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Sie hat 100 Gründe, ihn zu hassen — und doch keinen einzigen, ihm zu widerstehen. Amanda steht für Empowerment und Selbstliebe. Ihr Motto: Solo Power – keine Männer, keine Kompromisse. Die Bedingung für den größten Deal ihrer Karriere? Keine Beziehung. Kein Problem! Wäre da nicht Alex: Nachbarssohn, Kindheitsalbtraum und selbsternannter Erzfeind, der plötzlich wieder Tür an Tür mit Amanda wohnt. Als wäre das nicht schon Strafe genug, bringt ein Shitstorm ihre glänzende Fassade ins Wanken. Dass sie dazu auf der Suche nach Ablenkung ausgerechnet in Alex' Bett landet, setzt dem ganzen nicht gerade den besten Filter auf. Während Amanda sich nach ihren hitzigen Streitereien nun viel zu oft in seinen Armen wiederfindet, muss sie sich immer wieder daran erinnern, dass eine ernsthafte Beziehung sie alles kosten könnte. Ihre Karriere, ihre Unabhängigkeit – und vielleicht sogar ihr Herz. Schließlich hat Alex ihr schon hundert Gründe geliefert, ihn zu hassen … #EnemiesToLovers #OppositesAttracts #FakeNORelationship #Influencerin
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Seitenzahl: 456
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Jella Benks
Bisher bei LEAF erschienen:
The Story Between Us
The Story Behind Us
The Story Binding Us
100 Things I Hate About You
Ausführliche Informationen über unsere
Autorinnen und Autoren und ihre Bücher
www.leaf-verlag.de
1. Auflage 2026 Originalausgabe:
Copyright © 2026 by LEAF Verlag, Bücherbüchse OHG,
Siebenbürger Straße 15a, 82538 Geretsried, Deutschland
Copyright © 2026 by Jella Benks
Textredaktion: Janina Roesberg, Yvonne Lübben
Coverillustration und -gestaltung: Caroline Keller @caroline.dsign unter Verwendung von Motiven von Adobe Stock (© Sensvector)
Innengestaltung: LEAF Verlag unter Verwendung von Motiven von Adobe Stock (© Stacey Xura, © Александра Туркина, © Daria Minaeva, © ZinetroN, © MR Vector, © Coprid, © Мария Охметзянова, © Baranivska)
Gesetzt aus der der Adobe Caslon
Quelle Zitat: Emily Jane Brontë Sturmhöhe
Satz: LEAF Verlag
ISBN 978-3-911244-78-7
Playlist
Juniper Falls – Acht Jahre später
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Juniper Falls – Sieben Jahre zuvor
Kapitel 9
Juniper Falls – Jetzt
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
New York City – Drei Monate später
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Juniper Falls – Vier Wochen später
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Epilog – Alex
Nachwort
Danksagung
Für all diejenigen von uns, denen gesagt wurde, dass ihre Stimmen zu laut, ihre Träume zu groß und ihre Herzen zu weit sind – ihr seid genau das, was diese Welt braucht.
Liebe Leser:innen, dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte, deshalb befindet sich auf der letzten Seite eine Contentwarnung.
Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch.
I Want You To Want Me – Letters To Cleo
Remember That Night? – Sara Kays
Dance The Night – Dua Lipa
Must Have Been The Wind – Alec Benjamin
Cruel To Be Kind – Letters To Cleo
Count on Me – Bruno Mars
Messy – ROSÉ
Put A Little Love On Me – Niall Horan
Till Forever Falls Apart – Ashe
More Than Words – Little Mix
10 Things I Hate About You – Leah Kate
Call it the end – ROSÉ
I love you baby – Emilee
Levitating – Dua Lipa
»She was a wild, wicked slip of a girl.
She burned too brightly for this world.«
Emily Jane Brontë
Amanda
Grund 1: Ich hasse Alex Smith, weil er der nervigste und fieseste Mensch auf der ganzen Welt ist und mir ständig die letzten Erdbeer-Pop-Tarts wegisst, obwohl er sie nicht ausstehen kann!
(Amanda, 8 Jahre)
Amanda!« Obwohl Dads Ruf durch die geschlossene Zimmertür gedämpft klang, galt das nicht für die Wut, die darin lag. Die war klar und überdeutlich. »Wenn du jetzt nicht endlich diese verdammte Tür öffnest, hole ich das Werkzeug und bau sie aus!«
Ich atmete tief aus, spannte mein breitestes Lächeln auf die Lippen und baute darauf, dass ich schnell genug den Ton des Mikros gemutet bekommen hatte. Harmonys angespannte Mundwinkel auf meinem Laptopbildschirm und die Art, wie sie versuchte, an mir vorbeizuschauen, ließen mich jedoch ahnen, dass ich diese Hoffnung begraben konnte.
»Kurze Pause« tippte ich dennoch in den Chat unseres Streams, während ich gleichzeitig in Dads Richtung fluchte. »Verschwinde!«, stieß ich grimmig aus, was sich komplett verwirrend anfühlte, weil ich dabei weiterhin in Richtung Laptopkamera lächelte. »Ich habe ein Interview, Dad!«
»Und ich meinen Bowlingabend!«, gab er so ungerührt zurück, als stünde sein zweimal die Woche stattfindender Bowlingtermin auf der gleichen Prioritätsstufe wie dieses verdammte Interview, das Harmony Evans – eine der Koryphäen in Mental-Health-Lifestyle – mit mir abhielt.
Harmony Evans, vor der ich mich gerade gemutet hatte.
Shit.
Nun kamen die Nachrichten im Chat so schnell, dass mein Gehirn sie nicht mal ansatzweise verarbeiten konnte.
Die Erkenntnis machte es noch schwieriger, das falsche Lächeln zu halten, als Dad erneut gegen die Tür hämmerte. »Ich brauche mein Shirt, Amanda!«
»Du hast eines an«, erwiderte ich, während mir die Wangen bereits vor lauter Anstrengung zitterten. »Spiel in dem.«
»Keine Chance, mit dem habe ich das letzte Mal haushoch verloren. Ich brauche mein Glücksshirt. Jetzt! Ich müsste schon seit zehn Minuten im Auto sitzen.«
»Amanda?«, kam es von Harmony und es schien, als suchte sie weiterhin den Hintergrund ab, um herauszubekommen, was bei mir geschah. »Alles in Ordnung?«
Nein.
Nichts war in Ordnung.
»Kannst du nicht dieses eine Mal auf dein Glücksshirt verzichten, Dad? Ich übernehme dafür das Rasenmähen, Deal?« Gerade hätte ich ihm so ziemlich alles versprochen, wenn er sich dafür umgedreht hätte und zum Bowling verschwunden wäre. Aber ich kannte die Antwort, noch bevor Dad sie aussprach.
»Unmöglich. Falls ich heute wieder scheitere, darf ich mir wochenlang den Spott der anderen anhören. Hinter mir ist nur noch Louis Lepped und der ist fast achtzig, Amanda! Ich verliere nicht gegen einen Achtzigjährigen! Jetzt öffne endlich meine Schlafzimmertür oder ich hole mein Werkzeug.«
»Okay, Dad.« Im Geiste fügte ich einige stille Flüche hinzu. »Gib mir zehn Sekunden Ruhe und hör endlich auf, gegen die Tür zu schlagen, als wärst du ein Einbrecher.«
»Die schlagen sicher nicht«, kam es von der anderen Seite der Tür zurück, aber zumindest schloss sich Schweigen an und ich atmete erneut tief aus, bevor ich das Mikro wieder aktivierte.
»Entschuldigt«, sagte ich und hoffte, dass sie das minimale Flackern in meiner Stimme nicht wahrnahmen, das dort immer einzog, wenn ich so voller Stress stand, dass ich schreien wollte, aber nicht konnte. »Hier gibt es eine klitzekleine Komplikation. Entschuldigt mich bitte noch für eine Minute.« Ich mutete das Mikro erneut und stoppte zusätzlich die Kamera, dann stürzte ich auf die Tür zu, drehte den Schlüssel um und starrte Dad finster in Grund und Boden. »Ich bin live!«, fuhr ich ihn an, aber er zuckte nicht mal unter meiner Wut zusammen. »Das hier ist unfassbar wichtig!«
»Bei dir ist ständig alles unfassbar wichtig«, gab er zurück und strich sich über die grauen Locken, die jedes Jahr dünner wurden. Doch in seinem braunen Gesicht funkelten die dunklen Augen so lebhaft wie immer. »Und nicht gegen Louis Lepped zu verlieren, ist mir unfassbar wichtig, Amanda.«
»Daran hättest du denken können, bevor ich dir gesagt habe, dass ich live gehe.«
»Da wusste ich nicht, dass du dich in unserem Schlafzimmer verbarrikadierst«, sagte er schulterzuckend und ging an mir vorbei in Richtung des eingebauten dunkelbraunen Kleiderschrankes, den er sich mit Mom teilte. »Warum kannst du nicht in deinen Zimmern arbeiten? Schließlich hast du sogar zwei davon?« Er zog die Holzschublade heraus, in der sich so akkurat gefaltete Shirts befanden, dass sie aussahen, als würde Dad jedes von ihnen beim Falten mit einem Lineal nachmessen. Marie Kondo würde meinen Dad lieben, mich weniger, denn meine Ordnung bestand aus kreativem Chaos. Momentan mit den ganzen Umzugskartons, die sich in meinen Zimmern türmten, noch mehr als sonst.
