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Der Kaiser ist zum Teufel gejagt, aber wie soll es weitergehen? Viele machen sich Gedanken, vieles wird versucht. Mit diesem "Tagebuch" kann man durch das Umbruchsjahr 1919 wandern, mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten treffen, an Hoffnungen und Niederlagen teilnehmen. Es sind zwei Schienen, die parallel laufen: Zum einen die politisch-kulturellen Ereignisse und Taten, und zum anderen die Geburt und Entwicklung der Dreigliederungsbewegung - eine Entwicklung, die ins Stocken gerät, und dadurch den Weg frei macht für die Gründung der ersten Waldorfschule. 100 Jahre später feiern dies mehr als 1000 Waldorfschulen weltweit. Und natürlich sind die beiden Stränge miteinander verknüpft, mehr, als man oft denkt. Unter anderem sind sie verbunden durch die Augenzeugen, die aktiv oder als Beobachter am Geschehen beteiligt waren und ausgiebig zu Wort kommen: Erich Mühsam, Stefan Zweig und Hermann Hesse z.B., und vor allem Rudolf Steiner. Von ihm werden Ausschnitte aus seinen Vorträgen zitiert, die mit einem offenen, vorurteilsfreien Blick verständlich sind. So kann man das Jahr 1919 heiter (?) Tag um Tag durchschreiten, und - je nach persönlichem Schwerpunkt oder Interesse - an der einen oder anderen Stelle verweilen und die zitierte Literatur weiterlesen.
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Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Prolog
Januar
Frauen dürfen zum ersten Mal wählen, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden ermordet, die Spanische Grippe geht zu Ende und die Versailler Verhandlungen beginnen.
Intermezzo 1 Hermann Hesse
Februar
Der erste Ministerpräsident des Freistaates Bayern wird ermordet, die erste öffentliche Eurythmieaufführung findet statt. Und – die Menschheit beginnt den Luftraum zu erobern.
Intermezzo 2 2 Aufrufe
März
Ernst Toller stürzt zweimal ab, die Revolutionäre sind immer noch unzufrieden, und Stefan Zweig beobachtet die Ausreise des „ehemaligen Trägers der Krone“ in die Schweiz.
Intermezzo 3 Woodrow Wilsons 14 Punkte
April
Die eigentliche Geburtsstunde der Waldorfschule und die erste und zweite Räterepublik.
Intermezzo 4 Räte – Republik
Mai
Der weiße Terror wütet in München, das Kinderhilfswerk „Save the children“ wird gegründet, die Gründung der ersten Waldorfschule nimmt Gestalt an.
Intermezzo 5 Sozialisierung versus Sozialismus
Juni
Die Deutschen unterschreiben unter Protest den Versailler Vertrag, viele Prozesse gegen Räte-Politiker finden statt und die Dreigliederungsbewegung stockt.
Intermezzo 6 Schieber, Schleicher, Schmuggler
Juli
Ernst Toller wartet auf seinen Prozess, Ernst Ludwig Kirchner auf seine Drogen. Keine Sülzeunruhen mehr in Hamburg, kein Selbstbestimmungsrecht in Tirol. Die Dreigliederungsbewegung stockt, die Linke will den Klassenkampf.
Intermezzo 7 Der Berg der Wahrheit
August
Die Sedan-Feiern werden abgeschafft, ein Skandalfoto entsteht, das erste Waldorflehrerkollegium wird gebrieft.
Intermezzo 8 Ein bisschen Frieden
September
Die erste Waldorfschule wird eröffnet, Luxemburg will Monarchie bleiben und Adolf Hitler taucht auf.
Intermezzo 9 Münchner Sonderwege
Oktober
Louis de Marsalle wird erfunden, die Mutter Courage des Tabubruchs wird geboren und die Speakeasys vermehren sich.
Intermezzo 10 Adolf Hitler versus Rudolf Steiner
November
In der Lausitz wird die Wendische Volkspartei gegründet, in München die Bayerische Königspartei. Es finden Revolutions-, Republik- und Waffenstillstandsfeiern statt.
Intermezzo 11 Vom Völkerbund zu den Vereinten Nationen
Dezember
Zum ersten Mal können Päckchen verschickt werden, aus Mexiko kommen Weihnachtsgeschenke und die erste Friedensweihnacht seit 1914 wird gefeiert.
Intermezzo 12 Die Frauen 1919
Epilog
Literatur
Als Ende Juli 2018 in einem ARD-Brennpunkt zum Thema „Hitze“ eine Ärztin Älteren und Schwangeren rät, erst ab 17 Uhr ins Freie zu gehen und die Mittagshitze zu meiden, reagiert der bekannteste deutschsprachige Meteorologe Jörg Kachelmann per Twitter: „Strunzdumme Är[z]tin via @DasErste Höchsttemperatur ist 17-18 Uhr. Warum fragt man Ärzte zu Meteorologie? Dürfen wir bald auch über neue Trends bei Blinddarmoperationen berichten?“ Dass er sich dann aber zur gleichen Zeit als Meteorologe über die Homöopathie auslässt und diese verunglimpft, das ist … das entscheide jeder selbst!
Hmm, darf ich als Nicht-Historiker ein Buch über 1919 schreiben? Und dürfen Nicht-Politiker wie Künstler und Literaten ein Land regieren? Diesen Versuch hat es auf jeden Fall gegeben – er ging fehl. Darüber wird zu berichten sein.
Nein, ich bin kein Historiker, und ich zitiere auch nicht alles wissenschaftlich korrekt, aber Ziel dieses Projekts war keine akademische Abhandlung, sondern ein Lesebuch. Ein Lesebuch, das auch Lust auf mehr machen soll. Viele Informationen habe ich aus allgemein zugänglichen Quellen (z.B. Wikipedia, chroniknet.de), und angeregt wurde ich selbstredend durch das eindrucksvoll erzählte „1913“ von Florian Illies.
Die vorliegende Schrift erhebt auch nicht den Anspruch, etwas Neues zu schaffen. Alles, was hier zu finden ist, kann man im Original nachlesen - darauf wird auch oft verwiesen. Es ist zum einen der Versuch, die unterschiedlichsten Vorgänge - von denen viele sich auch gegenseitig bedingen - eines bedeutenden Jahres chronologisch zu fassen, so dass man Tag für Tag durch das Jahr 1919 schreiten kann. Zum anderen sollen die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verknüpft werden.
Eine Schatzkiste für mich waren dabei natürlich die Arbeit von Albert Schmelzer „Die Dreigliederungsbewegung 1919“, aber auch die Chronologien von Christoph Lindenberg und Peter Selg. Dort ist alles, was Rudolf Steiner und die Dreigliederungsbewegung betrifft, viel gründlicher und umfassender bearbeitet.
„Augenzeugenberichte sind das Salz jeder Geschichtsschreibung“ heißt es im Vorwort zum Buch „Dreigliederungszeit“ von Hans Kühn. Hans Kühn war Augenzeuge der Dreigliederungsbewegung in Stuttgart 1919. Natürlich besonders spannend waren auch die Augenzeugenberichte der Protagonisten Ernst Toller („Eine Jugend in Deutschland“), Oskar Maria Graf („Wir sind Gefangene“), der „Rechenschaftsbericht“ von Erich Mühsam sowie Hermann Hesse in seinen Briefen. Über das Jahr 1919 im Leben von Hesse erfährt man viel in dem wunderbar akribischen Werk „Hermann Hesse – Der Vogel kämpft sich aus dem Ei“ von Jürgen Below.
Ungefähr 20 Jahre spielt ein Berg bei Ascona – der von den Bewohnern so genannte „Monte Verità“ - eine wichtige Rolle. Dort befinden sich zeitweise auch einige unserer Mitspieler. Allein über diesen Ort und diese Zeit gibt es einige Bücher. Erwähnen will ich nur „1900“ (von Peter Michalzik) und „Freie Liebe und Anarchie: Schwabing - Monte Verità“ (von Ulrike Voswinckel). Die bedeutende Zeit dieses Hügels ging 1919 langsam zuende.
Ja, 1919 ist ein spannendes Jahr!
Der erste Weltkrieg ist gerade vorbei, und wie oft nach einem Zusammenbruch scheint vieles möglich. Aufräumen und der Versuch der Bewältigung des Krieges mischen sich mit Aufbruch und Neuanfang. Es geschehen allerdings auch viele merkwürdige Dinge, die Hoffnung auf einen Neustart treibt auch skurrile Blüten.
Und was heißt eigentlich, der erste Weltkrieg ist gerade vorbei? Wann war er denn zu Ende? Mit dem letzten Schuss? Mit der Bekanntgabe der Abdankung des deutschen Kaisers durch den Reichskanzler Max von Baden am 9. November 1918? Am 11. November mit dem Waffenstillstand von Compiègne? Mit dem unter Protest am 28. Juni 1919 unterschriebenen Versailler Vertrag? Was kam danach? Andreas Platthaus nennt die Zeit danach den „Krieg nach dem Krieg“ (AP). Und wann hat der Krieg begonnen? Gibt es ein genaues Datum? War es nicht ein schleichender Beginn? Oder ist es nicht so, wie Christa Wolf in „Kassandra“ schreibt:
Wann der Krieg beginnt, das kann man wissen. Aber wann beginnt der Vorkrieg?
