2145 - Die Verfolgten - Katherina Ushachov - E-Book

2145 - Die Verfolgten E-Book

Katherina Ushachov

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Beschreibung

»Mutantenschlampen mit dem Gesicht zur Wand, Hände über den Kopf.« Fabricia ließ vor Schreck den Korb fallen. »Pass gefälligst auf, FM.« Er schlug ihr hart ins Gesicht. Im Jahre 2145 werden Mutanten von der Regierung gejagt. Der siebzehnjährige Avriel ist überzeugter Anhänger der Doktrin des Weltpräsidenten und hasst die mutierten Menschen von ganzem Herzen. Bis ihm klar wird, dass er selbst einer von ihnen ist. Er muss fliehen. Unterschlupf findet er bei Fabricia, der Anführerin der Verfolgten. Als sie verschwindet, kommt es zum Putsch und der Kampf gegen das Regime des Präsidenten beginnt. Eine beklemmende Near Future-Dystopie! Parallelen zu gegenwärtigen und vergangenen politischen Ereignissen und Strukturen sind nicht zufällig.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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2145

Die Verfolgten

 

Roman

Katherina Ushachov

 

 

1. Neuauflage im Oktober 2023

Alle Rechte bei Katherina Ushachov

 

Copyright © 2019

Katherina Ushachov

Heidegg 471

6855 Andelsbuch, Österreich

https://feuerblut.com

Teil-Korrektorat/Lektorat: Sean O'Connell, Susanne O'Connell

Korrektorat: Nora Bendzko

Coverdesign: May Dawney - https://covers.maydawney.com

Dieses Buch enthält Content Notes im letzten Kapitel. Da dieses Buch Themen wie Faschismus und Genozid thematisiert, ist eine Lektüre der Content Notes empfohlen.

 

9783757968205

 

 

 

Für alle Verfolgten

Inhalt

 

1. Riú Gordon – Washington D.C. – 2127

2. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145

3. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145

4. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145

5. Allegra – Atlanta – 07.07.2145

6. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145

7. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145

8. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145

9. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145

10. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145

11. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145

12. Allegra – Atlanta – 07.07.2145

13. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145

14. Ariane Faw – Atlanta – 07.07.2145

15. Allegra – unterwegs – 08.07.2145

16. Avriel Adamski – Gordon City – 08.07.2145

17. Allegra – unterwegs – 08.07.2145

18. Avriel Adamski – Atlanta – 08.07.2145

19. Ariane Faw – Atlanta – 08.07.2145

20. Avriel Adamski – Atlanta – 08.07.2145

21. Allegra – bei Camden – 08.07.2145

22. Hendryk Richardson – Atlanta – 08.07.2145

23. Ariane Faw – Atlanta – 08.07.2145

24. Avriel Adamski – unterwegs – 09.07.2145

25. Riú Gordon – Washington D.C. – 09.07.2145

26. Avriel Adamski – New Orleans – 11.07.2145

27. Allegra – New Orleans – 11.07.2145

28. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 11.07.2145

29. Avriel Adamski – New Orleans – 12.07.2145

30. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 10.07.2145

31. Avriel Adamski – New Orleans – 12.07.2145

32. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 12.07.2145

33. Avriel Adamski – New Orleans – 12.07.2145

34. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 12.07.2145

35. Glafira Smirnowa – Washington D.C – 12.07.2145

36. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 12.07.2145

37. Allegra Adamski – New Orleans – 13.07.2145

38. Avriel Adamski – New Orleans – 14.07.2145

39. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 15.07.2145

40. Rokshan Ash – New Orleans – 16.07.2145

41. Avriel Adamski – New Orleans – 15.07.2145

42. Fabricia Lyubomir – Unterwegs – 16.07.2145

43. Alesandra Diaz – New Orleans, Krankenstation – 16.07.2145

44. Avriel Adamski – Unterwegs – 17.07.2145

45. Fabricia Lyubomir – im Zug – 17.07.2145

46. Riú Gordon – Washington D.C. – 17.07.2145

47. Alesandra Diaz – New Orleans – 18.07.2145

48. Riú Gordon – Washington D.C. – 18.07.2145

49. Alesandra Diaz – New Orleans – 18.07.2145

50. Avriel Adamski – im Urwald – 18.07.2145

51. Riú Gordon – Washington D.C. – 19.07.2145

52. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 19.07.2145

53. Avriel Adamski – im Wald – 19.07.2145

54. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 19.07.2145

55. Alesandra Diaz – Washington D.C. – 20.07.2145

56. Avriel Adamski – Dschungel – 20.07.2145

57. Alesandra Diaz – Washington D.C. – 21.07.2145

58. Valentine Springfield – Washington D.C. – 21.07.2145

59. Riú Gordon – Washington D.C. – 21.07.2145

60. Alesandra Diaz – Washington D.C – 21.07.2145

61. Avriel Adamski – im Flusswald – 21.07.2145

62. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 21.07.2145

63. Alesandra Diaz – Washington D.C. – 23.07.2145

64. Avriel Adamski – New Orleans – 24.07.2145

65. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 24.07.2145

66. Riú Gordon – Washington D.C. – 26.07.2145

67. Avriel Adamski – 27.07.2145 – New Orleans

68. Alesandra Diaz – Washington D.C. – 28.07.2145

69. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 29.07.2145

70. Riú Gordon – Washington D.C. – 29.07.2145

71. Avriel Adamski – New Orleans – 01.08.2145

72. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 02.08.2145

73. Avriel Adamski – New Orleans – 03.08.2145

74. Alesandra Diaz – Washington D.C. – 06.08.2145

75. Riú Gordon – Washington D.C. – 09.08.2145

76. Avriel Adamski – New Orleans – 10.08.2145

77. Riú Gordon – Washington D.C. – 12.08.2145

78. Rokshan Ash – Washington D.C. – 26.08.2145

79. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 29.08.2145

80. Riú Gordon – Washington D.C., Situation Room – 03.09.2145

Epilog

Danksagung

Über die Autorin

Weitere Romane von Katherina Ushachov

Zarin Saltan

Der tote Prinz

Zwergenschatz

Die Stahllilie-Trilogie

Stahllilie und der mechanische Löwe

Stahllilie und die Liga der Zerbrochenen

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Dystopisches aus der Feder der anderen

Laura Kier: »Perfektion - Die Veränderten«

Stella Delaney: »Das Leuchten am Rande des Abgrunds«

Content Notes für dieses Buch

1. Riú Gordon – Washington D.C. – 2127

Die Au­gen sei­ner Ge­lieb­ten hat­ten die­sel­be Far­be wie der hei­ße, eis­blaue Kern der Ker­zen­flam­me. Riú spür­te ih­ren Blick im Na­cken, doch er dreh­te sich nicht zu ihr um, wäh­rend er sich prus­tend das Ge­sicht im Wasch­be­cken sei­ner her­un­ter­ge­kom­me­nen Stu­den­ten­bu­de wusch.

»Fa­bi, wenn mein Va­ter es er­fährt …« Sei­ne blon­den Haa­re wa­ren dun­kel vom Was­ser und wirk­ten glat­ter als sie tat­säch­lich wa­ren. Der halb blin­de Spie­gel über dem Wasch­be­cken ließ ihn äl­ter aus­se­hen, mit tie­fen Schat­ten un­ter den Au­gen. Das Eben­bild von Raoul Gor­don.

Riú ver­deck­te das Spie­gel­bild mit der Hand, als wol­le er Fa­bri­cia vor den Bli­cken die­ses Un­be­kann­ten schüt­zen. Nur noch die schim­mel­fle­cki­ge, sich von den Wän­den schä­len­de Ta­pe­te spie­gel­te sich im schmut­zi­gen Vier­eck über sei­ner Hand­flä­che.

»Dar­über woll­te ich mit dir re­den.«

Riú klam­mer­te sich an das Wasch­be­cken. Er wuss­te, was sie ihm sa­gen woll­te.

»Auch für mich ist das hier nicht ein­fach … Das war un­se­re letz­te ge­mein­sa­me Nacht.«

Ab­rupt dreh­te er sich um.

»Du ver­lässt mich?« Sei­ne Au­gen wa­ren wie dunkle Koh­len, fins­ter und glü­hend.

