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Severin Kunz fährt in eine Radarfalle und verliert den Führerschein für einen Monat. Der Finanzbuchhalter eines Baumarktes nimmt seine lang angestauten Ferien und versucht mit einer langen Wanderung auf dem Jurahöhenweg dem Spott der Kollegen zu entkommen. Dabei stolpert er dauernd über sein verkorkstes Leben, seine Liebeswunden und eine Frau, die ebenfalls von seltsamen Umständen geplagt und von merkwürdigen Geistern begleitet wird.
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2021
Für Bettina
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Eigentlich ist Behrend schuld – er hatte ihn provoziert. Und er hatte sich provozieren lassen. Die ganzen andauernden leisen Sticheleien der letzten Monate seit Behrend angefangen hatte, waren heute ausgebrochen.
Der rote Blitz reisst ihn aus seinen Gedanken und sofort wird ihm klar, dass er viel zu schnell durch die Tempo 30-Zone gefahren war.
Die Beamten der Polizei sind anständig und lassen ihn immerhin noch nach Hause fahren. Die Mitteilung über den bevorstehenden Führerscheinentzug nimmt er abwesend und in sich gekehrt zur Kenntnis.
Schon nach ein paar Tagen kommt das Informationsschreiben des Richteramtes: Fahrverbot für einen Monat und damit die Gewissheit über eine tiefe Demütigung, der er ausgesetzt sein würde. Er würde mit der verspäteten Bahn in stickigen Wagen zur Arbeit fahren müssen. Ausgerechnet er. Vor bald zwei Jahren hatte sich die Geschäftsführung von Fox Baumarkt entschieden, in der Zentrale den lokalen Mitarbeitern keine Parkplätze mehr auf dem Firmengelände anzubieten. Damals hatte bei der Planauflage eines Erweiterungsprojekts ein Umweltverband mit einer Beschwerde eine massive Beschränkung der verfügbaren Parkplätze erreicht.
Sein Freund, der Controller, ärgerte sich anfangs im gleichen Mass über die abstruse Idee der Geschäftsleitung, gab aber bald klein bei und wurde zum überzeugten Bahnfahrer. Er selber umging die Schmach auf seine eigene Weise und mietete in der Tiefgarage einer nahegelegenen Neubausiedlung einen Einstellplatz. Die monatlichen Kosten von hundertdreissig Franken sind sein persönlicher Luxus.
Er weiss, alle seine Kolleginnen und Kollegen schütteln den Kopf wegen seiner Sturheit. Der Controller zieht in regelmässig dafür auf. Und er würde ihn nun noch weiter aufziehen. Für Spott hat er selbst gesorgt. Aber er will sich nicht weiteren unnötigen Spässen stellen.
Wütend geht Severin Kunz im Oltner Chöbu, seiner Lieblingskneipe, die Treppe zur Toilette hinunter, wuchtet die Türe auf und erschreckt dabei einen rotbärtigen Arbeiter beim Händewaschen fast zu Tode. Er murmelt eine Entschuldigung und geht zum Urinal, um sich zu erleichtern.
Er blickt zurück, wie der Abend bisher verlaufen war. Der Controller hatte seine ganze Argumentationskette durchschaut und ihn geneckt.
„Du willst bloss, dass keiner merkt, dass du den Führerschein los bist!”, und etwas ernster, „immer willst du kontrolliert bleiben, dabei drehst du schon lange im roten Bereich. Seit Leah weg ist, bist du nicht mehr der Alte, egal wie fest du dir und mir etwas Anderes vormachst. Dies ist dein eigentliches Problem, nicht der Führerschein.”
Ein Wort gab das andere und sie hatten sich gestritten, was bisher noch nie vorgekommen war.
Sein Kopf pocht vor Erregung und auch vom Alkohol. Seine Augen brennen. Beim Urinieren mustert er die Fliesen vor den Augen. In einer Reihe sind da abwechselnd weisse und schwarze Wandkacheln im ansonsten nur weiss gefliesten Raum. Wer immer sich dabei etwas gedacht hat. Weiss - schwarz - weiss - schwarz – weiss. Wie Schiessscharten einer Burg, die ihn nur teilweise schützen. Wie sein Leben. Er hatte Treffer abbekommen, immer wieder. Seine gut gebaute Burg stürzt ein, das ist ihm jetzt bewusst.
Kunz dehnt seine brennenden Augen nach allen Richtungen. Sein Blick streift dabei eine Werbefläche auf der Oberseite des Urinals. Der Hersteller preist hier die Werbefläche zur Miete an: ‚Sie suchen eine nachhaltige Alternative? Wir haben die Lösung!‘ steht da. Kunz denkt über das Gelesene nach. Nachhaltige Alternative.
