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Meine Geschichte beginnt in San Francisco. Dort, wo ich war, um nach dem Tod meines Bruders und meines unmittelbar darauffolgenden Jobverlustes den nötigen Abstand zu gewinnen und um zu begreifen, was überhaupt alles geschehen war. Denn wenn man erfährt, dass der grosse Bruder - gemäss offiziellen Polizeiangaben - plötzlich an einer Lungenentzündung verstorben ist und man später - und nur dank des Auffindens eines Abschiedsbriefes - doch merkt, dass dieser Tod geplant und somit ein Suizid war, dann kann kaum in Worte gefasst werden, wie da die eigenen Gefühle sind. In San Francisco merkte ich jedoch schnell, dass ich, um das alles überhaupt ertragen und verarbeiten zu können, neben dem Schweren auch dringend einen positiven Ausgleich brauchte, und dies sowohl im richtigen Leben als auch in meinem Buch. Ich beschreibe deshalb in "11 Tage & mehr" auf der einen Seite die elf Tage vom Auffinden meines Bruders bis zu seiner Beerdigung und zum anderen - wie in einer separaten Geschichte -, wie meine Stationen seit San Francisco waren, was ich gelernt und worüber ich seither nachgedacht habe. Es gibt Trauer und Hoffnung, Einsamkeit und Dankbarkeit, Verzweiflung und Zuversicht, Freude und Schmerz, Angst und Urvertrauen.
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2018
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erzählt von elf Tagen aus meinem Leben und noch von ein bisschen mehr.
Ich beschreibe, wie es war, vom Tod meines Bruders zu erfahren, wie die elf Tage bis zu seiner Beerdigung verliefen, was ich tat und welche Gedanken ich hatte, um mit seinem Entscheid - diese Erde freiwillig zu verlassen - umgehen zu können.
Alle Handlungen und Abläufe sind genau so, wie ich sie in Erinnerung habe. Einfach so, wie ich sie empfunden habe und wie es für mich war.
Einzig alle Namen habe ich bewusst geändert.
Sandra, alias Sandra Finny
Mein Dank gilt ganz alleine meinem Bruder.
Mein Bruder, von dem ich so viel gelernt habe, der so unendlich wichtig für mich war und der so viele Menschen mit seiner einzigartigen Wesensart berührte.
Danke, dass ich DEINE kleine Schwester sein durfte und ich freue mich, DICH irgendwann wieder zu sehen.
Heute
Sam
1. März
3.März
Unsicher
Der perfekte Zeitpunkt
Lungenentzündung
Es macht Sinn
Grünpflanzen
Laptop
Ein Jahr später
Blog
Geniessen
Schritt Abstand
Krematorium
San Francisco meinte es gut mit mir – und ich meinte es gut mit San Francisco
Der Brief
Der Notfallseelsorger
San Francisco – Schweiz
-
Italien
Indonesien
Ein guter Freund
Meine liebe Familie
Fremde Kulturen, andere Länder
Comingout
Abschied
Einsam und arbeitslos
Arbeitslos
JAUH DI MATA, DEKAT DI HATI
6. März
Urvertrauen
Leiterspiel
Eine kleine Seele spricht mit Gott
Arbeiten und Kremation
Herr Pfarrer
Badnews
Zuhause bloggen
Finny
Die Urne
Grosli
Vom Geschenk, weinen zu können
Das Geschenk
Multitasking und ein Schritt nach dem anderen
Der Urnen-Konvoi
Rituale und das Denken überdenken
Der Friedhof
Schmetterling
Die Trauerfeier
11 Tage und dann die Leere
Trauer, Mut und Zeit
Single
Total normal
Veränderungen und Weiterentwicklung
Über das Sterben reden
Unterbewusstsein
Ying und Yang
Die Kraft des Denkens
Ende der Geschichte
Meine Geschichte beginnt heute. Einfach so. Mitten im Leben. Nicht von Anfang an. Sondern einfach jetzt. Genau von dieser Stelle aus, an der ich jetzt stehe. Warum? Gute Frage. Ich denke einfach darum, weil jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist. Weil ich jetzt bereit bin, meine Geschichte mit euch zu teilen. Weil heute der 5. Mai ist und weil ich vor ca. 8.5 Minuten beschlossen habe, dass ich jetzt ein Buch schreiben werde. Deshalb, und genau deshalb ist JETZT der richtige Zeitpunkt dafür.
