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»Mutantenschlampen mit dem Gesicht zur Wand, Hände über den Kopf.« Fabricia ließ vor Schreck den Korb fallen. »Pass gefälligst auf, FM.« Er schlug ihr hart ins Gesicht. Im Jahre 2145 werden Mutanten von der Regierung gejagt. Der siebzehnjährige Avriel ist überzeugter Anhänger der Doktrin des Weltpräsidenten und hasst die mutierten Menschen von ganzem Herzen. Bis ihm klar wird, dass er selbst einer von ihnen ist. Er muss fliehen. Unterschlupf findet er bei Fabricia, der Anführerin der Verfolgten. Als sie verschwindet, kommt es zum Putsch und der Kampf gegen das Regime des Präsidenten beginnt. Eine beklemmende Near Future-Dystopie! Parallelen zu gegenwärtigen und vergangenen politischen Ereignissen und Strukturen sind nicht zufällig.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
2145
Die Verfolgten
Roman
Katherina Ushachov
1. Neuauflage im Oktober 2023
Alle Rechte bei Katherina Ushachov
Copyright © 2019
Katherina Ushachov
Heidegg 471
6855 Andelsbuch, Österreich
https://feuerblut.com
Teil-Korrektorat/Lektorat: Sean O'Connell, Susanne O'Connell
Korrektorat: Nora Bendzko
Coverdesign: May Dawney - https://covers.maydawney.com
Dieses Buch enthält Content Notes im letzten Kapitel. Da dieses Buch Themen wie Faschismus und Genozid thematisiert, ist eine Lektüre der Content Notes empfohlen.
9783757968205
Für alle Verfolgten
1. Riú Gordon – Washington D.C. – 2127
2. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145
3. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145
4. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145
5. Allegra – Atlanta – 07.07.2145
6. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145
7. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145
8. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145
9. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145
10. Riú Gordon – Washington D.C. – 07.07.2145
11. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145
12. Allegra – Atlanta – 07.07.2145
13. Avriel Adamski – Gordon City – 07.07.2145
14. Ariane Faw – Atlanta – 07.07.2145
15. Allegra – unterwegs – 08.07.2145
16. Avriel Adamski – Gordon City – 08.07.2145
17. Allegra – unterwegs – 08.07.2145
18. Avriel Adamski – Atlanta – 08.07.2145
19. Ariane Faw – Atlanta – 08.07.2145
20. Avriel Adamski – Atlanta – 08.07.2145
21. Allegra – bei Camden – 08.07.2145
22. Hendryk Richardson – Atlanta – 08.07.2145
23. Ariane Faw – Atlanta – 08.07.2145
24. Avriel Adamski – unterwegs – 09.07.2145
25. Riú Gordon – Washington D.C. – 09.07.2145
26. Avriel Adamski – New Orleans – 11.07.2145
27. Allegra – New Orleans – 11.07.2145
28. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 11.07.2145
29. Avriel Adamski – New Orleans – 12.07.2145
30. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 10.07.2145
31. Avriel Adamski – New Orleans – 12.07.2145
32. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 12.07.2145
33. Avriel Adamski – New Orleans – 12.07.2145
34. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 12.07.2145
35. Glafira Smirnowa – Washington D.C – 12.07.2145
36. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 12.07.2145
37. Allegra Adamski – New Orleans – 13.07.2145
38. Avriel Adamski – New Orleans – 14.07.2145
39. Fabricia Lyubomir – New Orleans – 15.07.2145
40. Rokshan Ash – New Orleans – 16.07.2145
41. Avriel Adamski – New Orleans – 15.07.2145
42. Fabricia Lyubomir – Unterwegs – 16.07.2145
43. Alesandra Diaz – New Orleans, Krankenstation – 16.07.2145
44. Avriel Adamski – Unterwegs – 17.07.2145
45. Fabricia Lyubomir – im Zug – 17.07.2145
46. Riú Gordon – Washington D.C. – 17.07.2145
47. Alesandra Diaz – New Orleans – 18.07.2145
48. Riú Gordon – Washington D.C. – 18.07.2145
49. Alesandra Diaz – New Orleans – 18.07.2145
50. Avriel Adamski – im Urwald – 18.07.2145
51. Riú Gordon – Washington D.C. – 19.07.2145
52. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 19.07.2145
53. Avriel Adamski – im Wald – 19.07.2145
54. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 19.07.2145
55. Alesandra Diaz – Washington D.C. – 20.07.2145
56. Avriel Adamski – Dschungel – 20.07.2145
57. Alesandra Diaz – Washington D.C. – 21.07.2145
58. Valentine Springfield – Washington D.C. – 21.07.2145
59. Riú Gordon – Washington D.C. – 21.07.2145
60. Alesandra Diaz – Washington D.C – 21.07.2145
61. Avriel Adamski – im Flusswald – 21.07.2145
62. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 21.07.2145
63. Alesandra Diaz – Washington D.C. – 23.07.2145
64. Avriel Adamski – New Orleans – 24.07.2145
65. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 24.07.2145
66. Riú Gordon – Washington D.C. – 26.07.2145
67. Avriel Adamski – 27.07.2145 – New Orleans
68. Alesandra Diaz – Washington D.C. – 28.07.2145
69. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 29.07.2145
70. Riú Gordon – Washington D.C. – 29.07.2145
71. Avriel Adamski – New Orleans – 01.08.2145
72. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 02.08.2145
73. Avriel Adamski – New Orleans – 03.08.2145
74. Alesandra Diaz – Washington D.C. – 06.08.2145
75. Riú Gordon – Washington D.C. – 09.08.2145
76. Avriel Adamski – New Orleans – 10.08.2145
77. Riú Gordon – Washington D.C. – 12.08.2145
78. Rokshan Ash – Washington D.C. – 26.08.2145
79. Fabricia Lyubomir – Crystal Hills – 29.08.2145
80. Riú Gordon – Washington D.C., Situation Room – 03.09.2145
Epilog
Danksagung
Über die Autorin
Weitere Romane von Katherina Ushachov
Zarin Saltan
Der tote Prinz
Zwergenschatz
Die Stahllilie-Trilogie
Stahllilie und der mechanische Löwe
Stahllilie und die Liga der Zerbrochenen
Stahllilie und die virtuelle Sphinx
Dystopisches aus der Feder der anderen
Laura Kier: »Perfektion - Die Veränderten«
Stella Delaney: »Das Leuchten am Rande des Abgrunds«
Content Notes für dieses Buch
Die Augen seiner Geliebten hatten dieselbe Farbe wie der heiße, eisblaue Kern der Kerzenflamme. Riú spürte ihren Blick im Nacken, doch er drehte sich nicht zu ihr um, während er sich prustend das Gesicht im Waschbecken seiner heruntergekommenen Studentenbude wusch.
