Zwischen Schrott und Staub - Katharina Erfling - E-Book

Zwischen Schrott und Staub E-Book

Katharina Erfling

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Beschreibung

Als Schrottsammlerin in den Ödlanden lebt Sinikka ein gefährliches Leben - ganz zum Leidwesen ihres älteren Bruders, mit dem sie in einer der letzten verbleibenden Siedlungen lebt. Auf einer ihrer Touren findet sie einen Droiden. Trotz all der Verbote und ihrer eigenen Angst nehmen die Geschwister sich seiner an und reparieren ihn. Als ihr Bruder spurlos verschwindet, ist er ihr einziger Anhaltspunkt. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche - bis sie auf seinen eigenwilligen Besitzer treffen. Elyas, den Geheimnisse wie eine zweite Haut zu umgeben scheinen. Der keinerlei Wert auf ihre Gesellschaft legt. Und doch scheint er der Einzige zu sein, der ihr weiterhelfen kann.

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für Nina

Inhaltsverzeichnis

01. Freiheit

02. Familienbande

03. Murphys Gesetz

04. Zwischen Schrott und Staub

05. William

06. Widerstand

07. Die Schrottsammlerin und der Dieb

08. Zerbrochen

09. Freunde aus schlechten alten Zeiten

10. Hundert Augen

11. Gefühle

12. Gefährliche Fragen

13. Reste von Menschlichkeit

14. Signale

15. Sündige Hauptstadt

16. König der Bettler

17. Verschwunden von allen Straßen

18. Gemeinschaft

19. Schatten

20. Gute Menschen

21. Schmerz

22. Elysas

23. Scharfkantige Wahrheit

24. Gottes Gesetze

25. Menschlichkeit

26. Palast am Ende der Welt

27. Macht

28. Metallteufel

1. Freiheit

Um sie herum war alles tot. Knorrige Sträucher schmiegten sich nahtlos an unwegsame Berge und verdorrte Bäume. Das Gras unter ihren Füßen war so trocken wie Stroh in der Scheune. Kaum zu glauben, dass hier einmal ein Fluss war.

Sinikka wischte sich den Schweiß aus der Stirn und spähte in die Ferne. Von dem Felsen, auf dem sie saß, konnte sie die Ödlande weit überblicken. Heute schien es ruhig zu sein. Es waren keine Rudel zu sehen und auch die Banditen der Gegend schienen sich rar zu machen.

Sie stützte sich ab und sprang auf die Füße. Rechts von ihr ging es steil bergab, doch sie war ganz andere Höhen gewohnt. Und immerhin: Es gab immer einen Weg hinab. Lose Steine rutschten unter ihren Füßen weg. Stück für Stück kletterte sie nach unten. Dabei steckte sie sich mit einer Hand die Kopfhörer in die Ohren. Kurz erlaubte sie es sich, die Augen zu schließen, als Put On Your Sunday Clothes einen Teil der Stille mit sich nahm. Sie liebte dieses Gerät. Ehrlich gesagt, hatte sie lange Zeit nicht gedacht, je wieder in den Genuss von Musik zu kommen. Immerhin war ihre gesamte Gesellschaft zusammengebrochen, nachdem die Bomben fielen. Sie hatte das kaputte Radio, das sie in einer der Ruinen gefunden hatte, mit schierer Willenskraft wieder zusammengeklöppelt. Nun gut, nicht ganz allein. Ihr Bruder William hatte die Batterien dafür gebaut. Dass sie gerade hier draußen Musik hörte, fand er gar nicht so prickelnd. Sie sah ihn förmlich vor sich, während er vor ihr auf und ab schritt und versuchte, ihr wild fuchtelnd einen Vortrag zu halten. Darüber, wie unberechenbar die Ödlande waren. Aber sie verpasste schon nichts, nur weil sie das Schweigen der Welt ein wenig mit leiser Musik verdrängte.

Mit einem rauschigen Knacken verstummte die Musik und die unsichere Stimme eines Moderators trat an ihre Stelle. Es gab nur noch ein einziges Programm, das aus der Hauptstadt heraus gesendet wurde – wie sie das bewerkstelligten wusste sie nicht. Ihre Stirn legte sich in Falten, als sie kurz den Worten des Sprechers lauschte. Sie kannte diesen nervösen Mann nicht. Was wohl mit dem alten Moderator passiert war?

Sie verdrängte den Gedanken, als sie ihr Pferd erreichte, das sie unterhalb des Felsens angebunden hatte. Ihre graugescheckte Stute brummelte ihr gutmütig zu und versuchte, ihre Nase in der Umhängetasche zu versenken, die Sinikka mit sich trug. Tadelnd stupste sie der Stute gegen die Nüstern und zog sich in den Sattel. Sie brauchte ihr Bein nur sanft an ihren Bauch zu legen, um Silber anzutreiben.

Die Hufe ihrer Stute klangen dumpf auf dem spröden Asphalt wider. Leise summte Sinikka die Melodien aus dem Radio mit, während Silber sie nach Hause trug. Ihr Auftrag war ein voller Erfolg gewesen. Man hatte es ihr aber auch zu einfach gemacht. Ein unbewohntes Haus – weder Banditen, noch Mutanten. Nicht so wie letzte Woche – da war sie nur knapp mit einem blauen Auge davongekommen. Sie wusste, dass ihr Leben gefährlich war – ihr Bruder hielt es ihr immer wieder vor. Sie tanzte jeden Tag mit Gefahr und Tod. Doch es war das einzige Leben, das sie kannte.

Grinsend strich sie über die Satteltasche. Das würde sie erst einmal über die Runden bringen. An sich hatten die Juwelen in den Ödlanden keinen Wert mehr. Nicht, nachdem die Gesellschaft zerbrochen war und sich erst wieder finden musste. Doch ihr Auftraggeber schien an diesen Schmuckstücken zu hängen. Anders ließ sich die Bezahlung, die er ihr angeboten hatte, nicht erklären. Doch nicht nur deshalb konnte sie gar nicht schnell genug zurück in ihre Heimatstadt kommen. Sie konnte es nicht erwarten ihrem Bruder zu zeigen, was sie in einer der Ruinen gefunden hatte.

Schüsse in der Ferne ließen sie zusammenzucken. Behutsam zupfte sie an den Zügeln, um ihre Stute zu bremsen und sah über die Schulter zurück. Die Schüsse waren schätzungsweise drei Kilometer von hier abgefeuert worden. Nicht um sie zu verletzen. Dem Echo nach zu urteilen, waren die Kugeln nicht weit geflogen und hatten ihr Ziel getroffen. Vielleicht hatte eine dieser mutierten Kreaturen einen Händler überfallen.

Sinikka ließ Silber wieder in den Trab fallen und zog ein Stück Dörrfleisch aus einer ihrer Taschen. Beinahe lustlos kaute sie darauf herum, während die Sonne wanderte und sie ihrem Ziel näher kam. Früher waren hunderte Autos auf dieser Schnellstraße unterwegs gewesen – mittlerweile sah man sie kaum noch. Sie wusste jedenfalls nicht, wann sie zuletzt ein funktionstüchtiges Fahrzeug gesehen hatte.

Nach einigen Minuten frischem Galopp über eine Wiese überquerte sie eine Autobahn. Vereinzelt lagen noch Autowracks auf der Fahrbahn, an denen sie Silber vorbeidirigierte. Ihre Besitzer hatten sie in Hast zurückgelassen - und seitdem schien niemand mehr Interesse an ihnen gehabt zu haben.

Sinikka lenkte Silber über eine schmale Straße, bevor es hinter den Überresten eines Supermarktes auf einem Feldweg weiterging. Es dämmerte bereits, doch sie hatten es nicht mehr weit bis Zuhause. Sie musste die Zügel kaum aufnehmen – ihre Stute kannte den Heimweg ebenso gut wie sie selbst.

An dem Wasserlauf, der der Straße folgte, grasten einige Ziegen. Misstrauisch beäugte sie das grünlich schimmernde Wasser. So durstig sie auch war, konnte sie nichts dazu bringen, diese Brühe zu trinken. Als sie ihre Wasserflasche aus der Satteltasche zog, streiften ihre Finger ein hartes Stück Papier. Weich lächelte sie und strich über die ausgefransten Ränder der Spielkarte. Die Königin. Sie hatte die Karte aus der Sammlung ihres Vaters gerettet. Er hatte es nicht geschafft, sie wie die anderen zu verbrennen, um sich von seinem lasterhaften Leben zu befreien. Seitdem trug Sinikka die Karte mit sich. Sie war ihr Talisman, eine Erinnerung an eine bessere Welt, in der sie zusammengesessen und gespielt hatten. Eine Welt, in der sie eine Familie waren.

Freiheit. Entspannt ließ Elyas den Kopf in den Nacken sinken. Das Motorenbrummen hatte fast etwas Beruhigendes. Unter seinen Fingern spürte er das Metall des Führerhäuschens, das feine Vibrieren, das durch das Blech ging und sich verstärkte, wenn der Wagen wieder ein Schlagloch erwischte. Was häufig passierte. In dieser Straße waren mehr Löcher als in dem zerrissenen Hemd seines Begleiters. Doch das störte ihn nicht. Heute konnte nichts seine Laune verhageln. Nicht einmal das fette Gesicht, das auf einmal vor ihm auftauchte.

