Vesals Vermächtnis - Alexandra Lavizzari - E-Book

Vesals Vermächtnis E-Book

Alexandra Lavizzari

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Beschreibung

Der letzte Brief des Anatomen Historischer Roman aus der Zeit kurz nach dem Tod des ‹Vaters der modernen Anatomie› Andreas Vesalius Eine abenteuerliche Flucht vor dem Hintergrund der grossen kulturellen und religiösen Themen der Renaissance Die Epoche umwälzender Entdeckungen aus der Perspektive eines venezianischen Goldschmieds Ist es Zufall oder Vorsehung, dass der venezianische Goldschmied Girolamo Mazzi am 15. Oktober des Jahres 1564 in Zakynthos während eines Spaziergangs auf einen sterbenden Unbekannten stösst und Zeuge seiner letzten Worte wird? Die Frage sollte Mazzi lange beschäftigen und die Begegnung am Strand, die nicht mehr als ein paar Sekunden dauert, ungeahnte Veränderungen in seinem Leben herbeiführen. Mazzi eignet sich die Mappe des Toten an und findet darin einen Brief, den er zwar nicht richtig entziffern kann, aber von dem er sich doch Ruhm und Geld erhofft. Es kommt jedoch anders; das Vermächtnis des Toten wird den Goldschmied von einer Katastrophe in die nächste führen, ihn zum Mörder machen und durch ganz Norditalien über den Gotthardpass bis nach Basel jagen. Ausgehend von der historischen Tatsache, dass der sogenannte ‹Vater der modernen Anatomie› Andreas Vesalius an jenem Oktobertag auf der griechischen Insel den Tod fand und ein venezianischer Goldschmied ihn dort begrub, entwickelt Alexandra Lavizzari in ihrem Roman ‹Vesals Vermächtnis› eine fiktive Biographie, in der die grossen kulturellen und religiösen Themen der Renaissance anklingen. Vesals Tod bildet dabei den roten Faden, der sich durch den Roman zieht und Mazzi wie einen Schatten begleitet. Als auch Maler, Botaniker und Buchdrucker, die als Nebenfiguren Mazzis Fluchtweg säumen, Kunde von Vesals Vermächtnis erhalten, beginnt über halb Europa ausgedehnt ein gleichsam symphonisches Erinnern an den berühmten flämischen Wissenschaftler.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Alexandra Lavizzari

Vesals Vermächtnis

1. Auflage 2015

Alle Rechte vorbehalten

 

© 2015 Zytglogge Verlag, Basel

Umschlagbild: Melanie Beugger unter Verwendung eines Gemäldes von Alexandra Lavizzari

Lektorat: Satu Binggeli

E-Book: Schwabe AG, www.schwabe.ch

ISBN: 978-3-7296-0896-2

eISBN (ePUB): 978-3-7296-2042-1

eISBN (mobi): 978-3-7296-2043-8

 

[email protected]

www.zytglogge.ch

Alexandra Lavizzari

Vesals

Zante

Er lebte noch, wenn auch kaum, als die Galeere am Morgen des fünfzehnten Oktobers 1564 in die Bucht von Porto Peloso einlief.

Nach Zypern hatte das Meer angefangen zu toben, Inselbrocken waren in den Himmel geschaukelt und die Möwen zu Fischen geworden, deren Flossenschläge im schäumenden Gewölk ihn über Tage verwirrt hatten bis fast zur Bewusstlosigkeit. Die Galeere, seit Jaffa seine Welt, war über Nacht ins Wanken geraten, und der Boden, den er im Leben immer nur fest und unverrückbar unter den Füßen gespürt hatte, ihm plötzlich so flüssig vorgekommen wie das Meer selbst, nie still.

Er hatte Angst gehabt. Angst, dass alles, was er war, sein Leib, seine Seele, sein Wissen, dem Wasser anheimfallen und sich darin auflösen würde. An Tau und Reling hatte er sich festgekrallt, um nicht über Bord zu fliegen, und die Augen dabei aufgerissen, damit der Schlaf ihn nicht zum Spielzeug der Winde und Wellen mache. Er hatte gebetet.

Und zwischen einem Brechreiz und dem folgenden mitangesehen, wie die Besatzung die dahingesiechten Pilger, seine Weggefährten, ohne viel Federlesens in die aufgebrachte See gekippt hatte. Der Kapitän hatte keine Gnade gekannt; wer nicht mehr atmete, den sollten die Haie haben, noch warm, bevor die Seuche um sich griff. Die Körper hatten eine Weile auf dem Wasser geschwebt, mit ausgebreiteten Armen, an denen die Kleider flatterten, als wären sie Segel. Dann waren sie gegen den Schiffsrumpf geklatscht und strudelnd in die Tiefe gesunken, das Meer hatte weiter getobt, und noch immer war kein Land in Sicht gewesen, nur hier und dort, verstreut, ein Fels.

Gefleht hatte er, auch das. Wie ein Bettler war er von Matrose zu Matrose getaumelt und hatte mit seinen Ängsten hausiert. Sollte er wie Luca Stefaneschi oder Sandro Fava dem Fieber erliegen, wolle er nicht wie sie enden, auf keinen Fall. Er sei kein Mann der Meere, hatte er gestammelt, man möge ihn am nächsten Strand zurücklassen, in Chania oder Kythira, wo auch immer, der Ort spiele keine Rolle. Es war ihm ernst gewesen: lieber an der Sonne vertrocknen als im Bauch eines Fisches ersticken, in einer Nacht voller Säfte, zermalmtem Grät und Salz. Die Matrosen hatten gelacht, ansonsten nichts gesagt, und er hatte lange nicht begreifen wollen, dass postum einzulösende Versprechen ihren Preis haben. Zwei Dukaten hatten die Kerle ihm schließlich abgeknöpft, das hatte seinen Trotz geschürt. An Bord war er jedenfalls nicht gestorben.

Unter eiternden Lidern nahm er beim Erwachen etwas Blaues wahr, das weder schwankte noch schäumte, sowie hinter dem sandigen Halbmond das Grün von Ried und Marsch: Land! War er gerettet? Er wagte es erst zu denken, als die Anker fielen und das Schiff mit der Straffung der Ketten zum Stillstand kam.

***

Oktober – ein milder Monat auf Zante. Die panischen Mittagsstunden hatten ausgeglüht, vom Meer strichen Brisen über die Insel und mischten noch einmal den Duft von Lorbeer und Piniennadeln auf, bevor der Sommer mit dem letzten Gezirp der Zikaden der Zeit weichen würde, in der in Hainen und Tälern die Oliven von den Bäumen geschlagen wurden. Manche Bewohner meinten, Oktober sei der beste Monat auf der Insel, der erträglichste.

