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Die Welt im Jahr 2030 stellt die jetzige Ordnung auf den Kopf: Die "alten" Machtzentren der Welt werden spätestens dann abgelöst sein. Insbesondere Europa wird die lange verteidigte privilegierte Position einbüßen und neuen aufstrebenden Staaten Platz machen. In der Welt von morgen werden wir dominiert von China und kann sich Russland als Gegengewicht zum Westen etablieren. Während sich die Europäische Union als historisches Projekt des 20. Jahrhunderts überlebt, verschieben sich die Kräfteverhältnisse hin zu Regionalmächten wie den Iran oder Indien. Die Autoren konterkarieren mit ihrem geopolitischen Pamphlet herkömmliche Sichtweisen und Prognosen, wie sie auch von der CIA in dem bekannten gleichnamigen Report veröffentlicht worden sind. Sie schaffen damit das Bild einer Welt, in der die Geopolitik wieder Einzug hält - ein Spiel hat längst begonnen, in dem Europa nicht zu den Gewinnern gehört. Eine Futurologie.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Thomas Flichy de la Neuville Gregor Mathias2030Neue Geopolitik und die Welt von morgenAus dem Französischen von Caroline Gutberlet
Impressum
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 978-3-86408-199-6
Titelgestaltung und Satz: Frank Petrasch Coverabbildung: © Moon Light PhotoStudio / Shutterstock
© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin / 2016www.vergangenheitsverlag.de
Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Das vorliegende Buch entstand im Rahmen eines Forschungsprogramms des Centre Roland Mousnier / CNRS – Université de Paris IV – Sorbonne.
Wenn ihr eine Wolke im Westen aufsteigen seht, sagt ihr gleich: „Es wird regnen“, und dann regnet es auch. Wenn ihr merkt, dass Südwind weht, sagt ihr: „Es wird heiß werden“, und so geschieht es auch. Ihr Scheinheiligen! Das Aussehen von Himmel und Erde könnt ihr beurteilen und schließt daraus, wie das Wetter wird. Warum versteht ihr dann nicht, was die Ereignisse dieser Zeit ankündigen?�
Lukas 12,54–59
Die Blumen der Zukunft ruhen in den Samen der Gegenwart.
�Chinesisches Sprichwort
Einige der hier vorgestellten Analysen werden den Lesern vielleicht abwegig vorkommen. Dahinter steht die Entscheidung des Redaktionsteams, das an der Entstehung dieses Buches mitgewirkt hat, auch originelle, ja kühne Positionen nicht von vornherein auszuschließen. Schließlich geht es bei einer Zukunftsanalyse darum, sich trotz aller gebotenen Vorsicht eine mögliche Zukunft vorzustellen. Mag sein, dass diese Zukunft in den Augen derjenigen, die düstere Jahrtausendvorhersagen mögen, naiv erscheint, oder auch übertrieben pessimistisch für diejenigen, die der Idee des Aufstiegs und Niedergangs der Kulturen – aus einer eigenartigen Koketterie des Geistes heraus – ablehnend gegenüberstehen.1 Es wird also tunlichst zu vermeiden sein, die denkbar angenehmste Zukunft vorauszusagen. Die Absicht des vorliegenden Buches ist es daher nicht, zu beruhigen, sondern zu hinterfragen. Andererseits sind Prognosen nicht gleichbedeutend mit Prophezeiungen: Die Prognostiker wissen von vornherein, dass sie sich irren können. In einer Zeit jedoch, in der sich alles zu beschleunigen scheint, wäre es überaus überraschend, wenn die kommenden Jahrzehnte keine Überraschungen bereithielten. Kurz, der Nutzen einer Zukunftsanalyse, die es nicht schafft, sich von der Gegenwart zu lösen, stünde in keinem Verhältnis zur Langeweile, die sie erzeugt.
