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Hals über Kopf reist Robin, ein junger Vater, seiner Frau hinterher. Was muss er ihr so dringend sagen? Während der Zug durch das überschwemmte Ahrtal gleitet, blickt er zurück auf seine Entscheidungen. Wie vertretbar ist es, ein Kind in diese Welt zu bringen, in der eine Naturkatastrophe die nächste jagt? Ein zarter und kluger Roman über eine der großen Fragen unserer Zeit.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2024
Peter Zantingh
Roman
Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing
Diogenes Tapir
Für Esper
Es sollte ihn nicht geben.
Aber es gab ihn, und wir nannten ihn Mats. Wir gingen in die Stadt, und es war, als wären alle Wände in einem anderen Farbton gestrichen, alle Stühle und Tische verrückt worden. Eine ganze Stadt, um zehn Zentimeter versetzt. An der Tür zu einem Café machte ein Mann höflich Platz, Babys haben Vorrang, sagte er, und ob er einen kurzen Blick auf das neue Leben werfen dürfe, das an meiner Brust schlief, ein so vertrautes Gewicht, dass ich nach hinten kippen würde, wäre ich plötzlich wieder allein. Ist ja noch ganz frisch, sagte der Mann und blickte uns an, und wir beide stammelten ein paar Sekunden herum, weil es genauso gut eineinhalb Stunden oder drei Wochen hätten sein können.
Er lernte laufen und sprechen. Wie einen Karteikasten durchsuchte er sein sich täglich erweiterndes Vokabular, schnappte nach dem richtigen Wort, bis er es erwischte. Wir warteten geduldig mit der nächsten Portion auf dem Löffel. Er sah, wie sich Welt und Waschmaschine drehten. Wollte ein Lied in Dauerschleife hören. Streckte einen Finger in die Luft und sagte: Eins. Trat gegen einen Ball und entpuppte sich als Linksfüßer.
Tess beobachtete ihn manchmal dabei, wie er nach dem Duschen in seinem Frotteeponcho ins Kinderzimmer tappte und Fußabdrücke hinterließ, und dann sagte sie: Den haben wir gemacht, Robin, weil diese Erkenntnis sie regelmäßig überkam und sie nicht wusste, was sie mit der überwältigenden Tatsache anfangen sollte.
In den wärmsten Nächten, wenn er unter dem Flachdach nicht schlafen konnte, saß ich neben ihm. Bei Platzregen versteckte er sich unter einem Baum und unter seiner Mutter.
Eine Sintflut steuerte auf uns zu, und wir hatten neues Leben ins Wasser geschubst, wie Moses in der Bibelgeschichte, nur umgekehrt.
Ich habe alles. Und trotzdem: Genau in dem Augenblick, in dem die Holzbänke vom Utrechter Hauptbahnhof anfangen, sich aus dem Bild zu schieben, bin ich mir sicher, dass etwas fehlt. Eine halbe Sekunde lang bin ich davon überzeugt, mich im Gleis geirrt oder meine Tasche draußen stehen gelassen zu haben. Es ist der Versuch, das Unumkehrbare aufzuhalten.
Im Stillstand war noch alles möglich.
Ich stelle den vollgestopften Rucksack auf meinen Schoß, zuerst, um auch meinen Tastsinn davon zu überzeugen, nichts vergessen zu haben, dann, während wir uns der Höchstgeschwindigkeit nähern, um ihr Buch aus dem gepolsterten Seitenfach herauszuziehen. Ich streichle den matten Umschlag, als wollte ich sie damit heraufbeschwören, und klappe es vorsichtig auf.
Sechs Stunden und sechsunddreißig Minuten liegen zwischen ihr und mir, fast siebenhundert Kilometer. Das hier ist ihr Hilferuf, ihre Drohung, es verlangt so unmittelbar nach einer Antwort, dass ich unangekündigt unterwegs bin. Vielleicht bin ich schon zu spät.