Trotzdem hatte sich Girolamo Mazzi eben in diesen Tagen zum Entschluss durchgerungen, Zante zu verlassen und die Rückkehr nach Venedig zu wagen. Die Geschäfte liefen schlecht; er hatte zu wenig Kunden auf diesem venezianischen Hinterposten, und entlang den Küsten lauerten zu viele Piraten, dalmatische, türkische, sizilianische, die die Schiffe abfingen, auf deren Fracht von Gold und Gemmen er zum Arbeiten angewiesen war.

Am dreizehnten Oktober hatte Mazzi seinen letzten Korund in eine Brosche gefasst, am vierzehnten die Schlüssel der Werkstatt seinem Lehrling übergeben und am fünfzehnten in der Früh sich nochmals aufgemacht nach Skopos. Seit seiner Ankunft vor zwei Jahren hatte er den Berg oft erklommen, allein oder seltener, mit etwas Glück, in Begleitung eines jungen Bauern: Demetrio, Vlasos, Giannis oder wie sie alle geheißen hatten, austauschbare sonnenverbrannte Jünglinge bis auf einen, dessen Haut so weiß und samten gewesen war wie die Perlen, die er für reiche Kundinnen fädelte.

An diesem fünfzehnten Oktober war Mazzi allein unterwegs. Das Wissen, Zante in wenigen Tagen auf immer den Rücken zu kehren, stimmte ihn schwermütig. Alles, was er Dutzende Male gesehen und kaum beachtet hatte auf diesem Pfad, Stein und Baum, selbst die raschelnde Flucht von Echsen, mahnte ihn an den Abschied, der ihm bevorstand. Er betrachtete die aufgeschossenen Disteln am Wegrand und erkannte zum ersten Mal Schönheit, wo er früher nur abschreckendes Gewucher gesehen hatte. Auch die Farbe des Meeres schien ihm von leuchtenderem, lebendigerem Marin als jenes, das er bald an die Riva degli Schiavoni würde schwappen sehen. Er würde es vermissen, dieses ionische Blau, und er wusste auch schon, dass er es später vergeblich in den erstarrten Tiefen der Saphire suchen würde.

Mazzi stieg ohne Hast, andächtig wie auf einer Pilgerreise. Nach Agrissi gab es Stationen, an denen er seine Schritte verlangsamte. Vor dem Mauerstück des verlotterten Hofes, hinter dem er Giannis verführt hatte, machte er sogar Halt und versuchte sich zu erinnern, ob er in seinen mageren Armen glücklich gewesen war.

Weiter oben, beim Baumstrunk, war es Evros, an den er denken musste. Der arme Junge, ein Bub noch, hatte sich an dieser Stelle einmal zu Boden geworfen und gedroht, vom nächsten Felsen zu springen. Wie ein kleines Kind hatte er geschluchzt, haltlos, mit zuckenden Schultern und das Gesicht am Schluss ganz rot und aufgedunsen. Die Mutter mochte sich über die feine Kette an seinem Hals gewundert haben, es sei denn, er habe ihr, des Lügens müde, seine Liebe zum venezianischen Goldschmied aus freien Stücken gebeichtet; genau erinnerte sich Mazzi nicht mehr, es war ihm damals auch ziemlich gleichgültig gewesen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er das Auge ohnehin schon auf einen andern geworfen. Evros’ Tränen hatten ihn jedoch gerührt. Er hatte vergessen, dass man aus Liebe weinen kann. Hilflos hatte er neben dem Jungen gestanden und gewartet, dass er sich ausheule. Ein Vogel hatte auf Augenhöhe über dem Meer Spiralen geflogen, diesen hatte er verfolgt, bis er nach einem Sturzflug hinter den Felsen verschwunden war. Im Nachhinein befremdete es Mazzi, dass das Glitzern des Fisches, den der Vogel in Sekundenschnelle aus den Wellen gehoben hatte, sich lebhafter in seine Erinnerung eingeschrieben hatte als der lange, traurige Sommertag mit Evros.

Als Mazzi schließlich den Gipfel erreichte, war es spät; Mittag, das Licht fahl und die Aussicht nicht die farbliche Augenweide, die er sich erhofft hatte. Kap Kyllini flimmerte am Horizont, aber es mochte auch nur Dunst sein. Mazzi, den die Filigranarbeit mit den Jahren kurzsichtig gemacht hatte, blickte mit zusammengekniffenen Augen in die Weite und sah doch nur einen hauchdünnen Strich zwischen Wasser und Himmel, mehr eine Schliere, von der er nicht einmal sicher war, ob es sie wirklich gab.

Die Bucht von Porto Peloso aber, die zu seinen Füssen lag, wenn er sich um hundertachtzig Grad drehte, die gab es, er sah sie deutlich, eine weite, zwischen zwei Küstenfelsen gefasste Wölbung; Strand soweit das Auge reichte, und weit und breit kein Mensch, nur mitten im Sand, der ihn blendete, ein Stück Treibholz. Mazzi fand es nach genauerem Hinsehen indessen so groß und so seltsam gewinkelt, dass er, statt über denselben Weg wieder nach Agrissi zurückzukehren, die westliche Flanke von Skopos zur Bucht hinunterstieg. Am Fuß des Berges angelangt, war er sich über das Strandgut im Klaren und beschleunigte seine Schritte.

Der Mann musste schon längere Zeit an der Sonne gelegen haben, denn seine Kleider, schwarz bis auf die Halskrause und von feinstem Damast, waren vollkommen trocken. Er hielt den linken Arm schützend über die Augen, während der rechte eine Ledertasche umfasste. Ein Levantiner, dachte Mazzi, jedenfalls kein Hiesiger. Niemand auf der Insel trägt solche ausgefallenen Schnallenschuhe, niemand ein derart weit geschnittenes Wams.

Mazzi ging in die Hocke, um sich zu vergewissern, dass der Fremde noch atmete. Der Brustkorb bewegte sich nicht, aber aus den Lippen, die voll und aufgesprungen wie eine reife Frucht aus dem Krausbart hervorleuchteten, entwich ein leises Pfeifen.

Die Spuren im Sand, Fußabdrücke, die Mazzi bis zum Meeressaum zurückverfolgte, schienen darauf hinzudeuten, dass der Fremde von einem Schiff aus an Land gegangen war. Aber von welchem? Und warum war es nicht in den Hafen von Zante, sondern hier, mitten in die Bucht eingelaufen? Zum zweiten Mal an diesem Tag durchforschte Mazzis Blick das Meer, als könnte es ihm eine Antwort liefern. Er fand keine.

Also begann er seine Fragen an den Gestrandeten selbst zu richten. Er sprach auf Italienisch, mit dem typischen, säuselnden Akzent seiner Heimatstadt; etwas anderes hatte er nicht gelernt. «Ehi, amico, hörst du mich? Was ist mit dir? Wer bist du?»