In den USA und in Europa hat die Diktatur der Unmittelbarkeit in Verbindung mit einer Präferenz für konzeptionelle Analysen zu einer groben Vernachlässigung der Zukunftsforschung geführt. Die Antizipationsstudien beruhen fast ausschließlich auf statistischen Analysen und vernachlässigen die kommenden politischen und kulturellen Umwälzungen, wie wenn die neoliberale Vorhersage einer befriedeten Welt nach der Öffnung der Grenzen sich unweigerlich erfüllen müsste. Andererseits verdeckt letztendlich das Prinzip der Ausarbeitung von Zukunftsszenarien das Unvermögen der Zukunftsforscher, die Risiken einer Analyse auf sich zu nehmen und sich ihnen zu stellen. So schrieben die Autoren der Studie Global Trends 2030 des Nationalen Geheimdienstrats der USA2 bezogen auf das Jahr 2005: „Die Gegenwart erinnert an frühere Transitionsmomente – etwa 1815, 1919 oder 1945 –, als der Weg in die Zukunft nicht klar vorgezeichnet war und die Welt verschiedene Möglichkeiten einer globalen Zukunft vor sich hatte.“3 Natürlich ist die Zukunft immer offen, da sie letzten Endes vom freien Geist der handelnden Minderheiten bestimmt wird; dennoch war das Risiko sehr gering, dass sich zum Beispiel Frankreich unmittelbar nach 1815 oder Deutschland nach 1945 in ein neues wahnwitziges militärisches Abenteuer stürzen würden, nachdem sie ihre Kräfte gerade in einem solchen verbraucht hatten. Kurzum, wohl überlegte und im Team betriebene Prognostik ist und bleibt eine weitgehend verlässliche Übung, um sich auf das Wagnis einer Analyse einzulassen und mit ihren Konsequenzen umzugehen.
Im Übrigen beschränken sich die Indikatoren, die eine Antizipation von Zukunft ermöglichen, nicht nur auf die schwachen Signale der unmittelbaren Geschichte; unter Umständen liegen sie mehrere Jahrhunderte zurück, zumal Kulturen einem langfristigen Wandel unterliegen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die meisten Zukunftsanalysen, vor allem wenn sie von der öffentlichen Hand in Auftrag gegeben werden, selten dem Zweck dienen, die unschuldige Neugier der breiten Öffentlichkeit zu befriedigen. Auftragsstudien legitimieren gewisse politische Entscheidungen im Voraus und schläfern Ängste ein, die störend sein könnten. Echte Antizipationsarbeit verlangt hingegen Klarsicht und Mut, zwei Eigenschaften, an denen es im Westen schmerzlich fehlt, wie der russische Oppositionelle Alexander Solschenizyn meinte. Eine mögliche Erklärung dafür ist: Weil wir vorgaben, uns von allem geschichtlichen Erbe loszusagen und uns als spontane Kultur zu begreifen, haben wir uns der Fähigkeit zur Antizipation beraubt. Tatsache ist, dass alle im Niedergang befindlichen Kulturen sich durch ihr Unvermögen auszeichnen, die drohenden Gefahren vorherzusehen. So kam es, dass der persische Eroberer Schapur I. im Jahr 252 nach Christus ungehindert in die Stadt Antiochia dringen konnte und die Einwohner sorglos versammelt im Theater vorfand. Wie der römische Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus berichtet, rief der Schauspieler auf der Bühne auf einmal mitten in die heitere Menge hinein: „Träume ich, oder sind da die Perser?“ Darauf drehten sich die Bürger von Antiochia verblüfft um und erblickten die sassanidischen Bogenschützen auf den obersten Rängen, die einen Pfeilregen auf sie niedergehen ließen, ehe sie die Stadt in Brand setzten.4 Manchmal ist die Strafe für geistige Blindheit sehr schmerzlich.
Weil Reiche in ihrer Endphase außerstande sind, die Welt so zu sehen, wie sie ist, und sie sich ihren Untergang nur im Traum vorstellen können, häufen sich die strategischen Fehler. Noch schwieriger wird es bei Zukunftsprojektionen, und sei es nur für die kommenden zwei Jahrzehnte. Oder gibt es etwa Zukunftsstudien, die Mitte der 1970er Jahre den Mauerfall in Berlin auch nur ansatzweise in Betracht gezogen haben?
