Wenn ich wüsste wohin - Alexandra Lavizzari - E-Book

Wenn ich wüsste wohin E-Book

Alexandra Lavizzari

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Beschreibung

Gestern noch vorbildliche Ehefrau und Mutter, gerät Sarah plötzlich in einen emotionalen Strudel. Sie weiss nicht mehr, wie ihr geschieht. Nach dreiundzwanzig ruhigen Ehejahren von einem Tag auf den andern die Liebe mit ihren Höhenflügen und Enttäuschungen neu zu erleben ... dies lässt am Ende eines wilden Sommers mit verändertem Blick das frühere Leben zurück.

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Seitenzahl: 318

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Alexandra Lavizzari

Wenn ich wüsstewohin

Roman • Zytglogge

Für Letizia, Valeria und Tiziano.

Alle Rechte vorbehalten

Copyright by Zytglogge Verlag, 2007

Lektorat: Bettina Kaelin

Umschlagfoto: Markus Traber

e-Book: mbassador GmbH, Luzern

ISBN 978-3-7296-0733-0eISBN 978-3-7296-2005-6

Zytglogge Verlag, Schoren 7, CH-3653 Oberhofen am Thunersee

[email protected], www.zytglogge.ch

Love is pleasing, love is teasing,love’s not an evil thing.

Bob Dylan

Der 8. August: Ich habe wochenlang auf ihn gewartet, ihn herbeigesehnt und gefürchtet, und nun ist er da, ein harmloser Freitag mit blendend weissem Licht in den Strassen, hochsommerlich, wie es sich zu dieser Jahreszeit gehört, und gar nicht irgendwie besonders. Ich kaufe mir im Kaufhaus ‹Loeb› eine Sonnenbrille und drücke das Restgeld am Ausgang einem Bettler in die Hand, lächle ihn sogar an dabei, möchte ihn etwas aufmuntern, weil er so niedergeschlagen dreinschaut, genau wie sein Schäferhund. Dann überquere ich den Platz bis zum Bahnhof und setze mich mit einem exotischen Fruchtsaft an den hintersten Tisch des ‹Tibits›. Solche Säfte trinke ich sonst nie, aber von nun an werde ich ohnehin lauter ungewohnte Dinge tun.

Johannes hat gesagt, dass er um achtzehn Uhr im Bahnhof sein werde.

Ich bin zu früh. Wie immer. Meist schlendere ich durch die Strassen und schaue mir die Läden an oder gehe in eine Buchhandlung, wenn ich sehr früh dran bin, doch heute habe ich nicht die Ruhe, um die Zeit totzuschlagen. Ich rede mir ein, dass ich mich vor unserer Begegnung sammeln müsse, dass ich nachdenken müsse, also sitze ich still vor meinem Fruchtdrink und zwinge mich dazu. Viel will mir aber nicht einfallen an diesem Tag; die Leute, die ich hinter der Scheibe vorbeihasten sehe, lenken mich ab. Sie tragen Koffer und Taschen und haben einen gehetzten Ausdruck im Gesicht; manche werfen verdrossene Blicke um sich, und ich male mir aus, dass sie den Zug verpassen und damit die Chance ihres Lebens. Eine Karriere oder eine Liebe, die nicht zustande kommen wird. Ich starre die vornehme Menükarte auf dem Tisch an und bereue, kein Buch dabeizuhaben.

Die Minuten schleichen, und weil ich nichts mit mir anzufangen weiss, mache ich in meiner Handtasche Ordnung. Ich lege alte Busbillette, die Quittung der Sonnenbrille, eine Rosskastanie und den Prospekt eines neu eröffneten Fitnesscenters in den Aschenbecher und drücke ein Halsbonbon, an dem Fusseln kleben, oben drauf. Lindas Postkarte aus Barcelona behalte ich. Ich bewahre alle Briefe und Karten meiner Kinder in einer Schuhschachtel auf. Warum diese Karte noch in meiner Tasche ist, weiss ich nicht, denn Linda ist seit über einem Monat von der Maturreise zurück. Vielleicht ist es wegen der Herzchen. Sie hat welche hinter die Grüsse und anstelle des i-Pünktchens ihres Namens gemalt, wie früher, als sie noch ein Kind war. Ich drehe die Karte um, auf der Gaudís bunte Eidechse abgebildet ist. Der Parco Güell: Linda hat bei ihrer Rückkehr davon geschwärmt und uns gleich mit mehreren Nachahmungen des Reptils beglückt. Eine ziert unseren Fernseher, eine andere die Kommode im Windfang, und die in Lindas Zimmer möchte ich lieber nicht zählen.

Langsam wird das Kribbeln im Bauch unerträglich, ich schaue immer wieder auf die Uhr, und nach einer halben Stunde fange ich an, auf meinem Stuhl herumzurutschen, als müsste ich aufs Klo. Der Gedanke, dass Johannes es sich anders überlegt haben könnte, beginnt mich zu beunruhigen. Es könnte ja alles ein Missverständnis sein, ein lächerlicher Reinfall. Aber nein, denn plötzlich steht Johannes hinter mir und sagt ruhig:

«Da bin ich. Ich hoffe, du hast nicht zu lange warten müssen.»

«Nein, nein», lüge ich, «ich bin auch eben erst gekommen.»

Seine Krawatte sticht mir unangenehm ins Auge. Etwas wild, dunkle Striche auf rotem Hintergrund und verschiedenfarbene Kleckse, ähnlich wie die Bilder von Miró. Und er selbst, Johannes? Müde sieht er aus, oder nein, eher nervös. Ich bekomme rasendes Herzklopfen, während ich im Stehen mein Glas austrinke, und meine Knie fangen an zu zittern.

«Gehen wir?», fragt er und deutet mit einem Kopfnicken zum Ausgang. «Ich habe mein Auto in der Tiefgarage des Bahnhofs parkiert.»

Er besteht darauf, meinen Koffer zu tragen, ist erstaunt wegen des Gewichts. Was ich denn alles drin habe, will er wissen, mein Koffer sei so schwer, ob ich nach diesem Wochenende noch anderswohin fahre.

