26. April 1986: Tschernobyl - Peter Bilhöfer - E-Book

26. April 1986: Tschernobyl E-Book

Peter Bilhöfer

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Beschreibung

The year 1986 brought catastrophe for humankind and the environment. A nuclear power station exploded in the Ukraine, and a chemicals accident in Switzerland killed off almost all the aquatic life in the Rhine. The impact of the two events worldwide was and continues to be immense. The events became deeply rooted in society=s collective memory and are regarded as the hour of birth for the environmental movement, both in Germany and internationally. This volume not only traces the two events, but also explains the relationship between state and society and the emergence and influence of the New Social Movements, linking the presentation of German history with issues of technical, environmental and social history.

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Seitenzahl: 232

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Zeitpunkte der Geschichte

Peter Bilhöfer

26. April 1986: Tschernobyl

Folgen einer Katastrophe

Verlag W. Kohlhammer

 

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

 

 

 

Umschlagbild: Ein Symbol der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: Das Riesenrad im Pripjater Vergnügungspark, das eigentlich am 1. Mai 1986 seinen Betrieb aufnehmen sollte (Wikimedia Commons, Justin Stahlman, CC BY 2.0).

 

 

 

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

 

Print:

ISBN 978-3-17-034347-4

E-Book-Formate:

pdf:      ISBN 978-3-17-034348-1

epub:   ISBN 978-3-17-034349-8

mobi:   ISBN 978-3-17-034350-4

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

Einleitung

Prolog: Fünf Sätze, die die Welt verändern

1      Ein Reaktor, ein Sicherheitstest und die Folgen

Der RBMK soll die Energieprobleme lösen

Ein Prestigeprojekt für die Ukraine

Auf dem Weg zum größten Atomkraftwerk der Welt

Der Sicherheitstest vom 26. April 1986

Maßnahmen zur Bewältigung der Katastrophe

Das Unglück im Spannungsfeld zwischen Glasnost und Kaltem Krieg

Das Nachspiel im Moskauer Politbüro

Die Folgen für die Umwelt

2      »Eine Gefährdung der Bevölkerung in der Bundesrepublik ist absolut auszuschließen«

Der Bundesinnenminister will die Öffentlichkeit beruhigen

Verunsicherung und Verwirrung nach den ersten Regenschauern

Folgen für Landwirtschaft und Konsumverhalten

Wohin mit der verstrahlten Milch?

Der Streit um Zuständigkeiten und Grenzwerte

Meinungshoheit und Meinungsfreiheit

Der Protest erfasst weite Kreise der Bevölkerung

Die Reaktionen in Parlamenten, Parteien und Verbänden

Die Bundesregierung ergreift die Initiative

Walter Wallmann als Krisenmanager – und Hoffnungsträger der Bundesregierung

3      »Stabilisierung auf einem niedrigen Niveau« – die DDR und der Atomunfall von Tschernobyl

Unklare Nachrichtenlage und schwierige Kommunikation mit Moskau

Nach dem Fallout: Honecker empfiehlt den Salat zu waschen

Ein ungewohntes Warenangebot

Trotz Strahlenbelastung soll der Alltag weitergehen

Das Erwachen der Anti-Atombewegung in der DDR

Eine ernüchternde Bestandsaufnahme

4      Epilog: Tschernobâle, 1. November 1986

Erst Großbrand, dann Fischsterben

Der Umweltkatastrophe folgt ein Kommunikationsdesaster

Protest und Erinnerung

Unfall oder Anschlag?

    1986 – ein Epochenjahr: Diskussionen bis in die Gegenwart und eine ferne Zukunft

Ansätze zu einer historischen Einordnung

1986 – die Wahrnehmung von Hochtechnologien änderte sich

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Anhang

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweis

Einleitung

 

 

 

 

Der Gedanke zu diesem Buch entstand im Laufe mehrerer Semester an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Wenn in Lehrveranstaltungen das Thema Tschernobyl angesprochen wurde, zeigten die Reaktionen, dass über drei Jahrzehnte nach den Ereignissen nicht nur viele unbeantwortete Fragen weiterhin Diskussionsstoff boten, sondern sich auch neue Fragen stellten. Bei der historischen Einordnung des Geschehens fiel zudem die scheinbare Anhäufung technik- und umwelthistorischer Ereignisse im Jahre 1986, wie u. a. die Explosion der US-Raumfähre »Challenger« oder der Großbrand von Schweizerhalle, auf. Obwohl es sich dabei eher um eine zufällige Aneinanderreihung verschiedener Vorfälle mit unterschiedlichen Ursachen innerhalb eines Jahres handelte, können deren Wahrnehmung und Folgen aus historischer Perspektive durchaus als Ganzes betrachtet werden.

