A Lone Wolf - Linnéa Nyberg - E-Book

A Lone Wolf E-Book

Linnéa Nyberg

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Beschreibung

Manche Menschen besitzen tiefe Verbindungen zur Natur um uns herum. Manche haben Wurzeln, die noch zu ihren Vorfahren reichen. Sind Teil von Legenden, die nicht immer nur Erzählungen sind. Nayeli und ihr Bruder Shilah besitzen eine solche Verbindung zur Natur. Sie versuchen, sie mit einem normalen Leben in Einklang zu bringen, und scheitern - bis sie Hilfe in unerwarteten Umständen finden. Hilfe, aber auch Liebe. Freundschaft. Familie. Vermächtnisse. Leben und Tod. Und den Hunger nach Macht.

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Seitenzahl: 652

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Linnéa Nyberg

A Lone Wolf

 

 

 

 

 

 

Linnéa Nyberg

 

 

A Lone Wolf

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

Texte:

© 2022 Copyright by Linnéa Nyberg

Umschlag:

© 2022 Copyright by Linnéa Nyberg

Verlag:

Linnéa Nyberg

c/o Block Services

Stuttgarter Str. 106

70736 Fellbach

 

Druck:

epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

 

 

 

 

 

Für

die beste Familie der Welt

 

 

 

High School

 

 

 

 

Ich erwische einen der letzten Parkplätze vor der Schule. Es ist halb zwölf und gerade sind Schüler der Abschlussklasse weggefahren, vermutlich, um die Pause woanders zu verbringen. Wahrscheinlich im Maisies, da sind zu meiner Schulzeit immer die coolen Leute hingefahren. Wozu ich definitiv nicht gehörte. Noch besaß ich damals ein eigenes Auto.

Wie lange das her zu sein scheint.

Als ich mich nun so auf dem Parkplatz umsehe und die Schüler betrachte, die hier mit ihren Freunden abhängen, kommt es mir vor, als wären Ewigkeiten vergangen. Beinahe muss ich lachen. In meinen ersten Tagen, nachdem ich von der Middle School hierhin gewechselt habe, kamen mir die Schüler der Abschlussklasse so erwachsen vor. Jetzt sehe ich sie als unglaublich jung an. Ich hole tief Luft und verdränge die Erinnerungen an meine Schulzeit. Ich war nie beliebt, aber irgendwie ließ mich jeder in Ruhe, obwohl ich eine Einzelgängerin war und mit kaum jemandem geredet habe. Es war eher ein gegenseitiges Akzeptieren und Ignorieren.

Ich schnappe mir meine Tasche vom Beifahrersitz und steige aus.

Sofort weht mir ein frischer Wind um die Nase, der die Vorboten des Winters ankündigt. Die Blätter der Bäume haben sich schon vor einer Woche rot und golden verfärbt und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie ihren Kreislauf beenden, um im Frühling wieder neu zu wachsen.

Ich mag den Winter nicht. Er ist kahl und kalt und alles stirbt und verfällt in Winterstarre. Es dauert so lange, bis Frühling wird und das Leben wieder einsetzt. Ich ziehe meine Strickjacke enger um meinen Körper und lege die Umhängetasche um. Dann mache ich mich langsam auf den Weg zur Schule.

Mir ist bewusst, dass ich alle Blicke auf mich ziehe. Ich bin mit meinen vierundzwanzig Jahren zu jung, um die Mutter eines der Schüler zu sein und zu alt, um selbst noch zur Schule zu gehen.

Ich ziehe die Eingangstür auf und schiebe mich an einer Gruppe Footballspieler vorbei. Ich denke an den Anruf der Direktorin, die mir vor zwei Tagen auf den Anrufbeantworter gesprochen hat. Sie will mit mir reden. Über Shilah, meinen kleinen Bruder. Er ist sechzehn und wohnt noch bei unseren Pflegeeltern.

Ich bahne mir einen Weg durch die vollen Schulflure, in denen lachende und genervte Jugendliche herumalbern oder sich vor anderen verstecken.

War es immer schon so voll hier? War die Luft schon immer so stickig?

Wie froh ich war, als ich meinen Abschluss in der Tasche hatte. Wie froh ich war, nie wieder diese Flure entlanglaufen zu müssen. Wie froh ich war, keine Angst mehr haben zu müssen, dass irgendwer erfährt, wie seltsam ich wirklich bin. Gleichzeitig ist es aber auch ein befreiendes Gefühl. Ich bin nicht mehr Teil der Masse. Ich muss nichts leisten und bin frei von allen Gruppenzwängen, die mich sowieso nie interessiert haben. Und die Blicke zu mir haben sich geändert. Früher war ich entweder nicht existent oder die stille Seltsame. Jetzt ernte ich eher neugierige Blicke. Ich ignoriere sie alle und ignoriere auch die Fragen des aufgeblasenen Footballspielers, der fragt, ob ich eine neue Lehrerin bin. Gefolgt von einem Kommentar, wie sehr er sich darüber freuen würde.

Ich kann mich nicht zusammenreißen. Vielleicht tut meine innerliche Anspannung ihr Übriges.

Ich halte ihm meinen Mittelfinger entgegen und ernte das Lachen seiner Freunde. Als ob ich auf sein pubertäres Gehabe reinfallen würde oder auch nur in Betracht ziehen würde, freiwillig an die High School zurückzukehren.

Leider ist das Glück heute nicht bei mir. Im nächsten Moment stehe ich vor Mrs. Greenwood, die, mit den Händen in die Seiten gestemmt, vor mir stehen bleibt und sich bereit macht, eine Standpauke zu halten. Dann aber erkennt sie mich.

»Miss Qaletaqa!«, unterbricht sie sich überrascht und ihr Gesicht hellt sich auf.

Ich erwidere erleichtert ihr Lächeln. Ich hatte früher Literatur bei ihr und irgendwie mochten wir uns. Obwohl sie als die strengste Lehrerin galt und ich kaum je meinen Mund aufmachte, hat sie mich nie gezwungen, mich mündlich zu beteiligen. Ihr reichten meine schriftlichen Arbeiten und ich war ihr dankbar dafür. Auch, dass sie meine Liebe zu Büchern immer unterstützt hat.

»Mrs. Greenwood. Schön, Sie zu sehen«, entgegne ich.

»Ganz meinerseits, ganz meinerseits! Was machen Sie denn hier, haben Sie die Literatur vermisst?«

»Oh, keineswegs. Ich arbeite mittlerweile als freie Lektorin.«

»Oh wie schön!«, ruft sie aus und scheint meine Geste von gerade völlig vergessen zu haben. »Ich hoffe aber, Sie schreiben noch selbst!«

Meine Wangen erwärmen sich sofort. »Ja, ja, das schon noch.«

In den Geschichten und Gedichten konnte ich schon immer meine Gefühle besser ausdrücken als in der echten Welt. Sie waren schon immer mein Weg, der Realität zu entkommen.

»Sie werden noch ganz groß rauskommen, da bin ich mir sicher!«

»Ähm. Ja. Mal schauen«, druckse ich herum. »Es war schön, Sie zu sehen. Ich muss aber weiter, ich habe einen Termin bei der Direktorin.«

»Ah, verstehe. Dann sehen Sie das Büro ja doch mal von innen!« Sie zwinkert mir zu und wird dann ernst. »Wegen Ihres Bruders, vermute ich?«

Ich nicke.

Sie ebenso. »Also da kommt er wirklich nicht nach Ihnen.«

»Seien Sie nicht so streng mit ihm, ja?«, meine ich lächelnd. »Mein Bruder ist eher der Typ, der Dinge bewegt, als sie aufzuschreiben.«

Mrs. Greenwood lacht. »Da haben Sie wohl recht. Dann will ich Sie nicht weiter aufhalten.«

»Schönen Tag noch!«, wünsche ich ihr und gehe schnell weiter.

Zum Glück komme ich ohne weitere Zwischenfälle ins Sekretariat, wo immer noch dieselbe Sekretärin sitzt: Mrs. Finnigan. Sie sieht noch genauso aus wie vor sechs Jahren. Ihre grauen Haare in einem unförmigen Dutt, dazu ihre knallgrüne Brille und die rote Brillenkette. Sie diskutiert gerade mit einem blonden Schüler, den ich erst auf den zweiten Blick erkenne. Es ist Stephen, ein Freund meines Bruders, seit sie zusammen auf der Grundschule waren.

»Hey Stephen«, murmle ich, als Mrs. Finnigan ihr Gespräch mit ihm unterbricht, um mich zu begrüßen.

»Oh. Hallo Nayeli.« Er sieht mich überrascht an und setzt an, etwas zu sagen, doch Mrs. Finnigan lässt ihn nicht mehr zu Wort kommen.

»Schön, dass Sie es geschafft haben, Miss Qaletaqa, Mrs. Hill erwartet Sie in ihrem Büro, Sie können direkt durchgehen.«

Ich nicke ihr kurz zu und gehe an ihr vorbei zum Büro der Direktorin. Vorher werfe ich Stephen einen Blick zu, weil sein Gesichtsausdruck nach seiner ersten Überraschung so seltsam war. Er starrt mir nach, aber dann bin ich schon um die Ecke und schüttle den Kopf. Teenager.

