1000 Briefe für Rodin - Alexandra Lavizzari - E-Book

1000 Briefe für Rodin E-Book

Alexandra Lavizzari

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Beschreibung

Ein bewegender Roman über Gwen John – eine außergewöhnliche Künstlerin zwischen Rodin und Rilke Paris 1904: Die junge walisische Künstlerin Gwen John steht dem Bildhauer Auguste Rodin Modell, wird seine Geliebte und gerät, wie zuvor schon Camille Claudel, immer mehr in seinen Bann. Durch die emotionale Abhängigkeit von Rodin droht ihre Kreativität zu verkümmern, sie kämpft zunehmend mit Selbstzweifeln, die Situation scheint ausweglos. Neue Hoffnung schöpft sie durch dieBegegnung mit dem Dichter Rainer Maria Rilke, Rodins Sekretär, der sie ermutigt, ihren eigenen künstlerischen Weg weiterzuverfolgen … Vor der Kulisse der Pariser Belle Époque beschreibt Alexandra Lavizzari einfühlsam auf Grundlage des Briefwechsels zwischen Gwen John und Rodin den beeindruckenden Weg dieser ungewöhnlichen, willensstarken Künstlerin, die es wiederzuentdecken gilt. »Ich kann mir nicht vorstellen, warum meine Arbeit in der Welt irgendeinen Wert haben sollte, aber ich weiß, dass sie ihn haben wird.« Gwen John

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Alexandra Lavizzari

1000 Briefe für Rodin

Roman

ebersbach & simon

Inhalt

I

19, Boulevard Edgar Quinet April – November 1904

II

7, Rue Saint-Placide November 1904 – Frühling 1907

III

87, Rue du Cherche-Midi Frühling 1907 – Herbst 1909

IV

6, Rue de l’Ouest Herbst 1909 – Frühling 1911

I

What a lot depends on one’s body.

Gwen John

19, Boulevard Edgar QuinetApril – November 1904

Das Atelier des Meisters war nicht weit, Gwen gönnte sich Zeit für einen Umweg durch den Jardin du Luxembourg.

Auf den Straßen war der Matsch über Nacht in den Hufspuren erstarrt, nur im Schatten der vorstehenden Dächer lag der Schnee noch weiß und unberührt am Straßenrand.

Gwen fror. Der Wind ritzte ihre Haut auf und trieb ihr Tränen in die Augen. Ihr Kleid entsprach nicht der Jahreszeit, es war das Festkleid, in dem sie an warmen Herbstabenden im Arm von Ambrose getanzt hatte, damals, vor Jahren, auf den Bällen der Kunstakademie. Ein berauschendes Wirbeln durch die Menge, das Glück in Reichweite, fast so greifbar wie Ambroses Arm, der sich schüchtern um ihre Taille gelegt hatte. Und erst die neidischen Blicke. Vom jungen Ambrose hatte man sich in den Londoner Kunstkreisen viel versprochen. Gwen verschränkte die Arme vor der Brust und strich fröstelnd an der Mauer des Cimetière Montparnasse entlang.

Das Frühlingslicht tauchte den Jardin du Luxembourg an diesem Apriltag in milde Trostlosigkeit. Laub schwamm im großen Bassin, faulte auf den Wegen und in den Faltenwürfen der Statuen. Der Schnee lastete auf den Bäumen und erstickte jedes Geräusch. Gwen hörte nur den Kies unter den Sohlen knirschen, hörte die Stille, ihren Atem, dann und wann das Flattern eines aufgescheuchten Vogels. Sie war allein um diese Zeit, die Spaziergänger mussten schon morgens mit ihren Hunden im Park gewesen sein; kreuz und quer über die Rasenflächen zog sich ein wildes Muster eingedrückter Pfotenspuren.

Gwen liebte den Park. Seit sie mit Dorelia in Paris wohnte, vier, sechs Wochen, so genau wusste sie es nicht, machte sie fast täglich ihre Runde. Sie mied die Alleen, verlor sich lieber auf den verspielten Wegen der Pépinière und ließ den Palast und die Terrassen im Rücken. Hinter dem Pavillon Daviou betrachtete sie den Farn, der sich aus dem moosigen Boden rollte, den Krokus, der büschelweise spross. Immer gab es neue Blumen zu sehen, heute die ersten Osterglocken. Viele Blüten waren noch gar nicht aus den Stängeln geschlüpft, stachen wie gelb gewickelte Stäbchen aus der Membran. Andere hatten sich entfaltet und leuchteten aus dem Gewirr entblätterter Stauden. Gwen kniete nieder und berührte sie mit ihren durchfrorenen Fingern. Sie fühlten sich samten an, sehr weich, trotz des Frosts, der ihre Stängel spröde machte. Sie musste sich beherrschen, sie nicht zu pflücken. Was dächte der Meister von ihr, wenn sie mit einem Blumenstrauß vorspräche?

Sie verließ den Park durch das Nordtor und ging in Richtung Seine. Sie wählte die windgeschützten Gassen, ungefähr kannte sie sich in den Verwinkelungen des Quartiers aus. Vom Kauern war der Kleidsaum nass geworden, auch an den Füßen fühlte sie jetzt die Feuchtigkeit durchs Leder dringen, aber sie kehrte in keinem Café ein, um sich zu wärmen. Sie schaute nur durch die Scheiben ins Innere der Stuben und stellte sich vor, wie ihr das heiße Getränk in den Magen floss. Das musste genügen. Es wäre unvernünftig gewesen, die letzten Sous im Café auszugeben.

Das staatliche Marmordepot lag im letzten Abschnitt der Rue de l’Université, viel näher am Seineufer, als Gwen erwartet hatte. Sie hatte die ganze Länge der Straße hochlaufen müssen, an Schreinereien vorbei, Buchbindereien, einem Schuhmacher, zahllosen Boutiquen, quer durchs Quartier des Invalides.

Der Weg zu den Ateliers führte, wie Hilda Flodin es ihr beschrieben hatte, über einen Innenhof mit Kastanien, an dessen Hausmauern sich Marmorblöcke reihten. Die Steine glichen gefrorenen Milchkuben, auf ihren Flanken schimmerte ein verästeltes Muster, als durchzögen Adern eine fast durchsichtige Haut. Gwen schaute sich die Quader aus der Nähe an, sie hatte noch immer Zeit, musterte eingehend die Oberflächen, die vom mechanischen Schnitt wellige Rillen aufwiesen. Auf einigen war der geschmolzene Schnee zugefroren und bildete einen Eisfilm.

