37 systemische Methoden - Sandra Brauer - E-Book

37 systemische Methoden E-Book

Sandra Bräuer

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Beschreibung

Welche sind die Lieblingsmethoden systemisch arbeitender Coaches, Berater:innen und Therapeut:innen? Sandra Brauer, Gründerin des Systemischen Netzwerks, stellte ihren Kolleginnen und Kollegen genau diese Frage. Aus den Antworten wählte sie 37 Methoden aus, die in diesem Buch jeweils anhand eines Praxisbeispiels vorgestellt werden. Die folgenden Themenbereiche werden berücksichtigt: Klärung – Lösung – Entscheidung Ressourcen – Stärken – Werte Reflexion – Ziele – Perspektiven Kommunikation – Klarheit – Feedback Lebenswege – Muster – Selbstmanagement Bewährte und innovative Methoden aus der Praxis für die Praxis - Vielfältige Methodensammlung für verschiedene Einsatzbereiche - Kurz, prägnant und übersichtlich präsentiert - Praxistauglich für alle systemisch arbeitenden Fachkräfte

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sandra Brauer (Hrsg.)37 systemische Methodenfür Beratung, Coaching, Therapie

Über dieses Buch

Bewährte und innovative Methoden aus der Praxis für die Praxis

Mit welchen Methoden arbeiten systemische Coaches, Berater:innen und Therapeut:innen am liebsten? Sandra Brauer, Gründerin des Systemischen Netzwerks, stellte ihren Kolleginnen und Kollegen genau diese Frage. Aus den Rückmeldungen entstand dieses Buch: Eine vielfältige Methodensammlung für verschiedene Einsatzbereiche. Kurz, prägnant und übersichtlich werden die Methoden präsentiert, ergänzt durch ein Anwendungsbeispiel oder Erfahrungen aus der eigenen Arbeit.

Die folgenden Themenbereiche finden Berücksichtigung:

Klärung – Lösung – Entscheidung

Ressourcen – Stärken – Werte

Reflexion – Ziele – Perspektiven

Kommunikation – Klarheit – Feedback

Lebenswege – Muster – Selbstmanagement

Sandra Brauer, Diplom-Kauffrau (FH), Systemische Beraterin (DGSF-zertifiziert), Stressmanagement-Trainerin, Prozessbegleiterin in der digitalen Transformation, Lehrauftrag an der FOM Hochschule Hamburg; Gründerin des Systemischen Netzwerks. Schwerpunkte: Coaching von Einzelpersonen und Teams, Vermittlung digitaler Kompetenzen.

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2025

Coverbild: © Volha – stock.adobe.com

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Wir behalten uns eine Benutzung des Werkes für Text und Data Mining i.S.v. § 44b UrhG vor.

Junfermann Verlag GmbH, Driburger Straße 24d, D-33100 Paderborn, Tel.: +49 5251 1344-0, E-Mail: [email protected]

Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2025

ISBN 978-3-7495-0641-5

ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0642-2 (EPUB), 978-3-7495-0643-9 (PDF).

Einleitung

Im Jahr 2016 saß ich in meiner ersten systemischen Weiterbildung und wartete sehnsuchtsvoll darauf, endlich zu lernen, wie ich als systemische Beraterin und Coach wirksam werden kann. Vor allem wartete ich gespannt darauf, viele Methoden kennenzulernen. Sie würden mir dazu verhelfen, eine richtig gute Prozessbegleiterin zu werden. Da war ich mir sicher.

Meine Lehrdozentin lächelte entspannt und sagte nur, sie müsse mich enttäuschen. Ich war betrübt und skeptisch. Zwar führte sie weiter aus, es gehe um viel mehr als „nur“ um Methoden, doch von meiner Skepsis blieb noch etwas. Gleichzeitig wurde ich aber neugierig auf das, was da wohl noch auf mich zukommen würde.

In der systemischen Ausbildung sprachen wir immer wieder über unsere Haltung, unsere professionelle Haltung und die Entwicklung unserer Berater:innenpersönlichkeit. Dennoch suchte ich weiter nach Tools, nach Werkzeugen und eben nach Methoden. Vermutlich aus dem schlichten Grund, dass ich mir von ihnen Sicherheit für die Begleitprozesse erhoffte. So dachte ich zumindest damals.