Merkwürdig ist ja auch, dass es bisher (glücklicherweise nur) zwei Weltkriege gab, die relativ kurz hintereinander stattfanden, und die auch miteinander in Beziehung standen; der zweite hätte ohne den ersten vielleicht gar nicht stattgefunden. Vielleicht! Manche Autoren sprechen vom zweiten 30-jährigen Krieg; Friedrich Engels und Helmuth von Moltke haben diesen prophezeit, General Charles de Gaulle hat diese Phase 1944 so bezeichnet.
Andere Autoren haben für die Zeit des Aufbruchs nach dem Krieg andere Formulierungen gewählt: „Die paradoxe Revolution 1918/19“ oder „Der kurze Frühling“ („… der Räterepublik“ oder „… der Anarchie“). Klaus Gietinger nennt sie „Der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts“, Ralf Höller „Der Anfang, der ein Ende war“ bzw. „Das Wintermärchen“.
Der Historiker Hans-Ulrich Wehler schreibt:
Mehr als 13 Millionen deutscher Soldaten hatten jahrelang Lebensgefahr, Verwundung, Verstümmelung, Vergiftung und vielfachen Tod erlebt. Die Hemmschwelle von Gewalt und Aggression war tief abgesenkt worden. Die Gewöhnung ans Töten, das als kriegsförderliche Leistung aufgewertet, mit Orden und Beförderung belohnt wurde, beherrschte den Alltag. Millionen Männer kehrten, an menschenverachtende Kämpfe gewöhnt, im Umgang mit Waffen erfahren, erbittert über die Niederlage, aus dem Krieg zurück. Zu Hunderttausenden füllten sie die neuen paramilitärischen Kampfverbände vom „Stahlhelm“ über den „Roten Frontkämpferbund“ bis zu den „Sturmabteilungen“ der Nationalsozia-listen. Der Staatenkrieg wurde als Bürgerkrieg zwischen rechtem und linkem Lager fortgesetzt. (PS)
Und das jüngste Mitglied in der Weimarer Nationalversammlung, der linke Sozialdemokrat Curt Geyer, schreibt (1923):
Die Massen hatten im Krieg gelernt, den Wert des menschlichen Lebens zu verachten, Menschenleben als Mittel zum Zweck rücksichtslos zu opfern. (PS)
Und die Kinder wuchsen auf und lernten als erste Laute nicht „Mama“ und „Papa“, sondern „knatta-knatta“, Maschinengewehr-Salven nachahmend. So beobachtet und notiert es zumindest Victor Klemperer in seinem Revolutionstagebuch „Man möchte immer weinen und lachen in einem“.
Was war das für eine verrückte Zeit!
Bei einigen Protagonisten dieser verrückten Zeit schauen wir in die mehr oder weniger privaten Tagebücher hinein, z.B. bei Thomas Mann oder Josef Hofmiller. Literarisch ein Genuss sind selbstverständlich die Aufzeichnungen von Stefan Zweig („Die Welt von gestern“).
Frauen spielen – zumindest was die Überlieferung angeht – eine untergeordnete Rolle in diesem Jahr, dabei gibt es sogar ein Buch „1919 - Das Jahr der Frauen“ (von Unda Hörner). Im vorliegenden Buch soll z.B. die Schauspielerin Tilla Durieux genauso zu Wort kommen wie die Feministin Hedwig Dohm. Die Frauen wirken, stehen aber noch nicht in vorderster Reihe.
Diesen allen, sowie selbstredend auch allen anderen Augenzeugen und Autoren, sei herzlich gedankt für ihre Arbeit. Besonders möchte ich mich jedoch bedanken bei meinem Lektor und Korrektor Sebastian Großkreutz und bei allen Menschen, für die ich in den letzten Monaten nicht so viel Zeit hatte wie gewünscht.
Viel Freude beim Lesen und Entdecken!
„Wir müssen zuerst mit dem Geld, das wir noch haben, freie Schulen
gründen, um den Leuten das beizubringen, was sie brauchen.“
– Rudolf Steiner
Frauen dürfen zum ersten Mal wählen, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden ermordet, die Spanische Grippe geht zu Ende und die Versailler Verhandlungen beginnen.
Am 1. Januar eines Jahres treten stets neue Gesetze oder Regelungen in Kraft: So auch 1919: Das Kohlensyndikat erhöht den Tonnenpreis für Kohle von 25,80 Mark (1.12.1918) auf 42,90 Mark, für Koks von 30 Mark auf 61,90 Mark (im Juli 1914 betrug der Kohlenpreis 12,50 Mark, der Kokspreis 19 Mark). Und weil die Kohle nicht nur teuer ist, sondern auch rar, und weil das Jahr 1919 mit großer Kälte beginnt, haben die Schulen meist „Kohleferien“.
Wesentlich angenehmer ist ein Gesetz, das ebenfalls ab dem 1. Januar gilt. Die Berliner Volksbeauftragten-Regierung erklärt den Achtstundentag zum Gesetz, mehr als 80 Jahre nachdem der britische Unternehmer, Frühsozialist und Begründer des Genossenschaftswesens Robert Owen den Slogan ausgegeben hatte:
Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung.
Die Sowjetrepublik Weißrussland wird gegründet. Sie ist bereits am 25. Dezember 1918 proklamiert worden, doch gelingt es der sowjetischen Führung erst jetzt, sich nach dem Abzug der deutschen Truppen in ganz Weißrussland zu etablieren.
Ab dem 1. Januar ist auch die seit 1800 in Bayern gesetzlich festgeschriebene geistliche Schulaufsicht aufgehoben. Diese beruhte auf der in ganz Mitteleuropa dominierenden Bildungsrolle der Kirchen. In Bayern wurde schon im November 1918 in der ersten Verlautbarung der Provisorischen Regierung Eisner zu kultur- und bildungspolitischen Fragen vom sozialdemokratischen Kultusminister Johannes Hoffmann – ein ehemaliger Lehrer - angekündigt, dass ein Volksschulgesetz mit fachmännischer Schulaufsicht entstehen soll.
Offiziell reagieren die katholischen Würdenträger, allen voran der Münchner Erzbischof Michael von Faulhaber, aber auch die Bayerische Bischofskonferenz, heftig gegen die Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht. Intern ist man aber durchaus bereit, sich mit dieser Einschränkung kirchlicher Kontrollbefugnis anzufreunden. Der größere Aufschrei sollte erst Anfang Februar folgen. Die evangelischen Kirchen ihrerseits rügen wie die katholischen Bischöfe die Form der Aufhebung - die Kirchen waren im Vorfeld nicht informiert worden. Der Sache nach sind sie jedoch ebenso grundsätzlich einverstanden.
Bleiben wir in Bayern: In mehreren Münchner Zeitungen wird das „zügellose Treiben“ und die „unsinnige Schießerei mit scharfer Munition“ in der Silvesternacht kritisiert. Viele Waffen befänden sich in unverantwortlichen und unkontrollierten Händen.
Ob das Neujahr in New York auch zügellos begrüßt wurde, wissen wir nicht; wir wissen jedoch, dass J.D. Salinger, US-amerikanischer, jüdischer Schriftsteller am ersten Tag des neuen Jahres dort das Licht der Welt erblickt. 1937 wird er sich fünf Monate lang in Europa aufhalten, wo er auf Bestreben seines Vaters bei dessen Verwandten in Wien eine Ausbildung in einem Schlachtereibetrieb absolviert, um sich auf das Erbe des väterlichen Importgeschäfts vorzubereiten. 1942 wird Salinger in die US-Armee eintreten und von Invasionsbeginn bis Kriegsende an fünf Feldzügen in Frankreich teilnehmen - unter anderem gegen die deutsche Ardennenoffensive. In Paris wird er dem Kriegskorrespondenten Ernest Hemingway begegnen, der ihm ein „verteufeltes Talent“ bescheinigt, und nach dem Krieg – wegen eines „front shock“ – eine Zeit lang in psychotherapeutischer Behandlung sein. Nach dem Krieg wird Salinger, der gut Deutsch spricht, auch im fränkischen Gunzenhausen tätig, wo er nach seinem Ausscheiden aus der Armee als Zivilist für eine Abteilung des Nachrichtendienstes arbeitet. Möglicherweise schreibt Salinger bereits in Gunzenhausen Teile seines Romans „The catcher in the rye“.