Gwens Lippen waren blau vor Kälte, ein leises Zittern schüttelte ihre Glieder. Mehrmals fuhr sie sich mit der Hand übers Haar und vergewisserte sich, dass keine Nadel aus dem Dutt stach. Sie zwickte sich in die Wangen, um sie zu röten, betastete unterm Umhang den Kragen nach der Kamee, ob sie noch gerade saß. Kratzte den Matsch von ihren Stiefeletten und wehrte sich gegen die Angst, die ihr plötzlich wieder den Atem verschlug. Was sollte sie sagen, wenn sie ihm gegenüberstand? War ihr Französisch nicht mangelhaft? Gar lächerlich? Vergeblich suchte sie die geeigneten Begrüßungsformeln, die sie zu Hause eingeübt hatte, nur Bruchstücke fielen ihr ein, vom Akzent ganz zu schweigen. Am liebsten wäre sie umgekehrt, noch war ein Rückzug möglich. Aber sie hatte sich geschworen, nicht feige zu sein. Sie brauchte das Geld. In Paris starben dauernd Künstler an Hunger und Verwahrlosung, die Zeitungen waren voll von Nachrichten über gescheiterte Träume. ›Der Meister wird mich verstehen müssen‹, redete sie sich zu, ›so einfach ist das. Er wird mich anhören, und wenn er mich erst begutachtet hat, spielt die Sprache keine Rolle mehr. Hat Gus nicht geschrieben, dass der Meister junge Engländerinnen möge? He loves English young ladies, sind seine Worte gewesen, das ist klar genug. Nun, ich bin mit meinen siebenundzwanzig Jahren jung genug, und aus England stamme ich ja auch, oder immerhin fast‹, dachte sie. Zum Teufel also mit den Sprachlücken.

Gwen war von der Unordnung im Atelier überrascht. Sie befreite sich aus der Umklammerung der Concierge, die sie hineinführte, und wich in den Schatten des Türrahmens zurück. Wo sie hinschaute, standen versteinerte Menschen, die meisten ohne Arme und Beine. Ein ganzer Wald. Riesen und Gnome, Männer und Frauen, Köpfe, Torsos. Auch am Boden lagen Leiber im Mörtelstaub, zerstückelt, in den aufgerissenen Mündern einen stummen Schrei.

»Kommen Sie, Mademoiselle, keine Angst, kommen Sie nur. Der Maître erwartet Sie.«

Die Concierge winkte Gwen und ging ihr zwischen den Statuen schlurfend voraus. Sie hatte ungepflegtes weißgelbes Haar, und ihr Gesicht war von einem Netz feinster Runzeln überzogen. Aber von der sprichwörtlich schlechten Laune, die Hilda ihr geschildert hatte, war nichts zu merken. Gwen meinte sogar ein Lächeln um ihre Lippen spielen zu sehen, vielleicht der schüchterne Ansatz einer Aufmunterung. Sie folgte zögernd, die Augen auf die Schleifspuren geheftet, welche die Alte mit ihren Pantoffeln über den Boden zog.

Plötzlich hallte von der Fensterecke ein Gekicher herüber, das Gwen zwang aufzublicken und Gesichter zu suchen aus Fleisch und Blut. Durch die Höhlung eines Männerrückens und den gebogenen Arm einer Nymphe sah sie eine junge Frau in der Zimmerecke stehen. Sie hatte den Oberkörper aus der Bluse geschält und hielt den Arm angewinkelt hinter dem Kopf. Von links hatte sich eine Hand unter ihr Kinn geschoben und verweilte dort mit gespreizten Fingern, bewegte sich kaum. Die Hand maß den Abstand bis zum Schlüsselbein, erspürte die Einbuchtung des Halses mit einer verhaltenen Bewegung der Finger. Ein Schauer durchzuckte den Körper der Frau, ihr Mund schürzte sich zu einem mädchenhaften Lächeln. Sie hatte volle, dunkle Lippen. Lippen, dachte Gwen, auf die Männer gerne Küsse drücken. Die Frau gurrte: »Hören Sie auf, Maître, das kitzelt«, aber die Hand, die kräftige Hand eines Handwerkers, fuhr unbeirrt unters Kinn und tastete sich am Ansatz des Halses zum Kiefer hoch und hinunter. Von Weitem sah es aus wie die Berührung eines blinden Geliebten, liebkosend und zugleich fieberhaft getrieben von der Gier, die Landschaft dieser Haut zu erfahren. Die Frau war nicht schön, Gwen erkannte auf einen flüchtigen Blick Mängel, die sie beruhigten. Darin war sie von der Londoner Slade School of Arts her geübt. Sie erfasste sofort die euterhafte Schwere der Brüste, bemängelte den allzu muskulösen Hals. Und dem Gesicht, das einen Hauch von Südländischem hatte, verlieh der auffällig stumpfe Winkel zwischen Stirn und Nasenrücken etwas entschieden Dümmliches.

Der Meister schob sich vor sein Modell und begann, verschiedene Positionen am erhobenen Frauenarm auszuprobieren. Er befahl ihm, den Ellbogen hinter den Kopf zu biegen und das Handgelenk näher an die Schläfe heranzuholen, gleichzeitig arbeitete er mit raschen Daumenbewegungen an einer Tonfigur. Er hatte kräftige Schultern. Das war das Erste, was Gwen auffiel. Die Dockarbeiter im Hafen von Liverpool hatten solche Schultern. Sicher kam das von seinem Beruf, von der Kraft, die es brauchte, um den Stein zu behauen. Überhaupt schien er ein Riese. Das also ist der große Meister bei der Arbeit, staunte Gwen. Er, den die ganze Welt bewundert, er steht leibhaftig vor mir, atmet dieselbe Luft ein wie ich. Aber sie empfand keine Ehrfurcht, nicht einmal Freude. Den Kopf hielt er während seiner Betrachtung seitlich geneigt, dabei bildeten sich im Nacken Hautfalten, die über den Kragen des Arbeitskittels quollen. Wie alt mochte er sein? Er hätte ihr Vater sein können. Hilda hatte behauptet, er sei weit über sechzig. Die Frauengeschichten, die man sich in seinem Zusammenhang erzählte, widersprachen aber einem solchen Alter. Gwen hatte Scheußliches gehört. Daran musste sie nun denken, während sie ihn beobachtete, an die vielen Frauen, die sich ihm schon an den Hals geworfen hatten und für die er sich nicht zu schade gewesen war.

Eine Fliege schwirrte im Raum, surrte die Fensterscheibe hoch und schlug immer wieder dumpf dagegen.

»Maître, hier kommt das junge Mädchen. Immerhin wenigstens pünktlich!«

Die Concierge drückte sich gegen den Sockel einer Figurengruppe und schubste Gwen vor sich her, wartete, bis der Meister von seiner Arbeit aufschaute. Gwen bekam Herzklopfen wie beim ersten Mal, als sie die Gänge der Slade School betreten hatte. Eine Ahnung, dass ihr ganzes Leben von dem kommenden Augenblick abhing. Dass gleich eine Tür hinter ihrem Rücken zuschlagen und nichts mehr so sein würde wie zuvor. Ein mulmiges Gefühl überkam sie, ein Brechreiz, obwohl sie nichts im Magen hatte. Oder gerade deswegen. Sie hielt den Atem an und versuchte, ruhig zu bleiben.