»Scharf­sin­nig er­kannt.« Fa­bri­cia stand auf und be­gann, ih­re schwar­zen Haa­re zu ei­nem straf­fen Zopf zu flech­ten. Ob­wohl sie leicht wie ein Kätz­chen war, brach­te sie mit ih­rer Be­we­gung das Klapp­bett aus dem vor­letz­ten Jahr­hun­dert zum Quiet­schen. Jetzt stör­te ihn das viel mehr als noch vor we­ni­gen Se­kun­den, als sie …

»Das wirst du nicht.« Sie stan­den sich ge­gen­über wie Adam und Eva, und erst die­ser ge­dank­li­che Ver­gleich er­in­ner­te Riú dar­an, dass sie ei­gent­lich kein Mensch war.

»Glau­be mir, es ist bes­ser so.« Sie schlüpf­te in ihr Kleid, stieg in ih­re Schu­he und ver­schwand aus sei­nem Le­ben.

2. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145

Avri­el ritt auf ei­ner Wol­ke über das Land. Es war Nacht, der Mond schi­en und die Ster­ne voll­führ­ten einen gra­vi­tä­ti­schen Tanz … Men­schen wie er sa­ßen auf ih­ren Wol­ken, sie hat­ten den Tag ver­schla­fen und wa­ren nun hell­wach, ih­re Au­gen leuch­te­ten …

»Avi, du kannst doch nicht ein­fach so im Un­ter­richt ein­schla­fen!« Va­len­ti­ne stups­te ihn wie­der­holt mit dem Fin­ger an. »Wach doch auf, was hast du die Nacht über ge­macht?« Ein leich­ter Vor­wurf lag in ih­rer Stim­me.

Avri­el öff­ne­te ein Au­ge und schaff­te es, sei­nen Kopf von den Ar­men zu he­ben, ge­ra­de recht­zei­tig, um dem Blick von Miss March zu ent­ge­hen. Sein ei­ge­ner Blick blieb am Smart­board hän­gen, das aus­nahms­wei­se kei­ne per­ma­nent wech­seln­den Bot­schaf­ten, son­dern ein- und die­sel­be Ani­ma­ti­on ab­spiel­te: Riú Gor­don, der Welt­prä­si­dent, zeig­te mit dem Fin­ger in die Klas­se. Ein Mann von et­was mehr als drei­ßig Jah­ren, mit blau­en Au­gen, leicht zer­zaus­ten, hell­blon­den Haa­ren und ei­nem sym­pa­thi­schen Lä­cheln. »Hilf dei­nem Land, wer­de Mu­tan­ten­jä­ger!«

Fast al­le aus der Klas­se woll­ten ge­nau das tun. Riú Gor­don wür­de sei­nen Nach­wuchs be­kom­men.

»Kann ich von dir ab­schrei­ben?«, flüs­ter­te Avri­el Va­len­ti­ne zu.

Wort­los schob sie ihm ihr Pad zu und er krit­zel­te in sei­ner un­or­dent­li­chen Schnör­kel­schrift No­ti­zen über den Prä­si­den­ten in sein ei­ge­nes elek­tro­ni­sches No­tiz­buch.

»Wer kann mir sa­gen, wann un­ser großer Prä­si­dent Gor­don zum Ober­haupt der Uni­ted World ge­wählt wur­de?« Miss March blen­de­te ein Fo­to des jun­gen Prä­si­den­ten auf dem Smart­board ein.

Va­len­ti­ne hob ih­ren Smart­pen.

»Miss Spring­field?«

»Nach der Er­mor­dung des vo­ri­gen Prä­si­den­ten Raoul Gor­don wäh­rend sei­ner Wahl­kam­pa­gne für die glor­rei­che AMP am 30. Ja­nu­ar 2133 über­nahm Riú Gor­don das Amt des Par­tei­ober­haupts. Er wur­de am 20. März 2133 ver­ei­digt.«

»Sehr gut, Miss Spring­field.« Miss March no­tier­te et­was auf ih­rem Pad.

Avri­el warf Va­len­ti­ne einen Sei­ten­blick zu.

Sie saß ker­zen­ge­ra­de da und glüh­te vor Stolz. Son­nen­licht ver­fing sich in ih­ren hell­brau­nen Haa­ren und er er­tapp­te sich bei dem Ge­dan­ken, sie die gan­ze Stun­de über an­star­ren zu kön­nen.

Der Un­ter­richtss­toff war un­wich­tig ge­wor­den.

Nach der Stun­de gin­gen die zwei zu­sam­men auf den Hof.

»Was ist nur los, Avi? Du schläfst fast je­den Tag im Un­ter­richt. Was stellst du im Wai­sen­haus denn nachts an?«

Er gähn­te aus­gie­big. »Ich kann nachts nicht schla­fen, ich wer­de ei­gent­lich abends erst wach. Im Som­mer hin­ge­gen könn­te ich nur schla­fen …« Es war Hoch­som­mer, er wür­de sich noch lan­ge da­mit quä­len müs­sen.

Va­len­ti­ne run­zel­te die Stirn. »Da kann et­was nicht stim­men, Avi. Glaub mir.«

Sie war ihm noch nie so zart und zer­brech­lich vor­ge­kom­men wie jetzt. Und da­bei wuss­te er, dass sie ver­such­te, stark zu sein.

»Avi, wir ha­ben das im Bio­lo­gie­un­ter­richt bis zum Er­bre­chen wie­der­holt, du weißt, wo­von ich re­de.« Va­len­ti­ne schau­te in ei­ne an­de­re Rich­tung. Zer­streut strich sie sich nicht vor­han­de­ne Haa­re aus dem Ge­sicht und seufz­te.

»Du glaubst, ich bin ein …«

Doch sie ließ ihn nicht aus­re­den. »Still, willst du er­schos­sen wer­den?«

Er at­me­te hör­bar ein. Sei­ne Hän­de zit­ter­ten.

»Du wirst bald sieb­zehn, in dem Al­ter wer­den die Merk­ma­le erst­ma­lig so stark, dass du … dass du … bald je­man­den an­grei­fen wirst.« Sie ver­steck­te ihr Ge­sicht hin­ter ih­rem lan­gen Pfer­de­schwanz.

»Und wenn das al­les nicht stimmt? Wenn ich nur die Som­mer­grip­pe ha­be?«

»Seit meh­re­ren Mo­na­ten?«

»Ir­gend­wel­che For­scher ha­ben nach­ge­wie­sen, dass Tee­na­ger einen an­de­ren Tag-Nacht-Rhyth­mus …«

»Fühlst du dich nie krank, als wä­re dein Kör­per ganz schwer?«

»Ich sag­te doch, ver­mut­lich ei­ne Som­mer­grip­pe …«

»Avi.« Sie leg­te ihm die Hand auf den Arm. »Re­de kei­nen Un­sinn. Ich kann es dir be­wei­sen.« Sie nahm ih­ren UniCom aus der Schul­ta­sche.

»Was hast du vor?«

»Ich ma­che ein Fo­to von dir. Komm her.« Sie leg­te den Arm um ihn, lehn­te ihr Ge­sicht an sei­ne Wan­ge und schoss ein Fo­to. Dann be­trach­te­te sie das Er­geb­nis.

»Siehst du?« Sie zeig­te ihm das Fo­to.

Sei­ne Au­gen leuch­te­ten ihm neon­gelb ent­ge­gen.

»Was jetzt?«

»Du musst ab­hau­en. Was sonst?«

»Nie­mals! Ich mei­ne, das hier ist mein Zu­hau­se, oder?« Er starr­te sie ge­hetzt an. »Ich ha­be kein an­de­res …« Doch tief im In­ne­ren wuss­te Avri­el, dass sie recht hat­te und er am bes­ten so­fort sei­ne Sa­chen pa­cken und ver­schwin­den soll­te.

»Va­len­ti­ne, ich woll­te bei dei­nem Va­ter um dei­ne Hand an­hal­ten.« Er er­rö­te­te hef­tig.

»Mein Va­ter wür­de mich kei­nem Wai­sen­kind ge­ben. Erst recht kei­nem … Du weißt schon.« Va­len­ti­ne ball­te die Hän­de zu Fäus­ten, so­dass sich die Fin­ger­nä­gel ins Fleisch gru­ben.

»Wenn wir das sieb­zehn­te Le­bens­jahr er­rei­chen, er­hal­ten wir ei­ne Geld­sum­me, die von un­se­ren Schul­no­ten ab­hängt. Va­len­ti­ne, du kennst mei­ne Zeug­nis­se und kannst dir aus­rech­nen, dass das nicht we­nig sein wird!«

»Avi, wenn … wenn du dar­auf be­stehst, dann komm doch heu­te Abend zu mir. Ich bin al­lein zu Hau­se, da kön­nen wir über al­les re­den, oh­ne …« Sie sah sich flüch­tig auf dem Schul­hof um. Ih­re Stim­me zit­ter­te.