Die Autoren dieses Bandes versuchen es dennoch: die Zukunft zu antizipieren. Als Vorlage und gleichzeitig gedankliche Gegenschablone fungieren die Zukunftsstudien amerikanischer Geheimdienste. Diese prominenten Quellen nehmen die Autoren auf, um ein eigenes Bild der naheliegenden Zukunft im Jahr 2030 zu zeichnen. Das vorliegende Buch wird daher kein Abklatsch des bekannten CIA-Berichts5Global Trends 2030 sein, dafür haben die amerikanischen Studien bereits aus vielerlei Gründen zu viel von ihrer Glaubwürdigkeit verloren. Vielmehr geht es darum, eigene, mutigere und komplexere Zukunftsmuster zu beschreiben, gleichsam den Deutungsanspruch amerikanischer Außenpolitik, wie überhaupt das Selbstverständnis der heute Mächtigen, zu hinterfragen.
Trotz aller Effizienz des Marketings, das der amerikanische Geheimdienst rund um seine Zukunftsberichte entfaltet, tun sich die Vereinigten Staaten insgesamt schwer, Entwicklungen zu antizipieren. Nehmen wir zum Beispiel den Strategiebericht Global Trends 2015.6 Er wurde im Jahr 2000 ausgearbeitet und antizipiert die Weltlage von heute. Abgesehen von einigen Vorahnungen, die sich als richtig erwiesen haben, müssen wir feststellen, dass der zentrale Teil der Analyse wie die Projektion eines Wunschbildes daherkommt. Es ist das Wunschbild einer im Zuge der Globalisierung befriedeten Welt, die nicht in der Lage ist, sich angesichts der Supermacht USA neu zu ordnen.
Im Jahr 2000 gingen die namhaftesten amerikanischen Experten davon aus, dass die Weltwirtschaft um das Jahr 2015 wieder das Wachstumsniveau der 1960er bzw. frühen 1970er Jahre erreichen würde. Nicht nur die Schwellenländer würden von diesem Wachstum profitieren, sondern auch die Industrienationen. Tatsächlich trügen die Verbesserung der makroökonomischen Politiken, die Beibehaltung niedrigster Inflationsraten und vor allem die Schaffung des Euro zum Wirtschaftswachstum und infolgedessen auch zu einer weltweiten politischen Stabilisierung bei. In Europa „wird die rapide Ausweitung des Privatsektors, verbunden mit Deregulierung und Privatisierung, das Wirtschaftswachstum ankurbeln und einen Wettbewerbsdruck auslösen, der zu einer effizienteren Ressourcennutzung führt“.7 Die digitale Revolution würde es Unternehmen auf der ganzen Welt ermöglichen, die „‚Best Practices‘ der erfolgreichsten Unternehmen zu erlernen“8 (wobei darunter die Erfolgsmethoden des globalisierten Kapitalismus zu verstehen sind). Europa, der befriedete Kontinent mit dem wiedergewonnenen Wohlstand der 1960er Jahre, würde 2015 weltweite Handelsbeziehungen pflegen. Nach Einschätzung des US-Berichts aus dem Jahr 2000 würde dieser Wohlstand mit einem deutlichen Fortschritt von Demokratie und Transparenz weltweit einhergehen. Denn um eine globalisierte Wirtschaft zu managen, müssten die Regierungen fürei-nander transparenter sein. Die auf zwei Milliarden Menschen angewachsene Mittelklasse würde Bestrebungen nach mehr Demokratie erzeugen, woraufhin die Staatengemeinschaft dem Schutz der Bürgerrechte mehr Beachtung schenken und die Demokratisierung in der Welt unterstützen würde … Wie es aussieht, malte der National Intelligence Council im Jahr 2000 ein idyllisches Bild der Zukunft. Tatsache ist jedoch, dass die Entwicklungen in den Bereichen Wirtschaft und Staatsführung gleichermaßen genau in die entgegengesetzte Richtung verlaufen sind: Der Traum von einer befriedeten Welt nach der Öffnung der Grenzen ist geplatzt. Die Demokratie hat überall zu leiden gehabt, auch in den USA, wo die Freiheiten des Einzelnen im Namen der kollektiven Sicherheit beschnitten wurden.9