Ich lache nur und gehe neben ihm her, ohne ihn zu berühren. Ich getraue mich nicht, mich bei ihm einzuhaken oder seine freie Hand zu nehmen, sondern schaue ihn nur heimlich von der Seite an und versuche, die aufkeimende Frage zu verscheuchen, was zum Teufel mich zu diesem Mann hinziehen mag, dass ich bereit bin, so viel für ihn aufs Spiel zu setzen. Sein Beruf ist mir fremd, er ist Vizedirektor einer Berner Versicherung, und die Region, in der er verwurzelt ist, das Entlebuch, ebenfalls. Er trägt ein weisses Hemd zu seinem massgeschneiderten Anzug und hat erst noch einen Siegelring am kleinen Finger. Ich hasse Siegelringe, und für weisse Hemden kann ich mich auch nicht erwärmen. Eigentlich gefällt mir an ihm heute nur das After Shave, ein herber Meerduft, der Erinnerungen an Strandferien weckt. Bin ich verrückt? Oder hat mich bereits die Midlifecrisis ereilt, dass ich, Sarah T., neunundvierzig und gar nicht unglücklich verheiratet, mit einem andern Mann für ein Wochenende verreise?

Wir fahren mit dem Lift in die Garage hinunter und suchen Johannes’ Wagen in den verschiedenen Untergeschossen. Er erinnert sich nicht mehr an die Parknummer, verwechselt C mit E, dann links mit rechts, überhaupt wirt er zerstreut, und so irren wir zwischen den Autos herum, bis wir fast die Orientierung verlieren.

«Dort, ich wusste doch, dass ich im E parkiert habe.»

Er will mir die Wagentür öffnen, aber ich komme ihm zuvor. Es missfällt ihm. Wie versteinert bleibt er vor mir stehen und hebt die Hände, als wollte er sagen, bitte, wenn du meine Hilfe verschmähst, ich zwinge dich nicht.

«Ich bin nicht gewohnt, dass mir jemand die Wagentür öffnet», sage ich etwas später zu meiner Verteidigung, «mein Mann tut das nie.»

Und weil meine Stimme in diesem -2ugenblick zu versagen droht, gebe ich noch schnell ein paar feministische Sprüche zum Besten. Daraufhin schweigen wir ziemlich lange. Das Schweigen wird peinlich, ich habe bald das Gefühl, dass auch er beginnt, sich über unser Wochenende Fragen zu stellen. Vielleicht denkt er, dass es nicht gut gehen wird mit einer Frau, die Wagentüren lieber selber aufmacht.

Vor Basel nehme ich die Landkarte aus dem Schliessfach und breite sie umständlich auf meinem Schoss aus. Landkarten sind immer zu gross, und diese besonders. Ganz Deutschland und Teile der Schweiz und Dänemarks, jedes Kaff, jedes Flüsslein, jede Bahnlinie sind darauf verzeichnet.

«Wohin entführst du mich?», frage ic nach einer Weile. «Nach Berlin? Das wäre schön, dort war ich noch nie.»

«In zwei Tagen willst du da hoch und wieder zurückfahren?»

«Ich mache nur Spass. Am Telefon hast du vom Schwarzwald gesprochen. Ist mir auch recht.»

«Nein, eher von der Rheingegend. Ein kleines Dorf an der Weinstrasse, das wird dir bestimmt gefallen.»

Er legt zaghaft die Hand auf mein Knie und streichelt es, während er spricht, zieht sie aber gleich wieder zurück, weil er den Gang wechseln muss.

Woher will Johannes wissen, dass ich süddeutsche Dörfer mag? Und noch dringlicher plagt mich die Frage, ob er wohl mit andern Frauen ein Wochenende dort verbracht haben mag. Ob das gar eine Gewohnheit von ihm ist, mit Frauen nach Deutschland zu verschwinden und die eigene in einem bestimmten Zimmer des Hotels ‹Adler› oder ‹Goldener Löwe› zu betrügen? Es gibt doch solche Typen mit fixen Ideen. Und wenn ich es eben mit so einem zu tun habe? Wenn ich nur eine von vielen bin? Die Augustfrau zum Beispiel. Das habe ich mir vorher nicht überlegt. Ich kenne Johannes erst seit ein paar Wochen, und die paar Male, die wir uns gesehen haben, kann ich an einer Hand abzählen. Das erste Mal wars in der Apotheke, als wir in der Warteschlange ins Gespräch kamen, und die folgenden Male in einer Bar, immer in einer andern. Einmal nur haben wir zusammen einen Spaziergang durch die Altstadt gemacht, und da hat er mich hinter dem Münster auf die Haare geküsst und gesagt, dass es ihm leidtue, wenn er sich diese Freiheit nehme, aber er könne nicht anders, er – nein, von Liebe hat er nichts gesagt. Ich übrigens auch nicht. Ein einziges Mal nur hat er mich zum Abendessen eingeladen, ins feinste Lokal der Stadt, etwas Bescheideneres komme für mich nicht in Frage, meinte er, ausserdem sei es, wie er mir während der Vorspeise in konspirativem Ton verriet, sein Lieblingsrestaurant. Ich habe geschwiegen und ihm beim Auslöffeln seiner Hummersuppe zugeschaut. Die feierliche Langsamkeit seiner Gesten irritierte mich, ich habe unwillkürlich an Mischa denken müssen, der sein Essen jeweils achtlos hinunterschlingt und mir deshalb immer mindestens einen Gang voraus ist. Ein Kompromiss zwischen den beiden wäre ideal.

Das Wochenende ist meine Idee gewesen. Sie kam mir beim zweiten Glas Wein aus einer übermütigen Laune heraus, etwas voreilig, denke ich jetzt, denn ich weiss so wenig von diesem Mann, nicht einmal, wie alt er ist und waser gerne zum Frühstück isst.

