Loyal Hearts - Linnéa Nyberg - E-Book

Loyal Hearts E-Book

Linnéa Nyberg

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Beschreibung

Dieses Weihnachtsfest hat sich Hailee Torres anders vorgestellt. Das erste Mal seit Jahren ist sie wieder im Palast - dort, wo sie aufgewachsen ist. Eigentlich wollte sie nur friedlich zu Hause die Festtage verbringen. Doch plötzlich wird sie in einen Kampf um die Krone hineingezogen. Zusammen mit alten und neuen Freunden macht sie sich auf, denjenigen zu finden, der die Krone - und damit ihren besten Freund - retten kann: Izaiah Cunnings. Geist der Nation. Feind des Königshauses.

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Seitenzahl: 681

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Linnéa Nyberg

Loyal Hearts

 

 

 

 

 

 

Linnéa Nyberg

 

 

Loyal Hearts

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

Texte:

© 2022 Copyright by Linnéa Nyberg

Umschlag:

© 2022 Copyright by Linnéa Nyberg

Verlag:

Linnéa Nyberg

c/o Block Services

Stuttgarter Str. 106

70736 Fellbach

 

Druck:

epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

 

 

 

 

 

Für

die beste Familie der Welt

 

 

 

Weihnachtsferien

Ich ziehe meinen dunkelroten Koffer mit den bunten Bändern vom Kofferband und stelle ihn aufrecht auf den Boden. Ich kehre vorerst nur für anderthalb Wochen, über die Weihnachtsfeiertage, nach Hause zurück und habe dennoch gefühlt für drei Wochen gepackt.

Mit seltsam klopfendem Herzen lege ich mir meine Tasche um und mache mich auf den Weg zum Ausgang. Ich habe niemandem erzählt, dass ich heute ankomme. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich das letzte Mal hier gewesen bin, und ich will Dad überraschen.

Die Milchglastür, die zur Empfangshalle des Flughafens führt, öffnet sich für mich. Vor mir stehen einige Eltern, Geschwister und Freunde, die auf ihre Angehörigen warten. Ich lasse sie links liegen und gehe Richtung Ausgang. Ich denke darüber nach, gleich noch einen Zwischenstopp in dem Café einzulegen, welches Dad und ich vor ein paar Jahren in der Innenstadt entdeckt haben. Ich hatte Dad überredet, den Frappuccino zu nehmen und zu seiner Überraschung war er begeistert. Er würde sich bestimmt freuen, wenn ich ihm den mitbringe.  

Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich beinahe mit jemandem zusammenstoße. Erschrocken weiche ich aus und hebe den Blick. »Entschuldigung, ich habe Sie nicht - «, fange ich an, stoppe mich aber, als ich das breite Grinsen erkenne. Ich verdrehe lachend die Augen. »Mir hätte klar sein sollen, dass ein Überraschungsbesuch unmöglich ist.«

»Du hättest es nicht einmal in Erwägung ziehen dürfen.« Carter zieht mich in eine feste Umarmung. »Schön, dich endlich wiederzusehen. Du warst schon viel zu lange nicht mehr zu Hause!« Er hält mich an den Schultern fest und mustert mich. »Wann bist du eigentlich so eine erwachsene Frau geworden? Wo ist meine kleine Hailee hin?«

Ich nehme mir die Zeit und mustere auch ihn. Carter arbeitet schon, seit ich denken kann, mit meinem Vater zusammen und ist genauso lange mit ihm befreundet, dass er für mich zur Familie gehört. Er ist beinahe zwei Köpfe größer als ich und für seine beinahe sechzig Jahre immer noch gut trainiert. Seine Haare haben jedoch in den letzten drei Jahren, in denen ich ihn nicht gesehen habe, das Grau seines immer gleichen Anzugs angenommen.

»Du bist ganz schön grau geworden«, ziehe ich ihn auf.

Carter wuschelt mir über den Kopf. Protestierend weiche ich ihm aus. »Und du bist frech geworden«, meint er lachend, wird dann jedoch ernst. »Dein Vater freut sich, dass du kommst.«

»Du hättest ihm nichts davon erzählen müssen! Weißt du eigentlich, was eine Überraschung ist?«

»Du weißt, dass dein Vater und ich keine Geheimnisse haben.«

»Genau, ihr seid wie ein altes Ehepaar.«

Carter lacht laut und nimmt meinen Koffer. »Es ist schön, dass du hier bist. Schade, dass du nur für die Feiertage bleibst.«

Kopfschüttelnd ärgere ich mich über mich selbst. Dass ich angenommen habe, ich könnte unbemerkt einen Fuß in die Stadt setzen, war töricht. Dads und Carters Job ist es, über alles und jeden Bescheid zu wissen. Sie arbeiten im Sicherheitsdienst des Königshauses. Wenn jemand nicht zu überraschen ist, dann sind sie es. Dad ist mittlerweile Chef der Palastwache und Carter seine rechte Hand.

»Dann lass uns dich mal nach Hause bringen.« Carter nickt zum Ausgang. »Wie war der Flug?«, fragt er mich, während wir durch die Halle laufen und die Menschen einen großen Bogen um Carter machen.

»Alles gut. Wie geht es Andrej?«

Andrej ist Carters Sohn und nur ein Jahr älter als ich. Er studiert Mathematik an der Universität in Zenville. Zumindest, als wir uns das letzte Mal gesprochen haben. Das muss nun auch schon fast ein Jahr her sein. Wir sind zusammen im Palast aufgewachsen. Wir waren die besten Freunde, doch in den letzten Jahren haben wir uns irgendwie aus den Augen verloren.

»Gut, gut. Er kann dieses Jahr leider nicht kommen, aber er hat nach dir gefragt.«

»Ich muss ihn unbedingt anrufen. Schade, dass er nicht kommen kann!«

»Die letzten Jahre war er zumindest da«, erwidert Carter, was ein leichter Seitenhieb an mich gerichtet ist, da ich es nicht gewesen bin.

»Tut mir leid. Das Studium hat mich echt eingenommen«, rede ich mich raus. Das ist keine Lüge. Aber die ganze Wahrheit ist es auch nicht. Mein Leben hat sich mit dem Beginn des Studiums komplett verändert. Ich habe die geschützten Mauern des Palastes verlassen und bin ans andere Ende des Landes gezogen. Um dort festzustellen, wie die harte Realität aussieht, wenn man keinen Palastwachenchef zum Vater hat. Ich hatte eine Weile die Orientierung verloren und musste mich erst zurecht finden. Inzwischen habe ich es einigermaßen geschafft, das neue Leben als einfache Studentin und mein altes Leben in einem der prunkvollsten Paläste zusammenzubringen. Es hat nur so lange gedauert, dass ich die Menschen aus meinem alten Leben viel zu sehr vernachlässigt habe. Ich hoffe, das in den nächsten Tagen wieder gutmachen zu können. Ich hake mich bei Carter unter. »Es ist auch schön, wieder hier zu sein. Ich habe euch vermisst.«

Wir treten aus der Schwingtür in die kühle Luft des frühen Morgens. In der Bucht direkt vor uns parkt ein großer SUV, vor dem ein Mann in schwarzem Anzug, steifem Hemd und einem Knopf im Ohr steht.

»Hailee, das ist Wilson. Er arbeitet seit zwei Jahren für uns«, stellt Carter uns vor.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Torres«, begrüßt er mich in nüchternem Tonfall und öffnet die hintere Tür, während Carter meinen Koffer verstaut. Da ich schon die neugierigen Blicke der Passanten in meinem Rücken spüre, steige ich schnell ein. Das ist einer der Nachteile, die ich immer gehasst habe: Auch wenn ich nur die Tochter eines Angestellten bin, erregen meine Verbindungen zum Palast immer Aufmerksamkeit. Deshalb streiche ich auch lieber meinen Plan, ins Café zu fahren. Vielleicht kann ich die Tage besser mit Dad alleine dorthin fahren. Falls er Zeit findet.

Während der Fahrt genieße ich die Sicht auf die Stadt. Es hat sich kaum etwas verändert, seit ich fortgegangen bin. Es fühlt sich gleichzeitig fremd und vertraut an. Ich bin hier aufgewachsen, merke aber auch, dass ich mich in den letzten Jahren verändert habe. Als würde ich nicht mehr richtig hier hinein passen.

Eine halbe Stunde später erreichen wir das Palastgelände. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen und beuge mich zu Carter. »Können wir vorne rein? Bitte?«

Dieser zieht streng eine Augenbraue hoch. Bevor er lacht. »Aber nur, damit du siehst, was du alles verpasst, wenn du so weit weg wohnst!« Er gibt Wilson ein Zeichen, damit er einen anderen Weg einschlägt und zur Palastvorderseite fährt. Ich lehne mich vor und lege die Arme auf die Vordersitze, um die Aussicht zu genießen. Diesen Teil habe ich schon immer geliebt. Egal, wie lange oder weit weg ich war. Das hier wird für immer magisch bleiben.