Wie ungebrochen das Interesse an Ursache, Verlauf und Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist, zeigt nicht nur das Echo auf die beiden in den letzten Monaten erschienenen Monographien von Sergej Plokhy Chernobyl- History of a tragedy und Adam Higginbotham Midnight in Chernobyl sondern vor allem der Erfolg der fünfteiligen HBO-Serie Chernobyl. Trotz einiger genrebedingten Überzeichnungen und historischer Abweichungen erhielt »Chernobyl« hervorragenden Kritiken, ja wird je – nach Sichtweise – sogar als »beste Serie der Welt« bezeichnet.1

So zahlreich die Publikationen zu den eigentlichen Vorgängen in Tschernobyl sind, so überschaubar ist die Literatur zu den Folgen und Reaktionen in der Bundesrepublik Deutschland sowie der Deutschen Demokratischen Republik.2 Lediglich von der Historikerin Melanie Arndt liegt bisher eine gelungene Gesamtdarstellung zu den Geschehnissen in beiden deutschen Staaten aus dem Jahre 2011 vor. In Ihrer 2019 vorgelegten Habilitation Tschernobylkinder. Die transnationale Geschichte einer nuklearen Katastrophe beschäftigt sich Arndt zudem mit der enormen internationalen und sozialen Tragweite der Folgen des Reaktorunglücks.

Franz-Josef Brüggemeier bleibt in seinem 1998 erschienenen Buch Tschernobyl, 26. April 1986. Die ökologische Herausforderung thematisch hinter den Erwartungen des Titels zurück, gibt aber zumindest eine für den damaligen Kenntnisstand beachtliche Einschätzung der historischen Dimensionen des Reaktorunglücks. Zu den Ereignissen in der Bundesrepublik lieferte der ehemalige Staatssekretär Paul Laufs eine gute Zusammenfassung mit Kenntnissen aus erster Hand. Neben vielen Kurzreportagen zumeist von ARD-Regionalsendern ist es vor allem die ZDF-info-Dokumentation Tschernobyl ’86: Deutschland und der GAU, die sich mit den Folgen von Tschernobyl in beiden deutschen Staaten befasst.3

Völlig anders gelagert als in der Bundesrepublik verlief hingegen der politische Diskurs in der Deutschen Demokratischen Republik, was sich auch in einer recht unterschiedlichen Quellenlage niederschlug. Hier leistete die Gießener Historikerin Dorothée de Nève 1995 regelrechte »Pionierarbeit«, die inzwischen durch die Publikationen von Sebastian Stude eine angemessene Fortsetzung findet. Mit der Aufsatzsammlung Tschernobyl und die DDR: Fakten und Verschleierungen – Auswirkungen bis heute? existiert eine angemessene Abhandlung für die Ereignisse auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, zu der es in dieser Art kein westdeutsches Gegenstück gibt. Neben der Darstellung des Medizinphysikers und Bürgerrechtlers Sebastian Pflugbeil verdient dabei vor allem der Beitrag des Hygienemediziners Bernd Thriene über die Folgen von Tschernobyl im Bezirk Magdeburg Erwähnung. Ähnliche Studien über eine deutsche Region liegen in der Geschichtswissenschaft nicht vor, Thomas Schattners 172 Seiten umfassende Dokumentation Die Folgen von Tschernobyl 1986 im Schwalm-Eder-Kreis ist nach wenigen einleitenden Worten lediglich ein Pressespiegel damaliger Zeitungsartikel. Überhaupt ist das Thema »Tschernobyl« aus regional- und landesgeschichtlicher Sicht ein zu größten Teilen noch unbearbeitetes Gebiet.

So kann und will auch dieses Buch keinen abschließenden und vollständigen Überblick zu den Ereignissen in beiden deutschen Staaten geben, sondern Schlaglichter auf die wichtigsten Geschehnisse in den Tagen, Wochen und Monaten nach dem 26. April 1986 werfen und diese miteinander in Beziehung setzen. Dazu erwies es sich als sinnvoll, auch auf die Entstehungsgeschichte des Unglücksreaktors, des Kraftwerks und der dazugehörigen Siedlung Pripjat sowie den Ablauf des eigentlichen Unfallhergangs näher einzugehen, zumal sich im Zeitalter von Verschwörungstheorien und Meinungsblasen hartnäckig Gerüchte und falsche Legenden über die Ereignisse halten. Ähnliches gilt für die Brandnacht von Schweizerhalle, deren Ursache bis heute ebenfalls Gegenstand wilder Spekulationen ist.

Zehn Infoboxen mit Schlagworten zu den jeweiligen Kapiteln ergänzen den Text und führen über das Thema hinausgehende Aspekte aus. Namen prominenter Politiker und Städte der ehemaligen Sowjetunion werden in der auch in den zeitgenössischen Quellen und Texten geläufigen deutschen Schreibweise wiedergegeben, ebenso wird die infolge des Zerfalls der Sowjetunion einsetzende sprachliche und inhaltliche Umbenennung nur dort thematisiert, wo es für die Einordnung in den historischen Kontext von Relevanz ist.