Erst später, mit immer mehr Praxiserfahrung und auch Weiterbildung, verstand ich langsam, dass unser Verhalten und unsere Sprache auf unseren Werten basieren. Werte, die wir in uns tragen, aus denen wir Prinzipien oder auch Glaubenssätze abgeleitet haben, nach denen wir unser Verhalten und unsere Kommunikation ausrichten. Diese Erkenntnis war und ist bis heute für mich unendlich wertvoll.

Die systemische Arbeit basiert auf stark humanistisch geprägten Werten. Unsere Absicht ist es, Menschen zu stärken, ihnen einen Perspektivwechsel im Denken anzubieten. Hier beziehen wir das Umfeld mit ein, weil wir wissen: Symptome oder Probleme sind immer im Kontext zu betrachten. Und wir glauben daran, dass die Lösung im Klient:innensystem bereits vorhanden ist und wir helfen, diese hervorzubringen.

Warum braucht es nun ein systemisches Methodenbuch, wenn doch die Haltung so wesentlich ist? Aus einem ganz einfachen Grund: Systemische Methoden unterstützen uns ganz wunderbar darin, unserer systemischen Haltung Ausdruck zu verleihen und getreu unseren Werten zu handeln. Insbesondere für Einsteiger:innen in Beratung, Coaching und Therapie können sie hilfreich sein, um gut vorbereitet in einen Beratungsprozess zu gehen. Ebenso können auch erfahrene Prozessbegleiter:innen durch die Anwendung neuer bzw. anderer Methoden Dynamik in eine vielleicht etwas festgefahrene Beratungssituation hineinbringen.

Wir Systemiker:innen treffen uns oftmals in Intervisions- oder Supervisionsgruppen, um unser Methodenwissen zu festigen. Im besten Fall erarbeiten wir uns auf diese Weise einen Schatz, den wir perspektivisch zu jeder Zeit abrufen können. Dieses Buch darf dabei unterstützen und den schon vorhandenen Schatz anreichern.

Was erwartet die Leser:innen?

Das vorliegende Buch greift verschiedene Methoden auf, die in der systemischen Arbeit Anwendung finden. Die Besonderheit ist, dass Systemiker:innen aus der Praxis berichten, wie sie die jeweilige Methode einsetzen, vielleicht auch, mit welchen Varianten. Auf diese Weise zeigt sich die Wirksamkeit der Methoden, und gerade aus Praxisbeispielen können eigene Anwendungsmöglichkeiten und Varianten der Umsetzung entstehen.

Bei der Strukturierung der Methoden haben wir uns auf folgende Cluster verständigt, was nicht bedeuten soll, dass eine Methode nicht auch zu einem anderen Zweck genutzt werden könnte:

Klärung – Lösung – Entscheidung

Ressourcen – Stärken – Werte

Reflexion – Ziele – Perspektiven

Kommunikation – Klarheit – Feedback

Lebenswege – Muster – Selbstmanagement

Das Buch basiert auf der Online-Methodensammlung des systemischen Netzwerks. 2020 haben wir damit begonnen und setzen die Sammlung immer weiter fort: https://systemischesnetzwerk.de/methodensammlung.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal herzlich allen Methodensponsor:innen, wie ich sie nenne, danken. Meine Kolleg:innen haben in den letzten Jahren ihr Methodenwissen mit uns freimütig und gern geteilt – und nur so konnte schließlich dieses Buch entstehen.

Noch viel mehr möchte ich meinem so wertvollen Netzwerk danken, das meiner Idee dieses so umfangreichen Buchprojekts mit 28 Co-Autor:innen mit vollem Enthusiasmus und viel Verbindlichkeit und Kreativität in der Umsetzung gefolgt ist. Herzlichen Dank an jede:n Einzelne:n für Euren Beitrag. Wissen, Lernen, Erfahrungen teilen: Das macht Gemeinschaft aus, vor allem unsere systemische Gemeinschaft. Ganz klar sind wir in dem Ziel vereint: die bestmögliche Arbeit und damit Wirksamkeit für unsere Klient:innen.