Am 1. Januar passiert ein tragisches Unglück: Die Iolaire, ein gepanzertes Dampfschiff, soll 260 überlebende Soldaten des Ersten Weltkrieges als Passagiere auf die Isle of Lewis transportieren, einer den Äußeren Hebriden vor Schottland zugehörigen Insel mit 30.000 Einwohnern, von denen 6.000 Männer Kriegsdienst überwiegend in der Royal Navy geleistet hatten. Das Schiff wird für den Transport verwendet, da das reguläre Postschiff Sheila hierfür zu klein ist. Die Iolaire sinkt bei einem an sich harmlosen Ausweichmanöver kurz vor dem Hafen bei schlechten Wetterbedingungen, 205 Menschen sterben.
In Berlin führen der Spartakusbund und einige kleinere linksradikale Gruppen seit dem 30. Dezember 1918 einen Gründungsparteitag im Festsaal des Preußischen Landtags durch, an dessen Ende - am 1. Januar - durch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sowie Leo Jogiches die KPD als selbständige Partei entsteht.
Ein anderes Thema wird in Dornach bewegt. Rudolf Steiner, der sich dort für einige Wochen befindet, hält am 1. Januar vor Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft (in Folge „Mitglieder“ genannt) den achten und damit letzten Vortrag des Zyklus „Wie kann die Menschheit den Christus wiederfinden?“ und meint darin:
Wenn man sich Gedanken, die nach dem Muster der Naturwissenschaft sind, hingibt, kann man einfach nicht der heutigen Zeit gewachsen sein. Wenn man bloß dasjenige ordnen will, was hier in der physischen Welt ist, wenn man bloß über das nachdenkt, was hier in der physischen Welt ist und nichts anderes gelten lassen will, dann zerstört man nur. Und man soll sich dann nicht wundern, wenn der Kampf, dessen man nicht Meister werden will im Geistigen, in das physische Leben hereinspielt, denn er schlägt ja herein in die Menschen. Und wenn sie ihn nicht in der Seele ausfechten wollen, so führt er den einen gegen den andern, Völker gegen Völker, Menschen gegen Menschen. Was hier in der physischen Welt geschieht, kann nur ein Abbild sein der geistigen Welt… (GA 187)
Mit solchen Worten haben viele moderne Menschen ein Problem; es ist für sie nur dasjenige vorhanden, was messbar und mit den heutigen Untersuchungsmethoden nachweisbar ist. Alles andere wird dem Glauben zugerechnet, aber zu glauben ist nicht en vogue.
Obwohl in Hohensalza an der Netze sich die Vertreter der preußischen Städte Posen, Gnesen, Hohensalza und Bromberg mit den Vertretern Polens auf die sofortige Einstellung aller Feindseligkeiten einigen, geht der polnische Vormarsch weiter. Bis Ende Januar besetzen die Polen fast die gesamte preußische Provinz Posen.
In der lettischen Hauptstadt Riga wird am 3. Januar die Sowjetverfassung eingeführt.
Der provisorische bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner äußert an diesem Tag in der Sitzung des ebenso provisorischen Nationalrats Folgendes - und dokumentiert damit die Nähe von Kunst und Politik:
Es gehört zu den deutschen Absonderlichkeiten, daß Politik etwas ganz Besonders ist, daß Regieren eigentlich eine juristische Tätigkeit ist. Ich glaube, es war wohl Bismarck, der gemeint hat, daß Regieren eine Kunst wäre, und ich glaube allerdings, Regieren ist genauso eine Kunst, Politik ist genauso eine Kunst wie Bildermalen oder Streichquartette komponieren. Der Gegenstand dieser politischen Kunst, der Stoff, an dem diese politische Kunst sich bewähren soll, ist die Gesellschaft, der Staat, die Menschen. Deshalb möchte ich glauben, daß ein wirklicher Staatsmann, eine wirkliche Regierung zu niemand ein stärkeres inneres Verhältnis haben sollte als zu den Künstlern, seinen Bundesgenossen.
An anderer Stelle äußert er:
In der heutigen Zeit und in der Zukunft scheint es mir, als ob diese Flucht in das Reich des Schönen nicht mehr notwendig sein sollte, daß die Kunst nicht mehr ein Asyl für Verzweifelte am Leben sein soll, sondern daß das Leben selbst ein Kunstwerk sein müßte und der Staat das höchste Kunstwerk. (TA)
Die Politik - ein Schauspiel. Und eine hohe Kunst. Kurt Eisner selbst hatte in einer seiner ersten Schriften im Jahr 1888 schon die Sozialisierung des Theaters gefordert. Hatte das Theater als Stätte der Volksbildung, der politischen Erziehung, des Strebens nach dem Höchsten und Besten der Menschheit gefordert. Jetzt sollte es endlich so weit sein. (VW)
Ja, die Beziehung zwischen Politik und Kultur wird uns noch intensiv beschäftigen.
Rudolf Steiner beginnt am 3. Januar mit einem neuen Zyklus vor Mitgliedern: „Der Goetheanismus, ein Umwandlungsimpuls und Auferstehungsgedanke“ (GA 188). Im ersten Vortrag geht er auf den Unterschied zwischen Mensch und Tier im herkömmlichen Verständnis und aus geisteswissenschaftlicher – konträrer – Sicht ein. Im zweiten Vortrag, am darauffolgenden Tag, betont er, dass es wichtig ist, dass man den Willen hat, Erkenntnisse aus der Geisteswissenschaft zu verstehen.
Dazu muss man wissen, dass Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne etwas anderes ist als das, was man gemeinhin darunter versteht. Steiner nannte sie anfangs auch Geheimwissenschaft, weil sie der Erforschung des „Geheimen“, d.h. des nicht sinnlich, sondern nur übersinnlich Erfahrbaren dient. Und wer dort, im Übersinnlichen, nichts erfährt, muss glauben, was diejenigen berichten, die solche Erfahrungen sammeln können.
4. Januar: Der Berliner Polizeipräsident Emil Eichhorn von der USPD wird durch den Rat der Volksbeauftragten unter Friedrich Ebert entlassen, weil er sich in der Weihnachtskrise geweigert hatte, auf demonstrierende Arbeiter zu schießen. Wer ist dieser „Rat der Volksbeauftragten“? Blicken wir ein, zwei Monate zurück: Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution kam es in Deutschland zu einem politischen Umbruch. Reichskanzler Max von Baden hat am 9. November (eigenmächtig) die Abdankung des Kaisers Wilhelm II. verkündet und Friedrich Ebert die Regierungsgeschäfte übertragen. Infolgedessen stritten sich MSPD und USPD um die künftige Regierungsform. So wurde der „Rat der Volksbeauftragten“ eingesetzt. Er kümmert sich um die Debatte, ob Deutschland ein sozialistisches Rätesystem oder eine parlamentarische Demokratie werde sollte. Ihm gehörten zunächst außer dem Vorsitzenden Friedrich Ebert noch zwei weitere SPD-Vertreter und drei Politiker der USPD an. Diese Regierung gilt als Nachlassverwalterin des Kaiserreichs. Sie musste, um das Land vor einem totalen Kollaps zu bewahren, mit den vorhandenen Verwaltungsbehörden zusammenarbeiten und mit der Obersten Heeresleitung (OHL) kooperieren. Das ist für viele November-Revolutionäre unerträglich. Am 28./29. Dezember treten dann auch die USPD-Mitglieder zurück und werden durch weitere SPD-Mitglieder, darunter Gustav Noske, ersetzt. Dieser übernimmt
die Verantwortung für Heer und Marine. Verhütung des Chaos lautet sein oberstes Gebot, Gesundung des Volkes durch Arbeit das zweitoberste. Da sich die Reichswehr in Auflösung befindet, rekrutiert Noske arbeitslos gewordene Offiziere und Soldaten und sammelt sie in paramilitärischen Verbänden. In der Hauptstadt werden die Freikorps gegen die Spartakisten eingesetzt. (RH)
Die Entlassung des Polizeipräsidenten führt am 5. Januar zu Massendemonstrationen und zum Beginn des „Spartakusaufstands“. Die eigentlichen Ursachen der auch „Januaraufstand“ genannten Auseinandersetzungen sind jedoch die gegensätzlichen politischen Ziele und Methoden der an der Novemberrevolution (1918) beteiligten Gruppen (v.a. MSPD und USPD). Letztlich liegt der Keim der Zwietracht bereits am Anfang der Revolution bei der doppelten Ausrufung der Republik: zum einen – zwischen Suppe und Nachtisch - durch den SPD-Politiker Philipp Scheidemann (bürgerlichdemokratisch) vom Balkon des Reichstagsgebäudes aus, zum anderen durch den Führer des Spartakusbundes Karl Liebknecht (sozialistisch) vom Lastwagen vor dem Berliner Stadtschloss. Der Begriff Spartakusaufstand hat sich im Übrigen eingebürgert, obwohl der Spartakusbund (beziehungsweise die KPD) diesen Aufstand weder plante und auslöste noch führte, sondern erst nach seinem Beginn daran mitwirkte. Auf jeden Fall strömen an diesem Sonntag Hunderttausende ins Zentrum Berlins, darunter viele Bewaffnete. Sie besetzen die Bahnhöfe und das Zeitungsviertel mit den Redaktionsgebäuden der bürgerlichen Presse und des „Vorwärts“. Einige der Zeitungen hatten Tage zuvor zur Aufstellung weiterer Freikorps und zum Mord an den Spartakisten aufgerufen.
