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Kurzgeschichten mit und ohne Herz. Wo Fehler in ihre eigenen Fußstapfen steigen, Meerjungfrauen sich mit Haien verbünden, fadisierte Damen vor Liebe erblinden, singende Rockstars angreifbar sind, Drachen und Hexen über mögliche Beziehungsformen grübeln, treusorgende Väter seltsame Transformationen erleben, unglücklich Überlebende gerettet werden und ein kleiner Hund auf Reisen geht: hier überall lauern jene siebzehn Geschichten, die für dieses Buch eingefangen wurden. Von lieblos bis liebestoll. Und kurz, aber herzlich.
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Seitenzahl: 115
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für alle Herzen mit Geschichte.
Prolog: Aufbrechen
Der Fuchs
Zurück
Die Hexe und der Drache
Brutal
Wilson
Verloren
Von Schlangen und Blumen
Orange Boy
Ein Zaungast
Blind
The forgotten.
Maria
Ein Bild von einem Mann
Die Mauerblume
Luise und die Meerjungfrau
Das Interview
Der kleine Hund
Epilog: Mein Herz
Die zur schwülen Druckwelle geformte Luft der gesamten letzten Tage knistert, legt sich feucht in den Scheitel, liegt wie neues Neopren auf alter Haut. Der smoggeküsste Himmel wirft dunkles Gelb herab, ich liebe das, ich atme Neopren. Ich eile, nur noch ein paar Meter, dann wäre ich schon zu Hause, doch jetzt bleibe ich stehen. Denn wütend und sekundenschnell hellt blaues Licht den Abend auf, grell und wie lachend, wie wissend, dass es besser ist als wir, und ist so schnell wieder weg, wie es gekommen ist. Ein Knurren folgt, verdichtet sich zur trägen Walze, wälzt sich einmal mehr zwischen den gelben Wolken auf und ab, bleibt, dauert lang. Dann ist es still. Wieder ein Blitz, weiß, rosa, ultraviolett, egal. Ich bin geblendet. Mir ist heiß. Ich bleibe, wo ich bin. Etwas rollt an in mir, bäumt sich auf, will mir vielleicht die Augen auskratzen, will mich vielleicht umarmen, aber ich stopfe es zurück, mache die Tür zu, atme durch. Gedrücktes und drückendes Schweigen, Schwitzen. Die Autos fahren geräuschlos, niemand spricht, U-Bahnen reisen stumm. Für einen Schiefer dieser Zeit, ganz still.
Und dann endlich. Bricht alles auf.
Die Geschichte öffnet sich lautstark, befreit sich, schickt Nässe, die uns abspülen darf und den Asphalt reinigt. Von Hitze, Spucke, Staub. Von uns. Der Wolf und seine Welpen stürzen jetzt herunter, sind Millionen schwerer Tropfen, die die neue Dunkelheit widerspiegeln, heiß und schwarz. Ich laufe jetzt los, beinahe glücklich. Denn es ist allerhöchste Zeit, um aufzubrechen.
Und dann endlich. Brechen wir auf.
Es wird wohl sehr viel Unvorhergesehenes zu finden sein, inmitten all der Schalen und Scherben von denen, die jetzt aufgebrochen sind. Neues entsteht dort, wo die Stille unser Chaos weggewaschen hat.
Wir sind gestürzte Welpen, sehen kaum aus unseren jungen Augen und wollen doch schon spielen. Und diese ganze große Welt ist unser Bau, in dem wir Zuflucht finden dürfen und die Wunden lecken, die uns das Spiel geschlagen hat.
Wer könnte uns schon böse sein?
Die Frau hatte Schönheit, Anmut und Güte bereits in die Wiege gelegt bekommen, wie es schien. Doch bei der Wahl ihres Ehemannes hatte sie eine schlechte getroffen. Er war hart und egoistisch. Er schmückte sich mit ihr und behandelte sie wie sein Eigentum, und das war sie auch längst, aus Gründen, die nur ihr allein bekannt waren und nicht einmal ihrem Tagebuch, denn sie besaß keines. Sie lebten in einem herrlichen Haus mit herrlichem Garten; und alle Freundinnen und Tanten und so weiter bewunderten und beneideten die Frau für ihr herrliches Daheim, für ihren herrlichen Herrn. Sie aber war oft einsam in der vermeintlichen Fülle; sie konnte kaum ein Gespräch mit ihrem Gatten führen, weil ihn ihre Meinungen nicht interessierten und weil er es gewohnt war, sie als bloße Zierde für Bett, Tisch und öffentliche Auftritte anzusehen.
