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Die Magie der Adventszeit: 24 Erzählungen, die durch die schönsten Tage des Jahres begleiten: mal lustig, mal besinnlich, mal märchenhaft. Von humorvollen Begebenheiten über nachdenkliche Momente bis hin zu wundervollen Märchen, die die Fantasie anregen. Eine vorweihnachtliche Reise voller Herzlichkeit, neuer Rezepte und alter Traditionen und der Vielfalt und dem Zauber der Adventszeit. Ein tägliches Ritual zum Vorlesen oder als gemütliche Lektüre am Kamin.
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Seitenzahl: 89
Veröffentlichungsjahr: 2025
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24 Adventsgeschichten
In der ersten Reihe
Wer nimmt Oma Ochsenfurt?
Eingeschneit
Engel Berthie
Regina auf dem Striezelmarkt
Santa Claus & Teepunsch-Essenz
Teatime bei Lady Winterfield
Cremefarbene Kugeln
Der Weihnachtsgipfel 3.0
Nikolausstiefel
Machen wir Bescherung vor oder nach dem Essen?
Père Noël & Goldgnocchis
Der Buchstabenladen
Der Duft der Orangen
Der längste Tag im Jahr
Wir schenken uns nichts
Der Nikolaus ist ein Entführer
Father Christmas & Feuerzangenbowle
Katze Bertha
Es gibt ihn wirklich
Die mintfarbene Blechdose
Raclette oder Fondue
Allein auf demWeihnachtsmarkt
Mikołaj & Heiße Erdbeermilch
1. Dezember
In der ersten Reihe
2. Dezember
Wer nimmt Oma Ochsenfurt?
3. Dezember
Eingeschneit
4. Dezember
Engel Berthie
5. Dezember
Regina auf dem Striezelmarkt
6. Dezember
Santa Claus
7. Dezember
Teatime bei Lady Winterfield
8. Dezember
Cremefarbene Kugeln
9. Dezember
Der Weihnachtsgipfel 3.0
10. Dezember
Nikolausstiefel
11. Dezember
Machen wir Bescherung vor oder nach dem Essen?
12. Dezember
Père Noël
Gold-Gnocchis
13. Dezember
Der Buchstabenladen
14. Dezember
Der Duft der Orangen
15. Dezember
Der längste Tag im Jahr
16. Dezember
Wir schenken uns nichts
17. Dezember
Der Nikolaus ist ein Entführer
18. Dezember
Father Christmas
Feuerzangenbowle
19. Dezember
Katze Bertha
20. Dezember
Es gibt ihn wirklich
21. Dezember
Die mintfarbene Blechdose
22. Dezember
Raclette oder Fondue
23. Dezember
Allein auf dem Weihnachtsmarkt
24. Dezember
Mikołaj
Heiße Erdbeermilch
Wie jedes Jahr am Morgen des 24. Dezembers wurde der Deckel angehoben und die Schachtel mit den unzähligen Weihnachtsdekorationen geöffnet.
Dafür war René, das kleine Rentier zuständig. Es war das Stärkste, was sich in dieser Schachtel befand. Punkt Mitternacht bohrte René sein Geweih gegen den Deckel, bis dieser sich vom Karton löste und den Blick auf den prächtigen Weihnachtsbaum freigab. Dieser wurde traditionsgemäß am 23. Dezember geschlagen und in die gute Stube getragen.
Als Erstes hüpfte die kleine lila Kugel an ihm vorbei aus dem Karton. Sie war die Jüngste und konnte es kaum abwarten, den Baum zu sehen.
René putze sein Geweih, welches bei der Befreiungsaktion ein wenig Staub abbekommen hatte und gesellte sich zu Jasmin. Die junge Kugel durfte noch nie an einem Silberfaden an einem Weihnachtsbaum hängen.
Er hatte im Gegensatz zu ihr schon viele Weihnachtsbäume gesehen, aber dieses Jahr hatte er den Verdacht, dass der Baum noch größer, breiter und schöner war, als in den anderen Jahren. Unsanft wurde er an die Seite gedrängt:
Strohstern Thomas richtete seine Halme und zog die Stirn kraus, als er bemerkte, dass wieder einmal ein paar Falten und Risse dazugekommen waren. Genau wie René blickte er staunend auf den grünen Nadelbaum. Für ihn hatte es hier schon viele Weihnachten gegeben, seit Anja ihn damals aus dem Kindergarten mitgebracht hatte.
Lars, der kleine rosafarbene Metallvogel, schlug kräftig mit dem weißen Kunstfaserschwanz, flog elegant aus der Kiste und hielt Ausschau nach seinem Platz am Baum.
Die amerikanische grüne Gurke Donald war genau wie Jasmin, noch nicht so lange dabei wie die anderen.