»Du weißt, weshalb.« Wenn ich meine Antworten knapp hielt, war er hoffentlich schneller wieder draußen.
»Weil sie aussehen, als hätte darin eine ganze Horde Tornados gewütet?«, gab er zurück und zog grinsend ein pastellrosafarbenes Shirt heraus.
»Genau, Dad.« Energisch deutete ich auf die geöffnete Tür. »Und jetzt geh endlich. Du solltest doch schon vor zehn Minuten im Auto sitzen.«
»Noch habe ich zwei Minuten«, erwiderte er und zwinkerte mir zu. »Aber ich wusste nicht, wie schnell ich dich dazu bekomme, die Tür zu öffnen.« Breit grinsend präsentierte er mir seine strahlend weißen Zähne. »Und ich bin ja schon weg. Wir sehen uns nachher zum Essen. Ich mache uns Jambalaya.« Endlich marschierte er in Richtung Tür. »Viel Spaß mit deinen Freunden, Schatz«, setzte er noch hinzu, dann zog er die Tür hinter sich zu.
Freunde.
Ich verdrehte die Augen, wie immer, wenn er das sagte. Einen nervtötenden Nachmittag lang hatte ich mal versucht, ihm den Unterschied zwischen Followern und Freunden zu erklären, und war krachend gescheitert. Seitdem hatte ich das Gefühl, dass mein großer Bruder James unserem Dad absichtlich Unsinn über Social Media einflüsterte.
Obwohl er in zwei Minuten zum Bowling unterwegs sein würde, schloss ich zur Sicherheit wieder ab, bevor ich zurück auf den Schreibtischstuhl sank. Harmony strahlte professionell in die Kamera, während sie die Fragen in den Kommentaren beantwortete.
Harmony Evans.
Die fast drei Millionen Follower hatte.
Es war so verdammt wichtig, dass ich das hier rockte.
Also setzte ich mein Lächeln wieder auf, schob mir die Locken hinter die Schultern und aktivierte erst das Mikro und dann die Kamera.
»Entschuldigt«, sagte ich und nutzte die kurze Pause, die sich bot. »Ich bin gerade aus New York zurück und da ich erst nächste Woche die Schlüssel für meine neue Wohnung bekomme, bin ich für den Moment bei meinen Eltern gestrandet. Hier ist es zwischendurch etwas turbulent.«
»Gott, ich bin so neidisch«, kam es augenblicklich von Harmony – ganz wie erhofft. New York ging immer als Eisbrecher. Die meisten liebten es, einige hassten es und diejenigen, die noch nie dort gewesen waren, konnten davon erzählen, wie dringend sie dorthin wollten. »Wie lange warst du in New York?«
»Ein halbes Jahr«, antwortete ich und spürte, wie sich die Verspannung zwischen meinen Schultern langsam löste. New York war vertrautes Terrain. »Es ist einer meiner liebsten Orte. Die Stadt ist magisch. Überall findet man Kunst und Kreativität. Jede Straßenecke erzählt ihre ganz eigene Geschichte und immerzu durchdringt einen dieser schnelle Puls der Stadt. Ich habe von Tag zu Tag mehr gespürt, wie sich ihre Energie auf mich und meine Projekte überträgt.«
»Das fühle ich so sehr«, kam es von Harmony. »Warum bist du zurückgekehrt nach …« Sie runzelte die Stirn, beugte sich vor und ich ahnte, dass sie dort irgendwo einen Steckbrief von mir liegen hatte. Für sie war ich nur ein winziges Empowerment-Sternchen, nicht wichtig genug, um etwas über mich auswendig zu lernen.
Noch.
»… nach Juniper Falls?« Ihr Stirnrunzeln nahm zu. Wahrscheinlich hatte sie den Namen unserer Kleinstadt nie zuvor gehört, bis ich in ihrem Terminplaner aufgetaucht war.
»So wundervoll New York auch ist, meine Familie und meine Freunde leben hier und dauerhaft würden sie mir wohl zu sehr fehlen.« Mit dieser Antwort verschwieg ich gekonnt, dass ich mir die Mieten in New York nicht mal leisten könnte, wenn ich eine meiner Nieren verkauft hätte. Oder beide. Die sechs Monate dort verdankte ich nur dem Umstand, dass mein Bruder James mit seinem Freund Bentley auf Weltreise gewesen war und ich währenddessen ihre Pflanzen hatte gießen dürfen.
»Verständlich und gleichzeitig sind Beziehungen zu anderen die perfekte Überleitung.« Harmony warf einen weiteren Blick auf ihren Zettel. »Amanda, du bist seit Jahren unter dem Namen A-Selflove in den sozialen Medien für deine Nach-Trennungsprogramme bekannt und hilfst vor allem Frauen mit deinem Empowerment-Content auf dem Weg zur Selbstliebe und mehr Selbstbewusstsein. Doch seit einiger Zeit gibt es jetzt dieses neue Konzept von dir.« Sie beugte sich ein Stück vor und suchte wahrscheinlich auf ihrem Notizzettel nach dem Namen.
»Solo-Power«, sagte ich, um die Pause nicht noch unangenehmer werden zu lassen. »Ich bin der Ansicht, dass Liebesbeziehungen Kraft und Nerven kosten. Die meisten davon enden in unschönen Trennungen oder – was beinahe schlimmer ist – in Kompromissen, die sich für beide Seiten mies anfühlen. Was wäre, wenn wir stattdessen all die Zeit, die Nerven und die Kraft in etwas investieren würden, was uns guttut, nämlich in uns selbst? Das ist die Idee hinter Solo-Power.«
Jetzt hatte ich ihre volle Aufmerksamkeit, denn im Chat begannen die Nachrichten wieder schneller einzugehen. »Das bedeutet, du lebst auch danach und lehnst romantische Beziehungen ab?« Harmonys Skepsis war unüberhörbar. »Verratet ihr uns, was ihr von Amandas Idee haltet?«, fuhr sie einen Hauch begeisterter in Richtung unserer Zuschauer fort.
»Es ist keine Idee«, erwiderte ich und setzte zu dem Monolog an, den ich schon so oft gehalten hatte. »Es ist eine bewusste Entscheidung für mich selbst. Dafür, meine Träume zu leben und nicht am Ende meines Lebens all die Chancen zu beweinen, die ich nicht ergriffen habe. Rechnet mal aus, wie viel Energie ihr in Beziehungen gesteckt habt, die gescheitert sind. Wie ihr euch anschließend gefühlt habt und wie lange es gebraucht hat, wieder ansatzweise zu euch und eurem Selbstvertrauen zurückzufinden. Und jetzt überlegt euch, wie es euch gegangen wäre, wenn ihr all diese Energie nicht in einen anderen Menschen investiert hättet, sondern einfach in euch selbst. In Dinge, die euch glücklich machen. Oder euch dabei helfen, eure Lebensträume zu erfüllen.«
»Ein interessanter Ansatz«, sagte Harmony und strich sich eine ihrer hellblonden Strähnen hinters Ohr, »und wie genau setzt …«
Ein Klopfen an der Tür unterbrach, was immer sie hatte fragen wollen, und ich warf Dad in Gedanken so ziemlich jeden Fluch der Welt an den Kopf.
»Schätzchen«, erklang jedoch bereits Moms helle Stimme. »Es tut mir leid, dich zu stören, aber ich brauche dringend das Ladekabel von meinem Nachttisch.«
Gott.
Ich wollte zurück nach New York.
Jetzt!
Grund 3: Ich hasse Alex Smith, weil er mir Hunderte von Ameisen in die Taschen meiner Lieblingsjacke mit den schwarzen Sternen gefüllt hat und ich es erst gemerkt habe, als ich die Hände hineingesteckt habe.