Ich hebe die Hand und klopfe an. Unterdrücke das einschüchternde Gefühl der Direktion. Nein, ich bin keine Schülerin mehr. Ich bin wegen meines Bruders hier und was auch immer passiert ist, ich werde ihn verteidigen. Er ist die einzige, richtige Familie, die ich noch habe. Ich würde alles für ihn tun.

»Miss Qaletaqa!« Mrs. Hill steht von ihrem Schreibtisch auf und kommt mir entgegen. Während meiner Schulzeit habe ich sie immer nur von Weitem gesehen. Mrs. Hill ist eine schlanke Frau, die kurz vor der Rente steht. Sie ist klein, was sie aber durch ihre Haltung wettmacht.

Sie hält mir die Hand hin. »Marina Hill. Schön, dass Sie es einrichten konnten.«

Wieder nicke ich nur und nehme auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz, auf den Mrs. Hill zeigt. Sie selbst setzt sich wieder auf den Lederstuhl auf der anderen Seite und verschränkt die Hände.

»Ich hoffe, Sie haben gut hergefunden? Sicherlich kannten Sie den Weg noch, oder?«

Ich räuspere mich. »Ja. Ja, danke. Es ist... seltsam, wieder hier zu sein.«

»Sie haben vor sechs Jahren Ihren Abschluss gemacht, nicht wahr?«

»Ja.«

Sie nickt und lächelt leicht. »Wir hatten nie das Vergnügen, aber ich habe ein bisschen was über Sie gehört.«

Irritiert runzle ich die Stirn. »Ehrlich?«

Mrs. Hill lacht über meinen Gesichtsausdruck. »Ich denke, Sie waren bekannter unter dem Kollegium, als Sie denken.«

Ich schüttle kurz den Schreckensgedanken und die Sorge, dass über mich geredet wurde, ab und frage: »Sie wollten über meinen Bruder sprechen?«

Mrs. Hill wird ernst. »Shilah. Ich hatte schon zwei Termine mit Ihren Pflegeeltern, aber ich denke nicht, dass sie Shilah wirklich erreichen. Deshalb wollte ich gerne mit Ihnen sprechen.«

Die Falten auf meiner Stirn werden tiefer. Bill und Karen war schon zweimal zum Gespräch hier? Wieso weiß ich das nicht? Weder einer von ihnen noch Shilah haben das erwähnt.

»Was ist denn los?«

Ich habe gemerkt, dass Shilah in letzter Zeit ein wenig anders war, verschlossener, aber ich habe es darauf geschoben, dass er ein Teenager ist.

»Nun, Shilah war in seinem ersten Jahr hier auf der Magnolia-High ein sehr guter Schüler. Ruhig, aber in seiner Sozialkompetenz und seinen schulischen Leistungen immer exzellent.«

Ich nicke. Ja, Shilah ist wirklich intelligent und hat bisher immer bessere Noten, als ich in seinem Alter gehabt habe.

»Im letzten halben Jahr hat sich das geändert. Es kamen ein paar Kollegen auf mich zu, die sich wegen seines Verhaltens Sorgen machen. In einem ersten Gespräch mit Ihren Pflegeeltern hat sich aber kein privates Ereignis als Ursache finden lassen.«

»Zu Hause ist, soweit ich weiß, alles in Ordnung.«

Mrs. Hill nickt leicht. »Dennoch scheint etwas vorgefallen zu sein. Wissen Sie, ich habe in meiner Zeit als Lehrerin und Direktorin viele Leben begleitet und so eine Verhaltensänderung hat immer einen Auslöser. Er scheint weder mit Ihren Pflegeeltern gesprochen zu haben noch mit seinen Freunden. Seine Klassenlehrerin meinte, auch mit seinen früheren Freunden hat er Probleme. Vielleicht können Sie ihn ja erreichen.«

Auch mit seinen früheren Freunden? Hat Stephen deshalb so einen seltsamen Blick gehabt?

»Ich bin regelmäßig zu Hause«, erkläre ich, »aber eine große Veränderung habe ich nicht festgestellt. Ich meine, er zieht sich ein bisschen zurück, aber das ist doch normal in seinem Alter.«

»Sicherlich. Aber Shilah zieht sich hier in der Schule nicht nur zurück, er verhält sich auch aggressiv anderen Mitschülern gegenüber.«

»Was?«, frage ich überrumpelt. Shilah wird nie aggressiv. »Sind Sie sich sicher, dass -?«

»Ja. Vor einer Woche hat er einen Tag Schulverweis bekommen, weil er während des Trainings einen Mitschüler mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat.«

Das passt überhaupt nicht zu Shilah. »Das hatte sicherlich einen Grund«, überlege ich. »Shilah ist niemand, der grundlos jemanden schlägt. Vielleicht hat er jemand anderen verteidigt?«

»Das könnte man denken, wenn es nur dieser eine Vorfall war. Aber er ist verbal aggressiv seinen Lehrern gegenüber, hat einen anderen Mitschüler geschubst, wofür es jedoch keine Zeugen gab, und hat Eigentum der Schule beschädigt. Miss Qaletaqa, ich bin nicht dafür, Schüler zu bestrafen, wenn sie aus der Bahn geraten, man muss die Dinge an der Ursache packen. Aber ich kann das auch nicht so stehen lassen. Wenn sich Shilahs Verhalten nicht innerhalb der nächsten Wochen ändert, bin ich gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen. Ich bin für die Sicherheit alle hier an der Schule verantwortlich. Noch ein Vorfall und ich muss ihn suspendieren. Wenn nicht sogar von der Schule verweisen.«

Entsetzt blinzle ich. »Aber wir reden hier von Shilah!«

»Nun, ich hatte ihn selbst nie im Unterricht, aber er war schon ein paar Mal bei mir im Büro. Ich weiß nicht, wie er normalerweise ist, aber so, wie er sich momentan verhält... Wir wollen alle nicht, dass es so weit kommt, deshalb bitte ich Sie, mit ihm zu reden. Teenager in diesem Alter lassen sich nichts von Erwachsenen vorschreiben, aber Sie haben eine besondere Verbindung zu ihm. Sie sind seine Schwester. Ich weiß, Sie waren immer eine Konstante in seinem Leben. Sie sind zusammen in ein paar Pflegefamilien gewesen.«

Ich nicke. Als unsere Mutter gestorben ist, war Shilah erst ein paar Wochen alt und ich acht. Ich habe dafür gekämpft, dass mein kleiner Bruder immer bei mir bleibt.

»Ich rede mit ihm«, verspreche ich. Früher hat er mir immer alles erzählt. »Vielleicht... Nun, ich habe vor einem Jahr die Vormundschaft beantragt. Vielleicht wühlt ihn das auf.«

»Was auch immer es ist«, meint Mrs. Hill, »es sollte schnellstens geklärt werden. Es wäre schade um so einen intelligenten Jungen. Er könnte im Leben viel erreichen.«

Mrs. Hill steht auf und streckt mir die Hand entgegen.

Ich ergreife sie. »Danke, dass Sie mir Bescheid gesagt haben.« 

»Sie können mich gerne immer anrufen.«

»Danke.« Damit drehe ich mich um und verlasse das Büro. Nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe, lehne ich mich einen Moment an die Wand.

Shilah? Aggressiv? Niemals. Shilah ist vieles, aber nicht gewalttätig. Da muss etwas anderes dahinterstecken.

Als ich vom Sekretariat aus wieder in den Flur trete, überlege ich erst, direkt zurück zum Auto zu gehen, aber vielleicht erwische ich meinen Bruder noch in seiner Pause. Ich wende mich nach links Richtung Mensa.

Plötzlich höre ich einen Ruf hinter mir: »Nayeli! Yeli!«

Ich drehe mich um und sehe Stephen, wie er sich einen Weg durch die Menge bahnt. Schwer atmend bleibt er vor mir stehen. »Hey.«

»Hey«, erwidere ich.

»Bist du wegen Shi hier?«

Ich nicke und er deutet auf einen der Notausgänge. »Wollen wir draußen reden?«

Wir laufen vom Strom der Schüler weg und treten hinaus in den Sonnenschein, auf einen Hinterhof, wo sich ein paar der heimlich Rauchenden verstecken. Sie sehen uns alarmiert an, entspannen sich jedoch, sobald sie erkennen, dass wir keine Lehrer sind.

Stephen geht zu einem schmalen Absatz an der Wand, legt den Rucksack darauf und stemmt sich hoch. Ich selbst bleibe unten stehen und lehne mich seitlich an den Absatz.

»Mrs. Hill sagt, Shilah hat sich verändert«, erzähle ich leise.

Stephen schnaubt auf. »Ja und wie. Voll krass. So habe ich ihn noch nie erlebt. Ich mache mir echt Sorgen um ihn. Ich meine...«, er zieht nun selbst eine Schachtel Zigaretten aus seinem Rucksack.

»Mensch, Stephen, ich sehe dich immer noch als Zehnjährigen«, murmle ich und ziehe eine Grimasse. Er grinst und zündet sich ungeachtet meiner Missbilligung die Zigarette an.

»Bin erwachsen«, nuschelt er.

