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Wie alles zusammenhängt: Aufstieg und Untergang antiker Hochkulturen Im Jahr 1177 v. Chr. stehen die ersten großen Zivilisationen unserer Menschheit vor dem Ende. Marodierende Seevölker bedrohen Ägypten unter König Ramses III. Wie Dominosteine fallen Mykene, Troja und Milet nach Jahrhunderten des Aufstiegs. Doch was hat wirklich den Kollaps von Kulturen herbeigeführt, die über 2000 Jahre lang ihre Macht und Robustheit bewiesen hatten? Worin lagen die Stärken und die Schwächen eines für damalige Verhältnisse hochgradig vernetzten Wirtschaftsraums? - Faszinierender Einblick in die Geschichte des 15. bis 12. Jahrhunderts v. Chr. - Ein komplexes System: Aufstieg und Fall einer kosmopolitischen Welt - Das Ende der Bronzezeit im Mittelmeer-Raum - Der internationale Bestseller in komplett überarbeiteter und erweiterter Neuausgabe Damals, vor mehr als 3000 Jahren: Krisen in einer globalisierten Welt In seinem internationalen Bestseller erzählt der renommierte Archäologe und Kulturanthropologe Eric H. Cline die Hintergründe eines wichtigen Wendepunkts der Geschichte. Kriege und Flüchtlinge, Klimawandel und Naturkatastrophen, Wirtschaftskollaps und Hungersnöte – die Zusammenhänge zwischen den historischen Ereignissen, die er aufzeigt, erinnern durchaus an die aktuelle Nachrichtenlage. Doch erst die katastrophale Summe all dieser Krisen stürzte die ersten großen Zivilisationen für Jahrhunderte in die Dunkelheit. Folgen Sie Eric H. Cline in eines der spannendsten Kapitel der Menschheitsgeschichte!
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Eric H. Cline ist Professor für Klassische Altertumswissenschaften und Anthropologie sowie Direktor des Archäologischen Instituts an der George Washington Universität. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Archäologie der Levante, biblische Archäologie, Militärgeschichte und die internationalen Beziehungen des Mittelmeerraums in der Bronzezeit.
Cline war mit 1177 v.Chr. bereits für den Pulitzer-Preis vorgeschlagen und hat mit seinem Werk den ersten Preis der American School of Oriental Research gewonnen.
Bei wbgTheiss ist von ihm auch lieferbar:
Nach 1177 v.Chr. Wie Zivilisationen überleben und (zusammen mit Glynnis Fawkes) 1177 v.Chr. Der erste Untergang der Zivilisation – eine Graphic Novel
Eric H. Cline
1177 v.Chr.
Der erste Untergangder Zivilisation
Aus dem Englischenvon Cornelius Hartz
Überarbeitete underweiterte Neuausgabe
Spätbronzezeitliche Kulturen in der Ägäis und im östlichen Mittelmeerraum
Für James D. Muhly,der sich seit fast einem halben Jahrhundertmit diesen Themen beschäftigt und nicht müde wird,sie seinen Studierenden näherzubringen.
Die Originalausgabe erschien in überarbeiteter und erweiterter Neuausgabe 2021 unter dem Titel »1177 B.C. The Year Civilization collapsed« bei Princeton University Press, 41 William Street, Princeton, New Jersey 08540 In the United Kingdom: Princeton University Press, 6 Oxford Street, Woodstock, Oxfordshire OX20 1TW
© 2021 by Eric H. Cline
wbg Theiss ist ein Imprint der Verlag Herder GmbH.
Für die deutschsprachige Ausgabe:
5. komplett überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 2026.
Die 1. Auflage erschien 2015 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2026
Alle Rechte vorbehalten
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Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an
Lektorat dieser Ausgabe: Wanda Löwe, Berlin
Karten: Peter Palm, Berlin
Umschlaggestaltung: Vogelsang Design, Aachen
Umschlagmotiv: © akg-images
Satz: SatzWeise, Bad Wünnenberg
Herstellung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN druck: 978-3-534-61194-2
ISBN ebook (E-Pub): 978-3-534-61213-0
ISBN ebook (PDF): 978-3-534-61216-1
Wendepunkte haben in der Geschichtsschreibung eine besondere Anziehungskraft. Das Jahr 1945 wird für immer mit dem Ende der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte verbunden sein. 1914 sehen wir nicht nur als Jahr des Weltenbrands, sondern auch als Aufbruch in die Moderne. Mit der Entdeckung Amerikas 1492 wird die Welt global. Und im Jahre 476 nach Christus gingen die letzten Reste des fast tausendjährigen Römischen Reiches unter.
Aber das Jahr »1177 vor Christus«? Welches Ereignis, welcher Wendepunkt mag sich mit diesem Jahr verbinden, das einerseits doch so weit zurückliegt und sich trotzdem so exakt datieren lässt und sich damit in eine Reihe mit 476, 1492, 1914 oder 1945 zu stellen scheint? Die Antwort auf diese Frage ist spannend, aber auch komplex. Wir verdanken sie dem renommierten Archäologen und Kulturanthropologen Eric H. Cline, der uns auf eine faszinierende Reise in die Vergangenheit mitnimmt.
Natürlich weiß der Direktor des Archäologischen Instituts an der George Washington Universität, dass es sich bei der 1177 vor Christus stattgefundenen Schlacht zwischen dem ägyptischen Pharao Ramses III. und den Seevölkern nur um eines von mehreren Ereignissen gehandelt hat, die zu jener Zeit den östlichen Mittelmeerraum und die Zivilisationen der Mykener, Hethiter und Ägypter erschütterten. Die Umwälzungen führten im gesamten anatolisch-ägäischen Raum und darüber hinaus zum Untergang bronzezeitlicher Kulturen, die sich über Jahrhunderte herausgebildet und ein beachtliches Entwicklungsstadium erreicht hatten. Auch der Fall Trojas – uns allen lebendig in den Gesängen Homers – gehört in diesen Kontext.
Was wir nicht wissen und was Generationen von Experten bewegt hat: Wie kam es zum Kollaps von Kulturen, die ihre Robustheit über 2000 Jahre lang ein ums andere Mal unter Beweis gestellt hatten? Worin lagen die Stärken und die Schwächen eines für damalige Verhältnisse hochgradig vernetzten Wirtschaftsraums? Welche minoisch-mykenischen Güter waren von solcher Anziehungskraft, dass sie aus dem heutigen Griechenland in das ägyptische Reich verschifft wurden?
Es wäre vermessen, von Eric Cline auf alle diese Fragen eindeutige Antworten zu erwarten. Sein größter Verdienst ist es jedoch, die verschiedenen modernen Erklärungsansätze zusammenzuführen. Sein Blick beginnt dabei nicht erst mit dem Verfall der betreffenden Kulturen, sondern bereits mit ihrer Blütezeit. So gesehen ist »1177 v.Chr.« von Eric Cline ein Werk, das einen faszinierenden Einblick in die Geschichte des 15. bis 12. Jahrhunderts vor Christus gibt und dabei unsere Neugier auf die kulturellen Errungenschaften einer Zeit lenkt, die uns gestern noch so unendlich fern war.