Wobei. Oje… Das fängt ja schon gut an. Ich muss nämlich gestehen, dass ich mich bereits bei meinen ersten Sätzen korrigieren muss. Es ist nämlich nicht richtig, dass es bei mir der 5. Mai ist, sondern erst der 4. Mai. Um genau zu sein: 17.47 Uhr. Und was „bei mir“ bedeutet, erkläre ich euch gleich. Aber zuerst muss ich ja noch sagen, wer ich überhaupt bin:
Also, mein Name ist Sandra. Ich bin 41.5 Jahre alt, habe eine kleine und super süsse Bolonka-Hündin, die ab und zu auf den Namen Finny hört, und ich habe vor Kurzem meinen Bruder sowie meinen Job verloren und bin derzeit in San Francisco.
Und da bin ich jetzt also. In San Francisco. Minus 9 Stunden von zuhause entfernt und deshalb auch datumtechnisch einen Tag im Rückstand im Vergleich zu euch. Deshalb auch die Korrektur vorher.
Aber eigentlich ist ja sowieso egal, was für ein Datum ist. Denn was bedeutet schon ein Datum. Da gibt es viel Wichtigeres. Zum Beispiel weshalb ich hier bin. Aber das ist eine etwas längere Geschichte. Vielleicht sollte ich mit der beginnen. Aber nein. Die erfährt ihr schon noch früh genug. Jetzt bleibe ich einfach da, wo ich derzeit gerade bin. Hier in San Francisco. Hier beim Hoffen, dass ich zu mir finde. Dass ich einen Geistesblitz habe und auf einmal genau weiss, was ich wann, wo, wie zu tun habe. Und ja. Stimmt! Diesen Geistesblitz hatte ich ja bereits! Das ist ja der Grund, weshalb ich am Schreiben bin. Cool! Dann hat sich ja mein Aufenthalt hier bereits gelohnt und ich kann getrost zurück. Hmmm… Aber was um Gottes willen schreibe ich denn in dieses Buch? Ach herrje. Das mit dem Buchschreiben ist ja gar nicht so einfach, merke ich gerade. Wobei ja auch niemand gesagt hat, dass das einfach werden wird. Aber hey! Ich bin in Amerika und habe in den 2.5 Wochen, die ich nun hier bin, etwas gelernt: ALLES IST MÖGLICH! Alles ist möglich, wenn du willst und daran glaubst.
Denn ich muss gestehen, das ist etwas, was mir normalerweise schon sehr schwerfällt. Ich habe eher gelernt zu sagen oder zu denken: „Das kann ich nicht.“ Oder spätestens wenn mir jemand gesagt hat, dass etwas nicht geht, dann habe ich mich nicht getraut, doch daran zu glauben, dass ich es trotzdem kann! Denn warum sollte ausgerechnet ich etwas können, was jemand anderer nicht kann. Aber hey. Geht es nicht genau um das? Herauszufinden, was man gerne macht und auch gut kann? Denn jeder von uns kann etwas gut. Der eine vielleicht singen oder zeichnen, der andere gut mit seinen Händen arbeiten, der andere rechnen und nochmals ein anderer gut mit Menschen umgehen. Wie schrecklich wäre es, wenn wir alle nur Chemiker oder Ärzte sein wollten. Das wäre doch furchtbar! Das ist es doch, was es ausmacht. Die Vielfalt der Menschen mit all ihren Fähigkeiten und Eigenarten.