Der Vorgarten, der seinem Namen mehr als Ehre macht, ist an die fünfhundert Meter lang und beinahe hundert Meter breit. Die Pflanzen und der Rasen sind ordentlich gestutzt und sehen selbst jetzt, im Winter, nicht trostlos aus. Vielleicht ist es aber auch der Palast an sich, dessen Ausstrahlung abfärbt. Er ist einige Jahrhunderte alt und aus hellem Sandstein erbaut. Stuck und Statuen verzieren das Gebäude. Metallene Ornamente winden sich vor einigen Fenstern und formen an den äußeren Ecken des Gebäudes Balkone.

Es ist der Traum jedes kleinen Mädchens, hier zu wohnen. Mir wurde er erfüllt. Und das sogar, ohne die negativen Aspekte eines Prinzessinen-Lebens. Ich hatte genügend Freiheiten, den Palast zu genießen, ohne an die Pflichten der Krone gebunden zu sein. Ich habe Jessamine, die echte Prinzessin, nie beneidet. Als wir ganz klein waren, haben wir oft zusammen gespielt, da wir im gleichen Alter sind, aber als wir älter wurden, blieben wir keine Freundinnen. Sie wurde zu einem Abbild einer typischen, verzogenen Prinzessin und wurde irgendwann auf ein Internat auf dem Land geschickt. Momentan studiert sie an einer Privatuni im Ausland.

Auch mit Clark, dem mittleren Königskind, kam ich nie gut aus.

Dafür mit Lewis, dem Ältesten und damit dem Thronfolger. Er ist drei Jahre älter als ich, was ihn nie gestört hat, mit Andrej und mir befreundet zu sein. Wir waren früher ein unzertrennliches Trio. Wenn Lewis nicht mit Thronfolger-Pflichten beschäftigt war, haben wir ihm einen willkommenen Ausgleich geboten. Ein bisschen Normalität und Schabernack, um ihm vom Abheben zu hindern. Ich denke, das haben wir ganz gut hinbekommen. Ich muss lächeln, als ich an unsere gemeinsame Zeit denke. Leider habe ich auch Lewis aus den Augen verloren. Als wir uns dem Palast nähern, bin ich fest entschlossen, das umzukehren. Ich hoffe, ich treffe ihn diese Woche. Mit einem heftigen Anflug von Wehmut vermisse ich unsere Gespräche auf dem Dach. Unsere enge Freundschaft von damals.  

Wilson hält vor der Eingangstreppe. Carter steigt aus und öffnet mir mit einer gespielten Verbeugung die Autotür. »Willkommen zu Hause!«

Ich ergreife die Hand, die er mir anbietet, während ich die Fassade hochblicke. »Ich vergesse jedes Mal, wie wunderschön es hier ist.«

Carter nickt und holt meinen Koffer, bevor Wilson den Wagen wegfährt. »Im Alltag übersieht man leicht die schönen Dinge.«

Ich gehe mit ihm, unter dem aufmerksamen Blick der Wachen, die Stufen hinauf. Ein paar zwinkern mir zu, was ich mit einem Lächeln beantworte. Die Meisten dienen ein Leben lang in der Palastwache und viele kennen mich, seit ich klein bin. Robinson und Festas zum Beispiel, die uns nun die Eingangstür öffnen. Ich bedanke mich mit einem breiten Grinsen und trete in die Halle.

»Die hier«, ich bleibe in der Mitte stehen und lege den Kopf in den Nacken, »finde ich immer noch am besten.« Die Decke ist ein riesiges Gemälde. Sie stellt einen Nachthimmel dar und ist übersät mit unzähligen Sternen. Die Wolken schimmern rosa. Engel, Kinder und Tiere greifen an den Rändern nach den Sternen.

Carter ist schon fast im Gang verschwunden, während ich mir einen Moment nehme. Es ist schön, zu Hause zu sein.

Als ich sich nähernde Stimmen und Schritte höre, reiße ich mich zusammen und folge Carter in das Herz des Palastes, verwinkelte Flure entlang, in denen wir immer wieder Personal begegnen. Manche begrüßen mich überrascht. Ein paar Mal bleibe ich stehen, um zu plaudern.

Carter hat recht: Ich war viel zu lange nicht mehr hier. Es gibt so viele Leute, die ich kenne und mag und die ich alle beiseitegeschoben habe, obwohl sie mir nie einen Grund dazu gegeben haben.

Irgendwann gelangen wir in den abgelegenen Teil, wo die Wohnungen von Dad und Carter liegen. Hier ist mein eigentliches zu Hause. In diesem Flügel bin ich geboren. Hier bin ich aufgewachsen.

Als wir die Treppe zu unserer Wohnung hochsteigen, die unter dem Dach liegt, bin ich irgendwie nervös. Dabei gibt es keinen Grund. Ich habe oft mit Dad telefoniert, wir haben nie den Kontakt richtig verloren. Doch ich habe stets seine unterschwellige Missbilligung bemerkt, weil ich ihn nicht mehr persönlich besucht habe. Und er hatte nicht die Zeit, mich zu besuchen.

»Ist er da?«, frage ich Carter leise.

»Er ist im Arbeitszimmer und wartet auf dich.« Carter schließt die Wohnungstür auf. Ich wende mich nach links, gehe die zwei Stufen im Flur hinauf und bleibe vor der weißen Tür zu Dads Arbeitszimmer stehen. Dort hält er sich selten auf, weil er die meiste Zeit im Palast unterwegs oder in der Sicherheitszentrale ist.

Ich klopfe an die Tür. Schon im nächsten Moment wird sie aufgerissen und Dad steht lächelnd vor mir. Er zieht mich in eine feste Umarmung. »Oh, es ist so schön, dich zu sehen!«, ruft er begeistert in mein Ohr.

»Es ist auch schön, dich zu sehen!«, erwidere ich ehrlich, drücke ihn und atme seinen vertrauten Geruch ein, der mich immer in meine Kindheit versetzt. »Ich habe dich vermisst«, gebe ich zu. Eigentlich reden wir beide nicht über Gefühle, aber in dem Moment überkommt es mich. Dad drückt mich noch ein bisschen stärker an sich. Dann hält er mich wieder auf Abstand und mustert mich, wie Carter schon vorhin am Flughafen. Sie sind sich so ähnlich. »Gut siehst du aus! Aber ich weiß nicht, ob ich dich wieder fliegen lasse! Nicht, wenn du wieder drei Jahre brauchst, um zurückzukommen!«

»Brauche ich nicht, versprochen. Rate mal, wo ich mein Referendariat machen werde.« Ich grinse Dad an. Ich studiere Musik und Geschichte auf Lehramt und fange im Januar mit dem Referendariat an.

»Hier?«, rät Dad. Ich erkenne die tiefe Freude in seinen Augen.

Ich nicke.

»Dann ziehst du wieder zu mir?«

»Das weiß ich noch nicht. Vielleicht nehme ich mir auch eine Wohnung in der Stadt.«

»Ach, das ist doch Unsinn! Die Wohnung hier ist groß genug!«

»Ich weiß. Es ist nur immer so ein großes Ding, wenn die Leute erfahren, dass ich im Palast wohne. Lass uns später darüber reden, ja?« Ich sehe ihm an, dass es mich sicherlich noch ein ganzes Stück an Arbeit kosten wird, mir eine eigene Wohnung suchen zu dürfen. Doch für den Moment nickt er. »Ich muss leider gleich wieder los. Ich habe mir gedacht, wir könnten heute Abend zusammen Essen gehen?«

»Das wäre großartig.« Auf der einen Seite bin ich enttäuscht, dass er wieder gehen muss. Auf der anderen Seite nicht sonderlich überrascht. Sein Leben besteht im Prinzip nur aus Arbeit. Auf seinen Schultern lastet viel Verantwortung. Er muss die royale Familie beschützen. Wenn ihnen etwas passiert, ist Dad der Erste, der sich dafür verantworten muss.

Dad küsst mich zum Abschied auf die Wange und verlässt die Wohnung. Ich stehe einen Moment alleine im Flur und lausche. Hier kann es so still sein. Währen der Rest des Palastes nie stillsteht.

Es ist eine seltsame Mischung, aber perfekt für mich. Ich liebe die Ruhe, doch es tut gut zu wissen, dass immer jemand in der Nähe ist.

 

Alte Erinnerungen

Ich seufze, schließe die Tür zu Dads Arbeitszimmer und gehe in mein altes Schlafzimmer. Carter scheint mit Dad verschwunden zu sein, nachdem er meinen Koffer auf mein frisch bezogenes Bett gelegt hat. Ich lasse ich mich danebenfallen. Der Überraschungsbesuch war so naiv von mir. Es rächt sich wohl, dass ich viel zu lange nicht mehr hier war. Dad und Carter wissen immer alles. Das hat es Lewis, Andrej und mir früher nie leicht gemacht hat. Vor allem die Jungs hatten viel Unfug im Kopf. Andrej war der Meister darin, Alkohol vor der Nase unserer Väter in den Palast zu schmuggeln. Wobei... Lew auch.