Viel Freude beim Lesen und Lernen!

Sandra Brauer

1. Klärung – Lösung – Entscheidung

1.1 Bodenanker in der Aufstellungsarbeit (Chantelle Copeland)

Setting:1:1-Setting; im Anwendungsbeispiel geht es um die Anwendung im Coaching. Die Methode kann jedoch auch in der Beratung sowie in Therapie und Supervision angewendet werden.

Ziele:Muster erkennen, Perspektivwechsel, Lösen innerer Blockaden, Verstrickungen ans Licht bringen, Problemlösung

Benötigtes Material:Farbige Papierbögen oder Filzstücke, die groß genug sind, um darauf zu stehen (DIN-A4), mit einer Aussparung zur Richtungsangabe; Papier und Stift.

Kurzbeschreibung:Aufstellungen können auf unterschiedliche Weise und unter Verwendung verschiedener Hilfsmittel erfolgen. Ich werde im Folgenden die Verwendung von „Bodenankern“ als Hilfsmittel für 1:1-Coaching-Sitzungen veranschaulichen.

Die Bodenanker stehen für verschiedene Mitglieder und Anteile des Systems (z. B. Familienmitglieder, Mitarbeiter:innen, Gefühle ...), mit dem wir arbeiten, und sie werden anstelle der tatsächlichen Systemmitglieder eingesetzt. Die unterschiedlichen Farben der Bodenanker geben hilfreiche Hinweise innerhalb der Aufstellung.

Die Methode kann für eine Vielzahl von Themen verwendet werden.

Quelle / Urheber:in:Die Aufstellungsarbeit wurde in ihren verschiedenen Formen von unterschiedlichen Personen entwickelt und weiterentwickelt. Die Verwendung von Bodenankern aus Papier oder Filz habe ich in meiner Ausbildung zur systemischen Beraterin bei Sigrid Tomberg kennengelernt. Sie ist jedoch nicht die Urheberin dieser Methode.

Anwendungsbeispiel für Bodenanker in der Aufstellungsarbeit

Eine 43-jährige Personalreferentin in Elternzeit kam mit dem Anliegen ins Coaching, ihre nächsten Karriereschritte zu klären. Ihr derzeitiger Arbeitgeber konnte ihr im Anschluss an die Elternzeit keine Position anbieten, die ihren Fähigkeiten und Qualifikationen entsprach. Sie wollte eine Veränderung herbeiführen, war sich jedoch unsicher, welchen Weg sie einschlagen sollte. Ihr schwebten drei Optionen vor: sich nach einer anderen Stelle im Personalwesen umzusehen, eine Arbeit als Gesundheitscoach zu suchen (sie stand kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung in diesem Bereich) oder sich mehr auf ihre Arbeit im Network-Marketing zu konzentrieren. Die Aussicht, einen gut bezahlten und sicheren Job für etwas Unbekanntes aufzugeben, machte ihr besonders zu schaffen.

Anliegen festlegen:

Zu Beginn der Sitzung legten wir gemeinsam das Anliegen fest: Die Klientin wollte für sich klären, was sie als Nächstes beruflich tun sollte. Gleichzeitig wünschte sie sich die Sicherheit, die richtige Entscheidung zu treffen. Wir beschlossen, eine Aufstellung mit Bodenankern zu diesem Thema durchzuführen.

Auswahl der Bodenanker

: Die Klientin wählte Bodenanker aus. Einen für sich selbst (grün), einen für ihre Arbeit im Bereich Personalwesen (lila), einen für die Arbeit im Network-Marketing (hellblau), einen für die Online-Arbeit als Gesundheitscoach (mittelblau) und einen für das Gesundheitscoaching vor Ort (rosa). Sie wählte auch einen Bodenanker für den Mut (rot), den sie ihrer Meinung nach brauchen würde.

