Sie wollte ihre Ansichten zu dieser Gesellschaft offenlegen und zeigen, dass es in Ordnung ist, Macken, Zweifel und Ängste zu haben. In all der Zeit hat Christiane jedoch ihr eigentliches Ziel nie aus den Augen verloren: das Romanschreiben. Sie möchte Geschichten schreiben, bei denen der Leser mit den Protagonisten mitfiebert. Leidenschaftlich gern verfasst sie Liebesgeschichten und sieht es dabei als Herausforderung an, über Themen zu schreiben, über die in der Regel eher geschwiegen wird, wie Diskriminierung, Ausgrenzung oder Traumata. Seit November 2021 hat sie ihren Debütroman „Handicap-Liebe“, erschienen bei Edition Paashaas Verlag, veröffentlicht. Im April 2022 erschien dann ihr zweiter Roman „3 Herzen in einer Brust“ bei Edition Paashaas Verlag.

Gattina

(Inspiriert von einer wahren Begebenheit)

Es war spät am Weihnachtsabend. Die Geschenke lagen ausgepackt am Boden verstreut, die Kinder schliefen bereits selig in ihren Betten und die Erwachsenen saßen bei Kerzenschein und einem letzten Glas Punsch beisammen im Wohnzimmer.

Im Hintergrund dudelte leise Weihnachtsmusik. Das Haus roch noch nach dem üppigen Festtagsmahl und auch die Lider der Erwachsenen wurden langsam schwerer.

Gattina hatte gerade das letzte Stückchen Gans verspeist und leckte sich genüsslich über die Pfoten, als der kleine Snowshoe sich zu ihr gesellte. Er trug immer noch stolz die rote Schleife um den Hals, die ihm die Eltern umgebunden hatten, ehe sie ihn den Kindern in einem bunten Karton mit einigen Luftlöchern darin überreicht hatten.

„Duuu, Signora Gattina?“, fragte der kleine Tunichtgut und sah mit glänzenden Augen zu der stolzen Katzendame auf.

Immerhin hatte er die erste Lektion auf Anhieb im Kopf behalten. Gattina war eine Lady und deshalb mit Signora Gattina und dem nötigen Respekt anzusprechen.

„Ja, Snowie?“ Sie hielt im Lecken ihrer Pfoten inne, die immer noch leicht nach vorzüglichem Fleisch dufteten, und sah zu ihm herab.

„Wie lange wohnst du eigentlich schon hier?“, wollte der kleine schwarze Kater mit den strahlend weißen Pfötchen von ihr wissen.

„Schon sehr, sehr lange“, seufzte sie und ließ den Blick zum Fenster hinausschweifen, wo zarte Schneeflocken durch die Luft tanzten. Sie lebte schon seit über zehn Jahren bei dieser wunderbaren Familie und blickte nur ungern in ihre Vergangenheit zurück.

„Und wie bist du hierher in dieses schöne Zuhause gekommen?“, fragte der Kleine weiter, das Näschen neugierig in die Luft gereckt.

„Das ist eine lange Geschichte, mein Kleiner.“ Gattina tätschelte Snowshoe liebevoll den Kopf.

Doch so schnell ließ dieser nicht locker. „Ich habe Zeit.“ Mit großen Augen musterte er sie erwartungsvoll. „Die ganze Nacht, wenn es sein muss.“

„Ich denke, du solltest dich erst einmal in Ruhe eingewöhnen“, meinte die Katzendame mit ruhiger Stimme. „Dann bleibt dir schon noch mehr als genug Zeit, um dir meine Geschichte anzuhören.“

„Aber ich will sie jetzt gerne hören“, beharrte der Kleine. „Biittee!“ Seine Pupillen weiteten sich so sehr, dass die grüne Farbe in seinen Augen fast vollständig verschwand. „Bitte, bitte, bitte!“

„Na gut, Snowie“, lenkte Gattina ein. „Aber es ist nicht gerade die perfekte Geschichte für einen kleinen Kater wie dich zum Weihnachtsabend.“

„Das lass nur meine Sorge sein, Signora Gattina.“ Er kuschelte sich eng an sie und begann leise zu schnurren.

