Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Existenz der Muni - Menschen mit speziellen Gaben - ist schon seit Jahren bekannt. Doch nun wird das Land auf eine harte Probe gestellt, denn das Vertrauen zwischen der Regierung und den Muni zerbricht. Das muss Nahla am eigenen Leib erfahren. Sie steht mittendrin und muss fliehen, denn keine der beiden Seiten ist eine Option für die, die anders sind. Bald schon muss sie wählen - zwischen Risiko, Liebe, Vertrauen und dem Wahren ihres Geheimnisses.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 454
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Linnéa Nyberg
Trust In You
Linnéa Nyberg
Trust In You
Roman
Impressum
Texte:
© 2022 Copyright by Linnéa Nyberg
Umschlag:
© 2022 Copyright by Linnéa Nyberg
Verlag:
Linnéa Nyberg
c/o Block Services
Stuttgarter Str. 106
70736 Fellbach
Druck:
epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Für
die beste Familie der Welt
Die SFMO
Nahla
Freitag, 21. August
»So, damit haben Sie es erst mal geschafft! Ich wünsche Ihnen allen ein erfolgreiches Jahr! Versuchen Sie bitte, niemanden umzubringen. Ich weiß, dass Sie das tun werden, aber versuchen Sie Ihr Bestes, dass es nicht dazu kommt!«
Unser Professor für operative Medizin klatscht in die Hände, um seinen Worten Ausdruck zu verleihen. Ein paar Studierende hören ihm noch zu, doch die meisten packen schon ihre Sachen ein.
Wir haben alle schon ein paar Praxisphasen hinter uns und der Großteil von uns hat schon mal jemanden im Krankenhaus sterben sehen. Leider. Selbst ich.
»Moment, Moment, Moment!«, ruft er, als die Ersten aufstehen wollen. »Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass zwar mein Teil vorüber ist, Sie aber für heute Nachmittag verplant sind.«
Das lässt alle aufhorchen. Fragend sehen Casey, meine Sitznachbarin, und ich uns an. Ich runzle die Stirn. Der Professor winkt zur Hörsaaltür, bevor er fortfährt: »Die Regierung braucht für heute Ihre Unterstützung. Alles Weitere wird Ihnen gleich erklärt werden.«
Damit geht er selbst vom Pult weg und setzt sich in die erste Reihe.
Verdammt. Das hört sich nicht gut an.
Mein Puls beschleunigt sich.
Aus dem Gang neben den Reihen tritt nun ein Mann im Anzug.
Er hat dunkelbraune Haare und kantige Gesichtszüge. Er versucht sich an einem Lächeln, als er in die Reihen der Studierenden blickt, die auf ihn hinabsehen.
»Es tut mir sehr leid, Sie von Ihren wohlverdienten freien Tagen abzuhalten, doch am heutigen Tag können Sie Leistung für unser Land erbringen. Wir benötigen Ihre freundliche Unterstützung, um dieses Land ein wenig sicherer zu machen. Heute Morgen hat der Präsident ein Gesetz verabschiedet, welches uns ermöglicht, ein Register für alle Muni aufzustellen. Damit können wir sicherstellen, dass alle Muni so gefördert werden können, wie sie es benötigen. Und, um uns weitere Erkenntnisse zu verschaffen.«
Das ganze Blut läuft mir aus dem Gesicht und ich brauche alle Kraft, um die Fassung zu wahren.
Er ist von der SFMO, der vor einigen Jahrzehnten gegründeten Regierungseinrichtung Special Forces for Munus Observation, im normalen Sprachgebrauch oft Sifmo genannt.
Vor etwas über fünfzig Jahren ist das erste Mal bekannt geworden, dass es Muni gibt. Sie sind nur ein kleiner Anteil der Menschen, doch sie haben besondere Kräfte, verfügen über spezielle Gaben.
Es gibt verschiedene Einteilungen. Die, die durch ihre Gedanken Dinge bewegen, und die Elemente beeinflussen können: die Cogovis.
Die, die spezielle körperliche Fähigkeiten haben, die große Stärke oder Schnelligkeit besitzen: die Corpuvis.
Und die, die andere Menschen beeinflussen können, also Gedankenleser und -beeinflusser: die Homovis.
Wobei Letztere sehr selten sind.
Das ist die offizielle Einteilung. Zumindest wurde noch nicht öffentlich bekannt oder nachgewiesen, dass es noch andere Arten gibt.
Und das soll auch unbedingt so bleiben.
