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Ein begehrter Junggeselle - drei Konkurrentinnen - Ein magisches Eichhörnchen // Als die Slawistikstudentin Anna von ihren besten Freundinnen heimlich bei einer russischen Datingshow angemeldet wird, ahnt sie nicht, dass sie dort dem Kaviarzar Viktor begegnet. Ganz überraschend wählt er sie aus und Anna ist damit nur einen Schritt entfernt von einem Leben wie im Märchen. Doch Neid und Missgunst lassen den Traum bald zum Albtraum werden und sie braucht jede Hilfe, die sie bekommen kann. Selbst wenn diese magisch ist und die Helfer merkwürdig anmuten. // "Zar Saltan" in neuem Gewand – im 8. Band der Märchenspinnerei erzählt Katherina Ushachov die altbekannte Geschichte von Feindschaft, Eifersucht und Oberflächlichkeiten in einem modernen Setting neu und lässt dabei jene Figur zu Wort kommen, die im Original untergeht: die Zarin.
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Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Katherina Ushachov
Zarin Saltan
Band 8 der Märchenspinnerei
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Viktor
2. Anna
3. Viktor
4. Anna
5. Nora
6. Anna
7. Viktor
8. Anna
9. Viktor
10. Anna
11. Viktor
12. Anna
13. Viktor
14. Anna
15. Viktor
16. Anna
17. Viktor
18. Anna
19. Viktor
20. Anna
21. Viktor
22. Anna
23. Viktor
24. Anna
25. Irina
26. Viktor
27. Anna
28. Viktor
29. Anna
30. Viktor
31. Anna
Danksagung
Über die Autorin
Über die Märchenspinnerei
Impressum neobooks
Am liebsten hätte er sich betäubt. Wodka stand in ausreichender Menge vor ihm auf dem Tisch, in einer dieser altmodischen Kristallkaraffen, die an den dekadenten Chic der Sowjetära erinnerten und ihn abstießen.
Wieso eigentlich hatte er sich bereit erklärt, dieses Meeting ausgerechnet in einem kitschigen Ostalgielokal ewiggestriger Russen abhalten zu lassen? An einem Ort, wo ihn alles an seine Vergangenheit, an seine Sina erinnerte?
Er sah ihre braunen, kinnlangen Locken vor sich, wie eine Aureole im weichen Lampenlicht. Das Grübchen, wenn sie lachte. Und dann wieder ihren gebrochenen Blick, während die Feuerwehrleute sie aus dem Autowrack zogen. Jahrelang hatte er ihn jedes Mal gesehen, wann immer er die Augen schloss und selbst jetzt spürte er beim Gedanken daran Trauer und Schuld.
Jedes andere Restaurant in Frankfurt wäre besser gewesen. Auch wenn er in einem der vielen Fastfood-Tempel der Stadt vermutlich fehl am Platz gewirkt hätte in seinem Anzug zwischen all den Jugendlichen. Ein Gedanke, der ihm zumindest kurz ein Schmunzeln entlockte und seine Stimmung so weit aufhellte, dass der Monolog seines Assistenten erträglich wurde.
»Wir liefern also ein erhöhtes Kontingent an die Handelskette Maxim-Markt, an den Klava-Zusammenschluss und an die internationale Feinkostabteilung von Real. Außerdem scheint der Onlineverkauf bei den Kunden gut anzukommen, die Bestellungen haben sich allein in den letzten zwei Wochen um 25 Prozent erhöht.«
Das alles wusste Viktor auch selbst, da musste Kurschakov ihn nicht informieren. Er goss sich noch ein Schnapsglas voll Wodka und trank auf ex. In Gedanken widmete er den Shot seiner toten Frau.
»Viktor Achmedowitch, hören Sie mir überhaupt zu?«
»Natürlich, natürlich. Sprich weiter.« Vermutlich sollte er Kurschakov nicht reizen, wenn der ihn schon beim Vaternamen ansprach – immerhin hatte er sich die Mühe gemacht, die ganzen Statistiken auszuwerten und für ihn aufzubereiten.
Nur leider machte sein Fleiß seinen Bericht nicht spannender – Kurschakov las weiter irgendwelche Zahlen ab und klang dabei so monoton wie ein Staubsauger.