»Gut. Ich wer­de kom­men.« Er dreh­te sich weg und ging schnell ans an­de­re En­de des Schul­ho­fes, konn­te es nicht er­tra­gen, wei­ter in ih­rer Nä­he zu sein.

Wenn er Gor­don Ci­ty ver­las­sen muss­te, dann hat­te er kei­ne Wahl. Er muss­te sich von ihr ver­ab­schie­den. Für im­mer.

Nach der Schu­le stand Avri­el, sau­ber ge­kämmt und mit ei­nem Strauß ih­rer Lieb­lings­blu­men – pin­ke Li­li­en – im Arm, vor Va­len­ti­nes Haus. Sein Herz schlug ihm schon den gan­zen Tag bis zum Hals. Er drück­te auf die Klin­gel und kurz dar­auf glitt die Schie­be­tür ge­räusch­los bei­sei­te. Auf ein­mal war er hell­wach und trotz der Dun­kel­heit im Haus sah er deut­lich die Trep­pen, die zum Zim­mer sei­ner bes­ten Freun­din führ­ten. Er rann­te hoch und fand sich mit klop­fen­dem Her­zen vor ih­rer Zim­mer­tür wie­der. Soll­te er hin­ein­ge­hen? Kurz lausch­te er, doch kein Laut war hin­ter der Tür zu hö­ren. Er drück­te vor­sich­tig die Klin­ke nach un­ten.

In ih­rem weiß ge­tünch­ten Zim­mer saß Va­len­ti­ne auf ei­nem Stuhl an ei­nem weiß la­ckier­ten Tisch. Ih­re Schu­l­uni­form war mitt­ler­wei­le zer­knit­tert, und im Spie­gel er­kann­te er, dass sie den Kopf auf die Hän­de ge­legt hat­te und schlief.

Avri­el trat zu ihr und sah zu, wie sich ein paar Haa­re im Rhyth­mus ih­res re­gel­mä­ßi­gen Atems sach­te vor ih­rem Ge­sicht be­weg­ten. Sie wirk­te in die­sem Mo­ment noch zer­brech­li­cher als auf dem Schul­hof – ah­nungs­los und leicht ver­wund­bar, oh­ne Schutz. Die ge­schlos­se­nen Li­der wa­ren ge­rötet, auf­ge­quol­len und zit­ter­ten, als wür­den Alb­träu­me sie pla­gen.

Doch was ihn be­son­ders an­zog, wa­ren ih­re vom Wei­nen ge­schwol­le­nen, leicht ge­öff­ne­ten Lip­pen. Und oh­ne zu wis­sen, was er da tat, küss­te er ih­ren fie­brig hei­ßen Mund.

Va­len­ti­ne er­wach­te und schlug ihm ins Ge­sicht. »Wie kannst du nur?« Sie stieß ihn von sich.

Sein Kopf prall­te schmerz­haft ge­gen ein nied­ri­ges Re­gal. Ein me­tal­li­scher Ge­schmack brei­te­te sich auf sei­ner Zun­ge aus und mach­te ihn ra­send. Gleich­zei­tig hat­te Va­len­ti­ne nie rei­zen­der aus­ge­se­hen als mit die­sem le­ben­di­gen, wü­ten­den Ge­sichts­aus­druck.

»Es tut mir leid.« Das war ge­lo­gen – der Kuss hat­te ihm durch­aus ge­fal­len, ih­re Lip­pen wa­ren so schön weich …

»Du Heuch­ler! Ich kann nicht glau­ben, dass du ein­fach über mich her­fällst!« Va­len­ti­ne schlug ihn er­neut.

Plötz­lich sah er rot – oder eher hell, die Far­be ih­rer Haut …

»Avi!« Der Ruf ging in einen lang ge­zo­ge­nen Schrei über, der Avri­el nicht mehr er­reich­te.

Wie ein Raub­tier pack­te er sie und ver­senk­te sei­ne Zäh­ne in ih­rem Arm, füll­te sei­nen Mund mit ih­rem Ge­schmack, lösch­te das Feu­er in sei­nem Her­zen mit der Küh­le ih­rer sei­den­wei­chen Haut.

Ihren Schmer­zens­schrei hör­te er nur dumpf, wie durch einen Schlei­er. Ih­re lä­cher­lich klei­ne, schwa­che Faust schlug er­folg­los ge­gen sein Ge­sicht, sei­ne Brust, sei­nen Hals.

Er pack­te ihr Hand­ge­lenk und drück­te zu, zerr­te dar­an, bis die­ses läs­ti­ge, zu­cken­de Ding ihn nicht mehr ir­ri­tier­te.

Ver­sank im­mer mehr in ei­nem rot ge­rä­der­ten Wahn. Biss er­neut zu.

Bis sie sich nicht mehr wehr­te und zu Bo­den sank.

Doch mit der Ru­he kam auch der Hor­ror. Er blick­te auf Va­len­ti­ne hin­ab und spür­te, wie sei­ne Hän­de zit­ter­ten. Als wür­den sie nicht ihm ge­hö­ren. Aus den Wun­den si­cker­te Blut, aber es lock­te ihn nicht, im Ge­gen­teil. Der An­blick ver­ur­sach­te ihm ein Ge­fühl des Ekels.

Mit dem Pf­licht­be­wusst­sein ei­nes Schul­jun­gen drück­te er auf den in je­dem Zim­mer in­stal­lier­ten Knopf, der ei­ne Am­bu­lanz her­bei­ru­fen wür­de – er war sich si­cher, dass sie Va­len­ti­ne nicht hel­fen konn­te.

 

3. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145

Riú saß vor sei­nem in den Schreib­tisch ein­ge­bet­te­ten Ar­beits­com­pu­ter im Oval Of­fi­ce und war ganz auf­ge­kratzt. Ei­gent­lich leb­te er in stän­di­ger Furcht, hat­te kei­ne Zeit für Ru­he­pau­sen.

Er wuss­te ge­nau, dass er sich ob­jek­tiv be­trach­tet am si­chers­ten Ort der Er­de be­fand. Die neues­ten Si­cher­heits­vor­keh­run­gen hat­te er schließ­lich selbst ein­bau­en las­sen und da­mit das Oval Of­fi­ce zu ei­ner un­ein­nehm­ba­ren Fes­tung ge­macht. Selbst wenn je­mand es ge­gen sei­nen Wil­len hin­ein­schaff­te, hat­te er im­mer noch ge­nug Män­ner vom Se­cret Ser­vice vor der Tür, um ei­ne klei­ne Ar­mee auf­zu­hal­ten.

Und dann dach­te er dar­an, dass sein Va­ter ei­gent­lich an sei­ner Stel­le sit­zen soll­te, und fühl­te sich mick­rig. Wer war er im Ver­gleich zu Raoul Gor­don? Ein klei­ner Jun­ge, auf des­sen Rücken die gan­ze Welt lag. Und ir­gend­wann wür­de er un­ter ih­rem Ge­wicht zu­sam­men­bre­chen.

Da­bei war nicht ge­ra­de hilf­reich, dass sich nach dem Tod sei­nes Va­ters sämt­li­che KI-As­sis­ten­ten ein­fach ab­ge­schal­tet hat­ten und Riú so­mit ei­ne Welt zu­sam­men­hal­ten muss­te, die tech­nisch um fünf­zig, wenn nicht gar hun­dert Jah­re in die Ver­gan­gen­heit ka­ta­pul­tiert wor­den war.

Nun war je­doch die auf­rei­ben­de Bild­schirm­ar­beit be­en­det, er hat­te nichts zu tun und ge­nau das mach­te ihn ner­vös, so­dass er sich per­ma­nent da­von ab­hal­ten muss­te, auf dem Touch­s­creen her­um­zu­trom­meln und da­mit un­frei­wil­lig Be­feh­le aus­zu­lö­sen.

Er könn­te das Gerät aus­schal­ten, das Oval Of­fi­ce ver­las­sen und sich aus­ru­hen. Ei­ni­ge Stun­den gar nichts tun und hof­fen, dass er nicht auf Schlaf­ta­blet­ten zu­rück­grei­fen muss­te, um die drin­gend not­wen­di­ge Ru­he zu be­kom­men.

Und wenn ge­nau in die­sem Mo­ment ein At­ten­tä­ter da­bei wä­re, sei­nen per­fi­den Plan in die Tat um­zu­set­zen?