(Amanda, 8 Jahre)
Wie lief dein Gespräch, Schatz?«, fragte Mom kaum dass ich das Wohnzimmer betrat. Vom hellblauen Sofa vor der Blumentapete sahen mir gleich zwei Frauen entgegen. Die eine war meine Mom mit dem schulterlangen blonden Haar, genau die Farbe, die mein eigenes einst besessen hatte, bis es zu einem Aschblond nachgedunkelt war. Ihr sturmgrauer Strickpullover harmonierte perfekt mit ihren blaugrauen Augen – oder vielmehr unseren blaugrauen Augen. Als Kind hatte ich beinahe ausgesehen wie eine kleine Kopie von Mom, wenn man von meinen Locken absah, die definitiv von Dads Seite stammten. Mittlerweile besaß meine Haut mehr von Dads Bräune, aber sonst sahen wir uns noch immer so ähnlich, dass jeder sofort unsere Verwandtschaft erkannte. Aber auch abgesehen vom Äußeren waren wir oft erschreckend gleich und dann wiederum konnten wir nicht unterschiedlicher über Dinge denken. So würde ich nie verstehen, dass sie damals ihren Traum von der Schauspielerei aufgegeben hatte, um mit Dad zusammen den Handarbeitsladen seiner Eltern zu übernehmen.
»Amanda, Liebes«, kam es nun auch von der Frau neben ihr und die war eines dieser weiteren Dinge, die ich nie an Mom verstehen würde.
»Hallo, Miley«, begrüßte ich Moms beste Freundin und, wenn sie gerade stritten, ihre schlimmste Feindin. An manchen Tagen wechselte das mehrfach hin und her. Gleichzeitig klebten sie seit ihrer Kindheit aneinander wie Pech und Schwefel – genau wie meine beste Freundin Lauren und ich, nur hatten wir uns erst ein einziges schreckliches Mal gestritten.
»Wie schön, dass du endlich aus New York zurück bist«, sagte Miley, während Mom in Richtung Küche verschwand, in der die Kaffeemaschine lautstark ankündigte, dass sie ihre Aufgabe erledigt hatte. Ich spürte Mileys überkritischen Blick auf mir, während ich Hope die zweite flehende Nachricht schrieb, ob ich nicht doch früher die Wohnungsschlüssel bekommen könnte. »Es ist so nett, wenn ein Kind noch so lange zu Hause bei seinen Eltern wohnt.«
Ich sendete die Nachricht ab, schob mein Handy zurück in die Jeanstasche und machte mich bereit für das, was jetzt unweigerlich folgen würde. Mom und Miley hatten dieses »Mein Kind ist besser als dein Kind«-Ding seit unseren Geburten laufen. Während mein Bruder James mit Mileys Tochter Olive spielend mithalten konnte, hatte ich permanent das Gefühl, jeden Kampf gegen meinen Konkurrenten zu verlieren.
»Seit Alex vor drei Monaten ausgezogen ist, komme ich mir so unnütz vor«, fuhr Miley zwar fort, doch das theatralische Seufzen nahm ich ihr nicht ab, dafür blitzte es zu zufrieden in ihren Augen. »Aber ich weiß ja, wie wichtig es ist, dass er auf eigenen Füßen steht. Es muss so schön für deine Eltern sein, dass sie dich noch länger bei sich haben können.«
»Vergiss nicht, ich bin nur vorübergehend hier, weil meine Wohnung noch nicht frei ist. Außerdem war ich bis letzten Donnerstag in New York«, gab ich zurück und klimperte betont mit den Wimpern. »Ich weiß also, wie es ist, allein zu wohnen.«
»Aber noch bist du hier zu Hause«, protestierte Miley. »Und davor hast du doch in Bentleys und James’ Wohnung gelebt. Das ist nicht das Gleiche, Liebes. Die ganze Verantwortung, das unterschätzt man so leicht …«
»Das bekomme ich hin.«
»Sicher, Schätzchen.« Miley hob die Augenbrauen auf diese leicht spöttische Art und ich ahnte, dass sie im Geiste all die Male durchging, in denen sie mich schon hatte scheitern sehen. »Alex lässt dich übrigens grüßen.«
Nein.
Das tat er sicher nicht.
Alex Smith war der letzte Mensch auf der Erde, der mich freiwillig grüßen ließ.
Er war meine Nemesis.
Würden wir in einer mittelalterlichen Fantasywelt leben, wären unsere Königreiche verfeindet und unsere Mission wäre es, einander umzubringen. Doch wir lebten nicht in einem Fantasy-Epos, nicht mal in einem Mafia-Thriller, und so war das Schlimmste, was ich einigermaßen legal tun konnte, seinem Mazda die Luft aus dem Reifen zu lassen. Immerhin hatte ich das schon dreimal unbemerkt geschafft und er hatte es mir nie nachweisen können. Ich ihm leider aber auch nicht, dass er mit sieben Jahren meinem Lieblingseinhorn die Mähne raspelkurz geschnitten hatte. Dafür hatte ich mich bitterlich gerächt, indem ich versehentlich seinen LEGO-Sternenzerstörer hatte fallen lassen. Noch heute hatte ich das wundervolle Geräusch von tausend aufknallenden LEGO-Steinen, vermischt mit Alex’ entsetztem Schrei, im Ohr.
Genau so waren wir schon immer gewesen und würden es für immer bleiben.
»Wie nett«, erwiderte ich in das Vibrieren meines Handys hinein und das auch nur, weil ich keine Lust auf Stress mit Mom hatte. Ich hoffte auf eine Antwort von Hope und fürchtete gleichzeitig eine Nachricht meiner Agentin Lou wegen des verpatzten Interviews, doch sie kam von Bentley.
Hey, liebste Star-Influencerin, James sagt, du hast in den ganzen Umzugsvorbereitungen bestimmt vergessen, dass Kitty heute vorbeikommt wegen dieser Plätzchenverkaufssache, also sieh das hier als deine persönliche Erinnerung an.
Darunter fand sich eines von Bentleys geliebten GIFs und in diesem wurden Cookies wild durch die Gegend geschleudert.
Die Plätzchenverkaufssache.
Verdammt!
Dass ich versprochen hatte, Bentleys Nichte zu zeigen, wie ich es geschafft hatte, viermal hintereinander einen neuen Rekord beim Pfadfinderverkauf für die Wild Rock Girls aufzustellen, hatte ich wirklich vergessen. Doch ich musste dringend noch Content für morgen drehen und Storys hochladen. Außerdem gab es da dieses gute Dutzend an Werbeanfragen zu beantworten, die schon tagelang in meinem Posteingang lagen, zusammen mit vielen anderen ungelesenen Mails. Irgendwie ironisch, all die Mails zählten nicht mehr, seit ich auf diese eine von Zenfluence wartete.
Ich stieß ein Seufzen aus und wollte Bentley gerade antworten, dass es heute ungünstig war, da vibrierte das Handy erneut. Keine Sekunde später starrte ich auf die Nachricht meiner Agentin Lou, die sich nicht mit solchen Feinheiten wie Begrüßungen aufhielt.
Das war mies, Amanda. Du verschwindest mitten in einem so wichtigen Interview? Harmony war komplett irritiert und ich auch. Diesen Termin verdankst du allein mir. Und das machst du daraus? Ausgerechnet heute???
Genervt wischte ich die Nachricht zur Seite. Ich würde später zurückschreiben, sobald es sich in mir anfühlte, als könnte ich ihr eine deeskalierende und entschuldigende Antwort zurückschicken. Irgendwann, wenn diese Wut in mir nachgelassen hatte. Monatelang hatte ich nach einer erfolgreichen Agentin gesucht und letztlich war Lou die Einzige gewesen, die bereit gewesen war, mir eine Chance zu geben. Das bedeutete, dass ich nett und dankbar sein musste und mich gleichzeitig regelmäßig fühlte wie eine Loserin, die doch niemals zu den großen Createrinnen zählen würde.
Wie ich es hasste, mich so zu fühlen.
In weniger als zwei Stunden wusste ich, ob sich Zenfluence – die angesagteste Coaching-Plattform – für mich und Solo-Power entschieden hatte.
Bis dahin würde ich eh nicht vernünftig arbeiten können.
Nicht, wenn mein Traum zum Greifen nah war.
»Mom, wo ist meine Pfadfinder-Uniform?«, rief ich in Richtung Küche. Kurzerhand scrollte ich zurück zu Bentleys Nachricht und schickte ihm einen Daumen hoch.
Jetzt war mir nach Keksen und danach, etwas zu tun, in dem ich unschlagbar gut war, um mein angeknackstes Selbstvertrauen wieder aufzupolieren.
Grund 13: Ich hasse Alex Smith, weil er jedes Mal das letzte Wort haben muss – und seine letzten Worte sind scheiße!