Der Mann wollte sprechen, brachte aber nur einen gurgelnden Laut heraus. ‹Nichts› meinte Mazzi zu verstehen, als er das Ohr dicht an seinen Mund hielt, dann ‹Lehrer› und schließlich – auch das hielt er für möglich – ‹immens›. Auf Italienisch klangen sie ähnlich, diese Wörter, und keines machte Sinn.

Mazzi wiederholte seine Fragen; zweimal, dreimal nacheinander fragte er nach seinem Namen. Einen Namen, mehr brauche er nicht.

Doch aus dem Mund, den Mazzi inzwischen wie ein Orakel anstarrte, angst- und hoffnungsvoll, kam nichts mehr, kein Wort, kein Geröchel, kein Wimmern, gar nichts. Sekunden verstrichen, in denen Mazzi nur die plätschernden Wellen hörte und aus dem Tal das Aneinanderreiben spröder Riedhalme, durch die der Nachmittagswind blies. Er hörte die Geräusche überdeutlich, als würden sie in ihm selbst erzeugt, während rund um ihn die Welt in ein schweres, lähmendes Schweigen versank.

Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte angespannte Ewigkeit; Mazzi, dem das Grauen der letzten Pestseuche auf der Insel noch in den Knochen saß, wusste nur zu gut, was sie bedeutete. Als er seinen Trinkbeutel über den Armseligen hielt und sah, wie das Wasser sich in den Mundwinkeln sammelte und ungetrunken über Kinn und Krause in den Sand rann, entfuhr ihm bei der Bekreuzigung ein leiser Fluch.

Sein erster Gedanke, nachdem er sich wieder gefasst hatte, war: Nichts wie abhauen, nie dagewesen sein. Der Wind würde seine Spuren verwischen, und er selbst auf dem Rückweg nach Zante, die Nächte waren zum Glück noch lau, irgendwo unter freiem Himmel übernachten, möglichst weit von der Bucht entfernt. Wer würde dann je erfahren, dass er den Toten gesehen hatte?

Doch Mazzi zögerte. Er glaubte an die Macht des Schicksals und nicht an die Unverbindlichkeit des Zufalls. Es war Donnerstag, Jupiter regierte diesen Tag, und die Stunde, im Zeichen des Planeten Mars, vielleicht schon der Sonne, war für große, mutige Taten günstig. Abhauen zählte nicht zu ihnen. Außerdem hatte der Fremde gesprochen. Ein einziges Wort hatte er gesagt, eines, das vielleicht nicht einmal ihm gegolten hatte, aber es war ausgestoßen worden, und dies hatte genügt, um eine Verbindung zu ihm herzustellen.

Tatsächlich fühlte Mazzi, ohne dass ihm ganz wohl dabei war, dass sein Schicksal sich an diesem Nachmittag mit jenem des Unbekannten verknüpft hatte und er ihm nun etwas schuldete. Abhauen war keine Lösung; vor der Erinnerung an das letzte Wort eines Sterbenden konnte er ohnehin nicht flüchten. Es hallte in ihm nach, bald diese, bald jene Bedeutung annehmend, und wie auch immer Mazzi versuchte, es sich aus dem Kopf zu schlagen, indem er etwa den Sonnenstand prüfte oder die Bucht nach Zeichen einer menschlichen Gegenwart absuchte, es kehrte zurück, war da in der Klarheit seines Klanges: ein Geheimnis. Genau wie der Tote selbst.

Vorsichtig schob Mazzi dessen Arm zur Seite und entdeckte darunter ein wohlgefälliges Gesicht. Das Kinn markant unter dem schwarzen Bart; die Nase von scharfer Kontur und gegen die Nasenflügel zu fleischig wie der Mund, der, halboffen, den Blick auf kleine spitze Zähne gewährte.

Aber dann – was für Augen in diesem Gesicht! Groß und tiefbraun stachen sie aus ihren eitrigen Höhlen heraus und entbehrten doch jeglicher Spur von Wärme. Der Tod war es nicht, der sie ihnen entzogen hatte, die Iris funkelte, von der einsetzenden Verschleierung noch kaum gedämpft. Etwas anderes war hier im Spiel, das den Widerspruch von Temperatur und Farbe erzeugte, etwas Unbequemes, das Mazzi im Wesen des Toten selbst vermutete. Er hätte schwören können, dass dieser Mensch die Welt auch lebend mit derselben kalten Entrücktheit betrachtet hatte, mit der er ihm nun entgegenstarrte.

Mazzi schaute weg und überlegte, was er mit dem Leichnam tun sollte. Begraben, ja, aber ohne Hilfe? Und vor allem: Ohne Belohnung? Als Goldschmied war ihm auf den ersten Blick aufgefallen, dass der Tote weder Ring noch Kette an sich trug. Nicht einmal einen Goldknopf fand er, und die Ledertasche enttäuschte ihn ebenso; außer einem Bündel Schriften enthielt sie, eingenäht ins Futteral, bloß die lächerliche Summe von zweiundzwanzig Dukaten. Mazzi hatte keine Skrupel; nachdem er dem Toten die Arme über der Brust gekreuzt und die Augen geschlossen hatte, steckte er das Geld ein und machte sich auf die Suche nach einer guten Seele, die ihm bei der Bestattung helfen würde.

Weit hinten im Tal, wo der Boden wieder gegen eine Hügelkette zu anstieg und die Marsch in karges, von Ziegen abgegrastes Wiesenland mündete, fand Mazzi eine Hütte. Zwei Bauern, Brüder oder gar Zwillinge, saßen auf einer Bank neben der Tür, ihnen zu Füssen ein leerer Korb.

Kräftige Burschen, stellte Mazzi fest und trug ihnen sogleich in einfachstem Griechisch sein Anliegen vor, hin und wieder mit Gesten ergänzend, was ihm in Worten zu wenig Gewicht zu haben schien: Ein Toter, Schaufeln, Aufschütten, ein Kreuz. «Man muss ihn begraben», sagte er zum Schluss in seiner Muttersprache, «es ist unsere christliche Pflicht.» Mazzi machte das passende Gesicht dazu und wies nach einer kurzen Pause mit der Hand Richtung Meer, bereit, kehrtzumachen und den beiden, die bis dahin geschwiegen hatten, vorauszugehen.

Die Männer machten jedoch keinerlei Anstalten, sich zu erheben; der eine wackelte nur immer mit dem Kopf und scharrte mit seinen Füßen in der Erde, der andere stierte trotzig am Besucher vorbei. Vielleicht sind die beiden tumb, dachte Mazzi, aber was macht das schon? Auch Tumbe können schaufeln. Er wollte nicht aufgeben; ereiferte sich, gestikulierte und redete so laut auf die beiden Männer ein, bis eine Alte aus der Hütte humpelte und sich zwischen ihn und die Männer stellte.