Gattina ließ erneut den Blick in die Ferne schweifen und erinnerte sich an die Zeit, als sie noch ein winziges Fellknäuel in einem kleinen Ort an der italienischen Küste gewesen war. Nach einem letzten wehmütigen Seufzen fing sie schließlich an, zu erzählen.

***

Vor vielen Jahren kam ich im weit entfernten Italien zur Welt. Ich war nicht größer als eine Zitrone und meine Welt beschränkte sich auf die Wärme meiner Mutter und das heisere Maunzen meiner drei Geschwister. Schnell lernte ich, dass das Leben kein Zuckerschlecken war. Denn mein Brüderchen wurde krank und als sein Husten und Schniefen nicht aufhören wollte und er von Tag zu Tag schwächer wurde, brachte meine Mutter ihn fort. Einerseits war ich traurig, dass mein Bruder fort war, als sie allein zurückkehrte, doch auf der anderen Seite fühlte ich auch Erleichterung. Sein Husten und Schniefen hatten mich oft wachgehalten und in den letzten Tagen hatte er auf eine komische Art zu stinken angefangen. Außerdem gab es ohnehin nicht allzu viel zu essen und da war ein Maul weniger fast schon ein Segen für mich und meine Schwestern.

Doch es dauerte nicht lange, da fing auch meine jüngste Schwester mit dem Husten an und bei ihr wartete meine Mutter nicht ein paar Tage, sondern brachte sie sofort weg, um uns Übrige zu schützen. So leid es mir auch diesmal tat, dass ein Geschwisterchen verloren ging, so sehr wusste ich auch die damit einhergehenden Annehmlichkeiten zu schätzen. Denn es war sehr heiß in Italien und das Futter wurde immer knapper. Wären mein Bruder und meine kleine Schwester noch bei uns gewesen, hätten wir es vielleicht alle nicht geschafft.

Wir wurden dennoch jeden Tag größer und stärker. Es dauerte nicht lang, da vertrieben meine Schwester und ich uns die Zeit, die wir auf unsere Mutter und das ersehnte Essen warteten, damit, dass wir übten, uns an die jeweils andere heranzupirschen und sie anzufallen, als wäre sie unsere Beute.

Schließlich wollten wir eines Tages noch bessere Jägerinnen sein als unsere Mutter. Sich mit knurrendem Magen an jemanden heranzuschleichen ist allerdings kein einfaches Unterfangen und so übten wir tagein tagaus, bis wir erschöpft zusammensackten und einschliefen.

Meist wurden wir dann von unserer Mutter geweckt, wenn sie mit der frisch erlegten Beute zurückkehrte. Nachdem wir das meist spärliche Futter verputzt hatten, zeigten wir unserer Mutter stolz, welche Fortschritte wir bereits gemacht hatten und wie geschickt wir den anderen überrumpeln konnten. Meine Schwester war eine Meisterin der Attacken und meine Stärke war es, gute Verstecke zu finden. Ich konnte förmlich mit meiner Umgebung verschmelzen und dann aus dem Hinterhalt zuschlagen, wenn der andere am wenigsten damit rechnete.

Doch die wohlbehüteten Tage fanden bald darauf ihr Ende. Unsere Mutter war wieder einmal auf der Jagd, als meine Schwester und ich den sicheren Verschlag verließen, der uns als Zuhause diente. Wir tollten gemeinsam durch die verwinkelten Gassen und spielten freudig miteinander. Da kam meiner Schwester eine Idee.

„Was hältst du davon, wenn wir Mama heute Abend mit unserer eigenen Beute überraschen?“, fragte sie.

Ich war sofort Feuer und Flamme. Denn ich konnte mir bereits ausmalen, welch ein Festmahl uns heute bevorstand und wie unsere Mutter uns voller Stolz loben würde. Eiligst schmiedeten wir einen Plan und wenig später stürzten wir uns in unser Abenteuer. Wir würden eine der fetten Mäuse erlegen, die wir ein paar Ecken weiter an einem Restaurant gesehen hatten. Die sahen saftig und prall aus und wären vermutlich auch keine allzu schweren Gegner für uns. Schließlich waren sie fett und träge und nicht so wendig wie die zierlichen Feldmäuse, die Mutter uns oft brachte.