Er geht zum Lavabo, wäscht sich die Hände und schaut gedankenverloren seinen von Alkohol und Wut geröteten Kopf an. Er kühlt den Kopf und vor allem seine brennenden Augen mit kaltem Wasser und trocknet sich langsam mit einem gezogenen Papiertuch die Hände. Zurück in der Gaststube schaut der Controller ihn mit einem schuldbewussten Blick an und entschuldigt sich. Kunz entschuldigt sich auch und murmelt, „du hast schon recht”.
„Claudia, bitte noch zwei Maschinen für uns”, ruft der Controller und die Bedienung bestätigt, „zwei grosse Weizen”.
„Eine nachhaltige Alternative“, fängt er an, die Reklame immer noch im Kopf, „eine nachhaltige Alternative zu meinem jetzigen Leben brauche ich. Ich muss wieder zu mir kommen. Ruhe in mir selbst finden. Freude spüren.”
„Ja, bitte”, bestätigt der Controller.
Schweigend trinken sie die ersten Schlucke der frisch gezapften Weizenbiere.
„Und jetzt, was machst du daraus?”, nimmt der Controller das Gespräch wieder auf.
Kunz zuckt mit den Schultern. „Den Urlaub habe ich eingegeben, und er wurde erstaunlicherweise auch ohne Probleme bewilligt“, und nach einem erneuten Schluck, „fünf Wochen am Stück, das hatte ich letztmals in der Sekundarschule.“
„Du scheinst Behrend mit deinem Wutausbruch – den übrigens jeder im Stockwerk hörte – ziemlich beeindruckt zu haben. Nur Minuten später kam er mit hochrotem Kopf in mein Büro und fragte mich, ob du private Probleme hättest.“ Dass er Behrend auf Kunz‘ aufgestauten Urlaubsanspruch aufmerksam machte, liess der Controller jetzt absichtlich aussen vor. „Du solltest dich von deiner trüben Gedanken verabschieden, Ruhe bekommen und vor allem einmal verreisen“, sagt er bestimmt und nach einem weiteren Schluck aus dem Bierglas, „wohin fährst du?“
Severin hebt ratlos die Schultern. „London? Aber ob dies mich zur Ruhe bringt?“
„Wohl eher nicht. Ich war letztes Jahr mit Marion in der Weihnachtszeit dort. Der Lärm, die vielen Leute, pures Überlebenstraining an den Fussgängerstreifen. Noch nachts im Hotelbett musste ich darüber nachdenken, ob ich jetzt rechts oder links schauen muss, damit ich nicht von einem der Taxis flach gewalzt werde”, entgegnet der Controller.
Kunz grinst. Er weiss, dass der Controller am liebsten zuhause in seinem Garten werkte oder in Ruhe in der Garage an einem seiner Autos schraubte.
„Sieh einer an, da ist ja wieder einmal ein Lächeln zu sehen. Aber im Ernst: Du brauchst etwas, dass dich zwingt, dich mit dir selber und deinen Gedanken zu beschäftigen. Und das geht nur mit viel Zeit und Langsamkeit.”
„Zeit und Langsamkeit”, wiederholt Kunz, “das habe ich ja auch zuhause.”
„Nein, zuhause hast du den Fernseher. Der lenkt ab und regt auf. Du brauchst Bewegung und gleichzeitig Ruhe. Ruhe – Bewegung – Nachdenken. Eine Fahrradtour – mit dem Zelt zum Beispiel. Eine Fahrt dem Rhein entlang”.
Kunz verdreht die Augen. „Fahrrad. Rhein. Mir dreht sich jetzt schon alles. Und denk mal, ich bin ja nicht wirklich so praktisch veranlagt. Wie sollte ich also ein Zelt aufstellen, danach nachts wilden Hippies zuhören, die von schlecht gestimmten Gitarren begleitete Lieder singen oder tagsüber besoffene Holländer ertragen, die vor ihren Wohnwagen mit Blumenkistchen ihre weissen Ranzen auf den Liegestühlen sonnen? Im Kopf stelle ich mir gerade die grellbeleuchtete Lorelei vor! Gleich kommt mir das Kotzen.”
