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Vor genau 100 Jahren wurde in Hennef-Geistingen der Ortsverein der SPD gegründet. In der Folge des Ersten Weltkriegs, zu Beginn des Jahres 1919, wurden in vielen Städten und Gemeinden des Rheinlands die parteiorganisatorischen Voraussetzungen geschaffen, sich als Sozialdemokrat politisch im Rahmen einer geordneten Parteistruktur zu betätigen. Viele Bilder, Fotos und Zeitungsausschnitte dokumentieren die Entwicklung der SPD in Hennef, die eng verbunden ist mit der Geschichte der Stadt. Die Zeitdokumente geben Einblicke in die schwierigen Jahre des deutschen Kaiserreiches, als Sozialdemokraten von den heimischen Industriellen mit Aussperrung und Entlassung bedroht waren. Ausführlich wird auf die Gründungsphase der SPD eingegangen. Dieser Zeit von Elend und Armut nach dem 1. Weltkrieg folgten die Weimarer Republik und die Nazizeit mit der Verfolgung und Inhaftierung von Genossen, dem Verbot der SPD und schließlich der Zweite Weltkrieg. In den schwierigen Nachkriegsjahren, dem Wiederaufbau und den Zeiten des Wirtschaftswunders kämpfte die SPD auch in Hennef für sozial verträgliche Regelungen auf kommunaler Ebene. Dem Zusammenwachsen der drei ehemaligen Gemeinden Hennef, Uckerath und Lauthausen zur heutigen Stadt Hennef mit all ihren Problemen und Vorbehalten ist ein weiteres Kapitel gewidmet.
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Seitenzahl: 268
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorwort
Hennef und die Sozialdemokratie im Kaiserreich
Schwieriger Start 1919
Die Weimarer Zeit von 1920 bis 1933
Vorläufiges Ende und Verfolgung: 1933 bis 1945
Der Wiederbeginn in den Jahren von 1945 bis 1949
Die Zeit des Aufbruchs von 1949 bis 1969
Großgemeinde Hennef: 1969 bis 1981
Stadt Hennef: 1981 bis heute
Anhang:
Frauen in der Politik, sozialdemokratische Frauen in Hennef
Grußworte
Quellenverzeichnis
Bildernachweis
Die Geschichte einer Partei vor Ort ist immer verknüpft mit den Gegebenheiten vor Ort, mit dem, was in einer Kommune anstand oder gerade geschah. Dies gilt natürlich auch für die Geschichte der SPD in Hennef. Sie ist nur zu verstehen, wenn man die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der jeweiligen Zeit, die Einordnung in die politische Landschaft Deutschlands und des Rheinlands kennt und weiß, was in der Gesamtgemeinde Hennef mit Lauthausen und Uckerath vor sich ging und wie die Aktivitäten der Sozialdemokratie in diesen Zusammenhängen einzuordnen sind. Deshalb werden in der vorliegenden Schrift auch immer wieder in Kürze die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse dargestellt und die besonderen Gegebenheiten auf kommunaler Ebene aufgezeigt.
Die vorliegende Schrift ist keine wissenschaftliche Abhandlung über die Entwicklung einer Partei in den letzten hundert Jahren; sie stellt auch nicht diesen Anspruch. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; ich musste Auswahlen treffen. Sie ist vor allem als Sammlung von Erinnerungen konzipiert und deshalb mit vielen Dokumenten aufgefüllt. Die Beschreibung der jüngeren Geschichte - die den Lesern größtenteils selbst bekannt sein dürfte - ist insgesamt knapp ausgefallen.
Die Geschichte der SPD Hennef war nicht einfach zu recherchieren, die Aktenlage für die ersten Jahre ist ausgesprochen dünn. So existiert bei der SPD in Hennef selbst kein Archiv, mit dem gearbeitet werden könnte, es gibt keine Unterlagen aus der Zeit vor der kommunalen Neuordnung, genauer gesagt, bis in die Mitte der sechziger Jahre. Zum Glück kann aber hier auf Zeitungsberichte, Ratsprotokolle und Einzelunterlagen, teilweise für die Nachkriegszeit auch auf Zeitzeugenberichte zurückgegriffen werden. Eine Recherche kann für diese Zeit oftmals nicht auf parteieigenes Material zurückgreifen, sie ist auf Quellen außerhalb der SPD angewiesen.
Auch im noch zu ordnenden Archiv des Unterbezirks Rhein-Sieg, des Kreisverbandes der SPD für den Rhein-Sieg-Kreis, finden sich kaum nutzbare Unterlagen für eine Aufbereitung der SPD-Geschichte. Die Aktenlage für die SPD Hennef im Archiv des Kreisverbandes ist als überaus mäßig zu bezeichnen, was wohl daran liegt, dass so gut wie keine Unterlagen aus Hennef, Uckerath und Lauthausen an den Kreisverband weitergegeben wurden.
Die Akten des SPD-Bezirks Mittelrhein sind an das Historische Archiv der Stadt Köln abgegeben worden und bilden dort den Bestand 1275. Die Akten zum Siegkreis, dem Vorläufer des heutigen Rhein-Sieg-Kreises, setzen erst mit dem Jahr 1963 ein; vorher gibt es nichts, das als brauchbares Material genutzt werden könnte. Diese Akten können nur im Einzelfall vorgelegt und eingesehen werden, da nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs im März 2009 noch nicht alle Akten vorliegen bzw. in auswärtigen Archiven untergebracht sind.