Frau Prof. Dr. Sabine Liebig und Frau Dr. Brigitte Übel sei für die Aufnahme des Buches in die Reihe Zeitpunkte der Geschichte ebenso gedankt, wie dem Kreis von Personen, die mich zu diesem Buch anregten und die mir mit ihren vielen Fragen genügend Stoff, aber auch neue Sichtweisen bei der Niederschrift boten.

Prolog: Fünf Sätze, die die Welt verändern

 

 

 

 

Es gibt nur wenige historische Ereignisse, die eine derartige große geographische und zeitliche Reichweite besitzen, wie das Reaktorunglück von Tschernobyl. Viele Menschen können sich noch sehr genau an den Moment erinnern, als sie die erste Nachricht von einer »Havarie« in der Sowjetunion vernahmen. Buchstäblich über Nacht wurde der Name einer ukrainischen Kleinstadt zum Inbegriff für die Schrecken des Atomzeitalters. Die Permanenz des Themas u. a. durch die Folgen für Mensch und Natur sowie die immer noch ungelöste Frage der abschließenden Sicherung des Unglücksortes sorgen dafür, dass das Kapitel Tschernobyl nach über drei Jahrzehnten alles andere als abgeschlossen ist.

Während die Menschen in einer global vernetzten Welt dramatische Ereignisse wie die Explosion in den ersten beiden Reaktoren im Dai-ichi-Kraftwerk von Fukushima 2011 oder die Anschläge vom 11. September 2001 nahezu zeitgleich an den Fernsehgeräten und im Internet mitverfolgen konnten, verlief das Bekanntwerden der Nachrichten über das Atomunglück von Tschernobyl im Jahre 1986 in völlig anderen Bahnen.

Das für den Titel des Buches angesetzte Datum 26. April 1986 ist im Grunde als ein symbolisches Datum für die deutsche Geschichte anzusehen – genauer gesagt: Nach mitteleuropäischer Zeit ereignete sich das Unglück in Tschernobyl am späten Freitagabend, dem 25. April um 23:23 Uhr.1

Durch die noch nicht vorhandene digitale Vernetzung und im Denken des Kalten Kriegs vergingen fast drei Tage, bis die sowjetischen Stellen die folgenschweren Ereignisse in ihrem Vorzeigekraftwerk nicht länger geheim halten konnten. Erst als skandinavische Messstationen erhöhte Strahlenwerte meldeten und in mehreren Atomanlagen in Nord- und Mitteleuropa die Detektoren Alarm schlugen, sah sich Moskau am 28. April dazu veranlasst, um 21:02 Uhr Ortszeit eine knappe, fünf Sätze umfassende Stellungnahme herauszugeben:

»Im Atomkraftwerk Tschernobyl hat sich ein Unglücksfall ereignet.Ein Reaktor wurde beschädigt.Maßnahmen zur Beseitigung der Unfallfolgen werden ergriffen.Den Geschädigten wird Hilfe geleistet.Eine Regierungskommission ist gebildet worden.«2

Trotz des sehr vagen Inhalts – ein erstes, »bearbeitetes« Bild vom Unfallort zeigte das sowjetische Fernsehen erst am 30. April – platzte die Meldung wie eine Bombe in die Nachrichtenlandschaft und verdrängte alle anderen Themen innerhalb weniger Stunden von der Tagesordnung.

Die Wirkung dieser ersten Verlautbarung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS am Montagabend, dem 28. April 1986 war umso stärker, da sie in der Bundesrepublik in eine recht ereignisarme Zeit zwischen dem einen Monat zurückliegenden Osterfest und den 1. Mai fiel: Während auf internationaler Ebene die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Libyen nach dem Bombenanschlag auf die Westberliner Diskothek »La Belle« und der folgenden Vergeltungsaktion der amerikanischen Luftwaffe gegen Tripolis und Bengasi zunahmen, debattierte das politische Bonn über Botschaft, Konzept und künstlerische Ausgestaltung einer in der Bundeshauptstadt geplanten zentralen Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Bundeskanzler Helmut Kohl (1930–2017) trat währenddessen seine Asienreise an, die ihn über Indien und Thailand zum Weltwirtschaftsgipfel nach Tokio führen sollte, wo Gespräche über Haushaltsdefizite, Zinssenkung, den Dollarkurs und Terrorismusbekämpfung auf der Tagesordnung standen.3

Das Wetter an diesem letzten Aprilwochenende schien sich geradezu der Nachrichtensituation anzupassen. In den meisten Gebieten Deutschlands wollte nach einem langen Winter der Frühling nicht richtig Einzug halten, der Himmel war zumeist bei Temperaturen um die 13 Grad grau und bewölkt. Viele hofften auf eine Wetterbesserung zum 1. Mai und blieben am Wochenende zu Hause.

So waren für die meisten Bundesbürger die »Highlights« des Wochenendes vom 26. und 27. April die Übertragung der Finalrunde der 51. Eishockey-Weltmeisterschaft in Moskau sowie der letzte Spieltag der Fußballbundesliga. Unfreiwillig komisch wirkt im Nachhinein auch das übrige Fernsehprogramm. Katastrophen ohne Ende betitelte die »Saarbrücker Zeitung« vom 25. April die Programmvorschau auf das Wochenende, an dem die Zuschauer u. a. die Filme Erdbeben (USA 1974) und Verschollen im Bermuda-Dreieck (USA 1976) erwartete.