Muni lebten wohl schon immer unter uns oder zumindest schon sehr viel länger, nur waren sie immer im Verborgenen. Aber jedes Geheimnis kommt irgendwann ans Licht. Was die »normalen« Menschen ziemlich in Aufruhr versetzt hat.
Verständlich. Doch die meisten hatten Angst vor ihnen und haben sie gejagt. Wie alles, was die Menschheit nicht kennt oder wo sie verhindern will, dass sich etwas verändert.
Es hat ein paar Jahre gedauert, bis so etwas wie Frieden eingetreten ist. Man akzeptierte sich. Aber das Misstrauen war immer da.
Dann jedoch hat sich eine Gruppe radikaler Muni, die REX gegründet, die mehr Rechte für die Muni verlangt. Beispielsweise hohe Positionen einnehmen zu können, in der Politik und Wirtschaft. Was momentan untersagt ist. Darauf hatten sich Vertreter der NM (Nicht-Muni, oder auch Normale-Menschen) und der Muni geeinigt, um Ruhe in die Gesellschaft zu bringen.
Zu dem Zeitpunkt hatte die Wissenschaft herausgefunden, dass die Munus-Gaben vererbbar sind und in den Genen stecken. Sie entwickelten einen Test, um die Gaben nachzuweisen. Bei jeder Vergabe von hohen Stellen muss man seinen Blutnachweis abgeben, um zu beweisen, dass man kein Munus ist. Auch bei der Geburt im Krankenhaus wurde und wird ein Test gemacht. Ansonsten brauchte man den nicht. Nicht zwingend zumindest. Es wird empfohlen, ihn zu machen, aber es gibt Möglichkeiten, sich unter dem Radar zu bewegen. Bis heute offensichtlich.
Seit ein paar Jahren gibt es außerdem spezielle Internate für Muni, um dort ihre »Talente« in richtigen Bahnen zu lenken. Doch auch Ältere, bei denen erst neu bekannt wird, dass sie Muni sind, müssen Kurse dort machen, die mindestens ein Jahr dauern.
Felix bezeichnet die Internate immer als Erziehungslager. Nichts anderes sind sie. Dort wird sichergestellt, dass die Muni schön auf Seiten der Regierung bleiben und ihre Talente nicht gegen sie einsetzen.
Felix, mein Bruder, und ich haben der Sache nie getraut. Es gibt zwar immer wieder Berichte, wie toll das funktioniere und es werden immer wieder schöne Bilder dieser Internate veröffentlicht. Aber niemand, der mal da gewesen ist, spricht darüber. Und niemand von außerhalb darf das Gelände betreten. Die ganze Zeit, die man dort verbringt, darf man auch nicht heraus.
Die REX sind in den letzten Jahren immer stärker geworden und haben viele Anhänger im Untergrund gesammelt, die sich nie öffentlich als Muni registriert haben. Sie stellen sich klar gegen diese Umerziehungslager und sehen sie als Gefängnisse an. Sie wollen sie wieder abschaffen und gleiche Rechte für Muni, wenn nicht sogar mehr. Sie sehen die NMs als Unterdrücker der Muni und wollen den Spieß umkehren. Mit den Jahren sind sie nicht nur größer, sondern auch brutaler geworden. Vor einigen Jahren fingen sie an, Anschläge zu verüben, ihre Kräfte gegen NMs zu verwenden und Chaos zu stiften. Was natürlich die Stimmung gegen die Muni ziemlich aggressiv werden ließ.
Vor ein paar Wochen gab es wieder einen Anschlag. Und nun fängt die Regierung an, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
In Gedanken werfe ich den REX Beleidigungen entgegen. Anstatt ihre Forderungen durchzusetzen, haben sie nur erreicht, dass es für die Muni noch viel schlimmer werden wird. Und nicht nur für sie.
Auch für mich.
Ich muss auf jeden Fall verhindern, dass mein Blut in diese Datenbank gelangt. Denn es darf niemals jemand herausfinden, dass es mittlerweile noch eine andere Kategorie gibt. Dass sich inzwischen - wobei ich nicht weiß, ob es das nicht vorher schon gab - andere Kräfte entwickelt haben. Ich will nicht als Laborratte enden. Oder von irgendwem ausgenutzt werden. Weder von der einen noch von der anderen Seite. Es wäre fatal, würde ich zu Dingen gezwungen werden, die ich nicht tun will. Die ich mir geschworen habe, niemals zu tun. Deshalb habe ich mich mein Leben lang immer zurückgehalten und meine Gabe geheim gehalten. Meine Pflegeeltern, Felix‘ richtige Eltern, und Felix selbst haben mir immer eingebläut, dass niemals jemand von mir erfahren darf.