»Fabi, wenn mein Vater es erfährt …« Seine blonden Haare waren dunkel vom Wasser und wirkten glatter als sie tatsächlich waren. Der halb blinde Spiegel über dem Waschbecken ließ ihn älter aussehen, mit tiefen Schatten unter den Augen. Das Ebenbild von Raoul Gordon.
Riú verdeckte das Spiegelbild mit der Hand, als wolle er Fabricia vor den Blicken dieses Unbekannten schützen. Nur noch die schimmelfleckige, sich von den Wänden schälende Tapete spiegelte sich im schmutzigen Viereck über seiner Handfläche.
»Darüber wollte ich mit dir reden.«
Riú klammerte sich an das Waschbecken. Er wusste, was sie ihm sagen wollte.
»Auch für mich ist das hier nicht einfach … Das war unsere letzte gemeinsame Nacht.«
Abrupt drehte er sich um.
»Du verlässt mich?« Seine Augen waren wie dunkle Kohlen, finster und glühend.
»Scharfsinnig erkannt.« Fabricia stand auf und begann, ihre schwarzen Haare zu einem straffen Zopf zu flechten. Obwohl sie leicht wie ein Kätzchen war, brachte sie mit ihrer Bewegung das Klappbett aus dem vorletzten Jahrhundert zum Quietschen. Jetzt störte ihn das viel mehr als noch vor wenigen Sekunden, als sie …
»Das wirst du nicht.« Sie standen sich gegenüber wie Adam und Eva, und erst dieser gedankliche Vergleich erinnerte Riú daran, dass sie eigentlich kein Mensch war.
»Glaube mir, es ist besser so.« Sie schlüpfte in ihr Kleid, stieg in ihre Schuhe und verschwand aus seinem Leben.
Avriel ritt auf einer Wolke über das Land. Es war Nacht, der Mond schien und die Sterne vollführten einen gravitätischen Tanz … Menschen wie er saßen auf ihren Wolken, sie hatten den Tag verschlafen und waren nun hellwach, ihre Augen leuchteten …
»Avi, du kannst doch nicht einfach so im Unterricht einschlafen!« Valentine stupste ihn wiederholt mit dem Finger an. »Wach doch auf, was hast du die Nacht über gemacht?« Ein leichter Vorwurf lag in ihrer Stimme.
Avriel öffnete ein Auge und schaffte es, seinen Kopf von den Armen zu heben, gerade rechtzeitig, um dem Blick von Miss March zu entgehen. Sein eigener Blick blieb am Smartboard hängen, das ausnahmsweise keine permanent wechselnden Botschaften, sondern ein- und dieselbe Animation abspielte: Riú Gordon, der Weltpräsident, zeigte mit dem Finger in die Klasse. Ein Mann von etwas mehr als dreißig Jahren, mit blauen Augen, leicht zerzausten, hellblonden Haaren und einem sympathischen Lächeln. »Hilf deinem Land, werde Mutantenjäger!«
Fast alle aus der Klasse wollten genau das tun. Riú Gordon würde seinen Nachwuchs bekommen.
»Kann ich von dir abschreiben?«, flüsterte Avriel Valentine zu.
Wortlos schob sie ihm ihr Pad zu und er kritzelte in seiner unordentlichen Schnörkelschrift Notizen über den Präsidenten in sein eigenes elektronisches Notizbuch.
»Wer kann mir sagen, wann unser großer Präsident Gordon zum Oberhaupt der United World gewählt wurde?« Miss March blendete ein Foto des jungen Präsidenten auf dem Smartboard ein.
Valentine hob ihren Smartpen.
»Miss Springfield?«
»Nach der Ermordung des vorigen Präsidenten Raoul Gordon während seiner Wahlkampagne für die glorreiche AMP am 30. Januar 2133 übernahm Riú Gordon das Amt des Parteioberhaupts. Er wurde am 20. März 2133 vereidigt.«
»Sehr gut, Miss Springfield.« Miss March notierte etwas auf ihrem Pad.
Avriel warf Valentine einen Seitenblick zu.
Sie saß kerzengerade da und glühte vor Stolz. Sonnenlicht verfing sich in ihren hellbraunen Haaren und er ertappte sich bei dem Gedanken, sie die ganze Stunde über anstarren zu können.
Der Unterrichtsstoff war unwichtig geworden.
Nach der Stunde gingen die zwei zusammen auf den Hof.
»Was ist nur los, Avi? Du schläfst fast jeden Tag im Unterricht. Was stellst du im Waisenhaus denn nachts an?«
Er gähnte ausgiebig. »Ich kann nachts nicht schlafen, ich werde eigentlich abends erst wach. Im Sommer hingegen könnte ich nur schlafen …« Es war Hochsommer, er würde sich noch lange damit quälen müssen.
Valentine runzelte die Stirn. »Da kann etwas nicht stimmen, Avi. Glaub mir.«
Sie war ihm noch nie so zart und zerbrechlich vorgekommen wie jetzt. Und dabei wusste er, dass sie versuchte, stark zu sein.
»Avi, wir haben das im Biologieunterricht bis zum Erbrechen wiederholt, du weißt, wovon ich rede.« Valentine schaute in eine andere Richtung. Zerstreut strich sie sich nicht vorhandene Haare aus dem Gesicht und seufzte.
»Du glaubst, ich bin ein …«
Doch sie ließ ihn nicht ausreden. »Still, willst du erschossen werden?«
Er atmete hörbar ein. Seine Hände zitterten.
»Du wirst bald siebzehn, in dem Alter werden die Merkmale erstmalig so stark, dass du … dass du … bald jemanden angreifen wirst.« Sie versteckte ihr Gesicht hinter ihrem langen Pferdeschwanz.
»Und wenn das alles nicht stimmt? Wenn ich nur die Sommergrippe habe?«
»Seit mehreren Monaten?«
»Irgendwelche Forscher haben nachgewiesen, dass Teenager einen anderen Tag-Nacht-Rhythmus …«
»Fühlst du dich nie krank, als wäre dein Körper ganz schwer?«
»Ich sagte doch, vermutlich eine Sommergrippe …«
»Avi.« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Rede keinen Unsinn. Ich kann es dir beweisen.« Sie nahm ihren UniCom aus der Schultasche.