Also Leute! Kommt und helft mir mal bitte herauszufinden, was ich zum Beispiel mit meinen Fähigkeiten und Eigenarten alles machen könnte. Lasst uns doch einfach mal eine Liste erstellen!
Los geht’s:
Ich möchte gerne
Ich kann gut
Meine Zeit selbst einteilen
Schreiben
Eine Botschaft wei- tergeben
Zuhören
Motivieren
Selbstständig arbeiten
Etwas bewirken
Fotografieren
Viel Geld verdienen
Gestalten
Finny mitnehmen
Alleine sein
Erfolgreich sein
Diszipliniert sein
Reisen
Mich in Leute hineinversetzen
Tolle Leute um mich haben
Spüren
Viel Lachen bei der Arbeit
Zu meiner Meinung stehen
Strukturiert arbeiten
Leute beobachten
Andere Kulturen kennen lernen
Auf Leute zugehen
Leute nach ihrer Meinung und Erfahrung fragen
Jetzt habe ich gerade kurzerhand einen Freund von mir gefragt, was er als meine Stärken ansieht. Das sind seine Antworten:
Hmmmm…. Also eigentlich heisst das doch:
Fotografieren, Leute beobachten, Schreiben, meine Meinung äussern, Improvisieren, Finny mitnehmen,…
Es ist wirklich klar, was ich machen muss:
Ich schreibe einen Reiseführer. Der könnte dann heissen: Essen, Geniessen und mehr. Tipps, wo man gut alleine hingehen kann. Tipps, wo man den Hund gut mitnehmen kann. Tolles Essen zu normalen Preisen. Einen Blog.
Jaja… Das ist ja jetzt alles ganz nett und so. Aber wie soll ich denn damit Geld verdienen können? Hallooooo! Kann mir das mal bitte jemand sagen??
Also, nur dass das nun klar ist: JETZT wäre wieder ein guter Zeitpunkt für einen Geistesblitz. Hmmmm. Vielleicht könnte ja mein Bruder mir dabei behilflich sein. Wie ihr ja wisst, ist er vor Kurzem verstorben und hat deshalb jetzt bestimmt einen viel erweiterten Horizont als ich hier unten habe. Also deshalb. Sam, wenn du mich gerade hören kannst: Ich wäre wirklich froh um deine Hilfe. Bitte sag mir doch, wie ich mit „Fotografieren, Schreiben und Bloggen so viel Geld verdienen kann, dass ich davon gut leben kann.
Hmmm. Irgendwie drehe ich mich im Kreis. Denn ich weiss es ja schon! Ich schreibe den Reiseführer und dazwischen dieses Buch. Genau! Mehr braucht es ja gar nicht! Ja, okay. Vielleicht noch jemanden, der mein Buch dann drucken möchte, aber hey, da werden wir dann zum richtigen Zeitpunkt sicherlich jemanden finden. Wäre doch gelacht! Und überhaupt! Alles ist möglich! Ich bin schliesslich noch immer in den USA und habe gelernt, auf eine neue Art zu denken. Auf jeden Fall bin ich fleissig daran, das zu praktizieren und stetig zu üben.
Eigentlich ist es überhaupt unglaublich, in welch kurzer Zeit alles anders sein kann. Eine Sekunde kann dein Leben verändern. Vielleicht verlierst du einen Menschen, der dir nahesteht, oder du verlierst deine Stelle oder du lernst jemanden kennen, den du magst, oder du erkennst einfach, dass das, was du immer gedacht hast zu wissen, vielleicht gar nicht die ganze Wahrheit ist. Aber ich schweife schon wieder ab. Ach herrje. Das muss ich mir vielleicht abgewöhnen. Vielleicht sollte ich versuchen, meine Gedanken zu ordnen und immer nur einen Gedanken nach dem anderen zuzulassen. Aber auf der anderen Seite würde das hier ja dann eher ein „Einschlaf-Langweilig-Buch“ geben und ich bin nicht sicher, ob ihr das dann wirklich lesen würdet. Also nein. Ich denke, ich bleibe eher bei meiner „ich-denke-an-37-Dinge-gleichzeitig-Version“.