Ich muss lächeln, als ich an die alten Zeiten denke. Wie weit das nun her zu sein scheint. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, weil ich in den letzten Jahren nichts dagegen unternommen habe, dass wir uns voneinander entfernten. Wobei wir uns, um ehrlich zu sein, schon vorher aus den Augen verloren hatten. Ich habe es als normal angesehen, weil wir alle erwachsen geworden sind. Aber vielleicht hätte es gar nicht so ablaufen müssen. Vielleicht war das auch einer der Gründe, wieso die letzten drei Jahre so ein Chaos für mich waren. Das Studium an sich habe ich bisher locker gestemmt. Es war die Einsamkeit, die mich unerwartet traf. Ich bin gerne gegangen. Wollte die Welt sehen. Neue Dinge erleben. Ich hatte unterschätzt, wie sehr ich alle vermissen würde.

Gleichzeitig begann ich, sie aus meinem Kopf zu drängen. Alles, was mit dem Palast in Zusammenhang stand. Ich verschwieg meistens, wo ich aufgewachsen war und nannte nur die Hauptstadt. Denn am schlimmsten war die Divergenz meiner Gefühle. Das Vermissen auf der einen Seite. Und das harte Eintauchen in die Realität auf der anderen. Mir war vorher nicht klar, wie behütet ich aufgewachsen war. Ich wusste zwar, dass die Spannungen zwischen den beiden Hauptbevölkerungsgruppen der Dena und Ito groß waren. Ich hatte sie jedoch nie am eigenen Leib erfahren. An der Uni hat sich viel verändert. Auch meine Sichtweisen. Mir wurde klar, wie wenig die Ito, die größtenteils im Norden in den Bergen leben, am Wohlstand der Dena Anteil haben. Wie groß der Hass und das Misstrauen aufeinander wirklich ist. Mir wurde vor Augen geführt, dass es im Land nicht so reibungslos läuft, wie das Leben im Palast es mir vermittelt hat. Ich erfuhr, wie wenig das Königshaus bei den Ito beliebt ist. Für mich war die königliche Familie immer nahbar. Es waren Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Einfach nur Lewis‘ Familie. Es war seltsam, Leute kennenzulernen, die ihnen nie begegnet waren, und die sie dennoch hassen. Weil der Misstand der Ito einfach zu groß ist. Und ich erfuhr am eigenen Leib. Dena, die nur die dunklere Haut sahen. Die mich deswegen als weniger wert definierten. Ich wurde in eine Welt geworfen, die ich so nicht kannte. In der Hass allein durch Aussehen entsteht.

Ich brauchte Abstand, um nachdenken zu können. Also nahm ich ihn mir. Und das bedeutete auch Abstand zu meinem Zuhause.

Um den Teil von mir kennenzulernen, den ich immer als selbstverständlich ansah. Den Teil meines Stammbaums, der in dem der Ito verwurzelt ist. Moms Teil. Ursprüngliche Heimat der Ito ist die Bergregion, die weit hinauf in den Norden führt. Vor einigen hundert Jahren breiteten sie sich weiter aus. Lebten in friedlicher Koexistenz zu den Dena aus dem Süden. Die Grenze zwischen den Völkern verschwamm, genau wie die reale Grenze der Länder. Doch irgendwann kippte der Frieden dadurch. Denaische Könige saßen ausnahmslos auf dem Thron und brachten Gesetze auf den Weg, die ihre Position stärkten. Ihre und die der Dena. Es zogen sich Risse durch das Zusammenleben, als die Ito immer weniger einbezogen wurden und sich abkapselten. Die Meisten zogen sich nach Norden zurück, manche blieben. So oder so entfremdete man sich.  

Früher dachte ich, dass es sich heutzutage wieder ins Gegenteil gekehrt hätte. Aber das hat es nicht. Nicht, wenn ich den Ito, die bei mir an der Uni studieren, zugehört habe. Nicht bei den Nachteilen, die ich selbst erfahren musste.

Das alles hat meine Sicht auf mein Zuhause geändert. Es kam so plötzlich, dass es mich von den Füßen gerissen hat. Mit einem Mal habe ich gesehen, wie naiv ich durch das Leben gelaufen bin.

Ich gebe hier niemandem die Schuld. Es hat nie jemand das Gegenteil behauptet. Ich habe mir einfach nie Gedanken darum gemacht, weil ich es nicht brauchte. Es kam mir einfach nicht in den Sinn. Weil ich es selbst gut hatte. Weil ich immer privilegiert war. Und weil Carter und Andrej es ebenso waren.

In den ersten Monaten verteufelte ich den Palast. Doch nach und nach wurde mir klar, dass es auf beiden Seiten gute und schlechte Menschen gibt. Die radikalisierten Ito, die in den letzten Jahren immer hemmungsloser gegen die denaische Bevölkerung und das Königshaus vorgingen, malen ein anderes Bild. Die NIP gründete sich, die Nördliche Ito Protest-Bewegung, die mit legalen und illegalen Mitteln gegen die herrschende Macht der Dena und für mehr Rechte für die Ito kämpft.

Nach versuchten Anschlägen der NIP auf die Krone wusste ich gar nicht mehr, auf welcher Seite ich stand.

Irgendwann beschloss ich, mich für keine Seite zu entscheiden. Ich kann mein Zuhause und die Menschen im Palast lieben, ohne, dass ich alles gut finde, was das Königshaus tut. Ich kann mich auf die Seite der Ito schlagen, ohne radikal zu sein. Genau so, wie sich beide Blutlinien in mir vereinen. Meine Mom war eine Ito, mein Dad ist ein Dena. Deshalb ist meine Haut dunkler als die der meisten Dena.

Der ganze Prozess meiner Verwirrung und Unentschlossenheit hat  drei ganze Jahre gedauert und ich habe das Wichtigste aus den Augen verloren: Die Freundschaften, die ich hier geschlossen hatte.

Der Gedanke, sie wieder aufflammen zu lassen, hat sich tief in mir festgesetzt. Es ist Zeit, einen Schritt zurück zu gehen und meine Freunde wieder an meine Seite zu holen.

Entschlossen fische ich mir mein Handy aus der Tasche und wähle Andrejs Nummer, während ich mich wieder auf das Bett mit dem weichen Stoffhimmel fallen lassen. Ein Hauch Prinzessin war dann doch in mir.

Es läutet lange in der Leitung. Ich denke schon, er hebt gar nicht mehr ab, doch dann höre ich seine vertraute Stimme: »Hör sich einer an, wer aus der Versenkung wieder auftaucht!«

Ich verziehe das Gesicht. »Das habe ich wohl verdient!«

»Hast du!« Andrej zögert. »Ich war aber nicht besser.«

»Lass uns das einfach vergessen, okay?«

»Okay... Hi.«

Ich grinse. »Hi.«

»Bist du schon zurück?«

»Ich fasse es nicht! Da plant man einmal eine Überraschung und was macht ihr? Wisst alles schon früher als ich!«

Andrej lacht. »So aufgeregt, wie unsere Dads waren, hat es jeder mitbekommen. Und ich musste mir einen langen Vortrag anhören, wieso ich denn dieses Jahr nicht dabei bin. Vielen Dank auch!« Ich höre immer noch das Lächeln in seiner Stimme.

Ich lege mir eine Hand auf die Augen. »Das tut mir leid für dich.«

»Nah, schon okay. Ich weiß nur nicht, wie du es geschafft hast, das drei Jahre am Stück auszuhalten. Wenn ich nächstes Jahr nicht komme, köpft Dad mich.«

Ich kichere. »Vermutlich. Nein, keine Ahnung. Vielleicht hatte meiner Angst, ich würde gar nicht mehr kommen.«

»Aber du bist gekommen«, merkt Andrej in ernstem Tonfall an.

»Ja. Ich bin wieder da. Und bleibe ab Mitte Januar. Also falls du doch noch Pläne hast, nach Hause zu kommen...«

»Bist du schon fertig mit dem Studium?«

»Studium ja, jetzt kommt das Referendariat.«

»Wie die Zeit vergeht. Krass, wie superalt wir geworden sind.«

Ich lache laut. »Und wie. Wie läuft‘s bei dir?«

»Läuft halt so«, antwortet er ausweichend und wechselt schnell das Thema: »Schon Lewis getroffen?«

»Ist er da? Nein noch nicht. Um ehrlich zu sein, bin ich vor fünf Minuten angekommen.«

»Oho, ich fühle mich geehrt, dass ich dein erster Gedanke war.«

»Solltest du auch«, erwidere ich lächelnd. »Ich hab‘ dich vermisst. Euch beide. Tut mir wirklich leid, dass ich in letzter Zeit so eine schlechte Freundin war.«

»Muss es nicht. Weißt du was? Ich komme in den Semesterferien einfach vorbei und wir machen wieder den Palast unsicher. Unsere Dads werden nachlässiger.«

»Oder nachsichtiger.«

Wir stocken beide und ergänzen dann gleichzeitig ein »Nein!«

Daraufhin lachen wir gemeinsam.