«Haben wir nicht schon genug Tote begraben während der Pest?», keifte sie ihn an. «Soll das große Verrecken wieder von vorn beginnen? Lass meine Söhne in Ruh und scher dich zum Teufel. Geh, kehr zu deinem Toten zurück und krepiere ihm nach. Die Pest bringst du mir aber nicht ins Haus. Verstanden?»

Mazzi staunte über die Heftigkeit ihrer Wut. Er musste die Furie beim Käsen unterbrochen haben; an ihren Händen klebte Käsebruch, Krümel von makellosem Weiß, die in der Luft herumflogen, als sie ihn fuchtelnd aus ihrem Grundstück zu vertreiben versuchte.

«Was wartest du? Los, mach, dass du wegkommst von hier, du Hund.»

Mazzi blieb nichts anderes übrig, als unter Flocken und Flüchen das Weite zu suchen. Der Umweg über ein Seitental brachte ihn zu andern Höfen, die meisten verlassen, von Feigenbäumen und Gestrüpp überwuchert oder halb abgebrannt. Wo er Hühner und Esel sah, schöpfte er Hoffnung, aber die Bauern begegneten ihm mit demselben Misstrauen wie die Alte; kaum sprach er vom Toten, wichen sie in weitem Halbkreis vor ihm zurück, als sei er selbst der Tote, oder sie scheuchten ihn mit ihren Stöcken weg. Des Redens leid, nahm er schließlich mit der Schaufel Vorlieb, die einer ihm aus Mitleid nachwarf, und kehrte bei Sonnenuntergang allein zum Strand zurück.

Wie groß und tief ein Grab ist im Vergleich zu ein paar Quadratmillimetern feinstem Goldblech! Mazzis Hände waren fürs Feilen, Treiben und Meißeln gemacht, nicht fürs Schaufeln. Er brauchte Stunden, um am Taleingang ein knietiefes Loch auszuheben, und weitere Stunden, bis dieses als würdige Ruhestätte mit geraden und einigermaßen parallelen Rändern vollendet war. Durch die Hitze eines langen Sommers hart geworden, bröselte der Schlick unter der Schaufel und rieselte von der Seite immer wieder in die Mulde zurück. Mazzi schwitzte und fluchte, nannte sich selbst einen Idioten, dass er, statt in seinem Bett zu schlafen, sich für einen Menschen abrackerte, der möglicherweise ein Verbrecher oder Mörder gewesen war. Nur wenn sein Blick von der Erde abschweifte und auf den armen Teufel fiel, der allein und unerkannt am Strand lag, wusste er für ein paar Sekunden wieder, warum er schaufelte.

Arcturus und Betelgeuse leuchteten am Himmel – Letzterer kein gutes Omen –, als Mazzi den Leichnam endlich ins Grab stieß und mit den ausgehobenen Erdbrocken zudeckte. Die Ledertasche beschloss er zu behalten, sie würde noch ein paar Jahre taugen.

In der Nacht bettete er den Kopf darauf, und als der Tag anbrach, schüttete er, kaum hatte er sich geräkelt und das letzte, inzwischen hart gewordene Stück Brot verzehrt, deren Inhalt vor sich im Sand aus. Er suchte Indizien, denn es widerstrebte ihm, nach Zante zurückzukehren, ohne zu wissen, wem er den letzten Dienst erwiesen hatte.

Quart und Folio flatterten aus der Tasche, teils handgeschrieben, teils gedruckt, darunter viele stockfleckig. Mazzi seufzte. Buchstaben waren nicht seine Welt. Des Lateinischen kaum kundig und überhaupt im Lesen wenig geübt, fand er allein schon das Überfliegen mühselig. Er stolperte über Begriffe wie ulna, spatula und patella und ärgerte sich, dass er sie nicht verstand. Dann wieder stachen ihm Ortsnamen ins Auge, die er zwar vage kannte, aber weder auf einer Landkarte hätte platzieren noch richtig aussprechen können.

Zunehmend ungeduldig, denn ihm schien, er habe schon mehr als genug für den Unbekannten getan, stopfte Mazzi die Papiere in die Tasche zurück, wusch sich Hände und Gesicht im Meer und suchte einen Rückweg, der ihm den Aufstieg auf den Berg ersparen würde.

Als er Stunden später die ersten Häuser von Agrissi zwischen den Olivenhainen erblickte, hatte Mazzi die Begegnung in der Bucht von Porto Peloso schon fast vergessen. Andere Sorgen plagten ihn: Ihm drohte in Venedig der Scheiterhaufen, das war schlimm genug; aber schlimmer fand er, dass er nach zwei Jahren von seinem Exil aus noch immer nicht in Erfahrung hatte bringen können, wer unter seinen Geliebten, Zuan oder Marco, ihn damals beim Rat der Zehn angezeigt hatte. Darüber grübelte Mazzi am Morgen des sechzehnten Oktobers 1564, unterwegs zum Hafen von Zante mit einer Tasche voll Papieren unterm Arm, über deren Besitzer er nichts wusste außer die Todesstunde.

Venedig

In den botteghini bei der Rialtobrücke begann das Gerücht umzugehen, Girolamo Mazzi sei zurück. Einige behaupteten, aus dem Totenreich, andere, aus dem Gefängnis, was ungefähr auf dasselbe, schwer zu glaubende Wunder hinauslief.

Ein Tuchhändler wollte den Goldschmied jedoch eines Abends tatsächlich beim Besteigen der Fähre auf dem Canal Grande beobachtet und später ein Kürschner ihn im Menschengewühl des Ghettos gestreift haben, jedes Mal in einen schwarzen Karnevalsmantel gehüllt und mit der Larve über den Augen; aber untrüglich er. Schließlich sichtete ihn auch seine Mutter am frühen Morgen des dreiundzwanzigsten Oktobers in der Nähe von San Zanipolo, eben in der calle, wo ihn die berüchtigten Signori della Notte zwei Jahre zuvor in einer buchstäblichen Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Bett gezerrt hatten, um ihn den Inquisitoren auszuliefern.

Bianca Felicin traute ihren Augen nicht. Zuerst schrieb sie die Vision eines Schattens, der wenige Schritte vor ihr aus dem Nichts ins dämmernde Herbstlicht trat, dem Nebelrest zu, der noch in den Gassen hing. Auch die Ausdünstungen der Kräuter in ihrem Korb machte sie für ihre verwirrten Sinne verantwortlich, rief aber doch auf gut Glück «Giò, Giò!», als der Schatten sich von ihr fortzubewegen begann, und wunderte sich kaum, dass ihre Rufe unerwidert in den Gassen hallten. Der Schatten, dünn, behände, lockte sie durch ein Mäander von campi, Stiegen und Brücken; immer wieder verlor sie ihn und erspähte ihn an unerwarteter Stelle wieder.