»Ah! Die junge englische Dame, dann wollen wir mal sehen!«

Der Meister drehte den Kopf und bedeutete Gwen, näher zu kommen. Neben ihm verharrte das Modell in verführerischer Pose, wurde selbst zur Statue. Das irre Gesumme der Fliege verstummte, vielleicht war sie tot. Nicht einmal die Concierge rührte sich. Dann hing die Stille plötzlich wie ein schweres Tuch im Raum. Gwen hatte zu zittern begonnen, zu viel stand auf dem Spiel. Und diese Kälte, wie sie plötzlich wütete in ihrem Körper. Gwen konnte nichts dagegen tun, die Zähne klapperten, und die Knie fingen an zu schlottern. Unmöglich, sich zu beherrschen. Die Kälte schüttelte sie von innen wie ein Sturmwind. Sprechen kam erst recht nicht mehr infrage. Ihr war, als hätte sie keine Zunge, kein einziges abrufbares Wort im Gedächtnis. Dass ich mich ausgerechnet jetzt so verstockt und unbeholfen geben muss. So schrecklich stumm bin. Dabei habe ich zu Hause gerade diesen Augenblick so viele Male geübt. Tränen begannen ihre Augen zu füllen, die sie nicht einmal zu verbergen suchte. Der Meister würde sie ohnehin gleich nach Hause schicken, wenn er merkte, wie einfältig sie war. Warum sollte er seine Zeit verschwenden und sich mit einer Tumben abgeben? So viele andere Frauen suchten täglich sein Atelier auf. Schönere als sie. Nicht so verstockte.

Der Meister aber war gut gelaunt. Als er sie begrüßte, bildeten sich Fältchen um seine hellblauen Augen, das verlieh seinem Lächeln bübischen Schalk. Er sprach leidlich Englisch, mit dem typischen Akzent der Franzosen. Er redete von der Freude, sie kennenzulernen, und davon, wie arg der Winter heuer sei. Eigenhändig staubte er das Kissen seines Korbstuhls ab und rückte ihn in die Nähe des Heizofens. Lud sie ein, sich zu setzen. »Please«, sagte er, als böte er ihr einen Thron an. Sofort hielt sie die geröteten Hände über das Rohr und beugte sich mit dem Gesicht vornüber, damit sie von der Wärme etwas zu spüren bekam. Ihre Kinderhände. Sie sahen so hilflos aus, viel zu klein für diesen Raum. Langsam taute Gwen auf, und als die Starre in den Gliedern und im Gesicht nachließ, kehrte auch die verlorene Sprache zurück, zuerst in losen Bruchstücken, die sich nur schwer zu den eingeübten Sätzen zusammenfügen wollten. Doch jetzt waren sie ihr von keinem Nutzen mehr, sie musste sich neue ausdenken.

Der Meister verweilte nicht lange neben ihr. Er schaute auf ihren Hut herab, auf die bleichen Wangen, in die nur zögernd wieder Leben zurückkehrte, dann ließ er sie allein und widmete sich wieder seinem Modell.

»Also gut, meine Liebe. Fahren wir fort. Drehen Sie den Kopf ein bisschen mehr zu mir!«

Die Kurve des Halses missfiel ihm, er hieß die Frau noch einmal den Kopf zur Seite drehen. Noch stärker. Noch etwas stärker. Er berührte sie nicht, seine Hände führten die Bewegungen, die er von ihr wollte, in der Luft vor. Dazwischen modellierte er seine Tonstatue, bis er befriedigt war mit der Pose einer vollkommenen Hingabe. Den Kopf zurückgeworfen und die Brüste stolz aus dem verrenkten Rumpf herausgedrückt. Aber das Erstaunlichste waren die Arme. Der Meister hatte sie nach vorn genommen und in kühnem Gegensatz zum aufgebäumten Körper seitlich hängen lassen. Sie gaben dem jungen Wesen etwas Willenloses. Eine Puppe, dachte Gwen. Modelle sind Spielzeuge in den Händen dieses Bildhauers. Sie lassen ihre Seele zu Hause und bringen ihm nur die Hülle, und er bezahlt sie, damit er sie hemmungslos formen und biegen darf. Vielleicht weiß er nicht einmal, dass sie eine Seele haben, diese Frauen, oder die Seele ist ihm gleichgültig.

Mit der Wärme gewann Gwen endlich ihr Selbstvertrauen zurück und wagte, nachdem der Meister sein Modell verabschiedet hatte, ihren ersten französischen Satz: »Ich glaube, ich bin bereit.«

»Fein. Aber Sie sprechen Französisch, das ist sehr gut.«

Der Meister zeigte ihr den Wandschirm und den Ständer. Das Lager, auf das sie sich legen sollte. Alles nur mit der Ruhe. Er habe keine Eile, sagte er, Skizzen gebe es noch zu ordnen und viele Briefe zu beantworten. Sie dürfe sich so viel Zeit nehmen, wie sie wünsche.

Der berühmte Wandschirm. Der gerüschte Stoff, an den Säumen angegraut. Auch davon hatte Hilda gesprochen. Immerhin gab es hier einen. In anderen Ateliers mussten sich die Modelle vor den Augen der Künstler ausziehen. Gwen empfand den Wandschirm als willkommenen Schutz, eine Art Zauberwand. Sie verschwand dahinter als Frau und trat als Modell wieder hervor, das entzog dem Ganzen die Schlüpfrigkeit. Gwen nahm sich Zeit beim Entkleiden. Sie hastete ungern, Ordnung musste sein. Eines nach dem anderen streifte sie die Kleidungsstücke ab und dabei stellte sie sich vor, dass der Meister beim Briefeschreiben zuhörte, wie die Stoffe raschelten, und dass er sich ihre schrittweise Entblößung ausmalte. Es machte ihr nichts aus, noch stand sie sicher hinter dem Wandschirm. Sie rollte ihre Unterwäsche ins Kleid, legte es zusammengefaltet auf den Schemel unter den Hut und stopfte zuletzt die Strümpfe in die Stiefeletten.

Jetzt war sie nackt. Sie fühlte sich nüchtern und beherrscht. Keine Scham trübte ihre Freude am eigenen Körper. Er wirkte zerbrechlich, weil er so dünn war. So zart. Etwas mehr Fleisch um die Hüfte und an den Schenkeln würde nicht schaden, auch die Brüste könnten fülliger sein. Sie hatten noch etwas Unfertiges, passten eher zu einem zehn Jahre jüngeren Mädchen.

Gwen huschte hinter dem Wandschirm hervor, legte sich aufs Lager und verharrte mit dem Kopf seitlich aufgestützt. Das Tuch fühlte sich kalt an, und ganz sauber war es auch nicht. Ein schwarzes Frauenhaar kringelte sich darauf, Gwen blies es weg und räusperte sich. Sofort stockte die Feder des Meisters.