»Was hast du vor?«
»Ich mache ein Foto von dir. Komm her.« Sie legte den Arm um ihn, lehnte ihr Gesicht an seine Wange und schoss ein Foto. Dann betrachtete sie das Ergebnis.
»Siehst du?« Sie zeigte ihm das Foto.
Seine Augen leuchteten ihm neongelb entgegen.
»Was jetzt?«
»Du musst abhauen. Was sonst?«
»Niemals! Ich meine, das hier ist mein Zuhause, oder?« Er starrte sie gehetzt an. »Ich habe kein anderes …« Doch tief im Inneren wusste Avriel, dass sie recht hatte und er am besten sofort seine Sachen packen und verschwinden sollte.
»Valentine, ich wollte bei deinem Vater um deine Hand anhalten.« Er errötete heftig.
»Mein Vater würde mich keinem Waisenkind geben. Erst recht keinem … Du weißt schon.« Valentine ballte die Hände zu Fäusten, sodass sich die Fingernägel ins Fleisch gruben.
»Wenn wir das siebzehnte Lebensjahr erreichen, erhalten wir eine Geldsumme, die von unseren Schulnoten abhängt. Valentine, du kennst meine Zeugnisse und kannst dir ausrechnen, dass das nicht wenig sein wird!«
»Avi, wenn … wenn du darauf bestehst, dann komm doch heute Abend zu mir. Ich bin allein zu Hause, da können wir über alles reden, ohne …« Sie sah sich flüchtig auf dem Schulhof um. Ihre Stimme zitterte.
»Gut. Ich werde kommen.« Er drehte sich weg und ging schnell ans andere Ende des Schulhofes, konnte es nicht ertragen, weiter in ihrer Nähe zu sein.
Wenn er Gordon City verlassen musste, dann hatte er keine Wahl. Er musste sich von ihr verabschieden. Für immer.
Nach der Schule stand Avriel, sauber gekämmt und mit einem Strauß ihrer Lieblingsblumen – pinke Lilien – im Arm, vor Valentines Haus. Sein Herz schlug ihm schon den ganzen Tag bis zum Hals. Er drückte auf die Klingel und kurz darauf glitt die Schiebetür geräuschlos beiseite. Auf einmal war er hellwach und trotz der Dunkelheit im Haus sah er deutlich die Treppen, die zum Zimmer seiner besten Freundin führten. Er rannte hoch und fand sich mit klopfendem Herzen vor ihrer Zimmertür wieder. Sollte er hineingehen? Kurz lauschte er, doch kein Laut war hinter der Tür zu hören. Er drückte vorsichtig die Klinke nach unten.
In ihrem weiß getünchten Zimmer saß Valentine auf einem Stuhl an einem weiß lackierten Tisch. Ihre Schuluniform war mittlerweile zerknittert, und im Spiegel erkannte er, dass sie den Kopf auf die Hände gelegt hatte und schlief.
Avriel trat zu ihr und sah zu, wie sich ein paar Haare im Rhythmus ihres regelmäßigen Atems sachte vor ihrem Gesicht bewegten. Sie wirkte in diesem Moment noch zerbrechlicher als auf dem Schulhof – ahnungslos und leicht verwundbar, ohne Schutz. Die geschlossenen Lider waren gerötet, aufgequollen und zitterten, als würden Albträume sie plagen.
Doch was ihn besonders anzog, waren ihre vom Weinen geschwollenen, leicht geöffneten Lippen. Und ohne zu wissen, was er da tat, küsste er ihren fiebrig heißen Mund.
Valentine erwachte und schlug ihm ins Gesicht. »Wie kannst du nur?« Sie stieß ihn von sich.
Sein Kopf prallte schmerzhaft gegen ein niedriges Regal. Ein metallischer Geschmack breitete sich auf seiner Zunge aus und machte ihn rasend. Gleichzeitig hatte Valentine nie reizender ausgesehen als mit diesem lebendigen, wütenden Gesichtsausdruck.
»Es tut mir leid.« Das war gelogen – der Kuss hatte ihm durchaus gefallen, ihre Lippen waren so schön weich …
»Du Heuchler! Ich kann nicht glauben, dass du einfach über mich herfällst!« Valentine schlug ihn erneut.
Plötzlich sah er rot – oder eher hell, die Farbe ihrer Haut …
»Avi!« Der Ruf ging in einen lang gezogenen Schrei über, der Avriel nicht mehr erreichte.
Wie ein Raubtier packte er sie und versenkte seine Zähne in ihrem Arm, füllte seinen Mund mit ihrem Geschmack, löschte das Feuer in seinem Herzen mit der Kühle ihrer seidenweichen Haut.
Ihren Schmerzensschrei hörte er nur dumpf, wie durch einen Schleier. Ihre lächerlich kleine, schwache Faust schlug erfolglos gegen sein Gesicht, seine Brust, seinen Hals.
Er packte ihr Handgelenk und drückte zu, zerrte daran, bis dieses lästige, zuckende Ding ihn nicht mehr irritierte.
Versank immer mehr in einem rot geräderten Wahn. Biss erneut zu.
Bis sie sich nicht mehr wehrte und zu Boden sank.
Doch mit der Ruhe kam auch der Horror. Er blickte auf Valentine hinab und spürte, wie seine Hände zitterten. Als würden sie nicht ihm gehören. Aus den Wunden sickerte Blut, aber es lockte ihn nicht, im Gegenteil. Der Anblick verursachte ihm ein Gefühl des Ekels.
Mit dem Pflichtbewusstsein eines Schuljungen drückte er auf den in jedem Zimmer installierten Knopf, der eine Ambulanz herbeirufen würde – er war sich sicher, dass sie Valentine nicht helfen konnte.
Riú saß vor seinem in den Schreibtisch eingebetteten Arbeitscomputer im Oval Office und war ganz aufgekratzt. Eigentlich lebte er in ständiger Furcht, hatte keine Zeit für Ruhepausen.
Er wusste genau, dass er sich objektiv betrachtet am sichersten Ort der Erde befand. Die neuesten Sicherheitsvorkehrungen hatte er schließlich selbst einbauen lassen und damit das Oval Office zu einer uneinnehmbaren Festung gemacht. Selbst wenn jemand es gegen seinen Willen hineinschaffte, hatte er immer noch genug Männer vom Secret Service vor der Tür, um eine kleine Armee aufzuhalten.