Es sind zwölf großflächige Illustrationen, mit Bleistift, Kreide, Holzkohle und Farbe gefertigt, auf vierundzwanzig unnummerierten Seiten aus rauem, recyceltem, hundertsechzig Gramm schwerem Papier. Ich weiß noch, wie glücklich sie war, als sie die Probedrucke zugeschickt bekam, als würde das Gewicht des Papiers unterstreichen, wie gut ihre Arbeit war.
Meistens zeichnete sie im Gästezimmer, stundenlang, auch abends. Wenn ich am nächsten Morgen hineinspähte, während sie noch schlief, sah ich die diagonal gekippte Tischplatte, an der sie gestanden hatte, den großen, mit einer breiten Klemme befestigten Papierbogen, die gesammelten Bleistiftspäne in einem Whiskeyglas aus Bleikristall auf der Fensterbank und ihre Zeichenutensilien auf dem Hocker in der Ecke, wo sie vor nicht allzu langer Zeit, bei einer anderen Art der Tagträumerei, die Kommode entworfen hatte.
Es ist warm, und es wird immer wärmer. Die letzten in Utrecht zugestiegenen Fahrgäste suchen ihre Plätze. Ich suche das Bild in der Mitte des Buches und nehme das Papier in meine angespannten, sich unwillkürlich streckenden und krümmenden Finger. Das sind Muskelkrämpfe, die bis in meine Schulter und meinen Nacken ausstrahlen. Die Schmerzen werden mir wahrscheinlich noch vor Arnheim Kopfweh bescheren. Ein Tic, das ist es, und es gibt nur zwei Arten, ihn zu überwinden: Ich kann mit absoluter Konzentration und Willenskraft versuchen, dieses sich wiederholende Anspannen der Muskeln zu unterdrücken, was irgendwie das Gegenteil von Achtsamkeit wäre, oder ich kann mich so sehr ablenken, dass Kopf und Körper es kurz vergessen.
Da! – Man erkennt sie in jedem Detail. Die naturgetreuen Farben, die absichtlich bis knapp über die Konturen geführten Pinselstriche. Mit dem Blick an einer scharfen Kante hängen zu bleiben, ist unmöglich; alles ist abgerundet, gefeilt. Ich erlebe erst jetzt, während die Sonne höhersteigt und wir die Gemeinde Utrechtse Heuvelrug durchqueren, was andere über ihre Arbeit gesagt haben: dass es egal sei, wo man hinschaue, denn immer wandere der Blick wie von selbst zu den Gesichtsausdrücken. Sogar bei einer Zeichnung wie dieser. Das Bild zeigt eine Vogelperspektive, so detailliert wie ein Stadtplan, mit einem Waldstück, das die ganze linke Seite einnimmt und über den Buchfalz hinauswächst, es gibt pilzförmige Wegweiser auf den Lichtungen, Wanderer mit gutem Schuhwerk, ein Pärchen mit Kinderwagen, eine Gruppe von Tieren in einem Kreis, als würde gerade diskutiert, wer heute Protokoll führt, teilweise überwucherte Holzschwellen, und ganz oben in der Ecke, neben meinem rechten Daumen, findet ein spontanes Konzert statt, auf dem ein winziges Männchen mit Bart auf einem Flügel spielt und zehn bis fünfzehn Menschen auf Holzpaletten sitzend zuhören. In der Zeichnung ist es April, vielleicht Mai, die Frühlingsgefühle sind gerade erwacht.
Sie baut gerne persönliche Anspielungen in ihre Arbeiten ein. Man kann uns auf jeder Seite finden, ich immer links von ihr, sie rechts von mir, immer von hinten, als würden wir uns im nächsten Bild noch mal umdrehen, um dann von der Buchseite zu laufen.
Ich erkenne uns auf den Holzpaletten neben dem Wald. Auf einem der ersten Bilder entdecke ich uns neben einer Straßenlaterne, mitten in der Nacht, wir kennen uns seit ein paar Wochen und wurden gerade vom Personal des Cafés Olivier nach draußen komplementiert. Auf einer anderen Zeichnung sitzen wir auf einer Bank am Ende eines penibel gepflegten Gartens, der nicht uns gehört. Ich blättere weiter, und auch da finde ich mich, auf einer der letzten Seiten, neben einem ockerfarbenen Kombi. Die Heckklappe ist geöffnet, sodass die ersten Sonnenstrahlen jenes Freitagmorgens auf die hineingehievten Reisetaschen fallen. Sie steigt ein.