Er trat nicht zu nahe an sie heran, sondern blieb diskret auf ein paar Schritte Entfernung stehen. Er wollte sie nicht aufscheuchen. Manches Modell hatte sich schon unter seinem Blick verkrampft. Sie nicht. Sie wirkte wehrlos und ausgeliefert wie ein kleines Lamm. Weiß. So unendlich weiß. Ihre Haut hatte diese bläulich durchzogene Durchsichtigkeit, die er von anderen Engländerinnen her kannte, von den Rothaarigen mit den grauen Augen. Auch sie hatte graue Augen oder wässrig blaue. Und üppiges, kupferfarbenes Haar, mit einer Strähne, die sich aus dem Dutt gelöst hatte und um ihre linke Wange strich. Absicht? Er konnte es sich nicht vorstellen, sie schien zu ernst, um eitel zu sein. Nicht das geringste Rouge färbte ihre Lippen, kein Puder täuschte einen perfekten Teint vor. Sie hatte leichte Rötungen um die Nasenflügel, vielleicht von einer Erkältung. Dass sie diese nicht zu vertuschen suchte, bewegte ihn; er folgerte, dass sie in diesem Beruf noch wenig Erfahrung haben musste. Was ihn jedoch am meisten einnahm, war nicht ihr Gesicht, nicht einmal die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der sie seine Blicke aushielt. Nein, es war ihr Körper, der ihn bezauberte, die schlanken Glieder, denen Jungfräuliches anhaftete, ohne kindlich zu sein. Er hatte schon lange keine unverbrauchtere Frau gesehen, keine, die über die erste Jugend hinaus so vollkommen rein geblieben war.

Er bat sie, aufzustehen und sich zu drehen. Langsam, sagte er, ganz langsam. Mit geschmeidigen Bewegungen kam sie der Bitte nach, drehte sich in winzigen Schritten um sich selbst. Sie machte keinerlei Anstalten, die Arme über den Brüsten zu kreuzen oder die Hände über die Scham zu legen. Sie erwiderte sogar seinen Blick, forschend wie sein eigener. Vielleicht hatte er sich getäuscht, und sie war gar nicht so unerfahren. Vielleicht war sie sogar ein routiniertes Modell. Er wurde nicht klug aus ihr, betrachtete jetzt den Rücken, in dem die Wirbel eine geschwungene Furche bis zu den Grübchen über dem schmalen Gesäß zeichneten. Sie stand da wie eine griechische Statue, deutlich erkannte er an ihrer Gestalt die vier Richtungen der klassischen Pose. Die rechte Schulter leicht herabgesenkt und, kontrapunktisch dazu, die rechte Hüftseite höher als die linke, über dem Standbein merklich hervorgekehrt, sodass sich eine sachte Wellenbewegung durch den ganzen Rumpf bis in die Beine schlug.

»Sie haben einen wundevollen Körper, Mademoiselle, Sie können gleich morgen anfangen, wenn Sie möchten.«

Sie lächelte ihn an. Ihr bescheidenstes Lächeln. Doch innerlich frohlockte sie. Bilder eines goldenen Pariser Sommers stürmten auf sie ein und verdrängten die Zeiten der Not, die sie durchlebte. Am liebsten wäre sie dem Meister um den Hals gefallen, egal, dass sie keine Kleider trug. Aber Gefühle zeigte man nicht, Gefühle gehörten gezügelt und unter angelerntem Gleichmut erstickt. Darin hatte sie Erfahrung. Mit einem höflichen »Merci, Maître« zog sie sich hinter den Wandschirm zurück und schlüpfte wieder in die klammen Kleider.

***

»Dein Erfolg bei Rodin ist ja schön und gut, aber pass auf, dass er dir nicht zu Kopf steigt.« Dorelia goss Tee in eine Tasse und reichte sie Gwen. »Ich an deiner Stelle würde meine Freude etwas zügeln. Man weiß nie.«

»Ach, Dodo, du verstehst nicht, was das bedeutet. Das ist … wie soll ich nur sagen … eine Ehre. Ja, genau. Eine Ehre. Er wird meine Statue machen, und dann wird mich ganz Paris im nächsten Salon bewundern. Kannst du dir das vorstellen? Das ist eine echte Chance. So was gibts nicht zweimal.«

»Na, wenn du meinst. Ich wusste nicht, dass du so eitel bist.«

»Bin ich gar nicht. Es geht ja nicht um mich, es geht um mein Abbild, verstehst du? Und darum, dass er mich für würdig befindet, ihm Materie für eine seiner Kreationen zu sein.«

»Braucht ein großer Künstler wie Rodin immer ein Modell, um Kunst zu schaffen? Kann er sie nicht aus dem Kopf direkt in Ton formen?«

»Kunst ist ein Prozess des Gestaltens und Umformens, eine Art Interpretation der Wirklichkeit, Dodo. Der Maître benutzt das Modell als Ausschnitt einer physischen Wirklichkeit, die er aus persönlicher Sicht neu und einmalig erschafft. Dafür braucht auch er, so geübt und erfahren er ist, lebende Modelle.«

Dorelia zuckte ungeduldig die Achseln. Sie hatte über das Modellsitzen hinaus wenig Verständnis für Kunst. Mit Dorelia war kein tiefschürfendes Gespräch über Kunst möglich. Für sie war alles einfach und vordergründig. Sie ließ immer nur die Oberflächen gelten und verspürte nie den Drang, sie anzukratzen, um sich überraschen zu lassen, wie es darunter aussah. Jetzt setzte sie sich an den Tisch und holte ihr Nähzeug hervor, als wäre nur von Kartoffelspeisen oder vom Schnee die Rede gewesen, nicht vom großen Rodin. Gwen trat ans Fenster und trank den Tee in raschen Schlucken. Er tat gut, belebte die vom Frost betäubten Glieder. Draußen wurden gerade die Gaslaternen rund um den kleinen Park angezündet. Die Bäume mit dem Schneerest auf den Ästen schienen in der Dämmerung aufzuflackern, aus dem Nichts gezauberte Fackeln, und das wattige Grau des Himmels über den Dächern bekam einen gelben Schimmer. Es war acht Uhr abends, Gwen erspähte schon die ersten Schaulustigen, die von der Avenue du Maine zur nahen Rue de la Gaîté strömten. In wenigen Minuten würde das Spektakel am Théâtre de Montparnasse beginnen, irgendein dummer Schwank, nicht besser als die Stücke im Londoner East End. Gwen empfand die plötzliche Belebung als störend. Es war jeden Tag dasselbe: die stille Dämmerung und dann, ganz jäh, das künstliche Licht im Quartier, die laute Heiterkeit der Passanten, Hufschläge auf dem Kopfsteinpflaster und später, kaum hatten die letzten Cafés geschlossen, das Gegröle der Betrunkenen, die nach Hause torkelten.

»Schon wieder dieser Menschenauflauf, schau, sogar Frauen ohne Begleitung gehen ins Theater.« Gwen reckte den Hals, um ihnen nachzublicken. Die Frauen waren grell gekleidet und lachten ungehemmt, wenn ein Mann sie ansprach.

Gwen hatte das Quartier bereits satt. Sie hätte sich mehr Ruhe gewünscht, die Sicht auf ein Tal oder einen Wald. Am liebsten auf einen Fluss mit riedbewachsenem Ufer. Aber Dorelia hatte recht. Wenn sie als Modelle ihr Geld verdienen wollten, mussten sie dort leben, wo die Künstler wohnten und arbeiteten. Und hier, im Montparnasse, gab es sie zuhauf, die guten und die weniger guten, die Möchtegerne und die Genies. Sie lebten alle hier, sozusagen um die Ecke.