Ich bin eine Anomalie. Felix bezeichnet es lieber als »etwas Besonderes«. Aber es kommt auf dasselbe raus. Als seine Eltern gestorben sind, hat er mich aufgezogen. Zu dem Zeitpunkt war ich dreizehn und er gerade achtzehn geworden. Er hat das Sorgerecht für mich beantragt und auf mich aufgepasst.
Er und seine Eltern haben mir nie das Gefühl gegeben, dass ich etwas Schlechtes wäre. Ich habe mich immer beschützt gefühlt. Und mir ist das Herz zerbrochen, als die Nachricht kam, dass sie ums Leben gekommen sind.
Ich weiß bis heute nicht, was ihnen damals durch den Kopf gegangen ist, als sie sich dachten, ein fremdes Kind zu adoptieren, obwohl sie schon ein eigenes hatten. Aber ich bin ihnen unglaublich dankbar. Ich war gerade zwei Wochen alt, als ich zu ihnen kam. Und eigentlich sind sie meine richtigen Eltern. Ich kenne keine anderen und wollte auch nie andere. Auch wenn ich mich immer gefragt habe, ob meine biologischen Eltern dasselbe konnten wie ich.
Aber das werde ich wohl nie erfahren.
Der Sifmo-Agent vorne spricht weiter und ich reiße mich zusammen, um alles mitzubekommen. Ich muss einen Weg finden, das zu umgehen.
»Alle Bürger der Stadt sind soeben dazu aufgefordert worden, sich registrieren zu lassen. Wir haben die Stadthalle, das Stadion und einige andere Gebäude vorbereitet, um die Tests und die Registrierung durchzuführen. Und da kommen Sie ins Spiel: wir brauchen jede helfende Hand und Sie wissen, wie man Blut abnimmt. Deshalb bitten wir Sie, uns zu begleiten. Wir bringen Sie zu Ihrem Einsatzort. Alles Weitere wird Ihnen dort erklärt.«
Er lächelt noch einmal in die Runde und will aufbrechen, doch jemand ruft in den Raum: »Gilt das für jeden?«
Der Agent hält inne und nickt. »Ja. Für jeden Einwohner unseres Landes.«
»Was, wenn man sich weigert?«, ruft eine andere Stimme.
»Nun, wie Sie sicherlich verstehen können, dient das alles nur der Sicherheit jedes Einzelnen. Und es passiert nichts Schlimmes, wenn man als Munus registriert ist. Also gibt es auch keinen Grund, sich zu weigern.«
Was für mich übersetzt heißt: wir haben keine Wahl. Wenn man sich weigert, wird man gezwungen.
Ein Murmeln kommt auf und der Agent hebt den Arm.
»Wir müssen den REX den Riegel vorschieben, bevor noch mehr Menschen zu Schaden oder gar zu Tode kommen. Und wie gesagt: es ist nur ein Nachweis. Man wird nicht gleich als Munus ins Gefängnis gesteckt. Nur, wenn man anderen Menschen schadet.«
Ich kann mein Schnauben gerade noch zurückhalten. Und diese Umerziehungslager? Was sind die dann? Kein Gefängnis? Dass ich nicht lache.
Der Agent nickt nur zu seinen eigenen Worten und geht dann wieder den Gang entlang.
Das einzig Gute, dass wir zum Blutabnehmen eingeteilt sind, ist, dass ich so vielleicht bessere Chancen habe, mein eigenes nicht abzugeben oder es mit anderen zu vertauschen.
Ich hoffe es. Ich bete darum.
Casey neben mir seufzt. »Und ich hatte mich schon so sehr auf den ersten freien Nachmittag seit Monaten gefreut!« Sie verzieht das Gesicht zu einer enttäuschten Grimasse.
Ich brumme nur zustimmend und hole unauffällig mein Handy heraus. Ich muss Felix eine Nachricht schreiben. Doch das Erste, was ich sehe, ist: kein Handynetz. Haben sie das etwa blockiert?
Meine Sorge wird größer. Casey plappert noch weiter vor sich hin, während wir dem Strom unserer Kommilitonen folgen, die zum Ausgang streben.
Das Stadion
Nahla
Freitag, 21. August
Draußen bleibe ich beinahe vor Schreck stehen, als ich die Soldaten in Uniform sehe. Nicht nur von der Sifmo. Auch von der Armee. Sie sind im Flur verteilt und haben alles im Blick. Ebenso vor dem Gebäude. Die meisten tragen ihre Waffen offen.