Nach ersten Meldungen am 26. April beherrschte die Geheimdienstaffäre um das »Celler Loch« am Montag, den 28. April, die Schlagzeilen und versprach noch weitere Enthüllungen: Angeblich sollte der niedersächsische Verfassungsschutz im Juli 1978 ohne Wissen der damaligen Bundesregierung einen Bombenanschlag auf die Justizvollzugsanstalt Celle inszeniert haben, um so einen V-Mann in die »Rote Armee Fraktion« einzuschleusen.

Dies war auch der Stand der Dinge bei Beginn der »Tagesschau« in der ARD um 20:00 Uhr. Erst im Laufe der Nachrichtensendung erreichten Mitteilungen aus Moskau die Redaktion. Gegen Ende verlas Nachrichtensprecher Werner Veigel (1928–1995) einen Textauszug aus der TASS-Meldung und ergänzte ihn mit den Worten »Es wird aber nicht gesagt, wann sich das Unglück ereignet hat oder wodurch es verursacht wurde.« Der Ortsname Tschernobyl fiel in dieser Tagesschau noch nicht, stattdessen war von »einem Kernkraftwerk in der Nähe von Kiew« die Rede. Während sich die folgenden Nachrichtensendungen auf die veränderte Informationslage einstellten, fragten sich die meisten Journalisten nach dem Erhalt des genauen Wortlautes der TASS-Meldung, wo dieses »Tschernobyl« genau lag und wie die korrekte Aussprache lautete. Die falsche Betonung auf der letzten Silbe (»Tschernobühl«) hält sich bis heute in der deutschen Sprache.4

Auch die späteren Nachrichtensendungen glichen eher dem Deutungsversuch eines Orakels. So sprach Ruprecht Eser (*1943) zu Beginn des »heute-journals« um 21:45 Uhr von einer »sensationellen Nachricht aus Moskau«. Das Wort »sensationell« in diesem eher unerfreulichen Zusammenhang bezog sich freilich darauf, dass die Sowjetunion überhaupt einen Unfall und Schäden zugab. Über den Reaktortyp konnte der zugeschaltete Experte Karl-Heinz Lindackers (1932–2011) zwar keine genaueren Angaben machen. Doch die sehr hohen Strahlenwerte in Skandinavien erlaubten es dem Experten, ein relativ genaues Bild über das Ausmaß des Schadens geben zu können. Der Rest war – gezwungenermaßen – reine Spekulation.5 Ein ähnliches Bild ergab sich um 22:30 Uhr mit der Ausstrahlung der »Tagesthemen« in der ARD. Auch hier rätselte die Moderatorin Ulrike Wolf (*1944) noch über die möglichen Gründe des Unglücks während eine im Hintergrund gezeigte Landkarte mit der Ausbreitung der Strahlenwolke schon ziemlich genau den Ort des Unglückskraftwerks als Ausgangspunkt identifizierte.

Der nächste Tag zeigte eine völlig andere Nachrichtenlage. Während viele Tageszeitungen vom Zeitpunkt der Nachricht überrumpelt überhaupt nicht berichteten – die »taz« spekulierte fälschlicherweise sogar über einen möglichen Unfall im schwedischen AKW Forsmark – warteten die Fernsehnachrichten mit ersten Archivbildern und Hintergrundinformationen zum Kernkraftwerk Tschernobyl auf. Fortan war Tschernobyl das alles beherrschende Thema. Alle anderen Ereignisse, wie die sich anbahnende Affäre um das »Celler Loch«, die Spannungen mit Libyen oder der Tokioter Weltwirtschaftsgipfel waren nur noch Makulatur.

1          Ein Reaktor, ein Sicherheitstest und die Folgen

 

 

 

 

Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalny (RBMK) bedeutet in der deutschen Übersetzung »Röhrenreaktor mit großer Leistung«. Schon sein »Urahn«, der erste zur zivilen Nutzungen 1954 in Obninsk erbaute Kernreaktor AM-1 verfügte über Druckröhren als zentrales Bauelement. Entgegen den westlichen Gegenstücken befinden sich der Brennstoff und das Kühlmittel dabei nicht in einem großen Behälter, sondern sind einzeln in zahlreichen druckfesten Röhren untergebracht, die parallel in einem Graphitblock sitzen. Dieses maßgeblich auf den Maschinenbauingenieur Nikolai Dollezhal (1899–2000) zurückgehende Design folgte dem Grundgedanken, dass im Falle eines Lecks nicht der gesamte Behälter, sondern nur die betroffene Druckröhre ohne größeren Aufwand ausgetauscht werden musste. Im Laufe der 1950er-Jahre entstanden in der Sowjetunion mehrere Prototypen dieser Art zu unterschiedlichen militärischen und zivilen Zwecken.1