„Jetzt mach endlich, dass du da runterkommst”, brüllte der schweinsnasige Kerl ihn an, während er sich umständlich aus der Autotür lehnte.

Elyas hatte nur einen knappen Blick für ihn übrig, ehe er sich wieder auf der Ladefläche des Trucks niederließ. Jetzt musste er seine Begleiter nur noch loswerden. Doch er musste behutsam vorgehen. Er durfte nichts übereilen. Sonst wäre die ganze Planung umsonst gewesen – und er wieder da wo er begonnen hatte. Er musste auf den richtigen Moment warten. Und der würde kommen. Irgendwann.

Gelassen ließ er sich zurückfallen und beobachtete die Wolken, die am Himmel vorüberzogen. Die Sonne prallte heiß auf ihn herab, doch das war nichts Neues. Er konnte sich kaum mehr an einen echten Winter erinnern – an den Geruch von Schnee, dem Gefühl von Eis auf der Haut und die Kälte, die sich in die Knochen fraß. Kälte gab es noch immer, ebenso wie diese staubige Hitze – doch beides hatte nichts mehr Schönes an sich. Es gab keine Jahreszeiten mehr, keine Wälder oder Seenlandschaften – nur noch verdorrte Steppe so weit das Auge reichte.

„Lebt unser Idiot da hinten überhaupt noch?”, fragte einer seiner Begleiter. Ein undefinierbares Geräusch von Schweinsnase folgte. Im Stillen rollte Elyas die Augen, während sich einige kreative Ideen in seinen Gedanken formten. Noch musste er Geduld zeigen. Nur weil er jetzt hier draußen war, war er noch lange nicht frei. Immerhin hatte Cassian ihn stets an der kurzen Leine gehalten. Elyas hatte verdammt lange kriechen müssen, bevor er überhaupt bereit war, ihn so weit ins Ödland zu schicken. Und er war sich sicher, dass Cassian jeden seiner Begleiter aufs Genaueste gebrieft hatte. Auch wenn die drei Männer weder sonderlich klug, noch durchtrainiert aussahen, wusste er, dass er sie nicht unterschätzen durfte. Cassian beschäftigte keine Amateure. Sie hingegen unterschätzten ihn ganz gewaltig – das spürte er in jeder Sekunde mit ihnen, in jeder Bewegung und jeder Silbe, die sie an ihn richteten. Sie würden noch früh genug erkennen, dass dies ihr größter Fehler war.

Elyas richtete sich ein Stück weit auf. Unter seinem Arm spürte er das Schulterholster so deutlich, als würde es sich in seine Haut brennen. Es lag so unauffällig unter seiner Kleidung, dass die drei kleinen Schweinchen sie nicht einmal vermuten konnten. Natürlich hatte Cassian ihm keine Waffe gegeben. Die Pistole hatte er schon vor Wochen geklaut. Er war durchaus andere Kaliber gewohnt, doch sie war klein und unauffällig und für seine Zwecke mehr als geeignet.

Seine Begleiter hielten an einem Gebäude, das Ähnlichkeit mit einem Bahnhof hatte. Vermutlich war dieser Ort einmal belebt gewesen – voller Touristen, die in den entspannten Urlaub starteten oder Pendlern auf dem Weg zur Arbeit. Mittlerweile war er größtenteils verlassen. Züge fuhren schon seit langer Zeit nicht mehr. Es grenzte schon an ein Wunder, dass Cassian ihnen ein Auto zur Verfügung gestellt hatte. Treibstoff war Mangelware geworden.

Auch wenn das Gebäude verfallen wirkte, herrschte auf dem Vorplatz dennoch Leben. Zwei improvisierte Marktstände waren aus Schutt errichtet worden. An einem verkaufte eine alte Frau verschrumpeltes Obst und an dem anderen wurden Kleidungsstücke feilgeboten. Elyas feinen Ohren entging nicht das Gespräch, das zwei Männer im Schatten des Standes führten, auch wenn sie sich allergrößte Mühe haben, es zu verbergen. Der Schwarzhandel mit verbotenen und gefährlichen Gegenständen boomte geradezu – daran konnte auch die Bemühungen ihrer behelfsmäßigen Regierung nichts ändern.

Schweinchen Eins und Zwei stiegen aus dem Auto aus und holten eine Kiste von der Ladefläche des Trucks – nicht, ohne Elyas einen missgünstigen Blick zuzuwerfen. Dann traten sie in das Innere des Gebäudes.

Elyas zog seine Beine unter sich in den Schneidersitz und legte seine Hände locker auf die Knie. Jetzt einen Fluchtversuch zu wagen, wäre zu riskant. Nicht nur, weil Ralph ihn die ganze Zeit über beobachtete. Es waren zu viele Menschen hier. Und wenn es etwas gab, das er nicht mochte, dann waren es Zuschauer.

Er musste die Augen nicht öffnen, um zu wissen, dass seine Begleiter zurückgekehrt waren. Ihre dröhnenden Schritte hörte er selbst in dem Stimmenwirrwarr des Marktes. Trotzdem blieb er unbeeindruckt liegen.

Eine Faust prallte gegen das Metall des Wagens. „Wird’s bald?”, keifte Schweinchen Nummer Zwei. Gelangweilt hob Elyas die Lider. Er sah die Truhe sehr wohl, die er ihm entgegenstreckte. Alles in ihm schrie danach, ihn einfach zu ignorieren, oder die Truhe zu nehmen und sie ihm auf die fetten Füße fallen zu lassen. Doch noch hielten sie ihn nur für einen ärmlichen Speichellecker, einen Befehlsempfänger, der keinen eigenen Willen hatte. Und so musste es vorerst auch bleiben, wenn sein Plan Erfolg haben sollte. Bald bin ich wieder bei dir, schwor er sich und nahm die Kiste entgegen.

„Redest wohl nicht viel, was?”

Sein Gesicht blieb vollkommen unbeteiligt. Mit der übergroßen Brille auf der Nase und der Plauze sah er mehr wie ein in die Jahre gekommener Buchhalter aus, als jemand, der schwarze Güter schmuggelt. „Was soll ich sagen? Ich bin nun einmal ein langweiliger Typ.” Der Kerl gab nur ein Grunzen von sich und verschwand nach vorne. Kurz danach vibrierte die Ladefläche und das Auto erwachte mit einem Brummen zum Leben.

Sie fuhren noch einige Stunden, ehe sie den Wagen an den Trümmern eines Jagdhäuschens abstellten. Das, was früher einmal Wald war, lag heute verdorrt vor ihnen. Die knorrigen Bäume boten ihnen kaum Schutz – weder vor den Witterungen noch vor unerwünschten Blicken. Seine Begleiter machten dich gleich daran, ihr Nachtlager zu errichten. „Mach dich mal nützlich, du Idiot!”, keifte einer der Männer herüber. „Hol etwas Feuerholz.”

Betont gelangweilt, wie Elyas sich schon die ganze Fahrt über gab, kletterte er von der Ladefläche des Trucks. In der Ferne blitzte ein heller Schemen auf, wie der Kopf eines weißen Hirsches, der durch die Bäume lugte. Als er jedoch ein zweites Mal hinsah, war das Tier verschwunden. Hoffentlich hatte er sich das Tier wirklich nur eingebildet. Die Hirsche, die die Katastrophe überlebten, hatten nichts mehr mit den sanften Tieren zu tun, die er aus Büchern kannte. Jeder ihrer zwei Köpfe war eine todbringende Waffe, die sie geschickt einzusetzen wussten. Elyas hatte die tödlichen Wunden gesehen, die sie unbedachten Reisenden zufügen konnten.

Sein Blick fiel auf seine Begleiter, die ihm den Rücken zugewandt hatten. Das war er: Der perfekte Moment. Der Moment, auf den er so lange gewartet und für den er so viel erduldet hatte. Ihre Waffen lagen für sie unerreichbar. Unklug wie sie waren, hatten sie sie auf den Boden gelegt, während einer von ihnen dabei war die Tür zu knacken – ein Unterfangen, das ihm mit seinen fetten Wurstfingern niemals gelingen würde. Die anderen beiden rollten ihre Schlafsäcke aus. Sein Mundwinkel zuckte, als er seine Waffe aus dem Holster zog. Endlich. Endlich!

Schweinchen Nummer Eins und Zwei konnten gar nicht schnell genug reagieren, als er ihnen eine Kugel in den Hinterkopf jagte. Der Schalldämpfer, den er sich vor wenigen Tagen notdürftig gebaut hatte, tat seinen Dienst. Nichts wollte er weniger, als einen dieser Mutanten auf sich aufmerksam zu machen.

Die Augen des Dritten weiteten sich vor Angst, als er sich umdrehte und in die Mündung seiner Pistole starrte. Panisch drängte er sich gegen die Tür. „Bitte nicht”, flehte er, doch Elyas kannte keine Gnade. Dazu war er nicht ausgebildet worden. Und Schweinchen Nummer Drei stand zwischen ihm und seiner Freiheit. Zwischen ihm und ihr. Er drückte ab.