Nur er nicht. Er war anders. Ein Einzelgänger. Ein Schaffenswütiger. Ein Übermensch. Beim Gedanken an den Meister überkam Gwen wieder diese Erregung, sie spürte sie in allen Gliedern, ein milder, fast angenehmer Schmerz. Die Erinnerung ließ sie die Kälte vergessen und löste schlagartig ihre Zunge. Noch einmal musste sie mit der Freundin über den Meister reden, ihn beschreiben, seine genauen Worte wiedergeben und vom Stolz erzählen, den sie unter seinem bewundernden Blick empfunden hatte. Wäre sie verliebt gewesen, diese Begeisterung hätte sie verraten. Aber Gwen war nicht verliebt, an Liebe dachte sie seit Langem nicht mehr. Seit London. Die letzte Wunde hatte schlecht geheilt.

»Hör auf, Gwen, du schwärmst wie ein junges Mädchen. Komm zur Besinnung! Bezahlt hat er dir jedenfalls noch nichts. Wir sind nach wie vor arm wie Kirchenmäuse.«

Dorelia fädelte eine Nadel ein. Mit angehaltenem Atem konzentrierte sie sich auf das Öhr, furchte die Stirn, bis sie den Faden nach mehreren Versuchen endlich durchgezogen hatte. Vom Kerzenlicht hatte ihr Gesicht etwas Feuriges, und die Wangenknochen, von künstlicher Röte angehaucht, schienen breiter und stärker als üblich hervorzutreten. Sie trug das taubengraue Baumwollkleid mit den schwarzen Linien, in dem Gwen sie in Toulouse gemalt hatte. Ihr Lieblingskleid, obwohl es schon abgegriffen war, weil sie es diesen Winter so oft getragen hatte. Wie schön sie ist, dachte Gwen, irgendwie nicht von dieser Welt. Aber die Worte kamen dem Genuss des Sehens nicht bei, im Zusammenhang mit Dorelia tönten sie hohl. Neidlos bewunderte Gwen das Ebenmaß ihrer Gesichtszüge, das glänzende dunkle Haar. Ihre Ruhe. Die vor allem. Nie entfuhr Dorelia eine unbedachte Gebärde, ob sie kochte oder las, ob sie spazierte oder nähte, immer bewegte sie sich achtsam, träge fast, mit dem untrüglichen Sinn für das richtige Maß. Diese Ruhe narrte Gwen, warf Fragen auf. In keinem der vier Porträts von Toulouse, in keiner der unzähligen Skizzen hatte sie sich ganz einfangen lassen. Gwen hatte mit jedem Bild eine Enttäuschung erlebt, die sie anspornte, von vorne zu beginnen. Etwas an Dorelia entglitt ihr noch. Ein Widerspruch, dem sie nicht auf die Schliche kam.

»Wo bist du heute gewesen, Dodo? Wieder bei Len?«

»Ja, aber nicht lange. Er wollte heute Nachmittag einen Maler aufsuchen, irgendeinen Spanier, von dem er viel zu halten scheint. Dafür hat er mir die letzte Sitzung bezahlt. Sechs Francs.«

»Sechs Francs? Dann sind wir ja gar nicht so arm.«

»Denkst du. Die haben wir schon nicht mehr, diese Francs. Ich habe damit die Wochenmiete bezahlt und etwas Schinken und Brot eingekauft.«

»Für Tiger nichts?«

»Tiger kann gut mal einen Tag ohne Fleisch leben. Sie schläft ohnehin den ganzen Tag unter der Bettdecke bei dieser Kälte.«

Gwen sagte nichts, schon einmal war wegen Tiger ein Streit ausgebrochen, ganz am Anfang, als Gwen das Kätzchen auf der Straße aufgelesen und in die Wohnung gebracht hatte.

»Jetzt bist du gekränkt, nicht wahr?«

»Nein«, log Gwen, »meine Gedanken waren bereits anderswo.«

»Bitte nicht schon wieder Rodin.«

»Für wen hältst du mich? An Len dachte ich, wenn du es wissen willst. Wie er uns nachstellt. Ist dir nichts aufgefallen?«

»Unsinn.«

»Doch. Ich empfinde seine Aufdringlichkeit als unangenehm.«

»Aufdringlich? Ich nenne das hilfsbereit.«

»Len ist ein fader Geck. Dem ist nicht zu trauen.«

Dorelia blickte von der Näharbeit auf und lachte. »Ach, Gwen, wie misstrauisch du bist. So hart in deinen Urteilen. Ich finde Len korrekt. Mindestens zahlt er angemessenen Stundenlohn, und die Posen, die er verlangt, sind nicht anstrengend. Außerdem sind wir es, die ihm nachstellen, nicht umgekehrt.«

»Warum bemüht er sich, uns bei seinen Künstlerfreunden Arbeit zu verschaffen? Findest du das nicht sonderbar?«

»Du grübelst zu viel. Er hat uns in Toulouse einfach mal seine Adresse in Paris gegeben, erinnerst du dich? Wir sind ihm nachgereist, weil wir gedacht haben, dass er uns helfen könnte, diesen Sommer in Paris zu überleben. Wenn du das sonderbar findest, dann hättest du seine Vermittlung nicht annehmen müssen.«

»Tu ich auch nicht. Deshalb bin ich heute zu Rodin gegangen. Das ist allein meine Initiative gewesen. Ich habe niemanden dafür bemühen müssen. Und wenn alles klappt, wie ich es mir vorstelle, dann brauche ich Lens Unterstützung nicht mehr. Ich bin nicht gern auf ihn angewiesen.«

Gwen hatte sich auf den Bettrand gesetzt und streichelte die Katze, die zusammengerollt unter dem Überwurf schlief. Tiger erwachte, streckte die Vorderpfoten aus und krallte sich gähnend in den Stoff von Gwens Leinenhemd.

»Ich bin schrecklich müde.«

»Willst du schon schlafen gehen? Es ist doch nicht spät. Ich möchte noch diesen Saum nähen, dann bin ich morgen vielleicht mit dem Oberteil des Kleids fertig. Schau.«

Dorelia klemmte die Nadel zwischen die Lippen und hob das Jäckchen hoch. Aber Gwen sah vom Bett aus nur ein unförmiges Ding mit schlaffen Ärmeln. Das Licht einer einzigen Kerze war zu schwach, um es zu erhellen.

»Sicher schön, aber viel sieht man nicht in dieser Schummerbude. Haben wir keine anderen Kerzen?«

»Doch, in der Küche. Aber lass. Du kannst es bewundern, wenn es fertig ist.«

Gwen hielt es abends nicht lange aus. Auszugehen und andere Menschen zu sehen zehrte an ihren Kräften. Spätestens um zehn musste sie sich ins Bett legen, und dann schlief sie bis in den Morgen hinein. Nicht wie Dorelia. Dorelia war nie müde. Sie hatte anderentags auch keine Augenschatten, wenn sie bis spät in der Nacht genäht hatte, sah immer frisch und ausgeruht aus. Gwen schlug die Decken zurück und aalte sich zwischen die Betttücher. Sie waren kühl und rau, rochen nach Lauge. Auch im Zimmer war es kalt, fast so kalt wie draußen. Um Geld zu sparen, hatten die Freundinnen seit Tagen nicht mehr geheizt. Gwen packte die Katze und versuchte, sie an sich zu drücken, sie wollte sich wärmen, doch Tiger schnellte mit einem Satz davon und flüchtete in die Küche.