Aber wisst ihr, das mit meinem Bruder Sam habe ich ernst gemeint. Ich bin absolut überzeugt, dass er mich nach wie vor versteht und mir helfen kann, wenn ich nicht weiterweiss. Auch wenn er erst seit Kurzem tot ist, hat er mir schon mehrfach Zeichen gegeben oder mir Gefühle geschickt, die ich verstanden habe. Es ist eigentlich recht einfach, mit ihm zu kommunizieren, muss ich sogar sagen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir uns so nah gestanden sind und ich manchmal auch noch nicht ganz realisiert habe, dass er wirklich nicht mehr hier sein soll. Denn wisst ihr, obwohl er für mich die absolut wichtigste Person war und wir uns wirklich sehr nahe gestanden sind, wusste ich nicht, was er vorhatte und habe nicht gemerkt, dass er seinen Freitod schon länger geplant hat. Im Gegenteil. Er schien ruhig und entspannt zu sein und ich habe das so gedeutet, wie wenn es ihm gut gehen würde. Und irgendwie war es ja auch so. Denn ich denke, von dem Moment an, in dem er sich entschieden hat, von dieser Welt zu gehen, war es für ihn einfach nur noch gut.
Das hört sich für euch nun komisch oder schräg an? Ja, das kann ich verstehen. Aber wisst ihr. Wir können nie wirklich in die Seele eines anderen Menschen hineinsehen. Nie wirklich wissen, was im allertiefsten Kern verborgen ist. Und manchmal möchten wir es ja auch gar nicht wissen. Denn ganz ehrlich. Was hätte ich gemacht, wenn er mir gesagt hätte, dass er tot sein möchte und vorhat, sich das Leben zu nehmen. Ich hätte doch alles unternommen, um das zu verhindern. Ich hätte seine Entscheidung nicht akzeptieren können oder besser gesagt, nicht akzeptieren wollen. Und obwohl ich behaupte, dass er für mich das Allerwichtigste war, wären mir meine eigenen Gefühle somit wichtiger gewesen als die Gefühle von ihm. Und genau aus diesem Grund hat er es uns nicht sagen können. Nicht mir. Nicht unseren Eltern. Nicht seinen Freunden. Nicht seinem Partner. Aber wie schwer muss das für ihn alles gewesen sein. Zu wissen, dass man bald nicht mehr hier ist. Alles im Stillen zu planen. Sich zu verabschieden, ohne etwas zu sagen. Ich wünschte, ich hätte ihn begleiten können, aber er wusste, dass ich das nicht geschafft hätte. Aber die ganze Geschichte mit seinem Tod war schon schwierig zu verstehen. Und oft kam ich mir vor wie im Film.
Denn stellt euch Folgendes vor:
Es ist Dienstagmorgen, 1. März 2016. Ich bin zusammen mit Sonja, einer Arbeitskollegin, an einer Weiterbildung zum Thema „neue BVG-Stiftungsräte“. Gede, der Freund von Sam, schickt mir eine Nachricht per WhatsApp. Er macht sich Sorgen, weil er von Sam seit zwei Tagen keine Nachricht mehr erhalten hat. Ich muss dazu vielleicht noch sagen, dass Gede aus Indonesien ist, auf den Molukken lebt und seit ca. zwei Jahren der Freund von Sam ist. Gede hat also bei mir nachgefragt, ob ich wisse, ob Sam okay sei. Ich dachte bei mir: „Oh je, Gede. Stürm doch nicht. Wahrscheinlich hat er einfach keinen so guten Tag und braucht mal kurz seine Ruhe. Das kann ja bei Sam schon mal vorkommen.“ Und schliesslich war es vor Kurzem schon einmal so. Gede war damals auch nervös, weil er Sam nicht erreichen konnte, doch ich erreichte ihn ein paar Stunden später problemlos. So ist es halt manchmal mit Fernbeziehungen und grossen Zeitdifferenzen. Da passt es zeitlich halt manchmal einfach nicht. Ich war überzeugt, dass es dieses Mal auch so sein würde. Doch leider irrte ich mich da gewaltig, wie sich später herausstellen sollte.