Elyas zögerte keine Sekunde. Er lief zu einem der Rucksäcke herüber und zog ein Messer hervor. Jetzt musste es schnell gehen. Seinem Kerkermeister würde nicht lange verborgen bleiben, dass er den Dreien die Lebenslichter ausgepustet hatte. Und er musste verhindern, dass er ihm folgen konnte.

Ohne die Miene zu verziehen, setzte er das Messer an seinen Arm. Er versuchte, den Schmerz zu bekämpfen, der durch seinen Körper peitschte, als die Klinge seine Haut durchdrang. Nicht tief – aber tief genug, um den Sender zu entfernen. Sein Arm pochte, doch seine ganze Aufmerksamkeit galt diesem kleinen länglichen Gegenstand. Wütend betrachtete Elyas ihn. Dann legte er ihn auf einen Stein der Mauerüberreste und stach mit der Messerspitze hinein. Nicht um ihn zu zerstören, das hätte Cassian sofort alarmiert. Nur weit genug, um einen Kampf zu simulieren, der hier stattgefunden hatte – und in dessen Folge er verletzt fliehen konnte. Es war ihm egal, ob Cassian diese Geschichte glauben würde. Er selbst war schon weit weg, sobald der Sender aufhören würde Signale zu senden und seinen Kerkermeister auf den Plan rief.

Ohne noch einen Blick auf die drei kleinen Schweinchen zu werfen, schnappte er sich ihre Taschen und warf sie auf die Beifahrersitze. Im nächsten Moment saß er schon selbst am Steuer und drehte den Zündschlüssel um. Schnell band er sich etwas um seinen blutenden Arm, ehe er den Wagen zurück auf die aufgerissene Straße lenkte. Er würde sie finden. Er musste sie finden. Sie waren schon viel zu lange voneinander getrennt.

2. Familienbande

Sinikka Murphy! Bleib stehen!”

Sinikkas Gesicht blieb emotionslos, als sie ihre Stute vor dem Wachposten zügelte. Mittlerweile hatte sie sich an diese Prozedur gewöhnt. Als sie das erste Mal nach einem Auftrag nach Hause zurückgekehrt war, hatten die Mündungen der Waffen, in die sie starrte, sie noch in Angst versetzt. Nun hatte sie kaum mehr ein müdes Lächeln dafür übrig. Sie legte die Stoffzügel über das Horn ihres Sattels und stützte sich mit beiden Händen auf dem hinteren Rand der Sitzfläche ab.

Die Männer am Wachposten unterhielten sich leise. Reine Routine, das wusste sie. Anfangs hatte sie in jeder ihrer Bewegungen eine Provokation gesehen, in jedem ihrer Blicke eine Anschuldigung, als wäre ihr die Kriminalität auf die Stirn geschrieben. Doch mit der Zeit hatte sie vor allem eines gelernt: Dass die Wachen von Dorestad nicht die aufmerksamsten Vertreter ihrer Gattung waren. Einer von ihnen schrieb etwas auf, dann hob er die Hand, um sie durchzuwinken.

Sinikka nahm die Zügel nicht auf, sie legte nur sanft die Beine an den Bauch ihrer Stute. Gutmütig trottete Silber voran, vorbei an den Männern mit ihren Gewehren und den furchteinflößenden Gesichtern. In der Ferne konnte sie die Überreste einer hohen Kathedrale ausmachen. Die Ruinen von Köln. Sie konnte nicht mehr zählen, wie oft sie sich in die Oberstadt geflüchtet hatte. Davon konnte sie nicht genug bekommen – über die verfallenen Straßen zu laufen und durch die baufälligen Gebäude zu klettern, um ihre Geheimnisse zu ergründen.

Je näher sie der Stadt am, desto öfter ritt sie an vereinzelten Hütten vorbei. Erst eine, dann immer mehr. Silber setzte trittsicher einen Huf vor den anderen auf den aufgerissenen Boden und ließ sich nicht beirren – weder von dem Lärm, der von den Häusern herüber hallte, noch von den Generatoren, die vor den Toren dröhnten.

Ihr Blick streifte zwei Frauen die ihr entgegenkamen, in den Armen Körbe voll Wäsche. Ihre ärmliche Kleidung konnte sie kaum vor der unbarmherzigen Strahlung abschirmen, die vom Himmel auf ihre Haut prallte. Ängstlich klammerte sich ein Kind an die Hand der Älteren. Sie atmeten Armut aus jeder Pore. Sinikka wandte den Blick ab. Früher hatten sie auch hier draußen gelebt. Früher, bevor ihr Vater verschollen war. Sie hatten in den Trümmern gespielt und sich gegenseitig unterrichtet. Das Leben hatte es nicht sonderlich gut mit ihnen gemeint, kurz nachdem die Bomben gefallen waren. Und sie waren nur eine Handvoll Kinder ohne Zukunft. Viele sagten, in ihrem Land starb eine ganze Generation. Doch sie und ihre Geschwister hatten es geschafft. Sie hatten die Hungersnot überlebt.

Sinikka presste die Lippen aufeinander, als die Erinnerungen sie übermannten. Wenn man hier draußen auf sich allein gestellt war, hatte man eine Lebenserwartung von siebzehn Jahren. In einer Familie war es nicht wesentlich mehr. Sie sah zu zwei Kindern, die im Staub der Straße spielten. Hastig versuchte sie die Empfindungen auszusperren, versuchte ihre Gedanken hinter eine feste Mauer zu verbannen. Sie durfte kein Mitleid haben. Wenn sie es zuließ, würde sie an diesem Elend zerbrechen.o

Am nächsten Tor erkannte sie man schon von weitem. Das lag nicht zuletzt an Silber. Anders als die hochblütrigen Pferde, denen man ansonsten in Dorestad begegnete, war sie fast schon plump und hatte zu viel Behang an den stämmigen Beinen. Sie war gefleckt wie ein Zigeunerpferd, in einem Farbton, der bestenfalls als verwaschen grau bezeichnet wurde. Neben den beiden Spaniern, die am Tor angebunden waren, konnte sie mit Sicherheit keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Sinikka war das egal. Sie liebte ihre Stute. Sanft kraulte sie Silber am Mähnenkamm und trieb sie in einen kurzen Trab.

Die Männer am Tor hielten sie nicht an, sondern winkten sie gleich durch, fast ohne aufzusehen. Es gab nicht mehr viele, die sich trauten, die Tore der Stadt hinter sich zu lassen. Das Ödland war gefährlich geworden. Kaum jemand ging das Risiko ein – anders als Sinikka, die das Risiko jagte, wie einen wertvollen Schatz.

Nicht weit vor ihnen tat sich der Tunnel auf, der sie in die unterirdische Stadt führten. Nachdem die Bomben gefallen waren, hatte sich hier unten in den einstigen U-Bahn-Schächten eine ganz eigene Stadt entwickelt. Und nachdem niemand mehr an der Oberfläche leben wollte, war das Köln, das man vor dem Krieg kannte, mehr und mehr verfallen. Furchtlos trat Silber in das Dunkel des Tunnels. Es dauerte einen Moment, bis Sinikkas Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten.

Sie würde noch ein weiteres Tor passieren, bis sie in der Kernstadt angekommen war. Der Bereich, den sie nun durchritt, wirkte fast wie eine Art Vorort. Kleine Häuser schmiegten sich in die Nischen der Tunnel. Die Lichter, die durch die baufälligen Fenster fiel, erhellten den Weg. Die Schienen waren schon vor langer Zeit herausgerissen worden, um sie für andere Zwecke zu nutzen. Ressourcen waren rar geworden. Sie konnten es sich nicht leisten, etwas verkommen zu lassen.

Ein widerlicher Gestank schlug ihr entgegen, als sie an einigen Jägern vorbeiritt. Als die Männer ihre Beute auf den Boden legte, ergoss sich ein Schwall dunkles klebriges Maul aus dem Maul des Wildrindes. Die Männer schienen Pech gehabt zu haben. Sie haben ein Falsches erwischt. Das Fleisch gammelte bereits, obwohl das Tier gerade erst frisch erlegt war. Einer der Jäger fluchte derb und schlug auf den Tisch. Sinikka zuckte zusammen, ihre Stute hingegen schritt auch weiterhin gelassen voran. Sie wusste, weshalb die Männer so frustriert waren. Die Jagd war schwierig geworden und nun mussten sie ihre einzige Beute wieder aus der Stadt herausbringen, um es fern der Siedlung zu verbrennen. Es wäre einfacher, wenn sich die falschen Rinder äußerlich von denen unterscheiden würden, die sie bedenkenlos jagen konnte.

Sinikka ließ ihre Stute einige Meter traben. Dieser Gestank ließ ihren Kopf dröhnen. Sie wollte einfach nur noch nach Hause... Hastig zog sie an den Zügeln, als ein Kind vor ihr über die Straße eilte und Silber beinahe vor die Hufe fiel. Die Mutter zog es hastig zurück und sah böse zu Sinikka auf. Natürlich wusste diese Frau genau wer sie war. Und sie misstraute ihr, wie viele Menschen in der Stadt. Und das lag nicht nur an dem, was sie tat, wenn sie Dorestad verließ. Sinikkas Blick streifte das Kind, das sie ängstlich anstarrte. Sie selbst war nie ein schutzbedürftiges Kind gewesen. Sie hatte schon früh lernen müssen, ihre Gefühle zu verstecken, um nicht unterzugehen.