Und dann dachte er daran, dass sein Vater eigentlich an seiner Stelle sitzen sollte, und fühlte sich mickrig. Wer war er im Vergleich zu Raoul Gordon? Ein kleiner Junge, auf dessen Rücken die ganze Welt lag. Und irgendwann würde er unter ihrem Gewicht zusammenbrechen.
Dabei war nicht gerade hilfreich, dass sich nach dem Tod seines Vaters sämtliche KI-Assistenten einfach abgeschaltet hatten und Riú somit eine Welt zusammenhalten musste, die technisch um fünfzig, wenn nicht gar hundert Jahre in die Vergangenheit katapultiert worden war.
Nun war jedoch die aufreibende Bildschirmarbeit beendet, er hatte nichts zu tun und genau das machte ihn nervös, sodass er sich permanent davon abhalten musste, auf dem Touchscreen herumzutrommeln und damit unfreiwillig Befehle auszulösen.
Er könnte das Gerät ausschalten, das Oval Office verlassen und sich ausruhen. Einige Stunden gar nichts tun und hoffen, dass er nicht auf Schlaftabletten zurückgreifen musste, um die dringend notwendige Ruhe zu bekommen.
Und wenn genau in diesem Moment ein Attentäter dabei wäre, seinen perfiden Plan in die Tat umzusetzen?
Nein. Er musste bleiben. Schlafen konnte er auch später noch.
Schon seit Monaten hielten sich diese verdammten Mutanten bedeckt, kein einziger Angriff, nicht einmal irgendwelche Jugendliche, bei denen die elterlichen Gene durchbrachen. Nichts. Konnte das bedeuten, dass sie etwas besonders Großes planten – war das die Ruhe vor dem Sturm? Vor seinem Sturz?
Nichts fürchtete Riú mehr als ihre Rache, und der Gedanke daran bereitete ihm regelmäßig Albträume.
Plötzlich erschien ein blinkendes Kamerasymbol auf dem Touchscreen und wartete nur darauf, angetippt zu werden.
Er pochte fest mit dem Finger darauf, woraufhin das übernächtigte, müde Gesicht eines Mittzwanzigers auftauchte.
»Mr President, Sir. Ein Vorfall in Gordon City erfordert Ihre persönliche Aufmerksamkeit, wir vermuten einen Mutan…«
Riú ließ den jungen Mann gar nicht erst ausreden – Adrenalin strömte durch seine Adern und hastig wischte er den Videoanruf vom Bildschirm. Na endlich, wurde auch Zeit! Er schlug mit der Faust auf den Tisch, ehe er so schnell aufsprang, dass sein Bürostuhl krachend zu Boden fiel. Riú achtete nicht darauf und eilte in die kleine Kommandozentrale im Nebenraum.
Es gab nur drei Dinge, die alle Kameras in jedem Raum der Welt aktivierten: Einbrecher, ungewöhnlich viele Leute in einem Raum oder jemand hatte auf den Ambulanzknopf gedrückt. Und sein Assistent hatte bereits das Zauberwort gesagt.
Mutanten.
Als er in der Kommandozentrale eintraf, lief die Übertragung der Überwachungskameras bereits auf der Smartwall.
»Gut, dass Sie da sind.« Der junge Assistent sprang von seinem Platz und bot ihm seinen Stuhl an. »Die automatischen Luftanalysen haben im Zimmer des Mädchens die typische Hormonzusammensetzung eines Mutantenangriffs festgestellt, und schauen Sie …«
Der Stream einer der Kameras war mit einem roten Kreuz markiert, von diesem Raum aus hatte also jemand eine Ambulanz gerufen.
Riú tippte das Symbol an und erhielt die Positionsauswertung – Gordon City, das Haus der Familie Springfield, dort das Zimmer der Tochter des Hauses, Valentine. Er drückte auf einen anderen Knopf, der es ihm ermöglichte, drei zusätzliche Überwachungskameras zu aktivieren und ihre Aufnahmen parallel nebeneinander anzeigen zu lassen.
Alle vier Kameras zeigten ihm einen jungen Mann mit langen blonden, blutverschmierten Haaren. Er stand vor der Leiche der Tochter des Hauses und hatte den Finger auf dem Knopf.
Riú griff zum UniCom und wählte eine nur ihm bekannte Nummer. »Mormannin, eine Mutanten-Razzia nach Gordon City, President Street 11, das Haus der Springfields.«
Genießerisch lehnte er sich zurück, um das Schauspiel zu beobachten und spürte, wie sich ein Lächeln in sein Gesicht stahl. Das waren die Momente, für die Riú lebte.
Bart Mormannin hatte seine Leute überall. Die Mutantenjagd musste lustig werden. Vielleicht sollte er sich Popcorn bringen lassen?
Blitzschnell zog der ganze Tag an ihm vorüber, während er wie in Zeitlupe seinen Finger vom Knopf löste.
»Still, willst du erschossen werden?« Das hatte Valentine gesagt, und nun war sie tot und er ein Mörder, ein Gejagter. Was sollte er nur tun?
Eines wusste Avriel: Er wollte leben, doch wenn man ihn hier erwischen würde, sähe es düster für ihn aus. Er wollte wegrennen, aber seine Beine gehorchten ihm nicht und er starrte geistesabwesend auf das Blut an seinen Händen. Wie in Trance nahm er ein Papiertaschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich damit, so gut es ging, das Blut aus dem Gesicht und von den Händen.
Das war ein Albtraum, oder? Das geschah nicht wirklich. Nicht mit ihm. Er war Pazifist, das widersprach allem, was er je gedacht hatte, das …
Der Klang ferner Sirenen riss ihn aus seinen Gedanken.
Hastig schaute er sich um, drückte dem leblosen Mädchen einen Kuss auf das Haar, öffnete das Fenster, kletterte auf das Fensterbrett und visierte bereits den Baum an, als er einen großen Wagen erblickte.
Der Wagen kam vor Valentines Haus zu stehen und seine Scheinwerfer tauchten die Umgebung in grelles Licht. Drei Ärzte stürmten aus dem Wagen.
Avriel drückte sich in den Schatten und machte sich so klein wie möglich. Wenn das Scheinwerferlicht ihn träfe, müssten sie ihn entdecken.
Ein Arzt zückte ein Plastikkärtchen und schritt genauso mühelos durch die Eingangstür wie zuvor Avriel.
Er spürte, wie sein Verstand erneut gegenüber seinen Instinkten kläglich versagte, wie Adrenalin seine Augen unwahrscheinlich scharf machte … Er sah jeden einzelnen Ast, jedes Blatt, jede Blattader … und sprang.
