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Wer hat es erfunden, das Vokalalphabet? Kam es aus der Donaukultur nach Süden, brachten es die Phönizier auf ihren Handelsrouten mit, oder hat es seine Wurzeln doch in den semitischen Sprachen des Nahen Ostens? War es gar Homer, der es im Alleingang erschuf, als er die Illias und die Odyssee dichtete? Klar ist, dass sich um 800 v. Chr. das Vokalalphabet vom östlichen Mittelmeerraum ausgehend durchsetzt. In vielen Kulturtheorien sind Alphabetisierung und Demokratisierung aufs Engste verknüpft: Die massive Reduktion der nötigen Zeichen bei enormer Ausweitung des mit ihnen Ausdrückbaren stellt in ihnen einen Umschlagpunkt der Geschichte dar. Präzise und angriffslustig zugleich nimmt Klaus Theweleit die Fäden auf. Das Vokalalphabet, so seine spekulative Rekonstruktion, ist eine Erfindung von griechischen Händlern und Piraten, die auf keinen festen Heimathafen mehr zusteuern konnten. Auf stürmischer See trägt der Vokal einfach besser. Die im Versmaß des Hexameters memorierten Epen wurden zum zentralen Mittel der Kommunikation von Zugehörigkeit. »Die Erfindung des Vokalalphabets – auf See« ist eine rasante Reise zu den Ursprüngen der europäischen Kultur.
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Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Klaus Theweleit
Die Erfindung des Vokalalphabets auf See, die Entstehung des Unbewussten und der Blues
Wellenroman
Vorrede
0.ABC (die Katze lief im Schnee)
I.Mykene und Seevölker
II.Seefahrt, dich singe ich
III.»Geniestreich« versus »kollektive Durchsetzungskraft«
IV.Hexameter piloto mayor
V.Lautstromabteiler Mensch
VI.Black Music
VII.Codierungen. Politik mit Liebe
VIII.Tempelbauten. Spielhäuser
IX.Tragische Routen (1): Troianer in Sarajewo
X.Tragische Routen (2): »Griechen« auf Lehrstühlen
XI.Notre Music – die Gewaltförmigkeit unserer Kultur
Anmerkungen
Abbildungsverzeichnis
Literaturverzeichnis
Filmverzeichnis
Songverzeichnis
»Den Sirenen glauben«
»I love to sail forbidden seas, and land on barbarous coasts«1
Der Anfangssatz eines Buchs entscheidet über sein Schicksal2: »Nennt mich Ismael« – oder so. Ein herber Fehlschlag, der Anfang, in England/USA im Jahr 1851. Im Jahr 2021, »heute«, berühmtester aller Buchanfänge. Call me Ismael. Die ganze Menschheit ansprechen in drei Worten! – »Was für ein Opener!« Auch wenn der Blick durchs Teleskop dieser Eröffnung erst in den 1920er-Jahren seine Wirkung zu entfalten begann.
Ganz sicher ist es nicht klug, ein Buch anzufangen mit einer Liste der Dinge, von denen es nicht handelt. Ich versuch’s mal.
Dies Buch handelt nicht von »Schriften«. Nicht von – vor Jahrtausenden – in Stein, Lehm oder Holz gehauene, gemeißelte, geritzte, geschnitzte Zeichen; oder in Leder geschnittenes, auf Papyrus oder Wände gemaltes Lesbares. Es geht nicht um Piktogramme, Keilschrift oder sonstige Lettern; und auch nicht um die Zeichen uralter Höhlenmalereien/Felsmalereien – manche über 30 000 Jahre alt –, die in ihrer Struktur von der heutigen Forschung als Schriften gesehen werden, wenn auch unentzifferte. Von all diesen interessanten und heftig durchforschten Feldern handeln andere Bücher, viele Bücher: von den Zeichensystemen, die die diversen Menschheit(en) entwickelt haben im Lauf ihrer seit Jahrtausenden dominanten Tätigkeitsform: ihrer Wanderungen über den Erdball. »Menschheit« bewegt sich, seit sie diese Bezeichnung verdient. Ihre Besonderheiten, Übereinstimmungen oder Diversitäten entwickelten alle »menschlichen« Kulturen aus ihren Bewegungsformen über den Jahrmillionen lang nicht von menschlichen Grenzziehungen unterteilten Erdball. Irgendwann im Lauf dieser Bewegtheiten begann »Mensch« zu sprechen.
Dies Buch handelt von »Tönen«. Von jenen aufgeschriebenen Tönen, die vor ca. 2750 Jahren von »griechisch« sprechenden Menschen unter dem Label »Alphabet« zusammengefasst wurden. Das griechische Vokalalphabet hat vor dem Wort »Alphabet« das Vor-Wort »Vokal«, weil es das erste aller Zeichensysteme ist, das jene Laute menschlicher Münder, die wir heute mit a-e-i-o-u- bezeichnen, um ca. 750 Jahre v. u. Z. mit den Zeichen alpha, epsylon, iota, omikron, ypsilon/u auf einem Schreibuntergrund festhält. Also solche Töne, die menschlichen Mündern entströmen, ohne dass Zunge, Zähne oder Gaumen entscheidend an ihrem Ausströmen beteiligt wären – ebendas sind Vokale. Exakter: phonetisch Erklingendes wird in einem Zeichensystem, das normierte Zeichen für dieses Tönende – a-e-i-o-u – entwickelt, aufschreibbar. Historisch vorhergehende Aufschreibverfahren waren dazu nicht in der Lage, da sie nur Zeichen für Konsonanten kannten; also für die Kategorien der b-d-g-k-m-r-s-t-Laute, die ohne Lippen-, Zähne- oder Gaumenkontakt nicht gebildet werden können.
Wo der Unterschied ist? Betrachten wir ein Beispiel mit heutigen deutsch gesprochenen Buchstaben. Sagen wir: »PSTN«. Ein Wort ohne Vokale. Wie spricht man das aus? Mit dieser Frage standen »LeserInnen« vor ca. 3000 Jahren vor vier solchen Zeichen;3 um sie aussprechbar zu machen, musste das lesende Auge ihnen selber Vokale einfügen. Das ergibt eine Vielzahl phonetischer Möglichkeiten. Das deutsche »PSTN« können wir, je nachdem welche Vokale wir einfügen, aussprechen als etwa Po-stan; oder auch Pü-Sa-TeN, oder Pusten oder Pasten; oder vielleicht soll es »POSTEN« bedeuten; das ergibt sich aus dem Kontext. »Richtig« ergänzen werden es nur die, die eine »richtige Aussprache« für diese Zeichenfolge im Ohr haben; die dieses Wort muttersprachlich kennen und die Aussprache der umgebenden Zeichen auch, welche diesem speziellen »PSTN« erst einen Sinn verleihen.
So kann aus der Buchstabenfolge JHW nur ein Israeli die Tonfolge »Jahwe« mit seinem Mund formen, weil er dies, »muttersprachlich« so gelernt hat; weder Griechen noch Assyrer, noch Ägypter, die diese Zeichen sehen, können das. Ein Nicht-Semit kann diese Zeichen nicht transponieren in gesprochene Sprache. Das heißt, diese Zeichen ergeben Sinn für Lesende nur in der eigenen Sprachkultur. Und: das Sprechen einer anderen Gruppe oder »Kultur« kann mit dieser Methode der konsonantischen Zeichengebung nicht aufgezeichnet werden. Hebräische Zeichenformen z. B. können anderes Sprechen, sei es griechisch, assyrisch oder ägyptisch, nicht aufzeichnen; weil sie dafür deren Vokale notieren müssten; und ebendas ist ihnen nicht möglich, weil sie die Zeichen dafür nicht haben.