Wir sollten recht behalten. Zwei der dicken Mäuse waren schnell erlegt. Wir hatten ja auch das Überraschungsmoment auf unserer Seite.

Eine davon verschlangen wir sofort. Die andere wollten wir mit in unser Zuhause nehmen. Doch damit war es uns selbstverständlich nicht genug. Also jagten wir, trunken von jugendlichem Übermut, noch einigen anderen der fetten Restaurantmäuse hinterher. Doch meine Schwester war viel schneller und gewandter, sodass ich es rasch aufgab und dazu überging, mir ein gutes Versteck zu suchen, von wo aus ich die Mäuse angreifen konnte, wenn sie daran vorbeikamen.

Gerade war so eine fette Maus am äußeren Rand meines Blickfelds aufgetaucht, als ein lautes Quietschen und ein markerschütternder Aufschrei mich aus der Konzentration rissen. Mein Blick zuckte augenblicklich zur Straße, wo meine Schwester reglos am Boden lag und einige Menschen hektisch um sie herumhantierten. Ich schlich vorsichtig näher, suchte Deckung hinter einer Papiertüte, die auf dem Asphalt lag, und spähte ängstlich in Richtung des Geschehens. Der reglose Körper meiner Schwester wurde gerade in einem der lärmenden Ungetüme verstaut, das die Menschen nutzten, um schneller von einem Ort zum anderen zu kommen. Sie war verloren.

So schnell ich konnte, eilte ich zurück in unseren Verschlag. Die erlegte Maus ließ ich liegen. Denn ich hoffte, vor meiner Mutter nach Hause zu kommen und ihr so nichts vom Schicksal meiner Schwester erzählen zu müssen. Sie musste nicht wissen, dass unser Leichtsinn sie vermutlich das Leben gekostet hatte. Es würde genügen, wenn sie erfuhr, dass meine Schwester unser sicheres Nest verlassen hatte und nicht zurückgekehrt war.

Zuhause angekommen, atmete ich erleichtert durch. Meine Mutter war noch nicht heimgekehrt. Mein Plan würde also aufgehen. So würde ihr immerhin die Hoffnung bleiben, dass es meiner Schwester irgendwo da draußen gut ging und sie ein wunderbares Leben führte.

Doch an diesem Morgen kehrte meine Mutter nicht heim. Und auch nicht am nächsten. Genauso wenig am übernächsten. Es vergingen einige Tage, bis ich begriff, dass ich nun allein auf der Welt und auf mich selbst gestellt war.

Obwohl ich große Angst vor den Menschen und ihren lauten Ungetümen hatte, suchte ich schnell ihre Nähe. Denn die Nächte wurden länger und kälter und die Beute in der Nähe von Restaurants oder menschlichen Behausungen war leichter zu erlegen als die an den entlegeneren, ruhigeren Orten. Außerdem konnte ich mich in den Menschensiedlungen nachts besser warmhalten. Dort lagen Papiertüten oder Zeitungen auf dem Boden und ab und zu fand ich sogar eine angenehm warme Plastiktüte.

Aber bald wurde es nachts so kalt, dass ich selbst im warmen Plastik zitterte und fror. Die Menschen waren mir allerdings weiterhin nicht ganz geheuer, auch wenn mir tagsüber der eine oder andere von ihnen lecker duftendes Essen anbot. Manche von ihnen ließen nachts vor ihrer Tür etwas Wasser und Essen für mich in einer kleinen Schale stehen und irgendwann war ich so hungrig und durchgefroren, dass ich jegliche Vorsicht über Bord warf und mich daran stärkte, wenn die Lichter aus und die Menschen im Bett waren. Doch dann waren ihre Türen stets verschlossen und ich hatte keine Chance, mich in einem ihrer Häuser aufzuwärmen.

Eines Nachts wurde es so bitterkalt, dass es mich nur so schüttelte vor Kälte. Am nächsten Tag taten mir die Glieder weh und das Atmen fiel mir schwer. Hin und wieder musste ich sogar kräftig husten. Da wusste ich, dass ich Wärme brauchte. Ansonsten würde ich wie meine ersten beiden Geschwister elendig zugrunde gehen.