Ich träume nur selten vor mich hin, auf jeden Fall nicht so wie sie. Ich hübsche die Realität höchstens auf. Aber das hier war, vor langer Zeit, eine ebenso einfache wie verlockende Zukunftsvision, die ich mit ihr geteilt habe: das Leben in ein paar Kubikmetern einzufangen, es dort zu bewahren und alles andere auf null zu setzen. Das werden die anderen, die dieses Buch in die Finger bekommen, nicht wissen, aber ich schon, und sie auch.
Ich höre nicht auf, das Bild zu fixieren, als würde ich sie auf diese Weise sehen. Lernen, sie immer besser zu verstehen.
Im Zug kann ich nachdenken, sagte sie, als ich sie heute Morgen zum Bahnhof gebracht habe.
Das schrille Piepsen der Türen schallte durch die fahlweiße Halle, ein einzelner Reisender im Eiltempo, das Karussell der Durchsagen, das sich auch dann weiterdreht, wenn keine Oberleitungen kaputt sind oder Bäume umgeweht wurden; als müsste eine unangenehme Stille gefüllt werden. Am Bahnsteig stand der ICE schon bereit, die Nase spitzer und weltgewandter als bei der Regionalbahn, die gegenüber auf der Pendelstrecke Richtung Tiel wartete. Die Sonne schien noch gerade so unter die Überdachung.
Mir fielen ihre grünbraunen Augen wieder auf. Diese Augen, mit denen sie sich durchs Leben improvisierte und immerzu neugierig und intuitiv die Zukunft abtastete.
Wie lange hatte ich sie nicht mehr gesehen? Wirklich gesehen? Es fühlte sich so an, als hätte ich, wenn wir uns beim Frühstücken gegenübersaßen, mindestens ein Jahr lang nicht mehr vom Teller aufgeschaut. Und wann hatte ich sie zuletzt im Bett angesehen? Früher, ja, da habe ich sie angesehen, und sie mich, wenn ich in ihr kam. Eine Intimität, die im Nachhinein aufgesetzt wirkt. Das Schauspiel junger Geliebter.
Sie kam näher und schlang ihre Arme um mich. Mit ihrer Nase an meinem Hals und den Händen auf meinen Schultern sagte sie: Im Zug kann ich nachdenken.
Worüber, das habe ich sie nicht gefragt.
Ich wartete, bis der Zug außer Sichtweite war, und fuhr nach Hause. Mit meiner Schulter drückte ich die von der Wärme verzogene Tür unserer Wohnung in Tuinwijk auf. Vor der Treppe lag von gestern noch eine durch den Briefschlitz geworfene Karte vom Paketdienst: In der Packstation beim Supermarkt wartete etwas auf uns.
Mit einem schweren, fußbankgroßen Karton ging ich wieder nach Hause. Ihr Name stand auf dem Paket, und der Absender verriet, dass es von ihrem deutschen Verlag stammte.
Zu Hause stellte ich den Karton auf den Esstisch. Mit einem Küchenmesser durchtrennte ich das Paketband. Erst danach frage ich mich, ob ich nicht hätte warten müssen, bis sie wieder zu Hause war. War das hier ein besonderer Augenblick? Ihr erstes eigenes Buch. An nichts hatte ich sie härter und intensiver arbeiten sehen. Es würde zeitgleich in Deutschland und den Niederlanden erscheinen; die Deutschen waren mit dem Verschicken der zwanzig Belegexemplare also etwas schneller gewesen.
Jedes Buch war in dünne, straff gespannte Folie gehüllt. Ich nahm ein Exemplar aus dem Karton, wog es in der Hand, zog die Folie ab und schlug es auf irgendeiner Seite auf. Dann klappte ich es zu und fing vorn an, so wie es sich gehört.