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Du bist sechzehn.«

»Alt genug«, erwidert er und stößt einen Schwall Rauch aus. »Also. Zurück zu Shi. Weißt du, was los ist? Er redet nicht mehr mit mir. Von einem Tag auf den anderen ist er voll komisch drauf.«

»Nein, keine Ahnung. Davon höre ich das erste Mal. Zu Hause schien alles okay. Und du weißt echt nicht, was los ist?«

»Nee, weiß ich nicht. Ich dachte erst, es ginge um ein Mädchen, aber... Er behandelt grade jeden scheiße. Und ich kenne ihn ja jetzt schon lange, aber... Alter, Yeli, du hättest sehen sollen, wie er beim Spiel ausgerastet ist!«

»Und dass ihn jemand ärgert? So was in der Art?«

»Ob er gemobbt wird? Nein. Ist eher andersherum. Ach nee, nein, das auch nicht so richtig. Er ist echt voll der Einzelgänger geworden. Letztes Mal, als ich mit ihm reden wollte, hat er mich voll beleidigt und ist fast davongerannt. Seit er aus dem Team geflogen ist, ist er noch mieser drauf.«

»Er ist aus dem Team geflogen?«

»Ja, sicher. Der Coach verzeiht echt nichts.«

»Er hat das Training und die Spiele immer gemocht.«

»Ja, eben! Wie konnte er nur so dumm sein? Er hätte das nie aufs Spiel gesetzt. Nicht Shi. Nicht so...«

»Hat er mal erwähnt, dass ich die Vormundschaft beantragt habe?«

Stephen bläst wieder Rauch zur Seite aus und sieht mich dann begeistert an: »Echt wahr? Cool, ja, nee, hat er nie. Kann ich dann mit zu euch ziehen?«

Ich lache. »Vergiss es, Stephen.«

Enttäuscht verzieht er das Gesicht, lacht dann aber auch. »Voll cool von dir. Wie froh ich wäre, von meinen Cop-Eltern wegzukommen.«

»Ich meine, Bill und Karen sind okay, aber ich habe es Shi versprochen, als ich ausgezogen bin. Die brauchen nur so verdammt lange für den Papierkram, weil es in unserem Fall nicht eilig ist. Ich dachte jetzt nur, vielleicht belastet ihn das irgendwie? Weil das so lange dauert?«

Stephen schüttelt den Kopf. »Nee, glaube ich nicht. Das war wirklich von einem Tag auf den anderen. Und schon habe ich meinen besten Freund verloren.« Er hört sich ehrlich enttäuscht an.

»Und was ist mit... ähm... Drogen?«

Stephen lacht leise. »Glaub mir, ich hätte es gemerkt, wenn er stonend oder high wäre.«

Ich seufze. »Verdammt, ihr seid schon viel zu alt geworden. Wieso könnt ihr nicht wieder zehn sein?«

»Schön wär‘s«, meint Stephen ehrlich. »Rede mit ihm, ja? Ich mache mir echt Sorgen um ihn.«

»Natürlich.«

»Ich muss jetzt los.« Stephen rutscht von dem Absatz und tritt seine Zigarette auf dem Boden aus. »War nett, dich zu sehen, Yeli.«

»Ja, war auch schön, dich zu sehen. Und Stephen?«

Er hält inne und dreht sich noch mal zu mir um.

»Du bist ein toller Freund. Das weiß er sicher.«

Stephen nickt nur noch einmal und will wieder durch die Tür ins Gebäude, da wird sie von innen aufgestoßen.

Plötzlich steht Shilah vor uns. Irritiert sieht er von Stephen zu mir.

»Yeli?«, fragt er überrascht. »Was machst du denn hier?«

Ich mustere ihn für einen Moment. Über seiner Schulter hängt nachlässig sein Rucksack, er trägt eine Trainingshose und ein schwarzes Sweatshirt. Seine schwarzen Haare stehen in alle Richtungen ab und ein paar Schweißtropfen glitzern auf seiner Stirn, bilden einen dünnen Film auf seiner olivfarbenen Haut.

Verdammt, er ist wirklich kein Kind mehr. Seit letztem Sommer schon ist er größer als ich und mittlerweile überragt er mich um fast eine Kopflänge.

Ich gehe auf ihn zu und umarme ihn. »Hey.«

Er erwidert die Umarmung kaum und fragt nur erneut: »Was machst du hier?« Dann blickt er wieder zu Stephen. »Und was machst du hier?« Seine Augen verengen sich und irgendwie sieht er wütend aus.

Stephen hebt sofort die Hände. »Alter, beruhig dich. Ich mache mir nur Sorgen um dich.«

Shilahs Augen schwirren zurück zu mir. »Ihr habt über mich geredet?!«

»Die Direktorin wollte mich sehen«, gebe ich zu.

»Wieso dich?«, fährt mein Bruder sofort auf.

Jetzt bin ich es, die die Hände hebe. Ich bin überrascht von seinem Verhalten und weiß langsam, was auch Stephen meinte. Irgendetwas stimmt mit ihm nicht. Da ich noch nahe neben ihm stehe, greife ich nach seiner Hand und atme tief durch. Ich hatte befürchtet, dass er sich sofort wieder losmacht, aber Shilah hält still. Was mich ermuntert zu sagen: »Komm. Du schwänzt die letzten Stunden. Wir müssen mal quatschen.«

Shilah schaut mich an. Er sieht direkt ruhiger aus. Doch plötzlich schieben sich zwei Jungs an uns vorbei, um ins Gebäude zu kommen, und ich lasse Shilahs Hand los. Sobald die Tür hinter ihnen zugefallen ist, stößt Shilah meine Hand weg. »Vergiss es.« Er will an mir vorbei, doch ich trete in seinen Weg. »Hey, was ist denn los?«

Sofort schubst er mich ein Stück nach hinten. Wut im Blick. »Geh weg, Yeli. Verschwinde von hier!«

Völlig perplex starre ich auf seine Hände, die mich weggeschubst haben. So hat er sich noch nie mir gegenüber verhalten.

»Shi«, stoße ich überrascht und besorgt aus. »Was...?«

»Ich habe gesagt, du sollst hier verschwinden!«, fährt er mich an und tritt einen Schritt auf mich zu. »Und hör auf, mit meinen ehemaligen Freunden hinter meinem Rücken zu reden!«

»Ey, Alter, beruhig dich mal wieder!«, murmelt Stephen hinter ihm.

Aufgebracht wirbelt Shilah zu ihm rum. »Du hältst bloß die Klappe! Geh! Und hör auf, Schwachsinn über mich zu verbreiten!«

»Schwachsinn, ja?«, erwidert Stephen verletzt. »Glaub mir, das bekommst du schon gut alleine hin. Ganz ehrlich, ich erkenne dich nicht wieder. Komm mit deinem Leben klar und behandle deine Schwester nicht so, du Arschloch!«

Bevor Shilah reagieren kann, ist Stephen in der Schule verschwunden.

Shilah sieht ihm einen Moment nach. Dann dreht er sich mit verschlossener Miene zur mir um. »Ich habe jetzt Mathe. Wir sehen uns.« Er will an mir vorbeigehen.

»Shi!«, ermahne ich ihn. »Komm schon!«

Er reagiert nicht.

»Shi!«

Er geht einfach. Ich werfe ihm meinen letzten Trumpf nach: »Die Anhörung vor Gericht ist in zwei Wochen.« Dann wird entschieden, ob ich sein Vormund werde oder nicht. Das, worauf wir schon seit Jahren warten. Endlich erfülle ich alle Voraussetzungen.

Shilah bleibt mit dem Rücken zu mir stehen. Und dann bricht er mir das Herz, als er sagt: »Mir doch scheißegal.«

Er dreht sich nicht mehr um, sondern geht schnurstracks geradeaus.

Ich starre ihm nach, bis er verschwunden ist, und muss die Tränen zurückdrängen. Es ist ihm egal? Seit wann das? Was zur Hölle ist nur los mit ihm? Und verdammt, ich will seine Worte nicht persönlich nehmen, aber ich tue es. Will er nicht mehr zu mir? Wir haben uns immer vorgestellt, dass ich die Vormundschaft übernehme, sobald es möglich ist. Sicher, wir haben immer gehofft, es wäre früher der Fall, aber... Nun selbst wütend trete ich gegen eine leere Getränkepackung. Ich muss unbedingt in Ruhe noch mal mit ihm reden. Ich werde morgen zu ihm nach Hause fahren und versuchen, dort mit ihm zu reden.

Ich wische mir eine Träne aus dem Augenwinkel und mache mich zurück auf den Weg zum Auto. Ausgerechnet heute. Wieso ausgerechnet heute?

Ich fühle den Herbststurm aufkommen, fühle es in der Luft und in meinem ganzen Körper. Die Nacht wird hart werden. Vor allem mit den Sorgen über meinen Bruder. Ich weiß, dass er nicht so ist wie ich, sonst hätte er sich seit der Geburt so verhalten. Nein, er ist nicht so und darüber bin ich froh.

Bevor ich in den Wagen einsteige, sehe ich hoch zum Himmel, wo sich langsam die Wolken zusammenziehen. Heute Nacht werde ich all meine Energie brauchen, um wach zu bleiben.