Genauso wenig stichhaltig waren die Vorhersagen des US-Geheimdienstrats in geopolitischer Hinsicht: 2015 hätte Russland in einer tiefen Rezession stecken und durch die Diskrepanz zwischen seinen politischen Ambitionen und den fehlenden Ressourcen einen Machtverlust erleiden müssen: „Russland wird im Innern schwach bleiben […] und nicht in der Lage sein, eine Koalition als Gegengewicht zur Führungsrolle der Vereinigten Staaten zu bilden“. Eine Vorhersage, die das heutige strukturgebende geopolitische Bündnis zwischen Russland, China und dem Iran – die kontinentale antiamerikanische Allianz schlechthin – Lügen straft. Den Machtverlust Russlands stellte man sich so einschneidend vor, dass das Land nicht einmal mehr in der Lage gewesen wäre, seine konventionellen Streitkräfte zu erhalten, geschweige denn zu entsenden. In Georgien und in der Ukraine ist das Gegenteil bewiesen worden. Den US-Vorhersagen zufolge hätte sich Russland im Jahr 2015 nur noch auf sein alterndes Atomarsenal stützen können, um die Nachbarstaaten zu terrorisieren. Außerdem wäre dann „‚Eurasien‘ nur noch ein geografischer Begriff, der keine verbindende politische, wirtschaftliche oder kulturelle Realität hat“.10 Die Ukraine ihrerseits würde „eher für die Unabhängigkeit optieren als für eine Wiedereingliederung in die russische Einflusssphäre“.11
Das ist selbstredend keine Prognose, sondern reines Wunschdenken! Was übrigens später in den amerikanischen Hilfsaktionen für die demokratische Ukraine greifbar wurde. Für den Nahen Osten wiederum zogen es die Amerikaner vor, „neue gesellschaftliche Dynamiken“ aufkommen zu sehen, die von einer Radikalisierung des Islam (das Wort kommt im Bericht nur fünf Mal vor) sehr weit entfernt sind. Sie verlieren kein Wort über die Wiedererweckung des Islam, obwohl es um die Jahrtausendwende schon deutliche Anzeichen dafür gab. Israel würde im Jahr 2015 in Frieden mit seinen Nachbarn leben, insbesondere mit Palästina, das als souveräner Staat anerkannt worden ist … Nur noch die Atomraketen eines erstarkten Irak würden eine Bedrohung für die USA darstellen. Jetzt, wo diese unheilvolle Gefahr gebannt ist, freuen sich die amerikanischen Zukunftsforscher bestimmt über das entstandene islamische Chaos auf irakischem Staatsgebiet.
Trotz der Fehlprognosen von Global Trends 2015 in den Bereichen Weltwirtschaft und Geopolitik fand der nachfolgende Bericht, Global Trends 2030, der noch massiver beworben wurde, reißenden Absatz bei gutgläubigen Menschen, die sich von den Experten jenseits des Atlantiks anscheinend nichts sehnlicher wünschten als weitere prophetische Aufklärung. Die französische Ausgabe Le Monde en 2030 vu par la CIA wurde als „Bibel von Experten“ verkauft.
Nicht nur, dass der Bericht Global Trends 2030 länger und weniger plausibel ist als Global Trends 2015, überdies vernachlässigt er den geopolitischen Aspekt, um sich in geografische und Wirtschaftsanalysen zu flüchten. Die amerikanischen Zukunftsforscher zeigen sich verunsichert und beschränken sich darauf, noch mehr Fragestellungen und noch mehr Szenarien anzureißen, um zu verdecken, dass sie außerstande sind, eine Analyse vorzunehmen und mit ihren Konsequenzen umzugehen. „Die Nebel des Übergangs“ scheint das Motto dieses Berichts zu sein. Jedenfalls projiziert auch die Studie zur Weltlage 2030 wieder die aktuellsten amerikanischen Wunschbilder, besonders die Idee der Human Augmentation oder Human Enhancement, die sich die Bewegung des Transhumanismus auf die Fahnen geschrieben hat. Neben diesen utopischen Aspekten sowie einigen richtigen Vorahnungen sitzen die Autoren jedoch drei groben Fehleinschätzungen auf.