Hermann Parzinger
Als ich Anfang 2020 an der Überarbeitung dieses Buches saß, fiel mir eine Schlagzeile im Guardian ins Auge: »Der Menschheit droht eine verheerende Verkettung von Krisen«. Die für Umweltfragen zuständige Korrespondentin der Zeitung, Fiona Harvey, schrieb: »Die Welt sieht sich einer Reihe akuter Krisen gegenüber, die alle miteinander verbunden sind und die Menschheit auslöschen könnten.« Sie berichtete über die Ergebnisse einer Umfrage unter 222 führenden Wissenschaftlern aus 52 Ländern. Die Umfrage zählte die Notlagen auf, mit denen wir derzeit konfrontiert sind: vom Klimawandel mitsamt extremen Wetterereignissen über das Artensterben, die Wasserknappheit bis hin zur Krise bei der Nahrungsmittelproduktion. Besonders beunruhigend sei, dass »die Kombination all dieser Faktoren (…) die Risiken jedes einzelnen Faktors noch verstärkt und eine verheerende Verkettung von Notlagen erzeugt, die die Menschheit in den Abgrund reißen wird, falls nicht schnell gehandelt wird«.1
Ich fand das natürlich alarmierend, aber zugleich war ich fasziniert, denn die heutige Situation, die Harvey beschreibt, weist große Ähnlichkeiten mit dem Jahr 1177 v.Chr. auf. Das war in der Bronzezeit vor über 3000 Jahren, als die Kulturen des Mittelmeerraums eine nach der anderen zusammenbrachen, was den Lauf der Geschichte der westlichen Zivilisation für immer veränderte. Wenn so etwas schon einmal passiert ist – könnte es dann wieder passieren?
Diese Frage habe ich mir seit 2014, als die erste Auflage dieses Buches erschien, immer wieder gestellt. Ich bin längst überzeugt, dass die Antwort »ja« lautet und dass wir uns weniger fragen sollten, ob es noch einmal passiert, als vielmehr wann.
Und dann kam die Covid-19-Pandemie und schlug mit voller Wucht zu, mit verheerenden Auswirkungen auf der ganzen Welt und mehreren Millionen Todesopfern. Die genauen Auswirkungen dieser Pandemie zusätzlich zu den anderen Stressfaktoren, die unsere globalisierte Welt beeinflussen, bleiben abzuwarten. Doch eines ist schon jetzt klar: Die aktuellen Krisen werden die Geschichte des Lebens auf diesem Planeten verändern, und zwar so grundlegend, wie sich vor rund 3200 Jahren das Leben in der Ägäis und im östlichen Mittelmeerraum veränderte. Der Unterschied ist, dass sich die anstehenden Veränderungen nun nicht mehr auf eine bestimmte Region beschränken, sondern global spürbar sein werden.
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In der ersten Auflage dieses Buches habe ich dargelegt, inwiefern das Jahr 1177 v.Chr. ein entscheidender Moment in der Geschichte der westlichen Zivilisation war – ein Wendepunkt für die antike Welt. Damals hatte die Bronzezeit in der Ägäis, in Ägypten und im Vorderen Orient fast zweitausend Jahre angedauert, von etwa 3000 v.Chr. bis kurz nach 1200 v.Chr. Dann, nach Jahrhunderten kultureller und technologischer Evolution, kam es in einem Großteil der miteinander vernetzten Kulturen rund um das Mittelmeer zu einem dramatischen Stillstand. Davon betroffen war ein riesiges Gebiet, das sich (in heutigen Begrifflichkeiten) von Italien bis nach Afghanistan und von der Türkei bis nach Ägypten erstreckte. Große Reiche, die sich über Jahrhunderte entwickelt hatten, brachen genauso rasch zusammen wie kleine Königtümer, von den Mykenern und Minoern über die Hethiter, Assyrer, Babylonier, Mitannier, Zyprer und Kanaaniter bis hin zu den Ägyptern.
Auf deren Niedergang folgte eine Übergangszeit, die in der Forschung oft als die ersten »Dunklen Jahrhunderte« der westlichen Welt bezeichnet wird. Erst nach dieser Phase kam es in Griechenland und den anderen betroffenen Gebieten zu einer kulturellen Renaissance, die den Grundstein legte für die Entwicklung der westlichen Gesellschaft, wie wir sie heute kennen.
Da die bronzezeitlichen Kulturen und die Faktoren, die zu ihrem Zusammenbruch führten, mehr als drei Jahrtausende zurückliegen, liegt die Annahme nahe, dass die damaligen Ereignisse für uns heute kaum relevant sind – wie sollte man die Welt der späten Bronzezeit und unsere heutige technologieorientierte Kultur auch vergleichen können? Doch es gibt mehr Parallelen zwischen den beiden Epochen, als man gemeinhin denkt. Auch damals gab es diplomatische Gesandtschaften und wirtschaftliche Handelsembargos, prunkvolle Hochzeiten und dramatische Scheidungen, internationale Intrigen und gezielte militärische Desinformation, Aufstände und Migrationen, Klimawandel und Dürren.
Nachdem ich mich fast mein ganzes Leben lang mit der Bronzezeit beschäftigt habe, bin ich davon überzeugt, dass das Studium der Ereignisse, Völker und Orte einer Epoche, die über drei Jahrtausende zurückliegt, mehr ist als nur eine akademische Fingerübung im Rahmen der Alten Geschichte.2 Gerade jetzt ist die Bronzezeit besonders relevant, wenn man bedenkt, was wir alle erst kürzlich in unserer globalisierten, transnationalen Gesellschaft erlebt haben, in der wir ebenfalls mit komplexen diplomatischen Gesandtschaften (man denke an Nordkorea) und wirtschaftlichen Handelsembargos (man denke an China), mit prunkvollen königlichen Hochzeiten (William und Kate, Harry und Megan), internationalen Intrigen und gezielter militärischer Desinformation (man denke an die Ukraine), Aufständen (Arabischer Frühling) und Migrationen (syrische Flüchtlinge) und natürlich mit Klimawandel und Pandemien (Covid-19) konfrontiert sind.
Ich vermute stark, dass künftige Historiker das Jahr 2020 als so einen Wendepunkt der Geschichte betrachten werden. Jedem dürfte klar sein, dass in unserer globalisierten Wirtschaft die USA und Europa in ökonomischer Hinsicht untrennbar mit einem internationalen System verbunden sind, das auch Ostasien und die ölproduzierenden Länder des Nahen Ostens umfasst. Was, wenn sich unsere miteinander vernetzten Gesellschaften gerade am Anfang einer neuen »verheerenden Verkettung von Krisen« befinden? Auch wenn die meisten von uns die Covid-19-Pandemie einigermaßen unbeschadet überstanden haben, werden (nicht nur) die wirtschaftlichen Auswirkungen wahrscheinlich noch lange spürbar sein. Auch wenn wir versuchen können, den Klimawandel zu verlangsamen, sind einige seiner Folgen wahrscheinlich bereits nicht mehr rückgängig zu machen, und in Entwicklungsländern sind Hungersnöte absolut keine Seltenheit. Stehen uns weitere einschneidende Ereignisse bevor? Es sei daran erinnert, dass in der Offenbarung des Johannes neben Krankheit und Hunger noch zwei weitere apokalyptische Reiter auftauchen. Werden wir belastbar genug sein, alles zu überstehen, was auf uns zukommt, oder steuern wir auf einen Zusammenbruch unserer komplexen globalen Gesellschaft zu?