 

 

Der Sturm

 

 

  

 

Ich fahre zu meiner Wohnung am Stadtrand zurück. Vor ein paar Wochen bin ich hierhin gezogen, um näher bei Shilah zu sein. Glücklicherweise kann ich von überall aus arbeiten und es gibt im Garten einen direkten Zugang zu den Waldwegen.

Mittlerweile sind die Wolken dunkler geworden. Ich sollte mich beeilen. Gedanken um Shilah kann ich mir nachher noch machen.

Ich ziehe meinen Schlüssel aus der Tasche und schließe die Wohnung auf.

Mein Rückzugsort.

Bevor Shilah hier einzieht, muss ich unbedingt mit ihm reden. Oder?

Niemals, Nayeli. Du darfst niemals mit irgendwem darüber sprechen, hast du verstanden?

Sofort höre ich die Stimme meiner Mutter in meinem Ohr.

Niemals, Nayeli. Versprich es mir.

Ich lehne meine Stirn an das Türblatt. Versprochen, Mama. Aber manchmal ist es so schwer. Und es wird immer schwerer. Gerade in Nächten wie diesen.

Ich wünsche mir mit aller Heftigkeit, dass sie noch da wäre. Aber es hat sie damals in den Tod getrieben. Sie hat nie mit mir über sich gesprochen. Ich habe Angst. So verdammt große Angst, dass mir eines Tages dasselbe passiert. Ich schluchze auf und bin froh, dass Shilah noch nicht hier ist. Ich presse mir dennoch eine Hand vor den Mund, damit keine weiteren Schluchzer aus mir herausbrechen. Ich höre draußen den Wind auffrischen, wende mich abrupt ab und laufe ins Bad. Ich schlage die Tür hinter mir zu und lasse das Wasser in die Badewanne laufen. Lasse es heiß werden und bereite alles andere vor.

Wasser hat mir in den dunkelsten Stunden immer geholfen. Wasser und die Schutzzeichen auf den Türen und die Traumfänger vor den Fenstern.

Während das Wasser noch läuft, halte ich vor dem Spiegel inne. Auf meiner Stirn sind dunkle Streifen von den Kohlezeichnungen auf der Wohnungstür. Ich wische sie weg, nehme den Kayal und fange an, meine Arme mit denselben Zeichen zu bemalen.

Du bist etwas ganz Besonderes, Nayeli. Vergiss das nie.

Wie könnte ich? Wie könnte ich das vergessen?

Alle ihre Worte, die sie mir als Kind wieder und wieder eingetrichtert hat, spuken jeden Tag durch meinen Kopf.

Wehr dich nicht, Nayeli. Wehr dich nicht, wenn sie kommen. Sie brauchen dich, so wie du sie brauchst. Aber sei vorsichtig, Nayeli. Zu leicht mögen dich die Falschen. Zu gern wollen sie bleiben. Vertreib sie wieder, Nayeli. Vertreib sie wieder, sonst ist es zu spät.

Mama hat es ein Mal nicht geschafft. Ein einziges Mal. Und das war ihr Verhängnis.

Ich stelle das Wasser ab und lasse mich hineingleiten. Angezogen, sonst fühle ich mich zu angegriffen. Ich lege den Kopf zurück und schließe die Augen. Mama hat es mir jeden Abend erklärt. Damit ich es niemals vergesse. Viele haben sie für verrückt gehalten. Für eine irre Indianerin, die an noch wirrere Geschichten glaubt.

Aber ich wusste immer, dass alles, was sie erzählte, wahr ist.

Vergiss nie, welches Blut in dir fließt, Nayeli. Du bist etwas ganz Besonderes. So wie ich. Aber du bist stärker, Nayeli. So viel stärker. Du musst stark sein.

Ich habe sie immer gespürt. Sie waren immer da, sind immer durch mich durchgeflossen. Die Geister. Die Geister der Natur. Die Söhne und Töchter des Manitu. Des Geistes, der alles umfasst. Die Energie, die Magie in allen Dingen. Meine Vorfahren, die Natekowee, wussten darum. Sie gaben ihr Wissen an ihre Kinder weiter, bis es zu mir gelangte. Und nicht nur das Wissen.

Du spürst es, oder, Nayeli? Du spürst es, genau wie ich.

Ja, Mama.

Manitu ist in allem. Die Kraft, die weder gut noch böse ist. Aber die Söhne und Töchter, die Geister der Natur, sie machen den Unterschied in Gut und Böse. Der Sturm, der aufbrausende Wind, der Hagel, wenn der Himmel erzürnt ist, wie heute Nacht. Dann kommen die bösen Geister zu mir.

Die Guten, die durch den fließenden Bach, durch die sanfte Windböe und in den Bäumen wandern, sie kommen auch. Sie begrüße ich. Sie wollen nicht bleiben. Sie fließen durch mich wie der Bach durch eine enge Stelle. Sie lieben es, mich zu durchfließen und mein Gefühl zu spüren. Die Welt zu spüren, wie ich es tue. Wenn ich im Wald bin, ist es berauschend. Ich spüre sie, sie streichen über meine Haut und für einen Moment bin ich eins mit der Natur.

Lass sie zu dir kommen. Sie lieben deine kleinen Hände, lieben es, mit deinen Augen die Welt zu sehen.

Aber warum, Mama?

Weil sie es selbst nicht können, Liebling. Dafür schenken sie dir auch etwas.

Ja, ich weiß, Mama.

Diese Verbundenheit mit der Welt. Ich liebe dieses Gefühl.

Aber alles Gute hat auch eine Schattenseite.

Denn wenn die bösen Geister kommen, spüre ich sie ebenso. Es ist, als ob sie auf der Suche nach mir sind. Sie finden mich und wollen es auch fühlen. Wollen auf der Erde wandeln wie ich. Wollen präsent sein.

Vertreib sie wieder, Nayeli.

Aber wie, Mama?

Ich spüre es, wenn sie durch mich hindurch fahren. Und wenn sie ihre Krallen in mir versenken. Ich spüre, wie sie bleiben wollen. Ich spüre ihre Macht. Aber auch das Böse in ihnen.

Lass sie los, Nayeli. Wehr dich nicht und denk an etwas Schönes. Denk daran, wie die Blätter im Wind wehen. Denk an deinen kleinen Bruder, der bald geboren wird. Und der dich beschützen wird. Du ihn und er dich. Bleibt zusammen, Nayeli. Versprich es mir.

Versprochen, Mama.

Denk an etwas Schönes, Liebling.

Ein Windstoß fährt über das Dach.

Denk an etwas Schönes.

Ich denke an Mama, wie sie früher war, als ich klein war. Aber heute ist es schwer. So schwer, weil ich immer Shilahs abweisenden und wütenden Blick vor Augen habe. So schwer, weil ich seine Worte in meinem Ohr höre.

Mir doch scheißegal.

Nein. Nein, das meinte er nicht so. Ich denke daran, wie er sonst zu mir ist. Seine Augen, die beim Lachen immer heller werden. Seine kleine Hand in meiner.

Wieder schluchze ich auf. Nein, nein, nein. Ich muss an etwas Schönes denken. Doch ich verfange mich in meinen dunklen Gedanken und Tränen strömen mir über die Wangen. Ich fühle mich so einsam wie noch nie. Was mache ich denn, wenn ich Shilah nicht mehr habe? Ich habe sonst niemanden!

Wellen von Einsamkeit und Traurigkeit überrollen mich und ich weine heftiger. Ich habe Angst. Angst, dass ich den Kampf wie Mama verliere. Mama konnte einen bösen Geist nicht mehr vertreiben. Ich weiß noch den Morgen nach dem Gewittersturm, an dem sie mit leeren Augen durch den Trailer wanderte. Ihre Hände voller Blut, weil sie dabei war, alle Gläser zu zerbrechen. Die Scherben schnitten in ihre Haut und Tränen flossen über ihre Wangen. Ich wusste, sie kämpfte. Ich wollte ihr helfen. Aber sie sperrte mich ein. In dem kleinen Zimmer, wo Shilah, der noch so winzig war, in der Decke lag. Ich hörte ihr Schreien. Ich legte Shilah die Hände auf seine kleinen Ohren, damit er es nicht hören musste.

Ich hatte ihn auch gespürt. Ich hatte den Geist gespürt. Er wollte zu mir. Aber Mama hatte ihn zu sich gelockt. Er war so stark. So stark. Er ließ sich von Mama locken. Es ist meine Schuld. Es ist meine Schuld, dass sie tot ist. Er wollte zu mir. Aber sie ließ ihn nicht.

Noch mehr Tränen laufen über meine Wangen.

Stunden später hörte eine Nachbarin meine Rufe. Weil ich lange nichts mehr von Mama gehört habe. Sie fand sie. Mit durchschnittenen Handgelenken.

Ich habe sie noch gesehen. Ich habe Shilah an mich gepresst und geweint.

Sie hat den Kampf verloren.

Vertreib sie, Nayeli.

Ich versuche es, Mama. Ich versuche es.

Der Wind draußen wird stärker.

Vertreib sie, Nayeli.

Ich betrachte die schwarzen Linien auf meinen Armen. Früher hat sie sie gemalt. Jetzt bin ich es.