Aufstellen:

Ich bat die Klientin, die Bodenanker im Verhältnis zueinander auf dem Boden zu platzieren, mit dem Hinweis, dies intuitiv zu tun, ohne zu viel nachzudenken. Sie legte drei Bodenanker in einer Halbkreisformation aus. Den für sich selbst in die Mitte und rechts und links neben sich den für Network-Marketing und für die Arbeit als Online-Gesundheitscoach. Der Bodenanker für das Offline-Gesundheitscoaching wurde etwas außerhalb des Kreises platziert und der für den Mut ebenfalls etwas weiter weg, gegenüber dem Bodenanker für das Offline-Coaching. Alle Bodenanker waren nach innen ausgerichtet. Nur der Bodenanker für ihre Arbeit im Bereich Personalwesen lag außerhalb des Kreises, hinter der Klientin und in die entgegengesetzte Richtung weisend.

Abbildung 1:

Ausgangsbild

Prozess:

Beginnend mit ihrem eigenen ließ ich die Klientin abwechselnd auf jedem der Bodenanker stehen. Ich bat sie zu berichten, welche körperlichen Empfindungen oder welche Gefühle, Geräusche, Gerüche oder Worte bei jeder Position auftauchten. Sie sollte sich für jede Position Zeit nehmen, um wirklich alles wahrzunehmen, was in ihr vorging.

Veränderung und Zielbild:

Schnell wurde der Klientin klar, dass sie den Bodenanker für das Offline-Gesundheitscoaching loslassen und sich stattdessen auf das Online-Coaching konzentrieren wollte. Sie erkannte auch, dass sie die Selbstständigkeit der Suche nach einer Anstellung vorzog. Ebenso wurde ihr klar, dass eine weitere Karriere im Personalbereich für sie aktuell nicht von Interesse war, sie diese aber als „Plan B“ beibehalten wollte.

Eine positive Erfahrung war für sie das Stehen auf den Bodenankern für Network-Marketing und Online-Gesundheitscoaching; beide erfüllten sie auf unterschiedliche Weise. Sie entschied sich auch, einen weiteren Bodenanker für „Fokus“ (gelb) hinzuzufügen, um konzentriert zu bleiben und ihre Ausbildung zu beenden.

Der Bodenanker für Mut brachte einige Entdeckungen über den Ursprung ihrer Ängste, auch über alte Ängste und von ihren Eltern stammende einschränkende Glaubenssätze. Wir sprachen darüber, was sie brauchte, um mutig zu sein, und eines der Schlüsselelemente war Selbstvertrauen. Nach kurzem Nachfragen erinnerte sie sich an frühere Erfahrungen, in denen sie selbstbewusst und mutig war und ihre Ängste überwunden hatte. Sie erkannte, dass sie auch in Zukunft wieder mutig sein könnte.

Wir fügten einen Bodenanker für ihr Selbstvertrauen (dunkelgrün) hinzu und passten die Positionen der Bodenanker an, bis sie sich gut und richtig an ihrem Platz anfühlten. Bei jedem „Umzug“ fragte ich sie, welche Veränderungen sie bemerkte und was sie eventuell noch brauchte.

Während des Prozesses erstellten wir eine Liste mit den Dingen, die sie für notwendig hielt, um auf ihrem Weg voranzukommen. Dazu gehörten unter anderem ein Sparringspartner, (noch mehr) positive Erfahrungen, die Konzentration auf den Abschluss ihrer Ausbildung und das Vertrauen in sich selbst und ihre Stärken.

Das im Prozess entstandene Zielbild zeigte den Bodenanker für die Klientin, umgeben von „Selbstvertrauen“ und „Mut“, mit Fokus auf Selbstständigkeit als Network-Marketerin und Gesundheitscoach. Ihre Arbeit in der Personalbranche blieb als Ausweichmöglichkeit bestehen, spielte aber aktuell keine bedeutende Rolle.

Abbildung 2:

Zielbild

Sie verspürte großen Tatendrang und mehr Sicherheit bezüglich dessen, was sie tun wollte. Und sie war überzeugt, dass es klappen würde.

