Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Severin Kunz, der Finanzbuchhalter einer Baumarktkette im Schweizerischen Mittelland, hat seine Stelle gekündigt. Die letzten Tage an der Arbeit werden zur Qual, denn seine Nachfolgerin ist plötzlich spurlos verschwunden. Gemeinsam mit seiner Freundin Annina Stocker macht er sich auf die Suche und entdeckt dabei verborgene Wunden seiner langjährigen Mitarbeiterin.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für Dodo und Felix
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Es wird ein Gewitter geben. Die Sonne steht hoch am Himmel und keine Wolke ist zu sehen. Die Luft ist feucht geschwängert und jede Bewegung lässt Severin Kunz in Schweiss ausbrechen. Kein Blatt seiner Buchenhecke bewegt sich. Es ist windstill. Er nimmt den bereit gestellten Sack mit dem Partyzelt, öffnet ihn und lässt die Stangen auf den Rasen fallen. Langsam steckt er die Stangen an den Eckprofilen zusammen und schlägt schliesslich den Zeltstoff über das niedrige Gerippe. Einzeln hebt er die Eckstangen, lässt jeweils eine Erweiterungsstange mit einem Klicken einrasten und bindet den Zeltstoff in allen vier Ecken an das Rohrgerippe. Sicher ist sicher. Severin geht ins Haus.
«Annina? Würdest du mir bitte beim Tragen des Zelts helfen?»
«Sicher.»
Annina Stocker schneidet gerade gekochte und geschälte Kartoffeln in Scheiben und lässt sie in die vorbereitete Schüssel fallen. Sie hat ihre Haare mit einer Stricknadel hochgesteckt und Severins schwarze Kochschürze umgebunden. Severin lässt seinen Blick auf ihr ruhen und sieht am Ende der Schürze ihre nackten Füsse herausschauen. «Farblich perfekt abgestimmt», scherzt er und zeigt auf die frisch schwarz lackierten Zehennägel. Annina setzt ihren Kennerblick auf und hebt verschmitzt eine Augenbraue. Gemeinsam tragen Sie das Gartenzelt ans Haus heran und schaffen damit eine Art gedeckte Terrasse. Severin fixiert die Stangen im Gras, indem er Heringe mit einem Gummihammer durch die vorhandenen Befestigungslöcher schlägt. Zufrieden mit dem Ergebnis, zieht er seinen Kugelgrill aus der Ecke, entfernt den Grillrost, schichtet kleine Fichtenspäne auf in Wachs getränkte Holzwolle, die er dann entzündet. Im Keller holt Severin einen grossen Sack mit Holzkohle und schichtet einzelne Kohlestücke behutsam ans Feuer, bis ein kleiner Hügel entstanden ist, durch den die Flammen züngeln.
In einen Zinkzuber hat Severin Kunz bereits zuvor das von der Tankstelle geholte Sack-Eis geleert. Er legt Bier, Weisswein und Orangensaft in den weissen Eissplittern bereit. Annina hat ausserdem bereits eine Weisswein-Bowle mit zerschnittenen Erdbeeren und Pfefferminz-Blättern in einer grossen Glasschüssel angesetzt. Severin nimmt einen grossen Löffel und degustiert.
«Uiih, ganz schön kräftig!»
Bald schon quietscht das Gartentor und kündigt damit den ersten Gast an. Der Controller der Fox Baumarkt AG, Stefan Bucher, der Severins bester Freund ist, stürmt mit einer Flasche Rotwein heran und umarmt den stocksteifen, vom Angriff überraschten Severin.
«Ich kann’s gar nicht glauben, dass ich dich schon bald nicht mehr ärgern kann, Severin!», ruft der Controller und gibt ihm einen Klapps auf die Schulter, so dass dieser gleich zu husten beginnt, «ah und hier ist ja auch die neue Herrin des Hauses…» und er küsst Annina ebenso innig auf beide Wangen.
