Corona erleben - Wolfgang Schmidbauer - E-Book

Corona erleben E-Book

Wolfgang Schmidbauer

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Beschreibung

Aus seiner langjährigen psychologischen Praxis heraus analysiert Wolfgang Schmidbauer die Strukturen des einfach aufgebauten Problems im Gegensatz zu einem komplexen Dilemma während der Corona-Krise und sieht besorgt auf das zunehmende Unvermögen der Gesellschaft, mit dem vielschichtigen Dilemma angemessen umzugehen. Die Stärkung des Immunsystems etwa ist eine komplexe Angelegenheit, die nicht dem Aktion-Reaktions-Schema folgt: Wer ältere Menschen zum Schutz vor einer Infektion isoliert, erreicht eventuell genau das Gegenteil. Wer Menschen verweigert, an der frischen Luft Sport zu treiben, nimmt ebenfalls ein gewisses Gesundheitsrisiko in Kauf. Ebenfalls nicht zu unterschätzen: Die Kraft der Metaphern auf die Psyche all derjenigen, die in und mit der Corona-Krise einen Alltag bestreiten müssen. Sind wir wirklich im Krieg? Gegen wen? Die Natur, zu der wir selbst gehören und deren Schieflage wir selbst mitverursacht haben? In seinem Essay in Kursbuch 203 plädiert der Psychoanalytiker für einen angemessen heterogenen Umgang mit Fragen, die keine einfache Lösung haben.

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Seitenzahl: 21

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Inhalt

Wolfgang SchmidbauerCorona erlebenEin notwendiger Zwischenruf

Der Autor

Impressum

Wolfgang SchmidbauerCorona erlebenEin notwendiger Zwischenruf

1969 saß ich an meiner Promotion über die psychologische Deutung von Mythen und verdiente meinen Lebensunterhalt als Medizinjournalist. In diesem und im folgenden Jahr forderte eine Influenza-Pandemie, deren Ursprung in Hongkong lag, weltweit mindestens zwei Millionen Todesopfer. In der Bundesrepublik Deutschland starben etwa 40 000 Menschen mehr als sonst. Auf dem Gebiet der DDR schätzte man ebenfalls viele Tausend Opfer. Statistiken darüber lieferte das sozialistische System ebenso wenig, wie es Aussagen über die Suizidrate seiner Bürger traf.

Kopfschmerzen, Schnupfen, Husten, Schluckbeschwerden und Brustschmerzen waren die ersten Symptome. Das Fieber stieg rasch auf bis zu 40 Grad. Spezifische Medikamente oder einen Impfstoff gab es nicht. Die Krankenhäuser waren überfüllt, die Patienten lagen auf den Gängen, die Weihnachtsferien 1969 wurden verlängert, weil wegen der hohen Krankenzahlen kein geregelter Unterricht möglich war.

Die Meldungen zur Pandemie blieben im Kleingedruckten. »Katastrophale Lage durch Grippe in den USA«, »Zwölf Millionen Italiener grippekrank« oder »Legt Grippe Trambahn lahm? 490 Fahrer und Schaffner erkrankt« waren damals Randnotizen in der Süddeutschen Zeitung. Sie alarmierten niemanden. Ich nahm an den Redaktionskonferenzen des Ärztemagazins Selecta teil, dessen Mitarbeiter ich war. Für die Grippewelle interessierte sich niemand. Die Themen am Tisch waren die Transplantationschirurgie und die Contergan-Affäre; Grippeviren und die von ihnen verursachte Übersterblichkeit konnten das Interesse der Chefredaktion nicht wecken.

Ebenso wie die Asiatische Grippe rund zehn Jahre zuvor galt die Hongkong-Grippe nicht als Gefahr, vor der man sich schützen muss, eher als Schicksal, das die Bevölkerung schon irgendwie bewältigen würde. Dass die echte Grippe eine schwere Erkrankung ist, war allgemeines medizinisches Wissen. Es führte aber zu keinerlei Maßnahmen zur Vorbeugung. Die Wirtschaft litt, viele Mitarbeiter waren im Krankenstand, Todesfälle häuften sich. Das wurde hingenommen. Ich kann mich nicht erinnern, dass in der Fachliteratur, die ich zwischen 1960 und 1970 gut kannte, auch nur ein Autor davon gesprochen hätte, dass es sinnvoll sein könnte, in der Öffentlichkeit eine »chirurgische« Maske zu tragen. Ihr Ort war der Operationssaal, draußen hatte sie nichts zu suchen.