Alles klar?
Noch mal, auf Hochdeutsch. Hätten wir, um das hochdeutsche Sprechen aufzuzeichnen, nur ein Konsonantensystem, dann wäre »KRN« z. B. aussprechbar als Korn, Kern, Koran, Karen oder Kran oder Krone (oder noch anders); »BND« wäre lesbar als Band, Bund, Bond, Bande (oder, gelesen als Abkürzung, gleich BundesNachrichten-Dienst). Die Vokale machen den Unterschied, und zwar nur die Vokale.
Mit der Erfindung der Festlegung aller vokalistischen Töne, die menschlichen Mündern entströmen, auf die fünf Zeichen a-e-i-o-u, wird im Prinzip all dieses Tönende aufschreibbar. Und es wird für alle menschlichen Zungen auf der Welt, die in der Lage sind, a-e-i-o-u zu intonieren und a-e-i-o-u mit den Augen auf einem Schreibuntergrund zu erkennen, phonetisch wiederholbar. Auch jede andere, fremde Sprache, die an die Ohren von Alphabetisierten dringt, ist mittels der Vokalzeichen dieses Alphabets schriftlich fixierbar. Damit wird auch der semantische Sinn dieser Zeichen im Prinzip erkennbar, sobald »lesendes Auge« Wörter der eigenen Sprache in diesem Zeichensystem – dem »ABC« – zu lesen und zu schreiben lernt.4Dies zu erlernen nennen wir heute »Alphabetisierung«.5 Leicht erlernbar für alle menschlichen Gehirne (und Zungen) überall auf der Welt.
»TNTSTTLN« etwa hätten Hernan Cortés und seine Söldner schreiben müssen, hätten sie nur Konsonanten zum Schreiben gehabt. Dank der Vokale konnten sie schriftlich festhalten: Tenochtitlan – so klang der Name ihrer Hauptstadt im Mund derer, die sie als »Azteken« in ihren Aufzeichnungen festhielten (und nicht als bloß ZTKN).
»Erst das Vokalalphabet macht den Sprachfluß aufschreibbar«,7 befinden Friedrich Kittler und Wolfgang Ernst in ihrem großen Essay zur historischen Entstehung des Vokalalphabets. Der von ihnen herausgegebene Band Die Geburt des Vokalalphabets aus dem Geist der Poesie vereinigt die besten Texte, die wir zu diesem Komplex haben. Aufmerksamen LeserInnen wird sogleich aufgefallen sein, dass der Titel dieses Buchs hier auf den Titel von Kittler/Ernst Bezug nimmt; und zwar in einer Abweichung: wo bei ihnen »Poesie« steht, steht auf diesem Buch »Seefahrt«.
»Poesie« bezeichnet bei ihnen einen genau umrissenen Vorgang: sie nehmen an, (sie glauben und glauben belegen zu können), dass das Vokalalphabet zu einem bestimmten Zweck erfunden worden sei, nämlich für die Niederschrift der Verse des Troia-Epos Ilias durch den Poeten Homer; und dass dies dessen spezielle Eigenleistung war. Ich wiederum nehme an, (glaube und glaube belegen zu können): das ist eine irrige Spur. Aus dieser Annahme und den zugehörigen Belegen resultiert dieses Buch.
Fast alles, was Friedrich Kittler und Wolfgang Ernst sonst über das griechische Vokalalphabet schreiben, teile ich. Als hervorstechendste Besonderheit des griechischen Vokalalphabets betonen sie seine Multifunktionalität. Seine Zeichen, die Phonetisches aufzeichenbar machen, werden im Lauf der ersten Jahrhunderte nach seiner Entstehung zuständig auch für die Gebiete Mathematik/Geometrie und die Musik.
Musik: Unsere heutige, die abendländische Oktav-Tonleiter, unterteilt in sieben Ganz- und fünf Halbtonschritte, wird, bis zu unserem modernen Piano hin, notiert mit Zeichen des Vokalalphabets: c-d-e-f-g-a-h-c. Die Intervalle darin werden bezeichnet nach den Distanzen zwischen den beteiligten Tönen: Terz, Quart, Quinte, Sexte, Septime, None. Ihre Tonabstände, »höher« bzw. »tiefer«, beruhen auf der exakten Vermessung der Länge der jeweils klingenden Saite eines jeweiligen Instruments.
Die »Bünde« auf dem Griffbrett unserer Gitarren z. B. segmentieren das Gitarrengriffbrett in zwölf gleichmäßig gemessene Halbtonschritte. Das Griffbrett ist der praktische Nachbau von Längenmessungen und Berechnungen dieser klingenden Saitensegmente.
Die beiden Prozesse, der algebraische wie der musikvermessende, fallen personell zusammen in der Figur des Pythagoras im 4. Jhd. v. u. Z.9 Er bzw. seine »Schule« bezeichnet mit den Buchstaben des Vokalalphabets sowohl die Schenkel geometrischer Dreiecke wie auch Tonhöhen auf seiner Tonskala, die auf der Vermessung von Längen der aufgespannten Saiten beruht. Pythagoras findet heraus, dass es genau einen Oktavsprung in die Höhe ergibt, wenn man die Saitenlänge auf dem Instrument halbiert; und einen Oktavsprung in die Tiefe, wenn man ihre Länge verdoppelt.
Auf allen gebräuchlichen europäischen Instrumenten sind die zwölf Halbtonschritte spielbar; und endlos sowohl wiederholbar als auch variierbar. Segment und Sequenz. Aus diesem Segmentprinzip heraus werden Töne aufschreibbar. Entwickelt wird eine Notenschrift in fünf Liniensegmenten, die verbindlich Tonhöhen festlegt und also nachspielbar macht; an erster Stelle durch praktizierte Mathematik; Berechnung von Saitenlängen oder auch von Klangröhren an Flöten, Orgeln, Trompeten, Posaunen, Saxofonen.
Dass die (lateinische) Nachfolgeform des griechischen Vokalalphabets es schließlich bis in die Keyboards heutiger Computer geschafft hat – QUERTZUIOPÜ in der oberen Reihe unserer Schreibmaschinen (mit der Reihe arabischer Zahlen oben drüber) – und damit entscheidend mitgebaut hat an der »von-Neumann-Architektur der Computer« (Kittler/Ernst), wird kein noch so glühender Spezialist für hebräische, japanisch-chinesische, indische, kyrillische oder aztekische Schriftzeichen bestreiten.10
Der gewaltige Sprung zu den Verfahren heutiger Computertechnologie, den Kittler/Ernst dann unternehmen: der Sprung in »die sequentielle Lesung und Berechnung bit für bit«, womit »die alphanumerische Ordnung« als »zentral für die mediale Operativität von Kultur überhaupt« bestimmt werden kann, wird nachvollziehbar.
Begrifflich verstehen Kittler/Ernst diese Vorgänge als eine »Atomisierung« von Wirklichkeitspartikeln mit anschließender Bezeichnung durch phonetisch bestimmte Einzelzeichen des Vokalalphabets.11
Mit alldem sage ich nichts Unbekanntes. Ich möchte nur die mediale Bedeutung des Vokalalphabets für die Entwicklungsgeschichte unserer Weltwahrnehmung einigermaßen exakt umreißen, eben weil dieses Buch hier nicht von ihnen handelt. Sie sind woanders beschrieben; werden hier »vorausgesetzt« und erscheinen im fortlaufenden Text nur, wo sich direkte Berührungen der beteiligten Sphären ergeben.