Ein weiteres Tor tauchte vor ihr auf. Noch eine Wachstation und sie war endlich zu Hause. So sehr sie die Zeit draußen in der Wildnis auch genoss, freute sie sich nun darauf, zu ihrem Bruder zurückzukehren und in ihrem eigenen Bett zu schlafen. Behutsam dirigierte sie Silber durch das schmale Tor.

„Halt!“

Bei dem Klang dieser Stimme stöhnte sie tonlos auf. Sie wusste genau, wer da am Tor stand. Wer Wachdienst hatte. Und sie wusste genau, dass diese Stimme Ärger bedeutete. „Was hast du diesmal geschmuggelt?“

„Ich habe keine Ahnung, was du meinst.“

Der Mann, der sich neben ihr aufbaute, war so groß, dass er ihr fast in die Augen sehen konnte, obwohl sie noch im Sattel saß. Sein buschiger Backenbart gab ihm das Aussehen eines Pferdehändlers aus anderen Zeiten und in seinen grünen Augen funkelte es bedrohlich. Sean war ein Freund ihres Vaters und stellte sie jedes Mal gleich unter Generalverdacht. „Taschen öffnen“, brummte er.

Sinikka versuchte, sich die Anspannung, die sie befiel, nicht anmerken zu lassen. Es war jedes Mal ein reines Glücksspiel, ob sie unbeschadet mit der Ware durch die Stadttore kam. Ihre Kunden buchten sie, weil sie eine der Besten war, doch das bewahrte sie nicht davor, durchsucht zu werden. Und der Freund ihres Vaters glaubte ihr schon lange nicht mehr, dass sie nur aus Lust und Laune durch die Ödlande streifte. „Ich weiß nicht, was du da finden willst“, sagte sie betont gelassen und öffnete ihre Satteltaschen ein Stück weit.

„Du hast einen ganz eigenen Ruf. Meinst du, das weiß ich nicht?“, entgegnete Sean misstrauisch und lugte herein. Mit einer Handbewegung verlangte er von ihr abzusteigen.

Sinikka verkniff sich einen passenden Kommentar. Ihr bislang guter Tag verwandelte sich langsam aber sicher in ein Desaster. Mit ihrem gewohnten Pokerface tat sie wie ihr geheißen und sprang leichtfüßig vom Rücken ihrer Stute. Silber brummelte nur unwillig. Sie wollte ebenso dringend nach Hause wie ihre Reiterin.

„Die andere Tasche“, sagte Sean schließlich. Sinikka wurde fast tagtäglich durchsucht. Trotzdem klopfte ihr Herz jedes Mal aufs Neue hektisch. Misstrauisch ließ er seine Finger durch das Innere der Tasche wandern, als suche er nach geheimen Fächern. Hin und wieder zog er einen Gegenstand hervor, um ihn im Licht seiner Laterne zu begutachten. Dabei ließ er sie kaum aus den Augen. Sinikka erwiderte seinen Blick gelangweilt. Er durfte nur nicht...

„Da fehlt aber noch eine Tasche, Missy.“

Kurz blieb ihr Herz stehen. Sie gab sich locker und zuckte mit den Schultern, auch wenn sich ihre Gedanken überschlugen und nach einem Ausweg suchten. „Ich habe doch schon bewiesen, dass ich nichts habe“, gab sie trotzig zurück. „Muss das denn sein? Oder willst du wirklich unbedingt in meiner Unterwäsche wühlen? Ich hätte nicht gedacht, dass du so notgeil bist.“

Wütend machte der Kerl einen Schritt auf sie zu. „Du kleines...“ „Sinikka!“

Bei dem Klang dieser Stimme fuhr Sean herum. Sinikka fluchte stumm. So sehr es ihr gerade gelegen kam, dass ihr Vater seine Nase überall hereinstecken musste – es änderte nichts daran, dass jede Begegnung mit ihm stets unerfreulich für sie ausging. Kurz sah er zu seinem Freund, ehe seine grauen Adleraugen sie trafen. „Was hast du diesmal gemacht?“

Es war Sean, der für sie antwortete. „Sie steht im Verdacht, verbotene Gegenstände zu schmuggeln.“

Sinikka hob nur die Schultern. Auch heute sah ihr Vater aus, als würde er einen Gala-Empfang leiten und nicht etwa durch die Unterstadt schlendern. Als hoher Geistlicher repräsentierte er die oberste Führungsriege der Stadt, die wenigen Großen einer entstehenden Gesellschaft. Viele beschrieben ihn aus gutaussehend und charmant, mit seinem Kinnbart, dem markanten Gesicht und der hochgewachsenen Statur. Er wickelte die Menschen spielerisch um seinen Finger, um sie für seine Sache einzuspannen. Das hatte ihn weit gebracht – und seine Familie immer weiter von ihm weggetrieben. Er strich sich über die halb rasierten Haare, ehe er sich dem Wächter zuwandte. „Du kannst sie gehen lassen.“

„Aber...“ Sean sah ihn verwundert an, doch ihr Vater warf ihm einen scharfen Blick zu. Der Wächter entgegnete nichts weiter. Niemand, der bei klarem Verstand war, würde es wagen, ihrem Vater Widerworte zu geben. Nicht, wenn ihm die eigene Reputation wichtig war. Ihr Vater war ein Meister der Waffen, auch wenn er nie jemanden verletzte. Er zerstörte, ohne seinem Gegner auch nur eine körperliche Wunde zuzufügen. Und jeder hier wusste das.

Die Hand ihres Vaters schloss sich um ihren Arm und zog sie mit sich. Silber trottete unbeeindruckt hinter ihnen her. Seine Ablehnung stach in ihre Haut wie kalter Nebel. Er missbilligte, was sie tat, missbilligte, wie sie aussah und wie sie lebte. Er verachtete jede ihrer Entscheidungen. Sie lebte zwischen den Zeilen dieser neuen Gesellschaft und das passte ihm ganz und gar nicht. Mit jedem Atemzug führte sie ihm seine eigene Fehlbarkeit vor. Früher war das anders. Damals, als diese neue Gesellschaft noch nicht existiert hatte. Damals, als er noch kein geistlicher Führer, sondern ein hochrangiger Kommandeur eines Regiments gewesen war. Er war damals der Erste, der sich der Rebellion anschloss. Doch diese Zeiten waren lange vorbei.

„Kann nicht ein Tag vergehen, an dem du den Namen deiner Familie nicht in den Schmutz ziehst?“

Fast hätte Sinikka zynisch geschnaubt. „Familie? Die gibt es doch schon lange nicht mehr.“ Nur noch die Gemeinschaft. Die, die ihm bedingungslos folgten. Das große Ganze.

Die Augen ihres Vaters füllten sich mit unverhohlener Wut. „Das Herz des Gerechten bedenkt, was zu antworten ist; aber der Mund der Gottlosen schäumt Böses.“ Sie hasste es, wenn er aus der Bibel zitierte. Es erinnerte sie an düstere Zeiten, in denen er noch versucht hatte, sie auf den rechten Weg zu führen. „Hast du getan, was er dir vorwirft?“

Sie musste ihm keine Antwort geben. Wie von selbst wanderte sein Blick zu der Tasche, die bislang verborgen geblieben war, als würde er genau wissen, was sich darin versteckte. Dann sah er wieder seine Tochter an. Der Ärger, der in seinen Augen glomm, brachte ihr Herz einen kurzen Moment lang ins Stolpern, doch nicht, weil sie Konsequenzen fürchtete. Er würde nichts tun. Jede ihrer Verfehlungen würde auf ihn zurückfallen und er konnte sich keine Unruhen leisten. Die Nahrungskrise ließ die Bewohner noch aufmerksamer jede Bewegung ihrer Anführer beobachten.

Sinikka wollte sich an ihrem Vater vorbeischieben, doch er machte einfach einen Schritt zur Seite und stellte sich ihr in den Weg. Sie sog scharf die Luft ein, als er sie hart am Arm packte und sie an sich heranzog. „Pass auf, wenn du schläfst“, zischte er ihr ins Ohr, so leise, dass nur sie es verstand. „Es gibt genug in meiner Stadt, die dir das Genick brechen könnten.“ Dann ließ er sie los, so ruckartig, dass sie ein Stück zurücktaumelte. Sein Blick war durchdringend. „Entsage dem Bösen in deinem Herzen.“

Es ist nichts Böses in meinem Herzen, wollte sie sagen, doch da hatte er sie schon dort stehengelassen. Er ließ sie zurück mit dem Kloß in ihrem Hals, den sie dachte, in den Slums zurückgelassen zu haben.

