150 Jahre BRENNTAG - Christopher Kopper - E-Book

150 Jahre BRENNTAG E-Book

Christopher Kopper

0,0
29,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die erste wissenschaftliche Aufarbeitung der Brenntag-Unternehmensgeschichte

„Von Berlin in die Welt“ – Die ungewöhnliche Geschichte von Brenntag, der heutigen Nummer eins im globalen Handel mit Chemikalien und Inhaltsstoffen, startet im Jahr 1874. Vom jüdischen Unternehmer Philipp Mühsam als Eiergroßhandel gegründet, entstand in wechselvollen 150 Jahren ein Weltkonzern. Prägend waren dabei vor allem die Übernahme und Umbenennung der Firma durch die Unternehmerfamilie Stinnes in Nazideutschland. Grundlegend für die Entwicklung und Aufstellung von Brenntag waren zudem die Chemisierung der Welt und die Internationalisierung des Geschäfts.

Gestützt auf vielfältige Quellen beschreiben die Autoren den Weg eines binnenmarktorientierten Familienunternehmens zum börsennotierten „Global Player“. Die Unternehmensstudie bietet einen Blick in die kaum erforschte Geschichte der Chemiedistribution und ist ein Streifzug durch verschiedene Phasen der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 395

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Christopher KopperStephanie Tilly

150 Jahre BRENNTAG

Von Berlin in die Welt

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.Der Verlag hat sich bemüht, alle Rechteinhaber*innen ausfindig zu machen, verlagsüblich zu nennen und zu honorieren. Sollte uns dies im Einzelfall nicht möglich gewesen sein, werden wir begründete Ansprüche selbstverständlich erfüllen.Erstellt in Zusammenarbeit mit der Gesellschaftfür Unternehmensgeschichte e. V.www.unternehmensgeschichte.de

Copyright © 2024 by Siedler Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Lektorat: Fabian Bergmann

Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München

Umschlagabbildungen: vorne: © Mayk Azzato; hinten: siehe Bildnachweis, Abbildung 18

Satz: Markus Miller, München

ISBN 978-3-641-33136-8V001

www.siedler-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Christian Kohlpaintner

1. Einleitung

Christopher Kopper / Stephanie Tilly

2. Von der Landproduktenhandlung zum Chemikalien- und Mineralölhandel: Die Philipp Mühsam oHG in Berlin als Pionierunternehmen

Christopher Kopper

3. Krieg und Hyperinflation: Auf dem Weg zur Philipp Mühsam AG

Christopher Kopper

4. Die Philipp Mühsam AG in der wechselvollen wirtschaftlichen Entwicklung der Weimarer Republik

Christopher Kopper

5. Als jüdisches Unternehmen unter dem Naziregime: Die Jahre von 1933 bis 1936

Christopher Kopper

6. „Arisierung“: Der Verkauf der Philipp Mühsam AG an die Familie Stinnes

Christopher Kopper

7. Brenntag als Teil der Stinnes-Unternehmensgruppe vor und während des Krieges

Christopher Kopper

8. Der Neubeginn in Mülheim an der Ruhr

Stephanie Tilly

9. Das Mineralölunternehmen Brenntag im Motorisierungsboom

Stephanie Tilly

10. Die Krise der Stinnes-Unternehmensgruppe und der Verkauf von Brenntag

Stephanie Tilly

11. Brenntag als Tochter der (Hugo) Stinnes AG im Konzernverband der VEBA (1965–1999)

Stephanie Tilly

12. Weiterentwicklung unter wechselnden Eigentümern – als Tochter der Stinnes AG, der Deutschen Bahn AG und im Eigentum internationaler Finanzinvestoren

Christopher Kopper / Stephanie Tilly

13. Wieder selbstständig – Brenntag ab 2010

Christopher Kopper / Stephanie Tilly

14. Ergebnisse

Christopher Kopper / Stephanie Tilly

Quellen- und Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Abbildungen, Grafiken und Tabellen

Bildnachweis

Anmerkungen

Register

Vorwort

Ein Unternehmen – unser Unternehmen – wird 150 Jahre alt. Wie kann das gelingen?

Planung? Kaum. Glück? Auch. Leistung? Sicher.

„Vom Eierhändler zum Weltmarktführer in der Chemiedistribution“ – diese Beschreibung wurde in der Vergangenheit häufig verwendet, um die Entwicklung unseres Unternehmens zu charakterisieren. Wie ist Brenntag aber diesen Weg wirklich gegangen?

Es war mir eine Herzensangelegenheit, die Entwicklung von Brenntag historisch aufarbeiten und ausleuchten zu lassen – ungefiltert, also auch und besonders dort, wo dunkle Schatten auf unserer Geschichte lasten.

Die Aufarbeitung war anspruchsvoll. Wir konnten nur auf wenige bestehende Unterlagen zurückgreifen. Christopher Kopper und Stephanie Tilly haben über zwei Jahre lang recherchiert und zahlreiche Archive eingesehen, um unsere Unternehmensgeschichte möglichst vollständig zu rekonstruieren. Einige Themen und Schlussfolgerungen mussten dennoch offenbleiben.

150 Jahre Brenntag – ein Anlass zu Freude und Stolz? Natürlich.

Brenntags Geschichte verläuft nicht linear, ist geprägt von einschneidenden Ereignissen, von oft sehr mutigen Entscheidungen, aber auch von erzwungenen Schritten. Die historischen Ereignisse in Deutschland haben unser Unternehmen tief geprägt – im Positiven wie im Negativen.

Gerade deshalb ist es so wichtig, sich unserer Unternehmensgeschichte gewahr zu sein, sie aus heutiger Sicht erneut zu betrachten und einzuordnen.

Die Menschen – unsere Mitarbeitenden – waren und sind die treibende Kraft, der nie nachlassende Motor unseres Unternehmens. Brenntag hat in seiner langen Geschichte zahllose Unternehmen übernommen, ist durch und mit diesen Akquisitionen gewachsen. Aus verschiedenen Ländern, Regionen und Kulturen stammend haben die Menschen, die hinter diesen Firmen stehen, ihre eigenen kulturellen Werte und Erfahrungen mitgebracht und damit unsere Brenntag-Kultur geformt.

Neue Kolleginnen und Kollegen, unsere Kunden und Lieferanten bestätigen uns immer wieder eine besondere Wärme, Offenheit und Partnerschaftlichkeit, mit der wir ihnen bei Brenntag begegnen.

Dies ist unsere DNA, Ergebnis eines großen Schmelztiegels aus Kulturen, Erfahrungen und Wissen, auf den wir stolz sein können. Und ein wundervoller Kontrapunkt zu dem, was einst in dunkelster Zeit sein sollte.

Die Offenheit, neue Wege zu gehen und neue Geschäftsmodelle auszuprobieren, führte zu großen Erfolgen, aber auch immer wieder zum Scheitern. Aufgeben war jedoch nie die Antwort, sondern Um- und Neudenken. Und bei allem Wandel der Wille, sich stets zu fokussieren und sich erneut auf seine Stärken zu besinnen. Dafür steht „Fokus im Wandel“, das Motto unseres Jubiläumsjahres.

Ich sehe es als unsere Aufgabe, die Lehren und Erfahrungen der letzten 150 Jahre ernst zu nehmen. Wir möchten sie bewahren, auch durch die Einrichtung eines umfassenden Unternehmensarchivs und weitere historische Aufarbeitung. Aber vor allem verstehen wir sie als Grundlage für unsere Ausrichtung auf die Zukunft. Viele der wesentlichen Fragen – was waren die Erfolgsfaktoren, was die Kriterien für wichtige Entscheidungen, wie wurden Risiken und Chancen abgewogen? – werden sich uns immer wieder stellen.

Offenheit, Konstanz, Expansion und Fokus – diese komplementären Werte stehen für mich für die Erfahrungen und Eigenschaften, die Brenntag über 150 Jahre erfolgreich gemacht haben.

Dies sind auch die Werte, die ich persönlich und als Vorstandsvorsitzender von Brenntag weiter in die Zukunft tragen möchte.

Dr. Christian Kohlpaintner

Vorstandsvorsitzender der Brenntag SE

1. Einleitung

„Vom Eierhändler zum Weltmarktführer in der Chemiedistribution“ – hinter dieser Kurzform der Brenntag-Historie steht ein markanter und wechselvoller Entwicklungsprozess. Aus einem familiengeführten Handelsunternehmen mit einem lokalen Absatzmarkt wuchs im Zeitverlauf der Weltkonzern Brenntag heran. Dieser Kontrast zwischen seinem heutigen globalen Status und den Anfängen im örtlichen Eierhandel erscheint sehr bemerkenswert. Wie wurde Brenntag zu dem, was es heute ist? Die Fähigkeit zur Veränderung ist eine grundlegende und unabdingbare Voraussetzung für den Fortbestand eines Unternehmens. „Erfolg im Wandel“ – dieses Motto hatte das Unternehmen selbst anlässlich eines früheren Jubiläums formuliert.