Eines Tages erblickte sie zu ihrem großen Entzücken einen kleinen Rotfuchs im Garten. Er war durch eine von Sträuchern versteckte kaputte Stelle im Stacheldraht geschlüpft und schlich nun vorsichtig zwischen den barocken Blumenbeeten umher und versteckte sich unter der akkurat geschnittenen Hecke und war neugierig, ob wohl etwas Essbares für ihn von der blitzblank gefegten Terrasse mit der eleganten Frühstücksecke abfallen würde. Sie freute sich sehr über das putzige Wildtier und legte Schinken und Eier auf einen der silbernen Teller und stellte den Teller hinunter auf den Rasen, dorthin, wo einige Pflanzen rundum Schutz boten. Dann setzte sie sich freudig gespannt auf die Stiegen der Terrasse und wartete. Tatsächlich kam der Fuchs näher, Schritt für Schritt und vorsichtig zu ihr hinblickend, und dann setzte er sich irgendwann ins Gras und begann zu fressen. Sie freute sich sehr, denn sie hatte ansonsten keine Haustiere und auch sonst niemanden, mit dem sie vertraut sein konnte, und so wurde der Fuchs über die darauffolgenden Sommerwochen ihr Freund. Beinahe täglich schlich er in den Garten und saß und schaute, und wenn die Frau ihm einen Teller richtete und hinstellte, so nahm er dies nur zu gerne an, denn so ein Fuchs hat es in der Stadt nicht immer leicht und findet, wenn, dann eher in den Mülltonnen der Menschen etwas zu fressen. So wurden sie wahre Kumpanen, die Frau und der Fuchs, und das Leben war nun besser. Als der Sommer zu Ende ging, war die Frau eines Abends sehr beschwingt und erzählte beim Dinner von dem Fuchs, den sie liebgewonnen und fest in ihr Herz geschlossen hatte.
Bald darauf hatte sie Geburtstag, und das Fest zu ihren Ehren war groß und pompös mit vielen wichtigen Leuten, die geladen waren, und sie saß am oberen Ende der Tafel und versuchte, ihren angespannten Blick hinter dem bauchigen Weinglas zu verbergen, doch sie hätte sich die Mühe gar nicht machen müssen, denn wie immer waren alle nichts als begeistert und überwältigt von der Pracht ihres Heims und von der Großzügigkeit ihres Mannes, der ihr gegenüber am anderen Ende des reich gedeckten Tisches saß und grinsend an seiner Zigarette zog. Kurz vor Mitternacht schnalzte er einer Haushälterin, sie solle die riesige Geburtstagstorte mit den Sternspritzerkerzen bringen, und einer anderen trug er auf, das Geschenk zu holen. Verspannt lächelnd saß seine schöne Frau vor den brennenden Wunderkerzen und nahm dankend die Schachtel in feinstem Seidenpapier entgegen und öffnete sie vor aller Augen, die neugierig beobachteten, welche Großartigkeit sie von ihrem Mann wohl bekommen würde.
Sie aber holte mit großem Schrecken eine Rotfuchs-Stola mit Diamantenbesatz heraus, die ihr Mann aus dem Fell ihres kleinen Freundes hatte anfertigen lassen, und konnte die Grausamkeit nicht fassen und hätte am liebsten hysterisch geschrien, doch ihre Kehle war zugeschnürt und kein Ton kam heraus. Ihre Freundinnen derweil kreischten laut auf vor Begeisterung, und alle klatschten und hoben ihre Gläser und riefen Glückwünsche. Ihr Mann befahl ihr nun freundlich, die Stola umzulegen, und starr und hölzern tat sie, was er wollte, so wie immer. Und sie fühlte sich, als würden spitze Nadeln um ihren Hals liegen, und es ekelte sie und zugleich tat ihr das Herz so weh wie noch nie zuvor in ihrem ganzen Leben. Er aber blickte sie über die Tafel hinweg durch den Rauch seiner Zigarette aus dunklen Augen zufrieden an und nickte ihr höhnisch zu.
