2,99 €
Der Krieg war verloren, die Novemberrevolution hatte die Monarchie hinweggefegt. Revolution auch in Österreich, Ungarn, Bulgarien. Extrem linke Kräfte zetteln überall in Deutschland Aufstände an, sie wollen die Räterepublik nach bolschewistischem Muster. Lenin gratuliert. Das Militär schlägt alle Aufstände blutig nieder. Um die Ordnung wiederherzustellen, plant die extrem rechte Seite einen Putsch. Ist die Militärführung einig, wird sie den Umsturz wagen? Die Bevölkerung ist ratlos. Ein Beobachter schreibt: "Noch kann man kaum die Ungeheuerlichkeit der Ereignisse ausdenken, obwohl man in diesen Jahren an Ungeheuerliches wahrlich gewöhnt war. Man wundert sich, wenn man aus dem Hause geht, dass Häuser und Bäume noch stehen. Man kommt in deren Ruhe wieder zu etwas Besinnung, und wer das Talent dazu hat, zu einiger Freude an der Natur, die dem Wahnsinn der Menschen mit immer gleicher Unbekümmertheit zuschaut, wie sie es all die Jahre her getan hat und noch lange tun wird."
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2019
Joachim-Friedrich Kapp
1918 - 1920
Die Umsturzzeiten in der frühen Weimarer Republik
© 2019 Joachim-Friedrich Kapp
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-7861-4
Hardcover:
978-3-7497-7862-1
e-Book:
978-3-7497-7863-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Cover-Abbildung: Mit freundlicher Genehmigung vom
Bundesarchiv-Bildarchiv
Bild 183-H28541 13. März 1920
Joachim-Friedrich Kapp
1918 - 1920
Die Umsturzzeiten in der frühen Weimarer Republik
Inhalt
Vorgeschichte
Ziele der extrem-linken Bewegung
Räterepublik Streiks und Aufstände in Deutschland
Ziele rechter Gruppen
Antidemokratische Überzeugungen Die Monarchie von Gottes Gnaden gegen das parlamentarische Regierungssystem
Dynamik der Entwicklung
- Oktober bis Dezember 1918
Waffenstillstand Wahl zur Nationalversammlung
- Januar bis April 1919
Eine bürgerliche Koalition, Streiks und Gedanken an eine Diktatur von rechts
- Mai und Juni
Die Wirkung der Friedensbedingungen auf Volk und Reichswehr, beginnende Entfremdung zwischen Noske und Lüttwitz
- Juli und August
Für und Wider einen Putsch
- September bis Dezember
Bündelung rechtsgerichteter Kräfte, aber divergierende Ziele zwischen Kapp und Lüttwitz
- Januar bis März 1920
Der Friedensvertrag tritt in Kraft, Bruch zwischen Noske und Lüttwitz, Lüttwitz‘ erstes Ultimatum und die gewarnte Regierung
Der sog. Kapp-Lüttwitz-Putsch Der verweigerte Putsch
13. März
Der Marsch zum Brandenburger Tor - Lüttwitz‘ zweites Ultimatum, Flucht der Regierung, Kapps Pläne vereitelt
14. März
Generalstreik, Aufstände von Links, abwartende Haltung im Beamtentum und Militär, Rücktrittsgedanken
15. März
Die Reichswehr macht Druck
16. März
Verhandlungen mit Lüttwitz, Missstimmung zwischen Stuttgart und Berlin
17. März
Das Militär fordert die Einigung, Ende des März-Unternehmens
Lebensdaten beteiligter Personen
Literatur
Vorgeschichte
Gegen Ende des Jahres 1916 war Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg von der Fortschrittlichen Volkspartei zu der Überzeugung gekommen, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei und forderte, ohne die Heeresleitung einbezogen zu haben, die Alliierten auf, zu Friedensverhandlungen zusammenzukommen. Auch Präsident Woodrow Wilson regte zur gleichen Zeit an, über „Friedensbedingungen und Forderungen“ nachzudenken. Frankreich und England lehnten ab. Jede Seite, auch das deutsche Militär, erhoffte sich zu jener Zeit noch Vorteile aus ihren jeweiligen Vorhaben. Ludendorff sprach von „dem herrlichen Geist“, der die Armee beseele, zumal „die letzten schönen Waffenerfolge zu den besten Hoffnungen“ berechtigten. (Aschmann)
Der Vatikan hatte schon im Jahr 1915 versucht, Italien von einem Kriegseintritt abzubringen, 1916 bemühte er sich darum, den deutschen U-Boot-Krieg zu verhindern, so wie er später Anstrengungen unternahm, die USA davon zu überzeugen, als Reaktion darauf nicht selbst Kriegspartei zu werden.