Blickt man auf die Eigentümerstrukturen von Brenntag, so stehen Beständigkeit und Transformation nebeneinander: In der Brenntag-Historie gab es eine fast 60 Jahre lange Epoche als familiengeführtes Unternehmen mit weitgehend konstanten Inhaberstrukturen, aber auch Phasen, in denen die Eigentümer in rascher Folge wechselten. Zudem gehörte Brenntag einige Jahrzehnte zum Firmenkonglomerat der Unternehmerfamilie Stinnes und ist sowohl mit der Geschichte der Hugo Stinnes OHG als auch mit der Geschichte der Stinnes AG eng verbunden.

Was waren die wichtigsten Etappen und Wendepunkte auf dem firmengeschichtlichen Pfad? Dies soll im Folgenden nachgezeichnet werden. Dabei betritt das Buch in verschiedener Hinsicht Neuland. Während es eine umfangreiche geschichtswissenschaftliche Forschung über die deutsche Chemieindustrie gibt, blieb die Geschichte des Handels mit Chemikalien bisher unerforscht.

Für Nichtspezialisten außerhalb der Branche ist die Verteilung von chemischen Erzeugnissen im Markt ein wenig sichtbarer Prozess. Auch dies spiegelt sich in der Brenntag-Geschichte wider. Die Ausdehnung und weltweite Präsenz des Unternehmens korrespondieren nicht notwendigerweise mit einer ausgeprägten Bekanntheit der Firma im breiten Publikum. Bis heute erscheint Brenntag trotz seiner Platzierung im Aktienindex DAX und seiner Position als Weltmarktführer in der Chemiedistribution noch immer als ein hidden champion. Dies mag etwas damit zu tun haben, dass die Chemiedistribution ein Business-to-Business-Geschäft ist und damit viel weniger im Fokus der Öffentlichkeit steht als die Produktion von Chemikalien. Gleichwohl stellt sie ein wesentliches Verbindungsstück zwischen der produzierenden Chemie und großen Teilen der Industrie insgesamt dar. Auch die Aufgabenteilung innerhalb der Chemiewirtschaft war im Zeitverlauf von Umbrüchen geprägt, die sich in der Brenntag-Geschichte niederschlagen. Das Wachstum der Chemiemärkte und die Ausdifferenzierung der Produktvielfalt in der chemischen Industrie stärkten auch die Rolle der Chemikalienhändler innerhalb der Chemiewirtschaft. Wie sah dabei der spezifische Weg von Brenntag aus? Vieles spricht dafür, dass Brenntag mehrmals einen grundlegenden Transformationsprozess vollzog, um sich auf veränderte Rahmenbedingungen einzustellen. Dabei konnte es historisch gewachsene Ressourcen nutzen, brach aber auch Brücken in die Vergangenheit ab und beschritt ganz neue Wege.

Ein Schnelldurchlauf durch die 150-jährige Brenntag-Historie veranschaulicht, dass sie verschiedene Dimensionen des wirtschaftlichen Wandels abbildet. Vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs manifestiert das Brenntag-Geschäft die beginnende Chemisierung der Welt. In den 1920er und 1930er Jahren spiegelt sich der Beginn der Motorisierung in den Investitionen und im Absatz, bevor die Politik des nationalsozialistischen Regimes die jüdischen Eigentümer zum Verkauf zwang. Nach dem Zweiten Weltkrieg schlug sich der als „Wirtschaftswunder“ bezeichnete Boom der 1950er und 1960er Jahre im starken Wachstum des Chemikalienhandels und des Mineralölgeschäfts nieder. Brenntag veränderte allmählich sein Produktportfolio und fasste dabei in neuen Märkten Fuß. Zudem war seine Entwicklung über sechs Jahrzehnte eng mit dem Namen Stinnes verknüpft. Damit scheinen in einigen Abschnitten der Brenntag-Historie auch Aspekte der wechselvollen Geschichte verschiedener Gesellschaften der Unternehmerfamilie Stinnes auf, da etwa die Hugo Stinnes OHG und die Hugo Stinnes AG (später: Stinnes AG) die Brenntag-Geschäfte in einigen Phasen entscheidend prägten. Über die Entwicklung der Stinnes-Unternehmen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts findet sich in der wirtschaftshistorischen Forschungsliteratur jedoch erstaunlich wenig, sodass hier in einigen Kapiteln auch dieser Kontext miterzählt wird – sofern es die Quellenlage erlaubt.

Die Geschichte von Brenntag ist auch eine Geschichte der Globalisierung. Sie zeigt, wie ein zunächst lokales, dann regionales, dann deutschlandweit agierendes Distributions- und Logistikunternehmen durch Nutzung der sich modernisierenden Fortbewegungs- und Transportmittel immer mehr neue Märkte erschloss und durch Gründung von ausländischen Tochtergesellschaften und zahlreiche Unternehmenskäufe seinen Markt von Deutschland über Europa bis in die ganze Welt ausdehnte. Aus einem familiengeführten Mittelständler mit einfachen und direkten Entscheidungswegen entwickelte sich ein Unternehmen mit einer komplexen Organisationsstruktur und einem internationalen Management. Entscheidungsprozesse basierten in zunehmendem Maße auf betriebswirtschaftlichem, technischem und naturwissenschaftlichem Wissen und immer weniger auf Erfahrungswissen.

Die Geschichte von Brenntag birgt auch eine politische Dimension. Während der deutschen Teilung war es als führendes Chemiehandelsunternehmen prädestiniert, im Geschäftsverkehr zwischen der Bundesrepublik und der DDR eine starke Rolle zu spielen. Seit den 1960er Jahren war es auch in andere, streng vertrauliche Geschäfte zwischen Bundes- und DDR-Regierung involviert, die einem humanitären Zweck dienten: dem Freikauf von politischen Häftlingen aus den Gefängnissen der DDR. Dafür nutzte man Netzwerke und Verfahrenswege, die sich bereits zuvor in kirchlich initiierten Warentransfers etabliert hatten. Denn bereits in den 1950er Jahren gehörte Brenntag zum Kreis von einigen wenigen Vertrauensfirmen, die das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland mit Warenlieferungen beauftragte, deren Gegenwerte den evangelischen Landeskirchen in der DDR zuflossen.

Dieses Buch geht also einer Reihe von Fragen nach, muss aber auch einige Antworten schuldig bleiben. Für die Zeit bis 1945 sind die überlieferten Dokumente zum Teil nur spärlich. Während die Jahresabschlüsse lückenlos erhalten blieben, lassen sich wichtige Fragen zu strategischen Entscheidungen, zur operativen Geschäftspolitik und zur Organisation des Absatzes bloß ansatzweise und teilweise nur hypothetisch beantworten. Für die Zeit nach 1945 gilt dies in weiten Teilen ebenfalls, da Unterlagen aus dem Geschäftsgang von Brenntag weitgehend fehlen und die der Muttergesellschaft Ende der 1950er Jahre abbrechen. Zu Fragen, die die Innensicht im Zeitverlauf betreffen – beispielsweise das Personalwesen im wachsenden Unternehmen –, gibt es nur kursorische Hinweise.

Da bei Brenntag selbst nur wenige Akten überliefert sind, wurde seine Geschichte durch ein Dokumentenpuzzle aus Aktenbeständen in öffentlichen Archiven rekonstruiert. Als besonders hilfreich erwiesen sich die Bestände der Stinnes-Unternehmen im Archiv für Christlich-Demokratische Politik, die umfassende Einblicke in die Zeit von 1937 bis zum Ende der 1950er Jahre bieten. Das Bundesarchiv, das Archiv der Diakonie und das Stasi-Unterlagen-Archiv enthalten wichtige Akten zu speziellen Aspekten des Brenntag-Geschäfts. Wesentliche Informationen zur Geschäftsentwicklung wurden in verschiedensten Aktenbeständen zahlreicher anderer Archive und durch Recherchen in der zeitgenössischen Presse gesammelt. Als Beispiele seien das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, das Landesarchiv Berlin, das Archiv der Commerzbank AG, das Archiv der Deutschen Bahn AG, das Landeshauptarchiv Brandenburg, das Staatsarchiv Hamburg, das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsarchiv und die Archive verschiedener Unternehmen genannt. Zudem wurde die schriftliche Überlieferung durch Interviews mit einigen Zeitzeugen ergänzt.*

Auf welche Weise hat Brenntag die verschiedenen Herausforderungen in den 150 Jahren seines Bestehens bewältigt? In zwölf Kapiteln nimmt dieses Buch zentrale Phasen der unternehmenshistorischen Entwicklung in den Blick und zeichnet nach, wie Brenntag sein Geschäftsmodell formte und ein zunehmend globales Netzwerk aufbaute.