Auch in Stuttgart findet vom 4. –12. Januar ein erster Putschversuch der Spartakisten statt, an dem sich Teile der Arbeiterräte von Daimler und Bosch, aber auch ehemalige Frontsoldaten beteiligen.
Wer sind die Spartakisten? 1917 war aus der SPD der linke Flügel ausgetreten und hat die „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ gegründet. Einer der Antreiber war damals der Pazifist Kurt Eisner. Ferdinand Kramer, Ordinarius für Bayerische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bezeichnete ihn einmal als den „Lafontaine der damaligen SPD". Die Mitglieder der USPD werden oft einfach „Unabhängige“ genannt. Der kriegsbejahende „Rest“ der SPD nennt sich fortan „Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands“ (MSPD) mit Friedrich Ebert als Parteivorsitzendem, genannt die „Mehrheitssozialisten“. Der Spartakusbund existiert seit 1914 (bis 1916 allerdings unter dem Namen „Gruppe Internationale“) und schloss sich 1917 der USPD als deren linker Flügel an. Er geht dann, wie bereits erwähnt, Anfang des Jahres in die KPD auf.
Der Kaiser-Wilhelm-Kanal (Nord-Ostsee-Kanal, Kieler Kanal) wird als internationaler Schifffahrtskanal für den Friedensbetrieb neu eröffnet; dazu gibt es im Versailler Friedensvertrag einen Teil XII (von XV): „Häfen, Wasserstraßen und Eisenbahnen“; dort findet man im Abschnitt VI (von VI): „Bestimmungen über den Kieler Kanal“, die Artikel 380 - 386 (von insgesamt 440 Artikeln). Artikel 380 lautet:
Der Kieler Kanal und seine Zugänge stehen den Kriegs- und Handelsschiffen aller mit Deutschland in Frieden lebenden Nationen auf dem Fuße völliger Gleichberechtigung dauernd frei und offen.
Artikel 381 lautet:
Die Staatsangehörigen, Güter, Schiffe und Boote aller Mächte werden hinsichtlich der Abgaben, der Abfertigung sowie in jeder anderen Richtung bei der Benutzung des Kanals auf dem Fuße völliger Gleichberechtigung behandelt, so dass jeder Unterschied zuungunsten der Staatsangehörigen, Güter, Schiffe und Boote irgendeiner Macht gegenüber den deutschen Reichsangehörigen sowie den Gütern, Schiffen und Booten Deutschlands oder der meistbegünstigten Nation ausgeschlossen bleibt. Der Verkehr von Personen, Schiffen und Booten erfährt keine anderen Beschränkungen als solche, die sich aus den Polizei- und Zollvorschriften, aus den Vorschriften über das Gesundheitswesen, sowie über Aus- und Einwanderung, endlich aus Ein- und Ausfuhrverboten ergeben. Diese Bestimmungen müssen angemessen und gleichmäßig sein und dürfen den Handel nicht unnötig behindern.
Und im Artikel 382 heißt es:
Für die Benutzung des Kanals oder seiner Zugänge dürfen von den Schiffen und Booten nur Abgaben erhoben werden, die zur angemessenen Deckung der Kosten für die Schiffbarerhaltung oder die Verbesserung des Kanals oder seiner Zugänge oder zur Bestreitung von Ausgaben im Interesse der Schifffahrt dienen. Ihr Tarif wird nach diesen Ausgaben berechnet und in den Häfen ausgehängt. Diese Abgaben werden so festgesetzt, dass eine ins einzelne gehende Untersuchung der Ladung nicht nötig ist, es sei denn, dass Verdacht des Schmuggels oder einer Übertretung besteht.
Es ist immer noch Sonntag, der 5. Januar: US-Präsident Woodrow Wilson besucht im Vatikan Papst Benedikt XV. zu Gesprächen über die Lage in Europa.
In München gründen der Sportreporter Karl Harrer und der Werkzeugschlosser Anton Drexler die Deutsche Arbeiter-Partei (DAP). Sie versteht sich als „eine aus allen geistig und körperlich schaffenden Volksgenossen zusammengesetzte sozialistische Organisation, die nur von deutschen Führern geleitet sein darf, welche alle eigennützigen Ziele zur Seite stellen und nationale Notwendigkeiten als höchsten Programmsatz gelten lassen“. (Am 24. Februar 1920 wird im Rahmen einer von Adolf Hitler organisierten Massenversammlung im Hofbräuhaus die Umbenennung in NSDAP bekannt gegeben.)
Gleichzeitig in Dornach: Rudolf Steiner bemerkt im 3. Goetheanismus-Vortrag, dass man, wenn man geistige Erkenntnisse erlangen will, wirklich offen sein und seine persönlichen Interessen zurückstellen muss.
Der deutschösterreichische Staatskanzler Karl Renner macht sich Anfang Jänner 1919 auf den Weg nach Schloss Eckartsau, einem in der Nähe der Donauauen zwischen Wien und Bratislava gelegenen Jagdschloss, wohin Karl I. mit seiner engsten Familie geflüchtet ist. Er will mit dem Noch-Kaiser persönlich über dessen Zukunft sprechen. Da er nicht dem Hofzeremoniell entsprechend um Audienz gebeten hat, lehnt Karl ab, ihn zu treffen. Dem „ehemaligen Träger der Krone“ (wie er später offiziell bezeichnet wird) lässt man daher später über Mittelsmänner die Information zukommen, das geplante Habsburgergesetz werde, falls Karl weder ausreisen noch abdanken wolle, in Kraft treten – und der Kaiser damit in Haft kommen. Das angedrohte Gesetz heißt ausführlich „Gesetz vom 3. April 1919 betreffend die Landesverweisung und die Übernahme des Vermögens des Hauses Habsburg-Lothringen“, und Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn heißt gleichzeitig auch „Karl III., König von Böhmen“ und „Karl IV., König von Ungarn und Kroatien“.
6. Januar: Im Alter von 60 Jahren stirbt der ehemalige US-amerikanische Präsident Theodore Roosevelt im Bundesstaat New York - sowohl sein ältester Sohn als auch sein Vater heißen ebenfalls Theodore. Nach ihm ist der Teddybär benannt; allerdings gibt es zwei unterschiedliche Legenden, wie es zu dem „Teddy Bear“ kam - eine amerikanische und eine deutsche.
Von New York nach München: Auf der Theresienwiese findet am 7. Januar eine Erwerbslosendemonstration statt; von dort aus stürmen Demonstranten das Ministerium für Soziale Fürsorge; sie können erst durch Republikanische Schutztruppen auseinandergetrieben werden.
Im November 1918 ist vom Rat der Volksbeauftragten eine Expertengruppe eingesetzt worden, die Wege zur Sozialisierung von Teilen der deutschen Wirtschaft prüfen soll. Der offizielle Name lautet: „Kommission zur Vorbereitung der Sozialisierung der Industrie“, geleitet wird sie vom deutschtschechischen Philosophen und sozialdemokratischen Politiker Karl Kautsky. Vorgesehen für die Kommission war auch Walter Rathenau. Das scheiterte aber am Widerstand der USPD. Am 7. Januar werden erste Ergebnisse über die Grundsätze der Sozialisierungsarbeit veröffentlicht.
Eine Sozialisierungskommission arbeitet auch in Bayern (dort hat Professor Lujo Brentano den Vorsitz) und in Württemberg:
… von Seiten der Regierung war man nicht untätig. So hatte das Arbeitsministerium im Dezember 1918 eine Kommission einberufen, die prüfen sollte, ob und welche Zweige der württembergischen Industrie bzw. ob und welche Einzelbetriebe vergesellschaftet werden könnten. Im Gegensatz zur Berliner Sozialisierungskommission, die vorwiegend eine Angelegenheit von Theoretikern war, verfolgte die Stuttgarter Sozialisierungskommission eine mehr praxisorientierte Strategie, indem sie einerseits den Arbeiterrat, andererseits aber auch Unternehmer wie z.B. Robert Bosch und Emil Molt, Direktor der Waldorf Astoria-Zigarettenfabrik und mit den Dreigliederungsgedanken Rudolf Steiners eng vertraut, zu den Beratungen hinzuzog.
Das schreibt Walter Kugler als Herausgeber von Steiners Zyklus „Betriebsräte und Sozialisierung“ (GA 331) in den Vorbemerkungen. Wir werden im Mai auf diesen Zyklus zu sprechen kommen.
Bleiben wir in Stuttgart: In der Nacht vom 7. auf den 8. Januar bezieht Leutnant Paul Hahn, ein deutscher Lehrer und Kunstmaler, mit seiner Truppe den Gefechtsstand im Turm des neu erbauten Stuttgarter Bahnhofs. Von der oberen Plattform lässt sich mit Maschinengewehren die ganze Königstraße bis zum Wilhelmsbau unter Beschuss nehmen und so der erste Spartakistenputschversuch bekämpfen. Es gibt Tote und Verletzte.