Die Angst vor den Menschen stellte allerdings weiterhin ein unüberwindbares Hindernis für mich dar. Ich konnte nicht einfach auf einen von ihnen offen zugehen und mich mit ins Haus nehmen lassen. Selbst in größter Not konnte ich mich dazu nicht durchringen. Doch die Ungetüme, die täglich laut und stinkend ihre Menschen von einem Ort zum anderen fuhren, schienen nachts ebenfalls zu schlafen und manche von ihnen strahlten eine angenehme, vielversprechende Wärme aus. Also schlich ich mich eines Nachts zu einem nicht allzu großen unter ihnen, das warm in die Nacht atmete, und kletterte mutig darunter. Doch hier konnte ich mich nicht, wie ich von meiner Mutter gewohnt war, vorsichtig ins warme Fell kuscheln. Denn das Monster war hohl.

Ich schlotterte bereits am ganzen Körper und der Husten hatte mich schon mehrfach durchgerüttelt, ohne das Ungetüm zu wecken. Da beschloss ich, mein Glück noch weiter auf die Probe zu stellen und hangelte mich am Skelett des Ungetüms nach oben, bis ich an einem lauschig warmen Teil seines Körpers angekommen war, an das ich mich schnurrend schmiegte. Vermutlich das Herz. Erschöpft fiel ich kurze Zeit später in tiefen Schlaf.

Ein lautes Brummen riss mich einige Zeit später aus dem erholsamen Schlaf. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Doch offenbar war das Ungetüm in der Zwischenzeit aufgewacht. Denn um mich herum zitterte und klackerte alles und kurz darauf setzte sich das Ungetüm mit lärmendem Gebrüll in Bewegung. Verängstigt zog ich mich, so weit es ging, vom immer heißer werdenden Herzen des Ungetüms zurück und fand schließlich eine kleine Kuhle, in der ich mich ein wenig sicherer fühlte und nicht ununterbrochen befürchten musste, aus dem Skelett herauszufallen und von dem Ungetüm zermahlen zu werden.

Außerdem war es in meinem Versteck zwar auch recht warm und stickig, aber nicht so brühend heiß wie direkt am Herzen des Monsters. Zitternd kauerte ich mich tief in meine Ecke und zog mich zu einer winzigen Kugel zusammen, um möglichst unbemerkt zu bleiben.

Das Ungetüm hatte eine große Ausdauer und wir waren lange unterwegs. So lange, dass mir zwischendurch erneut erschöpft die Augen zufielen trotz der unbändigen Angst, die mich fest im Griff hatte.

Einige Zeit später – ich weiß bis heute nicht, wie lange wir bereits unterwegs waren, – hielt das Ungetüm an und das ewige Schreien und Vibrieren hörte mit einem Mal auf. Meine Glieder schmerzten und fühlten sich steif und ungelenk an. Ehe ich mich aus meinem Versteck wieder herauswinden konnte, gab es ein lautes Klicken über mir und plötzlich wurde ich von gleißend hellem Licht geblendet.

Ich hörte einen erschreckten menschlichen Aufschrei und wenig später spürte ich eine warme Hand, die mich vorsichtig hochhob. Panisch wollte ich um mich schlagen und mich mit Krallen und Zähnen bis aufs Blut verteidigen. Doch nach den Strapazen der letzten Tage fehlte mir schlichtweg die Kraft und ich konnte mich nur müde zitternd in mein Schicksal ergeben.

Die Frau, die mich in ihrer Hand hielt, strich mir behutsam über das Fell und redete beruhigend auf mich ein. Die Wärme, die von ihrer Hand ausstrahlte, sowie ihre leise vor sich hin säuselnde Stimme ließen mich erneut matt davondämmern.

Irgendwie hatte es etwas Beruhigendes an sich, mich in ihre Hand zu schmiegen und die Augen zu schließen.

***

„Und so bin ich dann hier bei unserer Familie gelandet“, endete Gattina ihre Geschichte mit glasigen Augen.

„Die Frau war also unser Frauchen?“, fragte Snowshoe neugierig.