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Laut Joseph Tainter, der das Buch über den Zusammenbruch komplexer Gesellschaften geschrieben hat, ist »ein Kollaps der plötzliche, deutlich spürbare Verlust eines etablierten Niveaus soziopolitischer Komplexität«.3 Genau das geschah 1177 v.Chr. Allerdings ist weder die Diskussion über solche Zusammenbrüche neu noch der Vergleich des Aufstiegs und Niedergangs verschiedener Imperien. Schon im 18. Jahrhundert hat Edward Gibbon in seinem Standardwerk The History of the Decline and the Fall of the Roman Empire dasselbe getan; ein Beispiel aus der jüngeren Zeit ist Jared Diamonds Werk Collapse: How Societies Choose to Fail or Suceed.4 Allerdings untersuchten sowohl Gibbons als auch Diamond immer nur, wie ein einziges Reich bzw. eine einzige Zivilisation unterging – die Römer, die Maya, die Mongolen usw. Hier wollen wir ein globalisiertes System des Altertums betrachten; ein System mit mehreren Zivilisationen, die alle miteinander interagierten und (zumindest teilweise) voneinander abhängig waren. Es gibt nur wenige Fälle in der Weltgeschichte, in denen ein solches globalisiertes System existierte; zu den besten Beispielen dafür gehören tatsächlich die Welt der späten Bronzezeit und die von heute. Die Parallelen zwischen diesen Epochen – besser gesagt, die Vergleichsmomente – sind mitunter wirklich faszinierend.
Ein Beispiel: Die britische Forscherin Carol Bell stellte erst kürzlich fest, dass »Zinn in der späten Bronzezeit (…) ähnlich strategisch bedeutend war wie heute das Rohöl«.5 Damals kam Zinn in größeren Mengen lediglich in bestimmten Minen in Badachschan in Afghanistan vor. Das Zinn wurde über Land bis nach Mesopotamien (im heutigen Irak) und in den Norden Syriens transportiert; von dort aus brachte man es weiter nach Norden, Süden und Westen, auch über das Meer bis in die Ägäis. Dazu Bell: »Die Verfügbarkeit von genügend Zinn, um (…) waffenfähige Bronze herzustellen, muss für den Großkönig in Hattuša und den Pharao in Theben einen ähnlichen Stellenwert gehabt haben, wie heute für den US-Präsidenten die Verfügbarkeit von genügend Benzin für die amerikanischen SUV-Fahrer!«6
Die Archäologin Susan Sherratt, die früher im Ashmolean Museum in Oxford tätig war und heute an der Universität von Sheffield lehrt, sprach sich vor rund zwanzig Jahren erstmalig für einen solchen Vergleich aus. Wie sie feststellte, gibt es einige »wahrlich nützliche Analogien« zwischen der Welt von 1200 v.Chr. und der von heute – dies erstreckt sich unter anderem auf eine wachsende politische, soziale und wirtschaftliche Fragmentierung und auf den direkten Austausch »auf einem bislang beispiellosen sozialen Level und über nie gekannte Distanzen hinweg«. Von besonderer Relevanz ist dabei ihre Beobachtung, dass die Situation am Ende der Spätbronzezeit eine Analogie zu unserer eigenen »immer homogeneren und dennoch immer weniger kontrollierbaren globalen Wirtschaft und Kultur« darstellt, in der »politische Unsicherheiten auf der einen Seite der Welt Volkswirtschaften beeinflussen, die sich mehrere tausend Meilen entfernt befinden«.7
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Der Historiker Fernand Braudel sagte einst: »Die Geschichte der Bronzezeit bietet Stoff für ein Drama: Sie ist voll von Invasionen, Kriegen, Plünderungen, politischen Katastrophen, Beispielen eines langwierigen wirtschaftlichen Kollapses und den ersten Zusammenstößen zwischen verschiedenen Völkern.« Er wies aber auch darauf hin, dass sich die Geschichte der Bronzezeit »nicht nur als Saga der Dramatik und der Gewalt, sondern auch als Geschichte positiver Kontakte« schreiben ließe, in puncto »Handel, Diplomatie (auch schon zu dieser Zeit) und vor allem Kultur«.8
Braudels Vorschläge habe ich mir zu Herzen genommen, und so möchte ich Ihnen hiermit die Geschichte (oder besser gesagt: Geschichten) der späten Bronzezeit als Schauspiel in vier Akten präsentieren, mit vielen erzählerischen Elementen und diversen Rückblenden, die als Kontext dazu dienen werden, einige der wichtigsten Akteure jener Zeit einzuführen, und zwar jeweils an dem Punkt, wo sie die Bühne der Weltgeschichte betreten: vom Hethiterkönig Tudhalija über Tušratta, den König von Mitanni, und Pharao Amenophis III. von Ägypten bis hin zu Aššur-uballiṭ von Assyrien (ein »Dramatis Personae« betiteltes Glossar hinten im Buch soll dazu dienen, Namen und Daten schnell nachschlagen zu können).
Mitunter bedient sich die Erzählung sogar ein wenig der Stilmittel der Detektivgeschichte – mit unerwarteten Wendungen, falschen Fährten und signifikanten Indizien. Um Hercule Poirot zu zitieren, jenen legendären belgischen Detektiv aus der Feder Agatha Christies (die übrigens selbst mit einem Archäologen verheiratet war), werden wir unsere »kleinen grauen Zellen« brauchen, um am Ende unserer Chronik die verschiedenen Stränge der Beweisaufnahme miteinander zu verweben, wenn wir versuchen werden, die Frage zu beantworten, warum ein stabiles internationales System plötzlich zusammenbrach, nachdem es mehrere Jahrhunderte lang geblüht hatte.
Um wirklich zu verstehen, was im Jahr 1177 v.Chr. geschah und warum jenes Jahr für die Geschichte des Altertums von so entscheidender Bedeutung war, müssen wir ein wenig früher ansetzen – genau wie man sich für ein echtes Verständnis der globalisierten Welt von heute mit dem 18. Jahrhundert beschäftigen muss, mit dem Höhepunkt des Zeitalters der Aufklärung, mit der Industriellen Revolution und der Gründung der Vereinigten Staaten. Zwar bin ich in erster Linie daran interessiert, die möglichen Ursachen für den Zusammenbruch der Zivilisation der Bronzezeit zu untersuchen, doch zugleich geht es auch stets um die Frage, was die Welt damals verlor, als die großen Reiche des 2. Jahrtausends v.Chr. kollabierten, und in welchem Maße es dadurch in jenem Teil der Welt zu tiefgreifenden zivilisatorischen Veränderungen, ja Rückschritten kam, die teilweise mehrere Jahrhunderte andauerten. Das Ausmaß jener Katastrophe war enorm; es war ein Verlust, wie ihn die Welt nicht mehr erleben sollte, bis das Römische Reich zusammenbrach – über eineinhalb Jahrtausende später.
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Diese Neuausgabe von 1177 v.Chr. ist eine Überarbeitung der Originalfassung, die erstmals 2014 auf Englisch und 2015 auf Deutsch erschien. Die wichtigsten Änderungen finden sich im letzten Teil des Buches, den ich ergänzt und neu gegliedert habe, aber auch in den anderen Kapiteln habe ich einiges geändert und vor allem hinzugefügt.9
Die meisten neuen Daten sind neu entdeckte Texte und neue wissenschaftliche Erkenntnisse über den Zusammenbruch der Kulturen, die seit dem Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches gewonnen wurden. Dazu zählen weitere Texte aus Ugarit in Nordsyrien, die 2016 publiziert wurden und in denen explizit von nahenden Invasoren die Rede ist und von einer Hungersnot in der Stadt, kurz bevor sie zerstört wurde. Es gibt auch eine sehr wichtige DNA-Studie, die im Juli 2019 publiziert wurde und die sich mit Gräbern befasst, die in der Philister-Stadt Aschkelon gefunden wurden und aus dem ausgehenden 12. Jahrhundert v.Chr. stammen. Die Ergebnisse scheinen darauf hinzudeuten, dass die Philister, die zu den Seevölkern zählten, tatsächlich entweder vom griechischen Festland, von Kreta oder von Sardinien aus eingewandert sind. Darüber hinaus gibt es neue Daten aus Untersuchungen von Seesedimenten, von Stalagmiten in Höhlen und von Bohrkernen aus Seen und Lagunen in diversen Regionen, von Italien und Griechenland über die Türkei, Syrien, den Libanon und Israel bis zum Iran. Immer mehr Funde deuten auf eine sogenannte Megadürre hin, die um 1200 v.Chr. begann, 150 bis 300 Jahre andauerte und weite Teile der Ägäis und des östlichen Mittelmeerraums betraf.