Während der Fahrt schaue ich stumm aus dem herunterge-kurbelten Wagenfenster. Der Abend riecht nach abgestandenem Wasser und Rauch. Wir fahren über den Rhein auf das Tinguely-Museum zu, Lichter flackern im Wasser, ein Kutter fährt flussabwärts, ich erkenne den spitzen Umriss des Münsters und die Mittlere Brücke. Der Anblick des vertrauten Rheinufers ruft alte Erinnerungen wach. Ich erzähle, dass ich in Basel aufgewachsen bin und mich manchmal nach dem Fluss und den Studentencafés sehne, nach diesem Man-könnte-Bäume-ausreissen-Gefühl, das mich während des Studiums beflügelt hat. Und dass ich noch eine Jugendfreundin in der Stadt habe, die es in Norddeutschland zu einer Karriere am Stadttheater geschafft hat, das heisst fast, bis sie die Intrigen und Tändeleien hinter dem Vorhang nicht mehr ausgehalten und nach der letzten Vorstellung von ‹Kabale und Liebe› kurzentschlossen den Nachtzug in die Schweiz bestiegen hat.

«Jetzt ist sie Primarlehrerin», erzähle ich weiter, «und neulich hat sie sich ein Pferd gekauft. Evita heisst es. Reiten war schon während der Schulzeit ihre Leidenschaft.»

Johannes entgegnet, dass er Pferde überhaupt nicht möge.

Auf der deutschen Seite verirren wir uns zweimal. Es wird schnell dunkel, zwischen den Dörfern gibt es nur die unbeleuchtete Strasse, Rebberge auf der einen Seite und auf der andern Wiesen mit Bäumen, Obstbäumen wahrscheinlich, denn es duftet plötzlich wie im Keller meiner Grossmutter. Wir fahren an keinem Schloss vorbei, auch keiner markanten Flussbiegung entlang, nur ab und zu tauchen Schilder aus dem Dunkel auf, die ich nicht auf der Karte finde, weil ich zu aufgeregt bin, um mich genau zu orten. Irgendwo, an einer besonders dunklen Stelle, beichte ich ihm, dass es mir mulmig werde, nachts so ziellos in einer fremden Gegend herumzufahren, es sei wie in einem endlosen Tunnel. Er lächelt und legt wieder die Hand auf mein Knie.

«Und was ist mit deinen Kindern? Wissen sie, dass du nach Deutschland fährst?»

«Ja, ungefähr. Ich habe ihnen gesagt, dass ich in Basel eine Ausstellung besuchen möchte und vielleicht einen Abstecher über die Grenze machen werde.»

«Werden sies glauben?»

«Warum nicht? Ich gehe ab und zu nach Basel. Und meine Kinder haben zurzeit ohnehin andere Probleme als die Ausflüge ihrer Mutter. So genau wollen sie gar nicht wissen, was ich mache.»

Es ist halb elf, als wir endlich und eher zufällig auf das Dorf stossen, das er im Sinn hat. Das Hotel ‹Sternen› liegt zum Glück an der Hauptstrasse, ein grosser goldener Stern leuchtet schon von weitem über dem Eingang, ansonsten wären wir vielleicht daran vorbeigefahren. Johannes parkiert auf dem Kiesplatz, schaltet den Motor ab und lehnt sich mit geschlossenen Augen im Sitz zurück und seufzt. Er sagt kein Wort mehr. Ich beuge mich zu ihm hinüber und mustere sein Profil. Gerade Nase, energisches Kinn, eine weisse Strähne, die über die Stirn fällt. Lachfalten. Augenbrauen wie Drähte. Brille. Ein markanter Adamsapfel. Wenn ich dieses Gesicht in der Zeitung oder im Fernsehen sähe, würde ich sagen: ein Politiker oder Geschäftsmann. So anders als mein dunkler Wuschelkopf von einem Mann. Irgendjemand Wichtiger. Ich würde jetzt gerne die Arme um seinen Hals legen und ihn küssen, aber seine Steifheit bremst mich.

«Ist was?», frage ich stattdessen.

«Nein, so weit alles in Ordnung. Ich möchte nur, bevor wir aussteigen, weisst du, ich möchte etwas klarstellen zwischen uns.»

Oh nein, denke ich, jetzt wird er moralisch. Ausgerechnet jetzt, da der erste – der entscheidende – Schritt zum Seitensprung vollzogen ist. Das ist mir nun doch zu billig. Warum ist er nur so kompliziert? Oder so feige?

«Für mich gibt es nichts klarzustellen. Wir sind zwei Tage lang zusammen, das genügt mir. So haben wir es beschlossen, und wir waren uns einig, dass wir beide zu diesem Schritt stehen würden, oder nicht?»

«Ja schon, aber ...»

Plötzlich lacht er auf, nimmt mein Gesicht in die Hände und schaut mir forschend in die Augen. Eine Ewigkeit schaut er, bevor er sagt: «Du bist sonderbar. Vielleicht ist das für dich alles viel einfacher als für mich. Mir jedenfalls liegt daran, gewisse Dinge zu klären, damit es nachher keine Missverständnisse gibt. Verstehst du?»

Ich bin auf eine Predigt gefasst oder auf ein Geständnis im Stil von ‹Du musst wissen, dass zwischen meiner Frau und mir nichts mehr läuft, schon lange nicht mehr, darum fühle ich mich frei, mich mit dir einzulassen› oder dergleichen.

«Na los», höre ich mich mit gespielter Heiterkeit sagen, «dann erzähl mir, was dich bedrückt. Da drüben kommt nämlich schon ein Kellner, sicher will er uns die Wagentür aufmachen. Mir und dir.»

«Ich habe zwei Zimmer im Hotel gebucht. Nicht eines. Für den Fall ...»

Aha.