Dann ist da noch eine weitere umwerfende Qualität dieses historisch-technologischen Wunderwerks; die Potenz, seine 24 (von den lateinischen Römern später auf 26 erweiterten) diskreten Segmente (»Buchstaben«, »Lettern«) so anordnen zu können, so neu zu mischen und zu sequenzieren, dass in ihnen alle existierenden wie auch nicht existierenden Verhältnisse auf der Welt – im »Weltall« oder Irgendwo – beschreibbar oder anschreibbar sind: soweit die jeweiligen SequenziererInnen (= »AutorInnen«) ihrer Ausbildung und Begabung nach fähig sind, sie variantenreich genug zu kombinieren; was »Poesie« heißen kann; was »Religion« heißen kann; was auch »Wissenschaft« heißen kann und heißt. Die Welt ist sowohl exakt darstellbar wie auch komplett erfindbar in dieser Technologie; konstruierbar aus der absolut geringen Anzahl von 24 bzw. 26 Segmenten.12
Dies Alphabet war ca. 2700 Jahre in Gebrauch, bevor ein aufmerksamer Mensch um das Jahr 1960 u. Z. die Aufzeichnungskapazität dieses Gebildes mit einem technischen Gerät in Verbindung brachte: Marshall McLuhan »entdeckt« das griechische Vokalalphabet als ein technisches Medium mit Tonbandfunktion; die Kapazitäten des Vokalalphabets nähmen die des späteren Magnettonbandes vorweg. Die Annalen der Wissenschaftsgeschichte führen ihn zu Recht als Erfinder des Berufs »Medientheoretiker«.13
Die Erfindung des geschriebenen Vokalalphabets sei als Umschnitt der griechischen Kultur in eine akustische anzusehen, befindet McLuhan weiter. Wo eher die Bezeichnung visuelle Kultur zu erwarten gewesen wäre – da der neu alphabetisierte Griechenmensch ja liest, zumindest lesen kann. Nein, McLuhan sagt: akustisch. Er hat genauer hingehört auf den Wechsel, den das griechische Vokalalphabet einläutet. Zur bis dahin nur optischen Angelegenheit hinzu tritt eine akustische und eine dynamische.
Dies ist heute überwiegend geklärtes Terrain:
Die Folgen dieser »kulturellen Revolution« – heute auch als »eine von drei großen medialen Revolutionen der westlichen Welt« (neben der Erfindung des Buchdrucks und der elektronischen Revolution der Gegenwart) bezeichnet – lassen sich in ihrer Bedeutung kaum überschätzen.14
Wann, wie, wo und durch wen dies »Wunderwerk« entstanden ist, gehört aber weiter zu den »ungelösten«, zu den fortdauernd »umstrittensten« Fragen. Dass zu den Grabenverläufen, Verzweigungen, Kreuzungen, »Scheidewegen« dieses historischen Frageverlaufs auch Wasserstraßen, Tidenstände, Kanäle, Meerengen, Fahrrinnen, Schleusentore, Lagunen zählen, ist dabei zwar nicht gänzlich übersehen worden, aber vielleicht doch nicht genügend ausgelotet. Wasser – das vernachlässigtste Element beim Beschreiben der Aggregatzustände der Entstehungsprozesse »unserer« Kultur. Ein nicht nur »freundliches« Element; s. o.: »barbarous coasts« sind zu erkunden, mit (zuweilen) überraschenden Resultaten.
Captain Ahabs Pequod ging unter; mitsamt an den Mast genagelter Möwe, deren einen Flügel der versinkende Harpunier noch zu fassen bekommt, bevor es auch ihn verschlingt; letzte Aktion eines Menschen an Bord dieses Schiffs auf dem Weg nach ganz unten. Die Mannschaft der Pequod bezahlt all ihre Erkenntnisse mit dem Leben.
Außer dem einen Über-Lebenden, der von uns allen »Ismael« genannt sein will. Jenes Aufschreibers, der sein ABC aus den Firmamenten und Un-Tiefen bezog; denen des Meeres und der blauen Himmel, die sich unnachgiebig wölben über den Ruderschlägen einer ächzenden Menschheit, bis jene zu singen sich entschließt. Am »Anfang« des »Abendlands« dümpeln Sänger.
Sie singen in Hexametern, dem dominanten Versmaß für Jahrhunderte, Jahrtausende. Warum und wie die »Blues«-Form eine Rolle darin spielt, wird deutlich ab Kapitel VI dieses Buchs. Und wie das »System Ubw« der Psychoanalyse darin auftaucht – rätselhafter Vorgang! – ebenfalls.
1Herman Melville, Moby Dick, London/New York 1851.
2Die erste Fußnote auch – sagen die Götter; die es nicht gibt.
3»Buchstaben« kann man nicht sagen, da es »das Buch« noch nicht gab; und auch »Lettern« nicht; die setzen Druckverfahren voraus.
4Wir ABCler können in Buchstaben fassen, was eine Inuit-Frau, was ein Suaheli-Sprecher, was Quechua-SängerInnen in Südamerika singen oder sprechen, ohne dass wir wissen müssen, was das denn »heißt« bzw. »bedeutet«. Wir können es aufzeichnen, nachsprechen und später »entschlüsseln«.
5Wo im folgenden Text Einzelbuchstaben auftauchen, schreibe ich sie in unserer heutigen, latinisierten Form; der Text wird nicht vollgestopft mit griechischen oder hebräischen, kyrillischen oder chinesischen Zeichen – optischen Gebilden, die die LeserIn in der Regel nicht kennt; und somit immer auf mangelnde »Bildung« gestoßen wird. Das brauchen wir hier nicht.
6Es gäbe gleich »sechs indische Alphabete«, höre ich einen Freund (er ist Spezialist für mündlich Überliefertes) einwenden. D’accord. Bloß: keins davon kann phonetisch aufzeichnen. Und ist genau deshalb über seinen »muttersprachlich« gegebenen Umkreis hinaus niemandem bekannt geworden.
7Friedrich Kittler, Wolfgang Ernst (Hg.), Die Geburt des Vokalalphabets aus dem Geist der Poesie. Schrift, Zahl und Ton im Medienverbund, München 2006.
8Die relativ kleine Anzahl von Zeichen, die Reduktion auf diese kleine Zeichenmenge (gegenüber der unendlichen Anzahl von Piktogrammen und Hieroglyphen der älteren Silbenschriften; aber auch gegenüber der Menge der Keilschriftzeichen und der nahezu unendlichen Zeichenmenge des Chinesischen), ist Ausdruck einer Komprimations- und Abstraktionsfähigkeit, die erworben wurde – so habe ich versucht zu zeigen in Pocahontas III – sowohl in den Prozessen der Metallschmelze wie auch der Schiffsbauverfahren der dem Vokalalphabet vorangegangenen Jahrtausende.
9»v. u. Z.« verwende ich im Haupttext nicht mehr. Jahreszahlen, die vor dem christlichen Jahr »Null« liegen, werden mit einem Minuszeichen versehen. Sodass diese Stelle hier lauten würde: »… in der Figur des Pythagoras im –4. Jhd.«
10Das weltweit einsetzbare Keyboard mit chinesischen Schriftzeichen wartet weiter auf seine ErfinderInnen.
11Auch wenn die Weiterentwicklung von Touch Screens heute drauf und dran ist, die lateinischen Lettern aus dieser Vorrangstellung im Starten elektronischer Schaltungen zu verdrängen.