Im Zeitverlauf hat sich die Bezeichnung des Unternehmens mehrfach verändert. Phasenweise existierten die Brenntag AG und die Brenntag GmbH nebeneinander. Später bildete Brenntag einen Geschäftsbereich innerhalb der Stinnes AG, der wiederum verschiedene Brenntag-Teilgesellschaften umfasste. Die zeitgenössischen Bezeichnungen werden im Buch aufgegriffen, wenn eine eindeutige Zuordnung möglich ist. Gleichwohl wird wie schon auf diesen Seiten auch im Folgenden häufig kurz von „Brenntag“ die Rede sein, sofern die Geschäfte des Unternehmens mit seinen verschiedenen Wurzeln oder Bereichen insgesamt gemeint sind. Dies gilt insbesondere für die Jahrzehnte nach 1965, da hier die wenigen Quellen – beispielsweise die Aufsichtsratsprotokolle – häufig nicht nach den einzelnen Gesellschaften differenzieren.

* Für die Unterstützung bei unseren Forschungen möchten wir uns herzlich bedanken! Ohne die vielfältige Hilfe bei unseren Recherchen in den Archiven und anderen Forschungseinrichtungen, die Zeitzeugengespräche bei Brenntag und die versierten Vorstudien der GUG hätte das Buch nicht in dieser Form vorgelegt werden können. Insbesondere danken wir sehr herzlich Fabian Engel, Michael Bermejo-Wenzel, Dennis Blum, Dirk Ullmann, Michael Hansmann, Peter Craemer, Josephin Hensel, Susanne Kill, Dietmar Bleidick, Ulrich Soénius, Paul Hahn, Rotraut Neumann, Gabriele Roolfs-Broihan, Rainer Herrmann, Gabriele Rausch, Ulrike Schöppner, Carola Schmitt-Köpke, Robert Moser und Marco Fernschild.

2. Von der Landproduktenhandlung zum Chemikalien- und Mineralölhandel: Die Philipp Mühsam oHG in Berlin als Pionierunternehmen

Die Ursprünge der Familie Mühsam

Die Vorgeschichte von Brenntag beginnt in einer Kleinstadt in Oberschlesien. Im Jahr der deutschen Revolution von 1848 kam sein künftiger Gründer Philipp Mühsam am 14. November in der Kleinstadt Pitschen (Byczyna) in einer kinderreichen jüdischen Kaufmannsfamilie zur Welt.1 Sein Vater Abraham Adolph Mühsam (21. November 1816–30. November 1875) verdiente sein Geld im Handel mit Getreide und anderen Agrarprodukten, die er im ländlichen Umland von Pitschen kaufte. Philipps Mutter war Henriette Mühsam, geborene Neumann (22. September 1823–18. April 1896).

Dem Säugling und Kleinkind entging natürlich, dass 1848/49 der revolutionäre Anlauf zur Gründung einer parlamentarischen Monarchie scheiterte und der preußische König die Hoffnungen des Bürgertums auf ein liberales und parlamentarisches Königtum sowie einen deutschen Nationalstaat zunichtemachte. Doch die Emanzipation, die Befreiung der jüdischen Bürger in Preußen durch die schrittweise Aufhebung diskriminierender Rechtseinschränkungen, wurde durch diesen politischen Rückschlag nicht aufgehalten. Die Generation Philipp Mühsams war die erste der Familie, die gleiche Rechte wie Christen erhielt und mit diesem neuen gesellschaftlichen Status aufwachsen konnte.

Abraham Adolph Mühsam gehörte zu den geachteten Einwohnern von Pitschen. Nach dem Ende des monarchischen Absolutismus, als die erste preußische Verfassung von 1850 die Juden zu formell gleichberechtigten Bürgern erhob, erhielt er die Position eines ehrenamtlichen Magistratsmitglieds.2 1856 zog er mit seiner Familie aus Pitschen fort und verlegte ihren Wohnsitz nach Berlin. Da aus dieser Zeit nur sehr wenige dokumentarische Zeugnisse über die Mühsams überliefert sind, kann man lediglich sachlich begründete Hypothesen über das Umzugsmotiv entwickeln. Während die Bevölkerungszahl von Pitschen stagnierte und die wirtschaftliche Entwicklung nur wenig Dynamik entfaltete, versprach die schnell wachsende preußische Metropole Kaufleuten aus der Provinz einen stetig wachsenden Absatzmarkt. Das sich nicht minder zügig entwickelnde Eisenbahnnetz verband Berlin zudem mit allen Teilen Preußens und des Deutschen Zollvereins, des Freihandelsraums, der fast alle Staaten des späteren Deutschen Reiches umfasste.

Abbildung 1: Der Firmengründer Philipp Mühsam, 1848–1914.

Die Familie Mühsam zog in die Spandauer Vorstadt zwischen der Oranienburger und der Rosenthaler Straße, ein Viertel, in dem viele jüdische Familien lebten und zahlreiche jüdische Einrichtungen wie Synagogen und Schulen angesiedelt waren. Mit seinen sechs Geschwistern wuchs Philipp Mühsam in einem Haus in der Linienstraße 112 auf. Doch die Geschäfte seines Vaters entwickelten sich so gut, dass die Familie 1863 ein zweistöckiges Haus in der Oranienburger Straße 73 kaufen konnte.3 Der Preis von 67.500 Mark deutet auf zwei Faktoren hin. Zum einen lagen die Immobilienpreise in Berlin höher als in allen anderen Städten des künftigen Deutschen Reiches. Zum anderen benötigte man höhere Nettoeinnahmen und eine hohe Kreditwürdigkeit bei den Banken, wenn man ein Haus zu diesem Preis erwerben konnte.

Leider sind keine Dokumente über Philipps Schulbildung und seine berufliche Ausbildung überliefert, doch es spricht viel für die Annahme, dass sein Vater ihm eine höhere Schulbildung ermöglichen konnte. Mindestens einer seiner Brüder, der 1855 geborene Benno, machte das Abitur, studierte Jura und schloss sein Studium mit dem prestigeträchtigen Doktortitel ab. Die Familie Mühsam war in dieser Hinsicht durchaus typisch. Bis in das Klein- und Kleinstbürgertum waren die jüdischen Deutschen ausgesprochen bildungsorientiert und in den Institutionen der höheren Bildung deutlich überrepräsentiert. Während sie nur ein Prozent der gesamten Bevölkerung umfassten, lag der jüdische Anteil an der Gesamtzahl der Studenten bei über 5 Prozent.4

Die jüdischen Deutschen gehörten zu den Gewinnern des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im jüdischen Bürgertum galten unternehmerische Tüchtigkeit, eine höhere Schulbildung und ein akademisches Studium als Mittel zum sozialen Aufstieg in einer Gesellschaft, in der sich die Bedeutung der traditionellen Standesschranken verminderte. Bildungsstreben und unternehmerische Tüchtigkeit förderten die Anerkennung durch die nicht jüdische Umwelt und den Erwerb bürgerlicher Respektabilität. Die Familie Mühsam wurde zu einem Teil des Bildungs- und des Wirtschaftsbürgertums, des Trägers des wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Fortschritts in dieser Epoche.