Viktor sah sich im Restaurant um. Wenn man sich den ganzen Kitsch zu genau anschaute, offenbarte er die Zerbrechlichkeit der Illusion. Die Goldfarbe auf den pseudofolkloristisch rot lackierten Zierelementen an der Decke und den Ziersäulen blätterte ab und war an manchen Stellen von Kratzern bedeckt, die verdächtig an Buchstaben erinnerten. ›Kolja war hier. 09. Mai 2005.‹ Das war bereits eine Weile her. Wenn man nur ein bisschen tiefer kratzte, fand man modernes Eisen und Beton unter dem warmen Holz. Fand man die Kälte der Neuzeit unter dem Lack, der die Wärme einer Vergangenheit suggerierte, die so nie existiert hatte. Ein weiterer Vandale hatte das mit einem spitzen Gegenstand eindrucksvoll an der Säule rechts von ihm demonstriert.
Die Sowjetzeit war nie magisch gewesen, die Magie Russlands war 1917 gestorben. Und Viktor bezweifelte, dass sie jemals wieder zum Leben erwachen würde. Wer sollte sie denn erwecken? Die Politiker? Die Oligarchen?
Auf der Suche nach etwas Ablenkung starrte er aus einem der Fenster. Ein Eichhörnchen saß auf einem Ast direkt davor und verputzte eine Eichel. Eine junge Putzfrau huschte mit einem Mopp durch die Gegend und schob dabei den Kaugummi von einer Backe in die andere. In ihrer Schürzentasche steckte – unauffällig aber dennoch sichtbar – ein Smartphone und sie schielte regelmäßig darauf, statt auf den Dreck zu ihren Füßen. Sie nahm ihm die Sicht auf das Eichhörnchen – und rannte beinahe gegen die Kellnerin, die gerade die Bestellung am Nebentisch aufnahm.
»Entschuldige, Anechka!« Eilig hastete sie weiter, mit den rosaroten Resten einer geplatzten Kaugummiblase im Gesicht.
Die Angesprochene drehte sich zu Viktor um und lächelte.
In diesem Moment ging im Restaurant die Sonne auf und der Kitsch verwandelte sich in echtes Gold. Die staubverkrusteten Deckenlampen strahlten mit den Sternen um die Wette und ihr Leuchten machte aus dem schäbigen Lokal ein Paradies. Funken brachen sich im Kristall des Wodkakruges und bedeckten Viktors Hände mit glitzernden, regenbogenfarbenen Pünktchen.
Weil Anechka lächelte.
Ihre Schicht musste gerade erst begonnen haben, die Karaffe mit dem Wodka und eine Schale mit Salzgürkchen hatte ihnen noch eine andere Kellnerin gebracht. Eine, deren Gesicht er sich nicht gemerkt hatte.
Fieberhaft überlegte er, was er bestellen könnte, nur um wenigstens kurz mit ihr ins Gespräch zu kommen, aber nichts von dem, was auf der Karte stand, erweckte sein Interesse.
Kurschakovs Zahlengerede hörte er längst nicht mehr. Zu sehr war er damit beschäftigt, dem brünetten Engel nachzustarren und sich vorzustellen, wie er sie ansprach und auf einen Kaffee einlud. Oder auf ein Stück Torte.
Und irgendetwas sagte ihm, dass er sich den Mut dafür nicht antrinken konnte – nicht mit allem Wodka dieser Welt.
»Mama, ich glaube, ich habe mich verliebt.« Normalerweise hasste Anna die täglichen Pflichtanrufe bei ihrer Mutter. Die konnte ewig darüber schwafeln, was Anna ihrer Meinung nach als nächstes kochen sollte – und dann sofort anfangen, ein Rezept zu diktieren. Oder über Promis, und was bei denen wieder los war. Doch dieses Mal … Dieses Mal hatte sie ihrer Mutter tatsächlich etwas zu erzählen.
»Wer ist es? Ein Student? Jung? Alt? Ist er Russe? Nicht, dass ich was gegen einen Deutschen hätte, aber man will doch auch mit dem Schwiegersohn reden können und du weißt, wie die Deutschen so sind …«
Okay, es war definitiv keine gute Idee gewesen, sofort damit herauszuplatzen. »Mama! Jetzt sei mal still!«
»Redet man so mit seiner Mutter?« Anna hörte sie schnaufen.