Ich versuchte also ganz ruhig zu bleiben und beschloss, Sam einfach auch eine WhatsApp zu schicken. Das war sogar ganz gut, denn so konnte ich ihm auch gleich noch die neuen Bilder von Nyomans Baby zuschicken, welche ich am Morgen von Nyoman – einem lieben Freund aus Indonesien - erhalten habe. Ich schickte also die Fotos und erkundigte mich, wie es ihm geht. Aber komisch. Die Nachricht wurde nicht zugestellt, wie ich anhand der WhatsApp-Häkchen sehen konnte. Ich versuchte noch immer ganz ruhig zu bleiben. Denn schliesslich gab es keinerlei Grund anzunehmen, dass etwas nicht gut sein sollte. Im Gegenteil. Ich war die Woche zuvor mit meinen Eltern im Wellnessurlaub in Österreich und habe das ganze Wochenende das Fotobuch erstellt mit dem Ziel, dass ich die Fotos von unseren Kurzferien Sam so rasch als möglich zeigen kann. Ich habe mich deshalb auch gar nicht wirklich bei ihm zurückgemeldet. Aber eben. Alles schien ja wie immer zu sein. Und zudem. Wenn etwas nicht gut gewesen wäre, hätte ich es ja bestimmt gespürt. Denn das war ja immer so. Ich hatte schon immer eine spezielle Verbindung zu Sam und konnte oft spüren, wenn es ihm nicht gut ging. Auch war ich immer absolut überzeugt, dass ich auch mal spüren würde, wenn er sterben wird. Aber auch da habe ich mich geirrt. Nichts war so, wie ich angenommen habe.
Als an diesem Dienstagabend dann auch noch Mike, der beste Freund von Sam, per SMS bei mir nachfragte, ob ich etwas von Sam gehört hätte und mir mitteilte, dass Gede sich diesbezüglich bei ihm erkundigte, wurde ich zu Beginn fast etwas ärgerlich. Ich hatte echt keine Lust, bei Sam zu stürmen und war ja nach wie vor absolut überzeugt, dass alles bestens war. Zudem hatte ich am Abend ein Date und hatte auf alles andere echt keinen Bock. Ich rief Mike an und wollte von ihm wissen, was er von der ganzen Sache hielt. Denn ich hatte ja nach wie vor ein gutes Gefühl und war sicher, dass alles in Ordnung ist – und doch irritierte mich die Situation langsam etwas. Weshalb bloss kam Gede nicht zur Ruhe? Und dann sagte Mike am Telefon einen Satz, der mich aufschrecken liess: „Mach dir keine Sorgen - und wenn doch etwas passiert sein sollte, dann ist es jetzt sowieso zu spät, um etwas zu tun.“
Das sass! Nun beschloss ich innerhalb einer Sekunde, meine Verabredung abzusagen, den Schlüssel von Sam bei meinen Eltern abzuholen und nach Zürich zu seiner Wohnung zu fahren. Jetzt musste ich einfach sicher sein, dass alles in Ordnung ist. Ich sagte also mein Date ab und fuhr zu meinen Eltern. Noch immer war ich ziemlich ruhig und konnte so auch meiner Mutter problemlos erklären, dass ich zwar zu Sam fahre, um zu schauen, ob alles i.O. sei, sie sich aber keinerlei Sorgen machen müsse. Schliesslich hätte ich überhaupt kein schlechtes Gefühl und auch sie bestätigte mir, dass es keinerlei Grund zur Sorge geben würde. Sie hätte ja erst vor zwei Tagen mit ihm gesprochen und er habe sich gut angehört. Alles war also so, wie es sein sollte, als ich nach Zürich fuhr. Kurz vor Zürich wurde ich aber dann doch unruhig und überlegte mir, was ich tun würde, wenn ich Sam in seiner Wohnung finden würde und ihm jemand ein Gewaltverbrechen angetan hätte. Dieser Gedanke war komisch und ich habe keine Ahnung, wie ich auf einmal auf so etwas Absurdes kam. Aber ich überlegte trotzdem fertig. Ich dachte, wenn irgendetwas Schlimmes passiert sein sollte, dann muss ich zuerst dafür sorgen, dass meine Eltern nicht alleine sind. Ich würde dann meine Schwester organisieren müssen, damit sie zu ihnen fahren würde. Denn sie warten zuhause ja darauf, dass ich ihnen mitteile, dass alles in Ordnung ist.
