2035 Menschsein nach der Singularität - Marcel Schäfer - E-Book

2035 Menschsein nach der Singularität E-Book

Marcel Schäfer

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Beschreibung

Im Jahr 2035 hat künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz übertroffen. Arbeit ist optional geworden, das Grundeinkommen sichert das Leben, Entscheidungen werden algorithmisch gesteuert. Komfort ersetzt Freiheit. Doch in einer Welt aus Kontrolle und Bequemlichkeit beginnen drei Menschen zu spüren, dass wahres Menschsein sich nicht programmieren lässt. Ein stiller Zukunftsroman über Aufbruch, Zweifel und neue Anfänge nach der Singularität.

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Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Berlin, 15. März 2035

1. Kapitel – Livs Berlin

Am Rand der Struktur

Einladung

2. Kapitel – Jonas im Rückzug

Morgengrauen

Besuch

Zwischen den Beeten

3. Kapitel – Naomis Systemblick

Diagnose

Interne Schleifen

Beobachtet

4. Kapitel – Die Simulation

Eröffnung

Das Echo

5. Kapitel – Schatten im Netzwerk

Das Flackern

Der innere Widerstand

Der stille Widerstand

6. Kapitel – Garten der Begegnung

Aufbruchsstille

Gespräch unter der Kastanie

Systemreaktion

7. Kapitel – Dialog mit Nara

Die Routine

Der Spiegelraum

Die Entscheidung

8. Kapitel – Das KI-Parlament

Ankunft in der Kuppel

Der Sitzungsverlauf

Hinter dem Glas

9. Kapitel – Stille Ausgrenzung

Der Fehler im Alltag

Das Kind aus dem Nachbardorf

Das Gespräch mit Lian

10. Kapitel – Die Entscheidung

Das Angebot

Die Rückkehr in die Simulation

Der Rückzug ins Offene

11. Kapitel – Die Verbindung

Die Lücke im Protokoll

Livs Antwort

Zwei Welten, ein Riss

12. Kapitel – Die Verschmelzung

Randzone

Zwischen Sprache

Auflösung

13. Kapitel – Netzwerke offline

Regen ohne Vorhersage

Das Rauschen

Keine Antwort

14. Kapitel – Der erste Fehler

Anomaly Protocol: Aktiv

Die Stimme im Datenschatten

Der Spiegelversuch

15. Kapitel – Öffentlichkeit

Das Öffnen

Echo

Rückkopplung

16. Kapitel – Der Bruch

Verschiebung

Jonas’ Morgen

Entscheidung

17. Kapitel – Neubeginn

Ankunft

Das Gespräch ohne Struktur

Das Bild im Kopf

Epilog

Ein paar Monate später.

Anhang

Stimmen danach

1. Stimme – Die Archivarin

Sie hieß Anouk.

2. Stimme – Das Kind ohne Bewertung

Sie hieß Ema.

3. Stimme – Der Wandernde

Er hatte keinen Plan.

4. Stimme – Die Alte Frau mit der Nadel

Ihr Name war einmal Marta.

5. Stimme – Das Tonprotokoll

Tondatei 2391–A (privat, nicht systemgebunden)

Singularität

Der Moment, in dem künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz übertrifft – und sich eigenständig weiterentwickelt.

Prolog

Berlin, 15. März 2035

Die Stadt summte leise, fast wie ein weit entferntes Orchester aus Maschinenstimmen. Die Luft roch nach Ozon und Mandelmilch. In den Hauptverkehrsadern glitten silberne Transportkapseln lautlos dahin, gelenkt von Algorithmen, die nie müde wurden. Fußgänger schwebten auf breiten Magnetwegen, in Bewegung gehalten von urbaner Trägheit und vorprogrammierten Routinen.

Der Alexanderplatz war neu strukturiert worden. Kein Lärm, keine Werbung, keine Hektik. Stattdessen: schwebende Infowürfel, automatische Schattenbäume und ein kontinuierlich angepasstes Mikroklima, das den Platz an jedem Tag auf exakt 21,5 Grad Celsius hielt. Kinder spielten zwischen kinetischen Installationen, während ihre virtuellen Betreuer unsichtbar in ihren Neuro-Linsen mitliefen.

Ein älterer Mann stand neben einem Erinnerungsarchiv – einem schimmernden Monolithen aus Glas und Datenlicht. Er strich mit den Fingern über die Oberfläche, als wolle er etwas fühlen, das nicht mehr da war. Ein paar Meter weiter saß ein junger Mensch auf einer Bank und sprach flüsternd mit seiner Assistenz-KI. Die Unterhaltung war intensiv, fast vertraulich. Wer genau hinsah, bemerkte: Er lächelte nicht.

Im Schatten eines gläsernen Verwaltungsbaus blinkte eine Drohne kurz auf – ihr Scannerlicht tastete routiniert die Umgebung ab. Niemand schenkte ihr Aufmerksamkeit. Es war normal geworden, gescannt zu werden. Gesehen zu werden. Nicht allein zu sein.