Abschließend möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass wir gut daran täten, uns vor Augen zu führen, wie es den florierenden Königreichen in der Ägäis und im östlichen Mittelmeerraum erging, deren Welt am Ende der Bronzezeit kollabierte. Uns trennt gar nicht so viel von jener Zeit, wie wir gerne glauben möchten; erst vor ein paar Jahren hat uns Covid-19 wieder einmal gezeigt, wie anfällig moderne Gesellschaften für die Auswirkungen von Naturgewalten sind. So faszinierend die Geschichte ist, die ich erzählen will: Sie sollte uns stets zugleich die Zerbrechlichkeit unserer eigenen Welt vor Augen führen.
Ich wollte schon lange ein Buch wie dieses schreiben, daher geht mein Dank in erster Linie an Rob Tempio, der mich 2007 zum Mittagessen einlud und mich bat, ein Buch über den Zusammenbruch am Ende der späten Bronzezeit zu schreiben. Ich war sofort angetan von der Idee, denn für mich ist die späte Bronzezeit die faszinierendste Epoche der Weltgeschichte, erklärte ihm aber gleich, dass ich nicht nur darüber schreiben wollte, was damals zusammenbrach, sondern auch wie und warum es zu dem Zusammenbruch kam. Glücklicherweise fand er die Idee gut. Daher sind der Anfang und das Ende des Buches dem Zusammenbruch der Zivilisationen in der Ägäis und im östlichen Mittelmeerraum gewidmet, während der Mittelteil ein Bild dieser unterschiedlichen Kulturen und ihrer Leistungen in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v.Chr. zeichnet. Ich bin hocherfreut, dass Princeton University Press dieses Werk als ersten Band seiner neuen Reihe Wendepunkte in der Geschichte des Altertums (herausgegeben von Barry Strauss und Rob Tempio) veröffentlicht hat und dass wir nun eine aktualisierte und überarbeitete Ausgabe vorlegen können.
Weiterhin gilt mein Dank dem University Facilitating Fund der George Washington University für ihr Sommerstipendium – sowie zahlreichen Freunden und Kollegen, u.a. Assaf Yasur-Landau, Israel Finkelstein, David Ussishkin, Mario Liverani, Kevin McGeough, Reinhard Jung, Cemal Pulak, Shirly Ben-Dor Evian, Sarah Parcak, Ellen Morris und Jeffrey Blomster, mit denen ich ergiebige Gespräche über viele relevante Themen führen durfte. Besonders möchte ich mich bei Carol Bell, Reinhard Jung, Kevin McGeough, Jana Mynářová, Gareth Roberts, Kim Shelton, Neil Silberman und Assaf Yasur-Landau bedanken, die mir auf Anfrage bestimmtes Material oder detaillierte Antworten auf spezifische Fragen zugesandt haben, sowie bei Randy Helm, Louise Hitchcock, Amanda Podany, Barry Strauss, Jim West und zwei anonymen Gutachtern, die das gesamte Manuskript gelesen und mit Anmerkungen versehen haben. Ich danke der National Geographic Society, dem Oriental Institute der University of Chicago, dem Metropolitan Museum of Art und der Egypt Exploration Society für die Erlaubnis, einige der Bilder, die in diesem Buch auftauchen, abzubilden. Speziell im Hinblick auf diese überarbeitete und aktualisierte Ausgabe möchte ich zu guter Letzt Miroslav Bárta, Trevor Bryce, Yoram Cohen, Brandon Lee Drake, Martin Finné, John Haldon, Jim Harrell, Héctor Hinojosa-Prieto, Luke Kemp, Mark Macklin, Neil Roberts, Eelco Rohling und Assaf Yasur-Landau dafür danken, dass sie mich immer wieder mit Informationen versorgt, mir ihre neuesten Publikationen zur Verfügung gestellt und mir Feedback zu meinen Interpretationen ihrer Erkenntnisse gegeben haben.
Ein Großteil des Materials in diesem Buch besteht aus meinen eigenen Forschungsergebnissen und Veröffentlichungen zu den internationalen Beziehungen in der späten Bronzezeit, die im Laufe der letzten 30 Jahre oder mehr erschienen sind und die ich hiermit auf den neuesten Stand gebracht und zugunsten einer besseren Lesbarkeit überarbeitet habe; darüber hinaus stelle ich aber selbstverständlich auch die Arbeiten und Schlussfolgerungen vieler anderer Wissenschaftler dar. Mein herzlicher Dank geht daher auch an die Herausgeber und Verleger verschiedener Fachzeitschriften und Sammelbände, in denen einige meiner früheren einschlägigen Artikel und Publikationen erschienen sind, für ihre Erlaubnis, das Material in diesem Buch zu reproduzieren, wenn auch zumeist in veränderter und aktualisierter Form. Dazu gehören u.a. David Davison von Tempus Reparatum/Archaeopress, Jack Meinhardt und die Zeitschrift Archaeology Odyssey, James R. Mathieu und die Zeitschrift Expedition, Virginia Webb und das Annual of the British School at Athens, Mark Cohen und CDL Press, Tom Palaima und Minos, Robert Laffineur und die Aegaeum-Reihe, Ed White und Recorded Books/Modern Scholar, Garrett Brown und die National Geographic Society sowie Angelos Chaniotis und Mark Chavalas. Ich habe versucht, in den Endnoten und der Bibliographie eindeutig die Publikationen zu dokumentieren, in denen meine früheren Beiträge über die hier bearbeiteten Themen zu finden sind. Sollte ich irgendeine Formulierung oder eine andere Entlehnung aus einer meiner eigenen früheren Veröffentlichungen oder einem Beitrag von jemand anderem zu belegen versäumt haben, so geschah dies gänzlich ohne Absicht und kann gerne in einer späteren Ausgabe korrigiert werden, falls erforderlich.
Last, but not least, dankeich meiner Frau Dianefür viele anregende Gespräche über einzelne Aspekte dieses Materials und für den Entwurf einiger der hier verwendeten Abbildungen. Ihr und unseren Kindern möchte ich zudem für die Geduld danken, die sie aufbrachten, während ich andiesemBuch arbeitete.Wieimmerhat meinTextenorm von der fachkundigen Redaktion und dem kritischen Feedback meines Vaters, Martin J. Cline, profitiert.
Zusammenbruch der Zivilisationen:1177 v.Chr.