Währenddessen erlässt die deutsche Reichsregierung in Berlin, in der die Sozialdemokraten die Mehrheit haben, einen Aufruf an die Bevölkerung der Stadt, in dem sie versichert, alle notwendigen Maßnahmen zu treffen, um die spartakistische „Schreckensherrschaft zu zertrümmern und ihre Wiederkehr ein- für allemal zu verhindern“. Und es wird gleich umgesetzt: Deutsche Regierungstruppen und Freikorps beginnen mit der Rückeroberung der von den Spartakisten besetzten öffentlichen Gebäude in Berlin.
Zurück in Stuttgart: Am 9. Januar finden Demonstrationen statt, veranstaltet vom Spartakus- und vom Roten Soldatenbund und den „Unabhängigen“. Zweck und Ziel: Absetzung der Regierung und des Stadtparlaments. Die Regierung lässt sich jedoch nicht absetzen, sondern zieht - paarweise, schutzlos und bemüht, nicht aufzufallen - unter Leitung von Wilhelm Blos vom alten Schloss um in den noch im Rohbau befindlichen Bahnhofsturm, in dem schon Paul Hahn haust. Unverputzte Wände, schnell zusammengezimmerte Tische und Bänke, sowie Strohsäcke zum Schlafen bilden die provisorische Einrichtung. Paul Hahn erinnert sich:
Im neuen Bahnhof sah es an diesem Tage nicht schön aus. Rasch und unvermittelt hatte ich von dem Gebäude Besitz ergriffen. Zwei Zimmer waren das Stabsquartier der Zentralleitung der Sicherheitskompagnien, einige Strohsäcke in diesen Zimmern unser Nachtlager, das wir aber in den nächsten Tagen keine Minute benutzen konnten. In sämtlichen Gängen lagen die Sicherheitssoldaten mit ihrer Ausrüstung. Feldtelefone, in aller Eile gebaut, verbanden mich mit den verschiedenen Kasernen, ein Kommen und Gehen von Soldaten und Führern und Soldatenräten. Um aus meinem Zimmer zum Ausgang des Bahnhofs kommen zu können, musste ich über Hunderte von Beinen hinwegsteigen. (PH)
Der Aufstand wird von provisorisch aufgestellten Sicherheitstruppen unter der Führung von Hahn niedergeschlagen. Hans Kühn, ein Zeitzeuge, Kaufmann und Schriftsteller, ist mit dem blutigen Gemetzel nicht einverstanden:
Ich ging in den Turm, der von Maschinengewehren strotze, und bot dem Ministerpräsidenten Wilhelm Blos meine Vermittlung an. Die Herren sassen um einen runden Tisch im obersten Stockwerk und sprachen fleissig ihren Weingläsern zu, um sich zu beruhigen. Es war zu spät. Bereits hatte es Tote und Verwundete gegeben. Durch den Putsch war versucht worden, die ausgeschriebenen Landtags-Wahlen zu verhindern, denn die Arbeiter fühlten sich um die Früchte der Revolution betrogen. Auch Emil Molt muss nach seinen Angaben im Turm vorgesprochen haben… (HK)
Zur gleichen Zeit wird auch in Berlin der improvisierte Aufstandsversuch gewaltsam niedergeschlagen. Freikorps räumen mehrere Gebäude brutal und erschießen die Besetzer standrechtlich. Die übrigen ergeben sich rasch. Trotzdem wird ein Teil von ihnen ebenso erschossen. Diesem Vorgehen fallen in Berlin 156 Menschen zum Opfer.
10. Januar, also kein Faschingsscherz: Nach Kriegsende wurde im Waffenstillstand von Compiègne die Besetzung des linksrheinischen Gebietes durch die Triple Entente (Vereinigtes Königreich, Frankreich und Russland) festgelegt. Zwischen dem US-amerikanischen Brückenkopf von Koblenz und dem französischen Brückenkopf bei Mainz, die jeweils einen Radius von 30 km hatten, blieb ein schmaler Streifen zwischen dem Rheintal und Limburg an der Lahn unbesetzt. Der Bürgermeister von Lorch ruft dort an diesem Tag den „Freistaat Flaschenhals“ aus und führt merkwürdige Geldscheine ein, die in ca. 30 Städten und Dörfern des Rheingaus gelten. Auf den Banknoten prangen neben Bildern lokaler Sehenswürdigkeiten Sprüche wie z.B.: „In Lorch am Rhein, da klingt der Becher, denn Lorcher Wein ist Sorgenbrecher." Ein anderer Schein verkündet: „Nirgends ist es schöner als in dem Freistaat Flaschenhals." An seiner schmalsten Stelle ist das Gebiet - immerhin von 17.000 Menschen bewohnt - gerade mal 800 Meter breit, in Richtung Westen ist es jedoch gleichmäßig breiter - und erinnert daher von seiner Form an einen Flaschenhals (s. auch Intermezzo 6). Interessant: Zum 75. Jahrestag des Freistaates Flaschenhals wurde 1994 die „Freistaat-Flaschenhals-Initiative“ (FFI) von engagierten Winzern und Gastronomen aus der Taufe gehoben. Ihre Mitglieder haben sich verpflichtet, Weine zu erzeugen, welche über den gesetzlichen Qualitätsnormen liegen und durch ein gemeinsames Weinetikett gekennzeichnet sind.
Vieles ereignet sich noch an diesem Datum. Blicken wir zunächst nach München. Dort verliert Kurt Eisner viele Sympathien. Er lässt aus Sorge vor Krawallen die Führer von KPD und Spartakisten prophylaktisch verhaften, darunter auch Levien und Erich Mühsam:
Eine spontane Riesendemonstration zog vor das Ministerium des Auswärtigen und verlangte unsere Freigabe. Eisner wollte sie um keinen Preis zugeben, verweigerte sogar zuerst, mit dem Sprecher der Masse zu verhandeln. Schließlich erzwang sich der Matrose Rudolf Eglhofer, der spätere Oberkommandierende der Roten Armee, den Zutritt, indem er von außen am Hause emporkletterte und durchs Fenster in Eisners Arbeitszimmer eindrang. Angesichts der bedrohlichen Haltung der Menge mußte darauf Eisner unsere sofortige Freilassung anordnen. (EM 2)
Eisner ruft zur aufgebrachten Masse:
So holt sie euch, in Gottes Namen! Sie sind enthaftet! (OMG)
Erich Mühsam weiter:
In der Volksversammlung, in der die Masse uns erwartete, wurden wir mit ungeheuren Ovationen empfangen. Eisner hatte verspielt. (EM 2)
Ein wichtiges Treffen findet im „Aero-Club“ auf dem Berliner Flugplatz Johannisthal statt. Auf Einladung des Direktors der Deutschen Bank Paul Mankiewitz treffen sich dort 50 Vertreter der deutschen Industrie, des Handels und der Banken, darunter Hugo Stinnes, Albert Vögler, Carl Friedrich von Siemens, Otto Henrich, Ernst von Borsig, Felix Deutsch zu einem Vortrag. Eduard Stadtler, der Vorsitzende der „Antibolschewistischen Liga“, spricht über den „Bolschewismus als Weltgefahr“. Er wirbt darin für einen „christlich-nationalen Sozialismus“ ohne die Enteignungen von Privateigentum und Produktionsmitteln, wie es die Rätebewegung fordert. Auf dem Treffen wird ein Antibolschewistenfonds gegründet, für den Stadtler an diesem Tag satte 250 Millionen Reichsmark zusammenbekommt. Finanziert werden daraus u. a. der Aufbau eines rechtsnationalen Mediendienstes und die Unterstützung der Aufstellung rätefeindlicher, zuverlässiger Freikorps für die militärische Niederschlagung der Arbeiter im Bürgerkrieg. (novemberrevolution1918.de)
In Münster warnen die katholischen Pfarrer in einem Wahlaufruf (bald sind Wahlen - für den Landtag und zur Nationalversammlung) die Gläubigen vor der Sozialdemokratie, in Bremen wird die Räterepublik ausgerufen: Während einer von Kommunisten und der USPD veranstalteten Massenversammlung auf dem Bremer Marktplatz wird der Senat für abgesetzt erklärt und die unabhängige sozialistisch-kommunistische Republik Bremen ausgerufen. Die Regierungsgewalt übernimmt ein Rat der Volksbeauftragten.
Aus Davos schreibt Ernst Ludwig Kirchner an die Arztgattin Helene Spengler,
[…] die Menschen sind halb verrückt dort [in Berlin]. […] Dabei war heute morgen ein so wundervoller Monduntergang, auf rosa Wölkchen der gelbe Mond und die Berge rein tiefblau, ganz herrlich, ich hätte so gerne gemalt.
Und er malt es doch: das 120 cm x 120 cm große Ölgemälde „Wintermondlandschaft“, aber auch die „Wettertannen“ mit ihren violetten Baumstämmen.