„Genau. Sie haben mich noch zu dem übelriechenden Mann mit der weißen Schürze gebracht. Der hat mich zwar mit Nadeln und ekelhaft stinkenden Tüchern auf dem großen Metallbett gequält. Aber dann haben mich die beiden mit nach Hause genommen und mir zu essen und zu trinken gegeben sowie auch ein warmes, kuscheliges Bett und viele Streicheleinheiten.“

„Da hast du ja richtig Glück gehabt, Signora Gattina“, seufzte der kleine Kater mit flatternden Lidern.

„Ja, das habe ich“, lächelte Gattina zufrieden und kuschelte sich an ihren jungen Zögling. Es gäbe noch so vieles, das sie ihm hier zeigen könnte, wenn es erst wieder warm wurde und sie wieder in den großen Garten hinaus zum Spielen dürften.

Sie würde ihm beibringen, wie man jagte, wie man durch das Gras und die dichten Sträucher am Rand der Wiese tollte und wie man sich eine Extraportion Leckerlis erbettelte. Er würde von Anfang an das Leben haben, das sie sich so bitter hatte erarbeiten müssen und nun schon seit fast vierzehn Jahren genießen durfte. Glücklich dachte sie an das rote Ungetüm zurück, das ihr das Leben gerettet hatte und vor einigen Jahren bereits durch ein größeres, weißes Ungetüm ersetzt worden war. Denn inzwischen war die Familie um ein Geschwisterpärchen gewachsen, das Gattina und künftig auch Snowshoe genauso aufmerksam und liebevoll verwöhnte wie ihre Eltern.

Auch wenn Gattina ihre Mutter und ihre Geschwister hin und wieder vermisste, war sie froh, mit einer so wundervollen Familie zusammenleben zu dürfen. Denn in den Straßen Italiens hätte sie mit Sicherheit niemals den Geschmack einer Weihnachtsgans oder die unendliche Liebe eines Zweibeiners genießen können. Sie seufzte noch einmal tief und legte satt und zufrieden ihren Kopf auf die Vorderpfoten, um mit einem lauten Schnurren zum Knistern des warmen Feuers im Ofen einzuschlafen.

Autorin von „Gattina“ Marlene Guggenberger

Ihr Leben lang hat sich Marlene Guggenberger, die künftig auch unter dem Pseudonym Mae Fall veröffentlichen wird, bereits mit dem Schreiben und ihrer Leidenschaft für Bücher tiefgehend befasst. Sei es im Deutsch Leistungskurs an ihrer Schule, im Nebenfach Kreativ Schreiben oder beim Germanistikstudium. Die temperamentvolle Irland- und Whisk(e)yliebhaberin war von jeher verliebt in gute Geschichten - egal, ob lustig, dramatisch, melancholisch, grausam, liebevoll. Hauptsache eine gute Geschichte eben, die einen abholt und in eine andere Welt bzw. ein anderes Leben entführt. Endlich hat sie ihre Stimme gefunden und es geschafft, ihr erstes Buch aus der Hand zu geben. Sehr zur Freude ihrer Leserschaft! Wir sind uns sicher, dass noch einige Bücher folgen werden - und dass ihre Buchreihe um die Kíolesh-WG nicht ihre letzte sein wird, die ihre Leser verzaubert.

Ein Beagle zu Weihnachten

1. Toni

„Ich mag es, aus dem Fenster zu schauen, wenn es schneit. Sogar noch lieber, als wenn es regnet oder einfach nur die Sonne scheint und die Vögel auf der Terrasse nach Krümeln suchen.“

„Gib es zu, Toni – manchmal, wenn eine Amsel oder ein Star näherkommt, wünschtest du, die Terrassentür wäre offen, du könntest hinaushuschen und ihnen nachjagen! Als Beagle hast du schließlich einen gewissen Jagdtrieb in dir. Ihr wart einst typische Meutehunde.“

„Hm“, machte Toni nachdenklich, „Da ist was dran. Obwohl ich in einem Labor aufgewachsen bin und dort die ersten Jahre meines Lebens verbringen musste, habe ich diese Instinkte in mir. Doch eher zieht es mich hinaus, wenn wieder mal eine der Nachbarkatzen in unserem Garten herumstromert.“ Toni wurde hibbelig bei der Vorstellung. Der Garten war sein Revier. Katzen hatten dort nichts verloren.