»Tiger hat Hunger. Sicher hast du ihr nicht genug zu essen gegeben.«

Dorelia murmelte einen unverständlichen Protest. Sie saß gebückt über ihrer Arbeit und nähte das letzte Saumstück. In regelmäßigen Abständen schoss ihre Hand in die Höhe, spannte sich der Faden, der jedes Mal etwas kürzer wurde. Ob sie noch lange weiternähen wollte? Gwen fielen beinahe die Augen zu.

»Hast du den letzten Brief deines Bruders schon gesehen?«, fragte Dorelia ohne aufzublicken, »fast hätte ich vergessen, ihn dir zu zeigen. Er liegt auf dem Nachttisch neben Ursulas Briefen.«

»Steht sicher wieder dasselbe drin wie in den vorherigen.«

»Lies ihn, es ist auch von dir die Rede. Er vergisst seine große Schwester nie.«

Augustus wurde ungeduldig, die Flüchtigkeit seiner Schrift auf dem Umschlag bezeugte es. Armer Gus. Er könne ohne Dorelia nicht leben, schrieb er, sie solle endlich zurückkehren. Gwen selbstverständlich auch. Beide hätten seit ihrem Aufbruch im letzten Herbst doch genug erlebt, was beharrten sie nach all den Strapazen in Südfrankreich noch auf einem Sommer in Paris? Kunst gebe es auch in London, er selbst arbeite ganz versessen auf die nächste Sommerausstellung des New English Art Clubs hin. Nur eben, Dodo müsse zurückkommen, ohne sie könne und wolle er nicht mehr leben, wiederholte er, auch malen werde zunehmend unmöglich. Gwen kannte seine Litaneien auswendig, sie mochte seine Briefe erst gar nicht mehr lesen. In allen standen dieselben, von Lagerfeuerromantik durchzogenen Verse. Wutausbrüche eines von den Frauen Verwöhnten. Dass ihm Ida und die beiden Söhne zu Hause nicht genügten, ärgerte Gwen. Sie hatte Mühe, seine Weinerlichkeit zu verstehen, und schämte sich für ihn. In jedem seiner Bittbriefe erniedrigte er sich ein bisschen mehr, verlor an Würde.

»Hast du ihm schon geantwortet?«

»Nein, lass mir Zeit, ich muss nachdenken. Im Moment gefällt es mir in Paris, das weißt du. Ich sehe nicht ein, weshalb ich ihm gehorchen sollte. Ich gehöre ihm nicht.«

»Wenn du aber zu lange zögerst, wird er herkommen und dich holen. Ich kenne ihn. Er hasst es, hingehalten zu werden. Geduld ist nicht seine Stärke. – Aber lassen wir das. Oh Gott, bin ich müde, ich glaube, ich bin heute zu viel gelaufen.«

Gwen kämpfte vergeblich gegen den Schlaf und verfiel bald dem Träumen. Sie ersann sich eine Zukunft, das tat sie oft vor dem Einschlafen, es lenkte sie vom Hunger ab. Die Zukunft begann immer mit einem Cottage, irgendwo im Süden Englands, dort wollte sie einmal mit dem Bruder und seinen zwei Bräuten leben. Nicht allzu weit von Wales. Cornwall vielleicht. Es müsste Frieden herrschen. Ungetrübte Eintracht. Sie sah eine Wiese und Dorelia in bäuerlichem Kleid mittendrin, an einen Baum gelehnt. Glücklich und anspruchslos, das Lächeln einer Madonna im Gesicht. Das war das häufigste Bild. Seltener sah sie die Freundin mit ernster Miene im Gras stehen, breitbeinig, die Hände in die Seiten gestemmt. Das war die matronenhafte Dorelia, jene, die sich selbst Jahre vorausnahm und hin und wieder flüchtig durch ihre Jugendlichkeit schimmerte. Manchmal ist Dorelia barfuß und trägt einen Krempenhut mit bunter Schleife. Andere Male hat sie eine Küchenschürze umgebunden, Erdklumpen kleben an ihren Schuhen und am Rechen, auf dem sie sich abstützt. Und immer tupfen Blumen das Gras bunt. Dorelia steht ganz still. Sie wirkt ernst und mütterlich. Gus sitzt vor ihr und malt mit raschen Pinselstrichen das Porträt der Geliebten auf die Leinwand. Er arbeitet nie lange an einem Bild. Seine Bilder verleiden ihm schnell. Und sie selbst malt später in der gedämpften Atmosphäre des Wohnzimmers eine andere Dorelia. Ihre Dorelia. Die Dorelia der Urewigkeit. Dazwischen gibt es Picknicks auf dem Rasen, Wanderungen ans Meer. Denn das Meer, es dürfte nicht weit weg sein, salzig müsste die Luft schmecken und Möwen müssten an Schlechtwettertagen übers Land fliegen. Aber die Idylle geht nicht auf. Was wird aus Ida? Niemand denkt an Ida. Auch Gwen dachte nicht an die Schwägerin. Sie hatte Ida nur noch als Mutter in Erinnerung behalten, als müde Frau mit zwei Buben, die ihr am Rockzipfel hingen. Und dabei hatte auch Ida Malerin werden wollen, damals, als sie vor sechs Jahren kurz in Paris zusammengewohnt und in der Académie Carmen bei Whistler Malunterricht genommen hatten. Sie wollte es noch immer. In ihren Briefen behauptete sich diese Sehnsucht nach Stift und Farbe manchmal noch. Ein Schmerz. Eine wortlose Verzweiflung, die zwischen den Zeilen wucherte. In jedem Brief etwas stärker. An der Slade hatte Ida als begabt gegolten, Professor Tonks hatte ihren kühnen Zeichenstil gelobt, Brown ihr Gespür für Farbnuancen. Aber dann hatte Gus sie geheiratet und vom Strom des Schöpferischen abgeschnitten. Wusste er es überhaupt? Nein, die Idylle ging nicht auf. Wie Gwen es auch drehte, immer gab es ein Mitglied zu viel. Meist Ida. Manchmal auch sie selbst. Gus sogar. Ohne Gus wäre alles sehr viel einfacher, harmonischer, darüber sprachen Dorelia und Gwen immer wieder. Die Tage würden nicht mehr zerrissen von seinen jähen Gefühlsausbrüchen, seinem Zorn und seiner Härte. Sie verliefen unversehrt.

Gwen hatte die Augen geschlossen und dachte an Gus und Ida in Matching Green. An ihre Zukunft. Sie war ungewisser als ihre eigene. Ida war seit dem zweiten Kind so unerfüllt, so rastlos, manchmal schlage sie zu Hause den Kopf gegen die Wand, schrieb sie. Einfach so, um sich weh zu tun oder sich zu betäuben.