»Ich will raus! Holt mich raus! Ich habe mich verheddert!«, das Lametta schrie um Hilfe. »Warum kann man mich nicht einmal vernünftig aufwickeln? Jedes Jahr bleibe ich an den ganzen Ösen und Haken im Karton hängen!«
»Ich muss zuerst an den Baum!«, rief die Gurke. »Ihr müsst mich so gut verstecken, damit mich die Kinder nicht sofort finden!«
»Blöde Gurken-Tradition! Wer hat diesen amerikanischen Mist eigentlich hier eingeführt? Ich hätte das nicht erlaubt, aber mich hat ja niemand gefragt«, schimpfte der Strohstern.
»Haha! Als ob noch irgendwer den Bastelkram aus den 70ern am Baum sehen möchte. Pure Nostalgie! Bald werfen sie dich in den Müll!«, lästerte Donald und hielt Ausschau nach dem besten Versteck für sich.
In den Vereinigten Staaten kannte man diese Tradition schon lange, da brauchte niemand zu verhandeln, ob er oder sie mit an den Baum darf oder ob dies Kitsch sei.
»Genau! Strohsterne und Lametta sind schon lange out! Seht mich an! Lila, jung und fesch! So sollte die Kugel der ersten Reihe aussehen«, kokettierte Jasmin.
»Sind wir nicht alle bunt?« Edgar, die filigrane Holzschnitzerei aus dem Erzgebirge schob die anderen zur Seite.
»Mach Platz, dein Ossibonus ist vorbei. Viel zu teuer und altmodisch seid ihr in eurem Gebirge! Das will heute kein Mensch mehr«, Jasmin konnte ihr vorlautes Mundwerk nicht halten. Der Platz in der ersten Reihe war der jungen Kugel sehr wichtig.
»Ja, früher war einfach mehr Lametta!« Silver lief eine Träne über seine langen silbernen Streifen.
»Bleihaltig! Ökonomisch gar nicht mehr zu vertreten«, spottete Bibo, der stolze Vogel.
»Dein Plastikschwanz ist aber auch in die Jahre gekommen. Man sollte ihn mal durch Naturhaar ersetzen«, lästerte Jasmin.
Bibo kniff seinen Schnabel zusammen.
»Ich bin seit fünfundfünfzig Jahren dabei und sitze Jahr für Jahr am selben Platz, immer oberhalb der mintfarbenen Keksdose. An der Stelle, wo Sonjas Geschenke liegen.«
»Sonja, die alte Frau! Die bekommt doch nur noch Diabetikermarmelade und selbstgemalte Bilder«, lästerte Donald und versuchte, ein paar Zentimeter weiter in das Innere des Baums vorzudringen. Er hatte das passende Versteck für sich immer noch nicht gefunden.
Plötzlich klopfte es zaghaft in der großen Schachtel. Eine leise helle Stimme bat um Hilfe. Erschrocken schauten sich René und Thomas an. Sie hatten die alte Lady ganz vergessen.
Rosamunde war die Älteste. Die silberfarbene Kugel mit weißen samtartigen Ornamenten, kam nicht mehr allein aus ihrem Bett aus feinem Seidenpapier. Dort war sie seit Jahrzehnten das Jahr über sicher verwahrt und wartete darauf, dass man sie an Heiligabend am Baum bestaunte.
»Bitte helft mir!«, bat Rosamunde die Jüngeren und stieg mit Hilfe von Thomas dem Strohstern und Donald der Gurke majestätisch aus den Tiefen der Schachtel. René nahm ihr schnell noch das Seidenpapier ab.
Sie hatte die meisten Bäume kommen und verschwinden sehen. Lachen und Tränen. Sie kannte alle Familienbräuche, die sich mit den Jahren immer mal wieder verändert hatten. Sie erinnerte sich an strahlende Kinderaugen, die sich noch über selbstgestrickte Pullover und Mandarinen gefreut hatten. Enttäuschte Gesichter, wenn unter dem Tannenbaum nicht der erhoffte PC oder das neuste Handy zu finden war.
Ehrerbietig blickte sie auf den Baum und verneigte sich. Es war ihr eine Ehre, auch dieses Weihnachten wieder dabei sein zu dürfen. Wer weiß, was nächstes Jahr sein würde.
Ihre Ornamente bröckelten immer mehr von der hauchzarten, mundgeblasenen Glasoberfläche ab. Ahnte sie bereits, dass es vielleicht ihr letztes Weihnachten sein könnte?
»Bitte helft mir an den Baum. Egal an welchen Platz, ich möchte nur noch einmal dabei sein und mit euch so feiern, als wäre es das letzte Mal.«
René und Thomas halfen ihr an den schönsten Platz überhaupt. Weit oben, wo die Kerzen sie besonders zum Strahlen brachten und sich das Licht in ihrem alten Glas tausend Mal schöner brach, als in all den neuen Materialien. Von hier aus konnte sie die Familie beobachten:
Sonja, die strahlte, wenn sie ein selbstgemaltes Bild erhielt, früher von ihrer Tochter, jetzt von den Enkelkindern.