12Anders als alle früheren Schriften etabliert sich das Vokalalphabet historisch im Rang einer neuen Technologie. 24 diskrete Segmente, in denen das Menschlich-mündlich-Tönende fixierbar wird. Diese »24«-Zahl ist wirklich mal ein Anlass, Jean-Luc Godards tot-zitiertes »Film ist 24 mal Wahrheit in der Sekunde« in einem neuen, also medienarchäologischen Sinn, aufscheinen zu lassen.
13Die materielle Erfindung des Magnettonbandgerätes und sein praktischer Einsatz erfolgen erst im Zweiten Weltkrieg in den Aufzeichnungs- und Sende-Experimenten deutschen Nazi-Militärs, das Frankreich überfällt, um neben der Anerkennung eigener technologischer Überlegenheit auch noch die Überlegenheit germanisierender Runen-Schriften anerkannt zu bekommen. Dass die überfallenden nazi-deutschen Panzerfahrer ihren »Blitzkrieg« nur erledigen konnten unter systematisch erhöhten Dosen von Pervitin, die sie befehlsweise einzunehmen hatten, hat uns Norman Ohler vor einigen Jahren aus den Dokumentenschränken der Nazi-Herren eröffnet. »Blitzkrieg« war naziseits Drogensieg; nicht nur Sieg der erstmals genutzten neuen UKW-Technologie zur Steuerung und Koordination der Panzerbewegungen, wie Friedrich Kittler gezeigt hat. Der Schlüssel zum Sieg: die Panzerfahrer mussten 72 Stunden einsatzfähig sein ohne Schlaf; möglich dank Pervitin (heute etwa: Crystal Meth). Das war die kämpferische Überlegenheit »deutschen Soldatentums«.
14Joachim Latacz, »Der Beginn von Schriftlichkeit und Literatur«, in Latacz u. a. (Hg.), Homer. Der Mythos von Troia in Kunst und Literatur, S. 62–69, hier S. 65.
Schnee war nicht in den Gebieten, in denen vor nun knapp 3000 Jahren das phonetische Vokalalphabet zur Welt kam. Aber Wasser war da; das, was Katzen ganz und gar nicht mögen; (die damit aus dieser Geschichte maunzend sich verabschieden).
Die Merksprüche aber nicht.
Walter Burkert, Professor Emeritus für Alte Philologie in Zürich, der sich besonders um die »orientalischen« Einflüsse im Schreiben Homers gekümmert hat, stellt zur politischen Bedeutung des gesellschaftlichen Einschnitts »Vokalalphabet« fest:
Weit über allen anderen aufgenommenen Anregungen und Importen aus dem Orient steht an Bedeutung die Übernahme der Alphabetschrift durch die Griechen; sind doch die Modernisierung der Gesellschaft und die Chancen der Demokratie bis heute mit der Alphabetisierung eng verbunden. Darum muß auch von der Erfindung und Ausbreitung des Alphabets zuallererst die Rede sein.16
»[Z]uallererst die Rede sein«, wenn man von »Griechenland« und dem »Orient« im Zusammenhang mit den Wörtern »Demokratie« und »Vokalalphabet« sprechen will. Burkert spricht von Übernahme und Erfindung der Alphabetschrift in einem Atemzug; da hätten welche sowohl etwas »übernommen« wie auch »erfunden«.
Er spricht nicht zuerst von einem Einschnitt in der Medientechnologie; er spricht, viel allgemeiner, von Modernisierung; also von etwas Sozialem bzw. Politischem; dann näher spezifiziert von »Demokratie«. Alphabetisierung bedeutet für Burkert gesellschaftlich: Tendenz zur Demokratisierung; und zwar von ihrem Anfang an.
Das Grundsätzliche: »Die Handhabung der 25 Zeichen kann von jedem durchschnittlich begabten Individuum in wenigen Monaten, wenn nicht Wochen erlernt werden.«17
Angesichts dieser Feststellung darf man – selbst heute noch – den Atem anhalten. 200 000 Jahre Menschheitsgeschichte18 vom lautabsondernden, Kleinwerkzeuge herstellenden afrikanischen Hominiden um den Victoriasee bis zum hochtechnifizierten, seefahrenden, schreibenden und rechnenden, und damit nach Burkert tendenziell »demokratiefähigen« mediterranen Menschen um –800, münden historisch, medientechnologisch, sozial und wissenschaftstheoretisch in den Satz: 25 Segmente phonetischer Zeichen genügen, menschliche Sprache(n) aufzuzeichnen und nachsprechbar zu machen; weiter in den fundamentalen Befund, dass die Handhabung dieser Zeichen von jedem durchschnittlich begabten Menschenwesen, damals wie heute, in wenigen Wochen erlernt werden kann. Erlernt wird damit die Kompetenz, wenn grammatische Gepflogenheiten hinzukommen, Sätze zu bilden, die Wahrnehmungen aus dem physisch vorhandenen Realen behandeln. Dass Sätze, die aufeinanderfolgen, Sequenzen bilden, versteht sich von selbst. Es versteht sich aber erst angemessen, wenn man den zur Zeit der Alphabetschöpfung schon gut 9000 Jahre andauernden Praxisprozess der mediterranen bzw. eurasischen Kultur im Segmentieren und Sequenzieren mitdenkt.19 Im –8. Jhd. nun eingeschrumpft, kondensiert auf wenige Wochen des Erlernens einer Wort-Technologie namens Vokalalphabet. Und zwar nicht nur wie in vorangegangenen älteren Schriftkulturen als Zauber- oder Herrschaftsinstrument einer Priester-, Militär- oder Verwaltungskaste; nein, handhabbar für den jeweils ortstypischen Homo sapiens aller beteiligten Länder, Klassen und Stufen. Die Folgen für die Weltsituation heute formuliert der französische Demograf Emmanuel Todd auf der demokratietheoretischen Ebene ähnlich, wenn er feststellt, dass heute in fast allen Ländern der Erde die Alphabetisierungsrate der Generationen U30 bei etwa 90 Prozent liegt – eine Entwicklung, die die jungen Frauen aller Länder zu einem ganz besonderen Sprung nutzen. Mit der Alphabetisierung sinkt die Geburtenrate in der betroffenen Generation auf einen statistischen Wert von 2,1 Kinder pro Frau.20
»Übernahme« der Alphabetschrift, sagt Burkert; nicht einfach »Erfindung«, wie Kittler/Ernst mit Barry Powell entschlossen glauben. Diese beiden setzen felsenfest auf den Autor Homer als Erfinder dieses Vehikels; angewandt zum ersten Mal in der Niederschrift der Ilias.21
Hier harrt einiges der »Erklärung«, zumindest der Klärung. Ungebrochen jedenfalls ist die Erfolgsgeschichte des griechischen Vokalalphabets: der »Gehirnsprung«, den es verursacht hat. Still going strong. Mit der zunächst sich aufdrängenden Frage: Woher kommt besonders in den letzten 40 Jahren unserer Zeit das grassierende Interesse an diesen Fragen? Warum stürzt sich alle Welt auf Homer und seine Ilias, auf Troia, die Hethiter, Assyrer und das alte Ägypten, und, unvermeidlich, noch mal neu aufs Alte Testament? Warum hagelt es Neuübersetzungen, warum tummeln sich die Herren aller Fachrichtungen – meist sind es Herren – und so vieler Länder auf diesen längst verwehten Schlachtfeldern, vom späten Michel Foucault bis zum Graecisten Joachim Latacz, Sprach- und Medientheoretiker von Barry Powell bis Friedrich Kittler zu Jochen Hörisch und Harald Haarmann; in Basel und Zürich die Altphilologen Rudolf Wachter und Walter Burkert, hin zu den Alt-Historikern Jörg Fündling und Raimund Schulz, zum Ägyptologen Jan Assmann; (Klaus Heinrich, der Berliner Religionswissenschaftler, seit Kurzem nicht mehr unter uns, beackerte sowieso schon immer dieses Gebiet); oder Übersetzer-Poeten wie der rührige Österreicher Raoul Schrott, Lyriker im Hauptberuf. Mit dabei natürlich die Genossen von der Abteilung Hirnforschung: der amerikanische Sprachforscher und Neurologe Julian Jaynes, der 1976 annahm, eine neue Art der menschlichen Hirnverschaltung entdeckt zu haben genau im Zeitraum zwischen Abfassung der Ilias und der Odyssee, ausgelöst durch ebendas neue geschriebene Vokalalphabet, und zwar das von Homer und Zeitgenossen in ganz bestimmter Weise geschriebene.