Der Ast federte unter ihm und er hielt sich krampfhaft fest. Was, wenn die Ärzte ihn bemerkten und ihm nachsahen?
Dumpf hörte er das Stampfen ihrer Schritte.
An den Ast der alten Eiche geklammert, fühlte er sich auf bekanntem Terrain – schließlich waren Valentine und er als Kinder oft genug auf diesem Baum herumgeklettert, wenn sie in ihrem Baumhaus gespielt hatten. Ungefähr auf der Höhe ihres Zimmerfensters spaltete sich der Baum in zwei Stämme auf, zwischen denen sich das kleine Holzhäuschen perfekt einfügte.
Vorsichtig robbte er so lautlos wie möglich über den dicken Ast, zog sich langsam an der Holzwand des Häuschens hoch und überblickte seine Möglichkeiten: im Schatten des Baumhauses entlang und dann weiter zur Hecke des Nachbarn, der am Grundstücksrand eine junge Balsamtanne mit dichten Ästen gepflanzt hatte. Eine andere Wahl blieb Avriel nicht. Er packte einen Ast über seinem Kopf und hangelte sich, so schnell er konnte, ans andere Ende des Baumhauses. Flüchtig sah er sich um. Von seinem Standort aus konnte er Valentines Fenster nicht mehr erkennen und hoffte, dass auch er somit für die Ärzte im Haus nicht zu sehen war.
Aber wie lange würden sie noch dort beschäftigt sein?
Avriel tastete sich an den Ästen entlang nach unten und streckte sich, bis er festen Boden spüren konnte. Langsam und vorsichtig löste er seinen Griff und sprang ins Gras.
Er hielt sich nah am Boden und kroch zur Hecke.
Wenn die Springfields kein Loch in ihrem Bewuchs hatten, würde sein Plan nicht funktionieren – und dann?
Eilig fuhr er mit den Händen durch die Zweige, suchte nach einer Lücke, die groß genug für ihn war.
Dabei stöberte er irgendwelche Tiere auf, die raschelnd davonstoben. Hoffentlich hatten die Nachbarn der Springfields keinen Hund …
Endlich fand er eine Lücke, die breit genug war, um seinen Kopf hindurchzustecken. Er legte sich flach auf den Bauch und verbreiterte sie so gut es ging mit den Händen.
Trotzdem zerkratzten ihm die Zweige beim Durchschlüpfen auf das Nachbargrundstück Gesicht und Arme, rissen ihm Löcher in die Kleidung und hätten ihn beinahe seinen linken Schuh gekostet.
Mühsam zwang sich Avriel, aufzustehen und drückte sich eng an den Stamm der Balsamtanne. Die Nadeln ignorierte er.
Avriel spürte, wie er unkontrolliert am ganzen Körper zu zittern begann.
Valentine …
Gerade eben noch ihr zartes, schlafendes Gesicht … die Ohrfeige … der Zorn … ihr Blut an seinen Händen …
Was hatte er getan?
Er hörte, wie sich weitere Wagen dem Haus näherten und spähte durch die Äste. Armeefahrzeuge. Keine Zeit für Gewissensbisse, sie würden in den nächsten Sekunden aussteigen und ihn zuerst genau dort suchen, wo er saß.
Im Schutz der Tanne schlich er zum Haus und umrundete es, sprang über den Zaun und schnappte sich sein Rad. Nichts wie weg!
Sehnsüchtig blickte Allegra nach draußen, auf die Wiese vor dem Waisenhaus. Jetzt, da es langsam Abend wurde, spürte sie, wie sie wieder zu den Lebenden zurückkehrte.
Das Atmen fiel ihr nicht mehr so schwer wie in der Gluthitze des Tages, ihre Gedanken waren nicht mehr so vernebelt. Wenn sie nicht wüsste, dass man sie in wenigen Stunden ins Bett schicken würde, hätte sie gute Laune. So aber schob sie ihr Abendessen lustlos auf ihrem Teller hin und her.
»Was wird das, wenn es fertig ist?« Miss Brown baute sich vor ihr auf.
Allegra blickte sie unschuldig an. »Ich weiß nicht, was Sie meinen.«
»Dein Essen wird mit Steuergeldern bezahlt. Wenn du es nicht aufisst, dann wandert es in den Müll. Ist es das, was du willst? Dass unsere Steuergelder in den Müll wandern?«
»Natürlich nicht, Miss Brown.« Was war das für eine dumme Frage?
»Dann iss auf.«
»Natürlich, Miss Brown.« Allegra rollte mit den Augen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Geld besonders gut schmeckte.
Abstrakte Dinge hatten ohnehin keinen Geschmack.
Es war immer wieder überraschend, wie gut sich der anerzogene Anstand der Leute gegen sie selbst nutzen ließ. Riú kannte keinen einzigen Fall eines Mutantenangriffs durch Jugendliche, bei dem sich der Schuldige nicht selbst ans Messer lieferte.
Es war lächerlich einfach. Sobald sie begriffen, was sie getan hatten, drückten sie alle auf den Ambulanzknopf oder riefen über ihren UniCom Hilfe. Ohne zu wissen, dass von diesem Augenblick an alles mitgeschnitten wurde, was um sie herum geschah.
So auch in diesem Fall.
Riú starrte so angestrengt auf die Aufnahmen, dass seine Augen zu tränen begannen. Er blinzelte einige Male heftig und rieb sich mit dem Handrücken übers Gesicht.
Jetzt nur nicht im entscheidenden Moment müde werden.
Nervös blickte er auf die Kamera-Streams, von denen der junge Mann auf einmal verschwunden schien. Wider besseres Wissen war er für einen Augenblick geneigt, an den Blödsinn zu glauben, dass Mutanten sich unsichtbar machen konnten. Doch sofort schüttelte er den Kopf. Als er damals Fabricia mit den Vorurteilen gegenüber Mutanten konfrontierte, hatte sie ihn laut und schallend ausgelacht, weil er an so einen Unfug glaubte. Er musste die Ursache in den Aufnahmen suchen.
Jetzt bereute er, seinen Assistenten weggeschickt zu haben. So musste er selbst mit den Dateien hantieren, statt die Show zu genießen.
Riú speicherte mit einigen geübten Handbewegungen die Aufnahmen aus dem Haus der Springfields und öffnete sie. Mit einer leichten Berührung seines Daumens spielte er die Dateien in Zeitlupe ab, und voilà …
Das Fenster im Zimmer des Mädchens stand offen und ein trotz modernster Kameras leicht unscharfes Bild zeigte ihm einen Mutanten, der genau 00:03:34 nach Aufnahmebeginn auf das Fensterbrett sprang und unmittelbar danach verschwand.