„Das glaube ich dir. Aber bei dieser Kälte bevorzugen es die Samtpfoten der Nachbarn ohnehin, sich behaglich vor dem Ofen auszustrecken. Oder es sich sonst irgendwie drinnen gemütlich zu machen, anstatt rauszugehen.“

Toni entspannte sich wieder beim Anblick der gleichmäßig fallenden Schneeflocken. Wie ein endloser Strom durchzogen sie die Luft. Fiel eine Flocke auf den Boden, kam gleich die nächste nach. Im Wohnzimmer war es kuschelig warm. Trotzdem zog es Toni hinaus. Er wollte dem Schnee nachjagen, andere Hunde treffen und, die Nase stets am Boden, erschnuppern, was es Neues gab im Viertel. „Ich hoffe, meine Menschen kommen bald vom Einkaufen zurück.“ Er seufzte. „Außerdem wäre es schön, wenn sie mir etwas Feines zu essen mitbringen.“ Beagle Toni lief bereits das Wasser im Mäulchen zusammen bei dem Gedanken und er leckte sich hungrig über die Lippen.

„Oh je, wie du sabberst!“

Toni schaute verschämt zur Seite weg. Die Tatsache, dass es von der Küche her immer noch nach der herzhaften Maronen-Suppe roch, die seine Leute zu Mittag gegessen hatten, half nicht gerade, seinen Appetit zu zügeln. Er sollte sich vielleicht besser auf den feinen Duft nach Tannenzweigen konzentrieren, der vom Adventskranz auf dem Couchtisch herüberwehte.

Gestern hatte die erste der vier roten Kerzen darauf gebrannt. „Ich würde jetzt gerne mit jemandem spielen. Das könnte mich sicher ablenken.“

„In Ordnung. Wollen wir wieder Fangen spielen – oder ich verstecke eines der Spielzeuge und du musst es finden?“

Toni senkte den Blick. Er wusste nicht so recht, wie er es sagen sollte, ohne seinen besten Freund zu beleidigen. „Nun, weißt du …“

„Ja, ich weiß“, unterbrach er den Beagle entschieden, doch mit einem verständnisvollen Lächeln. „Ich bin kein Hund, und du hättest eben gerne einen Artgenossen zum Spielen. Am besten einen anderen Beagle.“

Toni nickte vorsichtig. Mit einem anderen Hund könnte er im Schnee toben und würde vor lauter Spaß gar nicht merken, wie kalt das weiße Zeug an seinen Pfoten war. Sie könnten gemeinsam Fährten lesen und ihnen folgen. Sei es der Fährte eines anderen Hundes, einer Katze oder womöglich auch bloß der eines Eichhörnchens.

„Keine Sorge, ich kann das schon nachvollziehen, Toni. Wir kennen uns jetzt bereits dein ganzes Leben lang.“ Er lächelte nostalgisch. „Als du noch frisch hier angekommen bist bei deiner menschlichen Familie, hat dir das alles vollauf genügt. Doch seit ein paar Jahren wünschst du dir einfach einen von deiner Art, der dir Gesellschaft leistet. Sei es ein anderer Rüde oder eine Hündin.“

Beagle Toni schaute seinen Freund eindringlich an und beeilte sich zu erklären: „Das heißt aber nicht, dass ich deiner überdrüssig wäre. Im Gegenteil, ich schätze dich sehr. Ich bin so froh, dass du an meiner Seite bist. Nicht nur, wenn meine menschliche Familie außer Haus ist. Oder wenn sie sauer auf mich sind, weil ich mal wieder eine Socke zerbissen habe.“

„Danke, mein Lieber. Aber das weiß ich doch.“

Toni genoss es, wie er von seinem Freund gekrault wurde. Er legte sich auf den Rücken, damit auch sein Bauch nicht zu kurz kam.

Toni schloss halb die Augen und wälzte sich etwas hin und her. So konnte er sich wohltuend strecken und recken während der Streicheleinheiten und das Ganze bekam zugleich etwas Spielerisches.