Lea, die eine Träne fortwischte, da in der gekauften Pralinenschachtel vermutlich wieder nicht der ersehnte Verlobungsring lag.
Ulf, der sich in die hinterste Ecke vom Wohnzimmer zurückgezogen hatte, um mit seiner neuesten technischen Errungenschaft in seine virtuelle Welt abzutauchen.
Rosamunde schloss die Augen und genoss den Moment: den Duft der Kiefer, den Wachs der gutgelagerten Kerzen. Aus den Blechdosen strömte ein Hauch von Zimt und Kardamom.
Vermutlich würde sich dieses Jahr niemand mehr die Mühe geben, sie zu putzen und vorsichtig in Seidenpapier einschlagen, wie es ihrem hohen Alter gebührte.
Weihnachten, ein Jahr später:
Wie immer am Morgen des 24. Dezembers wurde der Deckel von der Schachtel mit den unzähligen Weihnachtsdekorationen angehoben.
Nein, nicht genau wie jedes Jahr:
Als René das Rentier den Deckel von der Schachtel warf, klirrte es im Inneren. Erschrocken zog er vorsichtig das Seidenpapier aus dem Karton.
Es war nicht mehr so glatt und rund wie in all den anderen Jahren. Zerknittert, zerquetscht, als wenn etwas Schweres darauf gelegen hätte.
Er zitterte, als er es vorsichtig auseinanderzog: Die kleinen silbernen Glasscherben verstreuten sich auf dem Holzparkett.
Zum allerersten Mal würde Rosamunde, die alte Kugel, dieses Jahr nicht mehr mit ihnen zusammen am Baum hängen.
Und jedes Jahr stellte sich dieselbe Frage: Wer nimmt dieses Jahr Oma Ochsenfurt?
»Wir sind dieses Jahr bei Werners Mutter!« Elke hatte sofort eine Entschuldigung.
»Bei uns geht es auch nicht. Ruben hat eine neue Freundin. Die übernachtet bei uns und außerdem ist sie Veganerin!« Andrea wurde sehr energisch.
»Was hat das mit Oma Ochsenfurt zu tun?«, wollte Sandra, die jüngste Schwester wissen.
»Oma besteht doch traditionell auf Rehrücken mit Rotkohl und Speck!«, erinnerte Andrea die anderen.
»Dann soll sich Rubens Freundin an den Klößen sattessen!«
»Ach, Ruben schämt sich sicher, wenn wir Fleisch essen.« Andrea nahm die mögliche Schwiegertochter in spe in Schutz.
»Letztes Jahr hatte er eine Freundin mit Glutenunverträglichkeit. Die konnte keine Klöße essen.« Elke zeigte kein Verständnis für die Ausrede, Oma nicht übernehmen zu wollen.
»Und weil Ruben eine fleischfressende Familie hat, läuft ihm die Freundin weg?«, fragte Elke nach.
»Wir haben Oma letztes Jahr schon genommen. Dieses Jahr ist wer anders dran!«, Andrea schaute die Schwestern erwartungsvoll an.
»Kann sie denn nicht zu ihrer Schwester nach Kühlungsborn fahren?«, Elke blickte die Schwestern fragend an.
»Die fliegt doch jedes Jahr nach Spanien«, wusste Sandra.
»Dann soll Oma mitfliegen und die beiden alten Frauen haben Spaß zusammen.«
»Oma steigt in kein Flugzeug. Flugangst!«, die Möglichkeit schied für Elke definitiv aus.
»Ich kann keinen Rehrücken und Rotkohl gibt es bei mir nur aus dem Glas«, Sandra hob abwehrend die Hände.
»Trotzdem kannst du sie einladen. Du bist doch eh alleine«, Elke ließ nicht locker.
»Das will sie aber gar nicht. Nur zu zweit ist es ihr zu langweilig bei mir. Keine schreienden Enkel und so weiter.«
»Früher hat sie immer gemeckert, wenn die Kleinen so laut waren.«
Betreten schauten sich alle an.
Oma Ochsenfurt war weder böse noch geizig, aber eben anstrengend!
»Das haben wir immer schon so gemacht!«, war ihr Leitspruch und was sie nicht wollte, konnte sie überzeugend abwehren. Weihnachten war halt immer etwas stressig, wenn sie zu Besuch kam. Diejenige von ihnen, die das Los der Küchenchefin gezogen hatte, konnte das Fest vergessen.
»Ich habe es vorletztes Jahr mit Küchenwein versucht und war um 11.00 Uhr blau.«
Elke konnte sich noch genau erinnern, wie sie sich das Fest schöntrinken wollte. Das hatte für sie zu einem abrupten Ende geführt: Noch vor dem Kaffeetrinken lag sie im Bett.