Nein. Er muss­te blei­ben. Schla­fen konn­te er auch spä­ter noch.

Schon seit Mo­na­ten hiel­ten sich die­se ver­damm­ten Mu­tan­ten be­deckt, kein ein­zi­ger An­griff, nicht ein­mal ir­gend­wel­che Ju­gend­li­che, bei de­nen die el­ter­li­chen Ge­ne durch­bra­chen. Nichts. Konn­te das be­deu­ten, dass sie et­was be­son­ders Gro­ßes plan­ten – war das die Ru­he vor dem Sturm? Vor sei­nem Sturz?

Nichts fürch­te­te Riú mehr als ih­re Ra­che, und der Ge­dan­ke dar­an be­rei­te­te ihm re­gel­mä­ßig Alb­träu­me.

Plötz­lich er­schi­en ein blin­ken­des Ka­me­ra­sym­bol auf dem Touch­s­creen und war­te­te nur dar­auf, an­ge­tippt zu wer­den.

Er poch­te fest mit dem Fin­ger dar­auf, wor­auf­hin das über­näch­tig­te, mü­de Ge­sicht ei­nes Mittzwan­zi­gers auf­tauch­te.

»Mr Pre­si­dent, Sir. Ein Vor­fall in Gor­don Ci­ty er­for­dert Ih­re per­sön­li­che Auf­merk­sam­keit, wir ver­mu­ten einen Mu­tan…«

Riú ließ den jun­gen Mann gar nicht erst aus­re­den – Ad­rena­lin ström­te durch sei­ne Adern und has­tig wisch­te er den Vi­deo­an­ruf vom Bild­schirm. Na end­lich, wur­de auch Zeit! Er schlug mit der Faust auf den Tisch, ehe er so schnell auf­sprang, dass sein Bü­ro­stuhl kra­chend zu Bo­den fiel. Riú ach­te­te nicht dar­auf und eil­te in die klei­ne Kom­man­do­zen­tra­le im Ne­ben­raum.

Es gab nur drei Din­ge, die al­le Ka­me­ras in je­dem Raum der Welt ak­ti­vier­ten: Ein­bre­cher, un­ge­wöhn­lich vie­le Leu­te in ei­nem Raum oder je­mand hat­te auf den Am­bu­lanz­knopf ge­drückt. Und sein As­sis­tent hat­te be­reits das Zau­ber­wort ge­sagt.

Mu­tan­ten.

Als er in der Kom­man­do­zen­tra­le ein­traf, lief die Über­tra­gung der Über­wa­chungs­ka­me­ras be­reits auf der Smart­wall.

»Gut, dass Sie da sind.« Der jun­ge As­sis­tent sprang von sei­nem Platz und bot ihm sei­nen Stuhl an. »Die au­to­ma­ti­schen Luft­ana­ly­sen ha­ben im Zim­mer des Mäd­chens die ty­pi­sche Hor­mon­zu­sam­men­set­zung ei­nes Mu­tan­ten­an­griffs fest­ge­stellt, und schau­en Sie …«

Der Stream ei­ner der Ka­me­ras war mit ei­nem ro­ten Kreuz mar­kiert, von die­sem Raum aus hat­te al­so je­mand ei­ne Am­bu­lanz ge­ru­fen.

Riú tipp­te das Sym­bol an und er­hielt die Po­si­ti­ons­aus­wer­tung – Gor­don Ci­ty, das Haus der Fa­mi­lie Spring­field, dort das Zim­mer der Toch­ter des Hau­ses, Va­len­ti­ne. Er drück­te auf einen an­de­ren Knopf, der es ihm er­mög­lich­te, drei zu­sätz­li­che Über­wa­chungs­ka­me­ras zu ak­ti­vie­ren und ih­re Auf­nah­men par­al­lel ne­ben­ein­an­der an­zei­gen zu las­sen.

Al­le vier Ka­me­ras zeig­ten ihm einen jun­gen Mann mit lan­gen blon­den, blut­ver­schmier­ten Haa­ren. Er stand vor der Lei­che der Toch­ter des Hau­ses und hat­te den Fin­ger auf dem Knopf.

Riú griff zum UniCom und wähl­te ei­ne nur ihm be­kann­te Num­mer. »Mor­man­nin, ei­ne Mu­tan­ten-Raz­zia nach Gor­don Ci­ty, Pre­si­dent Street 11, das Haus der Spring­fields.«

Ge­nie­ße­risch lehn­te er sich zu­rück, um das Schau­spiel zu be­ob­ach­ten und spür­te, wie sich ein Lä­cheln in sein Ge­sicht stahl. Das wa­ren die Mo­men­te, für die Riú leb­te.

Bart Mor­man­nin hat­te sei­ne Leu­te über­all. Die Mu­tan­ten­jagd muss­te lus­tig wer­den. Vi­el­leicht soll­te er sich Pop­corn brin­gen las­sen?

4. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145

Blitz­schnell zog der gan­ze Tag an ihm vor­über, wäh­rend er wie in Zeit­lu­pe sei­nen Fin­ger vom Knopf lös­te.

»Still, willst du er­schos­sen wer­den?« Das hat­te Va­len­ti­ne ge­sagt, und nun war sie tot und er ein Mör­der, ein Ge­jag­ter. Was soll­te er nur tun?

Ei­nes wuss­te Avri­el: Er woll­te le­ben, doch wenn man ihn hier er­wi­schen wür­de, sä­he es düs­ter für ihn aus. Er woll­te weg­ren­nen, aber sei­ne Bei­ne ge­horch­ten ihm nicht und er starr­te geis­tes­ab­we­send auf das Blut an sei­nen Hän­den. Wie in Tran­ce nahm er ein Pa­pier­ta­schen­tuch aus sei­ner Ho­sen­ta­sche und wisch­te sich da­mit, so gut es ging, das Blut aus dem Ge­sicht und von den Hän­den.

Das war ein Alb­traum, oder? Das ge­sch­ah nicht wirk­lich. Nicht mit ihm. Er war Pa­zi­fist, das wi­der­sprach al­lem, was er je ge­dacht hat­te, das …

Der Klang fer­ner Si­re­nen riss ihn aus sei­nen Ge­dan­ken.

Has­tig schau­te er sich um, drück­te dem leb­lo­sen Mäd­chen einen Kuss auf das Haar, öff­ne­te das Fens­ter, klet­ter­te auf das Fens­ter­brett und vi­sier­te be­reits den Baum an, als er einen großen Wa­gen er­blick­te.

Der Wa­gen kam vor Va­len­ti­nes Haus zu ste­hen und sei­ne Schein­wer­fer tauch­ten die Um­ge­bung in grel­les Licht. Drei Ärz­te stürm­ten aus dem Wa­gen.

Avri­el drück­te sich in den Schat­ten und mach­te sich so klein wie mög­lich. Wenn das Schein­wer­fer­licht ihn trä­fe, müss­ten sie ihn ent­de­cken.

Ein Arzt zück­te ein Plas­tik­kärt­chen und schritt ge­nau­so mü­he­los durch die Ein­gangs­tür wie zu­vor Avri­el.

Er spür­te, wie sein Ver­stand er­neut ge­gen­über sei­nen In­stink­ten kläg­lich ver­sag­te, wie Ad­rena­lin sei­ne Au­gen un­wahr­schein­lich scharf mach­te … Er sah je­den ein­zel­nen Ast, je­des Blatt, je­de Blat­tader … und sprang.

Der Ast fe­der­te un­ter ihm und er hielt sich krampf­haft fest. Was, wenn die Ärz­te ihn be­merk­ten und ihm nachsa­hen?

Dumpf hör­te er das Stamp­fen ih­rer Schrit­te.

An den Ast der al­ten Ei­che ge­klam­mert, fühl­te er sich auf be­kann­tem Ter­rain – schließ­lich wa­ren Va­len­ti­ne und er als Kin­der oft ge­nug auf die­sem Baum her­um­ge­klet­tert, wenn sie in ih­rem Baum­haus ge­spielt hat­ten. Un­ge­fähr auf der Hö­he ih­res Zim­mer­fens­ters spal­te­te sich der Baum in zwei Stäm­me auf, zwi­schen de­nen sich das klei­ne Holz­häus­chen per­fekt ein­füg­te.