Ich schaute und wusste, dass es kein Zufall war. Ich blätterte, immer schneller, bis zur letzten Zeichnung. Mit zitternden Händen schlug ich es wieder zu, für einen kurzen Moment glaubte ich, es verdecken zu können, so zu tun, als hätte ich es nicht gesehen.
Aber da wusste ich schon, dass ich zu ihr musste.
Arnheim kommt in Sicht. Der Zug wird die letzten inländischen Reisegäste von sich abschütteln, und ich werde noch gute sechs Stunden unterwegs sein. Ich nehme mein Handy und schreibe eine Nachricht. Ich fahre dir hinterher.
Nein – der Cursor löscht wieder alles. Sie wird wissen wollen, warum, und das geht nicht übers Handy. Ein Blick auf die linke obere Ecke des Bildschirms. Kurz nach halb zwölf.
Während wir Arnheim wieder verlassen, steht Mats mit weiß-grünen Klettverschlussschuhen auf dem gegenüberliegenden Platz, er drückt seine runde, weiche Nase am Fenster platt und haucht auf die Scheibe. Obwohl es mir lieber wäre, er täte das nicht, weil sich auf dem Zugfenster mit Sicherheit allerlei Bakterien tummeln, bin ich plötzlich maßlos glücklich, denn da ist mein Sohn, sein Leben hat vor etwas mehr als zwei Jahren begonnen, und es ist genau so, wie es ist.
Es hätte genauso gut nicht passieren können. Als Tess und ich zum ersten Mal im selben Raum waren, bekamen wir das beide nicht mit. Erst später, als Paar, kamen wir zu dem Schluss, dass sie 2008 die letzten Stunden des Jahres bei mir zu Hause gewesen sein musste. Ich bewohnte mit zwei Kommilitonen eine Wohnung am Smaragdplein, in einer Nachkriegsbaute ohne Zentralheizung. Einer meiner Mitbewohner zählte Tess zu seinem Freundeskreis und hatte sie eingeladen, neben ungefähr zehn anderen, die wiederum Bekannte mitbrachten. Mein Beitrag beschränkte sich auf drei meiner besten Freunde, Jungs, die ich schon seit der weiterführenden Schule kannte und mit denen ich damals ein monatliches Pubquiz organisierte. Insgesamt waren es viel zu viele Leute für unser kleines Wohnzimmer.
In den folgenden Jahren kam der Silvesterabend oft zur Sprache. Er wurde zu einer Anekdote, die man anderen erzählte oder immer mal wieder einander, und dann fing vor allem sie von den Momenten an, in denen das Leben versuche, einem unter der Ladentheke eine andere Version zu verkaufen, einem aufzeige, wie es auch laufen könnte. Allerdings müsse man gut aufpassen, da man genauso gut blind dafür sein könne. Ich hatte damals neben dem tickenden Gasofen auf der breiten Fensterbank gesessen, neben einem meiner Jugendfreunde und dem tragbaren Lautsprecher, der M83Saturdays = Youth abspielte, es war das Jahr, in dem uns das Album die Welt des Ambient-Genres eröffnete, und es war der Abend, an dem wir Pläne für ein groß angelegtes Popquiz schmiedeten, ich würde mir die Fragen ausdenken, und er würde moderieren. Wir vergaßen alles um uns herum, wozu eben auch sie gehörte, die auf dem beigen Zweisitzer von Ikea saß. Um zwölf Uhr wünschte jeder jedem ein frohes neues Jahr, und jeder küsste jeden, sie mich also auch und ich sie, so muss es gewesen sein. Danach radelte sie weiter zu einer anderen Party und ich nicht.
Ich hole zwei Pässe aus dem Innenfach des Rucksacks. Der nächste Halt ist in Deutschland. Es ist unwahrscheinlich, dass sie jemand sehen will, aber ich bin lieber vorbereitet. Ich öffne das neueste, am wenigsten abgenutzte Büchlein und betrachte das Foto.