Solche Gedanken hatte ich.
Als ich bei der Strasse von Sam angekommen war und meine Finny zum Auto rausnehmen wollte, wurde ich auf einmal extrem unruhig und hatte Angst, alleine zu seiner Wohnung zu gehen. Da hatte ich die Idee, dass ich nochmals Mike anrufen würde und dann telefonierend zur Wohnung gehe. So hätte ich das Gefühl, dass ich nicht alleine wäre. Das tat ich dann auch. Es war 19.35 Uhr als ich mit Mike sprechend den schmalen Weg zu Sams Wohnung runterging und war dann extrem erleichtert, dass dort – wie man von aussen sehen konnte -kein Licht brannte. Denn so ging ich davon aus, dass Sam einfach nicht zuhause ist.
Doch dann sah ich es! Ein Klebeband an der Tür von Sam. Ein Polizeisiegel.
Es war schrecklich. Es war wie im Krimi. Und ich wusste, das war nicht gut!
Ich schrie nur noch: „Mike, es ist nicht gut! Ich muss Lea anrufen!“ Dann hängte ich einfach das Telefon auf und mir war zu diesem Zeitpunkt absolut nicht klar, wie schwer dann die darauffolgende Warterei auch für Mike gewesen sein muss. Aber soweit konnte ich natürlich nicht denken. Ich versuchte einfach das zu tun, was ich mir in Gedanken beim Hinfahren vorgenommen hatte. Meine Schwester organisieren, dass sie zu unseren Eltern fährt und erst dann wollte ich die Polizei anrufen. Zum Glück war Lea zuhause und willigte auch sogleich ein, zu unseren Eltern zu fahren. Ich konnte nur sagen: „Es ist etwas passiert. Ich weiss nicht was. Fahr zu unseren Eltern und warte da, bis ich mich wieder melde!“
Dann rief ich die 117 an. Ich versuchte dem Beamten möglichst ruhig mitzuteilen, dass ich vor der versiegelten Wohnung meines Bruders stehe und keine Ahnung habe, was passiert ist oder ich nun tun soll. Der Polizist fragte komischerweise nicht mal nach meinem Namen, sondern sagte nur, er versuche abzuklären, was los ist und würde sich bei mir dann wieder melden. Ich könnte ja bis dahin nach Hause fahren. „Was? Auf gar keine Fall! Ich warte hier bis ich mehr weiss“, entgegnete ich entsetzt. Es war mittlerweile 19.47 Uhr. Ich stand noch immer vor der versiegelten Tür und merkte plötzlich, wie mein Hund an der Tür kratzte und Geräusche von sich gab, welche ich noch nie zuvor gehört hatte. Es war kein Winseln, sondern eher ein Wehklagen und ganz ehrlich, spätestens da wusste ich, dass etwas wirklich Schlimmes passiert sein musste. Ich versuchte ruhig zu bleiben, aber das konnte ich nicht mehr. Ich fiel in mich zusammen, kauerte auf dem Trottoir vor der Wohnung meines Bruders, hielt meinen Hund im Arm und heulte und winselte nur noch vor mich hin. Ich konnte nichts tun. Niemanden anrufen, bevor ich nicht wusste, was los ist. Nur warten. Und warten. Aber ich wusste schon, dass das alles nichts Gutes zu bedeuten hatte. Man muss nicht viele Krimis gesehen haben, um zu wissen, dass die Polizei nicht einfach zum Vergnügen eine Türe versiegelt. Ich hatte Angst. Richtig grosse Angst. Und die Zeit schien still zu stehen. Diese Warterei war schrecklich und ich weiss nicht, was ich ohne meine Finny gemacht hätte. Denn so konnte ich wenigstens ihre Wärme und Nähe spüren und war doch nicht ganz alleine.