(Amanda, 9 Jahre)
Also, ihr wisst Bescheid?«, fragte ich in Richtung von Kitty und ihrer Freundin Ann, die eifrig nickten. Der frische Frühlingswind hatte die Wangen der Mädchen gerötet und Aufregung ließ ihre Augen funkeln. Ihre fuchsfarbenen Taschen passten perfekt zu den ebenfalls rotbraunen Kappen, die sie zur beigefarbenen Pfadfinder-Uniform trugen. Der Anblick erinnerte mich an früher, wenn ich mit meiner besten Freundin Lauren so durch die Nachbarschaft gelaufen war. Ja, es war eine gute Entscheidung gewesen, die Arbeit für einige Stunden an die Seite zu schieben.
Vor allem heute.
»Was ist das Allerwichtigste?«, setzte ich nach.
»Dass wir höflich sind«, antwortete Kitty mit einer Ernsthaftigkeit, die mich schmunzeln ließ. Vor einigen Jahren war ich noch ihre Babysitterin gewesen, jetzt hatte ich sie ein halbes Jahr nicht mehr gesehen und stellte fest, dass nun weniger als eine Kopflänge fehlte, bis sie so groß sein würde wie ich. Ihre geflochtenen Zöpfe reichten ihr mittlerweile bis zur Taille und gleichzeitig wichen ihre kindlichen Züge langsam denen eines Teenagers. In ein oder zwei Jahren würde sie ihren Zieheltern Ella und Darce wahrscheinlich den einen oder anderen Nerv rauben.
»Genau«, erwiderte ich. »Wild Rock Girls bleiben immer freundlich. Wir starten jetzt mit dem ersten Haus und ich zeig euch, wie ich ein Verkaufsgespräch führe. Bei den anderen Häusern bleibe ich im Hintergrund und gebe euch anschließend Tipps, so werdet ihr von Gespräch zu Gespräch sicherer. Aber jetzt haltet schon mal eure Taschen bereit, denn ich bin mir sicher, dass unsere Nachbarin Miley bestimmt einige Plätzchenrollen kaufen wird.«
Ich ging mit den beiden zum Nachbarhaus, das wie ein Doppelgänger von unserem wirkte. Der gleiche kleine Vorgarten, in dem sich ebenfalls die ersten Krokusse zeigten, auch wenn die Rosenstauden hier deutlich gesünder aussahen. Das gleiche dunkelbraune Satteldach, die gleichen vanillefarbenen Hauswände. Doch das Türschild war definitiv nicht unseres. Unseres hatte ich vor Ewigkeiten in einem Kunstkurs getöpfert. Es besaß knallige Farben und ein wildes Durcheinander an kreativen Formen. Darüber hatte ich unseren Familiennamen geschrieben: Clarks. Ich war so stolz gewesen, als Mom und Dad es feierlich an die Haustür gehängt hatten. Keinen Monat später hatten auch die Smiths ein neues Haustürschild bekommen, von Alex. Er hatte es gravieren lassen mit der Aufschrift: Hier wohnt die beste Familie der Welt – unsere.
Ich hasste dieses Türschild.
Und ich hasste es noch heftiger, weil ich meines seitdem nicht mehr schön fand. Nun sah ich die Stellen, an denen ich mit dem Pinsel abgerutscht und wo die Form zu uneben war. Selbst die Farben, die ich damals so wundervoll lebendig gefunden hatte, waren seitdem für mich nur noch grell.
Mein Leben wäre so viel besser ohne Alex Smith.
Gerade als ich das dachte, wurde die Haustür geöffnet und im nächsten Moment stand ausgerechnet er vor mir.
Alex!
»Was machst du denn hier?«, stießen wir in grimmigen Einklang aus und musterten einander finster in Grund und Boden.
»Ich wohne hier«, sagte er schließlich und verschränkte die Arme vor seinem grauen Shirt, das wie immer so weit war, dass es lächerlich aussah.
Fairerweise fand ich ohnehin alles an ihm lächerlich.
»Nicht mehr«, gab ich patzig zurück. »Geh weg, ich will zu deiner Mom.«
»Die ist unterwegs.«
»Dann zu deinem Dad.«
»Der auch.«
Gottverdammt!
»Ist heute Waschtag für deine Designerkleidung, Amy? Oder ist das ein modisches Statement, das ich nicht verstehe?«, fragte er und deutete auf meine Pfadfinder-Uniform.
Wie unfassbar lustig.
Ich legte mir die Hand auf den Brustkorb und tat entsetzt. »Und ich dachte bis jetzt, du hättest noch nie etwas von Mode gehört.« Hinter mir ertönte leises Gekicher und erinnerte mich daran, dass ich hier gerade nicht das Vorbild war, das ich sein sollte. »Plätzchenverkauf«, stieß ich also widerwillig aus und Alex’ Blick aus azurblauen Augen huschte von mir zu den Mädchen und wieder zurück. Er fuhr sich erst über den Dreitagebart und strich dann einige Strähnen seines rotblonden Haars aus der Stirn, das wie immer so zerzaust aussah, als würde er jeden Moment ins Meer rennen und auf ein paar Wellen surfen. Dabei besaß Utah nicht mal ein Meer.
»Sorry«, sagte er und nun stand ihm das schlechte Gewissen ins helle Gesicht geschrieben – nur kannte ich die Person, der dieses Gesicht gehörte, zu gut, um ihm etwas davon abzunehmen. Wie zum Beweis fuhr er deutlich leiser an mich gerichtet fort. »Ich wusste nicht, dass dein Social-Media-Zeug sooooo schlecht läuft. Wie viele Packungen muss ich dir abkaufen, damit du bis nächste Woche über die Runden kommst, Amy?«
Mein rechtes Bein zuckte unter der Anstrengung, es an Ort und Stelle zu halten und ihm nicht zu erlauben, gegen Alex’ Schienbein zu treten, wie früher. Manchmal vermisste ich diese alten Zeiten, wo ich ihn noch einfach hatte treten können.
»Am-anda«, sagte ich und mühte mir ein Lächeln ab, das sich anfühlte wie ein ausgestreckter Mittelfinger. »Ich musste letztens an dich denken«, fuhr ich langsamer fort und sofort funkelte Misstrauen in seinen tiefblauen Augen auf. »Als ich diese Reportage über die geplanten Marssiedlungen gesehen habe. Du solltest dich unbedingt dafür melden und für immer dorthin übersiedeln, du kleiner Scheißke…«
»Ihr verkauft also Plätzchen?«, rief Alex über meinen Fluch hinweg Kitty und Ann zu. Augenblicklich klang seine Stimme so komplett anders – warm und sympathisch. Dazu lächelte er breit und aufrichtig. Es war, als hätte jemand bei ihm einen Knopf gedrückt und er wechselte innerhalb von Sekundenbruchteilen vom Arschloch zum Sonnenschein. Manchmal, wenn er das so mühelos tat, fragte ich mich, ob es bei mir genauso war.
Alex machte sich nicht länger die Mühe, mich zu beachten, sondern sah zu Kitty und Ann, die nun ihre Taschen bereitwillig öffneten, um ihm die Keksrollen darin zu zeigen. »Die sehen ja super aus«, stieß er noch immer strahlend aus. »Was für eine tolle Auswahl. Gibt es bei euch eigentlich noch immer dieses Ranking mit den besten Verkaufszahlen?«
»Ja«, sagte Kitty und die Aufregung vor ihrem ersten Verkauf ließ ihre Stimme höher werden. »Das Gewinner-Team bekommt einen Kino-Gutschein.«
»Wow«, erwiderte Alex und wirkte dabei so aufrichtig, dass ich nicht anders konnte, als die Augen zu verdrehen. »Wer hält momentan den Rekord bei eurem Pfadfinderverkauf …«
Nein!
Das würde er nicht.
Oder???
Sein Blick wanderte zurück zu mir und bohrte sich in mich. »Bist das immer noch du, Am-ANDA?« Er betonte meinen Namen nun so überdeutlich, dass es lächerlich wirkte.
»Ja«, sagte Ann und strahlte. »Amanda hat die drei besten Ergebnisse und ist ungeschlagen bei den Wild Rock Girls.«
Noch.
Ich sah das Wort in Alex’ Miene.
»Wag es nicht!«, formte ich lautlos, woraufhin es in seinen Augen begeistert blitzte.
»Nur interessehalber.« Er wandte sich wieder den Mädchen zu. »Wie viele Plätzchenrollen müsste ich euch abkaufen, damit ihr Amanda schlagt?«
Grund 20: Ich hasse Alex Smith, weil mich nichts auf der Welt so wütend machen kann wie er – und das weiß er!