Ich bin sprachlos. Starre aus der Windschutzscheibe auf den Parkplatz und versuche, ruhig zu bleiben, ganz ruhig, sage mir immer wieder, weine nicht, lache nicht (denn um beides ist mir in diesem Augenblick zumute), bis der Kellner die Tür öffnet und mir aus dem Wagen hilft. Ich stakse meinem Begleiter voraus über den Kiesplatz, wütend, enttäuscht, taub für die Willkommensgrüsse an die gnädige Frau, blind für die Bücklinge. Innerlich koche ich, lasse mir aber nichts anmerken. Ich spiele die Dame und betrete das Hotel mit tänzelndem Schritt und einem unverbindlichen Lächeln auf den Lippen, und an der Rezeption tue ich, als ob er und ich ... tja, als ob er und ich was?

Es gibt jedenfalls keine Umstände, keine vielsagenden Blicke, keine Frage von der Frau hinter der Theke. Ich bekomme den Schlüssel 23 und Johannes den Schlüssel 25, und damit gehen wir wie ein normales Paar die Treppe ins erste Stockwerk hoch, er mir mit beiden Koffern auf den Fersen. Was schaut er an mir? Meine Waden, die etwas zu athletisch sind? Meine Schuhe? Mag er solche Schuhe? Mag er solche Schuhe überhaupt nicht? Trägt seine Frau ähnliche Schuhe? Und meine Figur, gefällt sie ihm? Findet er sie zu schmal, zu wenig weiblich? Ist seine Frau schlank oder eher rundlich? Oder sieht er – aber schon befinden wir uns im Korridor und stehen nach einer kurzen Suche vor unseren Zimmern. Goldene Messingzahlen auf Augenhöhe, eine blank polierte Klinke, eierschalenweiss gestrichenes Holz, ein bisschen wie eine Theaterkulisse für eine Komödie, in der viele Türen ständig im falschen Moment auf- und zugehen.

Er betrachtet seine Schuhspitzen. Ich beisse auf die Lippen. Er macht einen vorsichtigen Rückwärtsschritt. Ich wechsle meinen Schlüssel von der linken in die rechte Hand. Er spricht kein Wort. Ich auch nicht. Ich möchte sterben, so peinlich ist die Situation. Er wahrscheinlich auch.

«Du bist beleidigt, nicht wahr?», wagt er endlich zu fragen.

«Beleidigt? Ach wo, warum sollte ich beleidigt sein?»

Jetzt gilt es, tief durchzuatmen und den Vers aufzusagen, den mir Eva, die Freundin vom Theater, als Rat fürs Wochenende mitgegeben hat, für den Fall, dass die klassische Panikminute vor den Zimmern eintrete. Eva hat Erfahrung, sie hat schon mehrere Affären mit verheirateten Männern gehabt und kennt sich aus in Sachen heikle Momente. Die Frage, ob ein oder zwei Zimmer, haben wir vor dem Wochenende am Telefon eingehendst diskutiert. Sie hat entschieden für zwei Zimmer plädiert. Fürs erste Mal sei es besser. Etwas Distanz zwischendurch könne nur gut tun, was ich wiederum nicht habe einsehen wollen. Ein Zimmer, habe ich gesagt, ein Zimmer oder gar nichts. Wir sind doch nicht so dumm und schlafen in getrennten Zimmern, wo es eben darum geht, zusammen das Wochenende zu verbringen. Johannes hat sich offenbar dieselben Gedanken gemacht wie Eva, und nun höre ich mich tatsächlich ihren Spruch herunterleiern, als wäre auch ich eine erfahrene Geliebte: «Also dann, wir sehen uns später, in einer Viertelstunde oder so. Unten im Restaurant, ja?»

Sogar der Tonfall stimmt; heiter, kein bisschen enttäuscht. Cool, würden meine Kinder sagen.

Johannes lächelt erleichtert und verneigt sich, dann stellt er mir den Koffer in den Flur und verschwindet in sein Zimmer.

So, meine Liebe, da bist du also, spreche ich laut in den Raum, um mein Missvergnügen einigermassen in Schach zu halten. Ich rede oft laut mit mir, zum Leidwesen meines Sohnes, der meint, dass nur Verrückte laut mit sich selbst reden. Meine Stimme zu hören, beruhigt mich, es ist, als redete mir Eva zu. Nun bist du in irgendeinem süddeutschen Kaff gelandet, sage ich, in einem fremden Hotel mit einem fremden Mann, während dein eigener Mann in Bangkok zu dieser Zeit wahrscheinlich an einem Geschäftsessen teilnimmt und ahnungslos seinen Thaicurry und den Ausblick auf die beleuchtete Silom Road geniesst und womöglich denkt, schade, dass meine Frau nicht dabei ist, sonst könnten wir zusammen das nächste Wochenende ans Meer fahren, nach Pattaya oder Ko Chang, wie damals auf der Hochzeitsreise; seit Lindas Geburt sind wir nie mehr als Paar in die Ferien gefahren. Ja, vielleicht denkt Mischa genau das, oder er schläft schon, wegen der Zeitverschiebung. Ich schaue auf die Uhr und fange an zu rechnen. Aber ich bin nicht sicher, ob ich richtig kalkuliere, ich bin viel zu nervös, um in Zahlen zu denken. So gebe ich die Rechnerei auf, blicke mich erst einmal um und vergegenwärtige mir meine Situation. In diesen vier Wänden oder drüben im Nebenzimmer, das bestimmt identisch aussieht, nur seitenverkehrt, wird sich also mein Ehebruch vollziehen. In diesem Bett mit dem babyblauen Überzug, unter einem holländischen Stillleben mit Fasan und vor einem Fernseher, einer Minibar und einer Schale Obst. Umgeben von einem dezent gestreiften Tapetenmotiv und durch blutrote Damastvorhänge abgeschirmt von – wovon eigentlich? – von einem Hinterhof, in dem zwei Autos parkiert sind und ein Sennenhund zusammengerollt vor seiner Hütte schläft. Hier nun, in diesem Geruch von Menschen auf der Durchreise, wirst du deinen Mann betrügen, sage ich zu mir. Warum eigentlich? Nur, weil er dich einmal betrogen hat, vor zwei Jahren oder so; genügt das als Grund? Weil er sich einmal nackt zu einer andern Frau ins Bett gelegt hat und … doch weiter will ich gar nicht denken.