Grundsätzlich gilt aber darüber hinaus, dass zumindest die Akten der SPD aus den frühen Jahren bis 1945 fast gänzlich verschwunden sind. Ursache dafür sind die Diktatur des Nationalsozialismus und die Zerstörungen des Weltkriegs. 1933 wurden die Unterlagen und Akten der SPD zum Schutz der betroffenen Genossen/innen von den eigenen Funktionären vernichtet (z. B. Mitgliederlisten), ehe sie in die Hände der NSDAP fielen. Das, was im Bereich Mittelrhein dann dennoch von den Nazi-Schergen gefunden wurde, vernichteten diese, um die Erinnerung an die SPD zu löschen. Das Material, das dann immer noch dieser Zerstörung entging, fiel größtenteils - zumindest das, was die SPD in Köln noch in geheimen Archiven lagerte - den Verwüstungen des Krieges zum Opfer. Somit existieren so gut wie keine Mitgliederlisten und Organisationsstände aus den frühen Jahren; für den Bereich der Stadt Hennef gar nichts. Als Quelle bleiben die erhalten gebliebenen Rechenschaftsberichte und Parteitagsprotokolle der oberen Rheinprovinz, die bei der Bearbeitung dieser Zeit eine wichtige Rolle spielten und viele Hinweise lieferten.
Daneben ist es als Glücksfall zu bezeichnen, dass für den Bereich Hennef eine Zeitung, die Hennefer Volkszeitung, fast vollständig erhalten ist und im Archiv der Stadt Hennef vorliegt. Diese Zeitung erschien in den frühen Jahren der Gründung und gibt hinreichend Auskunft über die Entwicklung der SPD in dieser Zeit. Während der Nazidiktatur erging es ihr wie vielen anderen Nachrichten-Blättern, ihr Vertrieb wurde eingestellt.
Neben dieser Quelle wurden Unterlagen aus privatem Besitz gesichtet und viele Gespräche mit Zeitzeugen und deren Nachfahren geführt. Außerordentlich wertvolle Hilfe bekam ich aus den Archiven des Rhein-Sieg-Kreises und der Stadt Hennef. Deshalb sei hier an dieser Stelle den Leiterinnen der Archive, Frau Dr. Arndt für den Rhein-Sieg-Kreis und Frau Rupprath für das Archiv der Stadt Hennef, sehr herzlich gedankt.
Großer Dank gilt auch allen, die an der Fertigstellung des Buches mitgearbeitet haben, vor allem den Förderern und Sponsoren, durch deren großzügige Unterstützung dieses Buch erst möglich geworden ist. An erster Stelle ist hier der Landschaftsverband Rheinland zu nennen, der das Vorhaben dieser Schrift in besonderer Weise gefördert hat; weiterhin haben sich Orts- und Kreisverband der SPD und die jeweiligen Fraktionen in Hennef und im Rhein-Sieg-Kreis mit ihrer finanziellen Unterstützung an einem Gelingen des Buches beteiligt.
Herzlich gedankt sei Dominique Müller-Grote für seine Arbeit als Lektor, der mich auf einige Fehler aufmerksam gemacht hat und viele Verbesserungen vorschlug. Norbert Reitz sei ein ganz besonderer Dank gesagt; er hat mit seinen Anregungen und seiner Arbeit bei der Gestaltung des Buches die Umsetzung erst möglich gemacht. Ohne seine Mitarbeit und ohne seinen Einsatz hätte dieses Buch nicht entstehen können.
Das letzte Kapitel "Frauen in der SPD" entstand auf Anregung meiner Frau, die auch den Text zu diesem Kapitel geschrieben hat. Ihr sei an dieser Stelle ausdrücklich für Vieles gedankt, für das letzte Kapitel, für die vielen Anregungen und Informationen, für die begleitende Beratung, für die Korrekturen und natürlich für die Motivation, dieses Buch auch zu Ende zu bringen..
Ein besonderer Hinweis sei auf das Titelbild des Buches gestattet. Nach der Spaltung der SPD und der Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) 1917 wurde die "alte" SPD zur Unterscheidung zumeist als Mehrheits-SPD bezeichnet; deshalb lautet der Wahlaufruf in den unteren beiden Zeilen "Wählt die Mehrheits-Sozialdemokraten". Bei der Wahl zur Nationalversammlung 1919 durften nun auch erstmals Frauen zur Urne gehen, weshalb fast alle Parteien Wahlplakate mit Frauenabbildungen entwerfen ließen. Zuversichtlich blickt die Frau mit der roten Fahne der Arbeiterbewegung in die Zukunft. Hinter ihr geht die Sonne auf - seit der Aufklärung das Symbol eines neuen, eines besseren Zeitalters, das nun beginnen sollte.
Im oberen Teil ist ein Ausschnitt eines Aktendeckels zu sehen mit der Überschrift "Acta specialia, betreffend Socialdemokratie". Das Wort "specialia" ist durchgestrichen und ersetzt durch "generalia". Es soll wohl der Hinweis sein, dass in diesem Ordner alles, was über Sozialdemokraten zu berichten war, generell erfasst wurde. Diese Akten stammen noch aus der Zeit des deutschen Kaiserreiches, als die Bürgermeister der Gemeinden regelmäßig Berichte über die "gemeingefährlichen Umtriebe der Socialdemokratie" anfertigen mussten. Die Akten liegen im Archiv der Stadt Hennef vor.
Hennef, im Januar 2019
Jochen Herchenbach
Stadtarchiv Hennef, Hennefer Volkszeitung vom 23.1.1919
Vor 100 Jahren, am Abend des 25.1.1919 gründeten Hennefer Sozialdemokraten in Geistingen ihre Partei.
Mit dem Ende des 1. Weltkriegs begannen sich die Sozialdemokraten, die bereits der Partei beigetreten waren, in Hennef zu organisieren und luden zu einer Gründungsversammlung nach Geistingen in die Gaststätte Müller (später "Zum Bock" oder "Bock's Lis") ein, um dort ihr Organisationsstatut zu beschließen und erste parteiinterne Wahlen für die Ortsgruppe Geistingen abzuhalten. Daneben wurden "Regelungen" für die am nächsten Tag stattfindenden ersten freien und demokratischen Wahlen zur Preußischen Landesversammlung besprochen, wahrscheinlich, um dort einen ebenso großen Erfolg wie bei den Wahlen zur Nationalversammlung feiern zu können.