„Ist wohl noch nicht ganz das Richtige, aber die Richtung stimmt schon”, entgegnet der Controller grinsend und scherzt weiter, „wie wär’s mit Wandern in einem einsamen Canyon. Nur du und die hungrigen Kojoten, sonst niemand. Pünktlich um sieben jeden Abend bringt dich eine schwarze Limousine in ein 5-Sterne Hotel, in dem dir dein omelette aux truffes périgord serviert wird und du im Himmelbett schlafen kannst.”
„Schon viel besser.”
Der Controller verdreht die Augen und ruft: „Claudia, zahlen bitte! Severin zahlt heute mit dem Sitzungs-Honorar”, die Bedienung zieht fragend eine Augenbraue hoch und der Controller erklärt, „dem Sitzungs-Honorar für die heutige Inanspruchnahme meiner Dienste als Psychologe.”
Das Treffen mit dem Controller hat ihm trotz des Streits gut getan. Severin Kunz tritt ins Freie und lässt die Kühle des Abends auf sich wirken. Er entscheidet sich heute für den Weg über die alte Holzbrücke, obwohl der Weg über die Bahnhofbrücke ihn schneller heimbringen würde. Er fühlt als Folge des Alkohols inzwischen eine behagliche Wärme und Dumpfheit in sich. Anfangs Holzbrücke fällt sein Blick auf ein Schild, das der städtische Werkhof an die Tür des öffentlichen Pissoirs geschraubt hatte. Eine Information, dass die Toilette aus Schutz vor Vandalismus ab 20 Uhr geschlossen sei.
In der Zeit als er noch mit Leah in einem Vorort der Stadt gewohnt hatte und immer nach dem Besuch im Chöbu nach Hause gelaufen war, waren Toiletten auch schon früh geschlossen, sei es an der Aarebrücke oder auch im Vögelipark, einem kleinen Park mit Voliere, der sich ebenfalls auf seinem Nachhauseweg befand. Einmal hatte er derart das Bedürfnis verspürt, sich zu erleichtern, dass er dies schliesslich mangels Alternative an der Friedhofsmauer tat. Sollten wenigstens die Toten etwas davon haben.
Er lächelt fies bei diesem Gedanken und hält mitten auf der leeren Holzbrücke. Er schaut ins Wasser, flussabwärts in Richtung Bahnhofbrücke. Gewitter in den vergangenen Tagen hatten zu einem recht hohen Wasserstand geführt. Vor einigen Jahren hatten sie in Bern die Asche eines verstorbenen Jugendfreundes in die Aare gestreut. Die Asche – hatte er sich immer vorgestellt – würde mit dem Wasser nach Olten die Aare abwärts, später in den Rhein und weiter vorbei an grossen Städten bis in die Nordsee getragen. Bei der Bestattung hatte er geheult wie nie zuvor. Inzwischen ist der Schmerz verflogen und irgendwie in die Ferne gerückt.
Kunz geht weiter durch die Winkelunterführung, dann den Geleisen nach bis zum Bahnhof. Es ist nicht viel Betrieb. Einsam dumpf klingen die vertrauten Lautsprecherdurchsagen zu irgendwann abfahrenden S-Bahn-Zügen. Er biegt in die Martin-Disteli-Strasse ein und geht die paar hundert Schritte hoch zu seinem älteren Reihenhaus aus den neunzehndreissiger Jahren. Er drückt das schmiedeeiserne Tor, welches mit einem Quietschen nachgibt und tritt in den schmalen Gartenweg.
Damals kurz nach der Scheidung von Leah, als er es im bisher gemeinsam bewohnten, grosszügigen Haus mit grossem Garten nicht mehr aushielt, da alles ihn an die Zeit mit Leah erinnerte, entschied er sich dazu umzuziehen. Ohne grossen Enthusiasmus studierte er die Anzeigen in einem grossen Immobilienanzeigen-Portal im Internet, als seine Aufmerksamkeit auf das kleine, von beiden Seiten eingebettete Reihenhäuschen mit vier Zimmern fiel.
Er hatte bei der bald darauf folgenden Besichtigung schon bei diesem schmiedeeisernen Tor, das mit einem Quietschen öffnete, gewusst, dass dies sein neues Zuhause werden würde. Er konnte sich nie entschliessen das Tor mit einem Tropfen Öl ruhiger zu machen. Er sah das Quietschen stets als Begrüssungs-Ritual seines Hauses.