Sie schluckte gegen das flaue Gefühl in ihrem Magen an, als sie die Zügel ihrer Stute straffte und sie durch die Stadt führte. Dorestad lag inmitten einer großen Höhle. Als das Leben noch seinen geregelten Bahnen nachging, gab es nur die U-Bahn-Schächte, die hier tief unter der Erde verließen. Erst nach der Katastrophe hatten sie sich hier unten ein Zuhause erschaffen, eine Zuflucht vor all den Gefahren, die an der Oberfläche auf sie warteten. Sinikka kannte ihren Weg blind. Fast täglich lenkte sie Silber über diese Wege. Am kleinen Marktplatz links, dann vorbei an den Häusern der Schneider und Schmiede. Vor einer der Kirchen, die sich zwischen die behelfsmäßigen Bauten schmiegte schräg rechts und dann immer geradeaus. Heute fielen ihr die misstrauischen Blicke der Bewohner kaum auf. Sie verfluchte sich dafür, dass die Worte ihres Vaters ihr noch immer so nah gingen. Das Gespräch hatte Wunden aufgerissen, die sie nicht vergessen konnte. Das, was sie damals geopfert hatte, um dem Elend der Slums zu entkommen. Der Wunsch eines Teenagers nach einem besseren Leben... er hatte alles zerstört, was sie gehabt hatte. Nun war sie alt genug, um es zu verstehen, doch es war zu spät, es zu ändern.

Sinikka seufzte erleichtert auf, als ihr eigenes Haus endlich in Sichtweite kam. Langsam hatte sie den Spießrutenlauf satt. Sie wollte einfach nur nach Hause und den Blicken entkommen. Lass dir von außen niemals ansehen, wie es in deinem Inneren aussieht. Worte ihres Bruders. Sie wiederholte den Satz stumm wie ein eisernes Mantra.

Ihr Zuhause war ein alter U-Bahn-Waggon. Am Anfang hatten sie nicht erwartet, hier länger als ein paar Tage zu überleben. Doch sie hatten sich ein kleines Paradies erschaffen. William hatte aus einigen Schrottteilen etwas gebaut, das entfernt an einen Gartenzaun erinnerte. Dahinter pickten einige Hühner. Der Hahn Charles hob seine zwei Köpfe, als er sie sah und krähte laut. Er liebte es, seine eigene Stimme zu hören. Silber zuckte nicht einmal.

Sie streute den Hühnern, die sich laut gackernd um sie drängten ein wenig Korn aus einer Tonne hin. Mit dem Fuß jagte sie die Glucken auseinander, als sie sich weiter durch ihren Garten schlängelte.

Sinikka führte Silber in den hinteren Teil des Waggons, den sie zu einem Stall ausgebaut hatten. Noch bevor sie ihn sah, hörte sie Rubin schnauben. Silber brummelte ihrem Sohn freundlich zu, als Sinikka sie absattelte und in die große Box führte. Sie hatte die beiden draußen in der Wildnis umherirrend gefunden, da war Rubin kaum ein halbes Jahr alt. Sanft kraulte sie dem Maultier über die Nase. Im Gegensatz zu seiner Mutter war Rubin geradezu schmächtig. Wenn sie mit ihrem Bruder einen Ausritt durch Dorestad unternahm, ritt er stets Silber, während sie sich selbst auf den ängstlichen Rubin setzte. Schnell warf sie den beiden noch etwas zu Fressen hin und trat durch die Tür in den Wohnraum.

Wärme schlug ihr entgegen, als sie durch die Tür trat. Sie streichelte nicht nur ihre Haut, sondern kroch bis in ihr Herz. Ihr Bruder hatte scheinbar den Ofen angefeuert. Ein wohliges Kribbeln durchfuhr ihren Körper, als sie aus den Stiefeln schlüpfte. So heiß die Luft in den Ödlanden auch sein konnte, so kalt und dunkel waren die Nächte in den Höhlenanlagen Dorestads.

Sie hörte leise Geräusche, die aus der Nische kamen, die sie zu ihrem Wohnzimmer erkoren hatten. William richtete sich gerade auf dem Sofa auf, als sie um die Ecke trat. Er sah blasser aus, als heute Morgen, als sie losgezogen war. Seine dunklen Haare waren verstrubbelt, als hätte er sich zum Schlafen auf das Sofa gelegt. Das Tuch, das einige mechanische Bauteile auf dem Küchentisch verbarg, verriet ihr, dass ihr älterer Bruder in ihrer Abwesenheit nicht untätig geblieben war. Ein nachsichtiges Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Das war nicht gerade das, was sie sich unter ‚versteckt‘ vorstellte. Nicht, wenn die Hälfte der Gerätschaften so deutlich unter dem weißen Stoff hervorlugte. Niemand durfte wissen, woran William hier werkelte. Erst die technischen Innovationen hatten den großen Krieg ausgelöst – so sahen es jedenfalls viele hier in Dorestad. Gott sah es nicht gerne, wenn man in seinem Handwerk herumpfuschte. Technik war verpönt, genau wie alle, die sich damit auskannten. Sie wurden regelrecht verfolgt.

Hallo Glöckchen, sagte er in der Zeichensprache, die sie sich mit der Hilfe eines alten Buches beigebracht hatten. Seit seinem Unfall hatte er Mühe, zu sprechen und hörte nicht gut. Die meiste Zeit behalf er sich damit, Lippen zu lesen. Trotz seines Lächelns sah sie, dass er heute keinen guten Tag hatte. Sonst versuchte er immer, einige Worte mit ihr zu wechseln, ehe er zu seiner Zeichensprache überging. Sie versuchte, die Sorgen, die sich ihrer wieder zu bemächtigen versuchten, zu verdrängen, auch wenn sie wie dichter Nebel über ihr hingen.

„Sei froh, dass du mein Lieblingsbruder bist“, sagte sie langsam und knuffte ihm leicht in die Seite. „Sonst hättest du dir dafür ein blaues Auge verdient.“

Williams Lächeln wuchs zu einem Grinsen. Was habe ich doch ein verdammtes Glück, erwiderte er mit den Händen und zog seine Schwester in eine kurze Umarmung.

Als sie sich auf das Sofa setzten, fragte er sie stumm nach ihrem Auftrag. Viel zu berichten war da nicht. Sie war froh, dass sie einen Weg gefunden hatten, selbst an schlechten Tagen zu kommunizieren. Die Zeit nach dem Unfall war hart. Dass sie dieses Buch gefunden hatten, war ein Wink des Himmels gewesen. Besorgt musterte sie ihren Bruder, während sie von ihrer Mission berichtete. William scherzte über das Glück, doch ehrlich gesagt war er gleich doppelt geschlagen. Unter seiner hellen Haut hoben sich deutlich rote Adern ab. Man nannte es den roten Tod. Niemand wusste, woher es kam oder wie man es behandelt. Es gab lediglich Versuche, die Symptome zu lindern. Geheilt werden konnte es nicht. Und es endete immer auf die gleiche Art und Weise: Mit dem Tod. Er lauerte hinter jeder Ecke, hinter jeder einfachen Erkrankung und jedem Fieber.

Sinikka schob die trüben Gedanken beiseite und griff nach ihrem Beutel. Ihr würde schon noch eine Lösung einfallen. Sie würde nicht zulassen, dass er sie verließ. „Ich habe dir etwas mitgebracht“, verkündete sie und zog die länglichen Päckchen hervor. Schmerzmittel. „Das sollte dir helfen.“

William nickte mit einem sanften Lächeln, doch sie sah, wie sich seine Züge kurz verdüsterten. Sie wusste, was er von ihrem Leben als Schrottsammlerin und Schmugglerin hielt. Auch wenn er keine andere Wahl hatte, als auf ihre Touren zu vertrauen.

„Wie war dein Tag?“, fragte sie und ging zu dem Tisch herüber, um unter das Tuch zu sehen. Wie so oft hatte sie keine Ahnung, was es darstellen sollte. Vielleicht eine Art handbetriebene Taschenlampe? Gebrauchen könnten sie jedenfalls eine, wo der Generator der Siedlung doch ständig ausfiel.

Kann nicht klagen. Die Standardantwort ihres Bruders. Sie konnte sich nicht erinnern, ob er sich jemals über irgendetwas beschwert hatte. Seine Augen wanderten von ihrem Gesicht zu der Tasche in ihrer Hand und wieder zurück. Ein Grinsen breitete sich auf seinen Zügen aus, als er mit den Fingern seine Worte in die Luft malte. Jetzt schieß schon los! Ich sehe doch genau, dass du es gar nicht erwarten kannst.

Einen Moment fühlte Sinikka sich ertappt. Doch dann erwiderte sie sein Grinsen und griff ein weiteres Mal in ihre Tasche. „Schau mal, was ich gefunden habe.“

Misstrauisch beäugte er den eingewickelten, rechteckigen Gegenstand. Es war eine Kassette. Märchen, die sie früher einmal zusammen angehört hatten. Sie hatte es einfach nicht übers Herz gebracht, sie liegenzulassen. Hast du dich dafür in Gefahr gebracht?

„Nicht mehr, als sonst auch, okay?“ Sie wollte nicht, dass er sich Sorgen um sie machte. Er sorgte sich auch so schon genug, jedes Mal, wenn sie das Haus verließ. Er versuchte, es ihr nicht zu zeigen, doch ganz gelang ihm das nie.

Einen Moment lang hielt sie seinem strengen Blick stand, ehe er seufzte und ein nachsichtiges Lächeln auf seinen Zügen erschien. Gib mal her.