Fieberhaft rufe ich mir gute Erinnerungen vor Augen. Wie ich mit Shilah lache. Wie ich mit Mama gelacht habe. Mama war nicht verrückt. Sie hat nur genauso viel gespürt wie ich.

Und Shilah, dem Manitu sei Dank, tut es nicht. Mama hat es an mich weitergegeben, aber zum Glück nicht an ihn. Er macht eine schwierige Phase durch und ich werde herausfinden, was es ist. Es ist nur eine Phase. Ich werde immer für ihn da sein. Immer. Das muss ich ihm klar machen. Er ist doch alles, was ich habe. Zu keinem unserer Pflegeeltern, auch Bill und Karen nicht, habe ich je eine enge Verbindung aufgebaut. Ich habe nur Shilah.

Ich spüre ihn. Den bösen Geist des Sturms.

Er sieht mich.

Er kommt näher.

Ich denke an Shilah. Wie er sich, als er klein war, an mich geklammert hat. Wie ich ihm von Mama erzählt habe. Shilah.

Er kommt.

Ich spüre ihn stärker. Seine dunkle Energie. Ich kneife die Augen zusammen, als er in mich fließt. Ich atme tief ein und spüre die Kraft des Sturms in meinen Adern. Für einen kurzen Moment denke ich, ich wäre in den Wolken. Spüre den Wind auf meiner Haut. Spüre ihn. Dann atme ich aus. Und denke an Shilahs Lachen.

Geh.

Ich spüre, wie er sich an den Zeichen stört. Sie vertreiben ihn, machen es ihm ungemütlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit zieht er sich zurück.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Aber meine Finger sind schon ganz schrumpelig vom Badewasser. Sie zittern, als ich sie hochhalte.

Die Macht, die ich bei solchen Begegnungen immer spüre, erfüllt mich mit einem Hoch. Doch der Absturz ist heftig. Und er muss kommen. Er muss. Sonst verliere ich mich selbst.

Es ist anstrengend. Die Bösen sind die Mächtigsten und es ist so anstrengend, am Guten festzuhalten. Es ist so anstrengend, es niemandem erzählen zu können.

Niemals, Nayeli. Es gibt nicht nur böse Geister. Es gibt auch böse Menschen. Vergiss das nie. Niemals, Nayeli. Niemals.

Niemals.

Bis jetzt konnte ich es immer verstecken. Aber dafür muss ich mich von den Menschen zurückziehen.

Doch das wird schwierig, wenn Shilah hier einzieht. Wenn.

Aber Shilah ist kein böser Mensch. Und Shilah wird mich nicht für verrückt halten.

Oder?

Nein. Es ist Shilah.

Shilah, der mich heute weggeschubst hat. Der so wütend war.

Mir doch scheißegal.

Aber mir nicht, Shi. Mir ist es nicht egal. Ich brauche dich.

 

 

Wut

 

 

 

 

Am nächsten Morgen wache ich gerädert auf. Für einen Moment bleibe ich liegen und starre an die Decke. Eigentlich mache ich mich nach Erlebnissen wie diesen immer auf den Weg in den Wald, um nach guten Geistern zu suchen, mich von ihnen erfüllen zu lassen. Aber ich kann nicht aufhören, an Shilah zu denken. Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht mit ihm. Er ist gerade nicht mein kleiner Bruder und heute ist Samstag, also müsste er zu Hause sein.

Ich seufze, mache mich fertig und versuche, die letzten Zeichen von gestern von meiner Haut zu schrubben, doch ein paar Schemen bleiben erhalten.

Egal. So bleiben sie zumindest ein bisschen zum Schutz.

Ich spare sämtliches Geld, um mir mit Shilah ein neues Leben aufzubauen. Vielleicht können wir, wenn er mit der Schule fertig ist, zusammen irgendwohin ziehen, wo wir mehr Natur um uns haben. Falls er das denn will. Bei seinen Zukunftsvorstellungen hat er sich immer bedeckt gehalten.

Während ich mich ins Auto setze, denke ich noch einmal über die Begegnung mit ihm gestern nach. Und was Mrs. Hill zu mir gesagt hat. Wenn selbst Stephen so besorgt ist... Es wundert mich, wieso ich selbst nichts gemerkt habe. Zu Hause war Shilah mir gegenüber immer ganz normal, zumindest habe ich nicht gemerkt, dass er irgendwie in die falsche Richtung abdriftet.

Ich lenke den Wagen zum beschützten Wohngebiet, in dem Bill und Karen wohnen. Sie besitzen ein typisch amerikanisches Einfamilienhaus mit großem Garten. Als Shilah und ich zu ihnen kamen, war ich fünfzehn. Die Pflegefamilie, in der wir vorher waren, hat selbst Nachwuchs bekommen und wollte uns nicht mehr haben, also haben sie uns rausgeworfen. Ich kam mit unserer Sachbearbeiterin von Jugendamt gut zurecht. Sie hat mir geholfen, dass Shilah und ich zusammenbleiben konnten. Aber selbst wenn nicht, hätte ich nicht zugelassen, dass wir getrennt werden würden. Bill und Karen haben selbst keine Kinder und sich relativ spontan dazu entschieden, zwei Waisen in Pflege zu nehmen. Ein fünfzehnjähriges, zurückgezogenes Mädchen und ihr siebenjähriger Bruder. Bill und Karen sind nett, sie haben uns immer gut behandelt und wir hatten beide sogar ein eigenes Zimmer. Was unglaublich toll war, denn so konnte ich die Traumfänger, die ich aus Mamas Trailer retten konnte, vor meinem Fenster aufhängen, ohne, dass es irgendwen störte. Nur die Schutzzeichen gaben richtig Ärger, als Karen sah, dass ich sie auf die Tür und die Wände gemalt hatte. Ich musste alle abwischen und mich damit begnügen, sie mir auf die Arme zu malen.

Vielleicht halten mich schon ein paar Leute für verrückt. Aber es ist immerhin noch etwas anderes, sich Zeichen auf die Haut zu malen und Dinge über Geister zu erzählen.

Ich parke den Wagen am Straßenrand und sehe zu dem weiß gestrichenen Haus hinauf. Ich war erleichtert, als ich ausgezogen bin. Bill und Karen sind für Shilah beinahe wie Eltern. Aber für mich... Ich habe Mama noch kennengelernt. Shilah nicht. Ich weiß noch, wie Mama ausgesehen hat, gerochen hat, wie ihre Stimme klang. Shilah nicht. Unsere beiden Väter kenne ich beide nicht. Ich weiß nur, dass es nicht derselbe war. Mehr hat mir Mama nie verraten. Manchmal habe ich mich gefragt, ob wir nicht bei einem von ihnen wohnen könnten. Aber dann hätte Mama es mir gesagt. Sie hatte immer einen Notfallplan für uns, wenn mal etwas schief läuft. Und der besagte, bei Tante Chepi zu bleiben. Was sich im Nachhinein als schlechter Notfallplan erwies, denn Tante Chepi wurde nur drei Wochen später verhaftet. Also kamen wir ins staatliche Pflegeprogramm.

Wir haben schon in vielen Häusern geschlafen, aber ich habe mich zurück in den kleinen Trailer im Wald gewünscht. Gleichzeitig muss ich immer, auch heute noch, wenn ich einen Trailer sehe, an das Blut denken, das an Mama entlanggeflossen ist.

Ich schüttle den Kopf und vertreibe die Gedanken. Meine Tasche lasse ich im Auto liegen. Ich gehe die Betonstufen hinauf und klingle an die Tür. Den Schlüssel habe ich zurückgegeben, als ich vor sechs Jahren ausgezogen bin.

Es ist zehn Uhr morgens. Normalerweise müssten alle zu Hause sein.

Nach nur wenigen Sekunden bestätigt sich meine Vermutung und Karen öffnet die Tür.

»Nayeli. Ich wusste gar nicht, dass du vorbeikommen wolltest.«

»Hey. Ist Shilah da?«

Zu meinem Missmut schüttelt sie den Kopf und sieht besorgt aus. »Er muss heute ganz früh rausgeschlichen sein.« Sie seufzt und deutet an, dass ich eintreten soll.

»Ich war gestern bei der Direktorin, Mrs. Hill«, erzähle ich. »Sie hat mich angerufen«, ich zucke die Achseln. »Sie hatte die Hoffnung, dass ich mit Shi reden kann. Wieso habt ihr denn nichts gesagt?«

Karen seufzt wieder. Das kann sie gut. »Er ist ein Teenager.«

»Ja, aber es ist Shilah.«

Erneut stößt sie einen winzigen Seufzer aus. »Jeder kommt mal in das Alter.«

»Na ja, ich habe nie jemanden geschlagen.«

»Nein«, sie wirft mir einen schiefen Blick zu. »Du warst auf andere Weise...«

...seltsam? Irre ich mich, oder sucht sie unter meinem Pullover nach den Zeichen und fragt sich, ob ich sie mir immer noch aufmale?

Glücklicherweise schüttelt sie jetzt den Kopf und nickt ins Innere des Hauses. »Hast du schon gefrühstückt? Bill hat heute Morgen frische Brötchen besorgt.«

»Nein. Und ja, danke, gerne.«

Ich folge ihr in die Küche, wo Bill noch am Esstisch sitzt.