Wie bei anderen Großprojekten der sowjetischen Schwerindustrie wollte man sich auch bei der friedlichen Nutzung der Atomkraft weder verzetteln noch mit einem einzigen Modell in eine entwicklungstechnische Sackgasse geraten. Daher beschlossen die verantwortlichen Stellen 1965, sich auf zwei Grundtypen zur atomaren Energiegewinnung zu konzentrieren:2 Dies war einerseits der – gleich den USA – aus einem nuklearen U-Bootantrieb entwickelte Druckwasserreaktor VVER (Vodo Vodjarnoj Energetitscheskij Reaktor oder Wassergekühlter Wasser-Energiereaktor) sowie zum anderen der Druckröhren-Siedewasserreaktor, der spätere RBMK.3 Letzterer sollte die Erkenntnisse mehrerer ziviler und militärischer Forschungsreaktoren vereinen. Doch die seit 1964 unter der Bezeichnung »Projekt B-190« von der Leningrader Maschinenfabrik »Bolschewik« verfolgten Entwürfe zum RBMK stießen im zuständigen Ministerium für den Mittleren Maschinenbau (Sredmash) auf Bedenken, sodass mit den weiteren Planungen wiederum Nikolai Dollezhal und sein Moskauer Institut für Wissenschaftliche Erforschung und Design von Energietechnologien (NIKIET) betraut wurden. Diese überarbeiteten bis 1967 das Konzept dahingehend, dass aus der Erfahrung der bisherigen Testanlagen ein zuverlässiger und wirtschaftlicher Reaktor für eine elektrische Leistung von 1 000 MW entstand. Das Ergebnis war ein sieben Meter hoher, im Durchschnitt zwölf Meter breiter mit knapp 1 600 Druckröhren und etwa 200 Regelstäben versehener Reaktor, dem seine Konstrukteure die Bezeichnung RBMK-1 000 gaben.4

Maßgebend für die Funktionsweise eines Kernreaktors sind Moderator, Brennstoff und Kühlmittel. Dabei nutzt man die beim Kernspaltungsprozess freiwerdende Wärme, um Wasser in Dampf umzuwandeln, der wiederum Turbinen mit einem Generator antreibt. Um einen nuklearen Spaltprozess aufrecht erhalten zu können, ist es notwendig, die aus dem Brennstoff entweichenden Neutronen auf eine optimale Reaktionsgeschwindigkeit zu verlangsamen, was mittels des sogenannten »Moderators« geschieht. Dies kann je nach Reaktortyp u. a. leichtes oder schweres Wasser, Beryllium oder Graphit sein. Letzteres nutzte man auch beim RBKM in Form eines gewaltigen Graphitblocks, in dem die 1 800 senkrecht verlaufenden Kanäle entweder die mit Brennstoff befüllten Druckröhren oder die zur Steuerung der Aktivität notwendigen Reglerstäbe aufnehmen. Die bereits erwähnten Druckröhren werden durch Ventile und mechanische Vorrichtungen in den Kanälen arretiert und zu einem Kreislauf zusammengeschaltet, sodass das Kühlwasser von unten die Druckröhren durchströmt, dort die von den Brennelementen abgegebene Wärme aufnimmt und am oberen Ende der Druckröhren durch eine Dampfleitung zu den stromerzeugenden Turbinen geführt wird. Anschließend kondensiert der Dampf durch einen Kühlkreislauf und wird mittels Pumpen wieder von unten in den Reaktorkern eingespeist, wo sich der Prozess wiederholt.

Obschon eine grobe Beschreibung des Funktionsprinzips den komplizierten Aufbau des RBMK erkennen lässt, bot dieser Reaktortyp in den Augen seiner Erbauer zahlreiche Vorteile: Zum Zeitpunkt der Konzeption des RBMK-1 000 konnten die verantwortlichen Wissenschaftler und Ingenieure auf zwei Jahrzehnte Erfahrungen mit graphitmoderierten

Abb. 1: Funktionsweise eines RBMK-Reaktors (vereinfachte Skizze).