»Grüß Lewis von mir, ja?«

»Das werde ich.«

»Ich muss los. Vielleicht rufe ich die Tage noch mal an. Tut gut, deine Stimme zu hören.«

»Mach das. Tut auch gut, deine zu hören. Und pass auf dich auf.«

»Immer. Du auch, Lee.« Er legt auf und ich fühle mich um zehn Kilo leichter. Ich bin froh, dass es mit Andrej gleich wieder wie früher ist. Beschwingt stehe ich auf und packe meine Sachen aus. Wofür ich länger brauche, als ich gedacht habe, denn ich finde beim Einräumen immer etwas, das mich innehalten und in Erinnerungen verlieren lässt. Ich bin so versunken, dass ich Dad erst höre, als er sich hinter mir räuspert. Erschrocken drehe ich mich um und hätte fast das Bild von Dad, Carter, Andrej und mir fallen gelassen, welches wir an meinem fünfzehnten Geburtstag gemacht haben. Schnell stelle ich es sicher zurück auf meinen Schreibtisch und gehe dann zu Dad. Er steht mit verschränkten Armen in der Tür und lächelt mich an.

»Hast du schon Hunger? Ich habe mir gedacht, wir könnten ins Carmillo.«

»Auf das Carmillo habe ich immer Hunger, das weißt du doch«, erwidere ich grinsend und schnappe mir meine Schuhe.

 

Wieder zu Hause

Wir nehmen den Hintereingang zu den Garagen, während Dad mich auf den neuesten Stand in Sachen Klatsch und Tratsch im Palast bringt. Er war schon immer die beste und gesichertste Quelle dafür und manchmal erstaunt es mich, wie gerne er für seine Position den Tratsch weitergibt. Vor ihm und Carter ist wirklich nichts sicher.

Auf dem Weg in die Stadt merke ich, dass ich so glücklich wie schon lange nicht mehr bin. Nie wieder, das schwöre ich mir, werde ich so viel Zeit vergehen lassen, in der ich nicht hier bin. Ich überlege tatsächlich, nicht doch zurück in die Wohnung zu Dad zu ziehen. Wenigstens für eine Weile.

Dad ist heute Abend gelöster als sonst. Wir lachen viel zusammen und dann bin ich dran, ihm von meinem Leben zu erzählen. Manches habe ich ihm schon am Telefon berichtet. Vieles lässt sich aber einfacher über die Lippen bringen, wenn man sich persönlich gegenübersitzt. Zu meinem Erstaunen und meiner Freude hat er sich den ganzen Abend freigenommen, um mit mir hier zu sitzen. Das Carmillo ist eines der ältesten Restaurants in der Hauptstadt. Innen scheint es, als ob die letzten hundert Jahre nie passiert wären. Früher sind wir immer an meinem Geburtstag hierhin gegangen. Es war auch Moms Lieblingsrestaurant. Ich muss jedes Mal an sie denken, wenn wir hier sind. Dad, glaube ich, auch. Er bekommt dann diesen ganz speziellen Blick. Eine Mischung aus Glück und unendlicher Traurigkeit. Nach Moms Tod hatte er nie eine andere Frau. Zumindest keine, die er mir vorgestellt hat. Er hat Mom so sehr geliebt, dass auch nach fünfzehn Jahren sein Herz gebrochen bleibt.

Als ob wir die letzten drei verpassten Geburtstage nachholen müssen, bestellt Dad so viel an Essen, dass wir uns hinterher die Hälfte davon einpacken lassen.

Der Abend tut unheimlich gut. Als wir gesättigt und zufrieden zusammen auf die Straße treten, nehme ich Dads Arm und hake mich unter. »Ich bleibe hier, versprochen«, sage ich leise.

Dads Blick wird weich, als er lächelt. »Ich bitte darum.«

Ich lächle breit zurück. »Dann lass uns nach Hause.«

In dieser Nacht schlafe ich so fest wie schon lange nicht mehr. Dad musste doch noch einmal los zur Sicherheitszentrale, aber ich bin schon froh um die Stunden, die wir davor hatten. Ein bisschen Seelenfrieden hat sich in mein Herz eingenistet.

 

Am nächsten Morgen mache ich einen Streifzug durch den Palast und will ein paar Leute treffen, die verlorene Zeit wieder ein wenig aufholen. Als ich in den Südflügel komme, höre ich Klavierspiel durch den Flur hallen und muss sofort lächeln. Ich folge den Tönen und stelle mich in die Tür zum Musikraum.

In der Mitte des Raumes, auf dem blank polierten Parkett, steht ein riesiger, schwarzer Klavierflügel. Dieser und der dazugehörige Klavierhocker sind die einzigen Möbelstücke. Doch mit den bemalten Wänden und den riesigen Fenstern, die einen wunderbaren Blick in den Garten bieten, fühlt es sich nicht leer an.

Auf dem Hocker, mit dem Rücken zu mir, sitzt ein junger Mann mit blonden Haaren in schwarzer Hose und weißen Hemd, dessen Ärmel er sich bis zum Ellbogen hochgerollt hat. Er spielt mit sanften Tastenanschlägen ein Stück auf dem Klavier.

Lächelnd beobachte ich ihn einen Moment, bevor ich mich heranschleiche und dann neben ihn auf den Hocker rutsche. »Du bist schlecht geworden«, werfe ich ihm schmunzelnd vor.

Erschrocken hält er in seinem Spiel inne, dreht sich zu mir und starrt mich einen Moment an, bevor er hervorstößt: »Hailee?!«

Ich lächle und spiele für ihn weiter. »Hätte ich gewusst, dass du so schlecht wirst, wäre ich schon früher gekommen.«

Lewis‘ blaue Augen blitzen kurz auf, dann zieht er mich in eine Umarmung. »Hailee! Ich fasse es nicht!«

Ich höre lachend auf zu spielen. »Wie geht es dir?«, frage ich Lewis und setze mich seitlich, um ihn ansehen zu können. Die letzten Jahre haben den letzten Rest an kindlichem Gesicht weggezaubert und einen Mann aus ihm gemacht. Mir kommt es vor, als hätten wir uns schon viel länger nicht mehr gesehen.

Auch er setzt sich seitlich, beachtet meine Frage gar nicht, sondern mustert mich von oben bis unten. Meine Wangen röten sich leicht unter seinem Blick.

»Du bist noch hübscher geworden seit letztem Mal«, murmelt Lewis und lächelt mich dann an. »Wir haben uns viel zu lange nicht mehr gesehen.«

Ich übergehe sein Kompliment und sage nur: »Ja, da hast du recht. Es tut mir leid. Ich hätte mich früher melden sollen. Oder vorbeikommen. Das Leben an der Uni ist nur so… anders.« Ich gehe nicht weiter darauf ein, weil ich unser Wiedersehen nicht trüben will.

Lewis legt den Kopf leicht schief. »Das kann ich mir vorstellen. Wie lange bleibst du?«

»Bis Neujahr. Danach muss ich zurück. Aber eigentlich nur, um meine Sachen zu holen. Ich werde danach wieder öfter hier sein.« Ich grinse ihn an. »Ich soll dich übrigens von Andrej grüßen.«

Sein eigenes Grinsen wird breiter. »Hab‘ auch schon lange nichts mehr von ihm gehört.«

»Wir sind echt ein hundsmiserables Team, kann das sein?«

Lewis lacht. Ich glaube, seine Stimme ist dunkler geworden. »Waren wir das nicht schon immer?«

»Vielleicht. Aber das wird sich jetzt ändern. Versprochen.«

Sein Lachen wird zu einem Lächeln und er hält mir die Hand hin. »Indianerehrenwort?«

Ich greife sie. »Indianerehrenwort.«

»Freut mich, dich zu sehen. Ehrlich. Erzähl mal, was ist so los bei dir?«

»Nicht viel. Uni, Lernen, Hausarbeiten schreiben, Klavierspielen... das Übliche halt. Und bei dir? Müsste dein Einsatz nicht bald zu Ende sein?«

Lewis ist vor ein paar Jahren als Soldat in die Armee eingetreten, auf Wunsch seines Vaters. Anfangs war er gar nicht begeistert, aber nach den ersten Einsätzen ist er freiwillig geblieben. Er meinte irgendwann mal zu mir, er mag es, etwas Handfestes zu tun und den Menschen konkret zu helfen und nicht nur immer im Palast Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg zu treffen. Natürlich schickt ihn niemand in brenzlige Situationen, aber er scheint zufrieden zu sein. Vor Kurzem habe ich jedoch gelesen, dass sein Vater ihn zurück in den Palast holen will.

Lewis seufzt und wirkt betrübt. »Ja, leider. Aber erst Anfang Februar. Ich bin nur hier für die Feiertage.«

»Andrej meinte, er versucht, über die Semesterferien vorbeizukommen. Vielleicht schaffen wir es ja dann, uns alle mal gleichzeitig wiederzusehen«, versuche ich ihn aufzumuntern.

Lewis nickt und lächelt wieder. »Das wäre schön. Noch ein letztes Mal den Palast unsicher machen. Bevor mein Vater mich mit meinen Pflichten ganz einnimmt.«

Ich lege den Kopf in den Nacken und lache. »Du und Andrej, ihr seid euch so ähnlich!«

Verwirrt sieht er mich an. »Wieso das?«

»Schon gut«, weiche ich nur breit lächelnd aus.  