(Amanda, 11 Jahre)
Du bist meine Rettung«, stieß ich zum wahrscheinlich hundertsten Mal aus. Aber ernsthaft, mit jedem Tag länger bei meinen Eltern fühlte ich mich mehr wie ein offenbar lebensunfähiger Teenager. Dass ich sechs Monate in New York überstanden hatte, ohne in Schwierigkeiten zu geraten – zumindest in keine, von denen sie wussten –, hatte mich für sie nicht erwachsener werden lassen. Jedes Mal, wenn ich in mein Auto steigen wollte, mahnte Mom, dass ich die Tankanzeige im Auge behalten musste. Und Dad fragte, ob ich rechtzeitig zum Abendessen zurück sein würde, weil ich sonst nichts Vernünftiges zu essen bekäme. Das war irgendwas zwischen süß und so verdammt nervtötend, dass ich mich fühlte wie ein Vogeljunges, das gerade im Nest erdrückt würde.
Hope schob sich eine Strähne ihres pastelllilafarbenen Haares hinters Ohr und zog die Nase kraus. »Und die Sache mit den Leuchtsternen macht dir wirklich nichts aus? Wir wollten eigentlich noch überprüfen, ob wir alle gefunden haben und bis nächste Woche auch noch alles putzen und …«
»Schon gut. Ihr habt bestimmt genug zu tun und ich kann schneller einziehen. So ist es doch für alle eine Win-win-Situation.« Ich deutete auf die drei einsamen Kartons, die bereits an der Tür standen, um gleich von Logan und Hope in ihr neues Heim gebracht zu werden. In das nette hellblaue Haus in der Easton Road mit riesigem Garten, nur wenige Straßen von hier entfernt. Doch obwohl ich wusste, wie sehr sich beide auf den Umzug freuten, fuhr ihr Blick zum wiederholten Male zögerlich durch das große Wohnzimmer, über das Sofa und die nun leeren Wände hinweg. Sie schien es ebenfalls zu registrieren, denn sie blinzelte.
»Es ist schwer, etwas loszulassen, das man so geliebt hat«, sagte sie und ein trauriges Lächeln legte sich auf ihre Lippen. »Aber ich weiß, dass die Wohnung bei dir in den besten Händen ist.« Sie griff in ihre Jeanstasche und holte den Wohnungsschlüssel heraus. »Die Haustür fällt zu, sobald die Balkontür offen ist«, begann sie. »Die Wohnzimmerwand zur Nachbarwohnung ist ziemlich dünn und man hört hin und wieder Geräusche, aber dafür sind die Nachbarn hier alle nett, bis auf den Hausmeister, der unten wohnt. Der ist ein ziemlich grummeliger Zeitgenosse, aber er kümmert sich um alles, was anfällt. Da war noch so viel … Moment.« Erneut blickte Hope sich im Raum um und verschränkte die Arme über ihrem mittlerweile nicht mehr zu übersehenden Babybauch.
»Nicht du auch noch«, gab ich zurück. »Du klingst schon genauso schlimm wie meine Eltern. Ich werde wunderbar klarkommen, ehrlich.«
Sie sah wieder zu mir und nickte dann. »Natürlich wirst du das. Aber es gibt da eine Sache, die –«
»Nein!« Auch ohne Hopes sich hochziehende Augenbrauen hätte ich gewusst, dass mein Protest zu heftig gewesen war. »Sorry«, setzte ich nach, »das sollte nicht dich treffen.«
»Ich war schon irritiert«, kam es von Logan, der gerade grinsend mit einem offenen Umzugskarton aus der Küche trat. »Vielleicht bessert sich deine Laune, wenn ich dir sage, dass dies hier«, er klopfte auf den Karton in seinem Arm, »der allerletzte ist. In fünf Minuten ist das hier dein Reich, Amanda. Wie klingt das?«
»Fantastisch«, gab ich zurück und ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. »Dann bekommt dieser Scheißtag wenigstens ein gutes Ende.«
»So mies?« Logan stellte den Karton auf die übrigen und strich sich die dunklen Haarsträhnen aus der Stirn. »Was ist passiert?«
»Das Übliche.« Ich zuckte mit den Schultern. »Ein verpatztes Gespräch mit einer wichtigen Influencerin, weil meine Eltern regelmäßig reingeplatzt sind. Meine Agentin, die mich eh schon hasst, hasst mich deswegen noch ein Stück mehr. Vor einer Stunde war die Deadline für die Zusage zu meinem Traumjob, aber es kam keine Mail. So was halt.«
»Dein Übliches unterscheidet sich drastisch von meinem.« Hope blinzelte. »Und wen von denen hätte dein energisches Nein gerade eigentlich treffen sollen?«
»Keinen«, erwiderte ich grimmig und beinahe sofort füllte sich mein Magen mit heißer, klebriger Wut, die sich dort festsetzte. »Das war ganz allein für Alex bestimmt.«
»Alex?«, fragte Logan und sein Blick suchte Hopes. »Olives Bruder? Ich dachte, mittlerweile seid ihr diesem Hass-Ding entwachsen?« Eine Falte bohrte sich beeindruckend tief in seine Stirn, die an die Farbe der Sandsteinfelsen stadtauswärts Richtung Süden erinnerte.
»Echtem Hass kann man nicht entwachsen«, gab ich ungerührt zurück. »Wenn überhaupt hatten wir nur eine kleine Waffenruhe, weil ich sechs wundervolle Monate lang endlich mal nicht Tür an Tür mit ihm wohnen musste. Aber jetzt bin ich wieder hier und nach dem heutigen Zusammentreffen mit ihm kann ich sagen, dass wir einander noch mehr zum Kotzen finden als vorher.«
Die Wut in meinem Bauch schlug Blasen, als ich daran dachte, dass Alex, ohne mit der Wimper zu zucken, zweitausend Dollar für Kekse ausgegeben hatte, nur um mich zu demütigen.
»Ähm … Hopefully?« Nun bohrte sich Logans Blick beinahe vorwurfsvoll in Hope, die ihn bis jetzt betont ignorierte. »Hattest du nicht gesagt –«
»Wir müssen los!«, fuhr sie ihm ins Wort und das Lächeln, das jetzt auf ihren Lippen lag, wirkte einen Hauch zu angestrengt, als sie sich den obersten Karton schnappte. »Wir sollten Amanda die Wohnung endlich überlassen und ich bin auch ziemlich müde.«
»Und genau deshalb sollst du dir Pausen gönnen, Hopefully.« Mahnend nickte Logan in Richtung ihres gewölbten Bauches. »Lass mich das machen.« Mit diesen Worten nahm er ihr den Karton ab.
Eigentlich kannte ich Hope gut genug, um mich auf Protest einzustellen, aber sie blieb auffallend still, während Logan die restlichen Kartons hinunterbrachte. Ihr Gesicht kam mir sogar noch heller vor als sonst und kurz schien sie mit sich zu ringen, doch dann überreichte sie mir den Wohnungsschlüssel. Beinahe erwartete ich weitere Anweisungen oder unverzichtbare Infos, stattdessen stieß sie nur tief die Luft aus.
»Es wird schon gut gehen«, sagte sie mit letztem Blick zurück auf ihre Wohnung, die nun meine war, und ich wusste nicht, an wen von uns beiden ihre Worte gerichtet waren.
Nachdem ich die Tür hinter Logan und Hope geschlossen hatte, prickelte warme Begeisterung wie Champagnerbläschen in mir hoch.
Die Wohnung gehörte nun mir.
Also quasi – nur halt auf Mietbasis.
Aber es war der Schritt, den ich so dringend brauchte.
Schon vor Wochen hatte ich genaue Pläne gemacht, wie ich alles einrichten würde. In das vordere Zimmer auf der linken Seite passte nicht viel mehr als mein Bett und in dem hinteren Raum würde ich all die Kleidung und die Dinge lagern, die nicht fotogen waren. Der Mittelpunkt aber würde der gigantische Wohnbereich werden. Hier würde ich alles perfekt aufeinander abstimmen, eine Leinwand mit Belichtung und wechselnden Hintergründen besorgen, eine Yoga-Ecke für die Entspannungsvideos und Spots für die betont heimischen Aufnahmen einrichten, um Nähe zu meinen Followern herzustellen. Noch in New York hatte ich mit der Planung angefangen, direkt nachdem ich von Hope erfahren hatte, dass Logan und sie die Wohnung aufgeben würden. Es würde perfekt werden.