Als die Krieger die Bühne der Weltgeschichte betraten, kamen sie schnell voran und brachten Tod und Verwüstung über das Land. Die moderne Wissenschaft nennt sie kollektiv »Seevölker«, aber die Ägypter benutzten diesen Begriff nicht, sondern nannten in ihren Aufzeichnungen stets die einzelnen Gruppen, die zusammen auftraten: Peleset, Tjeker, Šekeleš, Šardana, Danunäer und Wašaš – fremd klingende Namen für fremd aussehende Menschen.1
Abgesehen von diesen Namen verraten uns die ägyptischen Aufzeichnungen nur wenig über sie. Wir wissen nicht genau, woher die Seevölker ursprünglich kamen – nach einem möglichen Szenario vielleicht von Sizilien, Sardinien und aus Italien, vielleicht aber auch aus der Ägäis oder Westanatolien, vielleicht von Zypern oder aus dem östlichen Mittelmeer. Es ist noch niemandem gelungen, eine antike Stätte als den Ort ihrer Herkunft oder den Ausgangspunkt ihrer Reisen zu identifizieren. Die Seevölker fuhren unaufhaltsam von Ort zu Ort und überrannten dabei ganze Länder und Königreiche. Glaubt man den ägyptischen Texten, so schlugen sie in Syrien ihr Lager auf, bevor sie die Küste von Kanaan (einen Teil der heutigen Staaten Syrien, Libanon und Israel) überfielen und schließlich ins ägyptische Nildelta vordrangen.
Das geschah 1177 v.Chr., im achten Regierungsjahr von Pharao Ramses III.2 Nach den Aufzeichnungen der alten Ägypter und neueren archäologischen Befunden kamen einige der Seevölker auf dem Landweg, andere übers Meer. Sie hatten keine Uniformen, keine aufwändigen Kleider. Alte Bilder zeigen eine Gruppe mit Federschmuck auf dem Kopf, eine andere mit Schädelkappen, wieder andere mit gehörnten Helmen oder ganz ohne Kopfbedeckung. Einige trugen kurze Spitzbärte und kurze Röcke, der Oberkörper nackt oder mit einer Tunika bedeckt, andere hatten keine Bärte und trugen längere, ebenfalls rockähnliche Kleidungsstücke. Diese Beobachtungen legen nahe, dass die Seevölker aus unterschiedlichen Gruppen aus verschiedenen Regionen und verschiedenen Kulturen bestanden. Sie waren mit scharfen Bronzeschwertern, Holzstangen mit glänzenden Metallspitzen sowie mit Pfeil und Bogen bewaffnet und kamen auf Schiffen, Kutschen, Ochsenkarren und Streitwagen. Auch wenn ich hier 1177 v.Chr. als Jahreszahl in den Mittelpunkt rücke, wissen wir, dass die Eindringlinge in Wellen kamen, und das über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg. Manchmal kamen die Krieger allein, manchmal wurden sie von ihren Familien begleitet.3
Wie uns die Inschriften von Ramses berichten, gab es kein Land, das in der Lage gewesen wäre, der Masse der Eindringlinge etwas entgegenzusetzen. Jeder Widerstand war zwecklos. Die damaligen Großmächte – die Hethiter, die Mykener, die Kanaaniter, die Zyprer und andere mehr – fielen ihnen eine nach der anderen zum Opfer. Manchen gelang es nur zu überleben, indem sie vor dem Massaker flohen, andere hausten bald in den Ruinen ihrer einst so stolzen Städte; es gab aber auch Menschen, die sich den Invasoren anschlossen, ihre Anzahl weiter anschwellen ließen und zu der offensichtlichen Vielschichtigkeit des eindringenden Mobs beitrugen. Jede einzelne Gruppe der Seevölker befand sich in Bewegung, die Motivation dafür war aber offenbar recht unterschiedlich. Vielleicht war es der Wunsch nach Beute oder Sklaven, der einige antrieb; andere könnten Dürren, Hungersnöte oder der demographische Druck dazu gezwungen haben, den Westen zu verlassen und im Osten ihr Glück zu suchen.
An den Mauern seines Totentempels in Medinet Habu, nahe dem Tal der Könige, stehen Ramses’ prägnante Worte:
Die Fremdländischen verschworen sich auf ihren Inseln. Im Kampfgewühl wurden die Länder auf einen Schlag vernichtet. Kein Land hielt ihren Armeen stand, Ḫatti, Qadi, Qarqemiš, Arzawa, Alašija waren [auf einen Schlag] entwurzelt. Sie schlugen an einem Ort im Inneren von Amurru ihr Lager auf. Sie vernichteten die Bewohner und das Land, als habe es nie existiert. Während die Flamme vor ihnen bereitet wurde, kamen sie vorwärts gegen Ägypten. Die Länder Peleset, Tjeker, Šekeleš, Danunäer und Wašaš verbündeten sich. Sie legten Hand an alle Länder bis ans Ende der Welt; ihre Herzen waren zuversichtlich und voller Vertrauen.4
Wir kennen die Orte, die von den Invasoren angeblich überrannt wurden, sie waren im Altertum allesamt berühmte Stätten. Ḫatti war das Land der Hethiter, sein Kernland befand sich auf der Hochebene im Landesinneren von Anatolien in der Nähe des heutigen Ankara; das Reich erstreckte sich von der Küste der Ägäis im Westen bis nach Nordsyrien im Osten. Qadi lag wahrscheinlich im heutigen Südosten der Türkei (möglicherweise handelt es sich um die antike Region Kizzuwatna). Karkemiš ist eine bekannte archäologische Stätte, die von einem Archäologenteam ausgegraben wurde, dem neben Sir Leonard Woolley (den man eher durch die Ausgrabung von Abrahams »Ur in Chaldäa« im Irak kennt) auch Thomas E. Lawrence angehörte (der vor seinen Heldentaten im Ersten Weltkrieg, die ihn am Ende zum Hollywoodhelden »Lawrence von Arabien« machten, in Oxford Klassische Archäologie studiert hatte). Das Land Arzawa kannten die Hethiter gut, es lag innerhalb ihres Einflussbereichs in Westanatolien. Alašija könnte die Insel gewesen sein, die wir heute als Zypern kennen – eine Insel mit großen Metallvorkommen, die vor allem für ihr Kupfererz berühmt war. Amurru lag an der Küste Nordsyriens. In den Kapiteln und in den Geschichten, die folgen, werden wir all diesen Orten noch einmal begegnen.
Die sechs Einzelgruppen, aus denen die Seevölker bei dieser Invasionswelle bestanden – die fünf oben von Ramses in der Inschrift in Medinet Habu aufgezählten sowie eine sechste Gruppe, die man Šardana (manchmal auch Šerden) nannte und die in einer weiteren Inschrift erwähnt wird – sind um einiges rätselhafter als die Länder, die sie angeblich überrannten. Sie hinterließen keine eigenen Inschriften, so dass wir sie fast ausschließlich aus ägyptischen Inschriften kennen.5
Abb. 1 Seevölker als Gefangene in Medinet Habu(nach Medinet Habu 1930, Taf. 44. Mit freundlicherGenehmigung des Oriental Institute der University of Chicago).