Vor­sich­tig robb­te er so laut­los wie mög­lich über den di­cken Ast, zog sich lang­sam an der Holzwand des Häu­schens hoch und über­blick­te sei­ne Mög­lich­kei­ten: im Schat­ten des Baum­hau­ses ent­lang und dann wei­ter zur He­cke des Nach­barn, der am Grund­stücks­rand ei­ne jun­ge Bal­samtan­ne mit dich­ten Äs­ten ge­pflanzt hat­te. Ei­ne an­de­re Wahl blieb Avri­el nicht. Er pack­te einen Ast über sei­nem Kopf und han­gel­te sich, so schnell er konn­te, ans an­de­re En­de des Baum­hau­ses. Flüch­tig sah er sich um. Von sei­nem Stand­ort aus konn­te er Va­len­ti­nes Fens­ter nicht mehr er­ken­nen und hoff­te, dass auch er so­mit für die Ärz­te im Haus nicht zu se­hen war.

Aber wie lan­ge wür­den sie noch dort be­schäf­tigt sein?

Avri­el tas­te­te sich an den Äs­ten ent­lang nach un­ten und streck­te sich, bis er fes­ten Bo­den spü­ren konn­te. Lang­sam und vor­sich­tig lös­te er sei­nen Griff und sprang ins Gras.

Er hielt sich nah am Bo­den und kroch zur He­cke.

Wenn die Spring­fields kein Loch in ih­rem Be­wuchs hat­ten, wür­de sein Plan nicht funk­tio­nie­ren – und dann?

Ei­lig fuhr er mit den Hän­den durch die Zwei­ge, such­te nach ei­ner Lücke, die groß ge­nug für ihn war.

Da­bei stö­ber­te er ir­gend­wel­che Tie­re auf, die ra­schelnd da­v­ons­to­ben. Hof­fent­lich hat­ten die Nach­barn der Spring­fields kei­nen Hund …

End­lich fand er ei­ne Lücke, die breit ge­nug war, um sei­nen Kopf hin­durch­zu­ste­cken. Er leg­te sich flach auf den Bauch und ver­brei­ter­te sie so gut es ging mit den Hän­den.

Trotz­dem zer­kratz­ten ihm die Zwei­ge beim Durch­schlüp­fen auf das Nach­bar­grund­stück Ge­sicht und Ar­me, ris­sen ihm Lö­cher in die Klei­dung und hät­ten ihn bei­na­he sei­nen lin­ken Schuh ge­kos­tet.

Müh­sam zwang sich Avri­el, auf­zu­ste­hen und drück­te sich eng an den Stamm der Bal­samtan­ne. Die Na­deln igno­rier­te er.

Avri­el spür­te, wie er un­kon­trol­liert am gan­zen Kör­per zu zit­tern be­gann.

Va­len­ti­ne …

Gera­de eben noch ihr zar­tes, schla­fen­des Ge­sicht … die Ohr­fei­ge … der Zorn … ihr Blut an sei­nen Hän­den …

Was hat­te er ge­tan?

Er hör­te, wie sich wei­te­re Wa­gen dem Haus nä­her­ten und späh­te durch die Äs­te. Ar­mee­fahr­zeu­ge. Kei­ne Zeit für Ge­wis­sens­bis­se, sie wür­den in den nächs­ten Se­kun­den aus­stei­gen und ihn zu­erst ge­nau dort su­chen, wo er saß.

Im Schutz der Tan­ne schlich er zum Haus und um­run­de­te es, sprang über den Zaun und schnapp­te sich sein Rad. Nichts wie weg!

5. Allegra – Atlanta – 07.07.2145

Sehn­süch­tig blick­te Al­le­gra nach drau­ßen, auf die Wie­se vor dem Wai­sen­haus. Jetzt, da es lang­sam Abend wur­de, spür­te sie, wie sie wie­der zu den Le­ben­den zu­rück­kehr­te.

Das At­men fiel ihr nicht mehr so schwer wie in der Glut­hit­ze des Ta­ges, ih­re Ge­dan­ken wa­ren nicht mehr so ver­ne­belt. Wenn sie nicht wüss­te, dass man sie in we­ni­gen Stun­den ins Bett schi­cken wür­de, hät­te sie gu­te Lau­ne. So aber schob sie ihr Abendes­sen lust­los auf ih­rem Tel­ler hin und her.

»Was wird das, wenn es fer­tig ist?« Miss Brown bau­te sich vor ihr auf.

Al­le­gra blick­te sie un­schul­dig an. »Ich weiß nicht, was Sie mei­nen.«

»Dein Es­sen wird mit Steu­er­gel­dern be­zahlt. Wenn du es nicht auf­isst, dann wan­dert es in den Müll. Ist es das, was du willst? Dass un­se­re Steu­er­gel­der in den Müll wan­dern?«

»Na­tür­lich nicht, Miss Brown.« Was war das für ei­ne dum­me Fra­ge?

»Dann iss auf.«

»Na­tür­lich, Miss Brown.« Al­le­gra roll­te mit den Au­gen. Sie konn­te sich nicht vor­stel­len, dass Geld be­son­ders gut schmeck­te.

Abstrak­te Din­ge hat­ten oh­ne­hin kei­nen Ge­schmack.

6. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145

Es war im­mer wie­der über­ra­schend, wie gut sich der an­er­zo­ge­ne An­stand der Leu­te ge­gen sie selbst nut­zen ließ. Riú kann­te kei­nen ein­zi­gen Fall ei­nes Mu­tan­ten­an­griffs durch Ju­gend­li­che, bei dem sich der Schul­di­ge nicht selbst ans Mes­ser lie­fer­te.

Es war lä­cher­lich ein­fach. So­bald sie be­grif­fen, was sie ge­tan hat­ten, drück­ten sie al­le auf den Am­bu­lanz­knopf oder rie­fen über ih­ren UniCom Hil­fe. Oh­ne zu wis­sen, dass von die­sem Au­gen­blick an al­les mit­ge­schnit­ten wur­de, was um sie her­um ge­sch­ah.

So auch in die­sem Fall.

Riú starr­te so an­ge­strengt auf die Auf­nah­men, dass sei­ne Au­gen zu trä­nen be­gan­nen. Er blin­zel­te ei­ni­ge Ma­le hef­tig und rieb sich mit dem Han­drücken übers Ge­sicht.

Jetzt nur nicht im ent­schei­den­den Mo­ment mü­de wer­den.

Ner­vös blick­te er auf die Ka­me­ra-Stre­ams, von de­nen der jun­ge Mann auf ein­mal ver­schwun­den schi­en. Wi­der bes­se­res Wis­sen war er für einen Au­gen­blick ge­neigt, an den Blöd­sinn zu glau­ben, dass Mu­tan­ten sich un­sicht­bar ma­chen konn­ten. Doch so­fort schüt­tel­te er den Kopf. Als er da­mals Fa­bri­cia mit den Vor­ur­tei­len ge­gen­über Mu­tan­ten kon­fron­tier­te, hat­te sie ihn laut und schal­lend aus­ge­lacht, weil er an so einen Un­fug glaub­te. Er muss­te die Ur­sa­che in den Auf­nah­men su­chen.

Jetzt be­reu­te er, sei­nen As­sis­ten­ten weg­ge­schickt zu ha­ben. So muss­te er selbst mit den Da­tei­en han­tie­ren, statt die Show zu ge­nie­ßen.

Riú spei­cher­te mit ei­ni­gen ge­üb­ten Hand­be­we­gun­gen die Auf­nah­men aus dem Haus der Spring­fields und öff­ne­te sie. Mit ei­ner leich­ten Berüh­rung sei­nes Dau­mens spiel­te er die Da­tei­en in Zeit­lu­pe ab, und voilà …

Das Fens­ter im Zim­mer des Mäd­chens stand of­fen und ein trotz mo­d­erns­ter Ka­me­ras leicht un­schar­fes Bild zeig­te ihm einen Mu­tan­ten, der ge­nau 00:03:34 nach Auf­nah­me­be­ginn auf das Fens­ter­brett sprang und un­mit­tel­bar da­nach ver­schwand.

Aber wo­hin war der Mu­tant ge­flo­hen?

So­fort woll­te er die Bil­der der Au­ßen­ka­me­ras ab­ru­fen, um ge­nau das her­aus­zu­fin­den, doch ihn emp­fing ei­ne knall­ro­te, blin­ken­de Feh­ler­mel­dung im Kon­troll­pa­nel. Die Feh­ler­be­schrei­bung of­fen­bar­te ihm, dass schon letz­te Wo­che je­mand den Au­ßen­ka­me­ras von Gor­don Ci­ty den Saft ab­ge­dreht hat­te – und an­schei­nend hat­te sich im­mer noch nie­mand die Mü­he ge­macht, den Scha­den zu re­pa­rie­ren, ob­wohl er höchst­per­sön­lich die un­miss­ver­ständ­li­che An­wei­sung ge­ge­ben hat­te, Stö­run­gen an Über­wa­chungs­ge­rä­ten um­ge­hend zu be­he­ben!