Aber wohin war der Mutant geflohen?
Sofort wollte er die Bilder der Außenkameras abrufen, um genau das herauszufinden, doch ihn empfing eine knallrote, blinkende Fehlermeldung im Kontrollpanel. Die Fehlerbeschreibung offenbarte ihm, dass schon letzte Woche jemand den Außenkameras von Gordon City den Saft abgedreht hatte – und anscheinend hatte sich immer noch niemand die Mühe gemacht, den Schaden zu reparieren, obwohl er höchstpersönlich die unmissverständliche Anweisung gegeben hatte, Störungen an Überwachungsgeräten umgehend zu beheben!
Er tippte gegen die Smartwall. »Welchem County gehört Gordon City an?«
»Guten Abend. Gordon City gehört zu DeKalb County. Kann ich weiter behilflich sein?«
Die KI hatte eine angenehme Stimme, aber ihm wäre es lieber, sie hätte nichts gesagt.
»Fabricia, rufe den County Executive an.«
»Ich rufe den County Executive von DeKalb County an. Richtig?«
»Richtig.« Er stützte genervt das Gesicht in die Hände. KI stand für künstliche Intelligenz, aber das Programm müsste in dem Fall KD heißen. Künstliche Dummheit. Nicht zu vergleichen mit den Assistenten aus seiner Studienzeit.
Immerhin war das Programm schlau genug, sich durchzuwählen, ohne ihn nach weiteren Details zu fragen. Nachdem niemand ans Bürotelefon ging, rief es direkt beim County Executive zu Hause an.
»Mr Green?« Riú schielte auf das Profil, das Fabricia, wie er seine KI in einem sentimentalen Anfall genannt hatte, für ihn neben den Anrufinformationen einblendete.
»Wer ruft an? Es ist Feierabend. Wenn das ein Streich ist …«
»Riú Gordon. Aus dem Weißen Haus.«
»Entschuldigen Sie bitte, Sir, Mr President, ich …«
»Mr Green, wieso sind die Außenkameras an den Gebäuden in Gordon City kaputt und das seit vier Wochen?«
»Seit vier … Das ist nicht möglich. Die Außenkameras in Gordon City sind längst repariert.«
»Soll meine Office Managerin entsprechende Beweise zusammenstellen und Ihnen zukommen lassen, Mr Green?« Er lächelte.
»Ich … werde das überprüfen. Soll ich zurückrufen, Mr President?«
»Legen Sie nicht auf. Ich warte.«
»Ich werde mich beeilen.«
Riú hörte den Mann hektisch mit Papieren rascheln, Schubladen zuknallen und dann abgehackt tippen. Vermutlich einhändig.
Stille.
»Mr President?«
»Ich höre.«
»Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, aber das Geld für die Reparatur der Kameras … Es ist mir sehr unangenehm.«
»Was?«
»Laut meinen Unterlagen sollten sie längst repariert worden sein. Aber offensichtlich ist das nicht geschehen. Ich weiß nicht, wohin die Staatsgelder dafür verschwunden sind.«
»Ein Mutant ist in Ihrem County auf der Flucht, Mr Green. Und keine einzige Außenkamera in der ganzen Stadt funktioniert. Sie ahnen hoffentlich, welche das Konsequenzen haben wird?«
Avriel war an den erstbesten Ort geradelt, der ihm einfiel – in den kleinen öffentlichen Park neben der Schule. Er würde nicht ewig dort bleiben können.
Sie würden ihn bald schon überall suchen.
Er musste verschwinden.
Unauffällig holte Avriel seinen UniCom aus der Hosentasche und linste auf die Uhr. Sperrstunde. Eigentlich durfte er sich nicht mehr auf den Straßen aufhalten. Normalerweise wurde das Gesetz eher lax durchgesetzt, aber nicht heute.
Eilig drückte er sich an den Wegen entlang, immer im Schatten, und hoffte, dass ihm keine Pärchen oder Spaziergänger mit Hund begegnen würden. Schnell fand er den kleinen, etwas verwahrlosten Springbrunnen. Angeblich moderne Kunst, für Avriel sah das Ding aus, als hätte jemand etwas Unförmiges gebaut und dann mit Absicht verrosten lassen.
Er lehnte sein Rad dagegen, schöpfte Wasser und wusch sich ausgiebig Gesicht und Hände. So lange, bis seine Haut rot war und sein Gesicht spannte. Er zog sich sein T-Shirt über den Kopf und wendete es. Auf den ersten Blick war nicht zu erkennen, dass er es verkehrt herum trug, sodass niemand sehen würde, wie schmutzig es war. Außerdem hatte das Hemd, das er darüber getragen hatte, sowieso das Meiste abbekommen. Avriel ließ es in einen Abfalleimer fallen und schob mit einem Ast Müll darüber.
Das reichte zwar vermutlich nicht, um seine Spur vollkommen zu verwischen, doch es war besser als gar nichts. Wenn er nun durch den künstlichen Bachlauf im Park watete und anschließend in einem weiten Bogen ins Waisenhaus zurückkehrte, konnte er noch rechtzeitig zum Abendessen da sein und so tun, als ginge ihn das Ganze nichts an.
Konnte er so kaltblütig sein?
Valentine war tot und er dachte nur an sein eigenes Überleben. Wieso stellte er sich nicht einfach? Wieso wollte er trotz allem noch weiterleben?
Er wusste es nicht.
Die Befriedigung darüber, dass er Mr Green einschüchtern konnte, hielt nicht lange an. Vor allem aber löste dieses Telefonat sein eigentliches Problem nicht. Es war ihm egal, wer die Sicherheitsgelder veruntreut hatte, er wusste nur, dass diese Person bluten musste. Am besten sofort, qualvoll und während er genüsslich zusah.
Sofern nichts anderes beschädigt war, würde es schon ermittelbar sein, wer das gewesen war.
Er rief erneut Mormannin an. »Die Außenkameras in Gordon City sind defekt. Und zwar jede einzelne.«
»Ich weiß. Wir können die Suchspinnen nicht blind losschicken, das können wir uns nicht leisten. Ich habe bereits Drohnen für Gordon City angefordert, aber bis sie starten und beim Haus der Springfields sind …«
»… ist der Mutant möglicherweise weit weg. Das weiß ich, Bart.«
»Kann die Software ihn zuordnen? Anhand der Videoaufnahmen oder der DNA?«
»Die Bots sind dran. Er hatte die Haare vor dem Gesicht hängen und die Bilder sind teilweise verschwommen.«
Bart seufzte am anderen Ende Nordamerikas.