Einmal nur es ist ein Ausrutscher gewesen Sarah glaube mir ich weiss selber nicht mehr warum sie ist eine Kollegin mehr nicht ich schwörs dir nein du kennst sie nicht nein es ist nicht Julia auch nicht Barbara sie ist erst seit kurzem bei uns und wie sie heisst tut nichts zur Sache nein sie ist auch nicht viel jünger als du zweiundvierzig wenn dus genau wissen willst und geschieden nein Sarah hör auf so zu fragen du tust dir nur weh damit ja natürlich tut es mir leid kannst du das denn nicht einfach wegstecken wenn ich dir sage dass ich sie überhaupt nicht liebe nie geliebt habe sie mich übrigens auch nicht Liebe ist zwischen uns kein Thema gewesen nie es ist eine momentane wie soll ich sagen eine Verblendung gewesen aber wenn ich dir sage dass es nur einmal vorgekommen ist ehrlich ein einziges Mal das kann passieren wirklich das könnte auch dir passieren ja auch dir wir sind schliesslich Menschen aus Fleisch und Blut wann ich weiss es nicht mehr genau irgendwann im vorletzten Herbst an einem jener Firmenwochenenden vielleicht hatte ich ein Glas zu viel getrunken ach ich weiss doch nicht mehr es ist einfach passiert basta und ich habe es dir jetzt gesagt weil ich vor dir keine Geheimnisse haben will weil ich denke dass du das verkraften kannst dass unsere Ehe mit einem solchen Fehler – Fehltritt meinetwegen fertig werden kann das haben wir doch immer behauptet nicht wahr wir wollen keine Hintendurchmachenschaften wir wollen Offenheit Respekt vor dem andern doch Respekt das haben wir immer gesagt und dass du jetzt so ein Theater machst verstehe ich ganz und gar nicht das haben wir uns doch immer verboten ich finde es ein bisschen geschmacklos wenn du mich fragst ich habe dich ja nicht verlassen nein an so was habe ich nie gedacht du glaubst mir nicht na bitte dann glaub mir halt nicht aber es ist so hör jetzt bitte auf zu schreien du benimmst dich ganz unmöglich ehrlich so vollkommen irrational fast denke ich dass ich dir besser nichts gesagt hätte sicher bist du mir jetzt deswegen wochenlang böse und dabei haben wir es doch gerade in letzter Zeit so gut miteinander gehabt Sarah Sarah komm schon beruhige dich zwischen uns ist doch alles noch wie vorher vergessen wir das Ganze.

Hm, seufze ich, während ich im Zimmer auf und ab gehe. Wenn ich an jenen Streit zurückdenke, dann wird mein Kopf immer noch heiss. Ich habe Monate gebraucht, um zu schlucken, was Mischa mir an jenem Sonntagmorgen nach dem Frühstück gebeichtet hat. Was heisst schlucken, eigentlich habe ich es nie ganz verwunden, ich würge noch immer daran, werde wütend und muss sogar mit den Tränen kämpfen, wenn gewisse Bilder sich mir allzu plastisch aufdrängen. Als ich dann im Frühling diesen netten Herrn Wieland in der Quartierapotheke kennen gelernt habe, habe ich nichts unternommen, um mich nicht in ihn zu verlieben. Vielleicht habe ich mich sogar verlieben wollen. Aus Rache. Ich habe mich jedenfalls gerne ansprechen lassen, auch wenn das Thema nicht sonderlich erbaulich gewesen ist. Herr Wieland stand vor mir in der Warteschlange und hat nach etlichen Seufzern begonnen, sich über die Bedienung zu beklagen. Wie umständlich und langsam sie sei, wie grässlich unprofessionell. Solches habe er noch nie erlebt. Wenn das so weitergehe, stünden wir noch morgen hier mit unsern Arztrezepten, hat er über die Schulter zu mir gemauschelt. Er brauche, Herrgott nochmal, nur einen Hustensirup, und dafür müsse er sage und schreibe über eine Viertelstunde anstehen. Nicht zu glauben. Ob ich das nicht auch unerhört fände?

«Nun ja, angenehm ist es nicht», habe ich entgegnet, «aber was kann man tun?»

Mit dieser Frage hat alles angefangen. Von Verbesserungsvorschlägen zur rascheren Abwicklung der Bedienung über die Wirksamkeit von Hustensirup ist er jäh zu Persönlicherem übergegangen, hat mir in einem Atemzug verraten, wie er heisse, was er arbeite, wo er wohne. Beim Hinausgehen hat er mir die Einkaufstasche abgenommen, mich ein Stück Weg den Hang hoch bis zum Pfarrhaus begleitet und von mir ebenfalls wissen wollen, wie ich heisse, was ich arbeite und wo ich wohne. Ich habe keinen Widerstand geleistet. Und unter dem knospenden Apfelbaum des Pfarrhausgartens, wo wir uns getrennt haben, habe ich sogar eingewilligt, mich anderntags in einem Café mit ihm zu treffen, und später milde aufgeregt geschehen lassen, dass er mich umwirbt, mit Blicken und Komplimenten, gelegentlich mit einem Blumenstrauss. Auf die altmodische Art ist er vorgegangen, aber ich glaube, gerade die hat gewirkt.

Ich bin nicht an Geschenke und Komplimente gewöhnt, mein Mann ist nicht so, er meint, die wahre Liebe bedürfe keiner materiellen Beweise, im Gegenteil, Geschenke seien nur ein Mittel, um den Mangel an Liebe zu kompensieren. Blumen sind trotzdem was Schönes, und so bin ich schon nach der dritten Begegnung weich geworden und nach der vierten verliebt gewesen. Aber ich bin nicht einmal sicher, ob verliebt das richtige Wort ist, es klingt zu mädchenhaft, zu idealistisch. Ich bin über das Alter des Schwärmens längst hinaus, sollte mit meinen neunundvierzig Jahren eigentlich zur Kategorie der Vernünftigen und emotional Gefestigten gehören, die niemand mehr aus der Bahn werfen kann, am wenigsten ein Versicherungsdirektor, der mit roten Rosen zu den Rendezvous kommt. Schmetterlinge im Bauch, das ist für Teenies, nicht für mittelalterliche Damen. Dachte ich. Doch wieder einmal will mich das Leben eines Besseren belehren.