Schon stehen weitere Gäste, alles Mitarbeitende von Severin, im kleinen Vorgarten. Fiona von der Kreditorenbuchhaltung reicht den Gastgebern mit einem steifen «Danke für die Einladung» die Hand. Melanie, Junior Controllerin, ist erst vor kurzem in den Betrieb eingetreten, um den stets überlasteten Controller zu unterstützen. Sie ist zusammen mit Peter, dem Leiter der Debitorenbuchhaltung, per Zug angereist und schleppt eine farbige Geschenkbox mit sich. «Das ist ein Abschiedsgeschenk für dich, von uns allen. Die dazugehörende Karte bringt Kathi mit.»
«Schön seid ihr hier», begrüsst Kunz die Gäste, «nehmt euch doch etwas zu trinken aus dem Eis-Zuber oder schöpft euch von Anninas Weisswein-Bowle. Die Gläser stehen auf dem Tisch bereit.»
«Die muss ich natürlich sofort ausprobieren», ruft der Controller und hat schon ein Glas und die Schöpfkelle in der Hand, «bei diesem warmen Wetter kann man nie genug trinken. Will sonst noch jemand?». Weiter direkt an Severin Kunz gewandt: «Ich soll dich von Behrend herzlich grüssen. Er hat sich sehr über die Einladung gefreut und ist zutiefst betrübt, dass er leider wegen seines Urlaubs verhindert sei.» Verschwörerisch grinsen sich die beiden an. Sie wissen natürlich, dass der Termin für die Gartenparty absichtlich in die Ferien ihres Vorgesetzten, dem Chief Financial Officer der Fox Baumarkt AG, gelegt wurde.
Mittlerweile haben alle Gäste schon ein Glas genommen und loben Anninas Bowle. Peter schnalzt wie gewohnt nervös mit der Zunge und hält der gelangweilten Melanie einen Vortrag über den Baustil der Oltner Arbeiterquartiere. Fiona hat die Bowle mit Mineralwasser gestreckt, mit Hinweis darauf, dass sie noch fahren müsse.
Kunz fragt darauf: «Wo ist eigentlich Kathi?»
«Sie wollte mit uns mit dem Zug anreisen», erklärt Melanie, froh, dem vortragenden Peter nun entkommen zu können, «aber am Bahnhof stand sie nicht wie abgemacht auf dem Bahnsteig.»
«Sie hat mich gestern noch auf die Gartenparty angesprochen. Vielleicht kann ihr jemand eine Textnachricht schicken?»
«Mach’ ich!», ruft der Controller, greift nach seinem Mobiltelefon und nimmt gleichzeitig einen grossen Schluck der Bowle.
Severin prüft die Glut im Kugelgrill und geht in die Küche, um die bereit gestellten Würste und marinierten Fleischstücke zu holen. Annina schneidet Brot, legt die Scheiben in eine Schüssel und bringt sie zusammen mit verschiedenen Salaten nach draussen. Severin hilft ihr dabei. Bevor er das Fleisch auf den Grill legt, schaut er gedankenverloren auf die laut schwatzende Schar in seinem kleinen Garten, die es sich auf den bereitgestellten Stühlen inzwischen bequem gemacht hat. Er wird alle vermissen – trotzdem war seine Entscheidung richtig.
«Ich kann Kathi nicht erreichen», holt der Controller Severin aus seinen Gedanken und gesellt sich zu ihm an den Grill, «sie scheint die Nachrichten nicht zu bekommen und sie antwortet auch nicht auf Anrufe. Vielleicht hat sie es einfach vergessen und schläft?»
«Das kann ich mir nicht vorstellen», erwidert Severin nachdenklich, «normalerweise ist sie in solchen Dingen sehr strukturiert und verlässlich.» Auch er versucht, Kathi zu erreichen aber scheitert dabei. «Nun ja, starten wir mal mit dem Fleisch.» Er nimmt seine Grillzange. Zischend berührt das Grillgut den heissen Grill.
Mit einem gewaltigen Krachen schlägt der Blitz in unmittelbarer Nähe im Quartier ein. Sofort beginnen dicke Regentropfen zu fallen. Von den aufgeheizten Betongartenplatten steigt Dampf auf und jede einzelne Platte bekommt dunkle Tupfen. Die Gästeschar verzieht sich unter Gejohle in den Schutz des Gartenzelts.
«Bowle, wir brauchen mehr Bowle!», grölt der sichtlich beschwipste Controller.