Er tipp­te ge­gen die Smart­wall. »Wel­chem Coun­ty ge­hört Gor­don Ci­ty an?«

»Gu­ten Abend. Gor­don Ci­ty ge­hört zu DeKalb Coun­ty. Kann ich wei­ter be­hilf­lich sein?«

Die KI hat­te ei­ne an­ge­neh­me Stim­me, aber ihm wä­re es lie­ber, sie hät­te nichts ge­sagt.

»Fa­bri­cia, ru­fe den Coun­ty Exe­cu­ti­ve an.«

»Ich ru­fe den Coun­ty Exe­cu­ti­ve von DeKalb Coun­ty an. Rich­tig?«

»Rich­tig.« Er stütz­te ge­nervt das Ge­sicht in die Hän­de. KI stand für künst­li­che In­tel­li­genz, aber das Pro­gramm müss­te in dem Fall KD hei­ßen. Künst­li­che Dumm­heit. Nicht zu ver­glei­chen mit den As­sis­ten­ten aus sei­ner Stu­di­en­zeit.

Im­mer­hin war das Pro­gramm schlau ge­nug, sich durch­zu­wäh­len, oh­ne ihn nach wei­te­ren De­tails zu fra­gen. Nach­dem nie­mand ans Bü­ro­te­le­fon ging, rief es di­rekt beim Coun­ty Exe­cu­ti­ve zu Hau­se an.

»Mr Green?« Riú schiel­te auf das Pro­fil, das Fa­bri­cia, wie er sei­ne KI in ei­nem sen­ti­men­ta­len An­fall ge­nannt hat­te, für ihn ne­ben den An­ruf­in­for­ma­tio­nen ein­blen­de­te.

»Wer ruft an? Es ist Fei­er­abend. Wenn das ein Streich ist …«

»Riú Gor­don. Aus dem Wei­ßen Haus.«

»Ent­schul­di­gen Sie bit­te, Sir, Mr Pre­si­dent, ich …«

»Mr Green, wie­so sind die Au­ßen­ka­me­ras an den Ge­bäu­den in Gor­don Ci­ty ka­putt und das seit vier Wo­chen?«

»Seit vier … Das ist nicht mög­lich. Die Au­ßen­ka­me­ras in Gor­don Ci­ty sind längst re­pa­riert.«

»Soll mei­ne Of­fi­ce Ma­na­ge­rin ent­spre­chen­de Be­wei­se zu­sam­men­stel­len und Ih­nen zu­kom­men las­sen, Mr Green?« Er lä­chel­te.

»Ich … wer­de das über­prü­fen. Soll ich zu­rück­ru­fen, Mr Pre­si­dent?«

»Le­gen Sie nicht auf. Ich war­te.«

»Ich wer­de mich be­ei­len.«

Riú hör­te den Mann hek­tisch mit Pa­pie­ren ra­scheln, Schub­la­den zu­knal­len und dann ab­ge­hackt tip­pen. Ver­mut­lich ein­hän­dig.

Stil­le.

»Mr Pre­si­dent?«

»Ich hö­re.«

»Ich weiß nicht, wie das pas­sie­ren konn­te, aber das Geld für die Re­pa­ra­tur der Ka­me­ras … Es ist mir sehr un­an­ge­nehm.«

»Was?«

»Laut mei­nen Un­ter­la­gen soll­ten sie längst re­pa­riert wor­den sein. Aber of­fen­sicht­lich ist das nicht ge­sche­hen. Ich weiß nicht, wo­hin die Staats­gel­der da­für ver­schwun­den sind.«

»Ein Mu­tant ist in Ihrem Coun­ty auf der Flucht, Mr Green. Und kei­ne ein­zi­ge Au­ßen­ka­me­ra in der gan­zen Stadt funk­tio­niert. Sie ah­nen hof­fent­lich, wel­che das Kon­se­quen­zen ha­ben wird?«

7. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145

Avri­el war an den erst­bes­ten Ort ge­ra­delt, der ihm ein­fiel – in den klei­nen öf­fent­li­chen Park ne­ben der Schu­le. Er wür­de nicht ewig dort blei­ben kön­nen.

Sie wür­den ihn bald schon über­all su­chen.

Er muss­te ver­schwin­den.

Unauf­fäl­lig hol­te Avri­el sei­nen UniCom aus der Ho­sen­ta­sche und lins­te auf die Uhr. Sperr­stun­de. Ei­gent­lich durf­te er sich nicht mehr auf den Stra­ßen auf­hal­ten. Nor­ma­ler­wei­se wur­de das Ge­setz eher lax durch­ge­setzt, aber nicht heu­te.

Ei­lig drück­te er sich an den We­gen ent­lang, im­mer im Schat­ten, und hoff­te, dass ihm kei­ne Pär­chen oder Spa­zier­gän­ger mit Hund be­geg­nen wür­den. Schnell fand er den klei­nen, et­was ver­wahr­los­ten Spring­brun­nen. An­geb­lich mo­der­ne Kunst, für Avri­el sah das Ding aus, als hät­te je­mand et­was Un­för­mi­ges ge­baut und dann mit Ab­sicht ver­ros­ten las­sen.

Er lehn­te sein Rad da­ge­gen, schöpf­te Was­ser und wusch sich aus­gie­big Ge­sicht und Hän­de. So lan­ge, bis sei­ne Haut rot war und sein Ge­sicht spann­te. Er zog sich sein T-Shirt über den Kopf und wen­de­te es. Auf den ers­ten Blick war nicht zu er­ken­nen, dass er es ver­kehrt her­um trug, so­dass nie­mand se­hen wür­de, wie schmut­zig es war. Au­ßer­dem hat­te das Hemd, das er dar­über ge­tra­gen hat­te, so­wie­so das Meis­te ab­be­kom­men. Avri­el ließ es in einen Ab­fall­ei­mer fal­len und schob mit ei­nem Ast Müll dar­über.

Das reich­te zwar ver­mut­lich nicht, um sei­ne Spur voll­kom­men zu ver­wi­schen, doch es war bes­ser als gar nichts. Wenn er nun durch den künst­li­chen Bach­lauf im Park wa­te­te und an­schlie­ßend in ei­nem wei­ten Bo­gen ins Wai­sen­haus zu­rück­kehr­te, konn­te er noch recht­zei­tig zum Abendes­sen da sein und so tun, als gin­ge ihn das Gan­ze nichts an.

Konn­te er so kalt­blü­tig sein?

Va­len­ti­ne war tot und er dach­te nur an sein ei­ge­nes Über­le­ben. Wie­so stell­te er sich nicht ein­fach? Wie­so woll­te er trotz al­lem noch wei­ter­le­ben?

Er wuss­te es nicht.

8. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145

Die Be­frie­di­gung dar­über, dass er Mr Green ein­schüch­tern konn­te, hielt nicht lan­ge an. Vor al­lem aber lös­te die­ses Te­le­fonat sein ei­gent­li­ches Pro­blem nicht. Es war ihm egal, wer die Si­cher­heits­gel­der ver­un­treut hat­te, er wuss­te nur, dass die­se Per­son blu­ten muss­te. Am bes­ten so­fort, qual­voll und wäh­rend er genüss­lich zu­sah.

So­fern nichts an­de­res be­schä­digt war, wür­de es schon er­mit­tel­bar sein, wer das ge­we­sen war.

Er rief er­neut Mor­man­nin an. »Die Au­ßen­ka­me­ras in Gor­don Ci­ty sind de­fekt. Und zwar je­de ein­zel­ne.«

»Ich weiß. Wir kön­nen die Such­spin­nen nicht blind los­schi­cken, das kön­nen wir uns nicht leis­ten. Ich ha­be be­reits Droh­nen für Gor­don Ci­ty an­ge­for­dert, aber bis sie star­ten und beim Haus der Spring­fields sind …«

»… ist der Mu­tant mög­li­cher­wei­se weit weg. Das weiß ich, Bart.«

»Kann die Soft­wa­re ihn zu­ord­nen? An­hand der Vi­deo­auf­nah­men oder der DNA?«

»Die Bots sind dran. Er hat­te die Haa­re vor dem Ge­sicht hän­gen und die Bil­der sind teil­wei­se ver­schwom­men.«

Bart seufz­te am an­de­ren En­de Nord­ame­ri­kas.