Ich bin verunsichert, erkenne mich nicht wieder, staune, wie schnell ich mich in eine Situation hineinmanövriert habe, die vor wenigen Monaten noch undenkbar gewesen wäre. Ich und ein Seitensprung! Ein bisschen verliebt, das ginge noch, damit könnte ich einigermassen unbeschadet fertig werden, aber dieses plötzliche Verlangen, dieses überwältigende Erwachen meines Körpers nach Jahren brav in der Ehe ausgelebter Liebe? Was soll das? Wie umgehen mit diesem jähen, unkontrollierbaren Hunger nach Berührungen?

Seit Wochen plagt mich der Wunsch, nein, der fixe Vorsatz, wenigstens einmal im Leben nochmals mit einem andern Mann als Mischa zu schlafen. Mit Herrn Wieland meinetwegen, warum nicht? Seine antiquierte Galanterie gefällt mir, ich fühle mich in seiner Gegenwart aufgewertet, seit langem wieder einmal als Frau begehrt. Wem würde der Seitensprung schaden? Mir? Herrn Wieland? Sicher nicht. Und Mischa auch nicht, solange er nichts davon erfährt.

Wenn ich so vor mich hindenke, scheint mir, als wäre ich über Nacht wie Eva geworden, deren Affären mich zwar amüsieren, aber immer auch vor den Kopf stossen. Sie sind so klassisch, diese kurzen, schmerzlos abbrechbaren Beziehungen, so vorhersehbar. Wie kann man sich nur so vielfältig hingeben, bloss um wieder mal zu neuem Sex zu kommen, habe ich bis vor kurzem gedacht, und jetzt bin ich es, die an nichts anderes denkt, die nicht warten kann, mit einem fremden Mann ins Bett zu gehen. Seit Wochen plagt mich der Gedanke, er ist über mich gekommen wie eine Krankheit, ein Fieber. Ich komme nicht los davon, weiss nicht einmal, ob ich was dafür kann. Je mehr er mich bedrängt, desto fremder werde ich mir selbst.

Ich habe mit Eva am Telefon darüber gesprochen. Ob die Untreue erst im Bett anfange oder schon vorher, bei den Gedanken. Ich bin der Meinung gewesen, dass es einerlei sei; die Frage des Gewissens müsse jede für sich lösen; Hauptsache, man stehe zu diesem Schritt und bereue nachher nichts. Theoretisch ist das alles schön und gut gewesen, doch bald habe ich gemerkt, dass die moralische Frage der Untreue mich weit weniger beschäftigt als die Angst, nach zweiundzwanzig Ehejahren wegen eines Abenteuers mein Gleichgewicht zu verlieren. Stichwort ‹ein Abenteuer›, hat Eva nachgehakt: «Willst du es wirklich?» Und aus dieser Frage, die ich bedenkenlos bejaht habe, hat sich die andere, die logistische sozusagen, wie von selbst ergeben. Wo? Bei mir oder ihm zu Hause habe ich ausgeschlossen, unsere Wohnungen habe ich sofort für Tabuzonen erklärt. Blieb irgendeine Wiese am Waldrand, das Auto oder ein Hotel. Für Sex im Freien wäre ich zu haben gewesen, er aber nicht. Und Sex im Auto haben wir beide ausgeschlossen. Zu ordinär. Also ein Hotel. Aber kein Stundenhotel.

So haben wir nach einmonatigem Hin und Her konkret angefangen, ein Wochenende zu planen, an dem weder seine Frau noch mein Mann unsere Abwesenheiten bemerken würden. Es ist nicht einfach gewesen und hätte sich vielleicht auch nie durchführen lassen, wenn seine Frau nicht plötzlich Lust gehabt hätte, mit ihrer Schwester an einem einwöchigen Töpferkurs in der Toskana teilzunehmen, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, an dem mein Mann für ein halbes Jahr nach Bangkok verreist ist. Wochen im Voraus habe ich gebangt, habe mit meiner Angst gekämpft, im entscheidenden Augenblick zu versagen. Ich habe mich immer wieder kalt und steif wie ein Stockfisch in seinen Armen liegen sehen, so schrecklich nüchtern, weil mir die Situation absurd vorkommen würde. Oder habe befürchtet, dass ich schon vorher, beim geringsten Misston zwischen uns, weglaufen könnte.

Und wie fühle ich mich nun, unmittelbar vor unserem zeitlich sorgfältig geplanten Liebesakt? Bin ich aufgeregt? Erregt? Liebestoll oder schier krank vor Reue? Nichts von alledem fühle ich, rein gar nichts. Alles ist mit einem Mal so unwirklich geworden. So anders als in meiner Vorstellung.

Ich setze mich aufs Bett, ziehe den Sommerrock hoch und betrachte meine tags zuvor rasierten Beine. Schlanke Beine, das schon, aber trotzdem sind es Beine einer Neunundvierzigjährigen. Ein paar Äderchen an der Wade, die Ahnung einer Erschlaffung des Gewebes über dem Knie. Und die geschwollenen Füsse. Die vor allem. Ich kann meine Augen nicht davon lösen, sie erscheinen mir wie ein Hohn meines Liebestraumes.