»Lass mich doch erstmal erzählen.«
»Ja, aber ich sterbe vor Neugier, bis du es raus hast.«
Anna rollte mit den Augen. Zum Glück konnte ihre Mutter DAS nicht sehen. »Er ist kein Student. Er … er saß in dem Restaurant, in dem ich kellnere. Und ich glaube, er hat ganz kurz in meine Richtung geschaut.« Bei dem Gedanken daran spürte sie, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie hatte wie eine dumme Pute den Blick gesenkt und war davon gehastet. Furchtbar.
»Jünger? Älter?«
»Eher etwas älter als ich.« Anna klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter und fuhr sich durch die Haare. Dass er ein Geschäftsmann im Anzug war und Wodka exte, erzählte sie ihrer Mutter besser nicht. Und mit ›etwas älter‹ hatte sie vermutlich auch hoffnungslos untertrieben.
»Und?«
»Nichts und. Ich habe mich nicht getraut, ihn anzusprechen!« Außerdem war er ein Kunde und es würde sie ihren Job kosten, mit einem Kunden zu flirten. Etwas, was sie ihrer Mutter schon tausende Male erklärt hatte. Trotzdem fragte die jedes Mal wieder, ob sie niemanden auf der Arbeit aufgerissen hatte.
»Du willst, dass ich sterbe, bevor ich Oma werden kann, oder?«
»Es geht doch nicht immer um Kinder!« Anna würgte ihre melodramatische Mutter kurze Zeit später ab. Da wollte sie einmal von sich aus etwas Privates erzählen und ihre Mutter kam ihr mit sowas. Sie war müde und wollte eigentlich nur noch ins Bett. So eine Abendschicht hatte es in sich.
Wenn sie nur auch in der Lage gewesen wäre, abzuschalten und einzuschlafen. Ruhelos wälzte sie sich im Bett, bis sie endlich in einen erschöpften Schlaf fiel.
Am nächsten Morgen eilte sie mit einem Thermobecher voll Kaffee die drei Straßenblocks von ihrem Studentenwohnheim zum Campus. Wieso hatte sie sich nach so einem langen Tag eigentlich so früh zum Referatstreffen mit ihren Freundinnen verabredet? Ausschlafen wäre eigentlich eine ganz nette Option gewesen.
Beinahe wäre sie über ein Eichhörnchen gestolpert, das direkt vor ihr zwischen einem Gartenzaun und dem nächsten Baum vorbeiflitzte. Waren diese Tiere nicht eigentlich scheu?
Tanja und Sabrina saßen bereits an ihrem Stammplatz, an einem der Tische neben dem Eingang zur Institutsbibliothek. Sabrina balancierte ihr Smartphone und ihre Handtasche gleichzeitig auf ihrem Schoß, während sie einhändig auf einem Netbook herumtippte. Tanja nippte an ihrem Soja-Latte.
»Warum so spät?« Tanja zog ihre Handtasche vom Stuhl neben sich und ließ sie unter ihren Stuhl plumpsen. »Die Muffins sind schon fast kalt.« Sie holte eine Papiertüte mit selbstgemachten Schokokaramellmuffins heraus und verteilte das Gebäck an die Freundinnen.
Anna ließ sich auf die so frei gewordene Sitzfläche fallen und atmete erst einmal tief durch. »Sorry, Mädels. Das war eine wirklich lange Schicht gestern und ich bin noch ganz durcheinander …« Sie fuhr sich durch die Haare.
»Meine Schicht war genauso lang wie deine!« Sabrina verzog das Gesicht.
»Durcheinander?« Tanja beugte sich interessiert vor.
Anna winkte ab. »Nicht so wichtig. Sabrina, du hast den Märchenfilm auf Youtube und ich habe das Buch.« Sie holte eine etwas abgegriffene Ausgabe von ›Puschkins Kunstmärchen‹ heraus. »Und du, Tanja, hast du die biografischen Informationen zu Puschkin?«
Beide nickten.
»Dann können wir ja mit dem Referat anfangen.« Anna schlug demonstrativ das Buch auf. »Findet ihr nicht auch, dass die Referate und Hausarbeiten immer die Freude an der eigentlich total schönen Geschichte nehmen? Ich meine, hört euch das an …« Sie begann, aus ›Zar Saltan‹ vorzulesen.
Ein bisschen Magie konnte schließlich nicht schaden.