Jetzt bekomme ich richtig Angst.
Das hier geht weit über ein normales Gesetz hinaus. Das hier - bedeutet nicht nur ein höfliches Auffordern, wenn man sich weigert. Das hier - wird mein ganzes Leben verändern.
Ich bin froh, dass man nicht sieht, wie schnell mein Herz mittlerweile schlägt. Nach außen hin habe ich eine neutrale Maske aufgesetzt, als wäre alles in Ordnung.
Ich folge den Rücken vor mir, höre Casey halbherzig zu. Doch meine Gedanken kreisen darum, wie ich hier rauskomme. Wie ich verhindern soll, dass sie erfahren, wer ich bin. Was ich kann.
Ich muss hier raus. Unbedingt.
Doch fürs Erste habe ich keine Wahl. Ich muss die Augen offenhalten, ob sich mir eine Gelegenheit bietet. Wobei ich gar nicht wüsste, wo ich hinsollte. Das Einfachste wäre, wenn ich mein Blut mit dem eines anderen vertauschen könnte. Oder mir ein bisschen mehr für mich abzweigen könnte. Vielleicht gelingt mir das sogar, immerhin werde ich diejenige sein, die es abnimmt. Mir muss das einfach gelingen.
Wir werden zu Bussen geleitet, in die wir einsteigen. Ich lande mit Casey, sowie zwanzig anderen Studierenden, in einem hellgrauen.
Casey hat aufgehört zu reden und sieht mich an. Ich blinzle kurz und fokussiere meinen Blick.
»Nahla? Alles okay?« Sie dreht den Kopf nach hinten und sieht nach, wohin ich geschaut habe. Zu dem Soldaten, der vor dem Bus steht.
»Ja«, sage ich schnell. »Die machen mich nur ein bisschen nervös.«
»Mich auch«, erwidert Casey.
Plötzlich beugt sich ein Student, auf dem Platz hinter uns, näher. Er legt die Arme auf meinen Sitz. »Voll krass, oder?«
Weder Casey noch ich antworten, doch er redet schon weiter. Theodor heißt er, glaube ich. Wir haben im ersten Semester mal ein paar Worte gewechselt.
»Aber eigentlich voll die gute Idee. Ich meine, ist doch endlich mal Zeit, dass man mal sieht, was da alles für Freaks rumlaufen. Ich hoffe nur, dass die REX nicht irgendwie ausrastet.«
Sofort drehe ich mich doch zu ihm um. Das »Freak« überhöre ich einfach mal. »Wie meinst du das?«
Er zuckt die Achseln. »Na ja, wenn die das im ganzen Land abziehen, werden die REX sich ganz schön in die Ecke gedrängt fühlen. Nicht, dass die irgendwas planen, um das hier zu stören.«
Sein Kumpel neben ihm stößt ihm mit dem Ellbogen in die Seite. »Lass das, Theo. Verbreite nicht so eine Panik. Als ob die REX sich was trauen, bei so vielen Soldaten. Die müssen ja die ganze Sifmo und die komplette Armee im Einsatz haben.«
Theodor zuckt wieder die Achseln und setzt sich wieder hin.
Casey verdreht die Augen. Ich blicke aus dem Fenster.
In dem Moment setzt sich der Bus in Bewegung.
Ich kann beides nicht gebrauchen.
Ich kann verstehen, dass die REX für uns Muni kämpfen. Sich für uns einsetzen. Aber ihre Mittel billige ich nicht. Sie sind für den Tod von Menschen verantwortlich und haben keinerlei Skrupel gegen NMs.
Theodor hat aber recht. Das werden die REX nicht einfach so mit ihren Leuten machen lassen. Irgendwas wird da kommen. Und davor habe ich genauso viel Angst wie vor den Soldaten.
Eine Viertelstunde später hält unser Bus vor dem Eishockey-Stadion. Auch hier sind überall Polizisten und Soldaten. Vor dem Stadion erkenne ich eine unglaublich lange Schlange von Menschen. Wahrscheinlich die Ersten, die sich testen lassen müssen.
Wir hingegen werden schon in das Innere des Stadions geführt. Wir werden aufgeteilt. Das Meiste bekomme ich gar nicht so richtig mit. Meine Augen huschen ständig hin und her, auf der Suche nach einem Ausweg. Doch ich finde keine Möglichkeit. Und immer wieder fällt mein Blick auf eine Waffe.
Keine Chance, hier irgendwie rauszukommen, sobald der Verdacht auf mich fällt.