Nach einer Weile setzte der Beagle sich wieder hin.

„Wie ich dir neulich schon erzählte, Toni, deine Beobachtungen sind richtig. Deine Leute halten seit ein paar Monaten Ausschau nach einem Zweithund. Die Chancen stehen also gut, dass wir demnächst Gesellschaft bekommen!“ Er strahlte richtig. Toni musterte ihn. „Gesellschaft auch für dich“, bemerkte er dann ahnungsvoll seinem Freund gegenüber. „Ich meine, außer dem neuen Hund.“ Sein Freund räusperte sich. Dann schmunzelte er. „Könnte sein.“ Erneut kam eine Frage in Toni auf. „Weiß meine menschliche Familie eigentlich, dass jeder von ihnen ebenfalls einen Schutzengel hat?“ Der Beagle blickte seinen Freund mit großen Augen an. „Ich habe noch nie beobachten können, wie sie mit deinesgleichen interagieren. Nie reden sie mit ihren Schutzengeln. Hören meine Leute sie überhaupt – so wie ich dich als Stimme in meinem Kopf höre?“ Toni stutzte. „Können meine Menschen ihre Schutzengel wenigstens sehen? Ein kleines bisschen?“

„Wenn sie es wollten, könnten sie das alles“, erwiderte sein Freund nur melancholisch.

„Ich kann ihre Schutzengel nur ab und zu als vage Silhouette erkennen.“ Toni fand das traurig.

„Geht mir nicht anders“, gab sein Freund zu. „Deine menschliche Familie glaubt nicht an sie. Deshalb sind ihre Schutzengel meist nur geistig bei ihnen und selbst für Tiere und andere Schutzengel, die hier präsent sind, wie ein gelegentlicher Schatten.“

Beagle Toni wandte sich seinem Freund empathisch zu. „Erst jetzt wird mir klar, dass du nicht weniger als ich auf Neuankömmlinge hoffst. Ich dachte all die Jahre, du würdest mehr von den anderen Schutzengeln mitbekommen als ich.“ Sein Freund schüttelte nur langsam den Kopf. Dann wandten sie sich wieder dem Fenster zu. Es hatte aufgehört, zu schneien.

2. Betty

Sonnenstrahlen kitzelten ihre Nase und wärmten ihr den Rücken. Sie schienen durch Bettys Fell hindurch bis in ihr Innerstes zu dringen, schenkten ihr Hoffnung.

„Vielleicht bin es aber auch ich, der dir Hoffnung schenkt!“, bemerkte ihr Schutzengel enthusiastisch.

„Musst du immer meine Gedanken auffangen?“, tadelte Betty ihn halb im Scherz. „Wenn ich mit dir rede, ist das etwas anderes.“ Sie kannte ihren Freund schon ihr ganzes Leben. Das waren sechs lange Jahre. Sie war also kein Jungspund mehr, sondern eine Beagle-Dame.

„Es tut mir leid“, hauchte er schuldbewusst und mit einem zerknirschten Lächeln. Nachdem er einige Momente geschwiegen hatte, begann ihr Schutzengel erneut: „Gut, dass der Schnee seit gestern geschmolzen ist und die Temperaturen gestiegen sind. 12 Grad ist mild für einen Wintertag. Da bin ich aber froh.“

Betty musterte ihn amüsiert. „Danke für deine Fürsorge. Dir selbst könnte es ja gleich sein. Wesen wie dir ist nie zu kalt oder zu warm.“

„Nun ...“, grübelte ihr Schutzengel. „In gewisser Weise ...“ Nachdem er seinen Satz anscheinend nicht beenden wollte, begann Betty, sich wieder etwas die Beine zu vertreten, und ihr Freund begleitete sie dabei. „Der Geruch hier gefällt mir gar nicht. Er ist so rauchig, beißend und künstlich.“ Betty verzog die Schnauze. „Nur ab und zu riecht es mal ein wenig nach etwas zu essen oder trinken.“ „Da gebe ich dir recht. Es ist unangenehm hier. Lass uns wieder etwas mehr Richtung Wiese gehen.“

Betty stimmte zu.