Die erste Fehleinschätzung betrifft die Projektion der demokratischen Utopie auf die Welt des Jahres 2030. Die Amerikaner fragen sich, ob starke Regime wie der Iran oder China sie nicht bald zum Vorbild nehmen werden, und das, obwohl sie die westliche Demokratie heute mit Chaos gleichsetzen. Nicht nur die schimärische Aussicht auf eine israelisch-palästinensische Versöhnung findet Erwähnung, sondern auch ein – nicht minder wahrscheinliches – Zustandekommen „moderater, demokratischer Regierungen im Nahen Osten“. Wie um die Wahrscheinlichkeit dieser Entwicklung zu unterstreichen, kommt an mehreren Stellen der Ausdruck islamische Demokratie vor – ein Widerspruch in sich, da Demokratie auf Gleichheit beruht, was aber der Islam ablehnt. Immerhin wird dieser erträumte Fortschritt der Demokratie um eine Nuance erweitert: Wenn Gesellschaften sich hinter religiösen, ethnischen, kulturellen oder nationalen Werten verschanzen, besteht die Gefahr von Fehlentwicklungen und Spaltungen im eigenen Land. Nicht Migrationen destabilisieren und spalten die Gesellschaften, sondern die vom Marktführer eingeforderte Absage an den Multikulturalismus.
Die zweite Fehleinschätzung betrifft die prognostizierten geoökonomischen Veränderungen. Zwar hebt der Bericht zu Recht die Alterung der Bevölkerung in Europa und Japan hervor, geht aber an keiner Stelle auf die damit verbundenen Folgen für das kreative Potenzial dieser geografischen Räume ein. Dabei wirkt sich das Durchschnittsalter einer Bevölkerung unmittelbar auf ihr Innovationspotenzial aus. Der Bericht macht sich offenbar die Idee der Auflösung des Politischen in der Globalisierung zu eigen und zieht für keine der Großmächte eine Vormachtstellung in Betracht, weder für die USA noch für China. Dafür wird Nigeria, ein Land, dem infolge der Aktivitäten der islamistischen Rebellengruppe Boko Haram heute der Zerfall droht, in den Rang eines „neuen regionalen Akteurs“ erhoben. Europa wiederum hat im Jahr 2030 die Krise überwunden und integriert seine Nachbarn durch einen Ausbau der Beziehungen zum „Nahen Osten, zu Schwarzafrika und zu Zentralasien“. Die Vereinigten Staaten ihrerseits bleiben aufgrund des Vermächtnisses aus ihrer früheren Führungsrolle weiter „Erster unter Gleichen“. Damit ist die für die Neuzeit kennzeichnende Epoche der Pax Americana zu Ende.
Die dritte Fehleinschätzung betrifft die Entwicklung des Islam. Hier gleitet der Bericht zum Thema islamischer Terrorismus ins Märchenhafte ab, was sicherlich mit den engen Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien zu erklären ist. Der islamische Terrorismus wird einfach mit einer politischen Bewegung gleichgesetzt, die sich kurzfristig wieder auflösen wird: „Eine Reihe von Umständen wird zum Ende der aktuellen Phase des islamischen Terrorismus führen. Ähnlich wie schon andere Terrorismuswellen – die Anarchisten in den 1880er und 1890er Jahren, die antikolonialen Terrorbewegungen der Nachkriegszeit, die Neue Linke der 1970er – wird auch die jüngste religiöse Welle abebben und 2030 zu Ende sein.“12 Mit dem fortschreitenden Rückzug der USA aus dem Nahen Osten, so fährt der Bericht fort, würden auch die Appelle zum heiligen Krieg gegen Amerika immer seltener. Am Ende bliebe nur noch ein Grund für den muslimischen Zorn: die Unterstützung Israels durch die USA. Aus amerikanischer Sicht bildet also nicht der Dschihad den Nährboden für den Terrorismus. Die gewaltsame muslimische Aktion ist nur ein vorübergehendes, durch ein „Bündel von Ursachen“ erklärbares Phänomen, das folglich durch eine günstige Reihung der Umstände auch wieder verschwinden kann. Aber anders als der sunnitische Terrorismus, der bis 2030 dem Verschwinden anheimfällt, werden „schiitische Gruppierungen wie die Hisbollah den Terrorismus weiterhin als Mittel sehen, um ihre Ziele zu erreichen“.13 Eine Erklärung für die erstaunliche Langlebigkeit des schiitischen Terrorismus über das Jahr 2030 hinaus liefert der Bericht allerdings nicht. Aber es ist nur allzu offensichtlich, dass die als Schurkenstaaten gelisteten geopolitischen Gegenspieler der USA (Iran und Syrien) als einziger Schlüssel für die Erklärungen dieser Analyse dienen, die eine Scheinargumentation über die angeblich antagonistischen Entwicklungen des islamischen Terrorismus führt. Doch die Autoren von Global Trends 2030 gehen noch einen Schritt weiter: Sie vertauschen geschickt die Rollen von Henker und Opfer und behaupten, dass die Terroristen im Jahr 2030 unterschiedlichsten Religionen angehören werden, auch der christlichen.