Nur zwei Wochen später gründete sich die sozialdemokratische Partei auch in Hennef. Eingeladen wurde zu dieser Versammlung mit einer Anzeige in der Hennefer Volkszeitung vom "Sozialdemokratischen Verein Siegkreis-Waldbröl", der zu dieser Zeit die übergeordnete Parteiorganisation war.
Hennefer volkszeitung vom 30.1.1919
Wie Hennef zu dieser Zeit wahrgenommen wurde, beschreibt der Brockhaus in seiner Ausgabe von 1894.
Brockhaus Band 9, 1894
Arbeiter beim Basaltabbau in der Grube Eulenberg um 1900
Anders als z. B. im Ruhrgebiet oder in Großstädten wie Köln waren die relativ spät einsetzende Industrialisierung und die ländlich-katholisch geprägte Bevölkerung wichtige Gründe für die verhältnismäßig späte Gründung von sozialdemokrtischen Ortsvereinen im Gebiet des heutigen Rhein-Sieg-Kreises, so auch in Hennef. Die Arbeitswelt war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt von eher dörflichen Handwerkbetrieben, kleinem Warenhandel und vor allem landwirtschaftlichem Erwerb. Daneben waren weitere wichtige Erwerbszweige mit vielen Beschäftigte der Basaltabbau und der Bergbau, hier vor allem der Erzbergbau. Silber, Zink, Zinn und Eisen wurde in den Gruben Gottessegen bei Dambroich, Bergmannslust am Steimelsberg in Hennef, Altglück bei Hanfmühle, Silistria bei Kurenbach und Ziethen bei Weingartsgasse gefördert.
Hennefer Bahnhof Ende des 19. Jahrhunderts
Das änderte sich, als im Jahr 1859 Hennef an das Eisenbahnnetz durch Fertigstellung der Strecke Köln-Deutz-Hennef angebunden wurde. 1860 fand die Eröffnung des Bahnhofs in Hennef statt, 1862 entstand die "Brölthaleisenbahn" und erschloss damit weitere Verkehrswege und Handelsmöglichkeiten über Hennef hinaus, vor allem aber bot sie der aufstrebenden Industrie ein großes Potential an Arbeitskräften aus den umliegenden Tälern, Weilern und Dörfern und den dort lebenden Menschen eine Verkehrsverbindung nach Hennef.
Produktionshalle in einem Hennefer metallvetarbeitenden Betrieb um 1900
1862 gründete Schlossermeister Carl Reuther (1834-1902) eine Werkstatt in Hennef. Wegen der günstigen Verkehrslage Hennefs, der jetzt bestehenden Anbindung an das Eisenbahnnetz und der Bedürfnisse der bäuerlichen Bevölkerung im Umland begann er 1869 mit der Herstellung von Maschinen für die Landwirtschaft. Seinem Beispiel folgten 1878 Johann Steimel (1842-1892) mit einer Maschinenfabrik, Johann Friedrich Jacobi (1841-1914) 1879 mit der "Jacobi Eisen- und Metallgießerei sowie Maschinenfabrik für die Landwirtschaft", Philipp Löhe 1879 mit einer "Maschinenfabrik und Eisengießerei" und 1881 Joseph Meys (1853-1922) mit der "Joseph Meys & Cie. Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen". 1881 gründeten Carl Reuther und Eduard Reisert (1847-1914) die "Hennefer Maschinenfabrik Reuther und Reisert" und entwickelten gemeinsam die "Chronos-Waage". Somit hatte Hennef Ende des 19. Jahrhunderts mehrere industriell produzierende Betriebe und eine Arbeiterschaft, die durchaus für eine frühe Gründung einer Ortsgruppe der Sozialdemokratie hätte stehen können. 1891 beschäftigte z. B. allein die Firma Steimel 42 Mitarbeiter, in der Meys'schen Fabrik waren 1900 182 und 1910 bereits 215 Arbeiter beschäftigt, in der Firma Jacobi 1913 192 Arbeiter, daneben gab es eine ganze Reihe weiterer, auch kleinerer industriell arbeitender Betriebe mit einer insgesamt doch großen Arbeiterschaft, die nach Sozialversicherungsangaben nahe an die 2000er-Grenze kam.1) Diese hohe Zahl von Metallarbeitern lässt die Frage aufkommen, warum sich keine organisierte Sozialdemokratie in Hennef bildete.
Die Beschäftigten waren größtenteils keine Facharbeiter, meistens ehemalige landwirtschaftliche Hilfskräfte (die nun in der Fabrik besser bezahlt wurden) oder Nebenerwerbstätige, die zuhause mit der Familie einen kleinen Hof bewirtschafteten und in der Fabrik ihr Zubrot verdienten. Sie kamen etwa zur Hälfte als Pendler aus den Tälern der weiteren Umgebung und zur anderen Hälfte aus Geistingen und Hennef und den umliegenden kleineren Orten wie etwa Weingartsgasse.
1892 wurden in Hennef Mindestlöhne festgesetzt, um der Ausbeutung der Arbeiter entgegen zu wirken; der Tageslohn für Männer betrug 1,80 Mark und 1,20 Mark für Frauen, 1895 wurde der Mindestsatz für Männer auf 2,00 Mark pro Tag angehoben.2) Das war zwar immer noch ein relativ geringer Lohn, aber für diese Zeit eine herausragende Entscheidung, wenn man bedenkt, wie schwierig bis heute die Diskussion um die Festsetzung von Mindestlohn geblieben ist.
Die Arbeiterschaft war größtenteils - wenn überhaupt - in christlichen Gewerkschaften organisiert, die Firmeninhaber verstanden sich als Patron und patriarchalische Arbeitgeber, die für ihre Arbeitnehmer sorgten und das alleinige Sagen hatten; wer das nicht akzeptierte, bekam keine Arbeit.