In Dornach stellt Rudolf Steiner im 4. „Goetheanismus“-Vortrag fest, dass die Naturwissenschaftler dieser Zeit kein Interesse an Geistigem haben, sondern nur an ihren Untersuchungen - das gilt 100 Jahre später noch viel mehr; eine gesunde Lösung der sozialen Frage sei nur möglich, wenn man beim Denken so etwas wie Mutterliebe entwickeln kann; manchmal verwechselt man einen Menschen mit dem, was er tut; in der westlichen Welt sagt man, dass der Mensch von Natur aus böse ist, in China, dass er gut ist. (Wahrscheinlich sind auch deshalb asiatische Menschen so höflich!) Das hat auch Auswirkungen auf die Seelenverfassung. Man kann nicht in Geisteswissenschaft eindringen, wenn man engherzig ist – wie das bei uns das Übliche ist. Um uns herum ist Geisteswissenschaft, aber es ist bequemer, „nur“ darüber zu reden. Nochmal: Geisteswissenschaft - hier nicht im konventionellen Sinne gemeint.
Ein Blick nach Osteuropa: Um die Versorgungsengpässe der Roten Armee zu beheben, erlässt die sowjetische Regierung in Moskau ein Dekret, das die Bauern verpflichtet, große Teile ihrer Ernte an staatliche Behörden abzuliefern. Rumänien annektiert Siebenbürgen, das bis zu diesem Zeitpunkt zu Ungarn gehört hat; große Teile der Bevölkerung begrüßen den rumänischen Einmarsch.
Im Dezember 1918 fasste der Reichsrätekongress (die erste ordentliche Zentralversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte nach der Novemberrevolution tagte vom 16. bis 20. Dezember) den Beschluss, die dazu reifen Industrien, insbesondere den Bergbau, zu sozialisieren. Der Rat der Volksbeauftragten unternahm in den darauf folgenden Wochen allerdings wenig zur Umsetzung dieses Beschlusses, er richtete lediglich die bereits erwähnte Sozialisierungskommission ein. Im Ruhrgebiet wuchsen aus diesem Grund die Unzufriedenheit, die Unruhe und die Streikbereitschaft. Am 11. Januar 1919 beteiligen sich etwa 80.000 Arbeiter, die Mehrheit von ihnen Bergarbeiter, an der Streikbewegung. Einer der Auslöser dafür ist der Januaraufstand, der seit dem 5. Januar in Berlin tobt. Während es dort jedoch um den Sturz der Regierung geht, kämpfen die Streikenden im Ruhrgebiet für die Umsetzung des Beschlusses des Reichsrätekongresses, sprich für die Umsetzung der Sozialisierung.
Ein Gesichtspunkt im 5. „Goetheanismus“-Vortrag am Abend in Dornach ist, dass man die Geschichte nicht verstehen kann, wenn man nur Vorgänge aneinanderreiht – was sicher viele aktuelle und ehemalige Schülerinnen und Schüler bestätigen können. Und – was der Platonismus im (alten) Griechentum war, ist der Goetheanismus heute. Mit Goetheanismus ist die Bezeichnung für eine ganzheitlich orientierte Wissenschaftsmethodik gemeint; Goetheanistische Forschung strebt eine Verbindung von empirischer Methodik und allumfassendem Wesensverständnis an, mit dem Ziel, die erkenntnistheoretische Spaltung von Subjekt und Objekt zu überwinden. Rudolf Steiner hierzu:
Allein es gibt, […] eine Logik des Denkens und eine Logik des Lebens. Und derjenige, der sich nicht bloß durch eine Logik des Denkens in Goethe vertieft, sondern der die Goetheschen voller Impulse steckenden Anregungen lebendig nimmt und nun versucht, dasjenige aus ihnen zu gewinnen, was gewonnen werden kann, nachdem über die Menschheitsentwickelung so viele Jahrzehnte seit Goethes Tode hinweggegangen sind, der wird glauben […] wie er will, daß durch die lebendigen Anregungen des Goetheanismus — wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf — gerade diese Anthroposophie hat entstehen können durch Logik des Lebens, durch Erleben dessen, was in Goethe liegt, und durch Wachsenlassen in bescheidener Weise des von Goethe Angeführten. (GA 84)
Wir konstatieren: Die Anthroposophie ist erwachsen aus dem Goetheanismus.
Am selben 11. Januar ruft der Arbeiter- und Soldatenrat Cuxhaven, der mit der politischen Entwicklung in Berlin unzufrieden ist, die „Sozialistische Republik Cuxhaven“ aus. Am darauffolgenden (Sonn-)Tag erscheint in der Zeitschrift „Die neue Zeit“ folgende Anzeige:
An die Bevölkerung! Arbeiter und Bürger! Gewaltige Ereignisse bereiten sich in allen Gauen Deutschlands vor. Kein Arbeiter, kein Bürger weiß heute, wer regiert! Die Regierung in Berlin, die Volksbeauftragten haben vollständig versagt! In schwerem Bruderkampfe verbluten sich unsere Volksgenossen auf dem Straßenpflaster. Jede Stunde bringt neue Opfer aber keine Ordnung, sondern treibt uns immer mehr der Anarchie entgegen. Dem Gebot der Stunde gehorchend, der Verantwortlichkeit voll bewußt, die Ernährungs- und Wirtschaftsfragen für die gesamte Bevölkerung sicher zu stellen, erklären wir Cuxhaven mit den dazu gehörigen Kreisen mit dem heutigen Tage zur sozialistischen Republik. Cuxhaven, den 11. Januar 1919. Arbeiter- und Soldatenrat. gez. Lieby. gez. Kraatz.
Also: Bremen ist Räterepublik, Cuxhaven Sozialistische Republik. Von Cuxhaven nach München: Im Revolutionstagebuch des deutschen Essayisten, Kritikers, Übersetzers und Gymnasiallehrers Josef Hofmiller lesen wir:
Heute Wahl zum Bayerischen Landtag. Gutes, etwas frisches Wetter, heiter und klar, geeignet zu Demonstrationen, von denen aber bis jetzt nicht viel zu bemerken. Auch für gestern abend waren Putsche erwartet, wir gingen deshalb sogar um eine halbe Stunde früher aus und von unserm asketischen Dünnbier-Dämmerschoppen nach Haus, aber alles blieb ruhig. Die Wahlbeteiligung war sehr stark, die Leute standen an wie um Butter, Zigaretten oder Pferdefleisch. Der Anblick der zahlreichen Frauen und Soldaten in und vor dem Wahllokal fiel auf. (JH)
Kein Wunder, dass Hofmiller die vielen Frauen auffallen: Nachdem Kurt Eisner vor zwei Monaten, am 8. November, den Freistaat Bayern ausgerufen hatte, dürfen bei den ersten Wahlen zum Bayerischen Landtag zum ersten Mal auch Frauen gemäß dem allgemeinen, geheimen und direkten Verhältniswahlrecht abstimmen. Die Bayerische Volkspartei (BVP), die „Partei des politischen Katholizismus“, wird stärkste Partei - auch Thomas Mann hat sie gewählt -, allerdings hat das Bündnis aus SPD, Bauernbund und Liberalen die Mehrheit der Sitze. Die USPD von Ministerpräsident Eisner erleidet dagegen eine schwere Wahlniederlage. Auch der rechte Josef Hofmiller hat Eisner sicherlich nicht gewählt – er urteilt über ihn so:
Er entpuppt sich immer mehr als Kleber, und verbindet damit die Eigenschaft seiner Rasse, sich durch keinen Hinauswurf beleidigt zu fühlen, sondern, wenn man ihn durch die vordere Türe hinausbefördert hat, bei der hintern den Kopf wieder hereinzustecken, ob man nicht doch Verwendung für ihn hätte. Politisch ist er ein Gaukler, ohne einen einzigen positiven Gedanken. Er hat nur ein Ziel: Macht. […] Nach Bedarf mimt er den weltfremden Idealisten, oder aber den gewiegten Diplomaten.
An anderer Stelle schreibt er:
[…] daß Revolution und jüngste Literatur so kompromittierend eng liiert sind wie in München, ist etwas Neues und erklärt sich aus dem Vorleben des Ministerpräsidenten. Er ist Schwabinger durch und durch, begabt, aber ohne Kenntnisse, vor allem ohne Gediegenheit des Charakters, und will den Staat nach den Rezepten regieren, nach denen er etwa die Feuilletonredaktion einer Linkszeitung elegant schmeißen würde.
Hier haben wir: Revolution und Literatur eng liiert!
Kurt Eisner wurde nicht nur von Josef Hofmiller falsch eingeschätzt, weil er zuletzt von jeder Mitwirkung am politischen Teil der sozialdemokratischen Tageszeitung „Münchener Post“ ausgeschlossen worden war und nur noch „Kultur“ durfte.
Und nicht nur für Kurt Eisner hat Josef Hofmiller Hohn und Spott übrig, alles was mit der Revolution zu tun hat, versieht er mit Häme. Zum Beispiel die überall wehenden roten Fahnen.