Also muss ich mich erst mal darauf konzentrieren nicht aufzufallen. In einem kurzen Moment, in dem ich mich unbeobachtet fühle, bleibe ich stehen, atme tief ein und aus und beruhige mich wieder.
Es bringt nichts, jetzt in Panik zu geraten. Das würde mich nur in größere Schwierigkeiten bringen. Und außerdem gibt es noch keine Schnelltests. Selbst wenn der schlimmste Fall eintritt und sie wirklich an mein Blut kommen, kann ich immer noch hier rausspazieren und heute Nacht abhauen, bevor die Ergebnisse eintreffen.
Was aber Plan B sein sollte. Plan A heißt, das Blut eines anderen als mein Eigenes auszugeben.
Mich beruhigt es, dass ich wieder eine Strategie habe. Das hilft mir auch, wenn es im Krankenhaus kritisch wird. Auf die Fakten konzentrieren. Nicht darauf, was da noch kommen mag. Im Hier und Jetzt bleiben. Noch ist alles gut. Noch ist nichts passiert. Alles im grünen Bereich.
Wenn da noch was kommt, werde ich mich damit beschäftigen, sobald es da ist.
Schnell hole ich zu den anderen auf. Ich hebe mein Kinn. Ich habe es bis hierhin geschafft. Ich studiere Medizin. Ich werde Ärztin, was schon immer mein größter Traum war. Und ich werde es auch weiterhin schaffen.
Ein Einweiser, der vermutlich sonst für die Fans bei Eishockey-Spielen zuständig ist, führt mich in einen Raum unter den Tribünen. Zumindest vermute ich das. Bisher sind wir nur im Inneren durch graue Gänge gelaufen.
Meine Kommilitonen sind alle in anderen Räumen verschwunden.
Der Einweiser hält mir die Tür auf.
Da erkenne ich, wo wir sind: in einer der Umkleidekabinen.
An den Wänden sehe ich die hölzernen Bänke und auch die Namen unseres Teams auf den Schränken.
Der Einweiser schließt die Tür hinter mir mit einem lauten Knall. Ich zucke ein wenig zusammen, konzentriere mich dann aber darauf, was vor mir liegt.
Mitten im Raum stehen drei einfache, graue Stühle. Auf der Sitzfläche des einen befindet sich eine schwarze Kiste, in der ich Spritzen und Ampullen sehe. Doch mein Blick gleitet sofort weiter zu dem Soldaten, der an der hinteren Wand neben einer weiteren Tür steht.
Auf seiner Uniform erkenne ich das Logo der Sifmo. Seine Weste, sowie alles andere an ihm, ist schwarz. Auch das Sturmgewehr, das um seine Brust hängt. Er kann nicht viel älter sein als ich, Ende zwanzig ungefähr. Das ist gut. Vielleicht kann ich ihn ja irgendwie um den Finger wickeln. Doch dann betrachte ich in sein Gesicht.
Ich habe kein Problem mit einem belanglosen Flirt, aber dieses Gesicht macht mich sofort nervös. Er sieht verdammt gut aus. Seine Haut ist ein gutes Stück dunkler als meine, seine Haare fast schwarz, doch seine Augen blitzen in einem ungewöhnlichen Blau auf. Die hohen Wangenknochen verleihen ihm gleichzeitig etwas Scharfes, aber auch Anziehendes.
Ich wende dann sofort meinen Kopf ab, um meine roten Wangen zu verstecken. Konzentrier dich, mahne ich mich.
An der linken Wandseite steht ein weiterer Soldat, der jedoch keine Waffe hat. Er sieht von dem Tablet hoch, das er in der Hand hält, als ich einen Schritt näher in den Raum gehe. Seine Gesichtszüge sind weicher als die des anderen, er scheint aber auch nicht viel älter zu sein. Seine blonden Locken stehen ihm vom Kopf ab und er grinst mich breit an. Vielleicht kann ich ihn ein bisschen bearbeiten.
Er kommt auf mich zu und streckt mir die Hand hin. »Hi, ich bin Abel. Du bist...?«
»Nahla. Nahla Moore.« Ich ergreife seine Hand und er schüttelt sie kurz.
Er nickt. Dann zeigt er zu dem Soldaten hinter sich. »Das ist Officer Nazari. Er ist heute für unsere Sicherheit zuständig.«
Ich zögere, gehe dann aber doch zu ihm und gebe auch ihm die Hand.