Religiös waren die Mühsams nicht. Als die weitverzweigte Familie im November 1911 aus allen Teilen des Reiches zu einem Familientag in einem guten Berliner Restaurant zusammentraf, standen Speisen wie Schildkrötensuppe und Forelle blau mit Buttersoße auf dem Tisch, die eindeutig nicht koscher waren.5 Das gediegene Ambiente zeigte, dass die Mühsams als Unternehmer, Rechtsanwälte und Apotheker den Aufstieg in gehobene bürgerliche Kreise geschafft hatten. Um Streit zu verhindern, legten die Organisatoren des Familientags fest, nicht über religiöse und politische Fragen zu sprechen. Hierfür gab es Gründe, denn die politischen Ansichten gingen innerhalb der Großfamilie weit auseinander. Während Philipp Mühsam wohl den Nationalliberalen nahestand, stand sein entfernter Münchener Verwandter Erich Mühsam (1878–1934) politisch weit links und war ein bekannter anarchistischer Schriftsteller.6

Die Gründung der Firma Philipp Mühsam

Es spricht vieles dafür, dass Philipp Mühsam zunächst im Geschäft seines Vaters mitarbeitete und dort den Getreide- und Landproduktenhandel von der Pike auf erlernte. Im Alter von nicht ganz 26 Jahren machte er sich dann mit einer Großhandlung für Agrarprodukte („Commissons-Geschäft für Landes-Producte“) selbstständig. Am 9. Oktober 1874 wurde die Firma Philipp Mühsam im Firmenregister des Königlichen Stadtgerichts Berlin unter der Nummer 8335 eingetragen.7

Abbildung 2: Amtliche Mitteilung über die Gründung der Firma Philipp Mühsam am 9. Oktober 1874.

Die Gründung fiel in eine turbulente Konjunkturphase. 1873 endete der spekulative Boom der Gründerjahre mit dem Platzen einer Spekulationsblase und einem drastischen Fall des völlig überhöhten Kursniveaus für Aktien. Die Realwirtschaft blieb davon nicht verschont, da auch die Preise für Immobilien und industriell erzeugte Güter fielen. Doch führte das Platzen der Blase nicht zu einer konjunkturellen Rezession, und die Startbedingungen für Unternehmensgründer hatten sich im Vergleich zu den Jahren davor nicht verschlechtert. Auch für neu gegründete Unternehmen standen die Chancen weiterhin nicht schlecht. So konnte auch Mühsam mit seinem jungen Unternehmen reüssieren.

Das nicht unerhebliche Startkapital von 21.000 Mark stammte nicht von ihm allein. Es war typisch für ein Familienunternehmen, dass sich sein jüngerer Bruder Carl (1849–1892) und seine Mutter Henriette (1823–1896) als stille Teilhaber mit Einlagen von jeweils 7.000 Mark beteiligten.8 Und als sein älterer Bruder Ismar (1847–1911) 1880 als Partner in das Unternehmen eintrat, wurde es in die Philipp Mühsam oHG (offene Handelsgesellschaft) umgewandelt.9

Ein Indiz deutet darauf hin, dass Mühsams Geschäft gut anlief. Laut dem erhalten gebliebenen Bilanzbuch erzielte er 1875, im ersten Geschäftsjahr, einen Bruttoertrag von 56.000 Mark.10 Obwohl sein kleines Unternehmen laut dem Berliner Adressbuch zunächst als „Getreide- und Kommissionsgeschäft“ firmierte,11 machte es den größten Teil des Umsatzes im Großhandel mit Eiern. Das „Eier Conto“ im Bilanzbuch weist einen Gewinn von 49.896,83 Mark im Jahr 1875 aus. Diese Summe lässt eine hohe Umsatzmenge annehmen, da ein Ei zu der Zeit im Einzelhandel etwa fünf Pfennige kostete.12 Bereits im zweiten Geschäftsjahr verkaufte Mühsam eine beträchtliche Anzahl an Eiern in Berlin.

Abbildung 3: Das Eier-Conto von 1875.

Der Erfolg war darauf zurückzuführen, dass seine potenzielle Kundschaft vor Ort stetig wuchs. Während sich der Getreideverkauf zunehmend auf größere Mühlenbetriebe mit dampfbetriebenen Maschinen verlagerte, die das Korn von großen Getreidehändlern kauften, waren Mühsams Kunden kleine Einzelhändler. Der schnelle Bevölkerungsanstieg in Berlin ließ den Absatzmarkt für Eier und andere Agrarprodukte stetig wachsen. In nur 24 Jahren, von 1871 bis 1895, verdoppelte sich die Einwohnerschaft von 826.000 auf 1.677.000 Menschen. Nie zuvor und niemals danach wuchs eine Großstadt in Deutschland so schnell wie Berlin vor der Jahrhundertwende. Aus den damals noch selbstständigen Stadtgemeinden Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg und Rixdorf (heute Neukölln) entwickelten sich in wenigen Jahrzehnten größere Städte, die mit der Kernstadt räumlich zusammenwuchsen.

Abbildung 4: Eine Bestellung über frische Eier vom 24. Juni 1878.

Wachstum und ein neues Geschäftsmodell: der Droguen- und Chemikalienhandel

1879 trug Mühsam seinem erfolgreichen Geschäftsfeld Eierhandel Rechnung und benannte das Unternehmen in „Getreide-, Product-, Eier- und Butter-Kommissionsgeschäft“ um.13 Die Geschäftsräume befanden sich in der Oranienburger Straße 73, ganz in der Nähe seiner Wohnung in der Oranienburger Straße 60. Erstaunlicherweise gab es seit 1877 für elf Jahre sogar eine Filiale in London, über deren Geschäfte leider keine Dokumente überliefert sind.14 Sie wurde 1877 mit einem beträchtlichen Kapitalaufwand von 122.400 Mark gegründet, aber erwirtschaftete in den folgenden elf Jahren nur einen Gewinn von insgesamt 114.200 Mark, von dem sie laut der Bilanz für 1888 nichts an die Eigentümer ausschüttete. Wegen ihrer zu geringen Erträge und der zu hohen Kapitalbindung wurde sie 1888 geschlossen.15

Steigende Umsätze und die Kapitaleinlage seines Bruders Ismar ermöglichten Mühsams Unternehmen im Jahr 1881 den Umzug in die Friedrichstraße 105a, eine zentralere und angesehenere Adresse als die Oranienburger Straße in der Spandauer Vorstadt.16 Außerdem verlegte Mühsam seine Wohnung an den begehrten Schiffbauerdamm an der Spree, direkt gegenüber dem neu gebauten Bahnhof Friedrichstraße. Da der Nachlass der Familie Philipp Mühsam offenbar nicht existiert, zumindest aber nicht auffindbar ist, kann man sein privates Leben nur in groben Zügen rekonstruieren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er seine Frau Bertha,17 geborene Samson (1857–1939), 1881 heiratete. Ihre gemeinsame Tochter Eva wurde am 16. Dezember 1881, ihr Sohn Kurt am 31. Dezember 1887 geboren.

Aus dem Berliner Adressbuch lässt sich im Jahr 1881 eine wichtige Entscheidung Mühsams für die gesamte weitere Zukunft seines Unternehmens erkennen. Nur zwei Jahre nach der letzten Namensänderung firmierte die Philipp Mühsam oHG als ein „Droguen-, Farben-, Chemikalien-, Eier- und Produktengeschäft“, ein Zeichen, dass sie den Handel mit Chemikalien und Medikamentengrundstoffen aufgenommen hatte. Die zunehmend exakter werdende Naturwissenschaft der Chemie hatte sich erst seit Ende des 18. Jahrhunderts mit praktisch verwertbaren Ergebnissen im technischen Bereich, in der Landwirtschaft und der Medizin entwickelt. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Chemikalien auch industriell und in größeren Mengen hergestellt und dadurch ein wichtiger Teil des wirtschaftlichen Lebens.

Mangels entsprechender Überlieferung ist anzunehmen, dass Mühsam erkannte, wie verhältnismäßig leicht er sein florierendes Geschäftsmodell als Bindeglied zwischen Groß- und Einzelhändlern von Agrarprodukten auf den Handel mit Chemikalien ausweiten konnte. Dabei spielte ihm sicherlich in die Karten, dass die Umsätze in diesem Bereich dank des wirtschaftlichen und technischen Fortschritts deutlich schneller wuchsen; hier konnte er um einiges höhere Erträge erwarten als im stärker besetzten und ökonomisch weniger dynamischen Landproduktenhandel.

Mühsam fokussierte sich dabei zunächst auf die Textilwirtschaft; die Hersteller von Textilien benötigten Mittel zum Bleichen der Stoffe vor dem Färben. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts lösten synthetisch erzeugte Farbstoffe der Hersteller BASF, Bayer und Hoechst die pflanzlichen Naturfarbstoffe ab. Die dafür benötigten chemischen Grundstoffe wie Soda, Salz-, Schwefel- und Salpetersäure wurden von der chemischen Industrie an den Großhandel geliefert. Mühsam kaufte die Produkte in passenden Partiegrößen an, um sie an die mittelständische Textilindustrie weiterzuveräußern. Neben den chemischen Produkten für die Textilwirtschaft handelte er ab 1881 auch mit Farben, bezog von den Herstellern industriell produzierte Wand- und Textilfarben, die er an Maler- und kleinere Textilbetriebe weiterverkaufte.