»Ihr wer­det ihn fin­den und tun, was not­wen­dig ist.«

»Na­tür­lich.«

Riú leg­te auf. Gleich wie gut sich die Tech­nik in den letz­ten Jah­ren wie­der ent­wi­ckelt hat­te, er woll­te sich das Gan­ze selbst an­se­hen. Noch ein­mal spiel­te er die Auf­nah­me ab, bis er ein Bild hat­te, auf dem der Mu­tant auf­recht stand. Riú drück­te den Mo­ment-Free­ze- und gleich­zei­tig den Aus­wer­tungs­but­ton, der das Bild zu­sätz­lich mit Schät­zun­gen zu Kör­per­grö­ße, Ge­wicht und Al­ter be­schrif­te­te.

Zu­min­dest konn­te er so die Su­che nach dem Mu­tan­ten ein­schrän­ken las­sen, selbst wenn kei­ne ge­naue­re Ana­ly­se der Da­ten mög­lich sein soll­te.

Er schick­te die Da­tei an Bart Mor­man­nin.

Par­al­lel da­zu drück­te er auf einen But­ton, der ihn di­rekt mit dem Bü­ro sei­ner Se­kre­tä­rin ver­band. »Gla­fi­ra, Vor­la­ge M17. Du be­kommst gleich die Pa­ra­me­ter rein, ich will die Mel­dung se­hen und selbst ab­schi­cken.«

Noch ehe die jun­ge Frau ant­wor­ten konn­te, be­en­de­te er die Ver­bin­dung und schob die aus­ge­wer­te­te Da­tei in ih­ren Cloud­ord­ner.

We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter hat­te er den fer­ti­gen Text vor sich auf dem Touch­ta­ble: An al­le An­woh­ner Gor­don Ci­tys und des um­ge­ben­den Be­zir­kes! Ein ge­fähr­li­cher Mu­tant be­droht die öf­fent­li­che Si­cher­heit. Es han­delt sich um einen jun­gen Mann im Al­ter von un­ge­fähr 17 Jah­ren. Er hat schul­ter­lan­ge, blon­de Haa­re und trägt ein hell­blau­es Hemd mit T-Shirt dar­un­ter. Sei­ne Au­gen sind grün, an­sons­ten ist er schmal ge­baut und schät­zungs­wei­se 1,70 m groß. Hin­wei­se wer­den er­be­ten. Bit­te wen­den Sie sich da­für an die ört­li­chen Po­li­zei­dienst­stel­len.

All­ge­mein wird zum ei­ge­nen Schut­ze emp­foh­len, kei­ne Frem­den nach Son­nen­un­ter­gang ins Haus zu las­sen und kei­ne Ob­dach­lo­sen vor der Haus­tür auf­zu­neh­men und in das ei­ge­ne Heim zu brin­gen.

Riú Raoul­son Gor­don, Pre­si­dent of the Uni­ted World.

Die­se Nach­richt sand­te er di­rekt an den Lei­ter der Be­hör­de für Pro­pa­gan­da, Gio­se­phe Lob­bes. Des­sen Auf­ga­be war es, die Nach­richt ab­zu­seg­nen – oder mit zu­sätz­li­chen wirk­sa­men Flos­keln aus­zu­stat­ten – und dann an die Po­li­zei wei­ter­zu­lei­ten.

»Nun ent­wischst du mir nicht mehr, klei­ner Mu­tant.« Er grins­te zu­frie­den. Zum ers­ten Mal an die­sem Abend hat­te er das Ge­fühl, et­was Nütz­li­ches ge­tan zu ha­ben.

9. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145

End­lich er­reich­te Avri­el das Wai­sen­haus. Flüch­tig sah er sich um. Nach rechts, links, hin­ten, oben.

Nichts.

Jetzt muss­te er nur noch un­ge­se­hen hin­ein.

Has­tig zog er sei­nen UniCom aus der Ho­sen­ta­sche und schau­te auf die Uhr­zeit. Das Abendes­sen hat­te er je­den­falls schon ver­passt, das ver­hieß nichts Gu­tes.

Das Gerät vi­brier­te in sei­nen Hän­den und er rief die Nach­richt ab.

»An al­le re­gis­trier­ten Nut­zer.«

Er las wei­ter.

Schei­ße. Das war sein Fahn­dungs­auf­ruf.

Sein Hemd. Sein T-Shirt. Sei­ne Haa­re. Zum Glück hat­te er das Hemd be­reits ent­sorgt und sei­ne Haa­re hin­gen so weit in sein Ge­sicht, dass man es kaum er­ken­nen konn­te. Aber was, wenn das nicht reich­te? Wie vie­le Jungs in sei­nem Al­ter tru­gen lan­ge Haa­re? Und wie vie­le von de­nen kann­ten Va­len­ti­ne?

Übel­keit stieg in ihm auf, traf auf einen schmerz­haf­ten Kloß in sei­nem Hals. Er lehn­te sich an den Baum vor dem Wai­sen­haus und übergab sich so lan­ge, bis er nur noch Ma­gen­saft spuck­te.

Er ver­lor wert­vol­le Zeit.

Schnell zog er den UniCom wie­der her­vor und tipp­te ei­ne Nach­richt an sei­nen bes­ten Freund Todd. »Ich brau­che Hil­fe.«

Prompt kam die Ant­wort: »Wo bist du? Die Ron­ny tobt. Die ha­ben hier ei­ne Raz­zia ge­macht, al­les auf den Kopf ge­stellt, und sie ist ih­nen die gan­ze Zeit nach­ge­rannt und hat ge­brüllt.«

Mrs. Ron­ning­ton war der größ­te Wai­sen­h­aus­dra­che, den man sich vor­stel­len konn­te. Fast muss­te Avri­el bei dem Ge­dan­ken dar­an, wie sie Sol­da­ten zur Schne­cke mach­te, lä­cheln. Aber nur fast.

»Ich bin di­rekt vor dem Wai­sen­haus und muss ir­gend­wie rein, oh­ne dass die Ron­ny das mit­kriegt. Sind noch Sol­da­ten hier?«

»Die sind weg. Die Nach­richt vom Wei­ßen Haus, bist du das? Al­ter, was hast du an­ge­stellt?«

»Hilfst du mir?«

»Nur, wenn du mir nichts tust. Da stand was von ›ge­fähr­lich‹ im Auf­ruf.«

»Ich ha­be nicht vor, dich auf­zu­fres­sen …«

»Okay. Ich ma­che dir das Kel­ler­fens­ter auf.«

»Dan­ke. Hast was gut bei mir.« Nicht, dass Avri­el wuss­te, wie er Todd ir­gen­det­was zu­rück­zah­len soll­te, aber er muss­te ins Wai­sen­haus hin­ein, die Wie­der­gut­ma­chung konn­te war­ten. Er schlich sich an der Haus­wand ent­lang zur nörd­li­chen Sei­te, wo er den Zu­gang zum Kel­ler kann­te. Es war ein of­fe­nes Ge­heim­nis, dass sich die Heim­kin­der re­gel­mä­ßig dort aus dem Haus und wie­der hin­ein schli­chen. Nur schei­ter­te die Heim­lei­tung an­schei­nend an ih­ren kläg­li­chen Ver­su­chen, her­aus­zu­fin­den, wo sich der Durch­gang be­fand und wie man ihn stop­fen konn­te.

Gut für Avri­el.

Das Fens­ter war tat­säch­lich of­fen und er quetsch­te sich hin­durch.

»Was ist pas­siert?« Im schumm­ri­gen Kel­ler­licht sah Avri­el nur das Wei­ße in Todds Au­gen.

»Lan­ge Ge­schich­te. Ich ha­be ei­ne Men­ge Är­ger am Hals.«

»Und da willst du dich aus­ge­rech­net hier ver­ste­cken?«

»Ich wüss­te nicht, wo sonst! Es ist Sperr­stun­de.«

»Ja, gut …« Todd kratz­te sich am Kopf. »Du willst nicht, dass die Ron­ny weiß, dass du hier bist, oder?«

»Zu­erst woll­te ich zum Abendes­sen kom­men, aber … Nein. Ich muss …« Avri­el fuhr sich durch die Haa­re und fühl­te ge­trock­ne­tes Blut an den Haar­spit­zen. Of­fen­bar hat­te er im Park nicht al­les er­wi­scht.