Er musste in seinem Haus nicht viel renovieren lassen. Die Zimmer waren klein. Unter den Spannteppichen kamen Fichten-Riemenböden zum Vorschein welche er abschleifen und versiegeln liess. Im oberen Stock hatte er sich ein kleines Büro mit Blick auf die Martin-Disteli-Strasse eingerichtet. Auf die andere Seite, Richtung Hardwald, waren sein Schlafzimmer und ein Gästezimmer, welches er hauptsächlich als begehbaren Schrank benutzte. Das ganze Erdgeschoss war ein einziger Raum aus Wohnzimmer, Essecke und Küche. Die früher vorhandenen Türen wurden abmontiert und in den Keller gestellt. Die Vorbesitzer hatten in den neunzehnneunziger Jahren einen Schwedenofen und eine schlichte, aber moderne Einbauküche einbauen lassen. Da das Quartier nicht ans Gas angeschlossen war, dessen Einsatz Kunz in der Küche schätzte, liess er lediglich die Kochstelle durch ein Induktionskochfeld modernisieren.
Es ist kühler geworden. Die Oltner Chilbi ist schon vorbei. Dies beendet – so sagt man – den Sommer. Severin Kunz feuert den Schwedenofen an. Er schichtet vier Scheiter Buchenholz auf und legt wachsgetränkte Holzwolle darauf. Diese zündet er sogleich an und stapelt sorgfältig einige Späne Tannenholz in die Flamme, die sofort auflodert. Er setzt sich in seinen Ohrensessel, welchen er von einer Grosstante geerbt hatte und hört der Stille und dem leise knisternden Feuer zu.
Der Controller lag schon richtig. Die Nerven lagen bei ihm schon einige Zeit blank. Angefangen hatte alles mit der beklemmenden Einsamkeit vor vier Jahren. Damals, als sich Leah entschloss, nach Irland zurückzukehren, hatte sich eine Schlinge um seinen Hals gelegt und ihn in die Tiefe gezogen. Anfangs hatte er sich immer an den Gedanken gehalten, sie würde irgendwann wieder zurückkehren. Er hatte ihr E-Mails geschrieben, auch um zu prüfen, wie die Dinge lagen. Bald waren ihre Antworten ausgeblieben und schliesslich bekam er nach einigen erfolglosen Versuchen von seinem Schwiegervater die Auskunft, dass er sich bitte zurückhalten solle. Leah müsse sich ihr Leben in Irland wieder aufbauen und wünsche Distanz, auch in der Kommunikation. Verdammter Irrer, er hatte ihm nie verziehen, dass Leah wegen ihm die Grüne Insel verliess. Dabei war gerade sie es gewesen, die darauf drängte in die Schweiz zu ziehen.
Anfangs hatte Kunz die Einsamkeit mit viel Arbeit zu bekämpfen versucht. Hatte sich dann nach Jahren der Abwesenheit wieder bei seinem lokalen Modelleisenbahn-Verein gemeldet und sich dessen Treffen an den Mittwochabenden angeschlossen. Es war als sei er nie weg gewesen. Dieselben kauzigen Männer wie früher, einfach noch etwas ergrauter, bauten seit Jahren an einer grossen Modelleisenbahnanlage in einer Baracke im Oltner Industriequartier. Sie kümmerten sich mit grosser Fürsorge um kleine Modellbäumchen, streuten Rasenpulver auf Sperrholzplatten, klebten Modellhäuschen zusammen und liessen hin und wieder die alte Krokodil-Lokomotive eine Runde drehen. Er genoss diese Abende der beinahe lautlosen Kreativität und Tüfteleien, die hin und wieder durch stundenlange, engagierte Fachdiskussionen um Details unterbrochen wurden.
Viel Zeit verbrachte er beim Lesen. In Grosstante Bertas Ohrensessel vor dem Schwedenofen oder auch an seinem Schreibtisch im Obergeschoss. Hier waren inzwischen schon mehrere Billy-Regale aufgereiht, welche eine beachtliche Roman-Bibliothek in sich aufnahmen. Er kaufte sich die Bücher jeweils kurz nach Erscheinungsdatum von Erstlesern auf einer Internetplattform.
Es muss sich was ändern. In seinem Kopf spielen die Gedanken. Ruhe – Bewegung – Nachdenken. Nachdenken – Bewegung – Ruhe…
Er öffnet die Ofentür und schürt die Glut zusammen. Um die wohlige Wärme lange zu speichern, schliesst er die Ofenrohrklappe und geht im Halbdunkel in den oberen Stock in sein Büro, um mittels Internet-Recherche Ideen für seinen bevorstehenden Urlaub zu sammeln. Aus dem dunklen Büro sieht er draussen auf der Martin-Disteli-Strasse ein Liebespaar eng umschlungen vor sich hin schlingern.