So verhinderten sie mit den ihnen gegebenen Möglichkeiten den Zusammenschluss von Arbeitern zur Durchsetzung von sozialen Forderungen. Wie weit dies ging, lässt sich z. B. daran festmachen, dass sie Anfang 1902 allen Arbeitern mit der sofortigen Kündigung drohten, die eine Versammlung des christlich-sozialen Metallarbeiterverbandes besuchen würden; wohlgemerkt kein sozialistischer Verband, vielmehr ein "braver" christlicher Verband und das vor dem Hintergrund einer starken Dominanz der Zentrumspartei. Das Wissen um eine Mitgliedschaft in der SPD hätte sofort zu einer fristlosen Entlassung und Arbeitslosigkeit geführt. Kurze Zeit später, 1905, wurde die Mehrzahl der Arbeiter eines Hennefer Betriebes allein wegen der Mitgliedschaft in diesem christlichen Verband entlassen; mit solch rigorosem Druck wurde schon der Versuch, einen Ortsverein einer christlichen Gewerkschaft in Hennef zu etablieren, im Keim erstickt. An den Aufbau einer freien Gewerkschaft oder gar einer sozialdemokratischen Organisation war überhaupt nicht zu denken.
Flugblatt der Hennefer Arbeitgeber, 1902
All dies waren nicht gerade die besten Voraussetzungen um in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg revolutionär klingende sozialdemokratische Ziele zu verkünden oder sogar Organisationen aufzubauen. Dennoch ist davon auszugehen, dass einige der Fabrikarbeiter Mitglied der sozialdemokratischen Partei waren, dies aber nicht öffentlich bekannten.
1878 hatte der Reichstag mit den Stimmen der Konservativen und der Nationalliberalen das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" verabschiedet, das einem Parteiverbot gleichkam.
Abdruck des ersten Teils des Reichsgesetzblattes vom 21.10.1878
Acta Specialia, 1890
Der Begriff "lichtscheues Gesindel" als gern benutzter Begriff für Sozialdemokraten stammt aus dieser Zeit und hat seinen Ursprung darin, dass in den 70er und 80er Jahren des vorletzten Jahrhunderts Versammlungen nur heimlich und nachts und oft nur unter freiem Himmel stattfinden konnten. Auch nach 1890, nach Aufhebung des Sozialistengesetzes, wurden Sozialdemokraten in der Rheinprovinz weiterhin bespitzelt und polizeilich überwacht.
Die "Acta specialia", betreffend "Maßregeln gegen staatsgefährliche Bestrebungen" der Sozialdemokratie aus den Bürgermeistereien Uckerath und Hennef sind erhalten und geben ein Bild davon, dass im späten 19. Jahrhundert Sozialdemokraten in Hennef und Uckerath nicht in Erscheinung traten. Die Bürgermeister mussten regelmäßig Berichte an den Landrat unter dem Titel "Bekämpfung der Socialdemokratie betreffend" übersenden. Der Uckerather Bürgermeister schrieb im März 1900: "In hiesiger Bürgermeisterei sind keine Socialdemokraten vorhanden. Auch haben Anhänger dieser Partei hier nicht zu agitieren versucht."
Die Sozialdemokraten wurden im Siegkreis erst in den späten 1890er Jahren aktiv. Eine Organisationsstruktur gab es im Kreisgebiet nicht.
Karte der oberen Rheinprovinz um 1900
Die regionale Gliederung der Partei bildete der Bezirk "Obere Rheinprovinz" (tw. auch als "südliche Rheinprovinz" bezeichnet), der seit 1897 ein "Agitationskomitee" bildete, das für die Verbreitung sozialdemokratischen Gedankengutes und vor allem für den Aufbau von Organisationseinheiten wie Kreis- und Ortsverbänden zuständig war. Die Berichte dieses Komitees sind erhalten geblieben; der Bericht für das Jahr 1898 beschreibt den Zustand des "Agitationsbezirkes" für diese Zeit und beginnt mit der Feststellung "Der Oberrhein gehört zu den dunkelsten Ecken des deutschen Reiches, hier herrscht... das Zentrum unbeschränkt. Die Sozialdemokratie hat erst in einigen Kreisen festen Fuß gefaßt, in anderen hat sie es nur zu schwachen, der Stütze von außen dringend bedürftigen Ansätzen gebracht, und in einzelnen fehlen selbst diese."3) Der Siegkreis gehörte zu den Letztgenannten.