Neben dem Tätigkeitsbereich des Chemikalienhandels tauchte im Adressbuch ab 1881 erstmals auch der Begriff „Droguen“ auf. Unter diesem zeitgenössischen Terminus verstand man pharmazeutische Grundstoffe, die Mühsam nun von der chemischen Industrie und Verkäufern pflanzlicher Heilmittel bezog und an Kleinunternehmer wie Berliner Apotheker und Drogisten lieferte. Eine andere wichtige Stoffgruppe waren industriell produzierte Alkohole und Karbolsäure, die zur Herstellung von Lösungs- und Desinfektionsmitteln dienten.

Abbildung 5: Rechnung von 1902 über Asbestmehl zur Verwendung als Bindemittel und Pigment in Steinholzböden.

Auch wenn Mühsam sein Geschäftsmodell im Wesentlichen beibehielt, bedeutete der Wechsel vom Handel mit Agrarerzeugnissen hin zu dem mit Chemikalien gewiss eine Umstellung. Trotz der sicherlich deutlich gestiegenen Betriebsausgaben erwies sich der Umstieg jedoch als Erfolg.18 Im strengen Sinne des Wortes war Mühsam kein Pionierunternehmer, da es bereits zahlreiche Konkurrenten in dieser Branche gab. Doch obwohl das Berliner Adressbuch des Jahres 1880 140 Chemikalienhersteller und -händler verzeichnete, konnte sich Mühsam im stark besetzten Feld seiner Mitbewerber behaupten.19 Ab 1891 nannte sich das Unternehmen „Philipp Mühsam Drogen-, Farben- und Chemikaliengroßhandlung“, ein endgültiges Indiz dafür, dass es rund 17 Jahre nach seiner Gründung den Handel mit Agrarprodukten ganz aufgegeben hatte.20

Ab 1883 residierte die Philipp Mühsam oHG wieder in der Spandauer Vorstadt, im Erdgeschoss des Hauses Linienstraße 132.21 Mühsam zeigte sich technikaffin und nutzte bereits früh die Möglichkeiten der modernen Kommunikationstechnik. Schon 1882, als es in Berlin nur wenige Hundert Anschlüsse gab, besaß die Philipp Mühsam oHG ein Telefon.22 Dabei waren Telefone ein teures Gut, das in der Regel nur größere und erfolgreiche Unternehmen kaufen oder mieten konnten. Bereits vier Jahre später gab es dann allerdings über 4.000 Anschlüsse in Berlin.

Für den Transport der Waren zu den Endabnehmern sorgten auch nach der Umstellung auf den Handel mit Chemikalien zunächst angestellte Kutscher und Pferdefuhrwerke. In den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren Autos seltene und teure Luxusgüter, die entweder zum Freizeitvergnügen der Wirtschaftselite oder als Investition in die Zukunft der Mobilität angeschafft wurden. Erst in den 1920er Jahren sollten sich Autos auf den Straßen Berlins verbreiten. Mühsam hingegen erwarb für das Unternehmen bereits 1910 das erste Auto zum stolzen Preis von 17.000 Mark, der dem Jahreseinkommen eines Regierungspräsidenten entsprach.23

Dank des Wachstums seiner Firma konnte Mühsam 1886 ein neues Geschäftshaus in der Alexandrinenstraße 11 im Stadtteil Kreuzberg kaufen. Das große vierstöckige Gebäude mit einem Bilanzwert von 201.000 Mark und einer Grundfläche von 2.150 Quadratmetern war die weitaus wertvollste Kapitalanlage des Unternehmens. Dank seiner Reputation bei den Banken konnte Mühsam fast den gesamten Kaufpreis mit einem Hypothekendarlehen finanzieren.24 Das Haus lag nicht in einem Wohn- und Geschäftsviertel und war etwas weiter vom Zentrum des alten Berlin entfernt, besaß aber deutlich größere Erweiterungsmöglichkeiten als die bisherigen Quartiere. Während die Mühsams die Räume im Erdgeschoss mit ihrem Geschäft belegten, waren die Wohnungen in den drei oberen Stockwerken vermietet.25 Die damals noch sehr lockeren Vorschriften für die Lagerung brennbarer und ätzender Gefahrgüter schlossen eine kombinierte Wohn- und Geschäftsnutzung nicht aus. Da sein Unternehmen weiter expandierte, ließ Mühsam das 1883 gebaute Haus 1901 durch zwei Seitenflügel mit einem Bilanzwert von 293.000 Mark erweitern.26 Bis zum Verkauf der Philipp Mühsam AG im Jahr 1937 blieb es ihr Geschäftssitz.

Am 1. April 1888 trat auch Mühsams jüngerer Bruder Carl als Partner in die offene Handelsgesellschaft ein.27 1898 überschritt die Bilanzsumme zum ersten Mal die Millionengrenze.28 Der zunehmende geschäftliche Erfolg ermöglichte Mühsam den Aufstieg in das gehobene Berliner Bürgertum. Als er 1901 auf Vorschlag der Berliner Handelskammer vom Preußischen Justizministerium zum ehrenamtlichen Handelsrichter am Landgericht Berlin I ernannt wurde, war dies ein Zeichen seiner erworbenen bürgerlichen Respektabilität.29 1903 wählte ihn die Handelskammer zum ersten Mal in den Fachausschuss Chemikalien, Drogen, Farben und Lacke, was man als Indiz dafür werten kann, dass er auch Zugang zum Kreis der großen Chemikalien- und Farbenhändler fand.30

Die steigenden Nettoerträge seines Unternehmens nutzte Mühsam, um sein Geschäftsfeld zu diversifizieren, und gründete im Dezember 1904 mit vier Partnern in Berlin die Heymann & Schmidt Luxuspapierfabrik AG mit Sitz in der Schönhauser Allee 164, die sich auf die Herstellung von Kalendern, Postkarten, Glückwunschkarten, Reklameartikeln sowie Plakaten spezialisierte und ein recht hohes Grundkapital von 1,5 Millionen Mark besaß. Da Mühsam zu einem der drei Aufsichtsratsmitglieder gewählt wurde, dürften sein Kapitalanteil an der Papierfabrik und sein Ansehen in Unternehmerkreisen nicht unerheblich gewesen sein.31

Es war nicht die erste Firma, an deren Gründung sich Mühsam beteiligte. 1895 hatte er mit vier weiteren Unternehmern die „Aktiengesellschaft für Chemische Produkte“ gegründet, die neben traditionellen chemischen Produkten aus Naturstoffen (Leim, Fetten, Seifen und Hornmehl) sowie chemischen Grundstoffen wie Glycerin, Salzsäure, Schwefelsäure und Superphosphat auch Endprodukte wie pharmazeutische Präparate, Seifen und Stearin herstellte.32 Bis zu seinem Tod gehörte Mühsam dem Aufsichtsrat an; ihm folgte sein Sohn Dr. Kurt Mühsam.33 Mit den weiteren Unternehmen war Mühsam nicht nur ein verkaufender, sondern auch ein produzierender Unternehmer geworden, wobei sich das Geschäftsfeld der Philipp Mühsam oHG weiterhin auf den Handel beschränkte.

Abbildung 6: Auf diesem Stadtplan von 1910 sind die Standorte des Hauptsitzes in der Alexandrinen-Str. 11 und des Lagers in Britz am Teltow-Kanal markiert.

Der Schritt nach Britz ins Mineralölgeschäft

1906 traf Mühsam eine Entscheidung, die sein Unternehmen langfristig auf Wachstumskurs halten sollte. In der damals noch selbstständigen Gemeinde Britz, heute ein Teil des Stadtbezirks Neukölln, erwarb er ein großes Grundstück in der Nähe des Tempelhofer Wegs, das an den Teltowkanal grenzte. Vorausschauend kaufte Mühsam es zum richtigen Zeitpunkt: Der Kanal befand sich noch im Bau und sollte Anfang 1907 eröffnet werden. Die Philipp Mühsam oHG ließ ein großes vierstöckiges Lagerhaus mit zwei Treppenhäusern und neun Fensterachsen errichten, das auf ein wachsendes Geschäftsvolumen ausgelegt war.

Abbildung 7: Das großzügig dimensionierte Lagerhaus in Britz nach seiner Fertigstellung, 1908.