Kurzum, der Glaube an den linearen Fortschritt von Demokratie und Marktwirtschaft, gepaart mit dem Unvermögen, eine geokulturelle Analyse14 durchzuführen, lassen Global Trends 2030 ziemlich unglaubwürdig erscheinen – und damit im Übrigen auch die Grundlagen der amerikanischen Politik, weshalb es sich lohnt, die Berichte der Geheimdienste genauer zu sichten. Weil die amerikanischen Eliten unfähig sind, die Bedeutung des kulturellen Aspekts für die Konstruktion von Identität in ihre Überlegungen einzubeziehen, sind sie auch nicht in der Lage, sich ein Bild von der Zukunft zu machen.
Der thematische Rahmen ist einleitend gesteckt. Wie wir im Folgenden vorgehen wollen? Um die kommenden Entwicklungen zu beschreiben, möchten wir den Lese-rinnern und Lesern zwei Erzählweisen unterbreiten, eine wissenschaftliche und eine literarische. Auf dem Gebiet der Prognostik existieren zwei große methodologische Ansätze nebeneinander. Der erste basiert auf einer sachlichen Projizierung der laufenden Entwicklungen, die aus großem zeitlichem Abstand beleuchtet werden, in die Zukunft. Diesem Ansatz folgt der erste Teil des Buches. Beim zweiten sind eher Intuition und Kreativität gefragt; dabei werden Trends erforscht, die nicht zwingend naheliegend sind, und auch Irrtümer in Kauf genommen. Bei Zukunftsprognosen mit einem Zeitrahmen von mehr als 15 Jahren scheint die zweite Methode erfolgreicher zu sein.15 Sie liefert den Stoff für die literarische Erzählung im zweiten Teil des Buches, die das Zukunftsszenario bis an den Rand des Traumes rückt.
Der erste Teil dürfte in Ländern mit cartesianischer Tradition wie Frankreich mehr Zustimmung erfahren, der zweite Teil hingegen insbesondere in Kanada, wo seit mehreren Jahrzehnten auf die intuitive Methode gesetzt wird. Für ein deutschsprachiges Publikum scheint das ungewohnt zu sein – aber lassen Sie sich darauf ein, beide Methoden, auch die literarisch-intuitive, bergen großartige Erkenntnisgewinne!
Die US-Studie Global Trends 2030 geht über mehrere Seiten auf die Entwicklungen Europas ein. Nach ihrer Einschätzung blüht dem Kontinent eine sehr ungewisse Zukunft. Drei Szenarien werden beschrieben: brutaler Zusammenbruch, langsamer Niedergang und Neuausrichtung.
Laut den Prognostikern ist die Hypothese eines brutalen Zusammenbruchs am unwahrscheinlichsten. Die Auflösung der Eurozone hätte eine Vertrauenskrise der Wirtschaftsakteure zur Folge, die mit massiven Kapitalabzügen reagieren und so den Zusammenbruch des Bankensystems beschleunigen würden. Über eine fatale Krise für den Euro hinaus würden vermutlich die Prinzipien der Freizügigkeit und der wirtschaftlichen Integration der EU vor dem Hintergrund politisch-gesellschaftlicher Proteste und einer Rezession in Frage gestellt.