Stell dich bloß gut mit ihnen, rede ich mir selbst ein. Trotzdem werde ich noch nervöser, als sich unsere Hände berühren. Ich meine, ein leichtes Lächeln zu erkennen, doch insgesamt bleibt er ernst. Schnell gehe ich zu Abel zurück, der offensichtlich weiß, was zu tun ist.
»Wie genau läuft das jetzt?«, frage ich leise, über meinen donnernden Herzschlag hinweg.
Abel blickt wieder hoch. Er tippte irgendwas auf das Display.
»Ganz unspektakulär«, meint er zwinkernd.
Als ob. Wenn die allgegenwärtige Überwachung nur nicht wäre... Verdammt! Was, wenn sie Kameras haben?!
So unauffällig wie möglich sehe ich mich um. Nun, es ist eine Umkleidekabine. Normalerweise sollten hier keine Kameras sein...
Aber vielleicht haben sie nachträglich welche installiert?
»Die Leute kommen rein, ich nehme ihre Daten auf und du nimmst eine Blutprobe. Das war‘s schon.«
Er nickt zu den Stühlen in der Mitte. Ich gehe zu der Kiste und sehe mir den Inhalt an. Ich brauche sowieso dringend etwas zur Ablenkung. Ich spüre die ganze Zeit Officer Nazaris Blick auf mir. Nicht nervös werden. Lass ihn nicht misstrauisch werden, sage ich mir immer wieder. Aber ich weiß nicht, wie ich es mit den beiden im Raum schaffen soll, meine Blutprobe zu manipulieren. Ich konnte zwar keine Kamera sehen, aber das heißt nicht, dass sie nicht da ist.
Plan B rückt leider immer näher.
Ich setze mich auf einen Stuhl, stelle die Kiste auf den Boden und sortiere mir die Utensilien zur Blutabnahme. Als ob das ganz normal wäre. Als ob ich im Krankenhaus wäre.
Alles. Ganz. Normal.
Trotzdem zittern meine Hände, was ich sofort unterdrücke. Zur Sicherheit rücke ich den Stuhl so zurecht, dass Nazari sie nicht sehen kann.
»Okay, na dann los. Umso schneller sind wir hier durch.« Abel geht zu Tür und zieht sie auf. Er sagt etwas zu jemandem, der dahintersteht. Ich blicke noch einmal zu Nazari. Er erwidert kurz meinen Blick, doch dann sieht er an mir vorbei zur Tür.
Abel kommt in Begleitung eines Mannes herein. Er müsste so Mitte vierzig sein. Er grüßt uns, was ich mit leiser Stimme erwidere.
Abel weist ihn auf den Stuhl neben mir.
»Gut. Ich brauche einmal Ihre Kontaktdaten. Voller Name. Geburtsdatum. Anschrift. Die junge Dame hier wird Ihnen währenddessen Blut abnehmen.«
»Ja, gut«, sagt der Mann und krempelt schon sein Hemd hoch.
Ich nehme das Gummiband zum Stauen des Blutes hoch und binde es ihm um, während er Abel seine Daten durchgibt. Dieser tippt es in sein Tablet. Dann nehme ich die Spritze und bereite den Rest vor.
Die Routine beruhigt mich wirklich etwas. Das habe ich im Krankenhaus schon so oft gemacht. Und an mir selbst auch geübt.
»Könnte jetzt ein bisschen piksen«, murmle ich leise, bevor ich die Nadel in seine Haut steche und eine Ampulle anschließe.
»Habe ich gar nicht gespürt«, erwidert der Mann erstaunt.
Ich zucke die Achseln, muss aber lächeln. Nach ein paar Sekunden nehme ich die Ampulle ab und drücke einen Wattebausch auf die kleine Wunde.
»Hier bitte kurz draufdrücken«, sage ich.
»Schreibst du bitte C120 auf das Röhrchen?«, befiehlt Abel mir, obwohl er es höflich formuliert.
»C120?«, frage ich sicherheitshalber nach, während ich überlege, ob mir das die Chance gibt, vielleicht die Nummer auf meiner Probe umzustellen. Doch dann soll ich das Röhrchen mit dem Blut in einem Umschlag mit einem Barcode darauf stecken, welchen Abel mit dem Tablet einscannt und sofort zuklebt. Mist.
Mist. Mist. Mist.
Als wir fertig sind, steht der Mann wieder auf und geht durch die hintere Tür hinaus, die Nazari für ihn aufhält. Dann kommt der Nächste. Es sind ganz normale Bürger, die, ohne zu klagen, alles mit sich machen lassen.