Fiona, die mit dem Controller eine Fahrgemeinschaft gebildet hat, da sie aus dem gleichen Ort stammt, massregelt ihn: «Du kotzt mir noch das Auto voll. Ausserdem ist es nun langsam Zeit zu gehen, Annina und Severin wollen sicher auch mal Feierabend haben.»
«Nein, bleibt doch!», rufen Annina und Severin gleichzeitig, «ausserdem ist morgen Sonntag! Wir können uns dann ausruhen», fügt Annina an. Sie bringt noch Kerzen aus dem Haus, stellt sie auf den kleinen Campingtisch ins Zelt, und Severin öffnet mit einem lauten Plopp eine weitere Flasche Rotwein.
Nach einer Stunde, die alle eng zusammengedrückt im Gartenzelt verbracht haben, löst sich die Party aber dann doch auf. Das Gewitter hat sich inzwischen verzogen. Die Martin-Disteli-Strasse glänzt und dampft vom Regen, als alle auf die Strasse treten. Annina drückt sich an Severin und gemeinsam schauen sie ihren Gästen nach. Peter und Melanie marschieren voraus, zielstrebig zum Bahnhof, um den nächsten Zug noch zu erreichen. Der Controller, etwas unsicher auf den Beinen, trippelt gemeinsam mit der unterstützenden und nüchtern gebliebenen Fiona ein paar Meter stadteinwärts zu Fionas parkiertem Kleinwagen.
«Das war sie also, deine Abschiedsparty», beginnt Annina, als sie wieder in den Garten treten und sich ans Aufräumen machen, «ich glaube, es hat allen gefallen. Dir hoffentlich auch?»
«Ja, es war super, nur…», Severin balanciert ein Tablett mit leeren Gläsern in die Küche, «…mache ich mir Sorgen um Kathi. Es ist so gar nicht ihre Art.»
«Du wirst sie auch vermissen. Du kennst sie schon sehr lange?»
«Ja, Kathi war meine erste Lernende. Sie war richtig begeistert, als sie endlich in die Finanzabteilung durfte. Sie hat mich mit ihrer fordernden und strebsamen Art auch angetrieben. Ich weiss nicht, ob ich mich selbst so um Weiterbildungen bemüht hätte, wenn nicht in meinem Windschatten stets Kathi gewesen wäre. Schön, kann sie nun meinen Posten übernehmen.»
«Das gibt dir sicher ein gutes Gefühl. Was macht sie eigentlich privat?»
Kunz denkt nach. «Eigentlich weiss ich dazu nichts. Ich weiss, wo sie ungefähr wohnt, war aber nie da. Ich weiss, dass ihre Eltern sich kurz vor ihrem Lehranfang trennten. Das scheint sie wohl beschäftigt zu haben. Aber sie liess mich nie teilhaben an ihrem Privatleben. Ich weiss alles über ihre beruflichen Interessen und ihre Entwicklungsschritte. Ich weiss, dass sie äusserst pflichtbewusst, ja im Vergleich zu mir geradezu pedantisch arbeitet. Aber privat? Sie hat seit Jahren immer ihre privaten Termine im Kalender eingetragen. 20 Uhr 30 Uhr, immer montags, mittwochs und freitags.»
«Vielleicht hat sie einen Partner?»
«Wüsste ich nichts davon. Glaube ich nicht.»
«Eine Partnerin? Das einzige Mal, als ich sie kurz traf, erschien sie mir recht burschikos, etwas nerdig.»
«Keine Ahnung. Sie ist mir privat so fremd, wie sie mir beruflich nah ist. Auch unsere gemeinsamen Mittagspausen waren meist durch Interna oder berufliche Themen bestimmt. Habe ich etwas Privates gefragt, wurde sie schnell einsilbig. Nur ihre selbst gemachten Gurken- und Tomaten-Sandwiches waren legendär. Eine Zeit lang hat sie jeweils nichts anderes gegessen und der Controller und ich haben sie damit aufgezogen. Und auf dem Computer ist sie richtig gut, da bin ich eine Schlaftablette dagegen.»
Severin Kunz guckt auf sein Mobiltelefon. Nichts. Seine Nachricht an Kathi ist bisher nicht angekommen, geschweige denn gelesen worden.