»Guten Morgen«, begrüße ich ihn.

»Morgen«, brummt er und liest weiter in seiner Zeitung. Wenn er Zeitung liest, lässt er sich kaum davon ablenken.

Ich hole mir selbst aus der Küche alles und setze mich dann zu Karen und Bill an den Tisch. Karen gießt mir gerade eine Tasse Kaffee ein.

»Was hat Mrs. Hill denn alles gesagt?«, fragt sie mich.

Ich erzähle es ihr mit leiser Stimme, während ich meine Hände um die heiße Tasse lege. Sie tut meinen kalten Fingern gut.

»Das legt sich schon wieder«, meint Karen, als ich geendet habe. »Teenager haben halt solche Phasen.«

»Aber...«, widerspreche ich, doch Karen lässt mich nicht ausreden: »Du machst dir Sorgen und das verstehe ich, Yeli, aber du musst auch akzeptieren, dass Shilah eigenständig wird.«

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen. Eigenständig und aggressiv ist immer noch etwas anderes. Ich will gerade erzählen, was Stephen zu mir gesagt hat, da hören wir, wie die Haustür aufgeschlossen wird.

»Ah, da ist er ja.«

»Shila!« Ich zucke leicht zusammen, als Bill laut nach ihm ruft.

Stille. Dann schlurfende Schritte. Ich glaube, Bill stimmt mir insgeheim zu, denn dass er das Lesen seiner Zeitung unterbricht, um mit Shilah zu reden, ist neu. Nur wenige Sekunden später steht mein Bruder in der Tür und sieht uns ausdruckslos an. Wobei er mich eigentlich eher ignoriert.

»Junger Mann«, Bill legt die Zeitung weg. »Wo bist du gewesen?«

Shilah verdreht genervt die Augen. »Unterwegs?«

»Wir haben ausgemacht, dass du nachts nicht alleine unterwegs bist.« Bills Stimme hört sich ungewohnt streng an.

»War ja auch Morgen. Also was ist das Problem?«, entgegnet Shilah aufsässig.

»Es war dunkel!«, entgegnet Bill.

»Ja, und?«

»Rede nicht so mit deinem Vater.«

»Er ist nicht mein Vater!« Shilah wird wieder wütend. Seine Atmung beschleunigt sich. »Ihr interessiert euch doch einen Scheiß!«

»Shilah, nicht in diesem Ton!«, ermahnt ihn Bill. Ob es ihn verletzt, dass Shilah ihn so offen als Vater ablehnt, sieht man ihm nicht an.

»Was auch immer«, murmelt Shilah und dreht sich weg.

Ich zucke heftiger zusammen, als Bill plötzlich mit der flachen Hand auf den Tisch schlägt.

Shilah dreht sich langsam wieder um. Ich erkenne nichts mehr von meinem kleinen Bruder. Nicht mit dieser Wut in seinen Augen.

»Jetzt hör mir mal zu!«, fährt Bill ihn an, doch Shilah unterbricht ihn: »Spar dir deinen Vortrag! Und spar dir deine Worte! Du bist nicht mein Vater, ihr seid nicht meine Eltern und mir ist es scheißegal, was ihr sagt! Ihr könnt mich alle mal!«

Nun steht Bill abrupt auf und stapft auf Shilah zu. Mit erhobenem Zeigefinger bleibt er vor meinem Bruder stehen. »Nicht. In. Dem. Ton! Nicht in meinem Haus, hast du verstanden?«

Shilah funkelt ihn nur wütend an. »Sonst was?«

»Shilah, hör auf«, mische ich mich nun leise ein.

Er ignoriert mich. Beide ignorieren mich.

»Sonst kannst du heute Nacht gleich draußen schlafen.«

»Schön, vielleicht mache ich das ja«, erwidert Shilah nur mit zusammengebissenem Kiefer. Dann dreht er sich um und stapft wutentbrannt die Treppe hoch. Oben hören wir, wie irgendetwas auf den Boden fällt. Dann ein lauterer Knall, als Shilah die Zimmertür zuschlägt.

Ich sehe, wie Bill mit sich kämpft, ob er ihm nachgehen soll oder nicht, daher schlüpfe ich schnell an ihm vorbei in den Flur, bevor er sich entscheiden kann.

»Ich rede mit ihm«, rufe ich und warte nicht ab, wie Bill reagiert. Ich nehme die Treppe nach oben und wende mich nach links in den Flur.

Vorsichtig klopfe ich an seine Tür. »Shi, ich bin‘s, kann ich hereinkommen?«

»Nein!«, ertönt sofort, aber gedämpft, als wäre er ihm Bad.

»Shilah, bitte. Ich bin es nur.«

Ich höre nichts mehr, was ich als Bestätigung auffasse, doch als ich die Tür öffnen will, ist sie abgeschlossen.

»Komm schon!«, murmle ich und klopfe wieder. »Shi, mach die Tür auf!«

Stille.

Nein. Ich presse das Ohr auf die Tür und horche. Irgendetwas knackt.

Geräusche ertönen, die ich nicht einordnen kann, und mir stellen sich die Nackenhaare auf. Irgendwas stimmt nicht.

Ich spüre etwas. Nicht, wie wenn ein Geist da wäre, aber... Energie. Die Energie ändert sich. Es ist ein ganz seltsames Gefühl, was ich nicht einordnen kann, was aber meine Angst beflügelt.

Ich laufe in mein altes Zimmer, welches momentan voller alter Kisten von Bill und Karen vollgestellt ist, und gehe zu dieser Badezimmertür. Das Bad liegt zwischen unseren Zimmern und hat zwei Verbindungstüren. Ich lege meine Hand auch hier auf das Türblatt.

Bevor ich noch einmal nach Shilah rufen kann, spüre ich es erneut. Da ist ein Knistern in der Luft, als wäre sie aufgeladen. Eine Änderung im Energiefluss. Etwas, das ich noch nie gespürt habe.

Dann höre ich das Stöhnen.

»Shi?«, rufe ich erschrocken.

Ich will die Klinke hinunterdrücken, aber er hat daran gedacht, diese Tür ebenfalls abzuschließen. Ich fluche lautlos. Ich muss da unbedingt rein. Irgendetwas passiert da drinnen. Irgendetwas, das ganz und gar nicht normal ist. Ich lasse meinen Blick im Zimmer schweifen und suche nach einem passenden Gegenstand.

Da! Eine Büroklammer. Nicht ideal, sollte aber gehen.

Ich schnappe sie mir, gehe zum Schloss und drehe es Millimeter für Millimeter von dieser Seite auf.

»Ich komme jetzt rein!«, warne ich Shilah noch, bevor ich keine Sekunde später die Tür aufreiße.

Das, was ich im Inneren des Bads sehe, lässt mein Herz einen Schlag aussetzen.

 

Gründe

 

 

 

 

Mama hat mir viele der alten Legenden erzählt. Und ich weiß ja selbst, dass so manches möglich ist. Dass da Dinge existieren, von denen die meisten Menschen nicht einmal eine Ahnung haben. Aber das ist...

Das begreife selbst ich nicht.

Ich kann nur reagieren, als ich Bill hinter mir auf der Treppe höre.

»Shilah, Nayeli, alles okay bei euch?«

Panisch drehe ich mich um und schließe die Tür. Er darf auf gar keinen Fall reinkommen!

»Ja, alles gut!«, rufe ich laut. »Gib uns einfach eine Weile, okay?«

»Sicher, dass alles gut ist?«

»Ja, ja, alles gut!«, wiederhole ich und verschließe währenddessen das Schloss von innen. Ich spüre Bills Zögern durch das Holz der Tür. Endlose Sekunden später höre ich Schritte die Treppe hinunterstapfen.

Erst da drehe ich mich in Zeitlupe um und schaue zum anderen Ende des Raumes. Ich blicke in dunkle, braune Augen. Shilas Augen, denke ich sofort, gleichzeitig aber, dass das unmöglich ist.

Ich falle langsam auf die Knie und schlage eine Hand vor den Mund.

Es ist nicht unmöglich. Denn ich... ich spüre ihn. Spüre ihn, wie ich einen Geist spüre. Ich spüre seine Energie. Seine... Macht. Die doch ganz anders ist. Aber ich spüre auch meinen Bruder unter der Oberfläche. Und ich sehe seine Augen. Sehe aber gleichzeitig in die Augen eines großen, beinahe doppelt so groß wie ein Schäferhund, braun-weiß-grau gescheckten

Wolf.

Er hechelt schwer. Fixiert seine Augen auf mich. Drückt seinen Körper eng an den Rand der Badewanne. Den Schwanz eingezogen, als hätte er Angst. Seine Pfoten riesig auf den Fliesen.

»Shilah?«, flüstere ich ungläubig.

Der Wolf winselt leise auf.

Nein! Nein, nein, nein. Wie kann das sein?

Wie kann...?

»Shi?«, frage ich wieder.

Er regt sich nicht. Ich strecke meine Hand nach ihm aus, obwohl ich ihn von hier aus nicht berühren kann.

Jetzt zieht er die Lefzen hoch und knurrt mich an. Ein tiefer Ton, der in meinen Knochen vibriert.