Dorelia räumte das Nähzeug weg und ging in die Küche. Gwen hörte, wie sie sich wusch, das Gesicht ins Wasser tauchte und die Haare bürstete. Sie trank Milch und knabberte die Frühstücksbaguette an. Endlich legte sie sich in ihre Betthälfte, kuschelte sich unter die Decke und flüsterte: »He, Gwen, was sagst du zu Richmond?«

Richmond. Rich-mond. Zwei Silben. Die erste barg eine Welt von Möglichkeiten, ließ die üppigsten Wiesen am Auge vorbeiziehen, bedeutete Landgüter mit Schafen und Pferden. Gwen antwortete murmelnd: »Hinter dem botanischen Garten, ich weiß einen Weg.«

Es war zum Einschlafritual geworden in Paris, dieses Gedankenspiel mit Ortschaften rund um London. Einmal begann Dorelia, das andere Mal Gwen. Hampstead Heath, Waltham Forest, Cheltenham. Die Namen klangen nach Sommer und Jugend, weckten Erinnerungen an weit zurückliegende Ausflüge.

***

Die Kälte hatte nachgelassen, die Wolkendecke, die wochenlang über Paris gehangen hatte, zerfaserte und zeigte blassblaue Löcher. In den Alleen begannen die Platanen und Robinien Knospen zu treiben. Die Luft duftete nach feuchter Erde. Marktfrauen boten an den Straßenecken die ersten Primeln feil, darauf hatte Gwen den ganzen Winter gewartet. Sie liebte Primeln, hatte im Zimmer gelbe und violette in einer Vase stehen und zeichnete sie. Sie zeichnete auf die Rückseite von Einkaufszetteln und auf Zeitungsränder, sogar Briefumschläge mussten für ihre Skizzen herhalten, bis sie bereit war, auf dem teuren japanischen Papier zu malen, das sie sich zusammengespart hatte. Die Vase stand auf dem Arbeitstisch und störte Dorelia beim Nähen. Aber Dorelia sagte nichts, sie schob sie nur beiseite.

Wenn sie überhaupt zu Hause war und nähte. In den letzten Tagen verbrachte sie auffallend viel Zeit bei Len, nicht nur, um ihm Modell zu stehen. Gwen konnte sie nicht zurückhalten, sie spürte nur, wie ihr die Freundin entglitt, immer wieder Ausreden erfand, um die gemeinsame Wohnung zu meiden. Das Zimmer sei ihr zu eng, sagte sie, die Möbel ärmlich und bedrückend. Nicht einmal anständige Vorhänge hingen am Fenster, nur zwei Baumwollbahnen, die nachts einen störenden Spalt Mondlicht durchließen. Und den Abort am Ende des Gangs mit den anderen Mietern im Dachgeschoss teilen zu müssen, sei eine Zumutung. Dorelia fühlte sich zu Höherem bestimmt, sie sagte es geradeheraus.

»Tut mir leid, Gwen, aber ich bin nicht geboren worden, um ein Leben lang am Hungertuch zu nagen. Seit meiner Zeit als Bürohilfe in London lebe ich in der Erwartung besserer Tage. Und die werden kommen, irgendwann, ich weiß nicht wann, aber sie werden kommen. Doch dazu muss ich diese Armut abschütteln.« Sie rümpfte die Nase, als stänke die Armut und klebte ihr an den Kleidern.

»Ist das dein Ernst?«

»Ja, natürlich. Künstler wie du haben es leichter. Ihr nehmt alles auf euch, ihr friert und hungert, weil eure Bilder euch entschädigen, später vielleicht sogar der Ruhm. Aber ich? Als Modell werde ich nie berühmt werden, und leben lässt sich auch nur schlecht davon.«

Jeden Morgen beim Frühstück beklagte sich Dorelia, immer mit den gleichen Worten. Sie stocherte missmutig in ihrem Porridge und ließ die Hälfte stehen. Täglich dasselbe Essen stumpfe ab, behauptete sie und mied dabei Gwens verständnislosen Blick. Wahrscheinlich suchte sie Streit, bloß um mit gutem Gewissen wieder zum Belgier über die Straße gehen zu können. Gwen durchschaute sie und ahnte die kommende Einsamkeit voraus, aber die Vorwürfe blieben ihr im Hals stecken. Erst als sie allein in der Wohnung war, fielen ihr die richtigen Worte ein. Beim Geschirrwaschen oder Putzen entstanden Sätze in ihrem Kopf, die Dorelia beschämt hätten. Len hat als Maler das seltene Glück, von Haus aus wohlhabend zu sein, davon lässt du dich blenden. Er gefällt dir vielleicht sogar mit seinen blonden Locken und eisblauen Augen, er gefällt dir, weil er immer freundlich und einfühlsam ist und dich mit Komplimenten überhäuft. Weil er dir Geschenke macht, Pralinen, feine Litzen aus Brügge. Und weil er unverheiratet ist. Nicht wie Gus. Darum läufst du dem Belgier nach. Nur darum. Das alles hätte Gwen der Freundin ins Gesicht sagen wollen.

Die Morgenpost brachte einen Rohrpostbrief aus der Rue de l’Université. Der Meister vertröstete sie auf später. Ausstellungen seiner neuesten Werke bedingten Reisen, doch nach seiner Rückkehr wolle er sie bald einladen. Bald! Das konnte Wochen bedeuten. Monate. Was ist schiefgelaufen, rätselte Gwen, warum hat der Meister es sich anders überlegt? Warum will er nichts mehr von mir wissen? Sie drehte den grünen Zettel nach allen Seiten, als könnte sie auf ihm eine Erklärung für seine Absage entdecken. Der Zettel sprach nur von Aufschub und Geduld. Was sollte in der Zwischenzeit aus ihr werden? Hatte er überhaupt daran gedacht, der große Rodin? Wusste er, wie das war, auf jeden Sou angewiesen zu sein, auf eine einzige Stunde Arbeit, um den nächsten Tag zu überleben? Missmutig wischte Gwen den Zettel vom Tisch. Ich hätte es wissen müssen. Ich habe zu hoch gegriffen. Ich habe mir mit der Überschätzung meines Körpers eine Sünde zuschulden kommen lassen. So schön bin ich gar nicht. Und der Meister als Arbeitgeber, das ist nichts für meinesgleichen. Wie konnte ich nur ernsthaft daran glauben? Gwen lief im Zimmer auf und ab, fühlte sich plötzlich allein mit ihrer Enttäuschung. Wenn Dorelia nur bald wiederkäme. Gwen versuchte zu zeichnen, aber sie hielt es nicht lange auf ihrem Stuhl aus, sie musste sich bewegen, aus den vier Wänden flüchten und den Morgen draußen verbringen.

Sie suchte Künstler auf, von denen sie gehört hatte, dass sie immer ein schönes, schlankes Modell brauchen konnten. Bis ins Quartier Latin wagte sie sich, doch sie hausierte erfolglos. Monsieur Henri schlief seinen Kater aus und jagte sie aus dem Haus. Der alte Kunz verwechselte sie gar mit einem bretonischen Freudenmädchen der Gare Montparnasse. Erst als er sie erkannte, steckte er die Hände in die Kitteltaschen und wies ihr die Tür. Gwen schauderte vor Ekel, aber ihrer Empörung machte sie erst zu Hause Luft. Sie redete laut mit sich selbst, während sie ihre Kleider von den Berührungen sauber bürstete, und versprach sich, die Adressen der beiden Maler aus ihrem Notizbuch zu streichen. Und gegen Abend wich die Wut einer quälenden Angst.