Annina öffnet ein Auge. Ihr brummt der Schädel. Sie erinnert sich an die Weisswein-Bowle. Irgendein Klopfen hat sie geweckt. Sie liegt hinter Severin und hat ihre Hand auf seinem krausbehaarten Bauch liegen. Mit ihrem Zeigefinger zeichnet sie kleine Kreise um Severins Bauchnabel. Er atmet leise durch den offenen Mund. Wie sie diesen verschrobenen Mann doch liebt. Sie küsst ihn auf den schütteren Hinterkopf. Severin grunzt zufrieden, schliesst den Mund und atmet tief durch die Nase ein. Annina stoppt das Kreisen und beginnt ihre Hand etwas weiter nach unten zu verschieben, als plötzlich zweimal die Hausglocke schellt.
Annina zuckt zusammen.
Severin brummt: «Der Postbote. Ich habe nichts bestellt. Mach du auf.»
«Severin, es ist Sonntag! Da kommt kein Postbote.»
Annina stolpert aus dem Bett und geht zum Fenster, das auf der Hauseingangsseite des Hauses liegt. Sie öffnet das Fenster, hängt die Sperrstange der Fensterläden aus und schiebt die Läden nach aussen. Das helle Licht lässt sie blinzeln. Sie schaut nach unten zum Hauseingang.
«Madeleine. Du?», spricht sie, als sie Madeleine Kunz, Severins Mutter erblickt.
«Guten Morgen Annina!», ruft Madeleine Kunz, «ich habe euch einen Zopf mitgebracht.» Sie schwingt eine Plastiktasche und fährt fort: «Wir waren auf der Gartenseite und ich habe geklopft. Aber niemand hat geöffnet.»
«Wir?»
«Ja, ich und Hardy», erklärt sie und zerrt an einer Leine. Daran festgemacht ist ein kleiner Hund, der im Rhododendronbusch verborgen war, «ich dachte es ist wohl besser, wenn wir erst mal draussen bleiben.»
«Der ist ja süss», sagt Annina und ruft: «Severin! Madeleine ist da, und sie hat Hardy bei sich.»
«Wen?»
«Hardy», kichert sie und fährt zu Madeleine Kunz gewandt fort, «wir kommen gleich runter. Fünf Minuten.»
Madeleine Kunz antwortet: «Ist gut, ich gehe mal wieder zurück auf die Gartenseite, dann kann ich Hardy von der Leine lassen.»
Annina kehrt zurück zu Severin und ruft: «Aufstehen! Wir haben Gäste zum Frühstück.»
Ein paar Minuten später sind die beiden unten. Während Severin in der Küche die Kaffeemaschine anstellt, öffnet Annina die verglaste Tür zum Garten, tritt die kleine Treppe hinunter, geht in die Knie und begrüsst überschwänglich den kleinen Hund. Dieser freut sich sichtlich, steigt freudig an ihr hoch und leckt ihr das Gesicht.
«Da findet wohl jemand, ich müsste mir noch das Gesicht waschen. Du kleiner Schlawiner, du!», ruft sie und krault den Hund mit beiden Händen am Hinterkopf, was sich dieser freudig gefallen lässt.
«Mama!», ruft Kunz, der nun seine Mutter mit einem Kuss begrüsst, «wo hast du denn den Hund her?»
Seine Mutter hatte nie eine Schwäche für Hunde gehabt. Sie war bis zu ihrer Pensionierung stets als Kindergärtnerin tätig gewesen. Ausserdem hatte sein Vater immer behauptet, er habe eine Tierhaarallergie. Das einzige Tier, das Severin selbst als Kind besitzen durfte, war ein Zwerghamster gewesen. Der hatte aber nur kurz gelebt und lag eines morgens als kleiner, grauer Fellknäuel tot im Käfig. Damit hatte sich für ihn die Tierliebe gelegt.
Madeleine Kunz lässt den Hund, der mit all seinen Kräften an der Leine zieht, frei. Sofort rennt dieser zum nächsten Busch.
«Hardy ist ein Jack Russell-Mischling und ist zu mir eigentlich als Notfall gekommen», erklärt sie, als die drei am Tisch im Partyzelt beim Frühstück sitzen, «Veronika Marrers Hündin. Du weisst, die Mutter von Reto, aus deiner Spielgruppe…» Als sie Severin die Augen verdrehen sieht, fährt sie fort: «Veronika Marrers Hündin hatte unverhofft Nachwuchs. Ihre Daisy sollte eigentlich nächstens kastriert werden.»