Zum Abschluss der Sitzung reflektierten wir ihre Erfahrungen und erstellten eine Liste mit ihren nächsten Schritten. Ich gab ihr die „Hausaufgabe“, Symbole zu finden oder anzufertigen, die sie künftig als Anker für die Gefühle verwenden konnte, die sie bei den Bodenankern für Mut und Selbstvertrauen erlebt hatte. Wir sprachen darüber, welche Bilder diese Gefühle darstellen könnten und die Klientin hatte sofort konkrete Ideen. Ich schlug vor, die Symbole an einer Stelle zu platzieren, an der sie sie oft sehen könnte. Sie entschied sich, sie dort anzubringen, wo sie künftig arbeiten würde.

1.2 Tetralemma (Saskia Grimm)

Setting:1:1-Setting in der Beratung (Anwendungsbeispiel)

Ziele:Die Methode dient als Entscheidungs- und Klärungsmodell, insbesondere in komplexen oder festgefahrenen Situationen, in denen Klient:innen Schwierigkeiten haben, Entscheidungen zu treffen.

Benötigtes Material:Seil oder Kordel, Papier, Stifte

Kurzbeschreibung:Bei Entscheidungen haben wir oft das Gefühl, uns auf das EINE oder das ANDERE festlegen zu müssen und sind so in einer sehr engstirnigen Entweder- / oder-Denkweise gefangen. Mit dem Tetralemma ist es möglich, aus möglicherweise sehr festgefahrenen Denkmustern auszubrechen und den Weg für kreative und flexiblere Lösungsideen freizumachen.

Hierfür bietet das Tetralemma insgesamt fünf Entscheidungsoptionen an. Man muss sich nicht endgültig auf eine Lösung festlegen, sondern kann später weitere Optionen hinzufügen.

Die vier Grundoptionen:

DAS EINE

DAS ANDERE

BEIDES

KEINS VON BEIDEM

Von buddhistischen Logikern wurden die vier Grundoptionen um eine fünfte Perspektive außerhalb des Tetralemmas ergänzt:

ALL DAS NICHT – UND SELBST DAS NICHT

In der Beratung wird das Tetralemma meist im Raum mit Seilen oder Kordeln in Form eines Kreuzes von vier Feldern ausgelegt (für die vier Grundoptionen). Die fünfte Option wird als weiteres Feld außerhalb des Kreuzes positioniert. Die Methode eignet sich sowohl für Präsenz- als auch für Onlinesitzungen.

Quelle / Urheber:in:Die Ausführungen basieren teilweise auf folgender Quelle:

Heiko Kleve & Jan V. Wirth (Hrsg.) (2022): Lexikon des Systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie. Heidelberg: Carl-Auer-Verlag, 2. Auflage.

Für das Tetralemma werden in der Beratung meist beschriftete Zettel mit Seilen oder Kordeln auf dem Boden ausgelegt, sodass sich folgendes Bild ergibt:

Ergänzend wird die fünfte Option außerhalb des Tetralemmas platziert:

Was bedeuten die Positionen?

DAS EINE: Ich entscheide mich für diese Option.

DAS ANDERE: Ich entscheide mich für die andere Option.

BEIDES: Ich ziehe beide Entscheidungsmöglichkeiten in Betracht, also nicht „entweder / oder“, sondern „sowohl als auch“.

KEINS VON BEIDEM: Hier liegt der Fokus auch auf Optionen, die möglicherweise BEIDES tangieren. Es kann aber auch eine Option sein, die dem Entscheidungskonflikt zu Grunde liegt.

Die fünfte Option

ALL DAS NICHT – UND SELBST DAS NICHT soll kreative Denkprozesse anstoßen und möglicherweise eine völlig neue Option / Perspektive ermöglichen.

Die zu beratende Person stellt sich nach und nach in die vier Felder und soll ganz bewusst spüren, wie sich die Entscheidung anfühlen könnte. Als Berater:innen unterstützen wir sie, indem wir z. B. die Entscheidungsoptionen möglichst detailliert ausführen. Mithilfe unseres Inputs und unserer Beschreibungen sollen sich die Klient:innen ganz auf diese Entscheidung fokussieren und spüren, wie es sein könnte.

Hilfreich ist es, beim jeweils nächsten Feld zu fragen: Was ist bei dieser Entscheidung anders?

Wenn sich eine Entscheidung falsch anfühlt und nur mit negativen Assoziationen in Verbindung gebracht wird, ist es ratsam, dieses Feld wegzuräumen.