Meilern und dem Einsatz von Druckröhren zur Dampferzeugung zurückgreifen, wobei sie schon früh feststellten, dass diese eine höhere Energieausbeute als bei den meisten westlichen Siedewasserreaktoren erzielen konnten. Die dafür entwickelten Druckröhren minderten nicht nur das Risiko eines Ausfalls bei einer Leckage, sondern konnten im Falle eines Defektes oder zum Erneuern der Brennelemente einzeln ausgewechselt werden, ohne dass der Reaktor dafür komplett heruntergefahren werden musste. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil war, dass das als Brennstoff eingesetzte Uran dank des Graphitmoderators nur schwach angereichert werden musste (1,8–2 %), was erhebliche Auswirkungen auf die Kosten bei der Herstellung der Brennelemente hatte. Der Hauptvorteil lag indes in der modularen Bauweise. War der RBMK-1 000 in vielen Teilen eine vergrößerte Variante kleiner Vorgängeranlagen, so sahen die Erbauer die Möglichkeit einer linearen Weiterentwicklung zu immer leistungsfähigeren Reaktoren, wie dem späteren RBMK-1 500, indem sie den Reaktorkern vergrößerten und die Zahl der Druckröhren erhöhten.5 Dabei waren kaum neu zu entwerfende Teile notwendig. Darüber hinaus waren die Einzelteile des RBMK-1 000 nicht nur schon in Vorgängermodellen erprobt, sondern auch vergleichsweise einfach konzipiert, sodass sie ohne größere Spezialkenntnisse von zahlreichen Betrieben hergestellt werden konnten, bevor man sie vor Ort zusammenbaute. Diese logistischen Vorteile, die langjährige Erfahrung mit einzelnen standardisierten Elementen und die Druckröhrentechnik verleiteten die Verantwortlichen darüber hinaus zu der Auffassung, dass im Gegensatz zu vielen anderen Reaktortypen der RBMK auf eine kostspielige Schutzhülle aus Stahl oder Beton verzichten konnte.6

Ungeachtet dieser Vorteile besaß der RBMK auch eine Reihe von Schwachpunkten: Konnte man die Probleme mit undichten Druckröhren durch konstruktive Verbesserungen merklich reduzieren, so bereitete den Erbauern vor allem der hohe Ausstoß an radioaktiven Spaltgasen einiges Kopfzerbrechen, weshalb Dollezhal den RBMK nicht in dicht besiedelten Gebieten einsetzen wollte.7 Im Betrieb selbst führten insbesondere die beim Hoch- und Herunterfahren des Reaktors entstehenden Xenongasblasen zur Störungen beim Kernspaltungsprozess und falschen Messdaten, zumal der Reaktor im niedrigen Leistungsspektrum sehr zur Instabilität neigte. Ein weiterer, unerwünschter Nebeneffekt der Konstruktion war das Verhalten bei zu starker Dampfentwicklung. Während in anderen Reaktortypen Wasser zugleich als Moderator und Kühlmittel eingesetzt wird, dass bei einer Leckage oder bei zu starker Dampfentwicklung dazu führt, dass die Kettenreaktion zwischen den Brennelementen abnimmt (»negativer Dampfblasenkoeffizient«), steigt in diesem Fall beim RBMK die Leistung zuweilen sprunghaft an (»positiver Dampfblasenkoeffizient«). Zugleich besitzt Graphit auch die Eigenschaft, sich bei hohen Temperaturen mit Sauerstoff zu entzünden, was Experten spätestens durch den Brand in der Atomanlage von Windscale 1957 drastisch vor Augen geführt worden war. Die Erbauer packten daher den ganzen RBMK-Reaktor in eine mit einer 1,8 Meter dicken Sandschicht versehenen Betonwanne und umgaben den Graphitblock mit einer Schutzgashülle aus Helium und Wasserstoff. Als weiteren Schutz gegen die Luft und des Personals vor zu hoher Strahlung schloss ein über 3 000 Tonnen schwerer Schutzschild die Anlage nach oben ab, über jeder Druckröhre lag zudem ein Betonelement.8

Graphit stellte innerhalb der RBMK-Technologie noch aus anderer Sicht ein Problem dar. Um ein leichteres Gleiten innerhalb der Mechanik zu gewährleisten, besaßen die über 200 Regelstäbe am unteren Ende eine Graphitspitze. Schon 1975 fiel dem Personal des Atomkraftwerks in Leningrad auf, dass bei einem gleichzeitigen und schnellen Einfahren dieser Regelstäbe die Leistung des Reaktors für einen Moment schlagartig wieder zunahm. Die gleichen Erfahrungen machte 1983 die Bedienmannschaft im litauischen Ignalina. Diese offensichtlich auf einen schweren Konstruktionsfehler hinweisenden Vorfälle hatten aber für die technische Auslegung aller anderen Anlagen keine Konsequenzen und unterlagen der Geheimhaltung.9

Wichtig ist darüber hinaus zu wissen, dass im Betrieb des RBMK waffenfähiges Plutonium anfällt, was immer wieder zu Spekulationen in Presse, Politik und Wissenschaft über den »verdeckten« Nutzen der zivilen Atomkraftwerke in der ehemaligen Sowjetunion führte.10 Abgesehen davon, dass ein Großteil des für militärische Zwecke benötigten atomaren Sprengstoffs in speziell dafür konzipierten Meilern zumeist jenseits des Urals in hermetisch abgeriegelten Städten hergestellt wurde (und wird), mag dies einer der Gründe gewesen sein, weshalb dieser Reaktortyp nicht ins Ausland geliefert wurde.11 Daneben dürften die relativ komplizierte Steuerung des RBMK und seine hohen Emissionsraten die Verantwortlichen in Moskau dazu bewogen haben, für den Export den Druckwasserreaktoren vom Typ VVER den Vorzug zu geben.