Eine ganze Weile trieb er dieses Versteckspiel mit ihr, bis sie sich mit einem Mal allein unter Ratten am Ufer des Rio dei Mendicanti fand, schweißgebadet und beschämt, einem Traumgebilde bis an den sumpfigen Rand der Stadt gefolgt zu sein. Je länger sie aber aufs Wasser starrte, das jetzt in der aufgehenden Sonne zu glitzern begann, als erwachte darin eine Brut winziger Fische zum Leben, desto sicherer wurde sie, dass die Vision sie nicht getrügt hatte; diesmal nicht. Deutlich hatte sie unter der Augenlarve das Profil ihres Sohnes erkannt, die auffallend gewölbte Stirn, die spitze Nase, und unverkennbar war doch seine Gangart, federnd wie die eines Jungen, obwohl er die Dreißig überschritten hatte. Ja, wenn die Mutter ihr eigenes Fleisch und Blut nicht erkennt, auch uneheliches, wer dann?

Dass dieses Kind, ihr einziges, sich damals in der Nacht seiner Verhaftung auf dem Weg zum Dogenpalast von den Signori jäh losgerissen und vor deren Augen kopfüber in den Kanal gesprungen war, hatte unter Bianca Felicins Nachbarn für Heiterkeit gesorgt. Man hatte den Goldschmied für diesen Streich bewundert, und sie, die Mutter, zu einem solch mutigen Sohn beglückwünscht.

Bianca aber hatte bei der Kunde sogleich ihr Trauerkleid aus der Truhe geholt. Nur zu gut kannte sie die Abscheu des Sohnes vor dem übel riechenden Wasser Venedigs, und noch vertrauter war ihr seine Angst, eine weibische fast, vor körperlichem Schmerz. Er musste gewusst haben, ihr Giò, dass der nächtliche Gang ins Verließ und die folgenden, über Tage sich hinschleppenden Befragungen bloß der Auftakt zur Tortur bedeutet hätten. Für einen, der nie schwimmen gelernt hatte, war der Sprung ins Wasser ein Akt der Verzweiflung gewesen und nicht des Mutes. Hatten ihr die Monate, die auf jene unselige Nacht gefolgt waren, nicht Recht gegeben? Wie bei einer Wunde war das Wasser des Kanals über dem Flüchtigen vernarbt, und das Strahlen in den Gesichtern der Nachbarn, als sie anfangs noch von seiner Heldentat sprachen, entsprechend schnell erloschen. Doch nun war sie es, die Mutter, die strahlte: Das Wasser hatte den Sohn nicht behalten.

In ihr Mietszimmer an der Calle del Paradiso zurückgekehrt, riss sich Bianca Felicin als erstes das schwarze Tuch vom Leib und schlüpfte in ein helleres Kattunkleid mit engem Mieder und einer Taille, deren Höhe vor noch nicht so langer Zeit Mode gewesen war. Sie war fülliger geworden in den letzten zwei Jahren, die Brüste quollen über, an den Oberarmen spannten die Ärmel, aber es störte sie nicht. Seit der letzte Galan sie wegen einer jungen Römerin sitzengelassen hatte, wollte sie niemandem mehr gefallen, nicht einmal sich selbst.

Das Tragen von Schwarzem hatte ihr behagt, weil sie ihren Körper darunter zum Verschwinden bringen konnte, all die Schrunden, Wulste und Runzeln und an den Beinen das Geäder, das ihre Haut umflocht wie die Kanäle Venedigs. Jetzt aber fürchtete sie, dass die Trauer um einen Lebenden Unglück bringen würde. Womöglich hatte ihr Sohn nur das Kleid gemieden und nicht sie; hatte in ihm den Tod erkannt, dem er, einmal entronnen, kein zweites Schnippchen würde schlagen können. Hätte ich Grau oder Braun getragen, wäre es vielleicht anders gekommen, überlegte sie, während sie das Mieder schnürte; aber noch ist nicht alles verloren. Venedig ist klein, jeder begegnet hier jedem, es ist nur eine Frage der Zeit – und dieser könnte, wer weiß, mit ein paar Münzen sogar nachgeholfen werden.

Die Hoffnung stimmte Bianca Felicin heiter. Summend schüttete sie die Kräuter, die sie in der Früh in den Lagunenfeldern gesammelt hatte, auf dem Tisch aus, säuberte sie und hing sie in Büscheln an einer Schnur zum Trocknen aus. Bei der Sache war sie nicht. Sie vergaß, die Luke zu schließen, während sie ihre Infusionen kochte, ließ die verdächtigen Aromen, den süßlichen der Valeriana und den herben des Johanniskrauts, in die calle hinausströmen, ohne zu bedenken, dass ihr diese Düfte eine Denunziation für Hexerei einbringen konnten, sollten sie in die falsche Nase geraten.

Und als vom Markusturm die Nona schlug und Fra Baldino anklopfte, begrüßte sie ihn auf dem Flur so laut und herzlich, dass der Geistliche sie unwirsch ins Zimmer zurückstieß und, die Larve noch über den Augen, hinter verriegelter Tür des Leichtsinns schalt.

«Bianca, cretina, wo bleibt dein Verstand? Wenn man mich hier findet, sind wir beide des Todes! Und um Himmels Willen schließe diese Luke! Weder sehen noch hören darf man mich hier.»

«Ach, ja, ich vergaß. Aber Fra Baldino, seid mir bitte nicht böse. Ich bin heute ganz durcheinander, denn etwas Wunderbares ist geschehen. Mein Sohn, mein Giò, ich habe … er …»

«Nun, was ist mit ihm?»

«Er lebt! Und zwar hier in Venedig, ich habe ihn heute Morgen mit eigenen Augen gesehen.»

Der Franziskaner griff achselzuckend zum nächsten Stuhl, nahm endlich die Larve ab und setzte sich gegenüber der Kräutermischerin an den Tisch.

«Ihr glaubt mir nicht. Aber ich schwöre es, ich habe Giò gesehen.»

«Schon gut, schon gut. Schwören brauchst du deswegen nicht. Doch verlieren wir keine Zeit. Deine Geschichte kannst du mir ein anderes Mal erzählen. Erledigen wir das Geschäft. – Da, nimm.» Mit diesen Worten zog Fra Baldino einen Stofffetzen unter der Kutte hervor, wickelte ihn behutsam auf und schob Bianca den Inhalt zu.

«Zwölf Hostien, wie ausgemacht. Sind sie auch gesegnet?»

«Klar, wie immer: Hoc est enim corpus meum. Soll ich die Formel vor dir nochmals wiederholen, damit du mir vertraust?»

Bianca wackelte sanft mit dem Kopf. «Nein, das ist nicht nötig, ich vertraue Euch. Wir kennen uns schließlich seit Jahren.»