Ich ging am neuen cremefarbenen Sofa vorbei in Richtung des winzigen Balkons mit seinem Metallgitter, der wie gemacht für cozy Fotos bei Sonnenaufgängen war. Gegenüber sah ich das Heaven & Hell, in das Lauren und ich uns damals mit gefälschten Ausweisen hatten einschleichen wollen und gnadenlos aufgeflogen waren. Dad hatte uns abholen müssen. Er war so wütend gewesen, dass die Ader an seiner Schläfe unentwegt pulsiert hatte und er die ganze Autofahrt über nicht ein Wort hatte sagen können. Links davon lag das Brautmodengeschäft von Hopes Vater und auf der anderen Seite der kleine Tattooladen, an dem ich mir noch am Morgen meines achtzehnten Geburtstags einen Kompass auf das linke Schulterblatt hatte tätowieren lassen. Als Erinnerung daran, immer meinem Traum zu folgen, bis ich irgendwann eine der Social-Media-Größen im Self-Empowerment war. Danach hatte Dads Ader auch wieder pulsiert, wenn auch nicht ganz so heftig wie bei dem gefälschten Ausweis.
Erneut sah ich über die vertrauten Gebäude und wieder prickelte Begeisterung in mir. Das hier mochte nicht New York sein – noch nicht –, aber es fühlte sich gut an.
Der Refrain von Ariana Grandes Version von Popular dröhnte mir aus der Hosentasche entgegen und ich zog das Handy heraus und mutete den Anruf meines Bruders. Wahrscheinlich wollte er sich eh nur beschweren, weil ich seine Lieblingschips aufgegessen hatte. Das konnte er morgen persönlich nachholen, nachdem er in Juniper Falls angekommen war. Für den Augenblick genoss ich die Ruhe hier viel zu sehr, um mit jemandem zu reden.
Die hatte ich mit am meisten vermisst, nachdem ich hierher zurückgekehrt war.
Absolute Ruhe.
Kein Dad, der in der Küche lautstark herumexperimentierte, keine Mom, die mit Miley telefonierte, obwohl sie genauso gut nach nebenan hätte gehen können.
Jetzt gehörte jedes Geräusch hier allein mir.
Und ich liebte alles daran.
Seufzend sank ich auf das neue Sofa, das ich bereits letzte Woche hierher hatte liefern lassen, und atmete so betont ein, wie ich es bei meinen Kursen immer empfahl, um das Glück und die Zufriedenheit in jede Faser meines Körpers zu übertragen, damit …
Ein elektronisch pulsierender Takt, der an einen Herzschlag erinnerte, ließ mich zusammenfahren und beinahe sofort setzte ein Bass-Riff ein, der mir gleich zwei Dinge klarmachte.
Erstens: Hope hatte nicht untertrieben, die Wände hier waren verdammt dünn.
Und zweitens: Wer immer da wohnte, besaß definitiv nicht meinen Musikgeschmack.
Ich schickte einen Fluch auf die andere Seite der Wand und beschloss, darauf zu bauen, dass das hier eine einmalige Sache war. Denn sonst würde ich dieser Person energisch klarmachen, dass es eine wundervolle Erfindung namens Kopfhörer gab.
Aber nicht heute.
Schließlich wollte ich es mir nicht so schnell mit meinen neuen Nachbarn verscherzen.
Grund 25: Ich hasse Alex Smith, weil er meiner besten Freundin Lauren erzählt hat, dass ich mich vor Jahren mal mit Filzstiften geschminkt habe, und dann meinte, es wäre eine Verbesserung zu jetzt gewesen.
(Amanda, 12 Jahre)
Du hast viel zu viel Kram!«, beschwerte sich Dad zum millionsten Mal, während er eine weitere Bücherkiste die Treppen hochschleppte. »Und vor allem hast du viel zu viele Bücher«, stieß er keuchend aus und ging an den beiden Türen im ersten Obergeschoss vorbei, um die Treppe in den nächsten und letzten Stock zu nehmen.
»Bücher kann man nie genug haben«, erwiderte ich zwar, musste jedoch insgeheim zugeben, dass die Kisten verdammt schwer waren. Morgen würde ich jede von ihnen verfluchen, wenn ich meine Yoga-Session abhielt.
»Ich liebe dich, Amanda«, ertönte es schnaufend hinter mir. »Aber als deine beste Freundin muss ich dir sagen, dass dein Dad recht hat.« Es klang, als stellte Lauren ihre Kiste auf dem Treppengeländer ab, um Luft zu holen. »Das sind definitiv zu viele.«
Ich sparte mir meine Erwiderung nur, weil ich alles an Atem brauchte, um die letzten Stufen zu nehmen.
Noch vier … drei …
Aus den Augenwinkeln registrierte ich eine Bewegung und sah hinüber zu der Wohnungstür, die neben meiner lag und aus der ein Mann in meinem Alter trat. Er trug einen teuer aussehenden, gut sitzenden steingrauen Mantel und war gerade dabei, sich einen Schal in der gleichen Farbe umzulegen, als auch er uns bemerkte.
»Hi«, sagte er zögerlich und sein Blick glitt erst zu Dad, dann zu Lauren, die aufgeholt hatte und nun mitsamt ihrer Kiste neben mir stoppte, um dann prüfend an mir hängen zu bleiben. »Ihr seid also die Neuen?«, fragte er und strich sich durchs kurze hellblonde Haar. »Ihr alle?«
»Nur sie.« Dad stellte seine Kiste vor meiner Wohnungstür ab und deutete auf mich. »Und sie wird hier von nun an für immer leben, weil ich mich weigere, all diese Bücher noch einmal zu schleppen.«
»Am besten beachtest du meinen Dad einfach nicht«, erwiderte ich, während ich die letzten Stufen nahm und den Karton auf Dads stellte, um mich dem neuen Nachbarn zuzuwenden. »Er hält sich für lustig und wenn du jetzt eine Reaktion zeigst, bestärkt ihn das nur.«
»Okay?«, sagte der Fremde, aber seinem Stirnrunzeln nach schien er nicht sicher zu sein, ob das gerade ein Scherz gewesen war. »Dann hoffe ich, dass ihr schnell fertig werdet. Ich würde ja meine Hilfe anbieten, doch leider muss ich zur Uni und bin schon viel zu spät dran.« Entschuldigend zuckte er mit den Schultern und begann, seinen Mantel zuzuknöpfen.
»Was studierst du?«, kam es von Lauren, die ihren Karton gerade zu unseren gestellt hatte. Ihr langer brauner Pferdeschwanz schwang hin und her. »Denn du kommst mir bekannt –«
»Unmöglich!« Das Wort stürzte förmlich aus ihm heraus. Als hätte er seinen Fehler bemerkt, rang er sich ein Lächeln ab. »Biologie wollte ich sagen, sorry. Ich bin heute Morgen etwas durch den Wind und ich hasse es, zu spät zu kommen. Deshalb muss ich jetzt auch dringend los.« Er suchte sich einen Weg zwischen uns und an den Kartons vorbei. »Man sieht sich ja jetzt bestimmt öfter«, setzte er noch hinterher und hastete die Stufen geradezu herunter.
»Der scheint es wirklich zu hassen, zu spät zu kommen«, sagte Dad, während ich die Wohnungstür aufschloss. »Ein pflichtbewusster junger Mann.«
»Ein pflichtbewusster, heißer junger Mann«, raunte Lauren mir zu und stieß mir sanft ihren Ellbogen in die Rippen. »Aber dennoch, er kommt mir total bekannt vor, dir nicht auch?«
»Nicht wirklich.« Ich schnappte mir eine der Kisten, damit die sich in das erschlagende Chaos in meinem Wohnzimmer eingliedern konnte. »Vielleicht hast du ihn hier mal auf einer Party gesehen?« Zwar hatte Juniper Falls vor ein paar Jahren die langersehnte fünfstellige Einwohnerzahl überschritten, aber seit New York kam mir die Kleinstadt noch winziger und viele der Gesichter hier noch vertrauter vor.
»Wahrscheinlich.« Lauren nahm sich eines der bereitstehenden Wassergläser, während Dad seine Kiste direkt in meinen Abstellraum brachte. »Aber heiß ist dein neuer Nachbar trotzdem.«
»Aktuell habe ich kein Interesse an neuen One-Night-Stands. New York war anstrengend genug«, gab ich zurück. »Außerdem hat er einen grauenhaften Musikgeschmack.«
»Echt?« Sie blickte kurz in Richtung Wohnungstür, als hoffte sie darauf, dass er etwas vergessen hätte und noch mal zurückeilen würde.