Ich habe keine Angst vor ihm. Denn die Energie, die von ihm ausgeht, fühlt sich nicht böse an. Sie fühlt sich friedlich an. Das gibt mir den Mut aufzustehen und langsam näherzukommen. Erneut knurrt er mich an.

Ich beachte es nicht. Sehe nur die Augen meines Bruders.

»Schhh«, mache ich leise. »Schon gut. Schon okay. Ich bin‘s.«

Ich sehe die Angst in ihnen.

»Oh Shilah«, flüstere ich und aus einem Impuls heraus lege ich meine Arme um ihn und vergrabe meinen Kopf in seinem Fell. Sein Atem geht immer noch schwer, aber er bewegt sich nicht. Ich drücke ihn an mich. Ich schließe die Augen und atme seinen Duft ein, den ich gar nicht einordnen kann. Nach Wald und nach Freiheit. Nach Wildtier und nach Shilah.

Das ist unmöglich, will ich sagen, doch ich denke an gestern. An mein Leben. Das sollte auch unmöglich sein.

Aber das hier ist dennoch etwas gänzlich anderes. Ich atme tief und suche nach der Energie, die ich spüre. Sie umschließt mich und irgendwie fühle ich mich durch sie geborgen.

Ich muss an Mamas Worte denken: Denk an deinen kleinen Bruder, der bald geboren wird. Und der dich beschützen wird. Du ihn und er dich. Bleibt zusammen, Nayeli.

Wusste sie das? Wusste sie, dass er...? Dass er was? Zum Wolf werden würde?

Er fängt an zu zittern.

»Schhh«, mache ich wieder, »Alles gut. Es ist alles okay. Ich bin bei dir, Shilah. Alles okay. Alles okay. Alles okay.«

Ich sage es immer wieder, um ihn und um mich zu überzeugen. Bitte, bitte, lass ihn nicht für immer in dieser Gestalt bleiben.

Ganz langsam scheint er sich zu entspannen.

»Ist okay«, wiederhole ich. »Du bist hier sicher. Alles gut. Bill ist unten. Ich bin hier. Ich bin bei dir.«

Auf einmal legt er seine Schnauze auf meine Schulter. Sein Atem erwärmt mein Ohr.

»Ich bin bei dir. Ich beschütze dich. Das habe ich Mama versprochen«, flüstere ich ihm zu. »Ich beschütze dich. Ich bin da.«

Ich fahre mit meinen Händen über sein Fell, über seinen Kopf. Da hebt er seinen Kopf wieder und ich lasse meine Hände seitlich an seinen Kopf wandern, halte ihn, bis wir uns ansehen.

»Du bist es, oder?«, frage ich, seine Augen nur Zentimeter von meinen entfern. So viel größer als sonst.

Ich sehe die Antwort in ihnen. Ja.

Ich nicke. »Okay.«

Ich lege meine Stirn vorsichtig gegen seine. Er lässt es zu.

»Kannst du...? Kannst du wieder ein... Mensch werden?«

Sein Atem stockt kurz.

Und dann tut er etwas, was meinen stocken lässt. Etwas, das ich nicht erwartet hätte. Er dreht seinen Kopf und schleckt mir einmal quer über das Gesicht.

»Shilah!«, rufe ich aus, »Igitt, was soll das denn?«

Gleich darauf muss ich lachen. Ich kann nicht anders.

Hechelnd blickt er mich an, fast, als ob er ebenfalls lachen würde.

Ich verdrehe die Augen. »Ich hoffe, das war ein Ja«, murmle ich dann ernster.

Er sieht mich nur an.

»Ich gehe rüber in dein Zimmer und warte auf dich«, sage ich leise. »Okay?«

Er blinzelt, was ich als ein Ja interpretiere. Langsam stehe ich auf, öffne das Schloss zu seinem Zimmer und verlasse das Bad. Erst da bemerke ich die Kleider von Shilah, die er vorhin getragen hat, und die nun auf dem Boden liegen.

In Shilahs Zimmer sind die Vorhänge vor das Fenster gezogen, sodass ich im Zwielicht stehe. Es ist genauso chaotisch wie immer.

Ich drücke die Badezimmertür vorsichtig ran, lasse sie aber einen Spalt offen. Ich setze mich auf sein Bett und vergrabe den Kopf in den Händen.

Shilah... ein Wolf? Er kann sich in einen Wolf verwandeln? Wie kann so etwas möglich sein? Geister und Energien sind eine Sache, aber dass sich ein Mensch verwandeln kann? Und wieso jetzt? Wieso konnte er es nicht schon immer? Denn ich hätte definitiv früher etwas bemerkt, wenn er das schon länger könnte.

Das muss der Grund sein, wieso er sich in letzter Zeit so verändert hat. Wieso er so aggressiv und auffällig war. Wahrscheinlich, weil er mit der ganzen Situation nicht zurechtkommt. Er wird es keinem erzählt haben, natürlich nicht. Was für eine Angst ihm das machen muss. Damit alleine zu sein.

Plötzlich höre ich wieder dieses Knacken aus dem Bad und mir wird schlecht. Sind das seine... Knochen? Die sich verformen?

Ich presse mir eine Faust vor den Mund.

Ein leises Stöhnen, dass sich schon beinahe wieder menschlich anhört.

Fast wäre ich aufgesprungen und zu ihm gelaufen, aber ich traue mich nicht. Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf das, was ich gerade gefühlt habe, als ich ihn berührt habe. Aber diese friedliche Energie scheint fort zu sein. Er muss wieder ein Mensch sein.

Ich höre die Tür leise quietschen, als er sie aufstößt. Er sagt nichts. Ich spüre nur ein paar Sekunden später, wie die Matratze neben mir einsinkt.

Erst dann drehe ich meinen Kopf zu ihm. Er hat die Arme auf die Knie gelegt und den Kopf gesenkt. Blickt zu Boden und seine ganze Haltung zeugt von Verzweiflung. Ich sehe, wie seine Hände leicht zittern.

»Sag etwas«, flüstert er. »Sag, dass das unmöglich ist.«

Ich lege ihm vorsichtig eine Hand auf den Rücken. »Wir sind Natekowee. Ich glaube, es gibt einiges, was möglich ist.«

Shilah rührt sich nicht, hebt auch nicht den Kopf, als er erwidert: »Wieso rastest du nicht aus? Wieso...?«

Plötzlich erzittert sein ganzer Körper unter meiner Berührung und er fährt zu mir herum. Erschrocken ziehe ich die Hand zurück.

»Wusstest du davon?« Seine Augen sind wieder dunkel vor Wut.

Ich schüttle den Kopf und lege meine Hand an seine Wange.

»Nein. Nein, ich wusste es nicht. Ich habe nicht geahnt, was sonst noch alles möglich ist.«

So schnell wie seine Wut gekommen ist, verfliegt sie wieder und es treten Tränen in seine Augen. Ich ziehe ihn in eine Umarmung. Er klammert sich an mich, als wäre er wieder sechs Jahre alt und fängt an zu weinen.

Mein Herz zerbricht bei den Lauten, die aus seinem Mund kommen.

»Schhh«, mache ich wieder und streiche über seinen Rücken. Mehr kann ich nicht sagen, weil ich selbst anfange zu weinen.

Eine ganze Weile bleiben wir so sitzen, bis er sich wieder gefangen hat. Er richtet sich auf und schnell wische ich mir meine eigenen Tränen weg. Shilah fährt sich mit den Händen über den Nacken und atmet ein paar Mal tief durch.

»Seit wann...?«, setze ich an, kann es aber noch nicht laut aussprechen.

»Vor einem halben Jahr war das erste Mal.« Seine Stimme ist so leise, dass ich mich anstrengen muss, um ihn zu verstehen.

»Es war nachts. Ich bin mit Krämpfen aufgewacht. Es tat weh. Und dann...« Er bricht ab.

»Kannst du es steuern?«

Er schüttelt den Kopf. »Am Anfang gar nicht. Jetzt ein wenig. Aber nicht, wenn ich wütend bin. Und ich bin die ganze Zeit über so unglaublich...!«

»Es tut mir leid, dass ich das nicht früher bemerkt habe.«

Shilah schüttelt vehement den Kopf und sieht mich nun direkt an. »Bei dir ist es okay. Wenn du da bist, bin ich ruhiger. Ich fühle mich fast wieder normal.«

»Und wenn nicht?«

Er presst sich seine Hand auf die Brust. »Da ist dieses Gefühl in mir. Dieses Bedürfnis... So ein Drang... Ich muss dagegen ankämpfen, mich nicht zu... Es nicht zuzulassen. Es ist so anstrengend«, seine Stimme wird wieder leiser. »Ich schaffe es kaum, diese Wut im Zaum zu halten und ich... ich habe Bene geschlagen. Ich habe ihm voll eine reingehauen, nur, weil er mich schief angesehen hat. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, ich war so kurz davor, zu dem zu werden, aber ich war in der Schule und... Mich auf die Wut zu konzentrieren ist das Einzige, was hilft. Was passiert mit mir, Yeli? Was passiert nur mit mir?« Erneut ist er kurz davor zu weinen.

»Ich weiß es nicht«, flüstere ich.

Shilah schließt die Augen. Ich nehme seine Hand und drücke sie. »Aber ich bin für dich da, okay? Zusammen bekommen wir das schon hin.«

»Ich kann nicht fassen, dass du nicht ausrastest«, gibt er leise zu.