Schon seit einer Weile befanden sie sich diesen Morgen hier, in der Nähe eines Geländes, auf dem immer wieder neue Autos hielten.

Autos nannte man die fahrenden Wägen, in deren hinterem Bereich Betty zuweilen mit ihren Menschen von einem Ort zum anderen gelangte. Das hatte ihr Schutzengel ihr einst gesagt.

Mitunter erblickte sie einer der Menschen, zeigte sogar mit dem Finger auf Betty. Ein paar waren schon auf sie zugegangen, aber die Beagle-Dame war schnell weggerannt. Sie sollte nicht mit fremden Menschen mitgehen, hatte Frauchen ihr oft gesagt.

Östlich von ihnen dehnte sich die grüne Wiese aus, die in einen Waldrand überging. Das Gras fühlte sich kühl und feucht an unter ihren Pfoten. „Langsam habe ich echt Hunger!“

„Ihr Beagle habt doch immer Hunger“, zog ihr Freund sie ein bisschen auf.

„Und Engel nie!“, konterte Betty verständnislos.

„Das ist, weil wir beständig gespeist werden.“

Betty bekam glänzende Augen. „Beständig gespeist! Ich glaube, niemand träumt so sehr davon wie ein Beagle!“

Er streichelte ihr über den Rücken. „Das kann sein. Doch ich denke, unsere Speise würde dir nicht schmecken. Dazu muss man gemacht sein.“

Betty war bereits wieder mit der Nase auf dem Boden. Schnuppernd folgte sie einer heißen Spur. „Ich jedenfalls bin hierfür gemacht!“, verkündete Betty freudig, während sie sich das halbe Sandwich schnappte, dass jemand achtlos auf die Wiese geworfen hatte. Mhh! Das schmeckte noch ganz frisch. Wahrscheinlich war es keine Stunde her, dass es jemand zurückgelassen hatte. Auf ihrem Gaumen blieb der Geschmack von Käse und Eiern zurück. Mehr davon, bitte!, rief alles in ihr.

Bald danach fand Betty mit Hilfe ihres Schutzengels eine Pfütze, aus der sie Regenwasser trinken konnte. „Sollen wir nicht doch wieder näher zu dem Platz mit den Autos gehen?“, fragte sie ihn.

„Zu dem Platz mit dem Gestank?“ Ihr Schutzengel seufzte.

„Na gut, ich verstehe natürlich, dass dir das wichtig ist.“

„Ich muss einfach Ausschau nach ihnen halten.“ Ein plötzlicher Gedanke ließ Betty aufgeregt schneller laufen. „Vielleicht sind sie ja in der Zwischenzeit schon wieder da und suchen nach mir!“

Als Betty und ihr Schutzengel auf dem Gelände zurück waren, das so hart und rau unter den Pfoten war, gab es weiterhin nur lauter fremde Autos und Leute.

„Die Lichterkette am Fenster der Tankstelle hängt schief und die Farben der leuchtenden Nikolaus-Figur vor der Tür sind völlig verblasst. Die hätten sich echt mal mehr Mühe geben können mit der vorweihnachtlichen Dekoration“, kritisierte ihr Schutzengel.

Betty hingegen war das egal. Sie hatte etwas entdeckt. Hinten in einem der Autos saß gerade auch ein Hund, sogar ein anderer Beagle!

„Der wirkt aber nett!“

Neugierig betrachtete sie den schwarz-weiß-braunen Beagle-Jungen und erwiderte freudig sein Schwanzwedeln. Seit sie ein Welpe war, hatte Betty nicht mehr die Gesellschaft eines anderen Hundes oder gar eines Beagles genossen. Höchstens mal kurz beim Gassigehen. Ihre menschliche Familie hatte wohl schon mit ihr alle Hände voll zu tun gehabt und nie die Absicht, sich einen zweiten Hund zuzulegen.

Die Gassi-Gänge waren mit den Jahren auch immer etwas kürzer geworden.

„Da hat sich jemand verliebt!“, neckte ihr Schutzengel sie.

Betty drehte den Kopf zu ihm und blickte ihn empört an.

„Unsinn! Ich habe lediglich gesagt, dass er nett wirkt.“