Und dann kam er. Der Anruf, auf den ich gewartet hatte. Es meldete sich eine Dame, die meinte, sie wäre Frau soundso, dann verstand ich irgendetwas mit Detektiv und etwas davon, dass ich zu ihr auf den Polizeiposten kommen solle und dieser in der Nähe des Hauptbahnhofes wäre. Aber hey! Ich war doch absolut nicht in der Verfassung, in mein Auto zu steigen und durch die halbe Stadt zu fahren, ohne nach wie vor zu wissen, was eigentlich los ist! Unmöglich! Ich frage deshalb einfach: „Geht es Sam gut?“ Die Frau sagte erneut, ich müsse auf den Posten kommen. Sie könne das nicht mit mir am Telefon besprechen. Aber ich fragte nur nochmals: „Geht es ihm gut?“ Dann antwortete sie: „Nein!“ Ichschluckte. Dann musste ich es fragen: „Aber lebt Sam noch?“ Und sie sagte nach einer schier unendlichen Pause nur: „Nein.“
Dann explodierte in meinem Kopf alles. Was nein? Es kann doch nicht sein! Nein! Unmöglich! Sie irrt sich bestimmt! Die haben ja gar nicht richtig nach meinem Namen gefragt! Die meinen bestimmt jemanden anderen! Vielleicht ist er irgendwo in einem Krankenhaus! Ja! Das kann sein, dachte ich. Aber tot? Nein! Tot kann er unmöglich sein! Das hätte ich gemerkt! Er hätte um Hilfe gerufen. Und ich hätte es gespürt. Nein! Unmöglich! Tot kann Sam unmöglich sein! Ich weiss es! Ich bin ganz sicher! Ich war wie in Trance und konnte nicht mehr klar denken. Die Frau Polizistin teilte mir dann mit, dass mich ein Streifenwagen abholen würde, um mich zu ihr zu bringen. Bis dahin solle ich einfach warten. Meinen Eltern dürfe ich aber noch nicht Bescheid geben. Das wäre Aufgabe der Polizei. Mehr könne sie mir jetzt am Telefon nicht sagen.
Dann war ich wieder alleine mit meiner Finny. Zusammengesunken kauerte ich noch immer auf dem Trottoir und konnte nicht glauben, was ich soeben gehört hatte. Sam soll tot sein. Einfach so.
Dann brach ich ganz zusammen.
Ich sass über 40 Minuten so auf dem Trottoir, zitternd vor Kälte und vor Schock. Meinen Hund hielt ich wippend in meinen Armen. Ich weiss nicht, ob mich jemand gesehen hatte oder nicht. Tatsache war auf jeden Fall, dass mich niemand ansprach.
Oder vielleicht habe ich es auch einfach nicht mitbekommen. Dann erinnerte ich mich, dass meine Schwester irgendwann geschrieben hatte, dass mein Schwager ebenfalls auf dem Weg zu Sams Wohnung wäre, sodass ich nicht alleine sein müsse. Das war gut. Und gerne hätte ich ihn angerufen und ihm gesagt, dass Sam nicht mehr lebt. Aber das durfte ich ja nicht. Die Frau Polizistin hatte mir das ja verboten. Mir blieb somit nach wie vor nichts anderes übrig, als zu warten.