Im August 1917, Amerika war bereits in den Krieg eingetreten, unternahm Papst Benedikt XV. nach sorgfältigen Vorbesprechungen mit den beteiligten Nationen einen erneuten großen Versuch: „Soll denn die zivilisierte Welt nurmehr ein Leichenfeld sein? Soll Europa, so ruhmreich und so blühend, wie von einem allgemeinen Wahnsinn fortgerissen, in den Abgrund rennen und die Hand gegen sich selbst wenden zum Selbstmord?“ Mit seiner Friedensinitiative, die sehr konkrete Vorstellungen für eine Friedenslösung enthielt, versuchte der Papst, die Völker von dem „unnützen Gemetzel“ abzubringen. In den USA wurden die Forderungen des Papstes wohlwollend aufgenommen, Belgien zurückzugeben und Deutschland zu demokratisieren, fanden auch das Wohlwollen Englands und wurden selbst von Bethmann Hollweg und anderen Regierungsmitgliedern in Deutschland grundsätzlich begrüßt. Am 19. Juli 1917 legten Matthias Erzberger, Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann dem Reichstag eine Friedensresolution vor, in der – unterstützt durch die Liberalen, die Sozialdemokraten und die katholische Zentrumspartei - ein „Verständigungsfriede ohne Annexionen“ gefordert wurde. Die daraufhin am 2. September gegründete rechtsextreme „Deutsche Vaterlandspartei“, gemeinsam mit der Obersten Heeresleitung, waren die schärfsten Gegner dieser Bemühungen, für sie war der Gedanke an einen Verständigungsfrieden nichts anderes als Vaterlandsverrat. Sie setzten sich für einen Siegfrieden und ein großes Eroberungs- und Annexionsprogramm ein. Bethmann Hollweg war bereits am 13. Juli gestürzt worden, den einen ging er mit seinen Friedensbemühungen nicht entschlossen genug voran, andere warfen ihm vor, die Ziele der Heeresleitung nicht energisch genug zu unterstützen. Sein Nachfolger, Georg Michaelis, der dreieinhalb Monate im Amt war, und Georg Friedrich Karl Graf Hertling (Zentrumspartei), der diesem folgte, nahmen Abstand von den mühsam erarbeiteten und über einen längeren Zeitraum verhandelten Formulierungen und dem Vatikan gemachten Zusagen. Die Friedensinitiative des Papstes war gescheitert, nicht nur an der deutschen Ablehnung, denn auch alle anderen Länder hatten ihre Gründe, warum sie dem Papst den Vorrang nicht einräumen wollten. Allein die USA waren auf der Seite des Vatikans, ihnen war er nur nicht weit genug gegangen, denn sie beharrten darauf, dass Deutschland sich wesentlich stärker demokratisieren und vor allem von der Kaisermonarchie trennen müsse. (Aschmann)
Woodrow Wilson unternahm im Januar 1918 einen erneuten Vorstoß und legte seinen 14-Punkte-Plan für eine Friedensordnung vor: Belgien war wiederherzustellen, Elsass-Lothringen an Frankreich abzutreten, ein souveräner polnischer Staat mit Zugang zum Meer sollte errichtet, das dortige russische Gebiet geräumt werden, großen und kleinen Nationen gleichermaßen sei ihre politische Unabhängigkeit und die Unverletzlichkeit ihrer Gebiete zu gewährleisten. Erich Ludendorff, der inzwischen der starke Mann in der Obersten Heeresleitung geworden war, setzte nach dem Abschluss der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk, die als Folge der Oktoberrevolution in Russland möglich geworden waren, seine ganze Hoffnung auf die Frühjahrsoffensive an der Westfront. Dort zog er große Teile seiner Truppen zusammen. Nach dem „schwarzen Tag“ von Amiens am 8. August des Jahres jedoch wusste auch Ludendorff, dass der Krieg verloren war und forderte im September die Regierung ultimativ auf, den sofortigen Waffenstillstand herbeizuführen.