Ebenfalls in diesem Bericht wird dargestellt wie und mit welchen Mitteln das Zentrum um die Jahrhundertwende gegen die SPD vorging. "Das Zentrum preist sich als einzig festen Wall gegen die Sozialdemokratie. Die Mittel, die es zu ihrer Bekämpfung benutzt, sind die schofelsten, die man gegen politische Gegner anwenden kann. Diese Mittel sind: Maßlose Verhetzung ihrer Anhänger bis zur offenen Empfehlung von Gewalttätigkeiten gegen Sozialdemokraten; Schürung des religiösen Fanatismus; Anwerbung des wirtschaftlichen Boykotts gegen Anhänger der Sozialdemokratie und Abtreibung der Versammlungslokale. ... Nur in sechs von den 23 zum Oberrheinischen Agitationsgebiet gehörigen rheinischen Wahlkreisen stehen uns Versammlungslokale zur Verfügung. ... Der Zusammenhalt unter den Genossen in den meisten Orten und Kreisen kann in Ermangelung einer regelrechten Organisation nur durch regen persönlichen Verkehr aufrecht erhalten werden"4)
Von der politischen Ausrichtung her scheinen die Sozialdemokraten im Kölner Bereich nicht zu dem radikalen Flügel der SPD gehört zu haben. Günter Bers schreibt dazu: "Was die ideologische Ausrichtung unseres Bezirkes angeht, so kann man feststellen, daß ... die Wertschätzung Lassalles als des Begründers der Sozialdemokratie in Deutschland stärker zutage tritt als diejenige von K. Marx. ... Jedoch traten Fragen der Ideologie und Partei-Doktrin hier sehr in den Hintergrund; in einem Gebiet, wo die Organisation noch vielerorts um ihre Existenz ringen musste, scheinen diese Probleme von lediglich sekundärer Bedeutung gewesen zu sein."5)
1899 berichtet das Agitationskomitee darüber, wo bisher lokale Parteigründungen stattfanden: "Feste Parteiorganisationen in Gestalt politischer Vereine sind vorhanden in Köln-Stadt, Kalk, Mülheim a. Rh., Aachen-Stadt, Kreuznach, Saarbrücken und Oberstein. Die Mitgliederzahl läßt an allen Orten zu wünschen übrig. Es wäre gut, wenn sich die Genossen allerorts etwas mehr auf ihre Pflicht, Mitglied der politischen Organisation zu werden, besinnen möchten"6) Im Siegkreis, Hennef, Uckerath und Lauthausen bestanden also um die Jahrhundertwende noch keine "SPD-Vereine"; das Zentrum hatte das Gebiet fest im Griff und war nicht zimperlich in der Anwendung von Gegen- und Verhinderungsmaßnahmen gegenüber der SPD, wie bereits weiter oben beschrieben. 1899 führt das Agitationskomitee dazu weiter aus: "Das Zentrum beschränkt sich aber keineswegs darauf, in seinen Domänen der Sozialdemokratie die Agitation durch öffentliche Versammlungen unmöglich zu machen; wer es, namentlich in den kleineren Orten, wagt, sich offen zur Sozialdemokratie zu bekennen, ja wer nur in den Geruch sozialdemokratischer Gesinnung gerät, über den wird die gesellschaftliche Acht verhängt, er wird aus der Arbeit zu bringen gesucht, boykottiert, in jeder Weise geschädigt, und wenn möglich, aus dem Ort zu vertreiben gesucht. Man schreckt dabei selbst vor Anwendung der schofelsten Mittel nicht zurück und verhetzt die gesamten Familienmitglieder gegen den Anrüchigen und nicht selten wird auch die Kanzel zu solcher Hetze mißbraucht."7)
1900 hatte der Uckerather Bürgermeister noch gemeldet: "In hiesiger Bürgermeisterei sind keine Socialdemokraten vorhanden." 1905 wurde die Fehlmeldung des Bürgermeisters über die SPD schon etwas umfangreicher; hier werden auch mögliche Vorläufer von Gewerkschaften mit einbezogen: "In der Bürgermeisterei Uckerath hat die Socialdemokratie noch keinen Eingang gefunden und waren daher Schritte zur Bekämpfung derselben nicht erforderlich. Die hier wohnenden Eisenbahnbeamten gehören dem Verband der Eisenbahner Deutschlands in Hamburg als Mitglied nicht an, auch ist eine Agitation des in Hannover seßhaften Verbandes der Fabrik- Land- und Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen, die Koalitionsfreiheit auch für die ländlichen Arbeiter zu erlangen, hier nicht wahrgenommen worden."8)
Verräterisch in diesem Text sind die Worte "noch keinen Eingang gefunden" und "Schritte zur Bekämpfung". Das Erste deutet daraufhin, dass man sich des weiteren Vordringens der SPD durchaus bewusst war und das Zweite zeigt, dass man aktiv gegen die SPD vorging und diese bekämpfte.
1898 nahm zum ersten Mal ein Delegierter des Siegkreises an dem Parteitag der Oberen Rheinprovinz in Neuwied teil. Auch in den Folgejahren stellte der Siegkreis jeweils einen Delegierten zu den jährlich stattfindenden Parteitagen. Wer dies gewesen ist und aus welchem Ort er kam, ist in den Parteitagsunterlagen nicht festgehalten. Erst 1904 wird Wilhelm Schack aus Siegburg als Delegierter des Siegkreises genannt. Schack war 1874 in Hamburg geboren, seit 1890 Mitglied der SPD, seit 1897 im Rheinland, von Beruf Holzbildhauer. Er kandidierte im Wahlbezirk Siegkreis/Waldbröl 1907, 1912 und 1920 für den Reichstag, arbeitete 1918 im Siegburger Arbeiter- und Soldatenrat und war von Anfang der 1920er Jahre bis 1933 Mitglied des Bezirksvorstandes und Bildungssekretär von Gewerkschaft und SPD in Köln. Schack bemühte sich vor und während des Ersten Weltkriegs intensiv um den Aufbau von Organisationseinheiten im Siegkreis und die Gründung von "sozialistischen Ortsvereinen".9)
Fehlmeldung des Uckerather Bürgermeisters von 1905
Er scheiterte aber in seinen Bemühungen an den Grundüberzeugungen einer katholischen Landbevölkerung, an den behindernden Abwehrmaßnahmen der Behörden und der Gegenagitation des Zentrums. Im Gegensatz zu den bürgerlichen Parteien konnten die Sozialdemokraten keine organisatorischen Strukturen für die anstehenden Wahlkämpfe schaffen, sie arbeiteten eher im Verborgenen und bemühten sich um neue Mitglieder. So vermochte die SPD im Siegkreis kaum Fuß zu fassen.
Die Wahlergebnisse zum Reichstag (Seite →) belegen nachdrücklich, dass der Siegkreis für die Sozialdemokraten wirklich zu den "dunkelsten Ecken des deutschen Reiches" gehörte und die SPD kaum Möglichkeiten hatte, "Fuß zu fassen".
Im Wahlkreis Siegkreis/Waldbröl kandidierte ab 1890 für die SPD August Bebel als Zählkandidat.10) Während im benachbarten Wahlkreis Mülheim-Wipperfürth-Gummersbach eine ausgedehnte Wahlagitation betrieben wurde, beschränkten sich die Aktivitäten im Siegkreis auf eine Flugblattaktion in Troisdorf. So erhielt die SPD in Hennef und in Lauthausen im gesamten unten abgebildeten Zeitraum keine einzige Stimme, in Uckerath lediglich bei der Wahl 1890 einmalig 9 Stimmen.