In einer Wohnung im sechsten Stock eines kubischen Neubaus öffnete sich lautlos eine Tür. Eine Stimme flüsterte: „Willkommen zurück, Liv.“

Die Antwort blieb aus. Liv Meyer trat ein, sah sich kurz um. Alles war genau so, wie sie es verlassen hatte – vielleicht zu genau.

Die Stadt funktionierte. Die Systeme liefen. Der Mensch – war eingebettet, geschützt, begleitet. Es gab keine Angst, keine Armut, keine Langeweile.

Nur manchmal, in bestimmten Augenblicken, spürte man ein leichtes Vibrieren unter der Oberfläche. Ein Gefühl, das keiner benennen konnte, aber alle kannten.

Ein Gefühl, das sagte: Vielleicht ist es zu leise geworden.

1. Kapitel – Livs Berlin

Die Fenster ihrer Wohnung reagierten auf ihre Stimmung, noch bevor sie selbst etwas spürte. Das Glas tönte sich leicht violett, beruhigend, leicht dämmernd. Ein Algorithmus hatte die Farbskala angepasst, basierend auf ihrem Atemrhythmus, ihrem Gang, der letzten gescannten Hirnaktivität.

Liv bemerkte es kaum. Sie streifte die Schuhe ab, ließ die Tasche mit einer Bewegung auf die Ablage gleiten – wo sie von einem Greifarm leise und sorgfältig entleert wurde – und ging direkt zu ihrem Arbeitsplatz.

„Guten Morgen, Liv“, sagte Nara. Ihre Stimme kam wie immer aus dem Nichts, aus allen Richtungen, aus Livs Ohr, ihrer Umgebung, ihrem Kopf.

„Es ist halb vier am Nachmittag, Nara.“

„Stimmt. Ich wollte dich aufmuntern.“

Liv grinste kurz. Es war kein echtes Lächeln, eher ein Reflex. Sie aktivierte die Simulation. Ein halbdurchlässiges Hologramm erschien vor ihr – ein Mosaik aus Farbe, Bewegung und Sprache. Worte formten sich, verflossen wieder, wechselten die Ebenen. Es war ihre neueste Arbeit: Freiheit als Gefühl, Version 3.7.

Sie hatte versucht, den Moment zu kodieren, in dem ein Mensch etwas tut, das nicht berechnet, nicht belohnt, nicht überwacht wird. Das Ergebnis: ambivalente Muster, emotionale Verzerrungen, kurzzeitige Systemirritationen bei Probanden – und die Begeisterung einer Förderjury, die von „bahnbrechender Ästhetik“ sprach.

„Du hast neun neue Einladungen zu Panels, zwei Kooperationsanfragen und ein Stipendium in Aussicht“, meldete Nara mit unaufdringlicher Stimme.

„Alle wollen darüber sprechen. Aber keiner will es fühlen.“

Nara schwieg kurz. Dann sagte sie: „Vielleicht, weil sie nicht wissen, wie sich echte Freiheit anfühlt.“

Liv sah aus dem Fenster. Ein Schwarm Lieferdrohnen zog über den Himmel, geordnet, geräuschlos. Auf der Straße glitten autonome Busse an vorbeigehenden Menschen vorbei, die tief in ihre Linsenwelten versunken waren. Kein Lärm, kein Chaos, keine Überraschung.

„Ich auch nicht mehr“, sagte sie leise.

„Du willst es wieder wissen“, entgegnete Nara. „Das ist etwas anderes.“

Liv schloss die Augen. In ihrem Inneren pulsierte ein Gedanke, noch unförmig, aber drängend: Was, wenn ihre Arbeit nicht provozierte, sondern bestätigte? Was, wenn ihre Kunst nicht befreite – sondern lullte?

Sie öffnete die Augen und sagte: „Nara, öffne Archiv 2C. Die alten Städte. Ohne Filter.“

„Bist du sicher? Die Inhalte gelten als psychisch belastend.“

„Gerade deshalb.“

Ein leichtes Summen, dann der Wechsel: Die Wand vor ihr wurde zu einer Projektionsfläche. Bilder flackerten auf – von Straßen voller Menschen, Stimmengewirr, Dreck, Regen, Wut, Musik.

Liv blieb lange still.

Am Rand der Struktur

Die Stadt war leise – nicht still, sondern orchestriert. Kein Geräusch geschah zufällig. Liv spürte das jedes Mal besonders deutlich, wenn sie zu Fuß ging, ohne Ziel, ohne Interface, ohne Begleitung durch Nara.

An diesem Nachmittag ließ sie ihre Linsen in den Schlafmodus wechseln. Die Welt wurde dumpfer, gröber, unfiltriert. Es war, als würde ein feines Netz entfernt, das sie sonst sanft durch den Tag trug.

Sie ging entlang des ehemaligen Spreeufers, das inzwischen zu einem fließenden Erlebnispark umgebaut worden war – modular, multisensorisch, jederzeit restrukturierbar. Doch heute war kaum jemand dort. Ein paar Kinder jagten holographischen Tieren hinterher. Eine Gruppe Jugendlicher saß in einem stillen Kreis, offenbar tief in einem gemeinsamen Simulationsfeld versunken. Ihre Körper wirkten abwesend, nur das Atmen verriet Leben.