Obwohl es ein reiner Zweckbau war, ließ der Bauherr die Giebel der Treppenhäuser und oberen Wandabschlüsse mit historistischen Schmuckelementen wie dem Zahnschnitt verzieren. Das Lagerhaus und ein Tanklager, die bis 1908 fertiggestellt wurden, boten optimale Bedingungen für die Lagerung gefährlicher Stoffe.34 Britz befand sich damals noch am Rand von Berlin und hatte weniger als 10.000 Einwohner. Eine Entfernung von mehreren Hundert Metern bis zu den nächsten Wohnhäusern bot bei Feuer und Explosionen ausreichend Sicherheit. Das Gebäude überstand die Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs, blieb bis heute im Eigentum von Brenntag und wird nach wie vor genutzt.

Das Grundstück am Teltowkanal erhielt neben einem Gleisanschluss auch einen Schiffsanleger, der das Unternehmen mit der Havel, dem Elbe-Havel-Kanal, der Elbe sowie dem Seehafen Hamburg und damit mit dem internationalen Ölmarkt verband. Der Anleger half der Philipp Mühsam oHG, die Transportkosten für den Bezug von Mineralölen zu senken. Ein großer Teil des damals in Deutschland verbrauchten Lampenpetroleums und Benzins wurde aus den USA eingeführt und im Hamburger Hafen umgeschlagen. Binnenschiffe transportierten die Mineralölprodukte über die Elbe, die Havel und den Teltowkanal nach Britz. Auch im Mineralölhandel stieg die Philipp Mühsam oHG in die Weiterverarbeitung ein, indem sie selbst Öl raffinierte – 1913 konnte sie sich durch den Bau einer kleinen Raffinerie auf dem Britzer Gelände teilweise von der Preispolitik der Ölverarbeiter unabhängig machen.35

Neben dem Handel mit Farben, Chemikalien und Medikamentengrundstoffen entwickelte die Philipp Mühsam oHG den Mineralölhandel als neues Geschäftsfeld. Hierfür gab es mehrere Gründe: Zum einen war elektrisches Licht nach der Jahrhundertwende in Privathäusern noch wenig verbreitet. Während Geschäftsgebäude bereits etwas häufiger mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet waren, wurden Wohnräume entweder mit Gaslicht oder durch die Verbrennung von Petroleum in Lampen erhellt. Zum anderen ist anzunehmen, dass Mühsam beim Bau der Tanklager weniger an den allmählich schrumpfenden Markt für Lampenpetroleum dachte als an die schnell wachsende Nachfrage nach Benzin für stationäre Verbrennungsmotoren und Motorfahrzeuge, die sich allmählich in der Reichshauptstadt verbreiteten. Doch während Pkw wie gesagt nur für wenige reiche Kraftfahrzeughalter erschwinglich waren, fuhren bereits motorgetriebene Linienbusse und Lieferwagen durch Berlin. Auch als Reinigungsmittel für Gewerbebetriebe spielte Benzin eine zunehmend wichtigere Rolle.36 Mit dem Einstieg in den Mineralölhandel traf Mühsam eine Entscheidung, die das Profil des Unternehmens über 80 Jahre lang bis in die 1980er Jahre prägen sollte.

Abbildung 8: Auch bei Lagergebäuden verzichtete man nicht auf Fassadenschmuck, wie das heute noch genutzte Lagerhaus auf dem Bild von 2023 zeigt.

Die Umsätze der Philipp Mühsam oHG wuchsen stetig. Im Jahr 1906, kurz vor der Fertigstellung des Lagerhauses und des Tanklagers in Britz, erzielte sie bereits einen Umsatz von 1,6 Millionen Mark. Es spricht vieles für die Annahme, dass Mühsam die Bauten überwiegend aus einbehaltenen Gewinnen und nur zu einem geringeren Teil mit Fremdkapital, also Bankkrediten, finanzierte. Das 1913 erschienene „Jahrbuch der Millionäre in der Provinz Brandenburg“ schätzte sein Nettovermögen großzügig auf zwei bis drei Millionen und sein Jahreseinkommen auf 150.000 Mark, das nach seiner Kaufkraft im Jahr 2022 einem Einkommen von 885.000 Euro entsprochen hätte.37 Zu diesem Zeitpunkt war Mühsam wieder der Alleininhaber des Unternehmens, da seine Brüder Carl und Ismar vorzeitig verstorben waren. Nach dem Tod Ismars 1911 führte er die vormals offene Handelsgesellschaft wieder als Einzelunternehmer ohne Teilhaber weiter.38

Im Dezember 1912 wurde die Firma Philipp Mühsam durch einen Seriendiebstahl erschüttert. Am 5. Januar 1913 erfuhren die Leser der „Berliner Börsen-Zeitung“, dass „wertvolle Farben, Lacke und Firnisse“ aus dem Geschäftshaus in der Alexandrinenstraße gestohlen und an Farbenhändler und Malermeister verkauft worden waren.39 Der Artikel ließ offen, ob man den Diebstahl bei einer Kontrolle der Lieferscheine beim Warenausgang oder bei einer Inventur entdeckt hatte. Da die Staatsanwaltschaft bereits Anklage gegen die Weiterverkäufer und die Endabnehmer des Diebesguts erhoben hatte, waren die Ermittlungen der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft zu diesem Zeitpunkt schon fortgeschritten. Zwei Wochen später standen die Angeklagten vor der 4. Strafkammer des Landgerichts Berlin I. Nach einem mehrtägigen Prozess verurteilten die Richter sieben Männer zu Gefängnisstrafen von bis zu zweieinhalb Jahren:40 Zwei Arbeiter und zwei Kutscher der Firma wurden des Diebstahls für schuldig befunden; zwei mitverurteilte Gastwirte hatten den Dieben Lacke und Farben im Wert von 40.000 Mark abgekauft und einen ebenfalls verurteilten Farbenhändler als Abnehmer für die Hehlerware gefunden. Dagegen gingen mehrere weitere mitangeklagte Malermeister straffrei aus, da ihnen das Gericht nicht nachweisen konnte, dass sie die Farben nicht im guten Glauben gekauft hatten.

Am 30. Juni 1914 wurde die Firma Philipp Mühsam von einer ungleich größeren Havarie getroffen. In ihrem Tanklager in Britz brach durch eine ungeklärte Ursache ein Feuer aus, das auf das übrige Firmengelände überzugreifen drohte. Die Feuerwehren von Tempelhof und Britz verfügten bereits über zwei Motorspritzen, doch bis zum Eintreffen am Brandort brauchten die pferdebespannten Spritzenwagen geraume Zeit. Am südlichen Rand des Geländes geriet ein Abstellraum in Brand, in dem Äther, Säuren und Benzin gelagert wurden. Die „Berliner Börsen-Zeitung“ berichtete, dass die Mühsams, ihre Arbeiter und die Anwohner Glück im Unglück hatten und vor Schlimmerem bewahrt wurden. Der Westwind verhinderte eine Ausbreitung auf das Hauptgebäude, das nördlich des Abstellraums lag. Der Bericht schloss mit den Worten: „Personen sollen nicht zu Schaden gekommen sein.“41

Die zweite Generation im Familienunternehmen

Schon einen Monat zuvor hatte die Familie vom Gründer des Unternehmens Abschied nehmen müssen. Philipp Mühsam verstarb am 17. Mai 1914 im Alter von 65 Jahren unter nicht weiter zu ermittelnden Umständen.42 In der angesehenen liberalen Tageszeitung „Vossische Zeitung“ erschienen eine Todesanzeige der Familie, eine Traueranzeige der Prokuristen und Angestellten sowie eine Anzeige der Kutscher und Arbeiter. Die Klassengesellschaft des Deutschen Kaiserreichs mit ihrer strikten „Kragenlinie“ zwischen Arbeitern und Angestellten manifestierte sich auch in der Trauer um den verblichenen Firmenchef. Gleichzeitig verweist die Anzahl der Anzeigen auf den hohen Stellenwert, den Mühsam als Gründer und Inhaber des Unternehmens gehabt haben muss. Dies ist nicht weiter verwunderlich, blickt man auf seine Geschichte zurück. Mühsam war ein erfolgreicher Unternehmer, dem durch die Entwicklung eines kleinen Handelsunternehmens für Agrarerzeugnisse zu einem erfolgreichen Chemikalienhändler mit einer eigenen Raffinerie der Aufstieg in die Berliner Wirtschaftselite gelungen war.

Um Mühsam trauerten seine Witwe Berta, die ihren Mann um 24 Jahre überleben sollte, seine Tochter Eva Kantorowicz (1881–1971), sein Schwiegersohn, der Likörfabrikant Dr. Franz Kantorowicz (1872–1954), Cousin des Historikers Ernst Kantorowicz, und sein Sohn Dr. Kurt Mühsam (1887–1928).