Er existiert. Er ist hier.
Weil wir uns noch mal begegnet sind, Tess und ich, ein paar Wochen nach dem Jahreswechsel. Es war der 17. Januar 2009, und wir bildeten im Osten von Utrecht mit ungefähr 2500 anderen eine Menschenkette durch das Landgut Amelisweerd, um gegen neue Pläne für eine Autobahn zu demonstrieren, die durch das dreihundert Hektar große Stück Natur mit seinen Wanderwegen, den sich über den schlängelnden Fluss beugenden Kappweiden und den vierzig, fünfzig Meter hohen Buchen führen sollte, die dort schon standen, als das Grundstück noch Napoleon gehörte. Die Menschenschlange führte an der geplanten Strecke vorbei, über Land, das jetzt noch sumpfig und grün war und von dem man auf die Bauernhöfe und Verteidigungsanlagen der Neuen Holländischen Wasserlinie blickte. Ruhig, fast gelassen zogen wir durch den dünnen Nebel. Über uns flog ein Helikopter, Klangfetzen einer Blaskapelle wehten herüber – und sie war da, ihre Finger legten sich um meine. Sie hielt meine Hand fest, bis es keinen Temperaturunterschied mehr gab.
Links von mir: mein Vater, der sich zum x-ten Mal dazu gezwungen sah, sich für das einzusetzen, was er »den Garten von Utrecht« nannte. Alle paar Minuten klopfte ihm ein alter Bekannter auf die Schulter, einer nach dem anderen kamen sie vorbei, die Aktivisten der Atomkraft-Nein-danke-Zeit, jetzt mit gestutzten Bärten und tief hängenden Augenlidern, und dann ließen sie gemeinsame Erinnerungen über den Spätsommer 1982 aufleben, als eine heterogene Gruppe von Utrechter Akademikern, Umweltaktivisten, Hausbesetzern, Abgesandten der Anti-Atomkraft-Bewegung und Zweite-Welle-Feministinnen diesen Wald eine Woche lang besetzt hatte.
Damals verfolgten die Behörden den Plan, einen fünfundzwanzig Meter breiten Streifen zu roden, um Platz für die Autobahn »Rijksweg 27« zu schaffen. Die Eichen, Ahorne, Buchen, Ulmen, Pappeln, Kastanien, Birken, Eschen und Erlen, die auf der Todesliste standen, waren mit einem weißen Punkt markiert worden, als hätte man mit einem Fußball gegen die Stämme geschossen. Mein Vater und Hunderte andere verschanzten sich sowohl auf dem fruchtbaren Marschland als auch in den Bäumen in selbst gezimmerten, mit Losungen besprühten Hütten und widersetzten sich mehreren Angriffen und Räumungsversuchen der Einsatzkommandos.
Meine Mutter war nicht dabei. Sie hatte als junge Studentin ein paar Jahre zuvor das Café Marktzicht an der Breedstraat betreten und ihn dort kennengelernt, eines der am wenigsten lautstarken und gleichzeitig aktivsten Mitglieder der Protestgruppe, die etwas früher an jenem Abend in der Nähe getagt hatte. Ausschließlich von Verliebtheit getrieben, schloss sie sich der Gruppe an, ein schüchternes Mädchen aus einer protestantischen, nordholländischen Familie. Nach den ersten Gewaltausbrüchen zwischen Demonstranten und Polizisten beschloss sie, fortan in ihrem Wohnheim zu bleiben und auf seinen erlösenden Anruf zu warten.
Der Kampf wurde trotz allem verloren. Ein aus dem ganzen Land zusammengetrommeltes, tausend Mann starkes Sonderkommando jagte an einem Freitagabend im September 1982 alle aus dem Wald. Drei Stunden später waren die Bäume unter den stählernen Gleisketten mehrerer gelber Caterpillar D8-Bulldozer verschwunden, und Amelisweerd wurde künftig von zehn Fahrspuren durchschnitten.
