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Buchhalter Severin Kunz erhält Besuch aus verflossenen Zeiten. Seine langjährige Freundin Annina ist darüber nicht erfreut. Ein überraschendes Mitbringsel ändert aber nicht nur bei ihr die Gefühle. Bereits zuvor hat das Paar als Folge eines Fahrradunfalls in einer kleinen Stadt am Doubs in Frankreich Bekanntschaft mit Serendipität gemacht. Pech und Glück liegen manchmal nahe bei einander. Die Folgen dieser Ereignisse führen dazu, dass nicht nur die Welt von Severin Kunz Kopf steht.
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Für Nina, Jill und Nils
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Der Flug ist unruhig gewesen. Nicht dass er dies wirklich beurteilen könnte, denn er ist zuvor noch nie geflogen. Seine Hand ist weissgefärbt und umklammert die Armlehne. Er löst und schüttelt sie. Langsam zirkuliert das Blut wieder. Das Flugzeug steht jetzt still und die Triebwerke säuseln nur noch leise. Ein Dong ertönt und das vorher leuchtende Sicherheitsgurtzeichen erlöscht. Nervosität entsteht. Ringsum ist das Klacken der sich öffnenden Sicherheitsgurte zu hören. Die ersten Passagiere stehen in den Gang. Sie greifen mit ihren Armen nach oben und öffnen die Gepäckfächer. Vorne in der Business Class richtet sich eine Geschäftsfrau lässig den feinkarierten Blazer. Sie nimmt einen kleinen Rollkoffer aus dem Gepäckfach und führt ihn geübt zu Boden. Dabei lässt sie klickend den Haltegriff ausfahren. Sie trommelt mit ihren Fingern auf die Sitzlehne und wartet.
Die Frau, die neben ihm sitzt, stupst ihn an und nickt ihm zu. Er löst sich von seinem Sitz und stellt sich verkrümmt davor, da der Gang neben ihm bereits durch wartende Reisende besetzt ist.
Er schaut sich um. Seine Mutter steht zwei Reihen hinter ihm bereits im Gang und nestelt ihre Lesebrille ins Haar. Sie erfasst seinen Blick und zuckt mit den Lippen. Ihre Augen wirken müde. Er wendet sich den Fenstern zu und sieht, wie draussen ein Flughafen-Traktor mit einer Reihe kleiner Gepäckwagen um die Flügelspitze fährt. Ein grosser Bus steht dahinter mit geöffneten Türen bereit, um die Passagiere aufzunehmen. Sein Fahrer trägt eine spiegelnde Sonnenbrille und lässt den Arm lässig aus dem Fenster hängen.
Es kommt Bewegung in die Wartenden im Gang. Seine Mutter rückt auf und lässt ihm Platz. Sie deutet ihm, in den Gang zu treten. Rasch tritt er hinaus und greift nach seinem kleinen Rucksack, der noch oben im Fach liegt. Den Rucksack vor sich haltend folgt er nun den anderen Reisenden zum Ausgang des Flugzeugs, wo sie von der Crew verabschiedet werden. Er steigt die Treppe hinunter. Die Sonne empfängt ihn und wärmt seine Arme. Der prall gefüllte Bus ist bereits abgefahren und ein anderer fährt heran. Hier sitzt eine asiatisch aussehende Frau hinter dem Steuer.
«Wir hätten Swiss fliegen sollen», sagt nun seine Mutter, «dann wären wir an einem Fingerdock angekommen und hätten unterwegs erst noch ein Stück Schokolade erhalten.»
Sie treten in den Bus, drücken sich an ein Fenster und lassen sich zum Terminal fahren. Hoch am Gebäude sehen sie die Tafel mit der Aufschrift ‘Flughafen Zürich’.
«Alles klar, Bob?», fragt seine Mutter.
«Ja.»
«Nervös?»
«Ja.»
Sie wuschelt im Haar ihres Sohnes, der sie in der Grösse um einen halben Kopf überragt.
«Mama! Hör auf!», zischt er und dreht sich wieder zum Fenster.
Seine Mutter lächelt und betrachtet ihren Achtzehnjährigen im Profil. Es würde nicht leicht werden für ihn. Aber es würde auch nicht leicht werden für sie.
Kurze Zeit später legen die beiden ihre bordeauxroten irischen Pässe an der Kontrolle vor und gehen weiter zu den Rollbändern der Gepäckausgabe.
im Juni 1928
«Marie! Komm!»