Abbildung 9: Todesanzeigen für Philipp Mühsam in der „Vossischen Zeitung“ vom 19. Mai 1914.

Kurt Mühsam hatte zunächst das Königliche Wilhelms-Gymnasium zu Berlin besucht, das im Laufe seiner langen Geschichte zahlreiche prominente Persönlichkeiten wie den Chemiker Franz Oppenheim, den Industriellen Walther Rathenau, den Publizisten Theodor Wolff und den Schriftsteller Kurt Tucholsky hervorbrachte.43 Aus unbekannten Gründen wechselte Kurt Mühsam an das Königliche Gymnasium zu Wetzlar und bestand dort im Februar 1906 das Abitur. Wie fast alle Abiturienten aus gehobenen bürgerlichen Kreisen leistete er seine Wehrpflicht in Form des Einjährig-Freiwilligen Dienstes bei der Kavallerie ab, wobei sein Vater für Lebensunterhalt und Ausrüstung aufkommen musste. Die ansonsten übliche Ernennung zum Leutnant der Reserve wurde ihm in diesem elitären und dünkelhaften Truppenteil nicht zuteil. Zwar waren Juden nach dem Gesetz gleichberechtigt, aber noch immer einigen gesellschaftlichen Diskriminierungen unterworfen. In allen deutschen Staaten außer Bayern wurde Juden die prestigereiche Position eines Reserveoffiziers versagt.44

Von 1907 bis 1910 studierte Kurt Mühsam in Berlin und in Heidelberg Rechtswissenschaften, wo er über das Thema „Der gewerbliche Lohnkampf im heutigen Strafrecht unter Mitberücksichtigung des Vorentwurfs zu einem Deutschen Strafgesetzbuch“ bei Professor Karl von Lilienthal promovierte. Eine zeittypische Arbeit, insofern sich Unternehmersöhne gerne mit den juristischen Mitteln gegenüber Arbeitnehmern befassten. Da sein Doktorvater zu den führenden deutschen Strafrechtlern gehörte und das Thema seiner Dissertation eine sehr aktuelle und relevante Problematik berührte, hätte er sich vielleicht auch eine Karriere in der Rechtswissenschaft vorstellen können. Nach seiner Promotion verzichtete er jedoch auf das Rechtsreferendariat und damit auf die weitere Ausbildung zum Volljuristen und trat in die väterliche Firma ein, wo er zunächst nur eine bescheidene Vergütung von 800 Mark pro Jahr erhielt. Man kann vermuten, dass der Vater ihn nach dem Tod seiner Brüder zu seinem Nachfolger aufbauen und die familiäre Erbfolge und Konstanz für das Unternehmen sichern wollte. Nach dem Tod seines Onkels Ismar erteilte sein Vater Kurt Mühsam im Juni 1911 Prokura und beteiligte ihn ab 1912 an der Gewinnausschüttung.45 Im Januar 1913 wurde er im Alter von 25 Jahren persönlich haftender Gesellschafter, damit Geschäftspartner seines Vaters, und erhielt ein Drittel des ausgeschütteten Gewinns.46 Bis dahin war es der typische Werdegang eines Unternehmersohnes gewesen – der aber nun das väterliche Erbe vielleicht früher als erwartet antreten musste.

3. Krieg und Hyperinflation: Auf dem Weg zur Philipp Mühsam AG

Die Herausforderung des Ersten Weltkriegs

Durch Kurt Mühsams Eintritt in die Firma war die Fortführung des Unternehmens nach dem Tod Philipp Mühsams gesichert. Unmittelbar nach Kriegsbeginn im August 1914 erteilte er seinem leitenden Mitarbeiter Julius Herz Gesamtprokura, die Vertretungsvollmacht in allen geschäftlichen Angelegenheiten.47 Mühsam sorgte dadurch für den Fall vor, dass er in den Krieg einrücken und die Entscheidungsvollmacht an seine Mitarbeiter delegieren musste.

Wie bei vielen mittleren und großen Unternehmen üblich, gründete die Philipp Mühsam oHG 1915 einen Wohlfahrtsfonds für ihre Arbeiter und Angestellten, der mit einem Kapital von 30.000 Mark ausgestattet war. Die überlieferten Dokumente enthalten keine Informationen über den Anlass, doch es ist durchaus möglich, dass seine Gründung auf dem Letzten Willen von Philipp Mühsam basierte. Der Fonds wurde sicherlich auch ins Leben gerufen, um die Familien der zum Kriegsdienst eingezogenen Mitarbeiter zu unterstützen.48 Zum Zeitpunkt seiner Gründung waren die anfänglichen Hoffnungen auf einen schnellen Sieg Deutschlands im Krieg an der Westfront gegen Frankreich und Großbritannien allgemein schwächer geworden. Es kann angenommen werden, dass Kurt Mühsam für die Zukunft seiner Mitarbeiter vorsorgen und sie indirekt an einem Teil seiner stark steigenden Gewinne beteiligen wollte.

Ein Jahr nach der Übernahme der Firma und dem Tod seines Vaters wurde Kurt Mühsam tatsächlich zum Kriegsdienst einberufen. Leider geben die wenigen erhaltenen Dokumente auch hier keine Auskunft, wie lange der „gediente“ Reservist Mühsam während des Ersten Weltkriegs im Heer dienen musste. Als er Julius Herz im November 1915 mit einem Kapitalanteil von 25 Prozent an der offenen Handelsgesellschaft in den Kreis der Gesellschafter aufnahm und ihn zu einem persönlich haftenden Gesellschafter machte,49 stand seine Einberufung offenbar bevor. Seine Entscheidung zeigte, dass er Herz vertraute und ihn durch eine Kapitalbeteiligung dauerhaft an das Unternehmen binden wollte. Entgegen weitverbreiteten antisemitischen Anschuldigungen kämpfte Mühsam wie viele andere jüdische Deutsche an der Front und diente nicht in der sicheren Etappe. Für seinen Fronteinsatz wurde er zum Leutnant befördert, eine Ehre, die ihm das antisemitische Offizierskorps seines Regiments zuvor verweigert hatte.50

Der Erste Weltkrieg brachte dem Unternehmen zunächst ein starkes Wachstum der Umsätze und Gewinne. Der steigende Transportbedarf hinter der Front ließ die Nachfrage nach Treibstoffen und Schmierstoffen stetig anwachsen. Da das Deutsche Reich durch die britische Seeblockade von wichtigen Rohstofflieferungen aus Übersee abgeschnitten war, mussten Naturstoffe so weit wie möglich durch chemisch erzeugte synthetische Stoffe ersetzt werden. Die Erträge aus dem Chemikalien- und Treibstoffverkauf stiegen von 451.000 Mark (1913) auf 533.000 Mark im ersten Kriegsjahr 1914 und erreichten 1915 mit 947.000 Mark fast die Millionengrenze, die sie dann 1916 mit 1.532.000 Mark deutlich überschritten. Die starke Nachfrage und das Fehlen wirksamer staatlicher Preiskontrollen erlaubten den Unternehmen überhöhte Gewinnspannen, von denen auch die Philipp Mühsam oHG profitierte. Da die niedrigen Einkommensteuersätze der Vorkriegszeit während des Krieges nicht stark erhöht wurden, wuchsen die Erträge beträchtlich. Wegen der zunehmenden Lieferengpässe der Produzenten unter den Verhältnissen der Kriegswirtschaft fielen die Erträge 1917 auf 1.051.000 und sanken im letzten Kriegsjahr 1918 weiter auf 839.000 Mark.51

Abbildung 10: Der Wohlfahrtsfonds in der Bilanz der Philipp Mühsam oHG über 30.000 Mark im Jahr 1915.

Diese Zahlen zeigen, dass das Unternehmen bis 1917 eindeutig von dem starken kriegsbedingten Nachfrageanstieg nach Treibstoff und Chemikalien profitierte. Von 1915 bis 1917 zeichneten Mühsam und seine Partner Kriegsanleihen im Wert von 450.000 Mark, ein Hinweis auf die gute Ertragslage und die hohe Liquidität des Unternehmens, für die er Anlagemöglichkeiten suchte.52 Mühsam wollte aber nicht nur von der guten Verzinsung der Kriegsanleihen profitieren, sondern demonstrierte auch seine patriotische Gesinnung und seine Hoffnung auf einen militärischen Sieg des Reiches. Denn die Kriegsanleihen trugen kein festes Rückzahlungsdatum, sondern sollten erst nach Kriegsende zurückgezahlt werden.