Erschwerend für eine Stimmabgabe für die Sozialdemokratie kam unter den beschriebenen Bedingungen sicherlich auch das bis 1918 geltende undemokratische Dreiklassenwahlrecht hinzu, das bestimmte, dass die Wähler gestaffelt nach dem individuellen Steueraufkommen in drei Abteilungen eingeordnet wurden, die jeweils getrennt ein Drittel der Wahlmänner für die Abgeordnetenhauswahl bzw. ein Drittel der Gemeinderatsvertreter wählten.
Ausgesprochen verwunderlich bleibt aber dennoch, dass bei den Wahlen die SPD keine Stimmen bei einer solch großen Arbeiterschaft erhielt, obwohl es nach den wenigen Parteiunterlagen, die es noch gibt schon einige Mitglieder in der sozialdemokratischen Partei gab.11) Dies lässt sich zumindest für die kommunalen Wahlen so erklären, da nach dem auch hier geltenden Dreiklassenwahlrecht keine geheime Wahl erfolgte; die Stimmabgabe war öffentlich, d. h. man musste sich öffentlich vor dem Wahlkomitee zu seiner Stimmabgabe erklären.
Paul Henseler: Politische Strömungen in siegburg und dem Siegkreis in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, in Heimatblätter des Siegkreies, Heft 87/88, Siegburg 1965
Hennefer Volkszeitung vom 16.12.1914
Das lief nach den Vorgaben der Wahlordnung in etwa so ab:
"Der Bürgermeister als Wahlvorsteher ernennt aus den anwesenden Urwählern einen Wahlvorstand, bestehend aus einem Schriftführer und drei bis sechs Beisitzern, die er durch Handschlag an Eidesstatt verpflichtet.
Zu der festgesetzten Wahlhandlung haben sich alle Wahlberechtigten der drei Klassen einzufinden und bis zum Ende der Wahlhandlung ihrer Klasse anwesend zu sein. Die Wahlhandlung zur Wahl der Wahlmänner wird mit der dritten Klasse begonnen. Der Protokollführer ruft die Namen auf. Der Aufgerufene tritt an den Tisch des Wahlvorstehers, nennt laut seinen Namen und den Namen des Wahlmannes, dem er seine Stimme geben möchte. In der vorgefertigten Liste wird dies unter seinem Namen eingetragen. Ist die Wahl einer Abteilung, sprich Klasse, durchgeführt und das Protokoll unterschrieben, dürfen die anwesenden Teilnehmer dieser Klasse das Wahllokal verlassen."12)
So oder zumindest ähnlich wird es in den Ratshäusern oder den Wahllokalen unserer Region abgelaufen sein. Uwe Göllner schildert in seiner Darstellung "100 Jahre Sozialdemokratie in Troisdorf" wie es in unserer Region ablief. "Die Wahl fand in den Dorfkneipen statt. Geheim oder frei war hier überhaupt nichts! Der Bürgermeister bestellte die unterschiedlichen Wählerklassen zu unterschiedlichen Zeiten zum Wählen. Er rief sie einzeln auf und fragte nach ihren Vorschlägen. Am Ende zählte der Bürgermeister zusammen."13) Ein solches Verfahren eröffnete natürlich jegliche Art von Repression und Willkür in den überschaubaren Gemeinden Hennef, Uckerath und Lauthausen. Wenn man die weiter oben beschriebene Drohung der Firmeninhaber nur hinsichtlich eines Besuches einer Veranstaltung einer christlichen Gewerkschaft im Jahr 1902 bedenkt, kann man sich gut vorstellen, wie gefährlich eine öffentliche Stimmabgabe für die Sozialdemokraten gewesen wäre. Wer wollte schon seine Arbeit bei den christlich-patriarchalischen Arbeitgebern riskieren mit einer Stimmabgabe für die SPD. Die Wahlordnung und das damit verbundene Wahlverfahren wurde um die Jahrhundertwende soweit verändert/vereinfacht, dass nun die Stimmabgabe von dem Wähler selbst auf einem Stimmzettel vermerkt wurde und dieser dann offen abgegeben wurde. Es ist davon auszugehen, dass diejenigen, die SPD wählen wollten, unter diesen Bedingungen erst gar nicht zur Wahl gingen.
Somit ergab sich, dass in den fast ausschließlich katholischen Bürgermeistereien Hennef, Lauthausen und Uckerath die Zentrumspartei, die politische Vertretung des Katholizismus, deutlich alle Wahlen in den Zeiten des Kaiserreichs für ihre Kandidaten entscheiden konnte.
Im Gegensatz zu den überregionalen Wahlen traten bei den Gemeinderatswahlen keine Parteien wie Zentrum, Liberale oder Sozialdemokraten an; Gruppen mit jeweils unterschiedlichen Zielen bildeten Listen, die dann zur Wahl antraten. Auf der einen Seite stand ein Kreis, der die Grundbesitzer und Landwirte mit Bürgermeister Dick an der Spitze vertrat. Die Gegenseite bestand aus Gewerbetreibenden und Fabrikanten. So war im Gemeinderat Geistingen die Landwirtschaft mit zehn Gutsbesitzern und Landwirten, die Industrie durch "drei Herren" vertreten. Hinzu kamen zwei Kaufleute, zwei Gewerbetreibende, ein Arbeiter, drei Rentner, ein Arzt sowie ein Gast- und Landwirt. Die Arbeiterschaft war völlig unzureichend repräsentiert.
Dennoch, die Ausbreitung der Sozialdemokratie war dadurch nur verlangsamt, nicht verhindert. Im Wahlkreis Sieg-Waldbröl votierten in der Reichstagswahl 1903 insgesamt schon 325 Wähler für Bebel, in Hennef erhielt er 13 Stimmen, in Lauthausen 0. Als sich der von Dortmund nach Siegburg zugezogene Holzbildhauer Wilhelm Schack für die Reichstagswahl 1907 aufstellen ließ, erhielt er 495 Stimmen. 1912 konnte er seine Stimmenzahl auf 810, das entspricht 3,2 %, sogar verdoppeln, davon 39 Stimmen aus Hennef. An Parteimitgliedern verzeichnete die SPD im Wahlkreis Sieg-Waldbröl 1913 nur 87 Personen, ein Jahr später 110.