Der RBMK soll die Energieprobleme lösen

Doch innerhalb der Sowjetunion zeigte sich ein genau entgegengesetztes Bild: Der Bau von Druckwasserreaktoren setzte sehr anspruchsvolle Schweißarbeiten sowie die Verarbeitung von Qualitätsstahl voraus. Da letzterer Mangelware war und nur wenige einheimische Betriebe eine solche Fertigung leisten konnten, stieß die Sowjetwirtschaft dabei rasch an ihre Grenzen. Verschärfend wirkte sich zudem die Entscheidung aus, den VVER zum Export freizugeben, was zwangsläufig zu Engpässen in der Versorgung von einheimischen Kraftwerken mit diesem Reaktortyp führte. Ein weiterer Nachteil war die begrenzte Leistungsfähigkeit der ersten Generation von Druckwasserreaktoren. Die angenommene Höchstleistung eines VVER entsprach dabei der Mindestleistung eines viel kostengünstigeren RBMK.12 Ein weiteres Argument gegen den VVER lieferte der Three-Miles-Island-Unfall von Harrisburg 1979, wo die Panne in einem Druckwasserreaktor zur Teilkernschmelze führte. In der danach auch in der sowjetischen Atomindustrie geführten Sicherheitsdebatte sprachen sich einige Fachleute dafür aus, dass für diesen Reaktortyp eine zusätzliche, kostspielige Betonhülle notwendig sei. Der oberste Kernphysiker der Sowjetunion, Anatoli Aleksandrow (1903–1994), wurde hingegen nicht müde, die Sicherheit der eigenen Anlagen, insbesondere des RBMK zu betonen.13 Dabei vertrat Aleksandrow die Ansicht, dass bei gleichbleibendem Energiebedarf der Menschheit die fossilen Brennstoffvorräte spätestens in den kommenden 50 Jahren zu Ende gehen und in der Folge Kriege unter den Industrienationen um die letzten Ressourcen ausbrechen würden.14 Der Ausweg aus diesem Horrorszenario sei der massive Ausbau der Kernenergie als Ersatz fossiler Brennstoffe. Diese gerade nach der Ölkrise von 1973 weltweit verbreitete Haltung hatte auch für die Wirtschafts- und Energiepolitik der Sowjetunion weitreichende Folgen. In den Fünfjahresplänen der 1970er- und 1980er-Jahre war jeweils eine Verdoppelung der Kapazitäten in der Kernenergie vorgesehen. Aleksandrow forderte den forcierten Ausbau der Atomkraft, sodass bis 1990 der Anteil an der Energieerzeugung bei mindestens 30 % liegen sollte. Diese Marke wurde zum unumstößlichen Richtwert für alle Entscheidungen der sowjetischen Energiepolitik von Breschnew bis Gorbatschow.15

Da sich auch die einst als »Reaktoren der zweiten Generation« geplanten »Schnellen Brüter« nach über zwei Jahrzehnten immer noch im Entwicklungsstadium befanden, kam dem RBMK zu Beginn der 1980er-Jahre eine immer bedeutendere Rolle in der sowjetischen Energiewirtschaft zu.16

Schon im November 1966 hatte der Ministerrat der UdSSR den Bau großer, mit mehreren RBMK-Reaktoren bestückter Energiekomplexe geplant, bei denen jeder Block mit einer Leistung von 1 000 MW die bisherigen Kraftwerke mit ihren Druckwasserreaktoren geradezu in den Schatten stellen sollte.17

Diese Großkraftwerke in der Nähe industrieller Ballungszentren sollten das Dilemma lösen, dass die Sowjetunion zwar über genug Öl-, Gas- und Kohlevorkommen verfügte, dieser aber zumeist weit entfernt jenseits des Urals lagen.18

Nach Vorbild des 1973 bei Leningrad in Betrieb genommenen Atomkraftwerks entstanden drei weitere große Energiekomplexe für die Regionen Kursk, Smolensk und Kiew. Alle vier Kraftwerke waren durch die Logistik, Kühlung und dazugehörige Siedlung darauf ausgelegt, modular in Baustufen vergrößert zu werden, um die Kapazität im Laufe der nächsten Jahrzehnte zu vervielfachen.19

Ein Prestigeprojekt für die Ukraine

Der Bau des Großkraftwerks für den Raum Kiew geschah vor allem auf Betreiben der ukrainischen KP-Führung. 1965 war diese beim Politbüro in Moskau mit der Bitte um drei Atomkraftwerke für ihre Sowjetrepublik vorstellig geworden, erhielt jedoch vorerst nur für eine Anlage die Zusage. Noch im gleichen Jahr begab sich eine Kommission auf die Suche nach einem geeigneten Standort. Nach einem Jahr fiel die Wahl auf eine Gegend beim 1 000-Seelen-Dorf Kopatschi unweit des Flusses Pripjat. Das bisher »Zentralukrainisches Atomkraftwerk« genannte Projekt erhielt Anfang 1967 seinen endgültigen Namen nach dem sechs Kilometer südlich von Kopatschi liegenden Verwaltungszentrum: Tschernobylskaya atomnaya elektrostantsiya – auf Deutsch: »Atomkraftwerk Tschernobyl«.20