»Ihr werdet ihn finden und tun, was notwendig ist.«
»Natürlich.«
Riú legte auf. Gleich wie gut sich die Technik in den letzten Jahren wieder entwickelt hatte, er wollte sich das Ganze selbst ansehen. Noch einmal spielte er die Aufnahme ab, bis er ein Bild hatte, auf dem der Mutant aufrecht stand. Riú drückte den Moment-Freeze- und gleichzeitig den Auswertungsbutton, der das Bild zusätzlich mit Schätzungen zu Körpergröße, Gewicht und Alter beschriftete.
Zumindest konnte er so die Suche nach dem Mutanten einschränken lassen, selbst wenn keine genauere Analyse der Daten möglich sein sollte.
Er schickte die Datei an Bart Mormannin.
Parallel dazu drückte er auf einen Button, der ihn direkt mit dem Büro seiner Sekretärin verband. »Glafira, Vorlage M17. Du bekommst gleich die Parameter rein, ich will die Meldung sehen und selbst abschicken.«
Noch ehe die junge Frau antworten konnte, beendete er die Verbindung und schob die ausgewertete Datei in ihren Cloudordner.
Wenige Minuten später hatte er den fertigen Text vor sich auf dem Touchtable: An alle Anwohner Gordon Citys und des umgebenden Bezirkes! Ein gefährlicher Mutant bedroht die öffentliche Sicherheit. Es handelt sich um einen jungen Mann im Alter von ungefähr 17 Jahren. Er hat schulterlange, blonde Haare und trägt ein hellblaues Hemd mit T-Shirt darunter. Seine Augen sind grün, ansonsten ist er schmal gebaut und schätzungsweise 1,70 m groß. Hinweise werden erbeten. Bitte wenden Sie sich dafür an die örtlichen Polizeidienststellen.
Allgemein wird zum eigenen Schutze empfohlen, keine Fremden nach Sonnenuntergang ins Haus zu lassen und keine Obdachlosen vor der Haustür aufzunehmen und in das eigene Heim zu bringen.
Riú Raoulson Gordon, President of the United World.
Diese Nachricht sandte er direkt an den Leiter der Behörde für Propaganda, Giosephe Lobbes. Dessen Aufgabe war es, die Nachricht abzusegnen – oder mit zusätzlichen wirksamen Floskeln auszustatten – und dann an die Polizei weiterzuleiten.
»Nun entwischst du mir nicht mehr, kleiner Mutant.« Er grinste zufrieden. Zum ersten Mal an diesem Abend hatte er das Gefühl, etwas Nützliches getan zu haben.
Endlich erreichte Avriel das Waisenhaus. Flüchtig sah er sich um. Nach rechts, links, hinten, oben.
Nichts.
Jetzt musste er nur noch ungesehen hinein.
Hastig zog er seinen UniCom aus der Hosentasche und schaute auf die Uhrzeit. Das Abendessen hatte er jedenfalls schon verpasst, das verhieß nichts Gutes.
Das Gerät vibrierte in seinen Händen und er rief die Nachricht ab.
»An alle registrierten Nutzer.«
Er las weiter.
Scheiße. Das war sein Fahndungsaufruf.
Sein Hemd. Sein T-Shirt. Seine Haare. Zum Glück hatte er das Hemd bereits entsorgt und seine Haare hingen so weit in sein Gesicht, dass man es kaum erkennen konnte. Aber was, wenn das nicht reichte? Wie viele Jungs in seinem Alter trugen lange Haare? Und wie viele von denen kannten Valentine?
Übelkeit stieg in ihm auf, traf auf einen schmerzhaften Kloß in seinem Hals. Er lehnte sich an den Baum vor dem Waisenhaus und übergab sich so lange, bis er nur noch Magensaft spuckte.
Er verlor wertvolle Zeit.
Schnell zog er den UniCom wieder hervor und tippte eine Nachricht an seinen besten Freund Todd. »Ich brauche Hilfe.«
Prompt kam die Antwort: »Wo bist du? Die Ronny tobt. Die haben hier eine Razzia gemacht, alles auf den Kopf gestellt, und sie ist ihnen die ganze Zeit nachgerannt und hat gebrüllt.«
Mrs. Ronnington war der größte Waisenhausdrache, den man sich vorstellen konnte. Fast musste Avriel bei dem Gedanken daran, wie sie Soldaten zur Schnecke machte, lächeln. Aber nur fast.
»Ich bin direkt vor dem Waisenhaus und muss irgendwie rein, ohne dass die Ronny das mitkriegt. Sind noch Soldaten hier?«
»Die sind weg. Die Nachricht vom Weißen Haus, bist du das? Alter, was hast du angestellt?«
»Hilfst du mir?«
»Nur, wenn du mir nichts tust. Da stand was von ›gefährlich‹ im Aufruf.«
»Ich habe nicht vor, dich aufzufressen …«
»Okay. Ich mache dir das Kellerfenster auf.«
»Danke. Hast was gut bei mir.« Nicht, dass Avriel wusste, wie er Todd irgendetwas zurückzahlen sollte, aber er musste ins Waisenhaus hinein, die Wiedergutmachung konnte warten. Er schlich sich an der Hauswand entlang zur nördlichen Seite, wo er den Zugang zum Keller kannte. Es war ein offenes Geheimnis, dass sich die Heimkinder regelmäßig dort aus dem Haus und wieder hinein schlichen. Nur scheiterte die Heimleitung anscheinend an ihren kläglichen Versuchen, herauszufinden, wo sich der Durchgang befand und wie man ihn stopfen konnte.
Gut für Avriel.
Das Fenster war tatsächlich offen und er quetschte sich hindurch.
»Was ist passiert?« Im schummrigen Kellerlicht sah Avriel nur das Weiße in Todds Augen.
»Lange Geschichte. Ich habe eine Menge Ärger am Hals.«
»Und da willst du dich ausgerechnet hier verstecken?«
»Ich wüsste nicht, wo sonst! Es ist Sperrstunde.«
»Ja, gut …« Todd kratzte sich am Kopf. »Du willst nicht, dass die Ronny weiß, dass du hier bist, oder?«
»Zuerst wollte ich zum Abendessen kommen, aber … Nein. Ich muss …« Avriel fuhr sich durch die Haare und fühlte getrocknetes Blut an den Haarspitzen. Offenbar hatte er im Park nicht alles erwischt.