Sollte dein Gegenüber zu sehr im Thema stecken, kannst du die Methode auch dissoziativ anwenden. Deine Klientin / dein Klient stellt sich dann nicht in die Felder, sondern ihr arbeitet nur aus der Vogelperspektive und blickt auf die fünf Entscheidungsebenen.

Insgesamt eignet sich das Tetralemma sehr gut dafür, Bewegung in möglicherweise festgefahrene Entscheidungssituationen zu bringen. Es stärkt das Bauchgefühl und holt die Klient:innen aus ihrem Kopf. Das Schöne ist: Unsere Klient:innen kommen in einen wünschenswerten Gefühlszustand und können so leichter Entscheidungen treffen.

Kleiner Tipp:

Ich habe meist doppelte Entscheidungskärtchen und notiere mir das, was die Klient:innen zu den einzelnen Feldern sagen, in Form von Schlagwörtern. Diese können später für die Nachbesprechung oder gar auch zur Verankerung hilfreich sein.

Anwendungsbeispiel

Schon häufiger hatte Frau Keppler erwähnt, dass sie sich mit ihrem Vollzeitjob und den kleinen Kindern zu Hause nicht wohlfühlt. Sie wäre gerne mehr für die Kinder da, liebt aber auch ihren Beruf und möchte in keinem Bereich Abstriche machen. Für Frau Keppler steht nun im Raum: Macht sie weiter wie bisher oder möchte sie etwas verändern? Ich biete ihr an, gemeinsam die einzelnen Optionen etwas genauer zu betrachten. Deshalb bitte ich sie, mit einer Kordel im Zimmer eine Art Kreuz zu legen, sodass vier Felder entstehen. Dann gehen wir die einzelnen Optionen gemeinsam durch.

DAS EINE ist für Frau Keppler ganz klar: weitermachen wie bisher

DAS ANDERE: beruflich kürzertreten

BEIDES: Auf diesem Feld kommt sie bereits etwas ins Überlegen. Wie soll denn das gehen? Ich bitte sie, einmal darüber nachzudenken, ob es ggf. Punkte gibt, die beide Lösungen verbinden. Oder vielleicht hat sie andere Ideen, die ggf. mit beiden Lösungen zu tun haben? Sie sagt, sie könnte möglicherweise ihre Arbeitszeit nur etwas reduzieren, auf 80 %, damit ihre Karriere nicht auf dem Spiel steht.

Hier wird klar, wo das eigentliche Problem liegt bzw. was für den inneren Konflikt sorgt. Bei einer Reduzierung auf 80 % käme Frau Keppler für die leitende Position infrage, auf die sie schon sehr lange hingearbeitet hat. Sie möchte diese Chance nicht aufgeben. Aber auch ihre Familie will sie nicht im Stich lassen.

KEINES von BEIDEM: Auch das vierte Feld sorgt für Fragezeichen. Wir lassen es vorerst einfach mal so, ohne konkret eine Idee zu haben.

Das fünfte Feld lasse ich außen vor, denn für mich sieht es bereits so aus, als würde sich Frau Keppler klar in eine Richtung bewegen.

Ich bitte sie jetzt, sich in die vier Felder zu stellen. Nachdem sie einige Minuten in einem der Felder gestanden hat, frage ich sie jeweils, wie es sich anfühlt. Das erste Feld fühlt sich für sie sehr gut an, das zweite eher nicht. Ich frage deshalb nach, was beim zweiten Feld anders ist und direkt kommt von ihr der Impuls, sie könne hier nicht glücklich werden. Also „sortieren“ wir das zweite Feld erstmal „aus“.

Im dritten Feld fühlt sie sich wieder wohler, was sich auch in ihrer Körpersprache und einer entspannteren Körperhaltung zeigt.

Die vierte Option ist für Frau Keppler zunächst eher schwierig vorstellbar, doch dann hat sie eine Idee, wie hier eine Entscheidung aussehen könnte. Sie ist im Gesundheitswesen tätig und arbeitet in einer Klinik. Vielleicht könnte sie in eine Arztpraxis mit geregelteren Zeiten wechseln? Als sich Frau Keppler jedoch diesen Lösungsweg konkret ausmalt und in die Option hineinspürt, erweist sich die Idee als nicht umsetzbar.