Hennefer Volkszeitung vom 14.1.1912
Aufgrund einer bereits vorher erwähnten geheimen Verfügung von 1908 waren die Bürgermeister und der Landrat verpflichtet, alle zwei Jahre Nachweisungen über "Anarchisten und agitatorisch hervortretende Sozialdemokraten" zu erstatten.
Acta Specialia Bürgermeisterei Hennef
An sozialdemokratischen Vereinen meldete der Landrat 1913 nur die Ortsgruppe der freien Gewerkschaften in Honnef.
Ein besonders schöner Bericht über diese Zeit und das "lichtscheue Gesindel" der SPD findet sich in der Schrift von Manfred van Rey: 100 Jahre Wahlen und Parteien im Rhein-Sieg-Kreis: "Ein häufig angewandtes Mittel, sozialdemokratische Versammlungen selbst nach ordnungsgemäßer Anmeldung und Genehmigung zu verhindern, bestand darin, daß die Bürgermeister als Ortsbehörde die Saal- oder Lokalbesitzer "auf den Charakter der Versammlungen" aufmerksam machten oder andere Druckmittel anwandten. Es waren nur wenige Gastwirte, besonders in den ländlichen Gegenden, dazu bereit, den sozialdemokratischen Veranstaltungen ihre Lokale zur Verfügung zu stellen. Dieser Lokalboykott war umso wirkungsvoller, als politische Versammlungen unter freiem Himmel verboten waren. Um dies zu umgehen, hielten die Sozialdemokraten ihre Parteiveranstaltungen oft nachts oder bei Tagesanbruch an entlegenen Stellen ab. Eine solche Versammlung fand in der Samstagnacht vom 16. auf den 17. Juli 1910 auf dem Ölberg schon zum dritten Male statt, wo sich etwa 600 Personen aus Elberfeld, Barmen und Köln mit dem Nachtschiff und den letzten Zügen über Königswinter einfanden, "um von hier den Sonnenaufgang zu sehen", Reden zu halten, "welche einen sozialdemokratischen Charakter hatten", und zu singen. "Auch wurde eine rote Fahne gehißt, nieder mit der schwarzen" gerufen und "großer Unfug verübt".14)
Auch in Hennef traf man sich unter den Genossen heimlich; es gab vor der Gründung der Hennefer SPD belegbare Zusammenkünfte; es reichte allerdings nie oder es fehlte der Mut, um "Ortsgruppen" und Organisationsstrukturen zu bilden.15)
Dies änderte sich mit dem Ende des 1. Weltkriegs.
Im Spätherbst des Jahres 1918 war abzusehen, dass Deutschland am Ende seiner wirtschaftlichen und militärischen Möglichkeiten war und der Krieg verloren ging. Ende Oktober 1918 meuterten die Matrosen der deutschen Hochseeflotte gegen ein letztes unsinniges Auslaufen der Flotte, Anfang November kam es dann zum Matrosenaufstand in Kiel. Die revolutionären Aktionen griffen auf andere große Städte über wie Hamburg und Bremen, es bildeten sich vielerorts Arbeiter- und Soldatenräte, die die Verwaltung übernahmen.
Am 9. November 1918 dankte Kaiser Wilhelm II. ab, Philipp Scheidemann (SPD) rief die Deutsche Republik aus und Friedrich Ebert (SPD) wurde Reichskanzler, am 11. November wurde der Waffenstillstand unterzeichnet und der 1. Weltkrieg war beendet.
Viele Soldaten strömten nun ziemlich ungeordnet, desillusioniert und desorientiert mit ihren Waffen von der Front zurück in die Heimat, schlossen sich dort den Soldatenräten an oder kehrten größtenteils zurück in die notleidenden Familien; so auch in unsere Region. In Hennef gab es wegen der schlechten Versorgungslage schon seit einiger Zeit Notküchen/Kriegsküchen und Regelungen zur Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Die Zukunft war für alle unsicher und die Entwicklung der staatlichen Ordnung nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches undurchschaubar. Die Hennefer Volkszeitung rief am 9. November 1918 noch zur Ruhe auf und zur "unbedingten Aufrechterhaltung der Ordnung" und warnte vor der "Umsturzbewegung im Reiche".
Hennefer Volkszeitung vom 9.11.1918
Zwei Tage später berichtete die HVZ dann von der Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates in Köln mit dem Text: "Gerüchte abenteuerlichster Art liefen gestern in Köln um: "Es geht los! ". Damit war ein Damm gebrochen und im gesamten Umfeld von Köln entwickelten sich mit einer ungeheuren Schnelligkeit Arbeiter- und Soldatenräte.
So auch in Siegburg und Hennef; bereits am 11.11.1918 bildeten sich in direkter Folge des Kölner Rates örtliche Arbeiter- und Soldatenräte wie die HVZ berichtete. Der Hennefer Arbeiter- und Soldatenrat wurde kurze Zeit später in einen Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrat umbenannt. Dass die revolutionären Bemühungen in Hennef auf bürgerlich-konservative Schranken stieß, zeigt die Aufnahme des Wortes "Bürger" in den Titel dieser Verwaltungseinheit.
Hennefer Volkszeitung vom 11.11.1918
Hennefer Volkszeitung vom 16.11.1918
Zur Gründung des Rates hatte der Bürgermeister eingeladen mit der Ermahnung zur Ruhe und gegenseitiger Unterstützung. Auch das zeigt mit welch geringen revolutionären Aktionen die Veränderungen in Hennef abliefen. Die Zeitungsausschnitte sprechen für sich.