Florence duckt sich hinter die zerbröselnde Steinmauer gleich am Fuss des hohen, geziegelten Fabrikkamins und ist ganz ausser Atem. Eben ist sie über den Drahtzaun am Weg gestiegen, an dem Marie jetzt gerade hängengeblieben ist. Marie kann sich befreien und kommt herangerannt. Ihr geflochtenes Haar hochgesteckt, presst sie sich ebenfalls an die schützende Steinmauer. Ihr Kopf ist rot angelaufen.
«Flo’, ich habe mir die Schürze zerrissen. Das wird Ärger geben.»
«Warum trägst du auch eine Schürze?»
Florence würde nie eine Schürze tragen, dafür ist sie zu modern. Am liebsten würde sie anstelle des Rocks die Hosen anziehen, die die grossen Burschen heute tragen und auch die Haare kurz schneiden. Aber das würde Ärger geben. Ihre Mutter kann mit dem neumodischen Zeug überhaupt nichts anfangen. Nur ihr Vater hat sie im Geheimen seine Arbeitshose anziehen lassen, als sie ihn darum gebeten hat. Damit ist sie, sehr zur Freude ihres kleinen Bruders, durch den Keller gestapft und hat derbe Militärlieder nachgesungen, die sie beim verbotenen Horchen am Fenster des Cafés de la Paix die Soldaten singen hören hat.
Leider ist sie von ihrem Bruder verpetzt worden, da sie ihn nicht die Arbeitshose des Vaters anziehen lassen hat. So ist sie von der Mutter zur Rede gestellt und zur Strafe zum Stopfen von Sockenlöchern verknurrt worden.
Noch grösseren Ärger würden sie heute kriegen, wenn sie beide hier entdeckt würden. Schon einige Jahre wohnt ihre Familie in einem Hausteil im gleichen Gebäude wie auch Maries Familie eingemietet ist. Lange schon hat es Florence gereizt, die alten Gebäude der ehemaligen Fabrik am Ende ihrer Strasse auszukundschaften. Hier wuchern die Brombeerbüsche überall an den Mauern, ranken sich sogar den grossen Kamin hinauf. Die beiden folgen der Wand der Fabrik entlang und suchen einen Einstieg. Sie rütteln erfolglos an einem ebenerdigen Fensterladen, der fest zugenagelt ist. Florence geht weiter voran. Versucht es an einem zweiten. Er löst sich etwas. Sie zerrt daran, bald mit ganzer Kraft. Der Laden geht auf und muffige Luft empfängt die beiden Mädchen.
«Uh, das stinkt!», ruft Marie.
Im Innern hören sie ein Geräusch.
«Ob es hier Ratten gibt?»
Marie schaudert nur schon beim Gedanken daran.
«Flo’! Du bist eklig!»
Florence grinst und nimmt eine mitgebrachte Kerze sowie die Schachtel Streichhölzer aus der Rocktasche. Mit geschickten Bewegungen klaubt sie ein Streichholz aus der Schachtel und zündet es an. Mit der leuchtenden Kerze in der Hand, geht sie behutsam voran durch die Räume der Fabrik.
Einige vermoderte Holzkisten liegen am Boden. Hier ist wohl einmal die Spedition der Fabrik gewesen. Sie geht weiter und tritt in einen grösseren Raum, in dem am Boden noch Abdrücke von Maschinen zu sehen sind. Die Befestigungsschrauben hat man im Boden zurückgelassen. In der Ecke sieht Florence im Kerzenschein weitere kleine Kisten. Sie tritt sachte mit dem Fuss dagegen, so dass sie von einander rutschen.
«Schau Marie! Hier gibt es Kugeln!», ruft Florence begeistert und erschrickt sofort vom Echo ihrer Worte.
Sie finden viele kleine Steinkugeln in unterschiedlichen Farben. Einige sind grau, andere eher weiss, rötlich oder sandbraun.
«Oh, sind die schön! So glänzend und feingeschliffen», sagt nun Marie.
Florence entscheidet sich, als Erinnerung an ihr verbotenes Abenteuer eine Auswahl an Kugeln mitzunehmen. Sie steckt sie in ihre Rocktasche. Ansonsten ist das Fabrikgebäude leer und für die Mädchen uninteressant. Sie verlassen die Räume wieder. Florence löscht die Kerze und drückt den Fensterladen wieder zu. Im Schutz der Steinmauer verharren sie kurz und achten darauf, nicht gesehen zu werden. Kurzerhand klettern sie wieder über den Zaun und gehen, wie wenn nichts gewesen wäre den kleinen Weg entlang in Richtung Stadt bis zu ihrem Haus. Florence wohnt ganz rechts, Marie in einem der Hausteile in der Mitte des Gebäudes.