Die oben genannte Gegnerschaft zwischen rechten und linken Positionen während des Krieges setzte sich fort und wurde von extremen Kräften auf beiden Seiten nach dem Ende der Monarchie in Deutschland mit dem Ziel einer Um- und Neu-ordnung der Gesellschaft ausgeweitet. Die extremen Linken wollten jetzt die Räterepublik etablieren, die extremen Rechten zurück zur Gesellschaftsordnung der Bismarckzeit.
Ziele der extrem-linken Bewegung:
Räterepublik, Streiks und Aufstände in Deutschland
Sozialistische Positionen haben sehr alte Wurzeln, bis hinein in manche Bibelstellen, in denen gemeinschaftliches Eigentum beschworen wird, kommen auch bei Thomas von Aquin vor (Summe der Theologie: nach dem Naturgesetz existiert keine Besitzverteilung) und berufen sich in der Neuzeit entweder auf den Kommunismus, der die Diktatur des Proletariats verwirklichen und Privateigentum abschaffen will, oder auf den Sozialismus, der in diesem Konzept jedoch keine generell erfolgversprechende Strategie sieht. In der frühen Weimarer Republik lehnte sein sozialdemokratischer Flügel die Idee des Gemeineigentums sogar strikt ab und setzte auf die Freiheit des Menschen in einer parlamentarischen Demokratie, den „demokratischen Imperativ“. (Lemke, S.11) Die Sozialdemokraten beriefen sich auf die großen Ereignisse in der Vergangenheit, mit denen sich Volk und Parlament in England, Amerika und Frankreich umfassende Rechte gegenüber der Monarchie erkämpft hatten, und auf denen sie aufbauen wollten: die Revolutionen von 1642 (Civil War gegen den Absolutismus) und 1688 (Glorious Revolution, Bill of Rights) in England, 1776 (Declaration of Independence) und 1787 (die Verfassung) in Amerika, 1789 (Revolution) und 1791 (die Verfassung) in Frankreich. Die Rechte des Volkes sollten sich auch in Deutschland in einem starken Parlament und einer neuen Verfassung ausdrücken, der Wille des Volkes Gehör finden.
Schon vor 1914 war es zu Demonstrationen und Streiks gekommen, von Sozialdemokraten organisiert, die auch in den Folgejahren immer wieder aufflammten. Diese Aufstände richteten sich zunächst gegen die Beteiligung an dem drohenden Krieg, später waren sie Ausdruck von Kriegsmüdigkeit und mündeten seit 1918 auch in Sympathiekundgebungen für die russische Oktoberrevolution, verbunden mit eigenen Vorstellungen, die deutsche Gesellschaft radikal zu verändern, ernüchtert nur dadurch, dass die russische bolschewistische Revolution inzwischen in einen blutigen Bürgerkrieg übergegangen war.
Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei veröffentlichte am 25. Juli 1914 einen Aufruf gegen den Krieg, aus dem hier zitiert wird (Müller S. 26): „(…) Das klassenbewusste Proletariat Deutschlands erhebt im Namen der Menschlichkeit und der Kultur flammenden Protest gegen dieses verbrecherische Treiben der Kriegshetzer. Es fordert gebieterisch von der deutschen Regierung, dass sie ihren Einfluss auf die österreichische Regierung zur Aufrechterhaltung des Friedens ausübe, und falls der schändliche Krieg nicht zu vermeiden sein sollte, sich jeder kriegerischen Einmischung enthalte. Kein Tropfen Blut eines deutschen Soldaten darf dem Machtkitzel der österreichischen Gewalthaber, den imperialistischen Profitinteressen geopfert werden. Parteigenossen, wir fordern Euch auf, sofort in Massenversammlungen den unerschütterlichen Friedenswillen des klassenbewussten Proletariats zum Ausdruck zu bringen. Eine ernste Stunde ist gekommen, ernster als irgendeine der letzten Jahrzehnte. Gefahr ist im Verzug! Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die Euch im Frieden knebeln, verachten, ausnutzen, wollen Euch als Kanonenfutter missbrauchen. Überall muss den Gewalthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Krieg! Hoch die internationale Völkerverbrüderung.“
Dennoch billigte die Partei am 14. August 1914 gegen wenige Stimmen die ersten und am 2. Dezember gegen Karl Liebknechts Position die zweiten Kriegskredite. Sie stimmte sogar einer Steuererhöhung zugunsten des Militärs zu. (Hoffrogge, S.179) Dies war der Ausgangspunkt für die später erfolgende Spaltung der Sozialdemokratie in ein rechtes (MSPD, Mehrheitssozialdemokraten), linkes (USPD, Unabhängige Sozialdemokraten) und linksextremes Lager (Spartakus). „In aller Deutlichkeit hatte Rosa Luxemburg erkannt, dass die rechten Führer der Partei mit der Bewilligung der Kriegskredite am 14. August 1914 die deutsche Sozialdemokratie als stärkste Kraft aus dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg politisch ausgeschaltet hatten. Und sie erkannte auch, dass es kein Zurück zur alten Sozialdemokratie mehr gab.“ (Radczun, S. 103)