Die meisten dieser Gruppen sind auch in archäologischer Hinsicht nur schwer zu fassen, obwohl Archäologen und Philologen genau dies seit fast 100 Jahren immer wieder ganz tapfer versuchen – erst mittels linguistischer Versuche, in jüngerer Zeit dann anhand von Keramik und anderen archäologischen Funden. So hat man zum Beispiel die Danunäer mit Homers Danaern aus der bronzezeitlichen Ägäis identifiziert. Von den Šekeleš nimmt man immer wieder an, dass sie aus dem heutigen Sizilien stammen, die Šardana aus Sardinien – die Basis dieser Annahme ist einerseits die Ähnlichkeit der Konsonanten, andererseits Ramses’ Bemerkung über die »Fremdländischen« von den » Inseln«; bei den Šardana heißt es in Ramses’ Inschriften zudem explizit, sie wohnten »auf See«.6
Diesen Vorschlägen schließen sich allerdings längst nicht alle Wissenschaftler an. Eine ganze Forschungsrichtung ist der Ansicht, die Šekeleš und die Šardana seien gar nicht aus dem westlichen Mittelmeerraum gekommen, sondern aus Gebieten im östlichen Mittelmeer – später, nach dem Sieg der Ägypter, seien sie dann nach Sizilien und Sardinien geflüchtet; so seien diese Regionen überhaupt erst zu ihren Namen gekommen. Dafür spricht die Tatsache, dass die Šardana schon lange vor dem Aufkommen der Seevölker für und auch gegen die Ägypter kämpften. Dagegen spricht, dass Ramses III. erwähnt, die überlebenden Angreifer hätten sich in Ägypten niedergelassen.7
Von allen ausländischen Gruppen, die hier zu jener Zeit aktiv waren, ist es bislang nur bei einer gelungen, sie zu identifizieren. Es gilt als sicher, dass das Seevolk der Peleset mit den Philistern identisch ist, die laut der Bibel (Amos 9:7; Jer. 47:4) von Kreta stammten. Die linguistische Identifizierung war so offensichtlich, dass Jean-François Champollion, der die ägyptischen Hieroglyphen entschlüsselte, dies bereits vor 1836 vorgeschlagen hatte; 1899 identifizierten biblische Archäologen in Tell es-Safi, dem biblischen Gat, erstmals bestimmte Keramik- und Architekturstile sowie weiteres Material als »philistäisch«.8
Auch wenn wir über Herkunft und Motivation der Angreifer nichts Genaues wissen, können wir doch immerhin feststellen, wie sie aussahen – wir kennen ihre Namen und ihre Gesichter von den Reliefs an den Mauern des Totentempels Ramses’ III. in Medinet Habu. Diese antike Stätte ist reich an Bildern und hieroglyphischen Texten. Rüstungen, Waffen, Kleidung, Schiffe und mit Habseligkeiten beladene Ochsenkarren der Invasoren sind in den Darstellungen deutlich sichtbar, und zwar in einer solchen Detailfülle, dass diverse Wissenschaftler Individuen und sogar Schiffe, die dort abgebildet sind, analysiert haben.9 Es gibt auch weitaus martialischere Bilder: Eines zeigt Invasoren und Ägypter mitten in einer chaotischen Seeschlacht; einige sind eindeutig tot – sie treiben mit dem Kopf nach unten im Wasser –, andere kämpfen weiterhin heftig aus ihren Schiffen heraus.
Seit den 1920er Jahren haben Ägyptologen vom Oriental Institute der University of Chicago die Inschriften und Bilder in Medinet Habu untersucht und sorgfältig kopiert. Dieses Institut war und ist noch heute eine der weltweit führenden Institutionen, wenn es um das Studium der antiken Zivilisationen Ägyptens und des Nahen Ostens geht. Gegründet wurde es von James Henry Breasted nach dessen Rückkehr von einer abenteuerlichen Reise durch den Nahen Osten in den Jahren 1919 und 1920; das Startkapital von 50.000 Dollar stellte John D. Rockefeller Jr. bereit. Archäologen vom OI (wie man es meistens nennt) waren an Ausgrabungen im gesamten Nahen Osten beteiligt, unter anderem im Iran und in Ägypten.
Über Breasted und die OI-Projekte, die unter seiner Leitung angestoßen wurden, hat man viel geschrieben, beispielsweise über die Ausgrabungen in Megiddo (dem biblischen Armageddon) in Israel, die von 1925 bis 1939 dauerten. Zu den Highlights gehörten mehrere Epigraphik-Surveys in Ägypten, im Rahmen derer hieroglyphische Texte und Szenen, die die Pharaonen in ihren Tempeln und Palästen in ganz Ägypten hinterließen, von Ägyptologen akribisch kopiert wurden – eine unglaublich mühsame Arbeit. Stunden um Stunden standen die Mitarbeiter des Instituts in der prallen Sonne auf Leitern oder hockten auf Gerüsten und versuchten, die längst verwitterten den Symbole an Toren, Tempeln und Säulen abzuzeichnen. Dennoch sind die Ergebnisse dieser Bemühungen von geradezu unschätzbarem Wert, vor allem da viele Inschriften seither stark unter der Erosion und dem Ansturm von Touristen gelitten haben. Hätte man diese Inschriften nicht rechtzeitig übertragen, wären sie irgendwann verschwunden und für künftige Generationen verloren. Die Abschriften von Medinet Habu wurden in mehreren Bänden veröffentlicht; der erste erschien 1930, weitere Bände in den 1940er und 1950er Jahren.
Abb. 2 Seeschlacht mit Seevölkern in Medinet Habu (nach Medinet Habu 1930, Taf. 37. Mit freundlicher Genehmigung des Oriental Institute der University of Chicago).
Auch wenn die Debatte unter Forschern weitergeht und einige der Meinung sind, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen zu Lande und zur See zwei getrennte Ereignisse waren, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten stattfanden, möglicherweise sogar sehr weit im Norden, im nördlichsten Teil von Kanaan (Nordsyrien), sind sich die meisten Experten doch einig, dass die dort dargestellten Schlachten wahrscheinlich nahezu zeitgleich stattfanden, und zwar entweder im Nildelta oder in der Nähe von Medinet Habu. Es kann gut sein, dass sie eine einzige große Schlacht zeigen, die zugleich an Land und auf See ausgetragen wurde, und einige Forscher haben darauf hingewiesen, hier könne dargestellt sein, wie die Ägypter beide Streitmächte der Seevölker in einen Hinterhalt lockten.10 Das endgültige Ergebnis bezweifelt indes niemand – in Medinet Habu hält der ägyptische Pharao ganz eindeutig fest:
Der Same derer, die meine Grenze erreichten, ist ausgelöscht, mit ihren Herzen und ihren Seelen hat es auf ewig ein Ende. Diejenigen, die zusammen über das Meer gekommen waren, erwartete an den Flussmündungen die volle Flamme, während ein Meer aus Lanzen sie am Ufer umgab. Man lockte sie ins Landesinnere, schloss sie ein und tötete sie an der Küste niedergestreckt, schichtete ihre Leichname zu Haufen. Ich habe die Länder dazu gebracht, den Namen Ägyptens nicht auszusprechen; wenn sie in ihrem Land meinen Namen dennoch aussprechen, dann werden sie verbrannt.11
In einem berühmten Dokument, das man als »Großer Papyrus Harris« bezeichnet, führt Ramses dies weiter aus und nennt noch einmal die Namen seiner besiegten Feinde:
Ich stürzte die, die sie von ihrem Land aus überfielen. Ich schlug die Danunäer, die auf ihren Inseln [sind], die Tjeker und die Peleset wurden zu Asche. Die Šardana und Wašaš des Meeres – sie wurden behandelt, als hätten sie nie existiert; einmal nahm man sie fest und brachte sie als Gefangene nach Ägypten, [zahlreich] wie der Sand am Ufer. Ich setzte sie in meinem Namen in Burgen fest. Hunderttausende zählten ihre Klassen. Ich besteuerte sie alle jedes Jahr, in Kleidung und Getreide aus den Lagerhäusern und den Getreide-speichern.12
Dies war nicht das erste Mal, dass die Ägypter gegen die gesammelte Streitmacht der »Seevölker« kämpften: Bereits 30 Jahre zuvor, im Jahr 1207 v.Chr., dem fünften Jahr der Herrschaft des Pharaos Merenptah, hatte eine ähnliche Ansammlung nicht genau identifizierbarer Krieger Ägypten angegriffen. Merenptah ist Kennern des alten Orients vor allem deshalb vertraut, weil er als erster ägyptischer Pharao den Begriff »Israel« verwendete, übrigens in einer Inschrift aus exakt demselben Jahr (1207 v.Chr.). Diese Inschrift markiert zugleich die früheste Verwendung des Namens Israel außerhalb der Bibel. In der pharaonischen Inschrift ist der Name mit einer speziellen Markierung gekennzeichnet, die anzeigt, dass es sich dabei um ein Volk und nicht um einen Ort handelt. Erwähnt wird der Name im Zusammenhang mit einer knappen Beschreibung eines Feldzugs in die Region Kanaan, wo das Volk, das er »Israel« nennt, angesiedelt war.13 Die betreffenden Sätze stehen innerhalb einer viel längeren Inschrift, in der es vornehmlich um Merenptahs langwierige kriegerische Auseinandersetzungen mit den Libyern geht, Ägyptens Nachbarn im Westen. Die Libyer und die Seevölker beanspruchten die Aufmerksamkeit des Pharaos in jenem Jahr weitaus mehr als die Israeliten.