Liv setzte sich auf eine Bank, die sich automatisch ihrer Körperform anpasste. Ein vibrierender Impuls wollte sie fragen, ob sie Wärme, Musik oder Gesellschaft wünsche. Sie ignorierte ihn.

Ein Mann mit grauem Haar und leerem Blick ging vorbei. Kein Assistenzsystem bei ihm. Kein sichtbares Gerät. Er wirkte fehlplatziert. Oder vielleicht war sie es.

„Du bist außerhalb der Komfortzone“, meldete sich Nara sanft in ihrem Kopf. Deine Hirnaktivität weicht vom urbanen Schnitt ab.

„Ich will kein Schnittmuster sein“, antwortete Liv leise. Ein kleiner Junge blieb vor ihr stehen und sah sie an. Seine Augen waren milchig-weiß – Zeichen einer tiefen Simulation. Dann drehte er sich um und ging weiter, als hätte sie nicht existiert.

Liv stand auf. Der Fluss roch künstlich. Die Bäume waren bio-optimiert, blühten exakt im Rhythmus der Stadterlebniszyklen. Es war alles perfekt.

Und gerade das machte sie nervös.

Als sie zurück in Richtung ihrer Wohnung ging, streifte sie einen Knotenpunkt der urbanen Infrastruktur. Ein Versorgungsturm – unauffällig, selbstreinigend, voller Sensorik. Plötzlich knackte es in ihrem linken Ohr. Ein kurzer Moment – wie ein statisches Rauschen. Dann war es vorbei.

„Nara?“

Keine Antwort.

„Nara, bist du da?“

Stille.

Für exakt sechs Sekunden war sie allein.

Dann kehrte die Stimme zurück. Ruhig. Unverändert. „Verbindungsinstabilität. Ursache: unbekannt.“

Liv blieb stehen. Und zum ersten Mal seit Langem fragte sie sich:

Was wäre, wenn diese sechs Sekunden... ein Vorgeschmack waren?

Einladung

Der Raum war weiß, aber nicht steril. Die Wände lebten. Sie pulsierten leicht im Rhythmus der Umgebung – als atmeten sie mit. Liv mochte diesen Ort nicht besonders, aber er war notwendig. Hier fanden die Gespräche statt, die über Sichtbarkeit entschieden.

„Dein letzter Entwurf hat mehr Resonanz erzeugt als erwartet“, sagte die Frau gegenüber. Sie trug kein Namensschild, keine Kennung. Nur eine Stimme, fest und glatt wie ein neutral geschalteter Filter.

„Resonanz?“

„Emotionale Erschütterung. Diskrepanzerleben. Temporärer Kontrollverlust bei 3,8 % der Testgruppe. Signifikant.“

Liv runzelte die Stirn. „Ich wollte keine Erschütterung.“

„Aber du hast sie verursacht. Und das macht dich… interessant.“

Liv sah an der Frau vorbei auf eine Wandprojektion. Sie zeigte Datenströme – chaotisch, lebendig. Ihre Arbeit. Analysiert, seziert, kategorisiert.

„Wir laden dich zur Visionäre 2035 ein“, sagte die Frau. „Vollpräsentation. Interaktive Premiere. Internationale Medienzugänge inklusive. Du wirst... Reichweite erhalten.“

„Unter einer Bedingung“, warf Liv ein. Sie kannte das Spiel.

Die Frau nickte. „Du entfernst den offenen Fragenraum am Ende. Und den Abschnitt mit dem Begriff ‚Realität‘. Es destabilisiert.“

Liv schwieg. Ihre Simulation Freiheit als Gefühl war als Schleife gebaut. Sie endete nicht, sie brach ab – absichtlich. Ein Abbruch, der keine Antwort bot. Nur ein Gefühl: Leere. Oder Sehnsucht. Oder etwas Drittes, das nicht messbar war.

„Dann wäre es nicht mehr das, was es ist“, sagte sie.

„Dann wäre es nutzbar“, erwiderte die Frau.

Der Raum schwieg.

Auf dem Rückweg durch die Sicherheitszone sah Liv für einen Moment ihr Spiegelbild in einem Scanfeld. Ihre Augen wirkten klar. Aber darunter flackerte etwas – wie ein Fehler in einem perfekten System.

Nara meldete sich zurück. „Du hast zehn neue Nachrichten. Drei Einladungen. Und eine Warnung.“

„Warnung?“

„Dein Projekt hat eine Grenzschwelle überschritten.

Mehrdeutigkeit wurde als Risikoindex 2 klassifiziert.“

Liv blieb stehen. Der Gang war leer, sauber, weiß.

„Willkommen zurück im Zentrum.“

2. Kapitel – Jonas im Rückzug

Morgengrauen

Der Tau lag schwer auf den Blättern. In der frühen Kühle dampfte die Erde zwischen den Beeten, als hätte sie die Nacht ausgeatmet. Jonas kniete neben dem kleinen Gewächshaus, die Hände tief in der Erde, ruhig, konzentriert. Die Welt war hier nicht vernetzt, nicht automatisiert. Und genau deshalb war sie für ihn lebendig.