Der Hunger trieb Gwen zu Hilda. Die finnische Freundin wohnte nicht weit von ihr entfernt, direkt auf dem Boulevard du Montparnasse in einem jener Häuser im neuen Stil mit verschnörkelten Rankenornamenten über der Eingangstür und großzügig geschwungenen Gusseisenrampen im Treppenhaus. Vielleicht brauchte Hilda wieder ein Modell, obwohl sie im März gesagt hatte, dass sie wahrscheinlich den ganzen Frühling als Gehilfin des Meisters beschäftigt sei. Gwen würde sich auch mit einem Stundenlohn von zwei Francs begnügen, sogar mit einem Franc, wenn sie nur in einer warmen Stube sitzen durfte und am Ende des Tages genug Geld hatte, um sich eine Mahlzeit zu leisten. Hilda, so redete sie sich ein, sei ihre letzte Hoffnung.

Aber Hilda war nicht da. Die Nachbarn, bei denen Gwen klingelte, hatten sie am Vortag einen Koffer die Treppe hinunterschleppen sehen. Gwen hatte keine Wahl, sie musste die Kartoffeln und das Brot essen, die Dorelia mit Lens Geld eingekauft hatte.

An Montagen führte die Malakademie der Rue de la Grande Chaumière im Winter eine der beiden Modellbörsen von Paris durch. Gwen erfuhr davon aus der illustrierten Freitagsausgabe des Petit Journal. Die andere Börse, von der die Rede war, jene um den Brunnen von Pigalle, zog sie nicht in Betracht. Sie wollte sich nicht in die dortige Bohème mischen, Geschichten über die Exzesse des kürzlich verstorbenen Henri de Toulouse-Lautrec waren noch im Umlauf. Darüber konnte sie nur erröten. Aber die näher gelegene Börse bot vielleicht einen Ausweg aus der Abhängigkeit.

Gwen ging schon am frühen Nachmittag zur Kreuzung des Boulevard du Montparnasse und der Rue de la Grande Chaumière und schaute aus sicherer Distanz zu, wie sich die Vermittlungen vor der Hausnummer 14 abwickelten. Um nicht selbst als Modell erkannt zu werden, schlenderte sie die Straße auf und ab und warf unauffällige Blicke auf die Frauen vor dem Eingang der Akademie. Pausenloses Geschwätz drang zu ihr herüber.

»Aber nein, stellen Sie sich vor, ich habe es bei Bon Marché gekauft.«

»Nehmen Sie schon lange an der Börse teil?«

»Nicht zu fassen, der alte Pole hat mich noch nicht bezahlt.«

Die Frauen hatten ihre schönsten Hüte auf, modisch geschnittene Röcke, die unter den Mänteln hervorguckten und sich bei jeder Bewegung wellten. Sie schienen Geld nicht nötig zu haben oder nicht wirklich dringend. Keine hatte den gierigen Blick der Hungernden, das verräterisch bleiche Gesicht. Kichernd verschwand die eine oder andere im Gebäude, gefolgt von irgendeinem Mann, der sie sich soeben aus der Menge ausgesucht hatte. Manchmal traten sie als Paar zusammen wieder heraus und bogen in die nächste Seitenstraße ein. Andere Frauen hatten weniger Glück. Die wenigsten hatten Glück, das Angebot war zu groß. Mehr als zwei Dutzend Frauen standen an diesem Tag vor dem Eingang, und die meisten Künstler entfernten sich unbegleitet von der Akademie. Gwen verstand, warum Modelle so häufig mit Huren verwechselt wurden, vor den Freudenhäusern in der Rue de l’Arrivée ging es für einen unwissenden Beobachter nicht anders zu. Die Mädchen und Frauen mochten hier noch so anständig sein; hinter den verschlossenen Türen eines Ateliers mussten sie ihre Kleider abstreifen und sich den Blicken eines Fremden ausliefern. Gefielen sie ihm nicht, ließ der Künstler sie stehen.

Gwen mochte sich nicht unter die Wartenden mischen. Sie war sich zu gut dafür. Dann lieber noch Lens Geld annehmen. Oder Gus um einen Vorschuss bitten. Er würde bestimmt helfen, es wäre nicht das erste Mal.

Auf dem Heimweg schlenderte Gwen die Marktbuden des Boulevard Edgar Quinet entlang und kaufte sich für fünf Sous ein Säckchen Graupen, für die Katze eine Handvoll frisches Fleisch. Sie betrachtete auf den Tischen die gerupften Hühnchen mit ihren baumelnden Hälsen, den Federkielen, die noch im Fleisch steckten. Hinter dem Metzger, der gerade Fleischstücke auf die Waagschale knallte, hingen Würste an Schnüren, dunkel und dürr oder prall von fettem Saft, alle beschriftet mit dem Namen ihres Herkunftsortes.

Weiter hinten, gegen den Cimetière zu, wurden Fische auf Zeitungsseiten angeboten. In den Eimern glänzten an Algenfasern traubenweise die Miesmuscheln, starben die Krebse, ihre Scheren mit Bastkordeln gebunden. Die Butte und Seezungen hatten glasig trübe Augen, und die Kiemen waren verklebt von trockenem Schleim. Hier, wie beim Fleisch, waren die Fliegen eine Plage. Sie kreisten über den Fischleibern und den blutverschmierten Schlagzeilen, die entweder von Président Loubets heikler Romvisite berichteten oder die Leser mit Neuem zum Fall Dreyfus zu ködern versuchten.

Gwen schob die Rückkehr in die leere Wohnung bis zum Abend hinaus. Es war so still ohne Dorelia, so verlassen. Wären Dorelias Pantoffeln neben dem Schrank nicht gewesen, der tags zuvor gekaufte rosarote Samtstoff halb ausgepackt auf dem Arbeitstisch, Gwen hätte beinahe geglaubt, dass sie sich in der Tür geirrt hatte. Oben in der Mansarde des Hotels sahen die vermieteten Zimmer alle gleich aus. Ein längliches Rechteck mit Dachschräge und einem schmalen Fenster, das Sicht auf den Park und die gegenüberliegende Rue du Maine hatte. Sogar die Tapete war überall die gleiche. Hell, mit dünnen grünen Streifen, um die Tür und Fensterrahmen herum schmuddelig. Nicht mehr die neuste. Das hatte Gwen von Miss Hart. Die Nachbarin wusste über alle Anwohner Dinge zu erzählen, die Gwen nicht im Geringsten interessierten. Schulden, Seitensprünge. Irgendeinen Selbstmord in der Verwandtschaft. Und wer schönere Vorhänge hatte, stilvollere Möbel. Gwen aber hatte keinen Wunsch zu sehen, ob andere besser wohnten als sie. Sie wollte nur malen, und zum Malen brauchte sie nicht mehr als diese vier Wände. Und etwas Geld, um zu leben.

Gwen betrat die Küche, stellte den Einkauf ab und rief mit leisen Schmatzgeräuschen nach der Katze, die sich sofort aus dem Halbdunkel heranschlich und sich an ihre Beine schmiegte.

»Nicht so ungeduldig, Tiger, du bekommst gleich was.«