Doch 1918 ließen die kräftig steigende Inflation und der Warenmangel die Gewinne stark schrumpfen. Die bereits 1915 eingeführte Bewirtschaftung von chemischen Produkten war im letzten Kriegsjahr eine reine Mangelverwaltung. Wegen des großen Bedarfs der Munitionshersteller an Stickstoff, Schwefel und Chlor blieben immer weniger Chemikalien für den Bedarf der zivilen Wirtschaft übrig. Der Kriegswirtschaft gingen die Ressourcen aus.53 Während sich die Eigentümer der Philipp Mühsam oHG 1917 noch einen Gewinn von 421.000 Mark ausgeschüttet hatten, fiel der entsprechende Betrag 1918 auf 10.700 Mark.54 Und selbst diese kleine Gewinnausschüttung musste aus den Kapitalreserven bezahlt werden. Von 1912 bis 1917 war der Bilanzwert der Kapitaleinlagen von 1.297.000 auf 1.849.000 Mark gestiegen – und fiel nun 1918 aufgrund der hohen Verluste ebenfalls: auf 1.092.000 Mark.

Nach der militärischen Niederlage blieben das Ende des Kaiserreichs und die Revolution von 1918 nicht ohne Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten. Am 15. November 1918, sechs Tage nach der Abdankung Kaiser Wilhelms II. und der Ausrufung der Republik sowie vier Tage nach der deutschen Kapitulation, mussten die Unternehmer im sogenannten Stinnes-Legien-Abkommen die Forderung der Gewerkschaften nach kollektiven Lohnverhandlungen anerkennen. Die Arbeitgeber konnten sich nicht mehr der Einrichtung von Arbeiterausschüssen widersetzen, die später Betriebsräte genannt wurden. Der Arbeitstag wurde für die Arbeiter und Angestellten deutlich humaner, da die Arbeitgeber auch die generelle Einführung des achtstündigen Arbeitstags akzeptieren mussten, während bislang ein neun-, oftmals sogar zehnstündiger Arbeitstag üblich war. Auf der Arbeitgeberseite unterzeichnete der Schwerindustrielle Hugo Stinnes das Abkommen, auf der Gewerkschaftsseite der Vorsitzende der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Carl Legien. Die Stinnes-Söhne Hugo Hermann und Otto sollten künftig noch eine wichtige Rolle in der Geschichte der Philipp Mühsam AG und später von Brenntag spielen.

Auch in Kurt Mühsams eigener Branche, dem Chemiegroßhandel, setzten die Gewerkschaften kollektive Lohnverhandlungen durch. Sie stritten erfolgreich gegen den Anspruch der Unternehmer, die Löhne wie bisher nach Gutdünken allein festzusetzen. Anfang September 1919 gab es im Chemiegroßhandel zum ersten Mal einen Streik, den das Reichsarbeitsministerium nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Verfahren schlichten musste. Die „Berliner Börsen-Zeitung“ berichtete, dass Mühsam zu den Verhandlungsführern auf der Arbeitgeberseite gehörte.55 Man kann begründete Vermutungen anstellen, weshalb die Arbeitgeber den Chemiegroßhändler mit dieser Aufgabe betrauten: Als Jurist mit Spezialkenntnissen im Arbeitsrecht war er für die Position eines Verhandlungsführers besonders geeignet. Der Lohnstreit des Jahres 1919 zeigte, dass sich der autoritäre Paternalismus in der Arbeitswelt abgeschwächt hatte und das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zunehmend juristisch geregelt wurde.

Die Folgen des Ersten Weltkriegs

Im August 1919 unterzeichnete die Reichsregierung den Versailler Friedensvertrag, den ihr die Siegermächte diktierten. Die größte langfristige Belastung für Deutschland waren die hohen finanziellen Reparationsforderungen der Alliierten, die seine Staatsverschuldung und die Inflation in die Höhe trieben. Erst nach dem Inkrafttreten des Vertrags hob die britische Navy die seit Kriegsbeginn bestehende Seeblockade gegen das Reich auf, worauf sich die Einfuhr von Rohöl und Mineralölprodukten aus den USA normalisierte. Die Erträge aus Verkäufen stiegen in diesem ersten Friedensjahr von 839.000 auf 1.090.000 Mark, blieben aber aufgrund der Inflation real hinter dem Vorjahr zurück. Die ausgeschütteten Gewinne lagen weit unter den exorbitanten Werten der ersten drei Kriegsjahre, erreichten mit 114.000 Mark allerdings wieder ein halbwegs normales Niveau.56 Im Jahr 1920 löste Mühsam den während des Ersten Weltkriegs eingerichteten Wohlfahrtsfonds, der 1919 40.000 Mark umfasste, wieder auf. Es ist davon auszugehen, dass diese Entscheidung nicht nur vor dem Hintergrund des Kriegsendes erfolgte, sondern auch der verschlechterten Eigenkapitalquote des Unternehmens geschuldet war. Für die Jahre von 1920 bis 1923 sind die Jahresabschlüsse wegen der zunehmenden Inflation nur eingeschränkt aussagekräftig. Da die Eigentümer den Buchwert der Immobilien nicht an die Preissteigerungen anpassten, wiesen die Bilanzen eine zu niedrige Eigenkapitalquote auf.57 Nur die regelmäßig angepassten Bilanzwerte der mobilen Anlagegüter (Maschinen, Kesselwagen und Lastwagen) sowie des Umlaufvermögens in Form von Vorräten spiegelten die Wertsteigerung auf dem Papier in zunehmend wertlosen Markbeträgen annähernd wider.

Für den unternehmerischen Alltag hatte die Inflation, die sich 1922 zu einer Hyperinflation beschleunigte, einschneidende Folgen.58 Die zunehmende Geldentwertung und die steigenden Einkaufspreise zwangen das Unternehmen, seine Verkaufspreise immer schneller zu erhöhen. Das Geld verlor seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel; Bargeld, Geld auf Giro- und Sparkonten sowie festverzinsliche Wertpapiere wurden vollständig entwertet. Zur Vermeidung von inflationsbedingten Verlusten war das Unternehmen gezwungen, die Zahlungsziele seiner Kunden zu verkürzen und Außenstände schneller einzutreiben. Ab dem Frühjahr 1923 wurden wie allgemein üblich auch bei der Philipp Mühsam oHG die Preise in der nicht mehr existierenden Goldmark oder in Dollar kalkuliert und nach dem Tageskurs in die entwertete Mark umgerechnet.

In einem Handelsunternehmen ließen sich die Folgen der Inflation leichter tragen als bei güterproduzierenden Unternehmen, bei denen zwischen dem Auftragseingang, der Fertigstellung und der Rechnungsstellung Monate vergingen. Die Philipp Mühsam oHG stellte ihre Rechnungen für Mineralölprodukte und Chemikalien gleich nach der Auslieferung, bestand auf sofortige Bezahlung und tat alles, um die Folgen der Geldentwertung durch einen schnellen Warenumschlag zu minimieren. Wegen des hohen Anteils des Sachanlagevermögens am Gesamtvermögen hielten sich ihre Vermögensverluste durch die Hyperinflation in Grenzen. Die Philipp Mühsam oHG gehörte daher nicht zu den Verlierern der Inflation. Während sie auf der einen Seite ihre gesamten Geldrücklagen verlor, profitierte sie auf der anderen Seite von der vollständigen Entwertung ihrer Hypothekenschulden.

4. Die Philipp Mühsam AG in der wechselvollen wirtschaftlichen Entwicklung der Weimarer Republik

Anfang November 1923, kurz vor dem absoluten Höhepunkt der Hyperinflation, trafen Mühsam und sein Partner Herz eine wichtige Entscheidung über die künftige Rechtsform des Unternehmens. Sie hatten der über die Inflation und ihre vergebliche Bekämpfung berichtenden Presse entnommen, dass die Ersetzung der völlig entwerteten und faktisch funktionslosen Markwährung („Papiermark“) durch eine wertbeständige Währung kurz bevorstand. Wegen der Unwägbarkeiten der kommenden Währungsreform und ihrer Auswirkungen auf das Grundkapital des Unternehmens warteten sie die Ablösung der Papiermark nicht ab und entschieden sich für die Umwandlung der offenen Handelsgesellschaft in eine Aktiengesellschaft. Dieser Schritt sollte nicht nur das Haftungsrisiko der Eigentümer mindern, sondern, falls nötig, auch die Aufnahme neuer Miteigentümer erleichtern. Mühsam und Herz hofften, den Kapitalbedarf des Unternehmens so künftig leichter decken zu können.59