Einen Moment lang sieht Lewis mich nur an. Dann stößt er mich mit der Schulter an. »Lass mal hören, wie schlecht du geworden bist«, scherzt er und deutet auf das Klavier.

»Ich, mein Freund, übe regelmäßig.«

Ich merke nun mit voller Wucht, wie sehr ich ihn vermisst habe. Wir waren früher so eng befreundet, es ist seltsam, jetzt wieder zusammenzusitzen, nach all der Zeit. Aber nicht weniger schön. »Was willst du hören?«

»Fionas Abendlied?«

»Gute Wahl«, schmunzle ich und spiele die ersten Töne.

Ich spüre Lewis‘ Blick wieder auf mir, während ich spiele, doch ich versuche, ihn zu ignorieren. Irgendwann steigt er ein und wir spielen eine Weile gemeinsam.

»Na gut«, gebe ich zu, nachdem der letzte Ton verklungen ist. »So schlecht bist du gar nicht.« Ich stoße ihn zurück an.

»Das erleichtert mich doch«, gibt er locker zurück. Dann jedoch seufzt er. »Morgen ist das alljährliche Horror-Fotoshooting.«

Jedes Jahr an Heiligabend wird die Königsfamilie abgelichtet. Mit Prunk und Uniform und glanzvollen Kleidern für die Königin und Prinzessin. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. »Ich finde deine Uniform ja sehr schneidig.«

»Sie ist unbequem.«

»Und du ein Mimöschen.«

Ich kann mich gerade noch am Klavier festhalten, bevor mich Lewis vom Hocker stoßen kann. Ich lache laut. Ich war so dumm in den letzten drei Jahren. Natürlich sind sie nicht perfekt. Aber vor allem Lewis ist mein Freund. Und er hat ein gutes Herz.

Lewis lacht mit mir, bevor er mich hochzieht. »Ich habe den ganzen Vormittag frei, bevor die Feiertage losgehen. Lust, nach draußen zu gehen?«

»Immer gerne«, erwidere ich. »Ich hole nur schnell meine Jacke.«

Lewis begleitet mich und ich ihn, als wir seine holen. Wir spazieren den ganzen Vormittag durch den Palastgarten und reden über alles Mögliche.

Es ist, als ob ich nie weggewesen wäre. Lewis und ich steigen einfach da in unserer Freundschaft ein, wo wir aufgehört haben. Ich überlege kurz, ihn nun doch auf das Thema Ito anzusprechen, aber ich verschiebe es auf irgendwann nach den Feiertagen. Jetzt will ich einfach nur die Zeit genießen.

An den Feiertagen ist es im Schloss seltsam ruhig. Im Hintergrund laufen hektische Vorbereitungen für Heiligabend und das alljährliche Dinner mit ausgelosten Bürgern, doch alles läuft in gedämpfter Lautstärker. Als hätte sich eine Schneedecke über den Palast gelegt. Als würde jeder bedächtig auf die schönste Zeit im Jahr warten. Alles wird herausgeputzt. Der ganze Palast wird geschmückt, gereinigt und jedes Detail zurechtgerückt.

Da Lewis zu einem Termin mit seinem Vater muss, beschließe ich, bei den Vorbereitungen zu helfen. Es macht Spaß, mit allen zusammenzuarbeiten und die vertrauten Gesichter zu sehen.

Als ich abends ins Bett falle, fühle ich mich glücklich. Erfüllter als in den letzten drei Jahren zusammen.

 

Weihnachten

Es ist der erste Weihnachtstag. Gestern Abend war ich zusammen mit Carter, Dad und einigen anderen Mitarbeitern beim Heiligabend-Dinner in der Küche des Palastes, das mittlerweile Tradition geworden ist. Nachdem die königliche Familie am frühen Abend ihre Weihnachtsrede gehalten hat und sie selbst beim Familien-Dinner sitzen - welches Lewis beinahe genauso sehr hasst, wie das Fotoshooting - kommen die Mitarbeiter, die nicht bei ihren Familien zu Hause sind oder arbeiten müssen, in der Küche zusammen, um dort gemeinsam zu essen. Cornelia, die Köchin, die mir das Kochen und Backen beigebracht hat, übertrifft sich dabei jedes Jahr selbst mit einem genauso festlichen Mahl, wie es die Königsfamilie serviert bekommt.

Früher haben Andrej und ich Lewis mit zu uns nach hinten geschmuggelt, bis sein Vater kam und ihn geholt hat, um mit seiner Familie zu essen. Inzwischen lässt Lewis das Dinner über sich ergehen, um dann hinterher zu uns zu kommen. So auch gestern. Die Uhr schlug zehn, als Lewis in die Küche kam, während Carter Anekdoten aus dem letzten Jahr erzählte. Dad war schon eine Stunde zuvor zurück in die Sicherheitszentrale gegangen. Lewis trug immer noch seinen maßgeschneiderten Anzug, den er für die Fernsehansprache angezogen hatte, die Krawatte nun locker um seinen Hals hängend. Wie selbstverständlich setzte er sich zu uns.

»Ich habe das Gefühl, meine Schwester wird mit jedem Jahr anstrengender und mein Bruder giftiger.« Er stöhnte auf und schnappte sich eine Pastete vom Tisch. Sein Kommentar brachte ihm einen leichten Klaps von Cornelia auf den Hinterkopf ein.

»Rede nicht so über deine Geschwister!«

Lewis verdrehte nur die Augen in meine Richtung und ich lachte. Ich hatte mitbekommen, dass Jessamine und Clark ebenfalls im Palast sind, aber ich bin ihnen aus dem Weg gegangen.

Wir redeten und lachten an diesem Abend noch bis tief in die Nacht, weshalb es nun auch schon Mittag ist, als ich aufstehe. Mein Entschluss, doch wieder in unsere Wohnung im Palast zu ziehen, wird immer mehr bestärkt.

Heute Abend ist das Dinner mit den Bürgern, weshalb Lewis, Dad und Carter den ganzen Tag beschäftigt sein werden. Doch der erste Weihnachtstag gehört sowieso traditionell mir alleine. Früher gehörte er Mom und mir. Heute bin nur noch ich da. Ich werde nachmittags ihr Grab besuchen gehen und abends ihr Lieblingsessen kochen, zu dem dann hoffentlich auch Dad kommen wird. Außer Dad habe ich keine anderen Verwandten mehr. Es gibt nur noch uns beide. Was mich gerade an Feiertagen wie diesem immer etwas traurig stimmt.

Ich schwinge meine Beine aus dem Bett und mache mich fertig. Als ich ins Wohnzimmer komme, sehe ich vier kleine Päckchen unter dem Weihnachtsbaum liegen, den Dad extra für mich hat aufstellen lassen. Eigentlich ist er eher ein Weihnachts- und Deko-Muffel, aber er scheint dieses Jahr alles dafür tun zu wollen, um mich zu überreden, hierzubleiben.

Ich schnappe mir die Geschenke, auf denen mein Name steht. Dad hat seins wohl schon ausgepackt. Zwar ist er ein Weihnachtsmuffel, Geschenke liebt er dann aber doch. Ich hoffe, das Fotoalbum, welches ich ihm dieses Jahr geschenkt habe, hat ihm gefallen. Ich hatte Bilder vom Campus und mir aus den letzten drei Jahren zusammengesucht und festgehalten. Als Wiedergutmachung für die Zeit, die er von meinem Leben verpasst hat.

Ich gehe zur Musikanlage, schalte mir leise Musik an und setze mich dann aufgeregt auf das Sofa, um meine Geschenke zu öffnen. Das Erste ist von Carter und Andrej. Sie schenken mir zwei Tickets für ein Klavierkonzert, das im Februar in der Stadthalle stattfinden soll.

Das nächste Geschenk ist klein, eine Schachtel, so groß wie meine Handfläche. Ich öffne sie und finde eine goldene, filigrane Kette vor, mit einem verzierten Notenschlüssel als Anhänger. Eine Karte liegt dabei. Frohe Weihnachten, Lee, wünscht dir Lewis. Ich muss lächeln und lege sie mir sofort um.

Ich hoffe, er mag mein Geschenk für ihn. Ich habe Sabin, eines der Hausmädchen, gebeten, es ihm in sein Zimmer zu legen. Es ist nur eine Musik-CD von der Band, die wir beide früher viel gehört haben. Ich hoffe, er denkt dabei, genau wie ich, daran, wie viel Spaß wir früher hatten.

Dann öffne ich das Geschenk von Dad. Es ist nicht viel größer als das von Lewis und als ich es öffne, muss ich lachen. Männer. Auch Dad hat mir eine Kette geschenkt. Doch seine Karte ist länger. Hailee, schreibt er, ich bin stolz auf dich, was für eine tolle und gutherzige Frau du geworden bist. Ich hoffe, du findest jemanden, der dein Herz so berührt, wie deine Mutter meines berührt hat. Die Kette hat deine Mutter getragen, als wir uns kennengelernt haben. Bewahr sie gut auf und trage sie nahe bei dir. Dad.