Geradezu verboten gut gelaunt, ließ Kurschakov einen Packen Briefe auf seinen Schreibtisch fallen. »Da, Eure Majestät. Die morgendlichen Depeschen.« Er deutete eine spöttische Verbeugung an, ehe er sich an seinem eigenen Arbeitsplatz auf den Bürostuhl fallen ließ.
Und mittendrin der knallpinke Umschlag einer beliebten russischen Datingshow. An ihn adressiert und mehr als ausreichend frankiert, sein Name sogar vollkommen richtig geschrieben.
»Kurschakov, was ist DAS?« Er wedelte damit in der Luft und drehte sich zu seinem Assistenten um. Die zu hastige Bewegung ließ Blitze durch sein Hirn schießen und er griff sich mit der freien Hand an den Kopf.
»Lass mich sehen.« Kurschakov pflückte den Umschlag aus seiner Hand und riss ihn an der Seite auf. »Das sind Unterlagen für deinen Sendetermin in Frankfurt. Man freut sich über deine Anmeldung und darauf, dich während der Sendung im Studio zu haben.«
»Man freut sich über meine … was?«
»Über deine Anmeldung. Für ›Liebling, lass uns heiraten‹.« Kurschakov hob eine Augenbraue. »Stimmt etwas nicht?«
»Nein, ich … Ich kann mich da unmöglich angemeldet haben. Das … Also … Wer. . Ich meine … So verzweifelt bin ich nicht!« Viktor hatte das Gefühl, jedes einzelne Glas Wodka vom Vortag würde nun von innen gegen seine Schläfen pochen. Nicht einmal die doppelte Menge ungewöhnlich starken Kaffees machte das Ganze wesentlich erträglicher und nun musste er auch noch erfahren, dass er irgendwann so dicht gewesen war, dass er sich bei einer Datingshow angemeldet hatte?
Ausgerechnet er?
Langsam wurde es wirklich zu einem Problem, wie viel er trank.
Kurschakov lehnte sich vor und blickte ihn an. »Beruhige dich. Es wird dir guttun. Mal ein bisschen Abwechslung. Ins Fernsehstudio fahren, endlich die drei Promifrauen Nora, Violetta und Regina live sehen, die das immer moderieren, vielleicht tatsächlich am Ende jemanden kennenlernen. Vielleicht sind die drei Damen, die um dich kämpfen, ja heiß.«
»Kann ich mich da nicht vielleicht wieder abmelden?« Viktor schüttelte verzweifelt den Kopf, doch das war keine gute Idee. Schwindel erfasste ihn und er musste sich an der Tischplatte festhalten. Er brauchte dringend eine Aspirin.
»Nein. Die Anmeldung ist verbindlich und die Gebühr hast du auch schon bezahlt.« Kurschakov blätterte in den Briefbögen. »Vor zwei Monaten schon.«
Viktor seufzte. »Ich habe für diesen pinken Unfug auch noch Geld ausgegeben?«
Sein bester Freund grinste. »Aber hallo. Wusste gar nicht, dass das so teuer ist.«
»Und ich kann es mir nicht zurückholen?«
»Nein.«
Viktor fluchte.
»Kein Grund, sich gleich so auszudrücken!« Kurschakov seufzte.
»Raus aus meinem Büro, du bist nicht mein Kindermädchen!« Viktor drohte ihm mit der leeren Kaffeetasse.
»Ich verschwinde ja schon. Aber du gehst doch zur Show, ja? Ich komme auch als dein Wingman mit.« Kurschakov machte ein Kleinjungengesicht, als könnte er kein Wässerchen trüben.
»Ist ja gut. Wenn es dich so unglaublich glücklich macht, spiele ich mit. Und jetzt hau ab.« Viktor fuchtelte mit der Kaffeetasse, bis Kurschakov lachend rausging. An die Sache mit den Wingmen hatte er gar nicht gedacht. Jeder Kandidat durfte bis zu zwei Leute als Unterstützung mitnehmen, er musste da also zumindest theoretisch nicht allein durch.
Und ihm fiel außer Kurschakov beim besten Willen niemand ein, den er mit ins Studio nehmen konnte. Großartig.
Single, frustriert und ohne Freunde. So einen suchte bestimmt jede Frau!