Warum und wozu diese An- und Aufläufe? Wieso bildet die Genese dieses Wunderwerks in den Köpfen der forschenden Wörtermenschheit nach wie vor ein Geheimnis; oder zumindest ein Terrain, auf dem notwendig gestritten wird; und zum Teil heftig? Gibt es da Lücken, brachliegende Felder? Spielt es denn irgendeine Rolle, aus welchem Hafen oder von welchem Flussufer aus (oder von welchem »Berg«) »Homer« die neuen Lettern, die die Welt bedeuten, in die Welt streute?
Die Antwort ist nicht ganz einfach. Aber Walter Burkerts kleiner Schlenker über Alphabetisierung und Demokratie gibt ein bisschen die Richtung vor, in die möglicherweise zu gehen wäre.
Wenn wir in der folgenden Exkursion verschiedene alte Schlachtfelder und Seegründe aufsuchen, merken wir nämlich schnell, dass es sich nur scheinbar um alte handelt; tatsächlich aber um aktuell umkämpfte Gebiete, wissenschaftlich und politisch und besonders wissenschaftspolitisch umkämpfte. Ich hatte z. B. nicht erwartet, bei einer Darstellung der Bedeutung des griechischen Vokalalphabets für die Medien- und Gehirnsprünge des eurasischen Menschen unversehens auf dem Boden heutiger Universitätskriege zu landen: etwa bei der Frage, ob der entschiedene Pro-Graecismus des deutschen Universitätsphilosophen Martin Heidegger als akademisch verkappter Antisemitismus anzusehen sei. Aber zu solchen Fragestellungen treibt es hin beim Begehen der Kampfgründe von Eurasien, Donautälern, Mesopotamien, Ägypten, Kleinasien, Griechenland, Kreta und Italien, von Palästina und Syrien bis rauf nach Troia.
Wir werden sehen, nach Ausbreitung der grundlegendsten Daten.
15Harald Haarmann, Wer zivilisierte die Alten Griechen? Das Erbe der Alteuropäischen Hochkultur, Wiesbaden 2017.
16Walter Burkert, Die Griechen und der Orient. Von Homer bis zu den Magiern, München 2004, S. 23.
17Ebd., S. 24.
18plus/minus 50 000 Jahre.
19Das ist ausgeführt in Klaus Theweleit, Pocahontas Bd. III, Warum Cortés wirklich siegte. Eine Technologiegeschichte der eurasisch-amerikanischen Kolonialismen, Berlin 2020.
20Emmanuel Todd, Niedergang der Weltmacht USA. Ein Nachruf, München 2003.
21Barry Powell, Homer and the Origin of the Greek Alphabet, Cambridge 1991; ders., Writing and the Origins of Greek literature, Cambridge, New York 2002.
Zu den »grundlegendsten zu klärenden Daten« gehört die Beantwortung der Frage, wie »die Griechen« denn aufs Meer geraten sind – was ja wohl die Bedingung dafür ist, dass sie dort – wie hier von mir behauptet wird – ihr Vokalalphabet »geboren« haben sollen. Schauplatz ist das östliche Mittelmeer.
Wir setzen ein mit »Mykene«; und entwickeln hier zunächst, was mit diesem Begriff bezeichnet werden soll:22
Nachdem die Griechen aus dem Nordosten – die genaue Heimat ist bis heute unbekannt – um ungefähr 2000 v. Chr. in die südliche Balkanhalbinsel und die umliegenden Inseln eingewandert waren, also in den Raum, in dem wir sie noch heute finden, erlebten sie innerhalb von tausend Jahren einen unerhörten kulturellen Aufstieg, dem danach ein desaströser Abstieg folgte.23
Ich lenke die Aufmerksamkeit gleich auf ein oft und schnell überlesenes Wort: Inseln, umliegende. Der Aufstieg erfolgte so:
Im zweiten Jahrtausend v. Chr. brachten die Eingewanderten eine über den Großteil ihres Siedlungsgebietes hin homogene Gesellschaftsform auf hohem wirtschaftlichem und kulturellem Niveau hervor. Wir nennen sie »Zentralpalastkultur«. In verschiedenen geographisch und ökonomisch besonders günstig gelegenen Landstrichen errichtete die Führungsschicht, der Adel, große Burgkomplexe, die zugleich als zentrale Herrschafts- und Verwaltungszentren dienten. Heute würden wir von »Landeshauptstädten« sprechen. Die Zentren waren autonom, aber personell durch vielfältige verwandtschaftliche Beziehungen innerhalb der Adelsschicht miteinander verknüpft. Sie kommunizierten miteinander zu Lande und zu Wasser, ließen aber keine über allen thronende Obergewalt entstehen.24
Zu Lande und zu Wasser. Ob sie keine Obergewalt entstehen ließen, oder ob es keinem der Zentralpaläste gelang, die anderen zu dominieren, ist offen. Jedenfalls ist es nicht einfach, ein Reich zentralistisch zu kontrollieren, dessen einzelne verstreute Teile großenteils nur auf dem Wasserweg erreichbar sind.
Sie trieben Handel nicht nur miteinander, sondern auch mit der gesamten mediterranen Außenwelt – vor allem mit Kreta, das eine eigene Kultur repräsentierte, mit Ägypten und dem Orient. Wie die modernen Ausgrabungen gezeigt haben, nahmen Wohlstand und Machtmöglichkeiten längerfristig ständig zu, so dass es zu mehreren aufeinander folgenden Phasen der Erweiterung und Kultivierung und natürlich auch des militärischen Machtzuwachses der Paläste kam. (S. 177)
»Militärischen Machtzuwachs« sollte man durch »nautischen« ergänzen und präzisieren. Nicht nur der ausgedehnte Ägypten- und Orienthandel geschehen übers Wasser; sie durchmischen sich mit Kriegerischem; es entsteht eine ausgedehnte Seeräuberei, die bis hin zu den Zeiten des römischen Cäsar nie »unter Kontrolle« zu bekommen war.