Ganz vorne in der Strasse steht das Haus des alten Jeans, des früheren Posthalters. Die beiden Mädchen beschliessen, ihn zu besuchen, da er ihnen immer lustige Geschichten von früher erzählt.
Jean Debierre, wie der alte Jean mit vollem Namen heisst, ist einige Jahre zuvor aus dem Postdienst ausgeschieden, da seine Augen ihn mehr und mehr im Stich gelassen haben. Inzwischen komplett erblindet, wird er von seiner Tochter Monique gepflegt, die ebenfalls im selben Haus wohnt und deren Mann zwölf Jahre zuvor im Wald von Caures, im Norden von Verdun, sein Leben an die Deutschen verloren hat. Der alte Jean sitzt, sofern es das Wetter zulässt, in seinem Vorgarten, raucht Pfeife und erzählt vor seiner Bleibe vorbeikommenden Leuten gern Geschichten von früher.
«Bonjour Monsieur Debierre», begrüssen die Mädchen den früheren Posthalter, der soeben seine Pfeife frisch gestopft hat.
«Ist das Marie? Und Florence?», fragt er.
«Ja, wir sind es.»
«Bonjour, les jeunes dames», schäkert er, «ich hatte schon lange nicht mehr die Ehre.»
«Wir haben Ihnen etwas mitgebracht. Ein Rätsel», sagt Florence und drückt ihm eine der kleinen Steinkugeln in die Hand.
Der alte Jean befühlt die Kugel langsam mit seinen Fingern und zieht gleichzeitig an seiner Pfeife, die gar noch nicht brennt. Er hält die kleine Kugel an seine Nase.
«Ich habe eine Idee. Woher habt ihr die Kugel?»
«Aus der alten Fabrik am Ende der Strasse», plaudert Marie aus.
«Marie, du darfst nicht…», herrscht Florence sie an.
Marie errötet.
«Soso, aus der alten Fabrik», wiederholt nun der alte Jean, «dachte ich es mir doch.»
Die Mädchen rücken gespannt näher an ihn heran.
«Wo die alte Fabrik heute steht, ist lange eine Fliesenfabrik gewesen», beginnt er zu erzählen, zündet sich die Pfeife mit einem Streichholz an, zieht an ihr und bläst eine dicke Rauchwolke in die Luft.
«Es war etwas nach 1875. Ich trug eben meine ersten Briefe aus, als dort zwei Herren aus Strassburg anstelle der Fliesenfabrik eine neue Fabrik zur Produktion von Steinmurmeln für Kinder errichteten. Kurz darauf bekamen sie auch die Genehmigung für den Betrieb einer Dampfmaschine. Daher steht da auch noch ein grosser Kamin.»
«Murmeln? Aus Stein?»
«Ja, aus Stein. Glasmurmeln waren dazumal noch nicht so weit verbreitet und Steinmurmeln konnte man aus verschiedenen Steinen schleifen. Für das Mahlen, Schleifen und vor allem Polieren wurden Maschinen verwendet, die von der neuen Dampfmaschine angetrieben wurden. Aber die Herren hatten sich finanziell übernommen. Das weiss ich ganz genau. Denn nur wenige Jahre später, das war anfangs der 1880er-Jahre, musste ich Zahlungsbefehle zustellen.
An einem Wintertag, es lag draussen ausserordentlich viel Schnee, wurde die Fabrik von einem Tag zum anderen stillgelegt. Die Arbeiter kamen morgens zur Arbeit und waren ausgesperrt. Es war ein grosses Drama für viele Familien damals. Von einem Tag auf den anderen. Nicht so wie heute in der Schraubenfabrik auf der Doubs-Insel, die jetzt einfach schrittweise verkleinert wird, sondern ohne jegliche Ankündigung von einem Tag auf den anderen.»
Florence wird nachdenklich. Von ihrem Vater hat sie gehört, dass die Schraubenfabrik, wo er als Werkzeugmacher arbeitet, wieder Abteilungen schliesst. Durch die dünnen Wände ihres Zimmers, das sie mit ihrem Bruder teilt, hat sie gehört, wie Vater deswegen geschimpft und Mutter geweint hat. Worte wie Umzug, Montbéliard und neue Stelle hat sie dabei gehört.