Die zweite, weniger dramatische Hypothese eines langsamen Niedergangs betrifft den Fall, dass notwendige Strukturreformen scheitern. Selbst wenn die schlimmsten Folgen der Wirtschaftskrise vermieden würden und die EU-Institutionen erhalten blieben, würde das Wirtschaftswachstum bei null verharren, aber vor allem der wachsende Euroskeptizismus zu einer „Renationalisierung der Auslandspolitik der einzelnen Staaten“ führen.
Immerhin beschließt der Bericht seine drei kurzen Vorhersagen zu Europa – auf gerade einmal drei Seiten! – mit einer etwas optimistischeren Note. Dem Prinzip von Krise und Erneuerung folgend, könnte Europa sich auf dem föderalistischen Projekt einer Gruppe zugkräftiger Staaten gründen, das auch die Völker Europas unterstützen. Trotz der Spaltung in ein Europa der zwei Geschwindigkeiten „würde Europas Einfluss wachsen und dadurch die Rolle Europas und der multilateralen Institutionen auf globaler Ebene gestärkt werden“.16 Wie das geschehen soll, verschweigt der Bericht geflissentlich.
Im Jahr 2030 steht es schlecht um die europäische Wettbewerbsfähigkeit, deren Grundpfeiler die Jugend, die Kreativität und das hohe Bildungsniveau der aktiven Bevölkerung, die Hochschulen und die Forschung bildeten. Die europäischen Gesellschaften sind überaltert, halten krampfhaft an ihren alten Gewissheiten fest und kultivieren die Freizeit als letzten Sinn und Zweck. Durch den zunehmenden Konkurrenzdruck insbesondere seitens der indischen, chinesischen, russischen, iranischen, brasilianischen, algerischen und mexikanischen Eliten gehen den europäischen Volkswirtschaften immer mehr Marktanteile verloren. Da die Exportverträge an einen signifikanten Technologietransfer in Richtung der Abnehmer gebunden sind, sehen sich die europäischen Industrien zur „Exzellenz“ gezwungen, um einen nennenswerten Vorsprung zu halten. Der Fachkräftemangel und das Fehlen einer proaktiven Politik lassen die Kunden von gestern, die den ethischen Arbeitsstandards inzwischen Folge leisten, 2030 zu aggressiven Konkurrenten werden. Die Verträge der Unternehmen der Flugzeug-, Raumfahrt-, Pharma-, Rüstungs-, Energie- und Transportindustrie werden nicht mehr auf Englisch, sondern auf Chinesisch und Arabisch abgefasst. Obwohl dies strategische Industriezweige sind, können die Golfstaaten ungehindert einzelne oder sogar sämtliche Flaggschiffe der europäischen Industrie mit Staatsfonds in ihren Besitz bringen – Hauptsache, die Defizite werden ausgeglichen und der immer weniger attraktive Euro wird gestützt.
Der Grexit, ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone, und das damit verbundene Ende der Währungsunion würden unmittelbar zum Verlust der europäischen Einlagen in Athen und zum Anstieg der Defizite um mehrere Prozentpunkte führen. Die kolossalen Verluste würden nicht nur die ohnehin kränkelnden Volkswirtschaften der Länder zusätzlich schwächen, die Folge wäre auch eine Vertrauenskrise in die europäische Währung.
Angesichts des Versagens sämtlicher politischer Lösungen wenden sich die Europäer massiv von der Politik ab. Das Machtwechselspiel auf nationaler Ebene und das demokratische Defizit der Europäischen Union nähren den Populismus und den Euroskeptizismus. Das Problem der Kontrolle der EU-Außengrenzen durch die Mitgliedstaaten zur Eindämmung der illegalen Einwanderung mit „Müll-Schiffen“ über das Mittelmeer wird so drängend, dass Länder wie Italien mit einem Austritt aus dem Schengenraum drohen.