Jahrelang hatte ich eine gewisse Kampflust wahrgenommen, wenn mein Vater von jener Zeit erzählte. Als Produkt einer anderen Generation und Sohn meiner Mutter war ich weniger militant eingestellt als er in seiner Hochphase, doch am Tag der Menschenkette, mit Mitte zwanzig, nahm ich auch bei mir diesen alles beherrschenden Eifer wahr, der einen dazu bringt, sich für seine Überzeugungen einer schwer bewaffneten Hundertschaft entgegenzustellen. Nicht trotz, sondern wegen der gehörigen Tracht Prügel, die man kassieren wird. Weil Veränderung nun mal wehtut.
Aber ich stellte bei meinem Vater auch und immer öfter eine gewisse Verbitterung und Resignation fest, wenn es um den vergeblichen Protest im Wald ging. Der Kampfgeist war aus seinem alternden Körper gewichen und hatte einer Melancholie Platz gemacht, die ihn immer mehr vereinnahmte. Später – ja, später wurde er schweigsamer und schweigsamer. Aber vielleicht bemerkte ich das damals, an jenem Samstag im Jahr 2009, zum ersten Mal. In das Gespräch zwischen Tess und mir mischte er sich nicht ein. Dennoch empfand ich seinen gedämpften Enthusiasmus nicht im Ansatz so unerhört wie die halbherzige Teilnahme meiner eigenen Generation, deren sehr kleine Delegation herumlief, als wäre an einem Samstag mit einem Kochlöffel auf einen Topf schlagen das Äußerste, das sie zu geben bereit waren.
Hielt ich ihre Hand immer noch? Nein, aber sie stand noch neben mir. Sie sagte entschuldigend, sie kenne die Gegend nicht besonders gut, und sah sich um, während sie einen fast aufgebrauchten Collegeblock in ihren Rucksack steckte, den sie sich wieder über die Schulter warf. Sie nahm teil, weil die Organisatoren sie darum gebeten hatten, ein Plakat für die Protestaktion zu gestalten.
Sie trug einen dunkelblauen Parka, der bis über ihr Gesäß reichte, und darunter einen leichten Pullover mit Zopfmuster und weitem Rundhalsausschnitt. Die hochgesteckten Haare hatten einen dunkleren Goldton als die Strähnen, die neben ihren kleinen Ohren herabhingen. Zum ersten Mal bemerkte ich ihre grünbraunen Augen. Sie suchte wieder nach meiner Hand. »Besser die Kette nicht unterbrechen«, sagte sie. Das Hand-in-Hand-Gehen wurde von den Demonstranten längst nicht konsequent durchgezogen, doch die Pressefotografen standen auf der anderen Seite des Kromme Rijn, und sie kannte die Kraft der Bilder.
Ich nickte in Richtung Rucksack und fragte, was sie gezeichnet hatte.
»Oh«, sagte sie leicht abwesend. »Nichts. Ich dachte kurz, da sei was gewesen. Eine Idee.«
Sie starrte einen dunklen Betonbunker rechts von uns auf der Wiese an, löste sich kurz von mir und zeigte in seine Richtung, als hoffte sie, er würde dadurch etwas preisgeben. Ihr etwas erzählen. Dann schüttelte sie es von sich ab.
»Wird schon gut gehen«, sagte sie zu niemandem und über nichts im Besonderen, als wäre sie bereits kurz in der Zeit vorgereist und mit dieser beruhigenden Gewissheit in die Gegenwart zurückgekehrt.
Dann drehte sie sich zu mir um und sagte ihren Namen.
Mats war viereinhalb Monate alt, als wir das Dokument für ihn beantragten. Damals gab es ihn schon auf viel mehr Arten, als ich es mir vor seiner Geburt je hätte vorstellen können. Der Gedanke, dass niemand ihn so kannte wie wir beide, erfüllte mich manchmal mit einem Gefühl unantastbarer Intimität. Er wuchs vor unseren Augen und in unseren Köpfen auf und verschaltete die Kabel auf eine Weise, die vor allem mich überwältigen konnte – oh, diese Euphorie so ungefiltert zuzulassen, ich, der nur in der Wiederholung leben konnte, ich, der das Glück für gewöhnlich nur erkannte, wenn es als Erinnerung verpackt war.