Der alte Jean fährt fort: «Später wurden die Maschinen verkauft und abgeholt. Ein Industrieller aus Belfort ersteigerte die Fabrikliegenschaft. Jahre danach wurde sie weiterverkauft, ohne dass jemand wieder eine Produktion aufgebaut hätte. Und dann kam der Krieg. Wem die Fabrik heute inzwischen gehört, weiss ich nicht mal.»
Florence und Marie bedanken sich beim alten Jean und verabschieden sich.
Am Abend, ihr Bruder schläft schon, nimmt Florence ihre für sie wertvollen alten Steinmurmeln hervor und bettet alle auf ein Stück Stoff in eine alte Blechschachtel für Pastillen, die sie in der Schule von Antoine, einem ihrer schüchternen Verehrer, geschenkt bekommen hat. Bevor sie die Blechschachtel schliesst, schreibt sie mit Bleistift auf einen kleinen Zettel:
billes en pierre pour enfants
Florence Melinat
Sie faltet den Zettel und legt ihn auf die Kugeln. Sie beschliesst, ihren Schatz vor ihrem kleinen Bruder zu verstecken, sobald er morgen aus dem Zimmer gegangen ist. Solange muss die kleine verschlossene Blechschachtel unter ihrem Kopfkissen verschwinden.
im September 2022
Am schlimmsten fühlt sich sein Hintern in der Fahrradhose an. Wie wenn er auf einem heissen Feuer-Grill liegen würde. Seine Hände sind eng verpackt in lederne Fahrradhandschuhe, mit schicken kleinen Gel-Pads, die die Schläge abfedern sollen. Aber er spürt seine Hände gar nicht mehr, ein leichtes Kribbeln vielleicht noch.
Es ist heiss. Bereits fünfundzwanzig Grad. Schweissperlen rinnen in unregelmässigen, glänzenden Bahnen von seiner Stirn und finden ihren Weg immer wieder in seine Augen. Dabei tragen sie Spuren der heute Morgen eingestrichenen Sonnencrème mit in die Augen. Sein Blick durch die aerodynamisch geformte Fahrradbrille ist starr ans Hinterrad von Anninas neuem Mountainbike geheftet. Hart drückt er seine Beine in die Pedale. Gegenwind aus westlicher Richtung bläst ihnen entgegen. Severins Atem geht rasch und er keucht laut vor Anstrengung. Das leise Surren der Räder auf dem Asphalt vermischt sich mit dem stetigen Windrauschen.
Ein Klingeln ertönt hinter ihm und Severin fährt weiter rechts, näher an den Grünstreifen, der den Kanal von der kleinen Strasse trennt, um Platz zu machen. Annina vor ihm tut dasselbe. Sie werden von einem laut schnatternden Rentnerpaar auf E- Bikes überholt.
Severin ist wütend. Wütend auf sich selbst, dass er dieser Fahrradreise überhaupt zugestimmt hat. Wütend darauf, dass er sich quälen muss, darauf, dass ihn sein Hintern, seine Beine, sein Rücken und seine Handflächen schmerzen. Wütend aber ist er auch, dass Annina scheinbar mühelos vor ihm fährt und den Wind durchschneidet, während er Mühe hat, ihr zu folgen. Und gleichzeitig werden sie auch noch von schwatzenden Rentnern auf ihren E-Bikes überholt.
Er stellt sich vor, wie es wäre, wenn er entkräftet und erschöpft einfach zu Boden gehen würde. Wie er auf den grünen Streifen fallen würde, wie sein Körper in der Mischung von Gras, Brennnesseln und Büschen aufschlagen und eine riesige Mulde hineindrücken würde. Sein Fahrrad würde mit dramatischem Überschlag in den Kanal fallen, zu den Schlingpflanzen, die am Rand im Wasser wuchern. Er würde ohnmächtig werden und nichts mehr mitbekommen, auch nicht die angsterfüllten Augen von Annina sehen, die sich Sorgen machen würde, die ihn ansprechen, aber keine Reaktion mehr erhalten würde, die die Notrufnummer wählen würde… Welche Nummer ist das auch wieder in Frankreich? Egal. Sanitäter würden kommen mit Blaulicht, würden seine Wunden verarzten, ihn vorsichtig auf die Bahre legen und irgendwann würde er im Spital in einem weiss bezogenen, weichen Bett mit grosser weisser Bettdecke aufwachen.