Die meisten sagen sogar noch, wie gut sie das hier finden. Irgendwann kommt mir in den Sinn, dass die Ersten alle diejenigen sind, die dem Ganzen hier zustimmen. Die, die noch kommen, die, die das nicht gut finden - Muni, so wie ich - werden sich nicht als Erstes in die Reihe gestellt haben.
Es vergeht bestimmt eine gute Stunde, bis sich das Klientel ändert. Wir hören weniger lautes Einverständnis und mehr ängstliche Blicke.
Und dann kommt eine Frau herein, mit einem etwa dreijährigen Mädchen auf dem Arm. Beide sehen eingeschüchtert aus. Das Mädchen vergräbt sein Gesicht an der Brust seiner Mutter.
Aufmunternd lächle ich der Mutter entgegen. Sie erwidert es kurz, bis sich Abel meldet, der an der Wand auf einer der Bänke sitzt. Er fragt sie nach ihrem Namen.
Tina Futon und ihre Tochter Lila. Abel nickt und notiert es sich. Die Frau setzt sich langsam auf den Stuhl neben mir zu.
»Hallo«, sage ich leise.
Ich weiß ganz genau, wie Sie sich fühlen, versuche ich, mit meinem Lächeln auszudrücken.
»Wird ganz schnell gehen. Und danach«, ich spreche zu der Kleinen, die mich mit großen Augen schief ansieht, den Kopf immer noch an der Brust ihrer Mutter, »gibt es ja vielleicht ein Eis?«
Dankbar blickt mich Tina an und meint zu Lila: »Ja, auf jeden Fall. Ich habe noch das Erdbeereis in der Kühltruhe, das du so gerne magst.«
Ich werfe Lila einen neidischen Blick zu. Ein winziges Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Tina setzt ihre Tochter auf das andere Bein, sodass ich an ihren eigenen Arm kann. »Ich beeile mich«, versichere ich ihr leise.
Sie nickt, blickt aber immer wieder zu Abel, der uns beobachtet und ab und zu ein paar Fragen an Tina stellt.
Als ich fertig bin, will Tina gerade aufstehen, doch Abel schüttelt den Kopf. »Ihre Tochter auch.«
»Aber sie wurde schon bei ihrer Geburt getestet.«
Abel zuckt mit den Schultern. »Heute müssen leider alle noch mal.«
Ich kann mein Missfallen nicht ganz unterdrücken, weiß aber, dass wir nicht drum herum kommen.
Und mir wird bewusst, dass Plan B immer wahrscheinlicher wird. Aber das verdränge ich für den Moment. Jetzt gerade muss ich Lila das Gefühl geben, dass alles in Ordnung ist. Kinder merken die Stimmungen der Erwachsenen so viel mehr als die Erwachsenen selbst.
Ich beuge mich leicht zu ihr. »Ich bin Nahla. Und ich weiß, wie du ein ganz großes Eis ergattern kannst.« Damit habe ich ihre Aufmerksamkeit und zum Glück spielt ihre Mutter mit. »Sogar mit Schokosoße.«
»Oh, Schokosoße«, rufe ich begeistert. Ich merke, wie Abel uns einen leicht genervten Blick zuwirft, weil das so lange dauert, aber das ist mir egal. Für Kinder nehme ich mir immer Zeit. Sie verstehen das hier alles nicht. Wie sollen sie auch? Ich verstehe es selbst kaum.
Ich nehme ein Set aus der Kiste, das speziell für Kinder ist und erkläre Lila, was ich gleich tun werde. »Genau wie bei deiner Mama. Es tut auch gar nicht weh, versprochen.«
Doch ihre Augen werden immer größer, als ich die Nadel in die Hand nehme. Sie fängt an zu weinen und windet sich in den Armen ihrer Mutter. Diese will sie beruhigen, was aber nur mäßig funktioniert. Ich versuche, Lilas Aufmerksamkeit wieder zu gewinnen, aber sie hat den Kopf über Tinas Schulter gelegt und weint, während sie zu Nazari hinter uns blickt.
Plötzlich wird sie ruhiger. Ich drehe meinen Kopf zu Nazari, doch er steht mit ausdruckslosem Gesicht da. Lila starrt ihn immer noch an. Ein paar Tränen fließen noch, aber sie scheint von ihm fasziniert zu sein. Da sie ruhig sitzt, ergreife ich die Chance und nehme schnell ihren Arm. Bevor ich ihr das Blut abnehme, blicke ich noch mal über meine Schulter, neugierig, wie Nazari das schafft.