Rasch ziehe ich mich aus und gehe ins Badezimmer. Neonlicht empfängt mich, eine erbarmungslose Helligkeit, die vom Spiegel herab ungesunde Schattenringe unter die Augen malt und jede Falte, jede Andeutung eines Krähenfusses ausleuchtet. Ich flüchte unter die Dusche und bekomme unter dem kalten Wasser meine wachsende Panik einigermassen wieder in den Griff. Aber eine innere Stimme redet weiter, während ich einen alten Bob-Dylan-Song summe, und diese Stimme nennt mich eine Idiotin, fragt mich, was ich mit solchen Mittelalterbeinen, mit solchen molligen Brüsten und einem Gesicht, auf dem der Alltagsmief festhockt, noch in Sachen Sex mitreden wolle. Wir reden von Sex, sagt die Stimme, nicht von Freundschaft, nicht von platonischer Liebe, nein, von Sex, verstehst du? Von Körpern, die sich suchen und aneinander reiben und schwitzen, wir reden von Augen, die jede Rundung, jede Spalte deines Körpers erforschen werden, von Sekreten und Haut. Viel Haut. Du wirst dich nicht verbergen, wirst nichts an dir beschönigen können. Er wird alles sehen, alles. Erwache, hau ab, bevor er dich aus den Kleidern schält und du die Enttäuschung aus seinem Gesicht herauslesen musst.

Ich haue nicht ab. Ich schmiere mich nach der Dusche mit Körpermilch ein (was ich zu Hause nie tue), stecke die Haare hoch, schminke und parfümiere mich und schlüpfe in die Unterwäsche, die ich am Vortag eigens für das Wochenende gekauft habe. Schwarze Spitzen, französische Marke. Und in meinem eleganten Hosenanzug aus Mailand gehe ich hinunter und finde mich genau nach der vereinbarten Viertelstunde im Restaurant ein.

Ich muss lange warten. Eine Ewigkeit. Mir scheint, dass ich heute nichts anderes getan habe, als auf Herrn Wieland zu warten. Ich werde ungeduldig. Vielleicht getraut er sich nach der Pause im Zimmer nicht mehr zu mir herunter oder es ist ihm übel geworden vor Aufregung oder er hat einen Herzinfarkt erlitten. Alles gibts auf dieser Welt, auch das Abwegigste, ich kann ja nicht wissen, was los ist mit ihm, wie ihm zumute ist, allein in seinem Zimmer. Während ich über Johannes’ Befindlichkeit rätsle, bekomme ich einen Bärenhunger. Hunger nach gebratenen Kartoffeln, nach Wild an Weinsauce und Pilzen, nach Geschnetzeltem, nach Sauerkraut und Weisswürsten, nach Knödeln, nach allem, was die Kellner an mir vorbei an andere Tische bringen. Ich bestelle mir schliesslich aus lauter Langeweile einen Aperitif, irgendein dunkles Getränk mit Eiswürfeln drin, zu dem einem eine Schale Oliven oder Chips serviert wird. Der Saal ist voll, es gibt Paare mittleren Alters, in der Ecke unter der Kuckucksuhr weisen Eltern ihre beiden Kinder zurecht, die quengeln, dass sie dieses und jenes nicht essen wollen, überhaupt lieber auf dem Kiesplatz spielen möchten, als hier herumzusitzen, und neben mir liest ein Herr die Süddeutsche Zeitung.

Ich trinke meinen Aperitif aus und esse alle Chips und will schon einen zweiten Aperitif bestellen, als Johannes endlich die Glastür des Restaurants aufstösst und mit betretener Miene mir gegenüber Platz nimmt.

«Ich habe dich warten lassen, entschuldige. Ich habe gerade mit meiner Frau telefoniert. Ein langes Gespräch.»

Er sieht nicht glücklich aus, auf seine Stirn haben sich Sorgenfalten gelegt, drei tiefe horizontale Furchen und eine, noch tiefer, vertikal zwischen die buschigen Brauen, aber ich will mich jetzt nicht zu sehr um seine Sorgen kümmern, sondern mich freuen, dass er endlich bei mir ist.

«Gehts?»

«Es muss.»

Ich verkneife mir die Frage, worüber er mit seiner Frau gesprochen hat. Es geht mich nichts an. Womöglich hat er eine Frage erwartet, doch seit wir uns kennen, bin ich der Ansicht gewesen, dass wir einander lieber keine Fragen über unsere Partner stellen, dass jeder selbst wissen muss, was und wie viel er preisgeben möchte.

Sofort fällt mir auf, dass er ein anderes Rasierwasser benutzt hat, er duftet sehr fein, noch feiner als im Auto, und was mich ebenfalls ganz für ihn einnimmt, ist, dass er auch die Krawatte gewechselt hat. Diese schimmert grünlich wie seine Augen und hat ein Muster von Golfschlägern eingewoben.

«Deine Krawatte gefällt mir.»

«Danke. Meine Frau hat sie mir zum Geburtstag geschenkt. – Tja, dann wollen wir doch mal die Karte anschauen, nicht?»

Plötzlich klingelt ein Handy. Welches, wo? Verschiedene fragende Blicke kreuzen sich in unserem Umkreis. Es ist seines, die ersten Klänge der Fünften von Beethoven, sehr laut. Ich schnelle vor Schreck fast vom Stuhl hoch, er aber scheint mit einem Anruf gerechnet zu haben, denn er fischt das klingelnde Ding gelassen aus der Westentasche und haucht, während er mich augenzwinkernd beschwichtigt, ein leises Hallo hinein.

«Maus, aber ... Ja, Maus, natürlich ... Sicher fehlst du mir. Du fehlst mir immer ...Wie? Nein, ich habe das Telefon nicht gehört, ich war gerade im Badezimmer. Ja, die Terrine habe ich im Kühlschrank gefunden, sie war nicht neben der Mayonnaisetube, nein, Maus, garantiert nicht, sie war hinter dem Gruyère und zwei Joghurts, ganz hinten rechts. Ja, hinter dem Himbeer- und dem Vanillejoghurt ... Warum sollte ich dich denn anlügen? ... Ja, ich esse auch die Joghurts. Ja, eines heute Abend und das andere zum Frühstück. Versprochen ... Also tschüss, tschüss, Maus, tschüss. Bis bald .... bis überüberübermorgen.»