»Ja, er hat mich gestern Abend stundenlang mit Muse gequält. Damit sinkt er auf der Attraktivitätsskala in Minusbereiche.«
»Was hast du nur immer gegen Muse?« Sie befreite ihr kastanienbraunes, glattes Haar aus dem Zopf, um sich einen Dutt zu binden. »Ich mag ihre Songs …« Der Rest ihres Satzes verklang unter meinem anklagenden Blick. »Sag mir bitte, dass du sie nicht nur hasst, weil sie Alex’ Lieblingsband sind. Denn sonst zwingst du mich dazu, dir zu sagen, dass das albern ist.«
»Es ist nicht wegen Alex, okay?« Genervt verdrehte ich die Augen. »Ich hasse Muse, weil sie Muse sind, und ich habe keine Lust auf einen One-Night-Stand mit dem Muse-Fan im grauen Mantel. Alles, was ich mir von dem wünsche, ist, dass er sich Kopfhörer besorgt. Und jetzt wird es Zeit für das nächste Update.« Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und atmete tief durch, um den Stress loszulassen und positiv zu wirken. Positiv und sympathisch rüberzukommen, war in den Videos das Allerwichtigste.
»Wo dieses Mal?«, fragte Lauren und sah sich um. Und ja, dieses Chaos war noch Welten entfernt von dem Social-Media-Wunderland, das mir für diesen Raum vorschwebte.
»Lass uns die Kartons ordentlich an die Wand stapeln und die als Hintergrund nehmen. Wir stellen uns davor und ich schreibe ein paar Zeilen dazu. Dann lege ich mich noch davor und du machst vom Boden aus Fotos.«
Lauren nickte und gemeinsam begannen wir, die Kisten zu einer ansehnlichen Mauer zu stapeln.
»Was soll das denn jetzt?«, fragte Dad entgeistert, der aus dem Abstellzimmer trat. »Wir sollten die Bücher doch dorthin bringen?« Er deutete auf den Raum hinter sich, während er dezent verstört dabei zusah, wie Lauren die Kartons fein säuberlich so verschob, dass die Ecken perfekt übereinander passten.
»Wir müssen eine Fotopause einlegen, Dad«, sagte ich, was mir eines seiner fassungslosen Kopfschütteln einbrachte. Ich liebte meine Eltern, weil sie wundervolle Menschen waren, aber manchmal fühlte es sich an, als lebten wir in verschiedenen Welten. Dad schien Ähnliches zu denken, als Lauren loszog, um den Bücherkarton, den er gerade ins Abstellzimmer geschleppt hatte, nun zu unserer improvisierten Fotowand zu tragen.
»Macht, was ihr wollt«, stieß er schließlich aus und ich wusste, dass er das hier für absoluten Unsinn hielt, aber es nicht aussprechen wollte, weil es mein Unsinn war. »Ich werde einfach weiter ausladen. Brauchst du noch was, Schatz?«
»Danke, Dad«, erwiderte ich und legte den Arm um ihn. »Es ist so lieb, dass du mir hilfst.«
»Und?«, fragte er grinsend zurück, weil er mich leider sehr gut kannte. »Was genau willst du?«
»Könntest du schauen, ob du im LKW irgendwo mein Ringlicht findest? Die Beleuchtung hier drinnen ist für ein Shooting gerade ziemlich mies.«
Alex
Grund 31: Ich hasse Alex Smith, weil mich seine hochgezogene Augenbraue mehr nervt als drei Stunden Diskussion mit irgendwem sonst.
(Amanda, 13 Jahre)
Was hast du getan?«
Kaum dass ich seinen Schlüssel im Schloss gehört hatte, stand mein Mitbewohner auch schon in der Küche und seiner finsteren Miene nach befand ich mich in Schwierigkeiten. Noah hatte sich nicht mal seinen Mantel ausgezogen, geschweige denn seinen Schal, und betrachtete mich nun mit dem grimmigsten Blick, den er auf Lager hatte. »Warum stapeln sich in all unseren Schränken Keksrollen?«
Berechtigte Frage.
Leider.
»Du magst doch Kekse?« Einladend breitete ich die Arme in Richtung der Eichenküchenschränke aus, die an den beigefarbenen Wänden hingen. »Überraschung.«
»Überrascht war ich wirklich«, sagte Noah und seine hellen Augenbrauen zogen sich unwirsch zusammen. »Denn als ich die da heute Morgen geöffnet habe«, er deutete auf die Küchenoberschränke, in denen wir unser Brot aufbewahrten, »wurde ich von mehreren Dutzend wild gewordener Keksrollen angegriffen. Dann habe ich den Fehler gemacht und den hier geöffnet.« Nun zeigte er auf den Oberschrank daneben, in dem normalerweise unsere Teller standen. »Und dann schlugen noch mehr Keksrollen auf mich ein, wie ein wütender Hagelschauer.«
»Ich musste hier ein wenig umorganisieren«, erklärte ich ausweichend und hoffte, er würde nicht weiter nachfragen, aber gleichzeitig wusste ich, dass ich keine Chance hatte. Schließlich hätte ich ebenfalls Diskussionsbedarf gehabt, wenn sich plötzlich mehrere hundert Keksrollen in unsere Schränke verirrt hätten.
»Habe ich gemerkt.« Er nickte in Richtung des kleinen Küchentischs, auf dem nun ein kleiner Bruchteil an Keksrollen in ordentlichen Reihen stand. »Denn statt mir schnell ein Brot für den Weg machen zu können, musste ich die alle aufheben, damit sich hier niemand das Genick bricht.«
Widerwillig ersparte ich mir die Bemerkung, dass die Chance ziemlich klein gewesen wäre. Schließlich würde man ein solches Chaos an Keksrollen wohl kaum übersehen können, aber Noah sah nicht aus, als wäre ihm gerade nach dieser Art von Detailgenauigkeit. »Ich war zu spät dran und der Professor, der das Seminar leitet, kann mich sowieso nicht ausstehen. Also?« Sein Blick bohrte sich in mich. »Warum hast du unsere Küchenschränke mit Keksrollen vollgestopft?«
»Weil sie nicht mehr in mein Zimmer gepasst haben.«
Noahs eisblaue Augen weiteten sich entsetzt. »Scheiße. Was genau hast du getan, Alex?«
Berechtigte Frage, schließlich neigte ich nicht zu spontanen Lusteinkäufen und selbst wenn, wäre dieses Ausmaß verstörend gewesen. Nur hätte ich mich in dieser Sache wirklich zu gern weiter ausgeschwiegen. »Eine Frau ist schuld.« Ansonsten wusste ich selbst nicht mal richtig, wie es zu diesem Chaos gekommen war. Gerade war ich noch bei meinen Eltern gewesen, um mir ein paar der alten Lexika zu holen, und plötzlich war ich um zweitausend Dollar ärmer und besaß einen Lebensvorrat an trockenen Keksen.
Noah schüttelte den Kopf, schien nach Worten zu ringen. Fassungslosigkeit hatte sich tief in sein Gesicht gegraben. »Wie genau willst du einer Frau imponieren, wenn du Tausende von Keksen kaufst?«
»Es ging nicht darum, ihr zu imponieren«, gab ich kleinlaut zu und Noah öffnete einige entgeisterte Sekunden lang den Mund, bis es ihm gelang, Worte zu formen.
»Weshalb hast du sonst die ganzen Kekse gekauft?«
Jetzt kam der richtig unangenehme Teil.
»Um sie wütend zu machen?«
»Was zur Hölle stimmt nicht mit dir?«, stieß er aus und lehnte sich an die Arbeitsplatte hinter sich, als verspräche er sich von ihr Halt.
»Es ist kompliziert, okay? Ich habe dir doch von Amanda erzählt – der nervtötenden Nachbarstochter?«
»Die, die dir mit der Schaufel die Narbe verpasst hat?« Sein Blick huschte zu meiner Stirn.
»Unter anderem. Sie ist so etwas wie der leibhaftige Teufel und macht um alles immer ein Riesendrama, vor allem um sich selbst. Meine Mom hat mich unzählige Male damit genervt, dass Amanda so erfolgreich ist und jeden Rekord beim Pfadfinderverkauf hielt. Gestern stand sie plötzlich bei meinen Eltern vor der Tür, weil sie ihren Schützlingen zeigen wollte, wie man richtig Plätzchen verkauft. Eines führte zum anderen und irgendwie bin ich um einige meiner Ersparnisse leichter, aber Amanda hält nicht länger den Rekord beim Pfadfinderverkauf.« Ein winziges Lächeln brach aus mir heraus. Seit gestern hatte ich mich ziemlich oft selbst verflucht und Amanda verfluchte ich ohnehin seit ihrer Geburt, aber dieser eine Moment – als sie realisiert hatte, was ich tat –, der war episch gewesen.