Zweifel an einem Erfolg und baldigem Kriegsende brachten einzelne Politiker, wie Philipp Scheidemann, dazu, sich schon Ende 1914 für Friedensverhandlungen einzusetzen. „Ich persönlich hatte allerdings schon Ende 1914 die Gewissheit, dass alle Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende trügerisch seien. Ich begann deshalb, vorläufig ganz und gar auf eigene Faust, eine Versammlungstour durch viele Großstädte mit dem Programm >Für einen Frieden der Verständigung!< So entstand schon in den ersten Monaten des Krieges das Schlagwort vom >Scheidemann-Frieden<, der von allen rechts von uns Stehenden in der entschiedensten Weise abgelehnt und als Verzicht- und Schandfrieden beschimpft worden ist.“ (Scheidemann, S. 21)
Karl Liebknecht organisierte 1915 einige kleine Demonstrationen gegen den Krieg, für den Frieden, zu deren Fortführung auch der 1916 von ihm und Rosa Luxemburg gegründete Spartakusbund beitrug. Nachdem Liebknecht verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war, kam es im Juni 1916 zu dem ersten Massenstreik, vorwiegend auf Berlin beschränkt. Nach schlechten Ernten im Jahr 1916 und der daraus folgenden mangelnden Lebensmittelversorgung wurde im April 1917 erneut gestreikt.
Dieser zweite große Streik, der von Leipzig ausging, war u. a. mit folgenden wesentlichen politischen Forderungen verbunden: Ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit billigen Lebensmitteln und Kohlen und eine Erklärung der Regierung zur sofortigen Friedensbereitschaft unter Verzicht auf jede offene und versteckte Annexion. Es wurde wieder gegen den Krieg aufbegehrt, denn der Reichstag hatte am 1. Februar den uneingeschränkten U-Bootkrieg beschlossen. Neben weiteren Forderungen wurde auch zu einer Amnestie der politisch Verfolgten und einem „allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht zur Wahl für alle Körperschaften im Reich, in den Bundesstaaten und in den Gemeinden“ aufgerufen. (Müller S. 84) Wie der erste, so blieb auch der zweite Streik wirkungslos.
Tatsächlich war die Versorgungslage in der Bevölkerung über die Zeit immer schlechter geworden, worüber Scheidemann aus eigenem Erleben berichtet: „Im ganzen Lande wütete der Hunger. Ich hatte mit meiner Familie ein wahres Elendsdasein zu führen, da ich unbedingt an dem Grundsatz festhielt, keine Lebensmittel ohne Marken zu beschaffen. Es ist ein Beweis für dreijährige Hungerleiderei, dass ich im Februar 1917 in mein Tagebuch schreiben musste: >Seit langer Zeit habe ich mich als Gast der wohlhabenden Familie P. gestern Abend zum ersten Mal wieder sattessen können.<“ (Scheidemann, S. 22)
In der Folge der Februarrevolution 1917 in Russland (Ende der Zarenherrschaft) kam es dort zu großen Umwälzungen, mit denen zumindest die extreme Linke in Deutschland weitgehende Hoffnungen verband. Im Oktober 1917 wurde die russische Regierung gestürzt. Die große Oktober-Revolution schien den Weg und die Mittel zu den erforderlichen gesellschaftlichen Veränderungen und auch zum Frieden zu weisen. „Als am 8. November 1917 die deutsche Presse den Sturz der Kerenski-Regierung, den Sieg der Bolschewiki und die siegreiche Revolution der Arbeiter, Soldaten und Bauern meldete, da gab es in dem Kreise der oppositionellen Arbeiterschaft keinen Zweifel mehr über das, was in Deutschland möglich und nötig sei. Die deutsche Presse berichtete ausführlich über die russische Revolution und wie der Sturz der Regierung durch die Soldaten vor sich ging, auch über die Bildung der >Roten Garde< und des revolutionären >Miliz-Komitees<. Gewiss lagen die Verhältnisse in Russland anders als in Deutschland, aber was der russische Bauer fertigbrachte, musste dem sozialistisch geschulten und organisierten deutschen Industriearbeiter erst recht möglich sein. So war wenigstens die Grundstimmung vieler Arbeiter in den Betrieben. Die bolschewistische Regierung verstand es ausgezeichnet, der durch die russische Revolution in Deutschland geschaffenen Stimmung die nötige Nahrung zu geben.“ (Müller, S. 96)
Im Juli 1918 wurden Zar Nikolaus II. und seine Familie ermordet.