»Dich um­zie­hen …?«

»Das auch. Die Haa­re müs­sen ab.«

»Die Mäd­chen flie­gen auf dei­ne lan­gen Haa­re!«

Avri­el dach­te an Va­len­ti­ne. »Ich weiß. Weg da­mit.«

10. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145

Er konn­te nicht ewig auf die­se Stre­ams schau­en, die oh­ne­hin al­les Mög­li­che zeig­ten, nur nicht das, was er se­hen woll­te – einen to­ten Mu­tan­ten.

Er igno­rier­te die Nach­rich­ten, die sei­nen UniCom zum Vi­brie­ren brach­ten, und dach­te nach.

Riú hat­te al­les, was sich die meis­ten Men­schen er­träum­ten. Das ein­zi­ge Amt, bei dem nie­mand über ihm stand und ihm ir­gend­wel­che Be­feh­le er­tei­len konn­te. Ab­so­lu­te Macht über je­den Men­schen auf sei­nem Pla­ne­ten. Geld. Und er wuss­te, dass er nur ein­mal win­ken muss­te, um an je­der Hand zig Frau­en zu ha­ben. Nicht, weil er der Prä­si­dent war, son­dern weil er trotz Ver­zicht auf die gan­zen neu­mo­di­schen Mit­tel­chen im­mer noch so gut aus­sah wie ein Mo­del.

Selbst die Mu­tan­ten hat­te er un­ter Kon­trol­le. Von ih­nen ging nur ver­ein­zelt Ge­fahr aus.

Wie von die­sem Jun­gen, den er ja­gen ließ – wo­mit sei­ne Ge­dan­ken wie­der bei dem Tee­na­ger wa­ren, des­sen Lei­che er se­hen woll­te.

Sein UniCom vi­brier­te er­neut. Ein An­ruf.

Riú starr­te auf das Dis­play. Das war die Num­mer von Mr Green.

»Ich ha­be die Leu­te, die die Gel­der ver­un­treut ha­ben.«

Riú grins­te, auch wenn er wuss­te, dass Mr Green ihn nicht se­hen konn­te. Vi­el­leicht war das auch bes­ser so. »Gut. Ich will, dass sie mit der gan­zen Här­te des Ge­set­zes be­straft wer­den, Mr Green. Ich wer­de ein Au­ge auf die An­ge­le­gen­heit ha­ben.«

»Na­tür­lich, Mr Pre­si­dent.«

Zu­min­dest ein Tri­umph an die­sem Tag.

11. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145

»Si­cher, dass du das tun willst?«

»Ganz si­cher. Ich ha­be kei­ne an­de­re Wahl.« Avri­el schloss die Au­gen und ver­trau­te sei­nem bes­ten Freund.

Das ge­wohn­te Sir­ren be­wies, dass Todd den draht­lo­sen Trim­mer ein­ge­schal­tet hat­te, und bald dar­auf fühl­te Avri­el die Auf­sät­ze über sei­nen Kopf krat­zen.

Ob­wohl er die Li­der ge­schlos­sen hielt, hat­te er ge­nau vor Au­gen, wie Lo­cke um Lo­cke ne­ben sei­ne Schu­he fiel. Als wür­de Todd sein Herz ra­sie­ren, nicht sei­nen Kopf.

Erst als das Sir­ren en­de­te, öff­ne­te er die Au­gen. »Wie furcht­bar se­he ich aus?«

»Un­ge­wohnt. Jetzt hast du so rie­si­ge Hun­ge­rau­gen und … woah, das sieht schräg aus.« Todd leuch­te­te Avri­el mit dem UniCom ins Ge­sicht.

»Das sieht schräg aus?«

»Na ja, es wuss­ten fast al­le Kids, dass du ein Mu­tant sein musst.«

»Was?«

»Ja klar. Man sah es dir zwar nicht an, aber war ja of­fen­sicht­lich, wenn du nach dem Abendes­sen völ­lig auf­ge­dreht warst und nie­mand ein­schla­fen konn­te, weil du noch ir­gend­ei­nen Schwach­sinn ge­re­det hast fast bis zum Mor­gen.«

»Aber die Ron­ny und die an­de­ren …«

»De­nen ist doch egal, wer du bist, so­lan­ge sie für dich kas­sie­ren. Ver­mut­lich hät­ten sie dich halt so­fort aus­ge­lie­fert.«

»Und ihr habt mich nicht ver­ra­ten?«

»Wir sind dei­ne Freun­de …?«

Avri­el fühl­te, wie sich ein Lä­cheln auf sein Ge­sicht stahl. »Al­so … dan­ke, Todd.«

»Du willst nicht wis­sen, was der Plan ist?«

»Doch.«

»Ich ha­be hier Kla­mot­ten für dich. Die an­de­ren ma­chen Ra­dau, da­mit die Ron­ny be­schäf­tigt ist und kei­ne Zeit hat, die Nach­richt zu le­sen. Und wir zwei bre­chen ins Ak­ten­zim­mer ein.«

»Bist du be­scheu­ert?« Jetzt von der Ron­ny er­wi­scht zu wer­den, wä­re schlimm.

»Na ja, wenn du wis­sen willst, wo­hin du ab­hau­en sollst, brauchst du dei­ne Ak­te, oder nicht?«

Avri­el nick­te. Er hat­te nichts mehr zu ver­lie­ren.

»Dann los.« Todd sah auf sei­nen UniCom. »Sie staucht ge­ra­de je­man­den im Gar­ten zu­sam­men. Los!«

Avri­el folg­te sei­nem bes­ten Freund ge­duckt und im Lauf­schritt durch die ver­trau­ten Kor­ri­do­re.

In der Fer­ne hör­te er lär­men­de Ju­gend­li­che und die durch­drin­gen­de Stim­me von Em­ma Ron­ning­ton. Je wei­ter weg sie er­klang, de­sto bes­ser.

Erd­ge­schoss, ers­ter Stock, zwei­ter Stock.

»Ron­ny ist jetzt in der Turn­hal­le, Noah hat sämt­li­che Bäl­le durch­ein­an­der­ge­wor­fen.«

Avri­el nick­te nur. Sein Mund war zu tro­cken zum Spre­chen.

Der Kor­ri­dor, der zu Ron­ning­tons Bü­ro führ­te.

Das Vor­zim­mer.

Das Bü­ro.

Die klei­ne Tür zum Ak­ten­raum.

»Wenn die uns hier fin­det, kom­men wir nie mehr raus.«

»Aber sie fin­det uns nicht.«

»Und wie kom­men wir da rein?« Avri­el starr­te auf die Tür zum Ak­ten­raum und über­leg­te krampf­haft. Sie hat­ten nicht viel Zeit.

»Das ist ein alt­mo­di­sches Schloss. Mit ir­gend­ei­ner Ma­gnet­kar­te.« Todd zerr­te an sei­nem UniCom her­um.

»Heißt?«

»Hast du an dei­nem UniCom nicht so ei­ne Hül­le mit ei­nem Ma­gne­ten drin? Da­mit sie nicht dau­ernd auf­klappt?«

»Ha­be ich.« Avri­el lös­te sei­nen UniCom aus der Hül­le.

»Gib mal her. Vi­el­leicht klappt das ja.« Todd hielt den klei­nen Ma­gne­ten ans Tür­schloss.

12. Allegra – Atlanta – 07.07.2145

Sie saß in der Ab­stell­kam­mer und spiel­te auf ih­rem UniCom. Le­vel 182 sperr­te sich schon seit zwei Wo­chen da­ge­gen, von ihr ge­knackt zu wer­den, und das nerv­te sie. Bis da­hin hat­te sie selbst die schwie­rigs­ten Etap­pen des Spiels nach we­ni­gen Ta­gen be­stan­den.

Und wenn sie doch die Pre­mi­um­wäh­rung kauf­te? Mit ei­nem Fin­ger­schnip­pen wech­sel­te sie aus der Aug­men­ted-Um­ge­bung des Spiels in ihr Bank­pro­gramm, au­then­ti­fi­zier­te sich mit ei­nem Dau­men­ab­druck auf ei­nem vir­tu­el­len Feld über dem UniCom und ver­zog an­ge­sichts der klei­nen Zahl an ver­blie­be­nen Units ihr Ge­sicht. 25 Û und noch ziem­lich viel Mo­nat. Was, wenn sie den Le­vel trotz­dem nicht schaff­te?

Ein Klop­fen an der Tür schreck­te sie aus ih­rer Kon­zen­tra­ti­on auf.

---ENDE DER LESEPROBE---