Ein Text aus Heliopolis zum Beispiel, datiert auf »Jahr fünf, Monat zwei der dritten Jahreszeit (zehnter Monat)«, teilt uns mit: »Der elende Anführer Libyens ist [mit] Šekeleš und jedem fremden Land, das ihm beisteht, eingefallen und hat die Grenzen Ägyptens verletzt«.14 Den gleichen Wortlaut finden wir in einer anderen Inschrift, die man als »Säule von Kairo« kennt.15 In einer längeren Inschrift in Karnak (dem heutigen Luxor) erfahren wir noch ein paar weitere Einzelheiten zu dieser frühen Angriffswelle der Seevölker. Die einzelnen Gruppen sind darin genau bezeichnet:
[Zu Beginn des Siegs, den seine Majestät im Land Libyen errang, kamen] Ekweš, Tereš, Lukka, Šardana, Šekeleš, alle von Ländern des Nordens, … in der dritten Jahreszeit und sagten: Der elende, gefallene Anführer Libyens … ist mit seinen Bogenschützen – Šardana, Šekeleš, Ekweš, Lukka, Tereš – ins Land der Tehenu eingefallen, wobei er die besten Krieger und jeden einzelnen Kämpfer seines Landes mitnahm
Die Liste der Gefangenen, die aus dem Lande Libyen und von den Ländern, die es mitbrachte, fortgeschafft wurden
Šerden, Šekeleš, Ekweš, die keine Vorhaut hatten, von den Ländern des Meeres:
Šekeleš: 222 Männer,
das ergibt 250 Hände.
Tereš: 742 Männer,
das ergibt 790 Hände.
Šardana: –
[das ergibt] –
[Ek]weš, die keine Vorhaut hatten, wurden erschlagen, ihre Hände wurden weggeführt, (denn) sie hatten keine [Vorhaut] –
Šekeleš und Tereš, die als Feinde Libyens kamen –
218 Männer der Qeheq und Libyer wurden lebend als Gefangene abgeführt.16
Zwei Dinge gehen aus dieser Inschrift eindeutig hervor. Erstens waren an diesem früheren Angriff der Seevölker nicht sechs, sondern fünf Gruppen beteiligt: Šardana (oder Šerden), Šekeleš, Ekweš, Lukka und Tereš; die Šardana und Šekeleš tauchen später zur Zeit Ramses’ III. wieder auf, die anderen drei Gruppen nicht. Zweitens werden die Šardana, Šekeleš und Ekweš ausdrücklich als »von den Ländern des Meeres« identifiziert, und von den fünf Gruppen heißt es kollektiv, sie seien »alle von Ländern des Nordens« gekommen. Letzteres ist nicht allzu überraschend, denn die meisten Länder, mit denen das Land zur Zeit des Neuen Reiches in Kontakt stand, lagen nördlich von Ägypten (außer Nubien und Libyen). Die Identifizierung der Šardana und Šekeleš als »von den Ländern des Meeres« verstärkt die Vermutung, dass sie in irgendeiner Weise mit Sardinien und Sizilien zu tun haben.
Dass auch die Ekweš als »von Ländern des Nordens« kommend genannt werden, hat einige Wissenschaftler zur Annahme verleitet, damit könnten die Achaier Homers gemeint sein, also die Mykener des griechischen Festlandes der Bronzezeit – ebenjenes Volk, das Ramses III. in seinen Seevölker-Inschriften zwei Jahrzehnte später vielleicht mit »Danunäer« bezeichnete. Was die letzten beiden Namen betrifft, so akzeptiert die Wissenschaft in der Regel Lukka als Verweis auf ein Volk aus dem Südwesten der Türkei, derjenigen Region, die in der klassischen Zeit »Lykien« hieß; man kennt sie auch aus früheren Inschriften von Ramses II. über die Schlacht bei Kadesch 1274 v.Chr. sowie aus einer Reihe hethitischer Inschriften. Der Ursprung des Tereš ist ungewiss, vielleicht waren es die italischen Etrusker.17 Viel mehr geben die Inschriften nicht her, und auch über den Schauplatz der Schlacht(en) können wir nur vage Vermutungen anstellen. Merenptah sagt lediglich, der Sieg sei »im Lande Libyen« errungen worden, das er weiter als »Land der Tehenu« definiert. Indes wird ganz klar, dass Merenptah den Sieg für sich beansprucht, denn er listet getötete und gefangen genommene feindliche Krieger sowie ihre »Hände« auf. Damals war es Brauch, den getöteten Feinden eine Hand abzuschneiden und mit nach Hause zu bringen, um die übliche Belohnung für die Tötung eines feindlichen Kämpfers einzustreichen. Erst kürzlich entdeckte man einen grausigen Beweis für diese Praxis aus der Hyksoszeit, etwa 400 Jahre vor Merenptah, in der Form von 16 rechten Händen, die beim Hyksos-Palast in Avaris im Nildelta in vier Gruben verscharrt worden waren.18 Ob alle Angehörigen der Seevölker getötet wurden oder ob einige überlebten, wissen wir nicht – anzunehmen ist jedoch Letzteres, bedenkt man, dass mehrere dieser Gruppen 30 Jahre später zu einer zweiten Invasion zurückkehrten.
Im Jahr 1177 v.Chr., wie bereits 1207 v.Chr., besiegten die Ägypter die Seevölker. Sie kehrten kein drittes Mal nach Ägypten zurück. Ramses war stolz darauf, dass er den Feind »zum Kentern brachte und an Ort und Stelle überwand«: »Ihre Herzen«, schrieb er, »werden ihnen fortgenommen, ihre Seelen fliegen davon. Ihre Waffen sind auf See verstreut.«19 Dennoch war es ein Pyrrhussieg: Obwohl das Ägypten Ramses’ III. die einzige Großmacht war, die dem Ansturm der Seevölker jemals erfolgreich widerstanden hatte, war das ägyptische Neue Reich danach doch nicht mehr dasselbe. Das lag indes an anderen Problemen, denen sich zu jener Zeit wahrscheinlich der gesamte Mittelmeerraum ausgesetzt sah, wie wir im Folgenden sehen werden. Die Pharaonen, die auf Ramses III. folgten und die übrige Zeit des 2. Jahrtausends v.Chr. Ägypten beherrschten, waren damit zufrieden, ein Land zu verwalten, dessen Einfluss und Macht rapide schwanden. Am Ende war Ägypten nicht mehr als ein zweitklassiges Imperium und nur noch ein müder Abklatsch dessen, was es einst gewesen war. Erst unter dem libyschstämmigen Pharao Scheschonq I., der ca. 945 v.Chr. die 22. Dynastie gründete (und der wahrscheinlich mit dem alttestamentlichen Pharao Šišak identisch ist20) fand Ägypten wieder ein Stück weit zu seiner alten Form und Geltung zurück.