Am gleichen Ort war er mit Leah auch eng umschlungen hochgegangen. Wenn Leah getrunken hatte, wurde sie anhänglich und schmiegte ihre Hüfte ganz fest an seine. Anfangs genoss er ihre Anhänglichkeit, auch weil sie sich jeweils liebten, wenn sie zuhause waren. Es waren ekstatische Nächte wenn Leah getrunken hatte. Leah trank normalerweise nichts, aber wenn sie trank, dann trank sie viel. Sie nannte das ihre irische Seite. Kunz schenkte dem Alkoholkonsum lange keine Beachtung. Nur seine Mutter störte sich daran, wenn Leah an Weihnachten nach ein paar Gläsern Wein kichernd wie ein Teenager auf dem Sofa sass. Anfangs vereinte sie der Alkohol, später sollte er sie auseinander reissen.
In der Ferne über den Dächern sieht Kunz in der Dunkelheit der Nacht das beleuchtete Säli-Schlössli.
Es musste wohl vor etwa fünf Jahren gewesen sein, als er das letzte Mal beim Schloss war. Er war mit Leah öfter über die Wartburghöfe zum Schloss hoch gegangen. Meist im Anschluss an eine Auseinandersetzung, nachdem sie sich wieder versöhnt hatten. In forschem Schritt gingen sie jeweils hoch, die letzte Steigung immer über die Steine rennend, um sich dann bei der Sitzbank völlig ausser Atem zu umarmen und schweigend die nahen Jura-Höhenzüge zu betrachten. Sie waren glücklich. Vielleicht war auch nur er glücklich.
Kunz‘ Augen werden wässrig, er schiebt mit der Hand symbolisch die Gedanken weg.
Sein Blick gleitet vom erleuchteten Säli-Schlössli zur Jura-Kette, welche er in der Dunkelheit nur erahnen kann. Er stellt sich die Belchenflueh vor, welche in der Ferne bei klarer Sicht steil aufragte. Er nimmt sich vor, bald wieder einmal auf die Spitze zu steigen. Vom Gedanken ans Wandern getrieben, startet er sein Notebook und beschliesst, gleich am nächsten Tag den örtlichen Sportfachmarkt zu besuchen, um sich über Wanderschuhe und Wanderkleidung zu informieren.
Künstlich sanft gleitet Annina vom Stuhl und verabschiedet sich von Jan mit einem Küsschen. Sie durchschreitet die Pizzeria mit hoch erhobenem Kopf. Vorbei an den kleinen, nur teilweise besetzten Zweiertischchen, die mit lächerlich altmodisch karierten Tischdecken überzogen sind, vorbei auch am immerzu grinsenden Pizzaiolo mit der weissen Schürze und dem verschwitzten Haar. Auf der Strasse wühlt sie in ihrer Freitag-Tasche und nimmt ein zerknülltes Päckchen Parisienne Jaune heraus und zündet sich mit zittrigen Händen eine Kippe an.
„Fahr zur Hölle!“, murmelt sie, „fahrt alle zur Hölle!“
Gleichzeitig kickt sie mit ihrem rechten Fuss an den nahestehenden Abfalleimer der Stadt Dietikon, der scheppernd wackelt.
Sie überquert die Strasse, erreicht den Bahnhof und wartet rauchend an den Selecta-Automaten gelehnt, mit geschlossenen Augen auf die nächste S3 zum Hauptbahnhof. Alles scheint den Bach hinunter zu gehen, seit ihre langjährige Beziehung mit Urs zu Ende gegangen war, und seit sie diese Träume hatte. Annina kann sich nicht über Männermangel beklagen. Aber alle Beziehungen seither hielten nie länger als drei Monate und waren dann immer ohne viel Schmerz zu hinterlassen zu Ende gegangen. Immer hatte sie die Beziehungen beendet, nur heute war ihr Jan zuvor gekommen.
Annina steigt in die S3 und lässt sich in einen der verdreckt fleckig-blauen Sitze im unteren Stock des Zuges fallen. Ihr iPhone klingelt. Es wird wohl Jan sein, der sich sorgt. Annina drückt den Anruf weg ohne auf den Bildschirm zu sehen, schaltet auf lautlos und lehnt den Kopf am Fenster an. Draussen in der Dunkelheit ziehen die Lichterketten der Gebrauchtwagenhändler vorbei. Erneut vibriert ihr iPhone. Annina lässt es eingesteckt. Im Hauptbahnhof wechselt sie die S-Bahn und fährt wieder aus der Stadt und erreicht nach einer halben Stunde Dielsdorf, wo sie wohnt.