Eines dieser Zentren scheint von der Mitte des Jahrtausends an für längere Zeit alle anderen überragt zu haben: Mykene auf der Peloponnes, dessen Überreste noch heute keinen Griechenlandtouristen unbeeindruckt lassen. Gegen Mykene fielen Zentren wie Pylos, Ephyra (das spätere und heutige Korinth), Sparta, Theben, Ochomenos und auch das später so steil nach oben schießende Athen zumindest für einen gewissen Zeitraum erheblich ab. Die moderne Griechenlandkunde hat aus diesem Befund die Konsequenz gezogen: Seit den Ausgrabungen Heinrich Schliemanns in Mykene im Jahre 1874 und in den Folgejahren bezeichnet sie diese erste Hochkultur der Griechen als »mykenische« Kultur. (S. 177)
Es ist die vereinigte militärische und nautische Kraft dieser Kultur, die das legendäre Troia (IIlion) belagert und (wenn auch nur mit einem »Trick«) besiegt; die Kultur, über die Homer schreibt; besonders in der Ilias. Auch in der Odyssee liefert sie den stofflichen Rahmen: »Es ist wichtig, sich darüber klar zu werden, dass mit ›mykenisch‹ (…) nichts anderes gemeint ist als die griechische Kultur des zweiten Jahrtausends v. Chr., besonders in dessen zweiter Hälfte« (S. 175) – wo sie sich noch im Aufstieg befindet:
In dieser zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends begannen die Zentren zu expandieren. Eindrücklichstes Beispiel für diesen Drang nach außen, der besonders auf den südlichen und östlichen Mittelmeerraum abzielte, ist die Eroberung des Hauptpalastes von Kreta, Knossos, im 15. Jahrhundert. Ein solches Unternehmen war nur mit einer starken Flotte möglich, denn das Reich von Kreta, das wir nach Minos, seinem sagenhaften Gründer, »minoisch« nennen, besaß zu dieser Zeit die Seeherrschaft im Mittelmeer. Es ist bis heute nicht geklärt, wie der griechische Ausgriff nach Kreta im Einzelnen verlief, vor allem, ob er eine Einzeltat nur einer der griechischen Palastherrschaften war oder ein Gemeinschaftsunternehmen mehrerer Paläste, womöglich unter Führung von Mykene. (S. 177)
Wäre das so gewesen, dann wäre die Eroberung Kretas ein Vorläufer des »Modells Troia«, wohin um –1250 die vereinte Flotte der gesamten Palastkultur aufbrechen wird. Wir wissen über die Eroberung Kretas nichts Genaues, eben weil es ein entsprechendes Epos, eine »Kretiade«I aus der Hand Homers oder eines anderen Sängers nicht gibt; was dafürsprechen könnte, dass die Eroberung von Knossos kein gesamtmykenisches Unternehmen war. Den Sieg über Troia aber besangen, soweit wir wissen, mehr oder weniger alle postmykenischen Griechen; und zwar über einen Zeitraum von mehr als 400 Jahren. Latacz:
Eine bedeutende Rolle spielte in diesem Zusammenhang die Schrift. Bis zur Eroberung von Knossos hatten die mykenischen Griechen – so ist/war der Wissensstand – keine eigene Schrift besessen; ihre Kultur war schriftlos. Die Eroberung verschaffte ihnen nun auch dieses Kulturgut: Sie übernahmen von den Kretern, die nicht griechisch sprachen, die dort gebräuchliche Silbenschrift – das sog. Linear A, das bis heute nicht entschlüsselt ist – und schrieben damit ihre eigene Sprache, das Griechische. Wir nennen diese Schrift, die 1952 entschlüsselt werden konnte, Linear B. (S. 178)25
Dass das Linear B tatsächlich die allgemeine Schrift des Griechischen wurde in den Jahrhunderten nach –1600, ist ein Hinweis auf den relativ engen Zusammenhalt der verschiedenen mykenischen Paläste. Und wirft die Frage auf, warum Homer die Ilias nicht in Linear B aufgeschrieben hat.
Antwort: Es gibt überhaupt keine Literatur in Linear B, so Latacz. Tausende von Tontäfelchen mit Linear B, die ausgegraben wurden,
erwiesen sich im Wesentlichen als das, was wir mit Karteikarten bezeichnen würden: lange Listen von Gegenständen und Personen, Inventare, Im- und Exportkataloge, Kataster und dergleichen mehr. Es sind Zeugnisse für eine unerhörte Freude an Verwaltungseffizienz. (…) Mehr aber leider nicht. »Leider«, weil die Literaturfreunde unter uns auf Literarisches gehofft hatten, Dichtung vielleicht, religiöses Schrifttum, Prosa. Zutage trat von solchen Dingen nichts. Erklärungen dafür gibt es genug, unter anderem den Hinweis auf die hohe Kompliziertheit dieser Schrift mit ihren rund 90 unterschiedlichen Zeichen, deren Zahl und graphische Komplexität die schnelle Niederschrift von sprachlich anspruchsvollen Texten zweifellos erschwerte.26 (S. 178 f.)
Der Historiker und Griechenlandforscher Jörg Fündling formuliert in seinem Buch Homers Welt die Antwort, warum Linear B nicht für Verse taugte, so:
Linear B verschluckte beispielsweise den Großteil der Endungen beim Substantiv, so dass der Leser gerade noch sehen konnte, dass er ein männliches Wort auf -os vor sich hatte, und ebnete die wechselnden Vokale der griechischen Verben ein. Es war eine passable Schrift für »24 Dreifüße aus Knossos«, aber an »Nenne mir, Muse, den Namen des vielgewanderten Mannes« hätte es sich angeschmiegt wie Stacheldraht.27
Die Frage wäre damit beantwortet: Linear B war zu stacheldrahtig und zugleich nicht einfach genug für die Komplexität literarischer Sprache. Die Reduktion auf die 24 bis 26 Zeichen, die das Vokalalphabet vornimmt, ist der entscheidende Schritt zur erleichterten universellen Handhabbarkeit dieses Welt-Werkzeugs. »Das bedeutet allerdings nicht«, fährt Latacz fort,
dass es keine Wortkunst gab. Angesichts des hohen Entwicklungsstandes aller anderen Künste wäre das auch sonderbar. Bis vor etwa zwanzig Jahren war die Existenz von Dichtung in Mykene und anderen Zentren allerdings nur zu vermuten. Inzwischen lässt sie sich jedoch beweisen. Wir wissen heute: es war eine Kunst der Mündlichkeit. Auf Schrift war sie nicht angewiesen, weil ihr Wesen schon seit jeher, seit Jahrhunderten, in der Mündlichkeit bestand. Sie wurde ausgeübt von Künstlern, die sich Sänger (Äoden, Aoiden) nannten.28
Latacz hält für gegeben, »dass diese Wortkunst nach neuestem Forschungsstand nachweislich die Vorgängerin derjenigen Wortkunst war, die uns Jahrhunderte später in Gestalt der Schriften Homers entgegentritt« (S. 179).
Die Schriften Homers entstehen aber erst nach –800; also 800 Jahre nach der Entwicklung von Linear B in der mykenischen Kultur. Diese selbst geht nach –1200 unter (aus Gründen, zu denen wir gleich kommen). Mit diesem Untergang verschwindet auch die Schriftform Linear B. Die Jahre danach, zwischen –1200 und –800, haben keine griechische Schriftform. Sie gelten als das Dark Age von Griechenland. Dunkel nicht so sehr, weil man nicht wüsste, was in diesem Zeitraum passiert ist – die hochentwickelte Palastkultur Mykenes wird zerstört –, sondern einmal, weil man nicht ganz genau weiß, warum dies passierte, wie und durch wen. Zum Zweiten aber, weil es keine griechisch geschriebenen Aufzeichnungen aus dieser Epoche gibt; sie ist (zunächst) schriftlos.29
Mündlichkeit: Nicht erst während der Dark Ages, sondern schon in prämykenischer Zeit, hat sich, laut Latacz,
die griechische Dichtungsform des Hexameter-Epos entwickelt, die mündlich improvisierte Darbietung von Geschichten in aneinander gereihten Langversen zu sechs Daktyloi (-uu; lang kurzkurz). (…) Was das bedeutet, liegt auf der Hand: Homer hat seine Kunstform nicht erfunden. Er hat sie vielmehr übernommen. Er war ein Glied in einer Kette, die Jahrhunderte vor ihm bereits bestanden hatte. (S. 179 f.)30
Hier steht Latacz diametral gegen Autoren wie Barry Powell/Friedrich Kittler, die in Homer den tatsächlichen Erfinder des griechischen Vokalalphabets und der hexametrischen Versform sehen (wollen).