Das 1193 erstmals erwähnte Tschernobyl war über Jahrhunderte von den umliegenden Sümpfen und Wäldern geprägt.21 1795 gelangte das Gebiet unter russische Herrschaft und später an die Sowjetunion. Kulturelle Bedeutung errang der Ort durch die noch zuvor unter polnischer Herrschaft geförderten jüdischen Einwanderungen. Mit dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion fand dieses jüdische Leben Mitte November 1941 ein gewaltsames Ende. Kaum zwei Jahre später wurde der Kleinstadt ihre strategische Lage mit Brücke, Hafen und Bahnlinie zum Verhängnis, als im Rahmen einer Offensive der Roten Armee der Ort fast vollständig zerstört wurde. Ende der 1960er-Jahre zählte Tschernobyl rund 12 500 Einwohner, die zumeist vom Fischfang, Gemüseanbau oder der Waldwirtschaft lebten.22

Über die Bedeutung des Ortsnamens liegen verschiedene Interpretationen vor. Zumeist mit der Pflanzengattung der Artemisia in Verbindung gebracht, wird Tschernobyl entweder mit »Beifuß« oder »Wermut« übersetzt. Letzteres führte zu einer seit 1986 andauernden heftigen Debatte um eine mögliche biblische Prophezeiung um den die Gewässer verseuchenden »Stern Wermut« in Kapitel 8.10–11 der Offenbarung. Christlich-konservative Kreise, darunter auch der damalige US-Präsident Ronald Reagan (1911–2004), interpretierten den Namen als Strafgericht für die »gottlose Sowjetunion« – freilich erst nach den Ereignissen vom April 1986.23

Doch es waren nicht diese finsteren Prophezeiungen, die dafür sorgten, dass die zum Kraftwerk Tschernobyl gehörige Siedlung nicht hier, sondern 20 Kilometer weiter nordwestlich erbaut wurde. Vielmehr lag Tschernobyl zu weit weg vom zukünftigen Kraftwerksgelände.

Der Anfang 1970 gegründete Ort für das zukünftige Werkspersonal entstand am Reißbrett und erhielt 1972 seinen Namen nach dem weiter westlich fließenden Fluss Prjpjat.24 Die Lage dieser Siedlung wurde bestimmt durch die dort verlaufenden Fernstraßen und Bahnlinien sowie die Nähe zu der nur 3,5 Kilometer südwestlich liegenden Großbaustelle des zukünftigen Atomkraftwerkwerks. Wie bei anderen sowjetischen Stadtgründungen dieser Zeit beherrschten großzügig ausgebaute Straßen und überwiegend sechs- bis zehnstöckige Wohnblöcke in Plattenbauweise das Stadtbild. Umgeben von Grünanlagen und einem administrativen Zentrum in der Stadtmitte legten die Planer Pripjat bis 1975 für etwa 12 000 Einwohner aus. Staat und Partei warben in der ganzen Sowjetunion für das Projekt. Das Resultat war, dass die zukünftige Bevölkerung nicht nur aus allen Teilen der Sowjetunion stammte, sondern zumeist auch recht jung war – der Altersdurchschnitt lag bei etwa 26 Jahren.25 Die meisten Arbeiter, die die Siedlung Prjpjat und das Atomkraftwerk Tschernobyl erbauten, blieben anschließend. In den 1980er-Jahren besaß die Stadt einen für sowjetische Verhältnisse relativ hohen Lebensstand, der zahlreiche weitere Menschen anzog. Bis 1985 stieg die Einwohnerzahl auf fast 48 000, Planungen für eine Erweiterung waren im vollen Gange. Mit seinen 150 Wohnblöcken, Sportstadien, Schwimmbädern, zahlreichen Kultur- und Freizeiteinrichtungen sowie mehreren Kaufhäusern und Supermärkten präsentierte sich Pripjat als sozialistische Musterstadt, die zeigen sollte, wozu das Sowjetsystem – dank der Atomkraft – fähig war.26

Abb. 2: Blick über Pripjat auf das Kernkraftwerk Tschernobyl Mitte Mai 1986.

Den umfangreichen Aushub- und Planierungsarbeiten folgte am 15. August 1972 die symbolische Grundsteinlegung des Kraftwerks. Nach Leningrader Vorbild waren Design, Funktionsweise und vorgesehene Leistung der Atomkraftwerke Kursk und Tschernobyl im Grunde gleich. Nur beim etwas später errichteten Atomkraftwerk in Smolensk passte man die Konstruktion den neuesten Erkenntnissen an. Allen vier Kraftwerken, Leningrad, Kursk, Tschernobyl und Smolensk war die geplante elektrische Leistung von 2 000 MW in einer ersten sowie von weiteren 2 000 MW in einer zweiten Baustufe gleich, wobei immer zwei Reaktoren paarweise eine Baustufe ergaben.