Als Zwanzigjähriger hatten ihn in der Rekruten-schule auch solche Gedanken umkreist. Einfach hinzufallen und ohnmächtig zu werden. Damals, als sie ihre ersten grossen Märsche absolvieren mussten. Die grossgewachsenen Rekruten wurden jeweils zuvorderst eingereiht. Die, die mit ihren langen Beinen scheinbar ohne Mühe voranschritten. Begleitet wurden sie von einem Korporal, der schon den Vorschlag für das Weitermachen in der Offiziersschule hatte. Rekrut Severin Kunz aber, mit einer Grösse von 176 Zentimetern einer der Kleineren, ging im hinteren Viertel des Marschtrupps. Dem letzten Viertel, neben dem Korporal Meyer lief und das von diesem dauernd angeschrien wurde.
«Kommt Leute, macht vorwärts! Es ist ja zum Einschlafen mit euch! Aufschliessen, Männer!», herrschte er sie an.
Korporal Meyer wollte unbedingt militärisch weiterkommen, hatte den Vorschlag dazu aber noch nicht erhalten. Er trug ein eingedrücktes Käppi. Es war damals Usus, den Willen für eine Militärkarriere zu signalisieren, indem man das Schiff seines Käppis vorne eindrückte, was dem Träger ein deutlich markanteres, gar aggressives Aussehen verlieh. Korporal Meyer war aggressiv und genoss es, seine Schützlinge anzuschreien.
Ebenfalls im hinteren Viertel der Marschierenden, also bei den Kleinen, lief der aus dem Aargauer Wynental stammende Rekrut Moser mit. Er war deutlich kleiner als Kunz, hatte einen kurzen Hals und trug Lockenhaar. Rekrut Moser war im Betrieb der Rekrutenschule überfordert und liess sich bei einem Zwanzig-Kilometermarsch plötzlich mit einem quietschenden Schrei der Erschöpfung fallen. Dabei fiel das von ihm vorher getragene Sturmgewehr in hohem Bogen durch die Luft und blieb im nahen Kartoffelacker mit dem Lauf voran stecken. Moser lag am Boden und atmete in kurzen und vor allem lauten Zügen in hoher Frequenz tief in die Lunge. Er hyperventilierte. Der ganze Zug kam zum Stillstand. Sanitätsrekruten kümmerten sich um den Kameraden, während die anderen Rekruten die Zeit für einen Schluck Tee nutzten. Rekrut Moser wurde danach mit dem dreiachsigen Pinzgauer mit rotem Kreuz-Aufdruck in die Kaserne gefahren, ins Krankenzimmer. Ab sofort war er, sehr zu seinem Leidwesen, kasernenweit bekannt unter dem Namen Hyper-Moser.
Severin hat in seine Gedanken vertieft den Anschluss an Anninas Hinterrad verpasst und versucht, wieder aufzuschliessen. Zusätzlich zur Anstrengung brennen ihn nun auch die Augen und an ein Einholen ist nicht mehr zu denken. Er beschliesst, sich nicht zu Boden fallen zu lassen, denn er hat Angst vor den Folgen, sondern einfach anzuhalten und Annina weiterfahren zu lassen. Bei einer Holzbank steigt er ab, lehnt sein Fahrrad von hinten an die Lehne und setzt sich hin.
Sie haben sich lange auf ihre Ferien gefreut. Es sollte etwas Spezielles werden. Mit dem Fahrrad dem Canal du Rhône au Rhin folgen – schön gemütlich, zumeist flach. Das ist der Kompromiss gewesen.
Annina hat sich Aktivferien so vorgestellt: Sich bewegen können und vielleicht auch mal einen Pass bezwingen. Abends würden sie ausgekotzt vor Anstrengung in einem Strassenkaffee auf ein Bier gehen, danach auf dem Campingkocher Pasta kochen und nach einer erfrischenden Dusche ins mitgebrachte kleine Zelt kriechen, um die Pläne für den nächsten Tag zu schmieden.
Das ist aber gar nicht nach Severins Geschmack gewesen. Viel lieber hätte er einen Städtetrip gemacht. Nach Paris oder so. Etwas Shopping, etwas Kultur, guter Wein und anständiges Essen ist mehr seine bevorzugte Welt.
Den Kompromiss haben sie hart verhandelt. Flache Strecken mit dem Fahrrad sollten es sein. Severin hat bereits voraus die Übernachtungen in guten Hotels und vor allem in grösseren Städten an der Strecke gebucht.