»Gott«, brachte Noah kopfschüttelnd hervor. »Das ist das Albernste, was ich jemals gehört habe.«
»Als Außenstehender kannst du das nicht beurteilen«, gab ich schulterzuckend zurück. »Du hast keine Ahnung, wie sehr sie mir das Leben schon zur Hölle gemacht hat.«
»Vielleicht. Aber dafür weiß ich, dass ihr beide erwachsen seid und euch einfach aus dem Weg gehen könnt. Kleiner Tipp, wenn sie das nächste Mal vor deinem Haus steht: Kauf keine Unmengen an Keksen, sondern schließ einfach die Tür.«
»Versprochen. Noch so einen Vorfall kann ich mir ohnehin nicht leisten. Aber sieh es positiv.« Ich schnappte mir eine Packung Cookietastic mit Schokodrops und öffnete sie. »Wir haben zumindest Essen für die Party.«
»Ich glaube nicht, dass Plätzchen unter Essen fallen«, sagte er zwar, aber als ich ihm die geöffnete Rolle hinhielt, nahm er sich dennoch eins. »Wo wir gerade beim Thema Party sind, diese Ex von dir hast du nicht eingeladen, oder? Denn ich habe heute Morgen die neue Nachbarin kennengelernt und ich denke, wir sollten sie fragen, ob sie vorbeikommt.«
»Also ist sie nett?«
»So würde ich es nicht unbedingt sagen«, antwortete er stirnrunzelnd. »Ich finde sie eher einschüchternd.«
»Du findest die meisten Menschen einschüchternd, aber weshalb willst du sie dann einladen?«
»Nicht ich«, sagte er und zog seinen Mantel aus. »Das solltest du übernehmen.«
»Ich kenn sie nicht mal.«
Mein Kopfschütteln kommentierte er mit einem Schulterzucken. »Dann klopf an ihre Tür und lern sie kennen.« Ein Lächeln zupfte an seinen Lippen. »Optisch ist sie auf jeden Fall dein Typ und wenn wir Glück haben, passt der Rest zwischen euch auch. Dann hast du endlich wieder eine Freundin und keine Zeit mehr für solche unsinnigen Racheaktionen.« Demonstrativ hielt er den Keks in die Luft und rang mir damit ein Schmunzeln ab. »Am besten nimmst du direkt ein paar Packungen mit – als Einzugsgeschenk.«
»Kann es sein, dass du versuchst, mich aus der Wohnung zu schaffen, um die Schränke wieder umzusortieren?«
»Finde es doch heraus«, gab er zurück, der Rest des Kekses verschwand in seinem Mund und so gemächlich, wie Noah kaute, schien dieses Gespräch für ihn erledigt zu sein. Vielleicht, weil er wusste, dass ich jetzt zu neugierig war, um nicht rüberzugehen.
Manchmal, wenn ihre beste Freundin Hope früher keine Lust auf die Kitschfilmabende mit meiner Schwester Olive gehabt hatte, hatte sie versucht, stattdessen mich zu überreden. Hin und wieder hatte ich mich zu einem davon breitschlagen lassen, wenn Olive uns dazu Pizza und Erdbeershakes aus dem Diner spendierte. Ich würde es niemals zugeben, aber eventuell war etwas von diesen Lovestorys hängen geblieben. Denn es gab einen Teil in mir, der die Vorstellung, dass es zwischen der neuen Nachbarin und mir tatsächlich funken könnte, irgendwie gut fand. Oder vielleicht hatten mir die ganzen Kekse auch schlicht einen Zuckerschock verpasst, denn statt an meinem Fachartikel weiterzuschreiben, schnappte ich mir drei der Plätzchenrollen und ging hinüber, um die neue Nachbarin zu unserer Party heute einzuladen.
Es fühlte sich merkwürdig an, an die Tür zu klopfen und zu wissen, dass nicht Logan oder Hope öffnen würden. Hope kannte ich fast mein ganzes Leben lang, sie war wie eine Schwester für mich und auch diejenige, die mir die Wohnung vermittelt hatte, nachdem ihre alte Nachbarin ausgezogen war. Und Logan hatte Noah und mir regelmäßig diese verflucht guten Kuchenstücke aus seiner Konditorei mitgebracht. Ich war sicher gewesen, dass ihre Nachmieter nur schlimmer sein konnten – aber vielleicht hatte ich mich geirrt.
Ich klopfte an und irgendwo in den Tiefen meines Kopfes hörte ich Olive sagen, dass es superromantisch wäre, wenn jetzt gleich meine Traumfrau vor mir stehen würde. Noch bevor ich diese Stimme vertreiben konnte, öffnete sich die Tür. Locken in der Farbe von Bernstein rahmten ein hellbraunes Gesicht ein und mitten darin fanden sich sturmgraue Augen, die mich entgeistert anstarrten.
Fuck!
Grund 33: Ich hasse Alex Smith, weil er ständig überall dort auftauchen muss, wo ich bin!
(Amanda, 13 Jahre)
Nicht du!« Meine herausstürzenden, entsetzten Worte mischten sich mit Amandas.
»Was willst ausgerechnet du hier?«, stieß sie noch aus und verzog das Gesicht, als wäre ich eine überdimensionale Küchenschabe. Ihr Blick bohrte sich voller Verachtung in mich, nachdem sie die Keksrollen in meinen Händen entdeckte. »Vergiss es!«, fuhr sie mich an. »Ich werde dir ganz sicher nicht eine einzige davon abkaufen. Selbst schuld, wenn du deine ganzen Ersparnisse in Plätzchen investierst.«
»Es waren nicht meine ganzen Ersparnisse.« Endlich fand ich meine Stimme wieder. »Außerdem war es das wert, schon allein, um zu sehen, wie du in die Luft gehst.« Langsam zerbröselten die Kekse unter dem Druck meiner Finger, die sich in die Verpackungen gruben. Egal. Mir war der Appetit auf diese Dinger so was von vergangen.
»Klar«, erwiderte sie so nervtötend glockenhell, wie sie es immer tat, wenn sie etwas albern fand. »Warum stehst du dann ausgerechnet hi…« Sie stoppte, im nächsten Moment kräuselten sich ihre Augenbrauen und ich konnte förmlich dabei zusehen, wie sie langsam begriff. Juniper Falls mochte eine Kleinstadt sein, aber sie war nicht winzig genug, um ansatzweise jeden Häuserblock abzuklappern, um Plätzchen zu verkaufen. Wie auch immer sie auf diesen Bullshit gekommen war. »Was machst du hier, Alex?« Ihre Frage war so scharf wie eine Klinge, die sie mir an die Kehle hielt, um mich so zu zwingen, nicht die einzig logische Antwort zu geben.
Aber Amanda hatte mich noch nie eingeschüchtert.
Und so zerschmetterte ich einmal mehr ihre Hoffnungen, nur dieses Mal machte es ungewöhnlich wenig Spaß.
»Ich bringe der neuen Nachbarin unser Einzugsgeschenk«, antwortete ich und wollte ihr die Keksrollen reichen, doch sie schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre Locken flogen.
»Du lügst!«, fuhr sie mich an und bekam lediglich ein müdes Lachen als Antwort.
»Warum sollte ich dich belügen?«
»Um mich leiden zu sehen.« Demonstrativ verschränkte sie die Arme vor der Brust und rang mir ein Nicken ab.
»Stimmt«, erwiderte ich grimmig. »Würde ich normalerweise, aber heute will das Schicksal uns offenbar beide leiden sehen. Frag Noah, wenn du mir nicht glaubst …« Ich stieß ein Schnauben aus, weil sie ihrem Blick nach nicht den Hauch einer Ahnung hatte, von wem ich sprach. »Hellblondes Haar, zehn Zentimeter kleiner als ich, hat Probleme mit Sarkasmus und kleidet sich wie ein Supermodel?« In ihrer Miene flackerte so etwas wie entsetzte Erkenntnis auf. »Er ist mein Mitbewohner«, fuhr ich finster fort.
»Dein hässliches Auto steht nicht hier!« In ihren Augen zuckten Blitze, während sie noch immer versuchte, irgendeine abstruse Erklärung hierfür zu finden. Normalerweise wäre das lustig gewesen, aber gerade war ich zu wütend, um es genießen zu können.
»Das habe ich vor drei Monaten verkauft«, gab ich zurück. »Sei stark, Amy, aber das neue ist noch hässlicher.«
»Dann passt es zumindest zu dir.« Sie spitzte die Lippen. »Warum hat Hope mich dann nicht vorgewarnt?«
»Falsche Frage«, entgegnete ich eisig, »die richtige lautet: Wie konnte sie zulassen, dass ausgerechnet du in meine Nachbarwohnung ziehst?«