Wir besprechen das Erlebte intensiv nach und ich melde ihr zurück, welche Schlagwörter ich zu jedem Feld notiert habe. So wird klar, dass lediglich Feld 3 (BEIDES) geblieben ist.

Daran ändert sich auch im weiteren Verlauf nichts. In der Nachbesprechung begleite ich Frau Keppler dahingehend, das neue wünschenswerte Gefühl des dritten Felds zu verfestigen. Wir erarbeiten einen Anker (ein Foto der vier Felder) und überlegen, welches die weiteren Schritte sein können (Gespräch mit ihrem Mann, Austausch mit ihrem Chef).

1.3 Die Kreismethode (Elena Heucke)

Setting:1:1-Setting oder Mehrpersonen-System (Paar, Gruppe) in Coaching oder Beratung

Ziele:Aktivierung des Kreativitätszentrums, um eigene Handlungsoptionen zu erarbeiten

Inhaltsverzeichnis

Über dieses Buch

Einleitung

1. Klärung – Lösung – Entscheidung

1.1 Bodenanker in der Aufstellungsarbeit (Chantelle Copeland)

1.2 Tetralemma (Saskia Grimm)

1.3 Die Kreismethode (Elena Heucke)

1.4 SAG-ES-Methode (Anna-Lena Janz)

1.5 Reflecting Team (Stefanie Kirschenmann)

1.6 Der Innere ResonanzRaum (Katharina Klaholz)

1.7 Innere Konflikte mit LEGO® Serious Play® klären(Lina Leppke)

1.8 An der Weggabelung (Nicole Prüger)

1.9 Die Selbstklärungskette (Christoph Zill)

1.10 Skalierung (Grazia Rinallo)

2. Ressourcen – Stärken – Werte

2.1 Ressourcenorientierung (Sandra Brauer)

2.2 Mein Wertekompass (Sandra Brauer)

2.3 Lebensfluss (Sandra Burgstaller)

2.4 Tree of Life – Lebensbaum (Sandra Burgstaller)

2.5 Zürcher Ressourcenmodell (Mirja Grüter)

2.6 Drei Murmeln für mein Glück (Carola Hanusch)

2.7 Die Ressourcenblume (Anja Hartmann)

2.8 Der Persönlichkeitssturm (Neda Mohagheghi)

2.9 Das Ressourcenbarometer (Marion Oberheiden)

2.10 Der Weg zum inneren Gleichgewicht: Die vier Säulen der Persönlichkeit (Marion Oberheiden)

2.11 Circles of Support: Ein stärkender Perspektivwechsel in Krisenzeiten (Stefanie Peschel)

3. Reflexion – Ziele – Perspektiven

3.1 Sechs Denkhüte (Marcel Binzenhöfer)

3.2 Rollenklarheit (Marcel Binzenhöfer)

3.3 Sprachliche Interventionen (Sandra Brauer)

3.4 Skulpturarbeit (Luisa Gundlach)

3.5 Reframing (Daniela Haake)

3.6 Zurück in die Zukunft: Die Geburtstagsrede (Lina Leppke)

3.7 Das Genogramm: Der kleine König (Michael Padel)

3.8 Die Zwei-Hände-Methode (Grazia Rinallo)

3.9 Externalisierung (Viola Windgassen)

3.10 Die Schaukelbank-Methode (Nicole Woltmann)

3.11 Systemische Fragetechniken (Lenja Lehnhard)

4. Kommunikation – Klarheit – Feedback

4.1 Timeboxing (Julia Bilowitzki)

4.2 Die Busfahrt (Tobias Lienhard)

5. Lebenswege – Muster – Selbstmanagement

5.1 STOP-Methode (Sylvia Heine)

5.2 Die Heldenreise (Benedikt Hüsch)

5.3 Die Wunderfrage (Benedikt Hüsch)

Bonus-Methode: Dankbarkeitsbilder – visuelle Anker für mehr Wohlbefinden und Selbstwirksamkeit(Nicole Woltmann)

Die Autor:innen

Literatur

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