Es sind ungewöhnlich tiefgreifende Worte für meinen Vater, die mir Tränen in die Augen treten lassen. Ich nehme die Kette aus der Schachtel und betrachte sie nun in einem ganz anderen Licht. Auch sie ist golden, ein klein wenig kürzer als Lewis‘ und mit einer schmalen, goldenen Feder als Anhänger. Der Gedanke, dass Mom sie mal getragen hat, lässt sie mich auf Anhieb lieben. Ich lege sie ebenfalls um und spüre das kühle Metall auf meiner Haut.

Auf dem letzten Paket steht kein Absender. Neugierig öffne ich es. Es ist ein Buch. Auf dem Cover ist das Zeichen der Ito abgebildet: ein Farnwedel. Der Klappentext verrät mir, dass es ein Buch über die Geschichte der Ito ist. Als ich ein paar Seiten aufblättere, fällt mir eine  handgeschriebene Notiz unter dem Titel auf: Auf dass man sich seiner Geschichte immer bewusst ist.

Seltsam, dass niemand unterschrieben hat. Ich hatte auch nicht erwartet, ein weiteres Geschenk zu bekommen. Auch die Handschrift kommt mir nicht bekannt vor, sonst hätte ich vermutet, dass es ein zweites Geschenk von Dad ist. Ich lege es beiseite und beschließe, es in den nächsten Tagen zu lesen.

Nachmittags mache ich mich auf den Weg zum Friedhof. Da ich heute mit niemandem reden möchte, schleiche ich mich vom Gelände. Wobei von Schleichen eigentlich keine Rede sein kann. Es werden mich ein Dutzend Leute gesehen haben, aber es hat mich niemand aufgehalten. Ich rufe mir ein Taxi und fahre zum Friedhof, wo ich frische Blumen kaufe, die ich vor den Grabstein lege.

»Hey Mom«, sage ich leise und hocke mich vor den weißen Stein mit der schwarzen, gleichzeitig vertrauten und verhassten Inschrift. »Bin wieder da.« Es tut mir leid, dass ich so lange nicht bei dir war.

Ich berühre die Kette unter meinem Schal. Ich bleibe nie lange hier. Ich hasse die Stille und die Einsamkeit, die hier herrscht. Es erinnert mich immer an die schlimmsten Tage meines Lebens. Die, nach dem Unfall. Die Tage vor und nach der Beerdigung. An denen ich das Gefühl hatte, auch meinen Dad zu verlieren. Weil er ohne Mom sich selbst zu verlieren schien. Aber er sammelte sich für mich und wurde zu meinem Lebensmittelpunkt. Er strengte sich an, dass es mir nie an etwas fehlte. Dass ich glücklich war. Wir versuchten, uns gegenseitig wieder zum Lachen zu bringen. Erst Monate später gelang es uns.

 An Tagen wie heute trifft mich die Trauer wieder mit voller Wucht. Ich wische mir die Tränen aus den Augen und stehe auf. Ich denke lieber an Mom, wenn ich in unserer Küche koche, die alten Fotos an der Wand sehe und in schöneren Erinnerungen schwelge.

Ich fahre zurück in die Wohnung und tue genau das. Ich bereite ein kleines Festmahl für Dad und mich zu, wobei ich die Küche in ein Schlachtfeld verwandle.

Dad tritt in die Wohnung, als die Sonne untergeht. »Das ist immer der schönste Moment an Weihnachten«, murmelt er, als wir am Tisch sitzen.

Ich lächle ihn an. »Für mich auch. Danke für die Kette. Sie ist wunderschön.«

Er lächelt traurig zurück. »Ich hatte sie lange in meiner Brieftasche. Ich dachte, bei dir ist sie besser aufgehoben.«

Ich greife nach seiner Hand. »Danke, Dad.«

Danach wird unsere Stimmung wieder etwas gelöster und wir sprechen über alles und nichts. Viel zu schnell muss er jedoch wieder zurück an die Arbeit.

»Viel Spaß im Chaos!«, rufe ich ihm zu, bevor er lachend aus der Haustür geht. Sein Job wäre nichts für mich. Es ist immer etwas los. Ruhige Tage sind selten.

Nachdem ich die Küche aufgeräumt habe, mache ich es mir mit meinem Laptop auf der breiten Fensterbank in meinem Zimmer gemütlich und setze meine Kopfhörer auf. Ich lasse das Album laufen, das ich Lewis geschenkt habe und rufe mir Fotos aus meiner Kindheit auf. Vor ein paar Jahren habe ich alle Fotos, die ich in den Fotoalben auf dem Dachboden gefunden habe, digitalisiert. Seitdem ist es zu meiner ganz eigenen Tradition geworden, dass ich mir am Abend des ersten Feiertags die Fotos ansehe und für einen Moment wieder Kind bin. Ich lege meine Hand an Moms Kette, die nun die Wärme meiner Haut angenommen hat.

Jedes Mal, wenn ich die Bilder öffne, durchfährt mich erneut der Schmerz des Vermissens. Ich vermisse Mom so sehr. An den Weihnachtsfeiertagen ist es am schlimmsten. Den Rest des Jahres habe ich gelernt, es zu verdrängen. Doch immer, wenn ich die Fotos sehe, wenn ich an ihrem Grab war, kommt alles wieder hoch. Ihre Abwesenheit erfasst mich wie eine Welle, die mich beinahe von den Füßen reißt.

Mom sieht auf jedem einzelnen Bild so unglaublich glücklich aus, mich und Dad zu haben. Ich weiß, dass ihre Eltern mit Dad nie einverstanden waren, doch das hat sie nicht aufgehalten, ihn zu heiraten. Weil sie ihn geliebt hat. Ich habe ihre Eltern nie kennengelernt, da sie starben, bevor sie sich wieder versöhnen konnten. Sie haben Mom damals rausgeworfen, als sie mit mir schwanger war und Dad heiraten wollte. Mom meinte mal, sie hätte ihre Entscheidung niemals bereut. Sie lächelte mich an, als sie das sagte und ging danach zu Dad, um ihn zu küssen.

Meine Eltern waren schon immer mein Vorbild. Ihre Liebe zueinander war so groß und selten, dass ich Angst habe, so etwas niemals für mich selbst zu finden.

Als Mom starb, brach für Dad die Welt zusammen. Er hat es in den Jahren danach mir gegenüber nie offen gezeigt und sich auf die Arbeit konzentriert. Doch ich habe es gefühlt, es ihm angesehen. Ich sehe den Schmerz auch heute noch in seinen Augen.

Ich lächle traurig über dem Bild, das Mom, Dad und mich zeigt, wie wir zusammen am Meer waren. Dad trägt mich auf den Schultern und läuft in die Wellen. Ich glaube, Carter hat damals das Bild geschossen.

Ich klicke auf das nächste Foto, als ich plötzlich eine Bewegung im Augenwinkel sehe. Ich drehe den Kopf und blicke zur Tür, in Erwartung, dass Dad zurückgekommen ist.

Doch es ist nicht Dad. Und ich bin unfähig zu begreifen, was ich stattdessen sehe.

 

Blut und Versprechen

Die Musik schallt laut in meinen Kopfhörern, deshalb höre ich nichts von dem, was in der Welt um mich herum passiert. Wie sie im Palast gerade in Chaos versinkt.

Wie sie in die Wohnung gekommen ist. Die Frau, eine Ito, in schwarzer Kleidung. In enger Hose, hohen Stiefeln, Weste und dunklem Hemd. Die Waffe in ihren Händen ist ebenso schwarz.

Sie muss vorher das Tuch an ihrem Hals vor ihr Gesicht gezogen haben, doch nun ist es nach unten gerutscht.

All das wird nebensächlich, als ich das Blut sehe. Als ich wahrnehme, wie irritierend schief ihre Haltung ist. Wie sie ihre Hand auf ihren Hals presst. Sie steht leicht vornübergebeugt und nicht so, als ob sie noch viel um sich herum wahrnimmt.

Ich reiße mir die Kopfhörer vom Kopf, springe auf, wobei mein Laptop auf den Boden knallt, und renne instinktiv zu ihr hinüber, ohne darüber nachzudenken, wer sie ist und warum sie hier ist. Meine Gedanken sind wie leergefegt. Ich nehme nur das Blut wahr, das unter ihrer Hand hervorquillt.

Kurz, bevor ich bei ihr bin, lässt sie die Waffe fallen, sinkt erst auf die Knie und dann zu Boden, wo sie mit einem dumpfen Knall aufschlägt. Ihre Augen starren trüb zur Decke.

Ich reiße mir mein eigenes Halstuch herunter und presse es auf die Wunde an ihrem Hals. Es tritt immer noch unaufhaltsam Blut hervor. Viel zu viel. Als ich mich über sie beuge, klären sich für einen Moment ihre Augen. Sie fokussieren sich auf mich. Auf einmal packt sie mit erstaunlich kräftigem Griff mein Handgelenk.