Außer Ägypten verloren fast alle Länder und Mächte in der Ägäis und im Vorderen Orient – die in der späten Bronzezeit den Ton angegeben hatten – im 2. Jahrtausend v.Chr. an Bedeutung und verschwanden von der Bildfläche, entweder unmittelbar oder doch binnen weniger als einem Jahrhundert. Es war, als wäre die Zivilisation selbst in weiten Teilen dieser Region ausgelöscht worden. In riesigen Gebieten, von Griechenland bis nach Mesopotamien, gingen viele, wenn nicht sogar alle zivilisatorischen Fortschritte der vergangenen Jahrhunderte verloren. Eine neue Epoche des Übergangs begann, die mindestens 100, in manchen Regionen vielleicht sogar 300 Jahre dauerte.
Man kann sich gut vorstellen, wie in diesen Ländern damals Angst und Schrecken herrschten. Ein ganz konkretes Beispiel dafür findet sich auf einer Tontafel, in die ein Brief des Königs von Ugarit in Nordsyrien an den (in der Hierarchie über ihm stehenden) König von Zypern eingeritzt ist:
Mein Vater, jetzt sind die Schiffe des Feindes eingetroffen. Sie stecken seither meine Städte in Brand und verwüsten das Land. Weiß mein Vater nicht, dass alle meine Fußtruppen und [Streitwagen] in Ḫatti stationiert sind und dass alle meine Schiffe im Lande der Lukka stationiert sind? Sie sind noch nicht zurückgekommen, daher liegt das Land darnieder. Möge mein Vater Kenntnis von dieser Angelegenheit haben. Jetzt haben uns die sieben Schiffe des Feindes, die gekommen sind, bereits Schaden zugefügt. Falls weitere Schiffe des Feindes auftauchen, sende mir irgendwie einen Bericht, damit ich es weiß.21
Die Forschung ist sich nicht ganz einig, ob die Tafel ihren Adressaten auf Zypern erreicht hat. Die Ausgräber, die die Tafel entdeckten, glaubten, der Brief sei wahrscheinlich gar nicht abgeschickt worden. Es hieß ursprünglich, man habe ihn zusammen mit mehr als 70 anderen Tafeln im Inneren eines Brennofens gefunden – sicherlich wollte man die Tafel brennen, damit sie die Reise nach Zypern besser überstünde.22 Die Ausgräber und andere Gelehrte vermuteten zunächst, dass die feindlichen Schiffe zurückgekehrt waren und die Stadt überfallen hatten, bevor das Hilfeersuchen auf den Weg gebracht werden konnte. So lautet die Geschichte, die die Geschichtsbücher erzählen und die einer ganzen Studentengeneration aufgetischt wurde. Dabei hat man inzwischen herausgefunden, dass die Tafel nicht in einem Brennofen lag und dass es sich (wie wir später sehen werden) nur um eine Kopie des Briefes handelt; einiges spricht dafür, dass das Original tatsächlich nach Zypern geschickt wurde.
Früher gab es in der Forschung die Tendenz, alle solche zerstörerischen Überfälle in jener Epoche den Seevölkern zuzuschreiben.23 Mitunter wurde behauptet, dass die Seevölker deshalb so erfolgreich waren, weil sie bereits Waffen aus Eisen besaßen; so steht es in einigen älteren Lehrbüchern, und bis heute geistert diese Behauptung durch das Internet. Aber das stimmt nicht: Ihre Waffen waren aus Bronze, wie die aller anderen Völker auch.24 Diesen Völkern die komplette Schuld für das Ende der Bronzezeit in der Ägäis und im östlichen Mittelmeerraum zu geben, wäre sicherlich vermessen; so viel Macht werden sie kaum gehabt haben. Wir haben aber ohnehin keine eindeutigen Beweise für ihr Wirken, abgesehen von den ägyptischen Texten und Inschriften, die jedoch einen widersprüchlichen Eindruck hinterlassen. Fielen die Seevölker als organisierte Armee ins östliche Mittelmeer ein, im Sinne eines der besser organisierten Kreuzzüge im Mittelalter, die zum Ziel hatten, das Heilige Land zu erobern? Handelte es sich um eine eher locker bzw. schlecht organisierte Bande von Plünderern wie die späteren Wikinger?25 Oder waren sie Flüchtlinge, die vor einer Naturkatastrophe flohen und neue Orte zum Besiedeln suchten? Soviel wir wissen, könnte die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen – vielleicht war es eine Kombination aller drei oben genannten Aspekte, vielleicht traf aber auch keiner davon zu.
Immerhin: In den letzten Jahrzehnten ist eine Fülle neuer Daten aufgetaucht, die man hier mit berücksichtigen muss.26 So sind wir uns heute durchaus nicht mehr so sicher, dass alle Orte, an denen sich Spuren der Zerstörung fanden, von den Seevölkern heimgesucht wurden. Archäologische Befunde verraten uns zuverlässig, dass eine Stätte zerstört wurde, aber nicht immer wovon oder von wem. Darüber hinaus wurden nicht alle diese Stätten zur selben Zeit zerstört, viele nicht einmal im selben Jahrzehnt. Wie wir sehen werden, erstreckte sich der Untergang insgesamt über mehrere Jahrzehnte, vielleicht sogar über ein ganzes Jahrhundert.
Während wir also noch immer nicht die genaue Ursache (oder alle Ursachen) dafür kennen, weshalb die Welt der Bronzezeit in Griechenland, Ägypten und dem Vorderen Orient zusammenbrach, weist die aktuelle Forschungslage doch eher darauf hin, dass die Schuld nicht allein bei den Seevölkern zu suchen ist. Als wahrscheinlicher gilt, dass sie beim Zusammenbruch der Zivilisationen nicht nur Aggressoren waren, sondern zugleich auch selbst zu den Opfern gehörten.27 Eine Hypothese besagt, dass sie durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und Ereignisse gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und nach Osten auszuwandern, während sich die dortigen Königreiche und Imperien bereits im Niedergang befanden. Es ist durchaus möglich, dass sie allein deshalb in der Lage waren, diese Monarchien erfolgreich anzugreifen, weil diese bereits im Untergang begriffen und entsprechend geschwächt waren. Insofern könnte man den Seevölkern höchstens vorwerfen, dass sie besonders opportunistisch waren (wie es ein Forscher ausgedrückt hat). Ebenso könnte ihre Besiedlung des östlichen Mittelmeerraums weitaus gesitteter und mit weniger Blutvergießen einhergegangen sein, als man früher angenommen hat. Wir werden diese Möglichkeiten im Folgenden noch näher betrachten.
Jahrzehntelang waren die Seevölker für die Wissenschaft ein willkommener Sündenbock für eine Situation, die weit komplexer war, als man annahm, und für die sie letztlich gar nicht so viel konnten. Jetzt scheint sich das Blatt zu wenden: Mehrere Wissenschaftler haben kürzlich darauf hingewiesen, dass die »Geschichte« der katastrophalen Welle von mutwilliger Zerstörung und/oder Migration, die die Seevölker angeblich über das östliche Mittelmeer brachten, von Gelehrten wie Gaston Maspero, dem berühmten französischen Tab. 1 Im Text erwähnte spätbronzezeitliche Könige Ägyptens und des alten Orients, chronologisch nach Land / Reich.