Fassungslos hielt Anna den knallpinken, an ›Anna Edmundovna Schlee‹ Umschlag mit spitzen Fingern so weit wie möglich von sich, als wäre er vergiftet. Das Logo einer der bekanntesten russischen TV-Sendungen prangte darauf und glitzerte im Licht der Lampen ein wenig. »Ihr habt was getan?«
»Du wirktest bei dem Referatstreffen so trübsinnig, weißt du? Und so geheimniskrämerisch, wie du nach der Arbeit getan hast, dachten wir, du hast Liebeskummer.« Tanja schlug ihr auf die Schulter und grinste breit. »Da dachten wir, du brauchst ein bisschen Abwechslung. Erst dachte ich, ein Kuchen würde es tun, aber dann hatte Sabrina eine viel bessere Idee.«
»Und da meldet ihr mich ausgerechnet für ›Liebling, lass uns heiraten‹ an? Weil ihr dachtet, ich habe vielleicht Liebeskummer?« Anna starrte ihre Freundinnen fassungslos an.
»Na ja, wir haben nicht nur dich, sondern auch uns angemeldet. Zu dritt wird das sicher lustig, Anna.« Sabrina lächelte aufmunternd.
»Aber ich will nicht!« Anna dachte an den Mann aus dem Restaurant und errötete. »Ich will niemanden kennenlernen. Nicht jetzt.« Der Gedanke, dass sie ihn nie wiedersehen würde und vermutlich ohnehin nicht in seiner Liga spielte, tat weh. Vermutlich wartete in seiner aufgemotzten Oligarchenvilla eine neunzehnjährige Blondine mit Silikonbrüsten auf ihn. Jemanden, der so gewöhnlich aussah wie sie, konnte der Mann gar nicht bemerkt haben.
»Anna, sei keine Spielverderberin.« Tanja rückte näher an sie heran. »Wenn wir auch hingehen, kannst du schlecht zu Hause bleiben und schmollen.«
»Kann ich wohl.« Sie verschränkte die Arme. Noch eine ganze halbe Stunde bis zur nächsten Lehrveranstaltung und die würde sich ziehen wie Kaugummi. Wenn sie außerdem bedachte, dass sie gleich gemeinsam in einer Vorlesung zum russischen Formalismus sitzen würden, war die Wahrscheinlichkeit erst recht gering, von ihren zwei Freundinnen in Ruhe gelassen zu werden. Dafür war das Thema zu trocken.
»Nein, kannst du nicht. Was, wenn eine von uns dabei ihren Traummann findet und du warst nicht dabei?« Sabrina hakte sich bei ihr ein und schaute sie aus großen Augen an.
Anna seufzte. »Wenn ich jetzt zusage, lasst ihr dann das Thema für eine Weile fallen?«
»Für eine Weile.« Tanja kicherte.
Besser als nichts. Anna nickte genervt. »Gut. Ich bin dabei. Ich schulde euch die Anmeldegebühr, oder? Wie viel macht das?«
»Für Frauen gratis, sonst hätten wir auch nicht mitgemacht«, sagte Sabrina.
Na immerhin musste sie kein Geld für diesen Unsinn ausgeben. Hastig ließ sie den knallpinken Umschlag in ihrer Tasche verschwinden, ehe noch jemand danach fragte. In einem Slawistenseminar war es leider mehr als wahrscheinlich, dass jemand die Sendung kannte. Sie musste davon ausgehen, dass jeder das Logo sofort erkennen würde.
Verdammt, vermutlich würde so gut wie jeder am gesamten Institut einschalten und ihr dabei zusehen, wie sie sich in einer Datingshow blamierte, zu der sie eigentlich gar nicht gehen wollte.
Dozenten inklusive.
Nervös lief sie zwischen ihren Freundinnen eingekeilt zum Hörsaal und versuchte den Gedanken daran zu verdrängen, wie alle sie anstarren würden. Der voraussichtliche Drehtermin lag zwar kurz vor Semesterende und danach müsste sie die Leute nicht wiedersehen, aber trotzdem würde es ein Spießrutenlauf, davon war sie überzeugt. Abschlusssemester hin oder her.
»Ihr hättet das echt nicht tun sollen, ohne mich zu fragen.« Sie sagte es aber mehr zu sich und so leise, dass ihre Freundinnen es auch ignorieren konnten. Immerhin würde sie sich nicht alleine blamieren, sondern zusammen mit den anderen beiden.
Nicht, dass das wirklich irgendetwas besser machte.
Hoffentlich schaute wenigstens der Betreuer ihrer Masterarbeit kein russisches Trash-TV. DAS würde sie definitiv nicht überleben.
S