»Gib... das...«, sie versucht zu sprechen, doch das verschlimmert nur den Blutverlust.

»Schhh!«, mache ich schnell. »Nicht reden!«

Ich blicke hoch. Unter dem Lichtschalter an der Wand ist die Notfalltaste, die die Palastwache alarmiert. Ich bin zum Glück in Reichweite und muss die Wunde nicht loslassen, um den stillen Alarm zu aktivieren. Wenn die Frau nicht bald Hilfe bekommt, stirbt sie.

»Keine Angst«, murmle ich uns beiden zu. »Hilfe kommt.«

Doch sie drückt nur stärker mein Handgelenk. »Izaiah! Gib... das... Izaiah! Nur ihm.« Sie lässt mich los, greift mit unkoordinierter Bewegung in ihre Tasche und berührt mich dann am Fuß, während ich darum kämpfe, den pulsierenden Blutfluss zu unterbrechen.

Dann hebt die Fremde ihre Hand, legt sie an meine Wange und flüstert mit letzter Kraft: »Rette sie... Versprich...«

Plötzlich hören wir Stimmen aus dem Flur.

»Hailee?«, ruft Dad laut.

»Hier! Hierher!«, schreie ich zurück. Bis er hier ist, beuge ich mich erneut zu ihr hinunter. »Was meinen Sie?«

»Izaiah.« Ihr Atem rasselt besorgniserregend. Blut läuft aus ihrem Mundwinkel. »Nur... Izaiah.«

Ich will noch einmal nachfragen, aber im Augenwinkel bemerke ich Dad und vier Palastwachen, die ins Zimmer eilen. Einer von ihnen, Matthewson, zieht mich hoch, weg von der Frau.

»Ihr Hals!«, rufe ich noch.

Dad kniet sich dorthin, wo ich gerade saß, und drückt auf ihre Wunde. »Wo ist er?«, fragt er. »Wo ist der Stick?«

»Sie muss ins Krankenhaus!«, murmle ich, doch niemand beachtet mich. Matthewson drängt mich ein Stück weiter nach hinten und schirmt mich ab. »Bist du verletzt?«, fragt er mich und mustert mich aufmerksam.

Ich schüttle den Kopf und versuche, an ihm vorbeizusehen.

»Wo ist er?«, fragt Dad wieder und gibt einem der anderen ein Zeichen. Houghston kniet sich neben die Frau und durchsucht sie. Ihr Gesicht verzieht sich zu einem höhnischen Lächeln. »Schon... längst... draußen!«, krächzt sie und spuckt Blut in Dads Gesicht. Es muss ihre letzte Kraft gewesen sein, denn mit einem Mal erschlafft sie.

Dad flucht laut und wischt sich das Blut weg. »Hough - geh zu den anderen! Sie müssen das Gelände absuchen! John, geh zu Carter und sieh dir die Überwachungsvideos an! Keiner kommt hier raus, verstanden? Releigh - bring sie hier weg! Aber durchsuch sie nachher noch mal! Wir müssen den Stick finden!« Nachdem er die Anweisungen gebellt hat, kommt er zu mir hinüber.

Ich kann meinen entsetzten Blick nicht von der Frau abwenden. Von ihr und ihrem Hals. Mein Tuch ist auf den Boden gerutscht und offenbart die tiefe Schnittwunde, aus der immer noch Blut läuft, nun aber viel langsamer. Die Wunde hat das Tattoo gespalten, das auf ihrer Haut prangt: einen Farnwedel. Sie ist eine der rebellischen Ito. Und jetzt ist sie tot. Gestorben. Hier, in meinem Zimmer. Ihr Blut ergießt sich auf den hellen Holzboden. Irgendwas wollte sie von mir, aber ich kann immer noch keinen klaren Gedanken fassen, um zu verstehen, was.

Dad stellt sich vor mich, fasst mich an den Schultern. »Hailee! Sieh mich an! Geht es dir gut? Bist du verletzt?«

Nur mit Verzögerung kann ich meinen Blick zu ihm wenden.

Dad gräbt seine Finger in meine Haut. »Bist du verletzt?«

Ich schüttle den Kopf. »Ist sie...?«

»Sie ist tot, ja. Aber sie hat Brom erwischt. Sie und ein paar andere NIP-Schweine.«

Mit seinen Worten rauscht die Realität auf mich hinein. Es sind NIP im Palast. Ich reiße panisch die Augen auf. »Und die anderen? Was ist passiert? Geht es den anderen gut?«

»Hör zu, ich muss zurück. Matthewson bringt dich in den Schutzraum. Bleib bei ihm!« Damit ist Dad wieder weg. Matthewson, der schon seit beinahe zehn Jahren bei der Palastwache arbeitet, legt mir den Arm um die Schultern und zieht mich aus dem Zimmer, während er meine Sicht auf die tote NIP mit seinem Körper abschirmt.

Im Flur schlüpfe ich wie in Trance in meine Stiefel und folge Matthewson durch die aufgebrochene Haustür in den Palastflur. Ich frage mich, wer die Tür aufgebrochen hat: die NIP oder die Wachen. Beides habe ich nicht wahrgenommen.

Der Flur liegt dunkel da. Weiter hinten sehe ich die blitzenden Lichter des Alarms. Ich war total leichtsinnig, wird mir bewusst, während mich Matthewson ein paar Meter den Flur hinunterführt und dann eine versteckte Tür in der Wandverkleidung öffnet. Die Geheimgänge führen zu den Schutzräumen. In unserem Flügel gibt es einen eigenen.

Matthewson schaltet eine Taschenlampe ein und geht vor. »Leise!«, raunt er.

Ich nicke und folge ihm. Wir steigen ein paar Stufen hinab, laufen durch schmale Gänge, bis plötzlich eine metallische Sicherheitstür vor uns auftaucht. Daneben ist ein Display in der Wand eingelassen, auf das Matthewson gerade seine Hand legt. Es piept und die Tür öffnet sich mit einem Zischen. Matthewson tritt beiseite und lässt mich hindurchgehen.

Der Schutzraum ist erstaunlich groß. Durchgehende Bänke verlaufen an drei Wänden und bieten Sitzmöglichkeiten für längere Aufenthalte. Neben der Tür stehen große Schränke, die bis unter die niedrige Decke reichen. Matthewson öffnet einen davon und holt eine schmale Pistole raus. »Kannst du damit umgehen?«, fragt er mich.

Ich stehe mitten im Raum und starre ihn an. Ich schüttle den Kopf, aber nur, um mich zusammenzureißen. Ich atme tief durch und versuche, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Dann nicke ich, gehe zu Matthewson und nehme die Pistole in die Hand. »Dad hat mir gezeigt, wie es geht.«

»Gut. Behalte sie bei dir! Lass niemanden rein, den du nicht kennst! Ich muss wieder zu den anderen.«

 

Der Stick

Ich verbleibe allein in der Stille, die mit einem Mal unglaublich laut wird. Ich versuche, ruhiger zu atmen, nehme die Pistole in meine Hände und halte sie gesenkt. Dann setze ich mich auf die Bank gegenüber der Tür.

Sorge um Lewis breitet sich in jede Fingerspitze aus. Um König Xander. Um Clark, Jessamine und Königin Clarice.

Um Dad und Carter.

Und alle anderen im Palast. Ich hoffe, keiner der Bürger vom Dinner ist noch da. Aber vielleicht sind die NIP ja auch dadurch reingekommen? Haben sich irgendwie auf die Gästeliste geschmuggelt.

Ich war so leichtsinnig. So verdammt leichtsinnig. Die NIP hätte mich umbringen können. Sie hatte eine Waffe in der Hand. Wie konnte ich darüber hinweg sehen?

NIPs, im Palast. Brom ist tot. Meine Angst wächst stetig. Lewis. Dad. Carter. Mein Griff um die Waffe wird fester. Genau wie der unsichtbare Griff um mein Herz, als meine Gedanken in eine andere Richtung wandern. Was, wenn die NIP auf die Idee kommen, die Schutzräume zu durchsuchen? Die königliche Familie wird sicherlich sofort in einen gebracht worden sein. Was, wenn sie sie suchen? Was, wenn sie irgendwie die Tür von außen aufbekommen können? Immerhin sind sie in den Palast gelangt und haben sich frei bewegt.

Ich wandere auf und ab, um mich von meiner Panik abzulenken. Noch ist es nicht so weit. Und die erste Begegnung mit einer NIP habe ich auch überlebt. Sie nicht.

Wie sie in der Tür stand...

Wieso ist sie in die Wohnung gekommen? Sie war schwer verwundet. Mittlerweile bezweifle ich, dass sie die Tür eingetreten hat. Wie ist sie dann reingekommen? Und warum dorthin? Es war klar, dass es kein Ausgang war.

Meine Überlegungen werden durch die Bilder vor meinem inneren Auge überlagert. Wie sie zu Boden gesunken ist... Mein Unterbewusstsein muss schneller erkannt haben als mein Gehirn, dass sie keine Gefahr darstellt. Vermutlich bin ich deshalb zu ihr.