Es mutet zunächst merkwürdig an, dass der »desaströse Niedergang« der Palastkultur ausgerechnet nach dem triumphalen Sieg der Mykener über Troia einsetzen wird; um und nach –1200. Aus der Liste der (möglichen) Gründe:
Der lange Aufschwung der mykenischen Kultur fand ein abruptes Ende. In den Jahrzehnten um und besonders nach 1200 v. Chr. kam es zu einer Invasion von fremden Völkern aus dem Norden.31
» Fremde Völker aus dem Norden« sind eine beliebte Formel bei Historikern der frühgriechischen Geschichte. Sie füllen (traditionell) manch weiße Flecken der (ungezeichneten) Karten der frühen Bevölkerungsbewegungen. »Aus dem Norden« heißt irgendwie »zentralasiatisch«, aber im Einzelnen unspezifiziert.
Leute ohne Schrift, scheint es; aber erfahren in Ackerbau und Haustierzucht. Sie müssen für alles mögliche (Unerklärte) herhalten, mit einem gewissen Recht, jedenfalls bis zu den Ausgrabungen von Marija Gimbutas und den Schriften des mit ihr verbundenen Sprachforschers Harald Haarmann. Gimbutas’ Ausgrabungen und Haarmanns Sprachforschungen belegen die Existenz einer frühen selbstständigen sogenannten »Hochkultur« nördlich der späteren Griechenlande, die sogenannte Vinca-Kultur um das heutige Belgrad herum und weiter verzweigt in die Donautäler; von Haarmann unter dem Begriff »Donaukultur« zusammengefasst. Diese Kultur war nicht schriftlos; viele Scherben mit Schriftzeichen sind erhalten; entziffert ist diese Schrift allerdings nicht.
Haarmann belegt jedoch schlüssig, dass viele Wörter des späteren »Griechisch« Wörter aus der Sprache der Menschen der »Donaukultur« (= indogermanische) sind.32 Das wird hier eine Rolle spielen, wenn wir (ein paar Seiten weiter) auf die Spracheinflüsse »orientalischer« Sprachen auf das »Griechische« kommen.
Mit großer Wahrscheinlichkeit sind Teile solcher Einwanderer oder Invasoren an der Zerstörung der Paläste der Palastkultur zu diesem Zeitpunkt beteiligt. Sicher ist auch, dass mit ihnen früher schon das domestizierte Pferd, der Bronzeguss und militärisch damit der Streitwagen in die Gebiete des werdenden Griechenlands gekommen waren. Die Zerstörung der Paläste bedeutete die Stilllegung der organisatorischen Schaltzentralen. Da die Verwaltungs- und Lenkungsmechanismen auf Schrift basierten,33 das heißt auf schriftlich fixierten Registraturen und Einwohnerzahlen, Vieh- und Materialbeständen, Besitzverteilungen, Leitungshierarchien, Abgabeordnungen und -pflichten und so fort, war die Verbrennung der Paläste und damit der Archive (die als ungewollten Nebeneffekt die Härtung der Tontäfelchen bewirkte und damit den Vorzerstörungszustand konservierte und für uns rekonstruierbar machte) gleichbedeutend mit dem Zusammenbruch des gesamten Systems. Die Oberschicht, soweit sie nicht in Abwehrkämpfen umgekommen war, ergriff größtenteils die Flucht in abgelegene Gebiete und auf die Inseln, insbesondere Kypros (Zypern).34II
Das Ergebnis: Die postmykenische Kultur zersiedelt sich insgesamt in eine Inselwelt; ohne Zentralmacht und ohne auch nur die Andeutung klarer geografischer Grenzen, die zugleich als Grenzen eines Staaten- oder Städtebunds »Griechenland« hätten gelten können.
Eine Karlsruher Ausstellung 2008 mit exzellentem Katalog versammelte die neuesten Daten, d. h. Ausgrabungsbefunde zur Frage, wer oder was die mykenische Palastkultur zerstörte.35 Danach kommt keine Ursache alleine infrage; es gibt ein Bündel von Ursachen: Kriege – Bürgerkriege – Naturkatastrophen – Missernten – Krankheiten/Seuchen. Klar ist nur das Resultat:
Alles, was größere spezialisierte Gesellschaften und umfassende politische Macht erfordert hatte, verschwand zuerst: die bildende Kunst, fast alle größeren Bauten. Handel und Nachrichtenwege folgten; man ›verlor‹ den Nahen Osten und vielleicht sogar Kreta, das eben noch Fluchtziel gewesen war. Als der Zerfall in immer kleinere soziale ›Inseln‹ fortschritt, begannen seit etwa 1125 auch die Siedlungen leerer und spärlicher zu werden. Zwischen 1050 und 1000 trafen neue Zerstörungen und ein weiterer Bevölkerungsrückgang die griechische Welt. Was danach blieb, war eine an Menschen wie Gütern verarmte Zivilisation, die auf Hirten und Viehzüchtern beruhte. Zahlreiche Ruinenstätten erhoben sich inmitten dünn besiedelter Landschaften.36
Dass Ruinenstätten sich erheben – inmitten eines dünn besiedelten Nichts –, ist von leichter Komik; aber so stehen Ruinen nun mal da, in die Himmel ragend; wie das gestrandete Raumschiff in Tim Burtons Remake von Planet der Affen.37
Zu Ursache 1, Kriege untereinander: Nach ihr hätten innere Rivalität und Streite in der nachpalastzeitlichen Gesellschaft zu ihrem Untergang geführt. Hält man sich die hitzigen Auseinandersetzungen unter den Griechen-Fraktionen vor Troia in der Ilias vor Augen, ist das nicht nur möglich, sondern naheliegend.
Ursache 2, Bürgerkriege bzw. Putsche: Jörg Fündlings Befund von einer »enthaupteten Gesellschaft«38 speist sich aus der Vermutung, dass die Königtümer der Troiabelagerer durch den zehnjährigen Krieg ausgeblutet waren, sodass in ihrem inneren Bereich Machtvakuen entstanden, die die alltägliche Ordnung aufgelöst, ihr Alltagsleben ruiniert hätten.39
Falls die mykenische Kultur tatsächlich 1186 Schiffe mit dann ca. 60 000 Kriegern aufgetrieben hätte, wie der Schiffskatalog der Ilias behauptet, hätten zehn Jahre Abwesenheit dieser Ressourcen in der Tat sämtliche Königreiche in Stücke gehen lassen können. »Tatsächlich sahen sachkundige griechische Historiker genau hierin den Anfang vom Ende der Heroenzeit«.40 »In diesem Zeitraum von zehn Jahren nun, während dessen Ilion belagert wurde, ereignete sich in der jeweiligen Heimat der Belagerer viel Unheil durch die Aufstände der Jüngeren (…) so daß Mord und Totschlag und viele Vertreibungen die Folge waren«, notiert der Athener Platon vierhundert Jahre nach Homer um –350.41 Diese Version wurde also Teil griechischer Geschichtsschreibung. Dass Agamemnon, der Anführer der Troiakrieger, bei seiner Rückkehr von seiner Frau Klytemnestra und ihrem Liebhaber schnurstracks ermordet wird, gibt diesem Befund des inneren Zerfalls der von ihren Königen und ihrem kämpfenden Personal allein gelassenen Reiche Rückhalt. Innere Unruhen und Umstürze werden ihren Beitrag geleistet haben zum Untergang der Palastkultur.