Und noch lange sollten die Gäste von der vor Freude so heftig weinenden Beschenkten schwärmen. Was für ein Glück! Was für ein Leben. Neidisch hätte man da werden können, richtig neidisch.
Der Franz ist seit geraumer Zeit nicht mehr da.
Aber trotzdem steht er jeden Werktag um sieben Uhr auf, geht schnurstracks ins Bad, wäscht sich wirklich gründlich den ganzen Körper und ist tapfer. Dann zieht er sich ordentlich an und geht raus aus seiner Wohnung und ein paar Minuten hin zur Bus-Haltestelle. Dann steht er ruhig im beschissenen 13A-Bus, der immer voll ist. Weil sitzen kann er nicht, dazu sind zu viele alte Damen anwesend beziehungsweise zu viele Kinderwägen beziehungsweise zu viele Menschen an sich. Er fährt ja aber nicht lang, die sechs Stationen hält er schon aus. Dann geht er in das schöne Jugendstil-Haus und rauf in den dritten Stock. Er wäscht sich zuerst im Bad wirklich gründlich die Hände, zieht den Mantel aus und geht danach erst in sein Büro. Das ist blöderweise ganz am Ende vom Gang und er muss jedes Mal vorher an den andren drei Zimmern vorbei, wo die ganzen Trotteln schon drin sitzen beziehungsweise noch nicht, weil die sowieso alle machen, was sie wollen. Er ist der einzige, der allein im Zimmer sitzt und er ist sehr froh drüber. Das Geschnatter immer von den anderen ist so schon schlimm genug. Wenn er das die ganze Zeit hätte, danke. So geht’s eh. Seine Arbeit an sich mag der Franz eigentlich sehr. Viele Zahlen, viel Ordnung, keine Telefonate. Zwei saubere Programme für die Zahlen. Und E-Mail. Passt schon gut so. Der Schreibtisch ist sauber, weil er nie isst oder trinkt am Tisch. Er lässt auch nix liegen. Und es steht auch kein Klump am Tisch, wie es die andren Trotteln haben. Er wüsste ja gar nicht, was er sich aufstellen sollte. Einmal die Stunde geht er nach vor und hofft, dass ihn niemand anredet von den Kollegen. Das passiert aber eh nur noch selten. Nach vor muss er, weil da ja das Bad ist. Er muss sich oft gründlich die Hände waschen. Mittags geht er eine halbe Stunde raus und geht eine Runde bis zum Aquarium, weil das beruhigt ihn. Danach wäscht er sich die Hände und das Gesicht. Danach bringt er den Nachmittag rüber. Ordentlich kommt er, ordentlich geht er. Beschissener Bus, wo auch abends nie ein Sitzplatz für ihn frei ist. Beim Einkaufen fürs Abendessen wird er dann schon ein bisschen nervös. Und schlussendlich zuhause, muss er sich sofort ganz entkleiden und duschen gehen. Das dauert immer sehr lang. Weil da ist ja dann der ganze Dreck von draußen an ihm dran. Das muss man erst einmal wieder runterkriegen. Regelmäßig ist der Franz nur dann wieder ruhig, wenn er schon ganz blutige Kratzer hat überall, von dem harten Stahl-Schwamm, mit dem er sich so schrubbt. Aber das ist es wert und es tut auch gar nicht mehr so weh wie vor ein bisschen mehr als vier Jahren: Wie das angefangen hat mit der Wascherei. Ein bisschen Sorge hat ein kleiner Punkt in seinem Bewusstsein schon manchmal, dass es komisch ist mit den Striemen und dem Schrubben. Aber der kleine Punkt wird gut überlagert von dem großen Fleck, der sich da ausgebreitet hat über allem in ihm drin. Vor ein bisschen weniger als fünf Jahren.