Was hat sie gesagt? Sie hat einen Namen gesagt. Izaiah.

Izaiah... Izaiah... Der Name kommt mir bekannt vor... Sie meinte, ich solle ihm etwas geben. Nur ihm. Wer ist er?

Izaiah...

Er gehört zur NIP, wird mir mit einem Schlag klar. Izaiah Cunnings. Natürlich. Den Namen habe ich schon oft in den Nachrichten gehört. Er ist dafür bekannt, im Untergrund gegen den König zu arbeiten. Zahlreiche Aktionen, legal und illegal, hat er in die Wege geleitet oder durchgeführt. Immer mit dem Ziel, die Krone zu schwächen. Die Behörden suchen ihn seit Jahren. Doch bisher war das einzig Fassbare sein Name. Izaiah Cunnings ist ein Geist. Die einzigen Fotos, die sie von ihm haben, zeigen ihn als kleinen Jungen.

Was genau sollte ich von ihm? Ihm etwas geben. Aber was?

Ich brauche ein paar Minuten, bis es mir klar wird. Abrupt bleibe ich stehen. Ich muss es mit all dem Adrenalin im Blut verdrängt haben. Denn ich spüre, was sie von mir wollte. Was ich Izaiah geben soll. Ich spüre es physisch an meinem Fuß. Etwas drückt in meinem Schuh. Ich gehe zur Bank, ziehe den Stiefel aus und ein kleines, metallenes Teil hervor. Ich halte es ins Licht. Es ist ein schwarzer USB-Stick.

Ein Stick… Dad hat doch einen Stick gesucht. Die ganze Palastwache sucht danach! Fast hätte ich den Stick fallen gelassen.

Aber die Frau meinte doch, er wäre schon längst draußen...

Sie hat gelogen. Natürlich hat sie gelogen. Aber warum? Warum denkt sie, ich würde ihr helfen?

Rette sie... Versprich... es mir.

Sie ist eine NIP. Wieso sollte ich ihr helfen? Sie hat Brom umgebracht! Wer weiß, was ihre Komplizen gerade noch tun.

Ich sollte sofort irgendwem Bescheid sagen. Ich sollte Dad den Stick geben, bevor sie ganz umsonst im ganzen Palast danach suchen. Doch meine Füßen bewegen sich keinen Millimeter. Weil ich den Ausdruck in ihren Augen nicht vergessen kann. Den flehenden Blick. Die Angst und die Erkenntnis, nur noch eine winzige Hoffnung zu haben, die Geheimnisse auf dem Stick zu retten. Was ist so wichtig, dass sie dafür gestorben ist?

Ich lasse mich auf die Bank sinken und schließe meine Faust um den Stick. Ich denke an all das, was ich in den letzten drei Jahren über mich und dieses Land gelernt habe.

Rette sie.

Wen? Die Ito?

Die NIP?

Mit einem Mal ist sie wieder da, diese Zerrissenheit. Auf welcher Seite stehe ich? Bin ich Ito oder Dena? Für oder gegen die Krone?

Am liebsten würde ich Dad den Stick einfach in die Hand drücken und ihn entscheiden lassen. Aber das wäre auch eine Entscheidung. Außerdem vertraut er dem König blind. Was auch immer da drauf ist, der König würde es verschwinden lassen. Denn es ist so wichtig für die NIP, dass sie dafür gestorben sind. Es muss irgendetwas sein, das ihn belastet. Das ist das Einzige, was mir in den Sinn kommt. Oder?

Ich starre den Stick an. Ich muss wissen, was da drauf ist. Ich muss herausfinden, worum es geht. Nur dann kann ich entscheiden, wem ich helfe. Das ist das Vernünftigste, was ich tun kann. So widersetze ich mich nicht dem letzten Wunsch einer Toten und stelle mich nicht gegen das Königshaus. Es wäre eigentlich nur ein kleiner Aufschub, bevor ich den Stick wiederbringe. Wenn ich ihn wiederbringe. Denn was, wenn die Informationen hierauf Menschen schaden? Ito schaden? So oder so, der Stick gerät ja erstmal nicht in falsche Hände. Ich muss nur rational entscheiden können, was ich mit den mir anvertrauten Informationen machen soll.

Entschlossen stecke ich den Stick zurück in meine Socke, schlüpfe in den Stiefel und setze mich erneut auf die Bank. Die Waffe nehme ich wieder in die Hand, sie gibt mir ein klein wenig Sicherheit. Etwas, an dem ich mich festhalten kann. Heute Nacht entscheide ich mich weder für die eine noch für die andere Seite. Bis ich weiß, was ich tun soll. Und ich werde das Richtige tun. Unabhängig von Seiten oder der Farbe der Haut. Ich werde das tun, was ich für richtig halte. Und wenn ich Dad dann gestehen muss, den Stick für eine Weile für mich behalten zu haben, dann ist das so. Das wird er verstehen. Hoffe ich. Im Zweifelsfall tue ich so, als ob ich ihn irgendwann später zufällig in meinem Zimmer gefunden hätte. Ich kann nicht blindlings den Stick an die Wachen weitergeben. Nicht, wenn mir eine sterbende Frau eine Verantwortung aufgedrückt hat. Selbst wenn ich sie nie haben wollte. Ich habe sie nun. Ich muss entscheiden, wie ich sie nutze. Das ist etwas, das Dad mir beigebracht habe. Setze deinen Kopf ein. Aber vergiss nicht, dass dein Herz auch noch schlägt. Handle immer danach, das Richtige tun zu wollen. Mehr kann man von einem Menschen nicht verlangen.

Genau das werde ich tun.

Ich bin alt genug, um das entscheiden zu können, entscheiden zu müssen. Das bin ich zumindest auch meinen Vorfahren schuldig. Das bin ich Mom schuldig.

Langsam werde ich ruhiger. Ich überprüfe die Ladung der Waffe. Als ich so zerrissen im Studium war, wurde mir irgendwann eines bewusst: Ich kann nicht darüber entscheiden, wie andere handeln. Und ich habe erst recht nicht die Verantwortung für das Tun anderer. Aber ich bin für mein eigenes verantwortlich und muss dafür geradestehen. Ich habe schon vor Wochen beschlossen, dass ich mich niemals von etwas überzeugen lasse, das meinen Prinzipien oder meinem Herz widerspricht. Ich werde für das einstehen, was ich für richtig halte. Ich werde für die einstehen, die ich in meinem Herzen trage und für die, die meine Hilfe brauchen. Das muss nicht die Seite der NIP oder die Seite des Königs sein. Das Leben ist nun mal nicht schwarz und weiß. Ich lebe in der Grauzone. So wie meine Haut weder hell noch dunkel ist.

Ich drücke den Rücken durch. Das ist nichts, wofür ich mich schämen sollte. Ich bin stolz darauf, eine halbe Ito zu sein, auch, wenn mir das in der Welt außerhalb des Palastes keine Türen öffnet, im Gegenteil. Aber Mom war eine Ito. Und Mom stand auch für das, was sie liebte, ein.

Wenn jemand versucht, meinen Leuten zu schaden, dann werde ich nicht zögern, sie zu verteidigen. Ob Dena oder Ito. Ich werde meinem Herzen folgen. Ich weiß, dass ich mich darauf verlassen kann.

Lewis hat ein gutes Herz. Andrej ebenso. Und sicherlich auch viele der Ito. Für sie werde ich eintreten. Und wenn es heißt, dass ich sie retten kann, dann werde ich auch das tun. Wie auch immer das aussehen soll.

Meine Entschlossenheit bleibt. Meine Aufmerksamkeit jedoch lässt nach, denn in den nächsten Stunden passiert nichts. Ich höre nichts. Ich sehe niemanden. Ich weiß nicht, was draußen vor sich geht. Ich kann nur hoffen, dass Dad, Carter und die anderen alles im Griff haben.

Je später es wird, desto besorgter werde ich.

Als ich irgendwann Geräusche vor der Tür höre, bin ich schon fast eingeschlafen. Die Tür öffnet sich und ich richte mich auf, die Waffe fest in der Hand, bis ich das müde Gesicht meines Vaters erkenne. Er hebt abwehrend die Hände, als er die Waffe sieht. »Ich bin‘s nur.«

Schnell lege ich sie weg und laufe zu ihm. »Geht es dir gut? Geht es den anderen gut?«

Er seufzt und setzt sich auf die Bank. »Fünf der Wachen haben es nicht geschafft. Drei der Terroristen konnten wir ausschalten.«

Ich setze mich neben ihn und frage vorsichtig: »Was wollten sie?«

Dad lehnt den Kopf gegen die Wand. »Chaos stiften. Den König töten. Was Leute wie sie nun mal wollen.«

»Du hast in der Wohnung irgendwas von einem Stick gesagt?«

»Ja, sie wollten auch Informationen stehlen. Einer ist auf der Flucht. Er wird sie mitgenommen haben. Aber wir finden ihn, keine Sorge.«

»Wenn denn für Infos?«

»Verschlusssachen. Nichts, was an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Hat diese NIP noch irgendetwas zu dir gesagt?«