Sinikkas Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen, als sie ihm die Kassette herüberwarf. William fing sie gekonnt auf und wickelte sie aus dem Stoff. Der Ausdruck, der daraufhin auf sein Gesicht trat, verriet ihr, dass er sofort erkannte, was sie da gefunden hatte. Sie sah genau, dass er versuchte ein Lächeln zu unterdrücken. Er sagte nichts, schüttelte nur den Kopf. Dann gab er ihr die Kassette zurück. Du bist und bleibst doch eine diebische Elster. Du hast schon immer das Abenteuer gesucht. Nun, wenn man es halt nicht im Kopf hat... Er ließ den Rest des Satzes in der Luft hängen.

Gespielt empört sah sie ihn an. „Hast du mich etwa gerade dumm genannt?“

Würde mir nicht einmal im Traum einfallen.

Sie stieß ihn leicht vor die Schulter, ohne das Lächeln von ihren Lippen verbannen zu können und ging zu ihrer eigenen Ecke herüber. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass ihr Bruder die Gunst der Stunde nutzte, um sich wieder hinzulegen.

Erschöpft streckte Sinikka sich auf ihrer Hängematte aus. Ihren Arbeitgeber würde sie erst am nächsten Morgen treffen - immerhin war sie früher zurückgekehrt als erwartet und hatte sich damit einige Stunden Schlaf erkauft. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen stellte sie die Kassette zu den anderen auf das Fensterbrett. Die Motive auf den Hüllen waren fast schon verblichen, doch das war ihr egal. Sie erinnerten sie an eine schöne Zeit, in der diese Märchen sie und ihre Geschwister überall hin begleitet hatten – auf den Fahrten im Auto, oder abends im Bett. Diese Kassetten waren ihre letzte Verbindung zu dem Leben, das sie fast schon vergessen hatte. Vielleicht konnte sie sich deshalb nicht von ihnen trennen.

Sie griff nach einer runden Dose, die ebenfalls auf der Fensterbank stand und warf sich eine der Tabletten ein, die ihre Regierung gegen die Strahlung austeilte. Dann ließ sie sich auf den Rücken sinken. Ihr Blick glitt durch das runde, behelfsmäßig gezimmerte Fenster. Der Tunnel lag in tiefster Dunkelheit. Nur die Lichter aus einer Handvoll Behausungen erhellte ihn ein Stück weit. Sie rollte sich herum und löschte ihr Licht. Von dem Bett aus der anderen Ecke des Raumes kam ein schwerfälliges „Gute Nacht.” Sie erwiderte es und schloss die Augen, um einzuschlafen, ganz gleich, wie sehr sie sich auch davor fürchtete. Sie hatte Angst vor dem, was sie in den Träumen erwartete. Ihr Bruder schnarchte bereits in seiner Ecke. Ein wenig beneidete sie ihn dafür, dass er so schnell einschlafen konnte. Krampfhaft umschloss sie ihren Arm und spielte mit dem Armband, das William für sie geknüpft hatte. Mut. Ehre. Glauben. Opfer. Alles alte Schriftzeichen, tief in den Stoff gewebt. Sie seufzte. Den Mut konnte sie gut gebrauchen.

3. Murphys Gesetz

Beinahe hätte er befreit gejubelt, als er das Gaspedal voll durchdrückte und den Wagen über die Überreste der einstigen Schnellstraße peitschen ließ. Es war nicht klug was er tat, doch er konnte nicht anders. Er konnte nicht fassen, das alles tun zu können. Endlich wieder frei zu sein.

Elyas wusste, dass er sich unauffällig verhalten musste. Er wusste, dass er das Fahrzeug nicht verheizen durfte. Nur mit Mühe und Not hatte er es überhaupt geschafft, ihn ans Laufen zu bringen. Doch er konnte nicht vernünftig sein. Noch nicht.

Er beschleunigte das Auto noch ein wenig mehr, bis er geradezu über das karge Ödland flog. Der Wagen seiner Begleiter hatte ziemlich schnell den Geist aufgegeben. Er hatte schon befürchtet, den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen zu müssen, als er diesen Sportwagen gefunden hatte. Und als er es auch noch schaffte, ihn anzulassen, war es fast ein Wink des Schicksals gewesen. Wobei, so tiefgelegt der Wagen war, wunderte es ihn, dass der unebene Boden ihn nicht in die Knie gezwungen oder wahlweise der Länge nach aufgerissen hatte – auch wenn das verräterische Knarzen nichts Gutes vermuten ließ.

Bei dem Tempo, das Elyas vorlegte, dauerte es nicht lange bis auch der schicke Sportflitzer seinen Willen aushauchte. Noch einmal bäumte sich der Motor auf, ehe er zum Erliegen kam. Freudlos verzogen sich seine Lippen, als der Wagen ausrollte und zum Stehen kam. Also doch zu Fuß weiter.

Er schulterte seine Tasche und sammelte alles ein, was während seiner schnellen Fahrt in den Fußraum gerollt war. Schließlich machte er sich auf den Weg. Seine Schritte trugen ihn immer weiter von der Straße weg. Mit Sicherheit vernünftiger, als das, was er mit dem Wagen gemacht hatte. Aber noch müsste sein Vorsprung noch groß genug sein. Selbst wenn Cassian ihm bereits seine Jäger hinterhergeschickt hatte.

Der Weg war sandig und uneben. Der Wald, der den Landstrich bestimmt haben musste, war kaum noch zu erahnen. Nur noch einige verdorrte Büsche und halb entwurzelte Bäume. Hier im Ödland konnte er sich nicht verstecken. Sobald man ein Auge auf ihn geworfen hatte, saß er auf dem Präsentierteller. Und wenn er eines nicht wollte, war es mehr Aufmerksamkeit als nötig auf sich zu ziehen – auch wenn er das mit seinem kleinen Autorennen vielleicht geschafft hatte. Nun hieß es deshalb doppelt vorsichtig zu sein.

Wachsam ließ er seinen Blick schweifen, während er sich über die erdigen Hügel bewegte. Hier war niemand. Wanderer sah man ohnehin nicht mehr in diesen Zeiten. Die einzigen Personen, die einem über den Weg liefen, waren Jäger und Händler - oder Banditen. Und keinem von ihnen wollte Elyas begegnen. Die einen waren viel zu neugierig und die anderen hielten einem gleich die Waffe an die Stirn. Und da waren noch die Schrottsammler. Eine aussterbende Spezies eigenbrötlerischer Idioten, die ihr Leben für wertvollen Schmuck aufs Leben setzten. Er hatte sie noch nie verstanden.

Nach einer Stunde knurrte sein Magen. Im Rucksack waren noch ein paar Müsliriegel, doch sie waren eigentlich für den Notfall gedacht. Elyas atmete geräuschvoll aus. Hier in der Wildnis war er ohnehin früher oder später dazu gezwungen gewesen, zu jagen. Doch darin war er nie sonderlich gut. Er war jemand, der mit voller Kampfkraft auf seinen Gegner zuhielt. Stundenlang sein Opfer zu umschleichen, um es schließlich in die Enge zu treiben, war eigentlich nicht sein Ding. Aber blieb ihm denn etwas anderes übrig?

Sein wachsamer Blick glitt über die Steppe, doch nirgendwo war auch nur ein Tier zu sehen. Nicht einmal diese verstrahlten Kröten, die sich in letzter Zeit überall ausgebreitet hatten. Vermutlich waren alle vor der Mittagshitze in ihre Bauten geflohen.

Die Sonne prallte auch auf seinen Kopf herab. Nach wenigen Schritten stand der Schweiß auf seiner Stirn. Mit einer Hand fuhr er sich über den Nacken und lehnte sich kurz an einen verdorrten Baum. Dann trugen seine Füße ihn einen kleinen Hügel hinab, in etwas, das wie das Bett eines ausgetrockneten Flusses aussah. In einigen vereinzelten Schlaglöchern im Fels fand er Wasser, doch er war klug genug, nicht davon zu trinken. Auch wenn der Durst ihn reizte, würde er sein Leben niemals so leichtfertig aufs Spiel setzen. Wie gut, dass er kaum Flüssigkeit benötigte. Er schirmte seine Augen gegen die Sonne ab. Noch immer kein Tier weit und breit. Aber auch niemand, der ihm an den Kragen wollte. Immerhin war das doch ein gutes Zeichen.

Nach einer Weile entdeckte er einige Abdrücke. Schmale Klauen, die sich nur schwach in die harte Erde gegraben hatten. Vielleicht hatte er Glück. Vielleicht war das Tier noch nicht weit entfernt. Die Äste des Busches waren abgebrochen. Mit Sicherheit war das Tier in diese Richtung gelaufen... oder geflohen.

Elyas beschleunigte seine Schritte kaum merklich. Er wollte das Tier nicht verschrecken, konnte seine Ungeduld aber nicht völlig zügeln. Immerhin war er kein Jäger. Er war Soldat.