Vom Landtag wehte lang und öd eine rote Fahne. Unten beim Hausmeister steckte ebenfalls ein langer roter Wimpel, der genau so aussieht wie die rote Fahne des Kaminkehrers, durch die er mitteilt, daß er in diesem Haus den Rauchfang ausbrennt. (JH)
Ein ganz anderes Bild von Kurt Eisner hat Ernst Toller, der – während Hofmiller „aus der Distanz“ kritisch beobachtet – neben Beobachter auch Akteur ist und vor allem sein wird:
Eisner war ein Mann von anderem geistigen Format als die Ebert, Scheidemann, Noske, Auer. Deutsche Klassik und romanischer Rationalismus haben ihn geformt und gebildet. Sein politisches Ideal war die vollkommene Demokratie, er verwarf die parlamentarische Demokratie, die das Volk einmal an die Urne führt, um es dann für Jahre auszuschalten. Von unten her sollte der Geist des Lebens und der Wahrheit als kritischer, belebender, anfeuernder Geist das Tagewerk der Gesellschaft durchdringen, darum bekannte er sich zur Rätedemokratie. Die Notwendigkeit raschen sozialen Neubaus erkannte auch er nicht. An die Spitze der Sozialisierungskommission, deren Einsetzung der Rätekongreß gefordert hatte, berief er Professor Brentano, den bekannten Freiwirtschaftler, in der ersten Sitzung dieser Kommission hielt er eine Aussprache, die die Industriemagnaten aufhorchen ließ, sozialisieren, sagte er, könne man nur, wenn etwas zu sozialisieren da ist, diese Voraussetzung fehlte in Deutschland.
Eisner haßte die Presse als eine Volkspest, sie belüge und verhetze die Völker, trotzdem, als einige Revolutionäre die Redaktion einer der übelsten Zeitungen besetzten, fuhr er persönlich in das Verlagsgebäude und sorgte für den Abzug der Eroberer. So stark war seine Verachtung der Journaille, so stark seine Achtung vor formaler Pressefreiheit. „Die Wahrheit“, schrieb er während des Krieges in einer Eingabe an das Münchener Generalkommando, „ist das höchste aller nationalen Güter. Ein Staat, ein Volk, ein System, in dem die Wahrheit unterdrückt wird oder sich nicht hervorwagt, ist wert, so rasch und so endgültig wie möglich zugrunde zu gehen.“
Der Moralist bekämpfte die Entwicklung in Berlin, er glaubte, daß die verantwortlichen Männer des alten Systems, die im Auswärtigen Amt weiterregieren und die Verhandlungen mit der Entente führen, den Frieden erschwerten, neue Männer, aufrechte Republikaner, die nicht teilhatten an der Schuld der Monarchie, seien nötig, sie würden mildere Friedensbedingungen für Deutschland erreichen. Er hegte die Illusion, daß Clémenceau der Vorkämpfer der europäischen Demokratie sei, er möchte ihn sprechen, ihn überzeugen, daß das deutsche Volk durch die Revolution zur Freiheit, zur Verantwortung gefunden habe, daß es ein Verbrechen an Europa wäre, dieses Volk durch einen grausamen Frieden zu erniedrigen. Clémenceau wies den Mittelsmann schroff zurück, ja er bedrohte ihn mit Verhaftung, weil er mit dem Feind konspiriere. Die französischen Regierungsmänner und Militärs dachten nicht daran, die deutsche Republik zu stützen, die einen hielten sie für ein Täuschungsmanöver der Machthaber von gestern, die andern fürchteten den Sieg des Bolschewismus und die Infizierung Frankreichs. (ET)
Auch Rudolf Steiner äußert sich über Kurt Eisner immer wieder, v.a. im ersten. Vortrag des Zyklus „Die soziale Grundforderung unserer Zeit in geänderter Zeitlage“ Ende 1918 vor Mitgliedern in Dornach:
Als noch gar keine Kriegserklärung, weder nach links noch nach rechts ergangen war, sondern man erst in den letzten Tagen des Juli 1914 stand, da sagte Kurt Eisner in München: Wenn es jetzt wirklich zum Weltkriege kommt, dann werden sich nicht nur die Völker zerfleischen, sondern dann stürzen alle Throne in Mitteleuropa. Das ist die notwendige Folge. - Er ist sich treu geblieben. Er hatte die ganzen Jahre hindurch ein kleines Häuflein, die immer von der Polizei verfolgt waren, in München gesammelt und zu ihnen gesprochen; hat, als an einer besonders wichtigen Stelle der Entwickelung der letzten Jahre in Deutschland ein Streik ausbrach, dann seine Gefängnisstrafe bekommen und ist jetzt vom Gefängnis zum bayerischen Ministerpräsidentenstuhl gestiegen. Er ist ein Mensch aus einem Guß. Ich will ihn nicht loben, denn die Verhältnisse sind jetzt so, daß selbst ein solcher Mensch Fehler über Fehler machen kann. Aber charakterisieren möchte ich so etwas, worauf es ankommt. Es handelt sich immer darum, die Dinge, die einem in der Welt entgegentreten, als Symptome richtig einzuschätzen, von den Symptomen auf das Darunterliegende zu schließen, wenn man nicht die Fähigkeiten hat, von den Symptomen überhaupt auf das darunterliegende wirksame Geistige zu sehen. Man muß sich wenigstens bestreben, von den Symptomen auf das dahinterliegende Geistige zu sehen. Und insbesondere wird für die Zukunft notwendig sein, daß Verständnis von Mensch zu Mensch auftrete. Mit Phrasen, mit Programmen, mit Leninismen wird die soziale Frage nicht zu lösen sein, sondern mit Verständnis von Mensch zu Mensch, wie man es sich aber nur aneignen kann, wenn man in der Lage ist, den Menschen als äußere Offenbarung eines Ewigen in sich anzuerkennen.
Hier ist das Motiv wieder: Was ich in der Welt sehe, sind nicht die Dinge selbst, sondern die Symptome für die Dinge; und man muss lernen, von den Symptomen auf das Darunterliegende, auf das Wesentliche zu schließen. Steiner später:
[…] sagt man: Der Mensch ist ein soziales Wesen - wie es heute geradezu Mode geworden ist -, so ist das Unsinn, denn der Mensch ist ebenso stark ein antisoziales Wesen, wie er ein soziales Wesen ist. Das Leben selber macht den Menschen zu einem antisozialen Wesen. Deshalb denken Sie sich einmal einen solchen Paradieseszustand auf Erden durchgeführt, wie es ihn gar nicht geben kann, aber wie er angestrebt wird, weil die Menschen ja immer das Unwirkliche viel mehr lieben als das Wirkliche - denken wir uns, ein solcher Paradieseszustand würde hergestellt, meinetwillen sogar ein solcher Überparadieseszustand, wie ihn Lenin, Trotzki, Kurt Eisner und andere auf der Erde haben wollen. Sehr bald schon würden sich unzählige Menschen dagegen auflehnen müssen, weil sie dabei nicht Menschen bleiben können, weil in einem solchen Zustande eben nur die sozialen Triebe Befriedigung finden würden, sich aber die antisozialen Triebe sogleich regen würden. Das ist ebenso notwendig, wie ein Pendel nicht bloß nach der einen Seite ausschlägt. In dem Augenblicke, wo Sie einen Paradieseszustand herstellen, müssen sich die antisozialen Triebe regen. Wenn das sich verwirklichte, was Lenin und Trotzki und Kurt Eisner wollen und von dem sie sich vorstellen, es sei ein Paradieseszustand, es müßte sich in kürzester Zeit durch die antisozialen Triebe in sein Gegenteil verkehren. Denn das ist eben das Leben, daß es zwischen Ebbe und Flut hin und her geht. Und wenn man das nicht verstehen will, so versteht man überhaupt nichts von der Welt.
Soziale und antisoziale Triebe sind wie Tag und Nacht, wie Ebbe und Flut… Weiter Rudolf Steiner:
Man hört ja oft: Das Ideal eines staatlichen Zusammenlebens ist die Demokratie. - Gut, nehmen wir also an, das Ideal eines staatlichen Zusammenlebens sei die Demokratie. Aber, wenn man diese Demokratie irgendwo einführen wollte, so würde sie notwendigerweise in ihrer letzten Phase zu ihrer eignen Aufhebung führen. Die Demokratie strebt notwendigerweise danach, wenn die Demokraten beisammen sind, daß immer einer den andern überwältigen will, immer will einer recht haben gegenüber dem andern. Das ist ganz selbstverständlich. Sie strebt nach ihrer eigenen Auflösung. Führen Sie also irgendwo die Demokratie ein, so können Sie das in Gedanken schön ausmalen. Aber in die Wirklichkeit übergeführt, führt die Demokratie ebenso zum Gegenteil der Demokratie, wie das Pendel nach der entgegengesetzten Seite ausschlägt. Das geht gar nicht anders im Leben. Demokratien werden immer nach einiger Zeit sterben an ihrer eigenen demokratischen Natur. Das sind die Dinge, die zum Verständnis des Lebens ungeheuer notwendig sind. (GA 186)
Das sind wenig erfreuliche Aussichten, die Steiner da hinstellt.