Fra Baldino grinste: «Deine Vertrauensseligkeit ist rührend. Wird dir nie bange beim Gedanken, dass dein Ruf von meinen Segenssprüchen abhängt?»

«Nein, solange der Eure von meinem Schweigen abhängt, brauche ich nichts zu fürchten. Wir sitzen im selben Boot.»

«Aber mit dem Segen ist es anders. Ich kann immer behaupten, deine Kräuter seien zur falschen Zeit gepflückt worden oder deren Wirkstoffe durch zu lange Mazeration vernichtet worden. Wie könntest du nachweisen, dass ich dich betrüge?»

«Ihr betrügt mich nicht, denn meine Zaubertrunke haben noch nie versagt, oder fast nie.»

«Trotzdem solltest du dich vorsehen. Deinesgleichen lebt gefährlich. Die Inquisitoren sind wieder wie besessen hinter euch her.»

«Ich weiß. Der Papst ist mild, dafür nehmen die Dominikaner ihre Rolle umso ernster. Am Ende der calle haben sie letzte Woche die Deutsche geschnappt, und Isabella Zeno, die doch nur bei schwierigen Geburten half, soll unterwegs nach Ferrara sein, verbannt. Doch ich bin schlau. Ich werde weder im Gefängnis landen noch in die Verbannung geschickt werden. Und schon gar nicht unter den schadenfreudigen Blicken des popolino zu Tode lodern.»

«Sei dir deiner Sache nicht zu sicher. Wenn du die Luke, wie eben, offen lässt, wird bald jeder in der calle wissen, was du treibst.»

«Das Kochen von Kräutern ist an sich nicht gesetzwidrig. Ich kann mich herausreden, es wäre nicht das erste Mal. Ich brauche nur im Bett zu liegen und ein bisschen zu zittern, als schüttelte mich das Fieber, dann machen die feinen Gesetzeshüter sogleich kehrt. Wer will sich schon von einer armen herbera anstecken lassen?»

«Wie du meinst. Aber wenn es dir an den Kragen geht, komme ich als Nächster dran.»

«Man würde hier vergeblich nach Beweisen suchen. Ihr wisst doch: Sobald Ihr zur Tür hinaus seid, zermörsere ich die Hostien und mische sie unter die Kräuter. Das schwöre ich Euch auf dem Haupt meines wiedergefundenen Sohns!»

«Schon wieder schwörst du. Lass das und zahle mir lieber meinen Lohn.»

Fra Baldino verweilte nicht gern in Biancas Zimmer. Es roch nach Weiberschweiß und hin und wieder, wie heute, nach dem Weiberblut von den Lappen, die die Felicin über Nacht in einem Zuber voll Seifenbrühe einweichte. Weder der Geruch von Kräutern noch jener des Moders, den die Feuchtigkeit langer Winter an den Wänden abgelagert hatte, konnte sie überdecken. Sie hingen im Raum, diese Dünste, sie umhauchten ihn, und beim Gedanken, dass er sie sich atmend einverleibte, wusste er manchmal nicht, ob er sich ekeln oder Lust empfinden sollte. Das beunruhigte ihn.

Zurück in seiner Zelle betete er zum Herrn, er möge ihm die Kraft geben, den Bund mit der Kräutermischerin zu lösen. Dennoch ging er immer wieder hin, wie eine Fliege angezogen vom dunklen Mief dieses Zimmers und von den Geheimnissen ihrer Bewohnerin. Er sagte sich, es sei des Geldes wegen. Tatsächlich zählte ihm Bianca Felicin Liren in die Hand für Gaben, die ihn bloß die Lappalie einer Blasphemie kosteten. Gab es in der Lagune ein lukrativeres Geschäft als dieses? Eine großzügigere herbera als die Felicin, deren Kräuterschrank, so ahnte er, nicht nur harmlose Theriaka, sondern auch Belladonna, Stechapfel und Wolfsmilch barg?

Was sie damit trieb, wollte er nicht wissen. Auch was sie unter der Wäsche neben Goldmünzen und Wechselbriefen noch alles in ihrer Truhe hortete, verbat er sich zu erfahren. Ohnehin wusste er genug über die kuriosen Gegenstände, die er bisweilen darin erspähte. Er konnte sich denken, wozu Haarnadeln und Wachs dienten, wozu Spiegelsplitter und Schnürchen. Schließlich waren die Sünderinnen, denen er im Beichtstuhl sein Ohr lieh, dieselben, die vorher zu Frauen wie Bianca Felicin gelaufen waren. Ob Liebe oder Leibesfrucht: Alles verrieten die Damen ihm, und schluchzten nicht selten dabei, dass sie die eine oder andere erzwungen oder beseitigt hatten.

«Fra Baldino. Ich verdopple Euch heute den Lohn, wenn Ihr mir einen Gefallen tut. Es handelt sich um meinen Sohn.» Bianca Felicin hatte sich mit diesen Worten bereits über die Truhe gebeugt und begonnen, in ihren Röcken und Tüchern nach dem Geldbeutel zu wühlen.

«Giò, ach richtig. Du hast ihn heute früh gesehen, sagst du. Ich halte das aber kaum für möglich nach all der Zeit.»

«Und doch ist es so. Ich lege meine Hand ins Feuer, dass er es war.»

«Hast du mit ihm gesprochen?»

«Nein, das nicht. Ich bin ihm durch die calli gefolgt, aber dann, beim Rio dei Mendicanti, ist er mir irgendwie entschlüpft.»

«Das klingt ja ganz nach ihm. Dein Sohn war schon immer ein fliehender, unzuverlässiger Kerl.»

«Ihr seid zu streng, Fra Baldino. Giò ist bloß … anders, aber im Grunde eine gute Seele. Und als Goldschmied ist er immer sehr gefragt gewesen in der Stadt. Die Patrizier und Prälaten haben sich um seine Arbeiten regelrecht gerissen.»

«Trotzdem war dein Sohn ein Tunichtgut. Trieb sich nachts mit jungen Burschen bei den Warenlagern herum, so einer war er doch, gib’s zu.»

Bianca beliebte, den letzten Satz zu überhören, und schnürte schweigend den Geldbeutel auf. Er war prall, stellte der Franziskaner fest und beobachtete nun mit Genugtuung, wie die Kräutermischerin eine Münze nach der anderen herauszog und vor ihm aufschichtete. Je höher die Geldsäule wuchs, desto milder fühlte er sich gestimmt. Als Bianca den Beutel wieder zuschnürte und in der Truhe verschwinden ließ, war er nahe daran, seine Worte zurückzunehmen. «Na ja, diese Vorliebe für junge Burschen. Ich meine …»

«Fra Baldino, bitte. Ich will nichts darüber hören. Bloß wissen möchte ich, ob Ihr meinen Sohn für mich finden könnt. Ich glaube, Ihr kennt die richtigen Leute, habt wertvolle Beziehungen.»