Auch wenn in den bürgerlichen Kreisen in Deutschland nach der russischen Revolution im Oktober 1917 große Sorge herrschte, diese könnte auch auf Deutschland übergreifen, nennt Winkler (1984, S. 22) mehrere Gründe, warum diese Sorge unberechtigt und ein Boden für eine bolschewistische Revolution in Deutschland nicht bereitet war: Das seit 1871 im Deutschen Reich gültige allgemeine und gleiche Wahlrecht war von der Sozialdemokratie genutzt worden, um die Industriearbeiterschaft für sich zu gewinnen. Die Sozialistengesetze wurden nach 1890 nicht verlängert, was den Sozialdemokraten und Gewerkschaften einen kräftigen Schub gab. Die deutschen Bauern waren eine eher konservative Kraft und vor allem war Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Teilen bereits ein modernes, hochindustrialisiertes Land mit einem entsprechend gut ausgebildeten Bürgertum. „Die russische Arbeiterbewegung war, um das Gesagte zusammenzufassen, ein Ausdruck sowohl der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen als auch der politischen Rückständigkeit Russlands; die deutsche Arbeiterbewegung spiegelte demgegenüber die verhältnismäßig fortgeschrittene Stellung Deutschlands, in wirtschaftlicher und sozialer wie in politischer Hinsicht, wider.“ (Winkler)
Auch Heinrich Ströbel (S.64/65) nennt die wesentlichen strukturellen Gegebenheiten, die eine Revolution nach russischem Vorbild in Deutschland unmöglich machten: „Die Rätediktatur und die sofortige Vollsozialisierung waren in Deutschland völlig ausgeschlossen, und es war eine verhängnisvolle Verkennung der ökonomischen und politischen Möglichkeiten, dass die äußerste proletarische Linke sich einbildete, das russische Vorbild ohne weiteres in Deutschland nachahmen zu können. (…) Das Agrarland Russland, in dem nur ein Zehntel des Volkes von der Industrie lebte, vermochte auch eine zeitweilige Lähmung und Zerrüttung seiner industriellen Produktion zu ertragen, ohne dass es zur Katastrophe kam. Die beschäftigungslosen Arbeiter fanden auf dem platten Lande oder aber in der Roten Armee Unterschlupf. In Deutschland aber lebten zwei Drittel des Volkes von der Industrie und dem Handel – und wovon hätten sie existieren, wo hätten diese mehr als 40 Millionen bleiben sollen, wenn eine übereilte planlose Sozialisierung der Produktion die ganze industrielle Maschinerie ins Stocken gebracht hätte?“
Im Januar 1918 kam es zu dem dritten großen Streik in Deutschland, zu dem revolutionäre Obleute der USPD und des Spartakusbunds aufgerufen hatten, nicht unterstützt von der SPD und den Gewerkschaften. Es wurden bessere Lebensbedingung, ein Ende des Krieges und eine Demokratisierung der Verfassung gefordert. Die in München von den Streikenden einstimmig angenommene Resolution lautete: „Die streikenden Arbeiter Münchens, vornehmlich der Kruppwerke, entbieten ihre brüderlichen Grüße den belgischen, französischen, englischen, italienischen, russischen, amerikanischen Arbeitern. Wir fühlen uns eins mit Euch in dem Entschluss, dem Weltkrieg sofort ein Ende zu bereiten. Wir wollen uns nicht morden. Wir werden unsere Regierungen, die Verantwortlichen des Weltkrieges, zur Rechenschaft ziehen. Wir wollen gemeinsam den Weltfrieden erzwingen, der im Aufbau einer neuen Welt allen Menschen Freiheit und Glück sichert. Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ (Müller, S. 111) Der Streik, der sich über das ganze Land erstreckt hatte, wurde im Februar abgebrochen.