Nach der abendlichen Reinigung kann er erst essen, dann endlich putzen. Die Wohnung ist ja immer extrem dreckig und er verzweifelt da eh ständig, nicht? Weil er putzt ja jeden Tag und trotzdem. Meistens ist er kurz vor Mitternacht fertig mit dem Flächen-Wischen und Staubsaugen und Boden-Waschen. Dann noch schnell die Wäsche aufhängen, die er am Abend immer brav wäscht, und dann ist er es auch schon.
Jeden Samstag ist Ausschlaf-Tag. Da schläft der Franz bis drei am Nachmittag. Danach wäscht er sich sehr gründlich, und isst, und sieht sich Filme an, die er sich online ausborgt. Actionfilme gehen. Romantische Komödien gehen. Aber nicht zu romantisch, das macht ihn nur traurig. Dann nimmt er ein Bad, wo er zur Sicherheit wieder den Stahl-Schwamm verwendet. Dann hängt er die Wäsche auf.
Jeden Sonntag steht er sehr früh auf, um sechs Uhr schon. Dann putzt er zusätzlich die Fenster. Dann geht er zum Friedhof. Meistens bleibt er den ganzen Nachmittag dort. Abends muss er dann nur noch eine Dusche nehmen und die Wäsche aufhängen, und dann ist er es auch schon.
Vor vier Jahren hat er aufgehört, privat ein Telefon zu haben. Vor vier Jahren hat er auch das eigene Zimmer hinten im Büro bekommen. Das war ja eigentlich vorher das Archiv, aber eines Tages hat ihn seine Chefin überrascht und gesagt: „Franz, was meinst, wir richten dir hinten das Zimmer her, dann hast dein eigenes Büro.“ Sie hat ihm auch gesagt, dass sie und alle andren glauben, er braucht mehr Ruhe als sie alle andren, weil er ja das Komplizierte zum Ausarbeiten hat. Das hat er gut gefunden. Vor allem, weil das da auch grad angefangen hat damals, dass er die andren eigentlich gar nicht mehr aushält. War nicht ihre Schuld, kein Thema. Sind ja dieselben Kollegen wie vorher gewesen. Aber dieses ständige Probieren, ihn aufzubauen. Wie soll ihn irgendetwas aufbauen? Und ständig Versuche, ihn mitzuschleppen auf ihre Essen am Abend und so etwas. Als hätt ihm das geholfen. Als wär das noch irgendwie sinnvoll, jetzt. Er hat sie schon immer gern gehabt, alle. Aber jetzt ist es halt anders, das ist nicht ihre Schuld, das ist, weil er nicht weiß, was jetzt noch einen Sinn hätte. Er haut sich nicht weg, er drückt das schon durch. Er war noch nie ein Feigling und er macht weiter. Ja, der Franz macht alles: Arbeiten, Essen. Aufstehen, Schlafengehen. Die Wohnung dafür macht ihm halt Sorgen, weil die gar so dreckig ist immer, aber gut, dann putzt er halt. Und die Wascherei, ja, das ist ihm auch klar ein Stück, dass das früher nicht so war und dass er sich das mal anschauen sollte. Aber zurzeit geht das nicht. Zurzeit hält ihn das gut am Laufen, das Waschen. Und bitte, soll Schlimmeres passieren, als dass er sich einmal zu viel wäscht. Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig. Lieber einmal zu oft selbst ans Lenkrad, als sie fahren zu lassen, so müde und mit dem Riesenbauch.
Wie konnte er nur.
Der Franz ist weg, verschwunden. Und seit vier Jahren reden ihn nicht einmal mehr die Kollegen drauf an. Aber er ist so froh drüber, so froh. Mit dem Ablauf, den er hat, funktioniert es ja, und er lebt – oder nicht? Oh ja. Das passt. Und da ist es ihm eigentlich furchtbar egal, ob ihn irgendwer versteht oder mag oder wie auch immer. Anrufen kann ihn eh keiner mehr. Und die Freunde von früher packt er wirklich nicht. Die Blicke hält er nicht aus. Deshalb will er keinen von denen mehr sehen. Und überhaupt – sind ja lauter Pärchen. Und jetzt haben die meisten ja auch schon Kinder, noch dazu. Das braucht er sich nicht geben.
Nur dann passiert etwas Blödes.