»Dich umziehen …?«
»Das auch. Die Haare müssen ab.«
»Die Mädchen fliegen auf deine langen Haare!«
Avriel dachte an Valentine. »Ich weiß. Weg damit.«
Er konnte nicht ewig auf diese Streams schauen, die ohnehin alles Mögliche zeigten, nur nicht das, was er sehen wollte – einen toten Mutanten.
Er ignorierte die Nachrichten, die seinen UniCom zum Vibrieren brachten, und dachte nach.
Riú hatte alles, was sich die meisten Menschen erträumten. Das einzige Amt, bei dem niemand über ihm stand und ihm irgendwelche Befehle erteilen konnte. Absolute Macht über jeden Menschen auf seinem Planeten. Geld. Und er wusste, dass er nur einmal winken musste, um an jeder Hand zig Frauen zu haben. Nicht, weil er der Präsident war, sondern weil er trotz Verzicht auf die ganzen neumodischen Mittelchen immer noch so gut aussah wie ein Model.
Selbst die Mutanten hatte er unter Kontrolle. Von ihnen ging nur vereinzelt Gefahr aus.
Wie von diesem Jungen, den er jagen ließ – womit seine Gedanken wieder bei dem Teenager waren, dessen Leiche er sehen wollte.
Sein UniCom vibrierte erneut. Ein Anruf.
Riú starrte auf das Display. Das war die Nummer von Mr Green.
»Ich habe die Leute, die die Gelder veruntreut haben.«
Riú grinste, auch wenn er wusste, dass Mr Green ihn nicht sehen konnte. Vielleicht war das auch besser so. »Gut. Ich will, dass sie mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft werden, Mr Green. Ich werde ein Auge auf die Angelegenheit haben.«
»Natürlich, Mr President.«
Zumindest ein Triumph an diesem Tag.
»Sicher, dass du das tun willst?«
»Ganz sicher. Ich habe keine andere Wahl.« Avriel schloss die Augen und vertraute seinem besten Freund.
Das gewohnte Sirren bewies, dass Todd den drahtlosen Trimmer eingeschaltet hatte, und bald darauf fühlte Avriel die Aufsätze über seinen Kopf kratzen.
Obwohl er die Lider geschlossen hielt, hatte er genau vor Augen, wie Locke um Locke neben seine Schuhe fiel. Als würde Todd sein Herz rasieren, nicht seinen Kopf.
Erst als das Sirren endete, öffnete er die Augen. »Wie furchtbar sehe ich aus?«
»Ungewohnt. Jetzt hast du so riesige Hungeraugen und … woah, das sieht schräg aus.« Todd leuchtete Avriel mit dem UniCom ins Gesicht.
»Das sieht schräg aus?«
»Na ja, es wussten fast alle Kids, dass du ein Mutant sein musst.«
»Was?«
»Ja klar. Man sah es dir zwar nicht an, aber war ja offensichtlich, wenn du nach dem Abendessen völlig aufgedreht warst und niemand einschlafen konnte, weil du noch irgendeinen Schwachsinn geredet hast fast bis zum Morgen.«
»Aber die Ronny und die anderen …«
»Denen ist doch egal, wer du bist, solange sie für dich kassieren. Vermutlich hätten sie dich halt sofort ausgeliefert.«
»Und ihr habt mich nicht verraten?«
»Wir sind deine Freunde …?«
Avriel fühlte, wie sich ein Lächeln auf sein Gesicht stahl. »Also … danke, Todd.«
»Du willst nicht wissen, was der Plan ist?«
»Doch.«
»Ich habe hier Klamotten für dich. Die anderen machen Radau, damit die Ronny beschäftigt ist und keine Zeit hat, die Nachricht zu lesen. Und wir zwei brechen ins Aktenzimmer ein.«
»Bist du bescheuert?« Jetzt von der Ronny erwischt zu werden, wäre schlimm.
»Na ja, wenn du wissen willst, wohin du abhauen sollst, brauchst du deine Akte, oder nicht?«
Avriel nickte. Er hatte nichts mehr zu verlieren.
»Dann los.« Todd sah auf seinen UniCom. »Sie staucht gerade jemanden im Garten zusammen. Los!«
Avriel folgte seinem besten Freund geduckt und im Laufschritt durch die vertrauten Korridore.
In der Ferne hörte er lärmende Jugendliche und die durchdringende Stimme von Emma Ronnington. Je weiter weg sie erklang, desto besser.
Erdgeschoss, erster Stock, zweiter Stock.
»Ronny ist jetzt in der Turnhalle, Noah hat sämtliche Bälle durcheinandergeworfen.«
Avriel nickte nur. Sein Mund war zu trocken zum Sprechen.
Der Korridor, der zu Ronningtons Büro führte.
Das Vorzimmer.
Das Büro.
Die kleine Tür zum Aktenraum.
»Wenn die uns hier findet, kommen wir nie mehr raus.«
»Aber sie findet uns nicht.«
»Und wie kommen wir da rein?« Avriel starrte auf die Tür zum Aktenraum und überlegte krampfhaft. Sie hatten nicht viel Zeit.
»Das ist ein altmodisches Schloss. Mit irgendeiner Magnetkarte.« Todd zerrte an seinem UniCom herum.
»Heißt?«
»Hast du an deinem UniCom nicht so eine Hülle mit einem Magneten drin? Damit sie nicht dauernd aufklappt?«
»Habe ich.« Avriel löste seinen UniCom aus der Hülle.
»Gib mal her. Vielleicht klappt das ja.« Todd hielt den kleinen Magneten ans Türschloss.
Sie saß in der Abstellkammer und spielte auf ihrem UniCom. Level 182 sperrte sich schon seit zwei Wochen dagegen, von ihr geknackt zu werden, und das nervte sie. Bis dahin hatte sie selbst die schwierigsten Etappen des Spiels nach wenigen Tagen bestanden.
Und wenn sie doch die Premiumwährung kaufte? Mit einem Fingerschnippen wechselte sie aus der Augmented-Umgebung des Spiels in ihr Bankprogramm, authentifizierte sich mit einem Daumenabdruck auf einem virtuellen Feld über dem UniCom und verzog angesichts der kleinen Zahl an verbliebenen Units ihr Gesicht. 25 Û und noch ziemlich viel Monat. Was, wenn sie den Level trotzdem nicht schaffte?
Ein Klopfen an der Tür schreckte sie aus ihrer Konzentration auf.