«Das heisst, du behältst den Hund?», fragt Kunz ungläubig.
«Er heisst Hardy und ist zwölf Wochen alt», reagiert seine Mutter säuerlich.
«Du weisst, dass ein Hund viel Zeit, Auslauf und Was-weiss-ich-auch-immer benötigt?»
«Aber ich habe doch einen Garten mit Zaun. Ich bin alleine. Ihr besucht mich ja auch nicht so häufig!»
«Was ist mit deiner Astrologen-Gruppe…»
«Hat sich aufgelöst.»
«… und deinen Bachblüten-Kolleginnen?»
«Da habe ich mich verkracht mit Helene, der Leiterin. Da gehe ich nicht mehr hin.»
Severin Kunz hatte mit Missfallen die esoterischen Wandlungen seiner Mutter beobachtet und ist nun fast ein wenig erleichtert von der positiven Wendung. Trotz Hund.
«Das einzige Übel ist, dass er nicht so richtig neben mir gehen will. Er zerrt regelrecht an der Leine die ganze Zeit», klagt nun Madeleine Kunz.
«Er zwingt dir deinen Willen auf, Madeleine», erklärt nun Annina Stocker, «er ist der Chef.»
Madeleine Kunz nickt betrübt.
Annina fährt fort: «Ausserdem ist der Hund noch ein Welpe. Er muss noch sehr viel lernen. Wie die Kinder, als du noch Kindergärtnerin warst.»
Severins Mutter streicht sich langsam Butter auf ein Stück Butterzopf und die Tränen schiessen ihr in die Augen. «Ich glaube, ich habe Mist gebaut. Aber ich mag doch den kleinen Hardy so gern.»
«Du musst doch nicht weinen, Madeleine. Ich verstehe, dass du manchmal alleine bist und vielleicht ist der Hund gar nicht so schlecht für dich. Er wird dich auf jeden Fall in Bewegung halten. Aber es ist wichtig, dass du sofort mit ihm in den Hundeerziehungs-Kurs gehst. Da gibt es sicher auch Gruppen für Welpen», erklärt Annina, «es werden ja in diesen Kursen nicht primär die Hunde erzogen, sondern die Meisterinnen und Meister der Hunde. Ausserdem wirst du dort viele Leute kennenlernen, die du dann auf deinen täglichen Spaziergängen wiedertreffen wirst.»
Severin gibt seiner Mutter ein Papiertaschentuch und sie trocknet rasch ihre Tränen ab. Sie schaut ihn an, Severin zeigt ein leicht gequältes Lächeln und zuckt mit den Schultern.
«Helft ihr mir eine Hundeschule, ähm ich meine natürlich eine Hundeerziehungsschule zu finden?», fragt Madeleine Kunz noch immer leicht schniefend.
«Das kriegen wir hin», antwortet Annina und knufft Severin in die Seite, «ausserdem herzlichen Dank für den feinen Zopf, den du mitgebracht hast.»
Hardy kommt nun zu Severin und legt um Liebe heischend den Kopf auf seinem Bein ab.
«Was ist eigentlich mit deiner Arbeit?», fragt Madeleine Kunz Severin sorgenvoll, «weisst du nun was du tun wirst?»
«Ich will zuerst mal ein bisschen durchschnaufen und Abstand gewinnen. Im November werde ich wieder etwas Neues beginnen. Ich muss zuerst den Arbeitsvertrag noch unterschreiben.»
«Die lebenslangen Arbeitsstellen, wie bei mir, sind wohl heute vorbei?», nickt Madeleine Kunz mit kummervoll geformter Stirn, «die Abschiedsparty von deinem Team war schön?»
Severin Kunz nickt und denkt dabei an Kathi, die seine Nachrichten noch immer nicht erhalten und gelesen hat.
«Sechs Uhr vierunddreissig, Wetter prächtig, was gibt’s besseres als Sonnencrème, einen Liegestuhl…»
Severin Kunz reisst die Augen auf und schreit krächzend: «Der nervt!»