Sein Weg führte ihn an einem heruntergekommenen Gasthaus vorbei. Die Fensterläden waren herausgerissen und lagen auf der Straße. Ein ausgebranntes Auto stand auf dem Parkplatz vor dem Gebäude. Wer es wohl angezündet hatte? Vielleicht war es aber auch bei der großen Explosion draufgegangen. Niemand konnte es ihm sagen. Es lebten hier keine Zeugen mehr, die es ihm erklären konnten. Die verwitterten Buchstaben auf dem Schild konnte er kaum noch lesen. Nur die Forelle, die sich darum räkelte, war noch sichtbar. Wo früher viele Menschen zu Gast waren, gingen heute nur noch Geister ein und aus.

Elyas folgte den Spuren weiter durch den toten Wald. Hoffentlich fand er das Tier bald. Dieses Schleichen machte ihn langsam aber sicher rasend. Er hob die Armbrust, die er einem Banditen abgenommen hatte und tastete sich leise durch das Unterholz, um kein Wild aufzuschrecken. Den Spuren nach zu urteilen, konnte das Tier nicht mehr weit sein.

In einiger Entfernung entdeckte er Laub zwischen den Bäumen. Erst, als er näherkam, erkannte er, dass der Schemen etwas anderes war. Er blieb in der Bewegung stehen, als wäre er in eine unsichtbare Wand gerannt. Vor ihm auf dem Boden lag ein Tier. Ein Rehbock, der gerade erst seinen ersten Winter hinter sich gebracht hatte. Das Geweih auf seinem Kopf war kaum zu erahnen. Etwas hatte seine Klauen in das junge Tier geschlagen. Die Bauchdecke war zerfetzt und die Eingeweide hatten sich wie ein dunkler Teppich über den Boden verteilt. Der Jäger war verschwunden – was kein gutes Zeichen war. Ein Raubtier würde eine solche Beute nicht aufgeben, außer, es wäre vor etwas Größerem geflohen. Und dieser jemand war mit Sicherheit nicht er selbst.

Aufmerksam sah Elyas sich um. Der verdorrte Wald war ruhig, doch das musste nichts bedeuten. Die friedliche Stimmung konnte jederzeit umschlagen. Er entsicherte die Armbrust, nur für den Fall, dass er schnell bereit sein musste. In der Ferne zwitscherten einige Vögel. Kein Schrei eines Eichelhähers, der von Gefahr kündete. Das konnte nur bedeuten... Er fluchte ungehemmt. Im Normalfall hätte er das Tier ausgenommen und einige Stücke aus dem Fleisch geschnitten, um es später weiterzuverarbeiten. Doch hier wäre das ein Todesurteil. Wenn das Raubtier den Hirsch hier liegen gelassen hatte, ohne ihn zu fressen und nicht geflohen war... dann, weil es nicht aus Notwendigkeit gejagt hatte. So etwas taten nur die Mutanten. Die Versehrten. Mit einem Knoten im Magen zog er weiter.

Die Sonne wanderte an ihm vorbei in Richtung Horizont. Seine Laune sank gemeinsam mit den abnehmenden Strahlen. Erst, als einige belebte Häuser vor ihm auftauchten, erhellte sich sein Gesicht etwas. Die Siedlung war klein, doch es schien eine Herberge zu geben, ebenso wie einige Händler. Elyas ließ seinen Blick über die Stände schweifen und war froh, dass er seinen Begleitern nicht nur das Auto, sondern auch einige der Münzen gestohlen hatte, die seit einiger Zeit im Umlauf waren – zumindest so viele sie dabeihatten.

„Zu Fuß unterwegs?“, fragte einer der Händler. Sein dunkles Haar hatte er mit glänzender Pomade zurückgekämmt und sein Grinsen ließ einige Zahnlücken hervorblitzen. Sein Äußeres ließ auf einen dreckigen Schmuggler schließen, doch das Lächeln auf seinen Lippen hatte nichts Falsches an sich.

Elyas zuckte emotionslos mit den Schultern. „Wie du siehst“, sagte er und sah zu den beiden Pferden, die an einem Balken angebunden waren. „Das erwähnst du doch nur, weil du etwas loswerden willst.“

Der Mann lächelte ertappt. „Die Zeiten sind hart, da muss man nun einmal etwas offensiver vorgehen. Aber du sahst auch aus, wie jemand, der ein Fortbewegungsmittel dringend nötig hat. Du bist mit Sicherheit weit gereist. Ich habe dich noch nie hier gesehen.“

Elyas ließ sich keine Gefühlsregung anmerken. Der Rappe sah aus, als hätte er seine besten Zeiten schon hinter sich, doch der Kohlfuchs hatte wache Augen und gute Beine. Er würde ihm sicherlich gute Dienste leisten... wenn er den Preis aufbringen konnte. „Was willst du für den?“ fragte er und zeigte auf den Wallach.

„Für dich, 500 Kronen“, erwiderte der Mann und klopfte dem Fuchs auf den Hals. „Ein schönes Tier hast du dir da ausgesucht. Kräftig und trotzdem ausdauernd. Hat mich schon über weite Strecken gebracht.“

Elyas ließ seinen Blick über den Kohlfuchs wandern, von dem breiten Stern auf seiner Stirn bis hin zu der kaum sichtbaren Schnippe zwischen seinen Nüstern. Der Preis war vernünftig. Er hatte eigentlich erwartet, dass der Mann ihn übers Ohr hauen würde – oder es zumindest versuchte. Wenn er das Pferd nahm, blieb ihm sogar noch ein klein wenig übrig, um etwas Proviant zu kaufen. Erst dann musste er sehen, wo er die nächsten Kronen erbeuten konnte. Trotzdem würde er den Teufel tun, diesem Mann zu zeigen, wie sehr ihm dieses Angebot gefiel. Er zuckte mit den Schultern. „Okay“, sagte er und kramte die Münzen hervor. Es war eigentlich gar nicht seine Art, sich ohne Feilschen geschlagen zu geben, doch er wollte so wenig Aufsehen wie möglich erregen. Die Zeit drängte. Er musste sie unbedingt finden – und das bevor Cassian ihn fand. Das Lächeln des Mannes wurde breiter, als Elyas ihm die Münzen in die Hand zählte und er ihm dann die Zügel des Pferdes übergab.

„Sagen wir, ich möchte etwas herausfinden“, sagte Elyas schließlich. „Herausfinden, ob jemand eine bestimmte Person gesehen hat. Wen frage ich da am besten?“

Ohne ein Zögern zeigte der Mann auf ein Gebäude hinter ihm. „In der Bar. Wenn jemand etwas weiß, dann die Schmuggler, die sich da herumtreiben. Die haben schon alles gesehen und kennen jeden.“

Elyas nickte stumm. Irgendwie würde ihm das schon weiterhelfen. Er zupfte vorsichtig an den Zügeln, um das Pferd in Bewegung zu setzen. Der Kohlfuchs folgte ihm ohne Murren, als er auf das Gebäude zuhielt und die Zügel um einen Balken schlang.

In der Bar erwartete ihn stickige Luft und Zigarettenrauch. Die Fenster waren abgedunkelt. Nur wenig Licht fiel durch die Tür und durch eine Deckenluke. In einer Ecke spielte jemand Mundharmonika. Die quietschenden Klänge malträtierten seine Augen. Nun, lange musste er ja nicht bleiben – zum Glück.

Das halbe Dorf schien sich in dem kleinen Raum versammelt zu haben. Alte Männer saßen an Tischen und erzählten Geschichten oder spielten laut lachend Karten. Eine rothaarige Frau lief mit einem improvisierten Tablett durch den Raum und verteilte Getränke. Es war, als wäre hier nie etwas passiert. Als würde die Welt da draußen nicht versuchen, sie alle zu töten. Hier herrschte die Normalität einer Kleinstadt.

Er schob sich durch die feiernden Menschen bis zur Theke. Der Wirt, der ihn fragend ansah, war schmächtig und über und über tätowiert. Die Linien hoben sich kaum von seiner dunklen Haut ab. In seinen Augen lag etwas Herausforderndes, als würde er ihn warnen, bloß nichts Falsches zu tun. „Was darf ‘s denn sein?“

Elyas zog ein Foto hervor und reichte es ihm. „Ich suche nach einer Gruppe. Diese beiden Männer waren unter ihnen und hatten etwas bei sich, das mir sehr wichtig ist. Sind sie hier durchgekommen?“

Der Wirt begutachtete das Bild einen Moment lang, ehe er mit den Schultern zuckte. „Ne, keine Ahnung, wer das sein soll. Hier kommen nur selten Besucher durch. Und die Leute, die hier leben, kennt man.“ Er berührte die Rothaarige an der Schulter, als sie hinter die Theke trat, um Nachschub zu holen. „Hast du die beiden schon mal gesehen?“ Doch auch sie zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf.

Der Wirt warf Elyas einen entschuldigenden Blick zu. Der nahm nur das Foto entgegen und drehte sich um. Hier also nicht. Doch er würde nicht aufgeben.

Erleichtert atmete er auf, als die frische Luft durch seine Lungen strömte. Er legte dem Kohlfuchs die Zügel über den Hals und stieg in den Sattel. Ich finde dich schon, kleine Schwester, dachte er und trieb den Fuchs in einen lockeren Trab. Und diesmal würde er es schaffen, sie vor Cassian zu schützen.