Dann lässt er den Apparat wieder in die Westentasche gleiten und betrachtet mich, als käme er eben von einer langen Reise zurück und wüsste nicht mehr genau, wer ich bin.

«Alles okay?»

«Ja, ja. Meine Frau ist eben etwas ... anhänglich. Nicht argwöhnisch, aber unsicher. Ja, unsicher ist das richtige Wort. Sie braucht meinen Zuspruch, sonst beginnt sie an sich und an der Welt zu zweifeln. Das kannst du als Frau bestimmt gut verstehen.»

«Nein, eigentlich nicht.»

Ich sage ihm nicht, dass ich das Gespräch furchtbar albern gefunden habe, und beginne mich zu sorgen, ob ich diesen Mann nicht überschätzt habe. Bei früheren Begegnungen hat er entweder sein Handy nicht dabeigehabt, oder seine Frau ist gerade in einer Phase stärkeren Selbstwertgefühls gewesen; jedenfalls sind wir während unserer Stelldicheins nie unterbrochen worden.

Wir schlagen schliesslich beide die riesige Menükarte auf und verstecken unsere Köpfe dahinter. Eine gute Weile sind wir mit Lesen beschäftigt, und während der Lektüre geht mir die Frage durch den Kopf, ob ich wohl zu einer solchen telefonischen Bravourlüge fähig wäre. Ich kann es mir nicht vorstellen. Meinem Mann das Blaue vom Himmel herunterzulügen, während ich mit einem andern Mann am Tisch sitze, einem Mann, in den ich verliebt bin und mit dem ich ihn in den nächsten Stunden kaltblütig betrügen werde, nein, dafür halte ich mich während der Lektüre der verschiedenen Menügänge nicht für fähig. Und es stimmt mich immer bedenklicher, dass der Mann, der mir gegenübersitzt, dieser sanfte Herr Wieland, so hemmungslos und buchstäblich ohne mit der Wimper zu zucken lügen kann.

Es gibt das Übliche zu essen: Wild mit Spätzli oder Nudeln, Ente und Rotkraut, Kalbshaxen mit Eierschwämmen und alle möglichen Rindsstücke, vom Entrecote übers Tournedos bis zum Contrefilet. Auch Fisch. Alles sehr teuer, wenn man die Vorspeisen mit einrechnet.

«Ach, weisst du was, Sarah, wähl doch für beide aus. Ich bin nicht so erpicht, eine Wahl zu treffen. Ich esse gerne, was du isst.»

So bestelle ich für beide Wild und zur Vorspeise einen Salat mit lauwarmen Entenstückchen an einer Aceto-Balsamico-Sauce. Eigentlich hätte ich lieber eine Terrine bestellt, doch ich wollte ihn nicht verägern, er schien schon angespannt genug.

«Sehr gut, du hättest keine bessere Wahl treffen können. Dazu passt meines Erachtens ein Bordeaux, was meinst du?»

«Ja, genau.»

Er hätte auch sagen können, dass Karkadentee am besten dazu passen würde, ich hätte immer noch gesagt: «Ja, genau.»

In Sachen Wein kenne ich mich überhaupt nicht aus, obwohl meine Mutter ursprünglich aus einem burgundischen Weindorf stammte.

«Nun. Ich schlage vor, dass wir uns unser ganzes Leben erzählen. Es ist schon lange fällig, obwohl Geheimnisse auch ihren speziellen Reiz haben, nicht wahr?»

Auch dazu kann ich vorbehaltlos ja sagen.

«Also, ich heisse Johannes Wilhelm und bin in Sarnen in einer Klosterschule aufgewachsen ...»

«Echt?»

Die Frage rutscht mir spontan heraus, und dann lache ich leider. Nicht lächeln, nicht einfach nur kurz glucksen, nein, ein schallendes Lachen kommt aus mir heraus, so laut, dass sich die Nachbarn nach uns umdrehen. Johannes Wilhelm starrt pikiert aufs Tischtuch und zischt zu mir herüber:

«Was gibt es da zu lachen?»

In diesem Augenblick kommt der Kellner mit der Weinflasche. Er entkorkt den Bordeaux vor uns und schenkt Johannes einen Tropfen zum Probieren ein.

«Ich heisse Sarah.»

«Auf uns. Aber auch auf deinen Mann und meine Frau.»

«Den letzten Satz finde ich unter diesen Umständen unangebracht. Ich möchte lieber nur auf uns anstossen.»

Johannes wird zunehmend schweigsam. Ich vermute, dass es mit dem Telefongespräch zu tun hat. Vielleicht wittert seine Frau etwas, womöglich hat er jetzt ein schlechtes Gewissen und weiss nicht, wie er es mir beibringen soll. Ich wage einen zaghaften Vorstoss:

«Du hast ein Problem, nicht wahr? Ich sehe dir an, dass etwas nicht stimmt. Ich wäre dir dankbar, wenn du darüber sprechen würdest, wir sitzen schliesslich beide im gleichen Boot.»

Er bringt nur ein gequältes Lächeln zustande und lehnt sich dankbar zurück, als der Kellner ihm die Vorspeise vorsetzt.

«Sieht fabelhaft aus, nicht wahr?»

Müsste ich ihn nur nicht wieder essen sehen. Er isst immer noch genauso umständlich und langsam wie damals in seinem Lieblingsrestaurant. Jedes Salatblättchen faltet er mithilfe von Gabel und Messer sorgfältig zusammen, bevor er es aufspiesst, eine Runde in der Sauce wendet, am Tellerrand abtropft und endlich im Zeitlupentempo an den Mund führt. Und erst die Entenstückchen! Die dreht er einzeln nach allen Seiten und schneidet sie langsam, so unendlich langsam, in winzige Portionen, ordnet sie zu einer Art Mosaik am Tellerrand an, bevor er sich die erste zwischen die Zähne schiebt. Es ist nicht zum Zuschauen. Muss ich auch nicht lange, denn das Handy klingelt wieder, und er sagt wieder «Hallo» und dann «Maus, Liebes, ja, schlaf gut ...» und so weiter.