Und trotzdem: Er existierte nicht. Die ersten zweiundsiebzig Stunden zum Beispiel, als ich das in einer winzigen blutroten Faust geballte Leben noch nicht bei einem Beamten am Schalter gemeldet hatte. Und auch nicht, monatelang nicht, gemäß den grenzüberschreitenden und in internationalen Abkommen verbrieften Bedingungen, unter denen der fortbewegungsfähige Mensch existieren darf. Dafür brauchte es einen neuen Termin im Bürgeramt. Dafür brauchte man dieses rote Büchlein. Seine Unterschrift fehlt, hier wurde dem Baby Aufschub gewährt, allerdings musste es auf das Foto, musste sein Gesicht vollständig und innerhalb des Rahmens zentriert werden, gleichmäßig belichtet, vom Scheitel bis zum Kinn minimal neunzehn und maximal dreißig Millimeter, die Augen nicht bedeckt.
Das Augenpaar gegenüber von mir folgt jetzt den vorbeiziehenden Häusern. Immer wieder bleiben sie kurz hängen, lassen los und suchen einen neuen Fixpunkt. Danach bemerkt er mit strahlendem Erstaunen das Stück Croissant in seiner linken Hand. Ein zweijähriger Junge kann ein Brotstück in seiner eigenen Faust finden wie ein Erwachsener einen Fünf-Euro-Schein in einer alten Jeans.
Bei den Ruinen von Fort Westervoort biegt der ICE kreischend rechts ab, um danach die IJssel zu überqueren und auf dem Bahndamm durch das Örtchen selbst zu fahren.
»Westervoort«, sage ich und zeige nach draußen. »Hier hat Mama früher gewohnt. Hier hat deine unglaubliche Vorgeschichte gewissermaßen angefangen.«
»Ja«, sagt er, achtlos, als erzählte ihm sein Vater nichts Neues.
Ihre Geschichte nahm, wenn man sie selbst danach fragte, ihren Anfang, als ein dreiundzwanzigjähriger Mann namens Lothar Buske im Mai 1940 seine Frau Ilse auf den blonden Scheitel ihrer Stirn küsste, versprach, in ein paar Wochen wieder zurück zu sein, und mit einem der sieben an Grenzbahnhöfen bereitstehenden Züge in die Niederlande einfiel.
Mittlerweile weiß ich, wie Tess denkt: Alles zieht Folgen nach sich. Es sind Linien, die sie weiterziehen kann. Sie streitet die Existenz des Zufalls nicht ab, weist aber gerne darauf hin, dass es genauso gut einen logischen Zusammenhang geben kann, der sich schlicht und einfach außerhalb der menschlichen Wahrnehmung befindet. Ich erkenne das auch in ihren Zeichnungen: Alles ist immer gleichzeitig in Bewegung, Geschichte und Zukunft in einem Bild. Die Flaschenpost wird auf derselben Seite verschickt und gefunden. Für jemanden, der ein Leben rettet, wird ein paar Zentimeter weiter schon ein Denkmal errichtet.
Lothar Buske starb vor Westervoort. Er saß mit Dutzenden anderen schwer bewaffneten Soldaten in einer gepanzerten Dampflokomotive, die in der ersten Nacht des Krieges auf die andere Seite der IJssel gelangen sollte, um von dort aus sofort zur Grebbe-Linie vorzustoßen. Aber der Überraschungsangriff auf die Brücke scheiterte: Man hatte die niederländische Verteidigungsanlage auf der anderen Seite des Flusses gewarnt, die die Brücke sprengte. Buske war kurz zuvor mit vier weiteren Soldaten losgeschickt worden, um die von den Niederländern hastig errichteten Blockaden aus dem Weg zu räumen. Die Sprengsätze gingen an zwei Stellen hoch. Mit einem ohrenbetäubenden Getöse fielen die Brückenbögen ins Wasser des breiten Flusses.