Sinikka bewegte sich lautlos wie ein Schatten. Trotzdem klang in ihren Ohren jeder ihrer Schritte wie Trommelschläge, als sie sich durch das verfallene Gebäude bewegte. Sie musste schleichen, um nicht aufzufallen. Auch wenn das Gebäude nicht den Anschein erweckte – es war durchaus belebt und seine Bewohner wären mit Sicherheit nicht gehalten, wenn sie wüssten, was sie in ihrer Tasche mit sich trug. Ihre Stute hatte sie heute zu Hause gelassen. Der Ort, an dem ihr Kunde den gewünschten Gegenstand – eine kleine, kunstvoll geschnitzte Schatulle – vermutete, lag nicht weit von Dorestad entfernt. Sie seufzte. Am liebsten würde sie sich ein wenig in dem Gebäude umsehen, das einmal eine hoch angesehene Universität gewesen sein musste. Noch immer verströmten die Mauern die Aura von Macht und Wissen. Doch sie war nicht zu ihrem Vergnügen hier. Sie wollte nur ihren Auftrag hinter sich bringen und schnell zu William zurückkehren.

Sie durfte nicht unvorsichtig werden. Noch immer saß die Gefahr ihr dicht im Nacken. Hinter jeder Ecke konnte einer ihrer unfreiwilligen Gastgeber auf sie warten. Sie wusste, dass sie nicht willkommen sein würde. Wer hieß schon eine Diebin in seinen Reihen willkommen? Auf ihren letzten Streifzügen war das einzig Lebendige, auf das sie getroffen war, einige Ratten, die sie aus ihren acht Augen angestarrt hatten. Fast wünschte Sinikka sich dorthin zurück. Dort hatte sie entspannt Radio hören und auch noch den ein oder anderen eigenen Erkundungsgang unternehmen können.

Ihr ganzer Körper spannte sich an, als ein Geräusch an ihr Ohr drang. Ein Kribbeln breitete sich in ihrem Nacken aus. Hier stimmte etwas nicht. Ihr Instinkt trog sie selten.

Wachsam lauschte sie, als sich Schritte näherten. Für den Bruchteil einer Sekunde übernahm die Panik ihr Denken, dann schaffte sie es, ihre Atmung zu beruhigen. Sie durfte nicht durchdrehen. Sie musste handeln, und zwar sofort. Der Gang war ohne Türen und sie konnte nicht sagen, aus welcher Richtung ihre Freunde kamen. Bei ihrem Glück kamen sie vermutlich von beiden Seiten auf sie zu. Vorsichtig trat sie an die Brüstung heran und kletterte herüber. Mit geübten Bewegungen ließ sie sich auf den Sims herunter und kauerte sich in den Schatten, während sie darauf wartete, dass die Schritte sie erreichten. Die Stimmen waren tief und dröhnten geradezu in den ausgestorbenen Hallen. Sie wusste, dass sie sich bedeckt halten musste, nur darauf bedacht, dass niemand sie sah. Doch als das Wort Utopia fiel, war ihre Neugierde geweckt. Sie lehnte sich noch ein Stück weiter zurück, um etwas von dem Gespräch aufzufangen.

„... wieder Unruhen. Wir sollten nach Utopia zurückkehren. Da werden wir gebraucht. Wir nützen niemanden, wenn wir in der Einöde verrotten”, brummte der eine ungehalten. Anders als gedacht, kamen sie nicht über den oberen Gang, sondern liefen durchs Foyer. Hastig versuchte sie, noch mehr mit dem Sims zu verschmelzen, doch die beiden Männer nahmen in ihrer Wut ohnehin keine Notiz von ihr.

Sie versuchte gerade zu verstehen, was der andere Mann entgegnete, als sie etwas sah. Erst entdeckte sie nur ein Schimmern. Eine Unebenheit, wie das Flirren von heißer Luft. Einen Moment lang war sie sich sicher, es sich nur eingebildet zu haben, doch dann wurden die Konturen deutlicher. Ein Hirsch?

Eine Sekunde lang vergaß sie ihren Auftrag, vergaß, warum sie hier war. Diese Sekunde der Unachtsamkeit genügte. Sie wollte sich auf der Luft abstützen und fiel ins Nichts. Erst war der Schmerz dumpf, der sich an ihren Rippen ausbreitete, doch dann setzte er ihren Körper in Flammen. Das Brennen an ihrem Arm verriet ihr, dass sie an etwas hängen geblieben sein musste – ein Nagel, oder ähnliches. Sie spürte das Blut, das dickflüssig ihren Arm herunterlief.

„Was glaubst du, was du da tust?”, brüllte einer der Wachen, nachdem er mit sichtlichem Ruck aus seiner Starre erwacht war. Mit Sicherheit hatten sie nicht damit gerechnet, einen Eindringling abwehren zu müssen - von einer jungen Frau, die von der Decke fiel, ganz zu schweigen.

Stolpernd sprang sie auf und versuchte, das Weite zu suchen. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass die Wachen hinter ihr die Verfolgung aufgenommen hatten. Doch sie war schnell. Selbst mit dem Stechen in ihrer Seite war sie flinker, als die behäbigen Männer. Während sie das Gebäude auf anderem Wege verließ, als sie es betreten hatte, konnte sie nur darauf hoffen, nicht doch noch jemandem in die Arme zu laufen. Mit den Haken, die sie schlug, schaffte sie es schließlich, ihre Verfolger abzuschütteln. Doch erst, als Dorestad langsam wieder in Sichtweite kam, gestattete sie es sich, langsamer zu werden. Frustriert schüttelte sie den Kopf. Murphys Gesetz... Manchmal war ihr Nachname wirklich Programm.

4. Zwischen Schrott und Staub

Ein tiefes Brummeln war das Einzige, was ihr Gegenüber von sich gab. Sinikka sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, als Egbert mit seinen Pranken ihre Verletzung begutachtete. Mit keiner Gefühlsregung ließ er erkennen, was er von ihren Touren in die Ödlande hielt. Und sie kam oft hierher. Immer dann, wenn einer ihrer Aufträge nicht so gelaufen war, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hielt schon lange den Rekord für die längste Narbe – ganz zum Leidwesen ihres Bruders. Der Arzt war nett zu ihr und weigerte sich immerhin nicht, mit ihr zu Sprechen – das kam einem Freund schon verdammt nah. Auch wenn er nicht sonderlich gesprächig war.

Als sie in seine kleine Hütte getreten war, hatte er nur seine buschigen Augenbrauen gehoben und war zu ihr herüber gewatschelt. Manchmal erinnerte er sie ein wenig an einen Pinguin, der sich als Wikinger verkleidet hatte. Oder als Zwerg.

Egbert gab etwas von sich, das wie „Immer diese Scherereien”, klang. Vielleicht hatte sie es sich auch nur eingebildet. Er grummelte ständig irgendein unverständliches Zeug in seinen Bart.

„Nun gib schon zu, dass du mich magst.”

„Hrmph”, grummelte Egbert, doch sie meinte ein Schmunzeln zu erkennen, das sich hinter seinem roten Bart versteckte.

Einige Minuten ließ Sinikka die Behandlung stumm über sich ergehen. Dann trug der Wind auf einmal seltsame Geräusche an ihr Ohr. Sie runzelte die Stirn und stand auf – Egberts Versuche, sie auf den Stuhl herunterzudrücken, ignorierend. Er war ohnehin fast fertig. Und sie war viel zu neugierig, um zu tun, als würde es sie nicht interessieren, was da draußen vor sich ging. Egbert folgte ihr.

Vor den Häusern hatte sich eine Menschenmenge gebildet. Alle starrten sie auf die Mitte des kleinen Marktplatzes. Sinikka hatte die Männer, die dort standen noch nie gesehen. Trotzdem wusste sie sofort, wer sie sein mussten. Die Legion. Die Rüstungen, die sie trugen. Die prachtvollen Pferde auf denen sie saßen. Kein Zweifel. Das mussten die Söldner ihrer neuen Regierung sein. Nur warum waren sie hier und nicht in Utopia? Normalerweise hielten sie sich von der Gegend rund um Dorestad fern. So wie sie gehört hatte, verließen sie die Regierungsstadt nur selten.

Utopia, ihrer Hauptstadt mit dem selten dämlichen Namen. Sie unterdrückte das Verlangen, mit den Augen zu rollen. Als könnte in dieser Welt auch nur noch irgendetwas utopisch sein. Sie hatte schon viele Geschichten gehört, über diese Stadt am Ende der noch bekannten Welt. Dort, wo das Licht immer golden und die Gebäude aus reinstem Glas sein sollten. Dort, wo eine neue Gesellschaft entstanden war, eine Gesellschaft, weit höher entwickelt, als sie es hier je sein könnten. So viele Geschichten und sie wusste nicht, welche davon der Wahrheit entsprachen. Als Kind hatte sie gerne den Händlern zugehört, die in Dorestad Halt machten, um ihre Waren zu verkaufen. Es gab welche, die behaupteten, Utopia schwebe hoch in den Wolken. Andere meinten, die Stadt läge auf dem Meeresgrund. Vermutlich war es eine Stadt, wie jede andere auch. Ein Schandfleck, genau wie Dorestad.