«Oho, pass auf, was du sagst! Das könnte man ganz falsch auffassen. Das Rialto-Quartier ist nicht meine Welt. Ich verbitte mir solche Anspielungen.»

«Ja oder nein?» Die Frage klang schneidig, und Bianca, die Hand schon halbwegs ausgestreckt, schien bereit, die Belohnung beim geringstem Zögern des Geistlichen wieder einzusammeln.

«Ja, einverstanden, ich will’s versuchen. Aber versprechen kann ich nichts. Zur Karnevalszeit unterzutauchen ist ein Kinderspiel. Jeder trägt die Maske, nicht nur, wer was auf dem Kerbholz hat.»

***

An Bord der Providentia hatte Mazzi mit dem Gedanken gespielt, sich der Papiere des auf Zante verstorbenen Mannes zu entledigen. Vom Heck aus hatte er zusehen wollen, wie sie vor dem Hintergrund der gemächlich dahingleitenden Inseln Dalmatiens im Wind auseinanderstoben und eine Weile herumwirbelten, bevor sie sich aufs Wasser legten und die Schriftzüge auf immer darin zerflossen.

Das Endgültige seiner Geste bremste ihn im letzten Augenblick. Vielleicht, fiel ihm ein, würde die Welt an diesen Blättern etwas Wichtiges verlieren. Und wenn nicht die Welt, so doch ein paar Menschen, ein einzige Frau vielleicht, die nichts vom Tod ihres Gatten wusste und irgendwo seine Rückkehr ersehnte. Wie konnte er es wissen, ohne die Blätter zu prüfen? Durfte er, ein Unbeteiligter, deren Zerstörung verantworten, bloß weil er sich vom Geflatter über der Heckwelle eine kurze Augenweide erhoffte? Entschieden nicht.

Also stieg Mazzi wieder ins Unterdeck hinab und schaute sich, abseits der zusammengepferchten Passagiere, hinter Säcken von Gewürzen und Rohzucker versteckt, die Blätter genauer an. Dabei stieß er wieder auf die lateinischen Ausdrücke, die ihn am Strand von Porto Peloso so sehr entmutigt hatten, entdeckte diesmal jedoch auch anderes, nicht minder Befremdliches: Skizzen von ineinander verschlungenen Bändern, von Föten und verästelten Linien, und zuletzt, handgeschrieben auf Blättern kleineren Formats – einen Brief. Ganze elf Bogen zählte er, und der langen und schnörkelreichen Anrede zu glauben, handelte es sich beim Empfänger um keinen Geringeren als um Philipp II., Herzog von Mailand und König von Spanien, Kastilien und Aragon, von Neapel-Sizilien, den Niederlanden und der Franche-Comté.

Der spanische König, das bigotte Scheusal von Madrid! Potztausend! Mazzi entzifferte die Adelstitel ein zweites Mal, und ein drittes, aber es bestand kein Zweifel, er hatte richtig gelesen; was er in Händen hielt, war ein persönliches Schreiben an einen der mächtigsten Herrscher Europas, und der Verfasser, offenbar ein Flame, hatte mindestens so viel Wert auf seine Herkunft gelegt als auf seine Person: Die Bezeichnung «Bruxellensis» übertrumpfte mit der weitausholenden Schlaufe des Anfangsbuchstabens die eher bescheidene, aber gut lesbare Unterschrift.

Die Providentia hatte den Hafen von Ragusa vor wenigen Stunden verlassen, die Wetterverhältnisse versprachen ruhige Fahrt, und da aus Senj, das noch zu passieren war, seit Wochen keine Meldungen über Piratenüberfälle eingetroffen waren, steuerte man mit Zuversicht auf die kroatischen Gewässer zu.

Im Takt der Ruderschläge, die so dumpf im Schiffsbauch hallten, dass er sie fast mit den eigenen Herzschlägen hätte verwechseln können, spürte Mazzi wie das Blut in seinem Körper zu rasen anfing. Eine Weile konnte er weder denken noch sich regen, sondern immer nur auf den Namen des Monarchen starren, der entweder keine Ahnung von diesem Brief hatte, oder ihn im Gegenteil mit fieberhaftem Bangen erwartete. Womöglich hing sein Schicksal davon ab, sein Leben. Und damit das Schicksal Roms, Konstantinopels und der Serenissima, ja, ganz Europas.

Mazzi fluchte. Er witterte Staatsgeheimnisse, Hinweise auf ein Komplott, etwas Großes jedenfalls, das seine Vorstellung überstieg. Als geschulter Goldschmied, der den Preis von Edelsteinen aus der Kombination von Größe, Farbintensität, Schliff und Reinheit aufs Genaueste zu kalkulieren wusste, verstand er bald, dass sich auch aus dem Besitz eines Dokuments wie diesem Kapital schlagen ließ. Auf Geld war er nicht sonderlich erpicht. Abgesehen von seinen Liebschaften, für die er gern den einen oder andern Dukaten springen ließ, lebte er anspruchslos, und der Geiz des venezianischen Großen Rats war ohnehin stadtbekannt.

Wovon Mazzi jedoch zwei Tage vor Einlaufen der Providentia in den Hafen von Malamocco zu träumen wagte, war ein Tauschgeschäft: die Aufhebung der über ihn verhängten Gefängnisstrafe gegen den Brief. Mit etwas Geschick musste es gelingen.

Spät in der Nacht vom fünfundzwanzigsten Oktober legten die Zwangsarbeiter nach sieben ereignislosen Fahrtagen die Ruder nieder; Venedig, eben gerade in ihren halbjährigen Karnevalsrausch verfallen, schlief nicht. Schon von weitem hatte Mazzi Fackeln auf der Piazza San Marco leuchten sehen, und nun erreichte ihn vom Lidostrich die Musik verschiedener festini, Laute, Cello und Spinett, in die sich das Lachen der maskierten Tänzer mischte.

Selbst hatte er nie Zugang zu solchen Bällen gehabt, nie Passamezzo und Gaillarde getanzt, das war Privileg der Patrizier, aber wie oft waren Zuan und er in Karnevalsnächten unter hell erleuchteten Fenstern vorbeigeschlendert, und hatten, ihre Masken kurz lüftend, Küsse getauscht, während die Melodien auf sie herabrieselten wie die berühmten Krümel vom Tisch der Reichen.

An die erregende Flüchtigkeit dieser Küsse musste Mazzi denken, als er von Bord ging, und an das Glück, ein Wunder fast, dass er sich einst für die Dauer einer Saison die Gunst dieses kapriziösen Jungen hatte sichern können. Wo er jetzt wohl steckte, Zuan? In welchem Kostüm, Colombina oder Pulcinella, zog er durch die wilden Nächte, und mit wem? Aber vor allem: War er, oder war er nicht derjenige, der damals den fatalen Zettel ins Löwenmaul des Dogenpalastes gesteckt und damit die Inquisition auf ihn angesetzt hatte? Er – oder doch der andere, Marco?