Gegen die Annahme von inneren Unruhen als Hauptursache spricht zuallererst, dass alle mykenischen Paläste im Lauf dieses Niedergangs gebrannt haben, abgebrannt wurden. Warum hätte ein siegreicher Mykene-Palast das tun sollen mit dem besiegten Nachbarpalast, statt ihn selber zu nutzen? Das Gleiche gilt für den Sturz durch rebellierende Untertanen. Hätten sie die mykenischen Befestigungsanlagen, Burgen etc. abgebrannt? Nie und nimmer. Sie hätten sie übernommen. Und anderes hinzugebaut. Davon findet sich keine Spur.
Krieg Sorte 3: Die bereits erwähnten Invasoren »aus dem Norden«. Diese hätten – als eine Spielart der üblichen »Barbaren« – eher Gründe gehabt, die üblichen guten Gründe, die Wahrzeichen der überlegenen Kultur zu zerstören. Aber: Wo sind ihre materiellen Spuren? Die Ausgrabungen ergeben, dass im alten Mykenegebiet auch nach seinem Niedergang vor allem Traditionen der mykenischen Kultur fortgeführt wurden.42 Keine Aliens aus Zentralasien also, in diesem Fall. Außerdem: »Die Dorische Wanderung von ca. 1100, die bis nach Kreta reichte und vielerorts neue Herrscher an die Macht brachte, ist, bei allen Umbrüchen, die sie brachte, zu spät, um den Niedergang zu erklären.«43
Nicht also die Dorer als Auslöser; sie setzen höchstens hier oder da einen Todesstoß.
Wären andere Kulturen oder Ethnien in größerem Maßstab an der Invasion und Zerstörung Mykenes beteiligt gewesen, hätten ArchäologInnen deren Spuren auf dem Peloponnes finden müssen; das ist nicht der Fall. Bleiben ein paar »kriegerische Nordgriechen«. Die hätten das Ganze nicht über den Haufen werfen können und sind archäologisch ebenfalls so gut wie spurlos. Welche Sorte Krieg also auch immer – sie liefert nur ungenügende Erklärungen für den Zustand der mykenischen Welt um das Jahr –1150.
Und, merkwürdige Coda: »Die Paläste wurden anscheinend mit wenig Gegenwehr erobert, methodisch geplündert und dann ebenso gründlich niedergebrannt; von Eroberungen auf Dauer aber gibt es keine Spur.«44 Das klingt, als wären Befreundete gekommen (und hätten sich dann nicht so benommen). Oder die Bevölkerung des besiegten Palastes war schon auf dem Sprung nach woandershin; hatte die eigene Stadt aufgegeben, und die neu hereinströmenden Sieger gaben sie auch auf. Warum? Warum trat solch ein rapider Bevölkerungsrückgang auf dem Peloponnes in den folgenden Jahren und Jahrhunderten ein? Warum die großen Bevölkerungsverschiebungen? Und woher der rapide einsetzende Drang zur See? Der Karlsruher Katalog schnürt ein Ursachenbündel so:
Aus einem oder mehreren lokalen Vorkommnissen, seien es zwischenstaatliche Kriege, Bürgerkriege, Erdbeben oder Missernten, entwickelte sich ein Prozess, der von keiner Macht mehr beherrscht werden konnte. Je schwerer die Bedingungen wurden, desto mehr verloren die palastgestützten Eliten das Vertrauen ihrer Anhänger und Untertanen – insbesondere könnten Erdbeben und andere Naturkatastrophen als Beweis göttlichen Zorns über die herrschenden Eliten angesehen worden sein.45
Zumal der Zusammenbruch Mykenes nicht der einzige zeitgenössische war: »Die Ost- und Südbewegung wurde zweifellos durch den Untergang des Hethiterreiches und seiner Vasallenstaaten entlang der anatolischen und syrischen Küste kurz nach 1200 v. u. Z. bedeutend vereinfacht.«46 Wenn Reiche und Kulturen, die sich sonst bekämpft haben, gleichzeitig zugrunde gehen und auch kein dritter Gegner, der sie beide vernichtet hätte, in Sicht ist, liegt der Gedanke an Epidemien nahe; auch der an Erdbeben oder andere Naturkatastrophen. Nur: konkrete Hinweise auf eine Serie von Krankheitsepidemien gibt es nicht. Es gibt auch keinen weiteren genau belegbaren großen Vulkanausbruch, kein Seebeben vom Ausmaß Santorin, das um –1600 zu datieren ist (s. Anmerkung I).
Bloß eben die schon genannten Resultate stehen deutlich da: Die Kultur der bürokratischen Handelsstaaten mit ihrer peniblen Buchführung in der kretischen Linear-B-Schrift ist komplett zusammengebrochen.
Wie die Paläste verschwanden zahlreiche Siedlungen, teils ohne Anzeichen einer Zerstörung. Besonders hart betraf der Bevölkerungsschwund Teile der Peloponnes und das bislang mächtige Böotien, aber auch Thessalien im Norden. Manche Gegenden wie Attika wurden im Gegensatz dazu anscheinend Einwanderungsziele.47
Die Suche nach einer einzelnen Ursache für all dies bedenkt Katalog-Autor Dickinson mit dem Wort Energieverschwendung.48
Aber ein weiteres Rätsel ist angeschnitten: die sehr ungleiche Entwicklung im alten Mykenegebiet. Denn nicht überall verlässt die postmykenische Bevölkerung ihre Wohngebiete. An manchen Orten nimmt sie sogar zu, so etwa in Tyrins.III Nicht nur Exodus also, sondern auch
innergriechische Siedlungsverschiebungen, die nun aber auf der anderen Seite positive Folgen hatten: sie leiteten eine Ausweichbewegung der Äoler und Ionier nach Osten, hinüber auf die ostägäischen Inseln wie Lesbos, Chios, Samos und, einen Sprung weiter, an die kleinasiatische Westküste ein. Diese Bewegung, Äolische und Ionische Wanderung genannt, begann im Norden, und zwar schon früh, etwa um 1100/1050 v. Chr., und setzte sich dann südwärts bis etwa 950 v. Chr. fort. Im Laufe dieser Umsiedlungsbewegung, die in ihrer Feinstruktur zur Zeit ebenfalls einem intensiven Studium unterliegt, entstand an der jenseitigen Ägäis-Küste ein ostgriechisches Kolonialgebiet, das, nachdem im äußersten Süden auch die Dorer sich noch angeschlossen hatten, von Lesbos und der gegenüberliegenden Troas im Norden bis nach Rhodos und den gegenüberliegenden Festlandgebieten im Süden reichte. Die Neuzuwanderer brachten selbstverständlich ihre Lebensart und ihre kulturellen Traditionen mit und pflegten sie, wie bei Kolonisten üblich, mit besonderer Liebe. Dazu gehörte auch die Dichtungsform, von der wir oben sprachen, die Aoiden-Dichtung.49
– gemeint ist die mündliche