Zurück zum 12. Januar! Nicht nur in Bayern wird gewählt: Auch die Wahlen zur verfassunggebenden württembergischen Landesversammlung können plangemäß am 12. Januar stattfinden, auch hier zum ersten Mal unter Beteiligung der Frauen – als Wählerinnen und als Kandidatinnen. Das Ergebnis der Wahl: MSPD (52 Sitze), Deutsche Demokratische Partei (DDP, eine linksliberale Partei, 38 Sitze) und Zentrum (deutsche Zentrumspartei, katholische Fraktion, Name in Anlehnung an ihre Sitzplätze zwischen den konservativen Rechten und den liberalen Linken, 31 Sitze). Der Bauern- und Weingärtnerbund erhält zehn und die Bürgerpartei elf Mandate; die USPD verliert mit vier Mandaten fast jedes politische Gewicht. Unter den insgesamt 150 Mandatsträgern befinden sich 13 weibliche Abgeordnete (darunter Clara Zetkin), was im Vergleich zu den anderen Ländern eine überdurchschnittliche Repräsentanz von Frauen bedeutet. Die von der württembergischen Bevölkerung bestätigte Regierung des Sozialdemokraten Wilhelm Blos ist jetzt keine provisorische mehr und bezeichnet sich als Staatsregierung. Und in Stuttgart spottet man: „Früher regierte bloß Wilhelm, jetzt Wilhelm Blos.“ Mit dem ersten Wilhelm ist König Wilhelm II. von Württemberg gemeint, der weder verwandt noch verschwägert ist mit dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. Der König erhält nach einer Entscheidung der vorläufigen Regierung des Landes in Stuttgart eine jährliche Rente von 200.000 Mark.
Im 6. „Goetheanismus“-Vortrag stellt Rudolf Steiner u.a. dar, dass Mitteleuropa die Dreigliederung des Sozialen Wesens aufgreifen muss.
Wenn man die Geschichte kennt, ist es unheimlich, ja schaurig, was Clara Zetkin am 13. Januar in einem Brief an Rosa Luxemburg schreibt:
Meine liebste, meine einzige Rosa, ich weiß, Du wirst stolz und glücklich sterben. Ich weiß, Du hast Dir nie einen besseren Tod gewünscht, als kämpfend für die Revolution zu fallen. Aber wir? Können wir Dich entbehren? Ich kann nicht denken, ich empfinde nur. Ich drücke Dich fest, fest an mein Herz. Immer Deine Clara. (UH)
Am 14. Januar verlassen die letzten alliierten Kriegsgefangenen das Deutsche Reich.
Am darauffolgenden Tag, einem Mittwoch, an dem Tag, als im KPD-Organ „Die Rote Fahne“ der Artikel „Trotz alledem“ von Karl Liebknecht erscheint, nimmt eine „Bürgerwehr“, die erst vor wenigen Tagen mit Erlaubnis Noskes gebildet wurde und die über genaue Steckbriefe verfügt, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in einer Wohnung der Mannheimer Straße 27 in Berlin-Wilmersdorf fest und bringt sie in das Eden-Hotel. Dort residiert der Stab der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, der die Verfolgung von Spartakisten in Berlin organisiert. Die Gefangenen werden nacheinander verhört und dabei schwer misshandelt. Kommandant Waldemar Pabst beschließt mit seinen Offizieren, sie zu ermorden; der Mord soll nach einer spontanen Tat Unbekannter aussehen. Eine Gruppe ausgewählter Marineoffiziere verlässt mit Liebknecht das Hotel. Beim Verlassen des Gebäudes wird Liebknecht von Hotelgästen bespuckt, beschimpft und geschlagen. Ein bezahlter Jäger versetzt dem gerade im Wagen platzierten Gefangenen einen Schlag mit dem Gewehrkolben. Das Automobil fährt in den nahegelegenen Tiergarten. Hier täuscht der Fahrer an einer Stelle, „wo ein völlig unbeleuchteter Fußweg abging“ eine Panne vor. Liebknecht wird aus dem Auto geführt und nach wenigen Metern aus nächster Nähe von hinten erschossen.
Eine halbe Stunde später schlägt der am Haupteingang bereitstehende Jäger auch die seit dem 3. Lebensjahr aufgrund einer falschen Behandlung leicht hinkende Rosa Luxemburg beim Verlassen des Hotels mit einem Gewehrkolben zweimal, bis sie bewusstlos ist. Sie wird in einen bereitstehenden Wagen geworfen. Ein Freikorps-Leutnant springt bei ihrem Abtransport auf das Trittbrett des Wagens auf und erschießt sie mit einem aufgesetzten Schläfenschuss. Ihre Leiche wird in den Berliner Landwehrkanal geworfen und lange nicht gefunden. Gustav Noske hatte wohl nichts gegen die Ermordung, hat sich aber geweigert, schriftliche Befehle dafür herauszugeben. Dem ebenfalls verhafteten Wilhelm Pieck gelingt die Flucht.
Ernst Toller schreibt:
… beim Spartakusaufstand, der gegen Liebknechts und Rosa Luxemburgs Willen losbricht, werden beide erschlagen, auf der Flucht erschossen, sagt die amtliche Meldung. Die Nachricht erreicht mich in München, ich jage in eine Massenversammlung der Rechtssozialisten. „Liebknecht und Luxemburg sind ermordet“, rufe ich, und die Menge, die verblendete Menge, schreit: „Bravo! Recht ist ihnen geschehen, den Hetzern!“
Verblendet wurde die Menge u.a. durch das SPD-Parteiorgan „Vorwärts“: Es hat Liebknecht und Luxemburg als unlautere Elemente bezeichnet, die eine asiatische Schreckensherrschaft wie in Russland errichten wollen.
Thomas Mann reagiert auf den Doppelmord mit einem einzigen Wort: „angewidert“, nachdem er eine Woche zuvor Liebknecht und Luxemburg alliterierend noch als blöde Berserker, Beglücker und Berufspolitiker tituliert hat. Käthe Kollwitz widmet Karl Liebknecht einen Holzschnitt.
Hermann Hesse, der zur Zeit allein in einer großen Villa in Bern lebt, beschreibt am selben Tag in einem Brief an den schwäbischen Schriftsteller Wilhelm Schussen, mit dem er befreundet ist und der eigentlich Wilhelm Frick heißt, seine eigene prekäre Lage sowie seine Einschätzung zur Lage in Deutschland:
Wir sitzen hier auch in der Patsche. Mein kleines Gehalt als Kriegsbeamter ist seit einiger Zeit ausgeblieben, obwohl die Arbeit weiter geht und von meinem Geld, das in Deutschland liegt und von dem ein größerer Teil wohl verloren ist, kriege ich bei den jetzigen Schikanen keinen Pfennig heraus … Daß ich nicht verhungern werde, glaube ich auch. Aber zur Zeit ist es so, daß ich mit amtlicher Erlaubnis, von meinem in Deutschland Ersparten monatlich 150 Mark herausschicken lassen darf, das sind beim jetzigen Kurs grade 70 Franken, für mich und die ganze Familie, während jeder meiner Buben allein 150 Franken Pension kostet. Das sind Dummheiten, die man schwer hinnimmt.
An unser gutes Deutschland glaube auch ich, weit mehr als früher. Mein privater Wunsch ist, es möge jetzt klein und politisch schwach bleiben und sich den Teufel mehr um Weltmacht kümmern und dafür langsam wieder etwas wie geistige Kultur erwerben. (JB)
Am 16. Januar wird die Sozialistische Republik Cuxhaven schon wieder aufgehoben und der Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und den Alliierten verlängert. Die willfährige Lügenpresse - z.B. das „Berliner Tageblatt“ - schreibt wunschgemäß:
Liebknecht bei einem Fluchtversuch erschossen. Rosa Luxemburg von der Menge gelyncht. (UH)
Der deutsche Kunstsammler, Mäzen, Schriftsteller, Publizist, Pazifist und Diplomat Harry Graf Kessler schreibt über die beiden:
Sie haben durch den Bürgerkrieg, den sie angezettelt haben, so viele Leben auf dem Gewissen, dass an sich ihr gewaltsames Ende sozusagen logisch erscheint. (UH)
Er schreibt aber auch:
Ebenso sind Liebknecht oder Rosa Liebknecht mit ihrer echten und tiefen Liebe zu den Ärmsten und Bedrücktesten, mit ihrem Opfermut erfreulicher als die Streber und Gewerkschaftssekretäre. (UH)
17. Januar: In gleichlautenden Proklamationen fordert die gesamte deutsche Presse „das Selbstbestimmungsrecht der deutschen Nation“ und den Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich. Dies wird noch ein wichtiges Thema in diesem Jahr werden.