In Hennef-Rott bildete sich gar ein "Bauernrat", der wohl im Gegensatz zu den sonstigen Räten stand. Man bildete überall und in vielen Bereichen unterschiedliche Räte, so auch in Schulen "revolutionäre Schülerräte". Es herrschte anscheinend eine ziemlich große Verwirrung darüber, was diese Räte nun eigentlich zu tun hatten oder welche Kompetenzen sie besaßen. Ob in Lauthausen und Uckerath ebenfalls solche Räte gebildet wurden ist nicht überliefert.
Am 27.11.1918 legte die Regierung in Berlin die neu geltende Wahlordnung mit gleichen, freien und geheimen Wahlen fest und schaffte das bisher geltende Dreiklassenwahlrecht ab. Diese Neuregelung schien nach den Kommentaren der HVZ nicht allen zu gefallen.
Hennefer Volkszeitung vom 12.11.1918
Hennefer Volkszeitung vom 21.11.1918
In dieser verwirrenden Zeit des Umbruchs fand die erste große öffentliche Versammlung des "sozialdemokratischen Vereins der Kreise Sieg und Waldbröl" am 12. Januar 1919 im Lokal Walterscheid (heutige Gaststätte Sieglinde) in Weingartsgasse statt.
Hennefer Volkszeitung vom 28.11.1918
Hennefer Volkszeitung vom 11.1.1919
Das Zentrum hatte bereits eine ganze Reihe von Wahlveranstaltungen hinter sich und mobilisierte "Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen" mit dem Wahlslogan "Hoch die Zentrumspartei! Hoch die christliche Volkspartei! Hoch die christliche Demokratie!" Es fand ein intensiver Wahlkampf im Vorfeld der Wahlen zur Nationalversammlung statt. Den Sozialdemokraten standen nur beschränkte finanzielle Mittel zur Verfügung, der konservativen Gegenseite dagegen ausgesprochen reichliche. Man ging nicht zimperlich miteinander um und diffamierte den politischen Gegner in grober Weise. Es war ein ungleicher Wahlkampf, was vor allem die Präsenz in der Hennefer Volkszeitung anging, die von ihrem Selbstverständnis als "Katholisches Volksblatt" der Zentrumspartei nahe stand. Die Sozialdemokraten waren deshalb vorrangig auf "Mundpropaganda" angewiesen und hielten ab Januar 1919 viele Versammlungen mit auswärtigen Rednern ab.
Die konservativen Kräfte überschütteten die Zeitungen mit einem Anzeigenwust und einem Gegenwahlkampf gegen die "Roten", finanziert aller Wahrscheinlichkeit nach durch die Hennefer Fabrikanten. Auf der folgenden Seite sind nur einige Beispiele aus der Hennefer Volkszeitung aus einer einzigen Ausgabe vom 14. Januar 1919 zu sehen, wobei der erste Artikel "Die sozialistische Republik" nicht als Wahlkampfanzeige geschaltet wurde, sondern als normaler Pressebericht eindeutig der Stimmungsmache diente und die Angst vor einer "sozialistischen Zukunftsgesellschaft" schüren sollte..
Hennefer Volkszeitung vom 14.1.1919
Alle Anzeigen aus der Hennefer Volkszeitung vom 14.1.1919
Die Sozialdemokraten hielten dagegen mit Veranstaltungen und versuchten so, für ihre Politik zu werben und die Menschen von ihren Vorstellungen für eine in ihrem Sinne gerechtere und sozialere Zukunft zu überzeugen. Vor allem aber ging es um die Stimmen für die kurzfristig anstehende Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919.
Hennefer Volkszeitung vom 23.1.1919
Am 26. Januar 1919, bereits eine Woche später, stand die nächste Wahl zur preußischen Landesversammlung an. Im Rahmen dieser hitzigen Wahlkampfaktivitäten kam es dann, um auch vor Ort über die entsprechenden Organisationsstrukturen zu verfügen, zur Gründung der beiden Ortsgruppen der SPD. Wer dort gewählt wurde, wieviel Teilnehmer die Versammlungen hatten und welche Vereinbarungen getroffen wurden ist nicht bekannt. Der Vorstand der Sozialdemokraten für den Siegkreis wurde vertreten durch den Genossen Moeres, der hatte auch die Leitung des Arbeiter- und Soldatenrates für den Siegkreis inne.
Hennefer Volkszeitung vom 30.1.1919
Etwas irritierend ist die Einladung zu einer Versammlung am 17. Januar 1919, zu der bereits die Ortsgruppe Hennef einlädt, die allerdings erst am 2. Februar 1919 gegründet wird. Hier stand wohl vorauseilender Einsatzwille Pate.
Hennefer Volkszeitung vom 16.1.1919
Auch in Uckerath wurde um diese Zeit ein "sozialdemokratischer Verein Uckerath" gegründet. Leider liegen keine Dokumente vor, die eine Gründungsversammlung belegen, aber Aktivitäten aus dem Jahr 1919 zeigen, dass auch dort eine SPD-Organisation existierte. Es fanden verschiedene Veranstaltungen statt, vor allem aber wurde die Feier zum neuen gesetzlichen National-Feiertag, dem 1. Mai, mit großem Aufwand vorbereitet.
Über Lauthausen liegen keine Dokumente vor, wahrscheinlich gab es dort keine organisierten Sozialdemokraten, ebenso liegen keine Unterlagen über sozialdemokratische Aktivitäten in der "Spezialgemeinde Blankenberg" vor.
Horst Luhmer betont in seiner Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum der Hennefer SPD zurecht, dass die "Genossinnen und Genossen damals im Dauerstress standen". Dies wird auch durch eine Anzeige in der HVZ vom 23. Januar 1919 deutlich, in der mitgeteilt wird, dass aufgrund des gewaltigen Sieges der SPD kein Redner mehr verfügbar sei und deshalb auch keine Volksversammlung abgehalten werden könne.
Hennefer Volkszeitung vom 23.1.1919
Es müssen außerordentlich aufregenden Zeiten für die damals politisch Aktiven gewesen sein.
1) vgl.: Fischer, Helmut: Hennef an der Sieg, Erfurt 2011
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