Mazzi mochte sich nicht schon bei seiner Ankunft mit dieser Frage beschäftigen, es war ein Rätsel, über das er sich in Zante lange genug, und vergeblich, den Kopf zerbrochen hatte. Er fand aber Trost im Gedanken, dass er sich, wie Zuan, bis in den Frühling unerkannt in den calli würde bewegen können. Evviva il carnevale, jubilierte er innerlich, würde ihm dieser doch mehrere Monate Narrenfreiheit bescheren, Zeit im Überfluss, um das Rätsel der Verhaftungsnacht in aller Ruhe zu lösen und obendrein sein heikles Tauschgeschäft einzufädeln. Insofern hätte Mazzi für seine Rückkehr kein günstigeres Datum wählen können.

Über diese hatte er wohlweislich niemanden in Kenntnis gesetzt, weder Gesellen noch Liebhaber, und insbesondere die Mutter nicht, die ihn früher oder später verraten hätte, weil sie den Mund nicht halten konnte. Kaum vom Schiff gestiegen, ließ er sich von der Fähre für den Preis eines bagattino zur Riva degli Schiavoni übersetzen und von da zwängte er sich mit seinen Habseligkeiten zwischen Rüschen, Seide und Wogen schwarzer, todschwarzer Mäntel durch die calli von Castello, bis er in der Nähe der Schiffswerft eine locanda fand, die ihm frei von Wanzen schien.

Castello war sein Quartier; unter den Reedern und Kalfatern war er aufgewachsen, mit dem steten Sägen, Hämmern und Schweißen im Ohr hatte er am Rande der großen Baustelle als Knabe gefischt. Auch später, als er sich in der Ruga degli Oresi von Mastro Vincenzo das Einfassen von Edelsteinen, das Legieren und Tauschieren hatte beibringen lassen, hatte er sein Zimmer in Castello nicht aufgegeben.

Er atmete freier in Castello, die campi waren weit und die calli, statt sich, wie in Rialto, unentwirrbar zu verknäueln und zwischen San Marco und dem Canal Grande Schlupfwinkel für alle denkbaren Versuchungen zu bieten, strebten in schlichter Geradheit aufs Meer zu, wo die Stadt im Schilfsaum endete und die Sehnsucht nach dem Festland begann. In Castello fühlte Mazzi jedenfalls einen Frieden, der ihn vor sich selbst schützte; anderswo zu logieren, auch wenn die Mutter einen Katzensprung weit entfernt lebte, wäre ihm nicht eingefallen. Überdies nannte sich die locanda, für die er sich entschloss, Al settimo zelo, zum siebten Himmel. Wenn das kein Versprechen war!

Die locandiera, ein stämmiges, hochbusiges Weib, dem die Pocken das ansonsten liebliche Gesicht verwüstet hatten, knöpfte ihm zwei Liren für das Zimmer ab und drei soldi für einen Teller Polenta mit Schnecken. Mazzi protestierte nicht. Er nahm im hintersten Winkel der Stube Platz, bestellte vom Hauswein und ließ sich das nach Land und Lagune duftende Gericht schmecken. Mit niemandem tauschte er ein Wort, und vor den Zoten, die über die Tische flogen, stellte er sich taub, aus Angst, er müsse selbst welche zum Besten geben; er hätte sich seiner inzwischen verrohten Sprache geschämt.

Nach dem letzten Bissen verabschiedete er sich mit einem Handzeichen von den Zechern, stieg die Treppe hoch und fand am Ende einer verwinkelten Zimmerflucht seine Tür. «Das also wird bis auf weiteres mein Zuhause sein», überschaute er im Licht der Talgkerze den Raum. «Zwei Lire die Woche für eine Pritsche, einen Stuhl und einen Krug Wasser.» Er legte sein Bündel nieder, prüfte die Pritsche, beklopfte die Wände und stellte sicher, dass von außen niemand hochklettern konnte. Unter ihm schwappte Wasser gegen die Hausmauer, Wasser, das stank, so wie ganz Venedig stank: zum Himmel. Naserümpfend, aber beruhigt, schloss Mazzi das Fenster und warf sich auf die Pritsche.

Die Fäulnis, in der er groß geworden war, hatte er auf der von Meereswinden umwehten Insel Zante beinahe vergessen. Nun, da er ihr wieder ausgeliefert war, verfolgte sie ihn bis in den Traum. Schlafend stürzte er sich unter den Augen der Signori della Notte wieder in den Kanal, spürte das Wasser in seine Lungen fließen, wollte atmen und konnte nicht, und die Schreie am Ufer drangen leiser und leiser an seine Ohren, gedämpft bis zur jenseitigen Tonlosigkeit. Algen wickelten sich um seine Arme, als er zu rudern anfing, und Muschelsplitter ritzten ihm die Haut auf, aber vor allem war da diese Jauche, die ihn umhüllte und erstickte und im Kampf ums Überleben mit dem Vorgeschmack der eigenen Verwesung verhöhnte.

In diesem Wasser, in diesem Gestank wäre er damals um ein Haar ertrunken. Dass es ihm zwei Jahre später im hintersten Zimmer einer schummrigen locanda noch einmal so erging, schrieb Mazzi beim Erwachen dem Wein und der Schneckensauce zu; beide waren wohl, nach Jahren frugaler Bauernkost, zu üppig geflossen. Er fand sich starr vor Schreck auf der Pritsche liegend, im Magen ein mulmiges Gefühl und um sich das Dunkel, das stank: nicht anders, als hätte sich der Alptraum in die Wirklichkeit gerettet.

An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Tagsüber war es sogar schlimmer. Wie ein aufgetakeltes Weib mit Mundgeruch hauchte ihm Venedig bei jedem Schritt ihren faulen Atem ins Gesicht, und da er ihm nur hätte entkommen können, wenn er den seinen angehalten hätte, empfand er jeden Luftzug, den er in seine Lungen fließen ließ, als einen Akt unfreiwilliger und daher fast schon obszöner Intimität. Zum ersten Mal in seinem Leben ekelte ihm vor Venedig. In welchen sestiere er sich auch wagte, nachdem er sich Larve und tabarro gekauft und selbst sich wie eine Krähe unter den vielen schwarzen Gestalten bewegte, sie war da, die Fäulnis, sie klebte an ihm und belästigte ihn. Am liebsten hätte er sein Zimmer überhaupt nicht mehr verlassen. Der Hunger trieb ihn jedoch immer wieder außer Haus, sowie die Lust, inkognito in die botteghe und Spelunken zu spähen, in denen er früher verkehrt hatte.