Ich schmunzle leicht. »Glaub mir, Shi. Ich weiß, dass es da draußen noch ganz viele Dinge gibt, von denen die meisten Menschen keine Ahnung haben.«

»Was meinst du damit?« Er legt den Kopf schief.

Ich seufze leise. »Das ist ein anderes Kapitel. Lass uns...«, in der Sekunde beschließe ich, Shilah auch in mein Geheimnis einzuweihen, »...wann anders darüber reden. Aber ich denke, es liegt daran, dass wir Natekowee sind. Ich glaube...«, erneut denke ich an Mamas Satz, dass wir uns gegenseitig beschützen müssen, »...es fließt in unserem Blut.«

Shilah runzelt die Stirn. »In unserem Blut? Du hast doch gesagt, du könntest das nicht?!«

»Ich habe nicht einmal geahnt, dass so etwas möglich ist. Aber es gibt andere Dinge, von denen ich weiß. Wie gesagt, das ist ein anderes Thema. Lass uns erst mal auf dich konzentrieren.«

»Wie soll das gehen?« Shilahs Augen werden wieder trüb. »Yeli, du verstehst das nicht. Jeden Tag in der Schule... ich bin so kurz davor«, er hält Zeigefinger und Daumen nur ein paar Millimeter auseinander, »mich zu verwandeln. Was glaubst du, was dann los wäre? Ich... ich weiß nicht, was ich tun soll!«

»Du hast gesagt, es ist besser, wenn ich da bin?«

Langsam nickt er und senkt den Blick. »Da gerade im Bad. Als du mich berührt hast... Es war so friedlich. Ich war so... ruhig.«

»Ja.« Ich denke an mein eigenes Gefühl. »Ich weiß, was du meinst.«

Wieder sieht er überrascht aus.

»Ich habe das gespürt«, erkläre ich leise. »Weißt du, was Mama mir früher mal gesagt hat? Dass du mich beschützen wirst. Und ich dich. Unddass wir zusammenbleiben sollen. Sie wusste viel. Vielleicht wusste sie auch das.«

»Sie wusste es?«

»Vielleicht. Ich weiß es nicht. Bei mir wusste sie es, aber ich habe das, seit ich... Nein. Später. Dafür brauchen wir mehr Ruhe. Hey. Shilah.« Ich warte, bis er mich richtig ansieht. »Wir schaffen das. Du und ich. Ich helfe dir, okay?«

Tränen glitzern wieder in seinen Augen. Wütend wischt er sie weg.

»Ist okay«, flüstere ich und denke an meinen gestrigen Tag. »Wir schaffen das. Gemeinsam. Ich weiß noch nicht wie, aber wir überlegen uns was.«

»Das darf niemand erfahren, hörst du? Niemand!«

»Ich weiß. Niemals.«

»Ich habe Angst, dass Bill und Karen... Wenn ich es nicht kontrollieren kann... Es ist nur eine Frage der Zeit.«

Ich nicke langsam. »In zwei Wochen ist sowieso die Anhörung. Du ziehst zu mir.«

»Wirklich?« Die Hoffnung in seinem Blick zerreißt mein Herz.

»Ja. Wir finden für alles eine Lösung.«

»Und die Schule?« Die Hoffnung erlischt. »Die halten mich für einen gewalttätigen Arsch... und der bin ich auch.«

»Nein!«, widerspreche ich sofort. »Das bist du nicht. Du machst grade einfach nur eine... schwierige Zeit durch.«

»Schwierige Zeit?« Shilah lacht freudlos auf. »Ich werde zum Wolf, Yeli. Das ist mehr als nur eine schwierige Zeit.«

Ich lege ihm nun selbst meine Hand auf sein Herz. »Egal, wieso das passiert und egal, was es ist. Du bleibst immer noch du. Und du bist nicht gewalttätig. Du musst nur lernen, mit der Wut umzugehen. Damit und mit allem anderen. Wir arbeiten daran. Zusammen.«

»Ich hab‘s versucht! Was glaubst du, was ich seit einem halben Jahr versuche! Aber es wird immer schlimmer!«

»Dann brauchen wir eine andere Lösung. Und«, ich werfe ihm ein leichtes Lächeln zu, »da hattest du mich noch nicht. Wenn du meinst, dass ich dir helfe, ruhiger zu werden, dann können wir da ansetzen. Vielleicht kann ich dir wirklich helfen. Ich dir und du mir. Pass auf.«

Ich nehme seine Hände zwischen meine. »Wir haben zwei Baustellen, an denen wir arbeiten müssen. Dieses... Wolfsdings«, auf einmal schmunzelt er nun auch leicht, »und die Schule. Du bist echt kurz davor, rausgeworfen zu werden. Was hältst du davon: ich spreche gleich mit Karen und Bill, dass du für ein paar Tage schon mal zu mir kommst. Und wir melden dich für eine Woche krank. Und dann schauen wir weiter. Bist du damit einverstanden?«

Sein Kinn zittert und er kommt mir wieder einmal so unglaublich jung vor. Er sieht schon fast wie ein Erwachsener aus, aber er ist immer noch erst sechzehn. Er nickt jetzt und zieht mich in eine feste Umarmung.

»Danke, Yeli.«

»Ich bin immer für dich da«, flüstere ich ihm zu. »Du kannst mir immer alles sagen, ja? Auch, dass du manchmal zum Wolf wirst. Ich komme mit allem klar.«

Er erzittert kurz und ich weiß nicht, ob er lacht oder weint. Ich drücke ihn nur fester an mich.

»Okay. Dann spreche ich jetzt mit Bill und Karen und du packst ein paar Sachen ein, okay?«

Er nickt und ich stehe auf.

»Okay. Hört sich nach einem Plan an.«

 

Pläne

 

 

 

 

Ich schließe die Flurtür auf und gehe nach unten ins Esszimmer.

»Und?«, fragt Bill. »Hat er sich eingekriegt?«

Ich setze mich zu ihnen. Verdaue immer noch das Erlebnis von gerade.

»Yeli?«

»Ja. Entschuldige.«

»Habt ihr geredet?« Karen sieht mich erwartungsvoll an.

»Ein bisschen. Ich würde ihn gerne für ein paar Tage mit zu mir nehmen.«

Bill runzelt die Stirn. Sofort füge ich hinzu: »Ich kann am besten zu ihm durchdringen. Ich glaube, er braucht mal ein bisschen Abstand zu allem.«

»Es ist mitten im Schuljahr!«, protestiert Karen.

»Ich habe doch jetzt die Wohnung in der Stadt. Und es ist nur für nächste Woche.« Erstmal. »Vielleicht können wir ihn ein paar Tage krankschreiben, und danach fahre ich ihn jeden Morgen zur Schule und hole ihn wieder ab. Ich glaube, ich kann mit ihm reden. Ich glaube, er braucht das. Er ist kurz davor zu fliegen und er kann besser jetzt ein paar Tage fehlen, als ganz von der Schule genommen zu werden.«

»Du denkst also, du kriegst ihn wieder hin?«, fragt Bill skeptisch, als wäre mein Bruder ein kaputtes Spielzeug.

»Ja«, sage ich dennoch ruhig, weil er sich sonst sofort wehren würde. »Ja, ich denke schon.«

»In zwei Wochen ist die Anhörung«, bemerkt Karen. Ich weiß, dass sie beide nicht begeistert davon sind. Aber davon konnte mich niemand abhalten.

»Wartet doch einfach bis dahin.«

»Ich glaube, er muss jetzt mal eine Pause machen«, widerspreche ich. »In zwei Wochen kann er viel unternehmen, um suspendiert zu werden.«

Das Argument zieht. Karen verzieht den Mund zu einer Grimasse, sagt aber nichts mehr.

Ich richte mich auf. »Ich weiß, dass ihr das nicht gutheißt, dass ich Shilah zu mir nehmen will. Aber ich habe mein Leben im Griff«, meistens zumindest, »und er ist mein Bruder. Ich habe mich immer um ihn gekümmert und ich habe es ihm versprochen. Ihr wisst, dass er mir wichtig ist. Ich bin erwachsen. Ich habe einen Job und eine Wohnung und ein Auto. Ich bin dazu in der Lage, mich um ihn zu kümmern.«

»Das bestreitet doch keiner«, entgegnet Karen sanft. »Aber du hast auch ein eigenes Leben. Wieso willst du dir unbedingt die Bürde auftragen, einen Teenager zu erziehen? In zwei Jahren ist er sowieso achtzehn. In anderthalb sogar. Ich verstehe immer noch nicht, wieso du noch die Vormundschaft beantragt hast.«

»Weil er mein Bruder ist! Er ist meine Familie! Ich habe es ihm versprochen und wenn dieser ganze Papierkram nicht wäre, wäre Shi schon längst bei mir. Wie schon gesagt, ich bin euch dankbar, dass ihr uns ein Zuhause gegeben habt, aber ich stehe auf eigenen Beinen. Ich kann mich jetzt endlich um ihn kümmern. Wie ich es Mama versprochen habe.«

Karen schnaubt leise. »Du standest schon immer auf eigenen Beinen.«