Diesmal erwische ich ihn dabei, wie er Grimassen zieht und muss ungewollt lächeln. In seiner Uniform und mit der Waffe um die Schulter sieht es so absurd aus, wie er jetzt den Mund verzieht, dass ich für einen Moment abgelenkt bin. Nazari bemerkt meinen Blick und zwinkert mir zu.
Ich forme meinen Mund zu einem »Danke« und er nickt kurz.
»So!«, sage ich zu Lila, die gar nicht richtig mitgekommen hat, was ich mit ihrem Arm gemacht habe. Jetzt kichert sie sogar ein bisschen.
»Schon geschafft.« Lila dreht den Kopf zu mir.
»War doch gar nicht so schlimm, oder?«
Tina bedankt sich leise und steht dann auf, um schnell aus dem Raum zu kommen. Als die Tür hinter ihnen zufällt, seufzt Abel genervt auf. »Kinder.«
Kopfschüttelnd holt er den Nächsten rein.
Noch einmal sehe ich zu Nazari, der wieder ernst ist, aber ich sehe ein leichtes Funkeln in den Augen. Er scheint ja doch vielleicht ganz nett zu sein. Ich lächle ihm nur kurz zu und drehe mich wieder nach vorne. Auch, um wieder meine roten Wangen zu verstecken. Schon beim Reinkommen habe ich gemerkt, dass er irgendwas Anziehendes hat, aber ihn gerade mit Lila zu sehen, hat den Sog noch verstärkt. Ich weiß, dass ich das auf keinen Fall zulassen darf, aber ich bin dankbar, dass es mich ablenkt.
Wieder vergeht einige Zeit, Menschen kommen und gehen. Aus allen Altersklassen und Schichten. Auch ein paar Muni sind dabei, die direkt beim Eintreten sagen, dass sie welche sind und das auch schon bekannt ist. Abel wird dann immer etwas angespannter, doch es verläuft alles ruhig.
John Smith
Nahla
Freitag, 21. August
Bei dem, der nun eintritt, weiß ich sofort, dass das keinen ruhigen Ablauf nehmen wird. Es ist ein junger Mann. Seine Augen huschen wild hin und her, nehmen Abel und Nazari in den Blick.
Er ist ein Munus. Einer, der noch nicht als ein solcher eingetragen ist.
Ich erkenne die Angst in seinen Augen. Aber auch Entschlossenheit.
Wir warten ab, was er tut, doch er setzt sich auf den Stuhl neben mich.
Sein Gesicht ist schmal und seine Frisur sieht aus, als ob er sie sich selbst geschnitten hat. Abel fragt ihn nach Namen und Geburtsdatum.
»John Smith«, erwidert er, scheinbar unbeeindruckt, aber ich sehe seine Hände zittern.
»Darf ich?«, frage ich daher leise, bevor ich ihn berühre.
John, dessen Name garantiert nicht John Smith ist, dreht den Kopf zu mir. Er mustert mich. Ich warte auf seine Antwort, will ihm zeigen, dass er zumindest darin eine eigene Entscheidung treffen kann.
Er legt den Kopf leicht schief, nickt dann aber.
Ich strecke gerade meine Hand aus, da geht es plötzlich ganz schnell. Alles, was ich in der Hand gehalten habe, fliegt mir aus den Fingern. Das Tablet von Abel wird erst zur Decke befördert und fällt dann krachend auf den Boden. Der Inhalt der Kiste fliegt uns um die Ohren. Ich ducke mich und halte die Arme schützend über den Kopf, doch irgendetwas kratzt über meine Wange und reißt die Haut auf.
»Stopp!«, ruft Abel, der eine Pistole gezogen hat und sie nun auf John richtet, der aufgesprungen ist. Alle losen Gegenstände aus dem Raum schweben um ihn herum, als wäre er das Auge eines Hurrikans. John fletscht die Zähne und lässt dann die Pistole aus Abels Fingern durch die Luft gleiten. Sie reiht sich in die Reihe der anderen Gegenstände ein. Nazari richtet aber auch die Waffe auf John. Diese ist durch den Gurt um seine Brust davon bewahrt, von John weggezogen zu werden.
»Lassen Sie es!«, fährt er John an. Nun ist auch der letzte Rest eines Lächelns aus seinem Gesicht verschwunden. Grimmig beobachtet er John.
Mit einem Mal bleiben die Gegenstände um John herum stehen. Einfach so, mitten in der Luft. Ich richte mich wieder auf, leicht fasziniert von dem Schauspiel vor mir, aber größtenteils ängstlich.
Ich habe Angst, dass John Nazari angreift. So wie er gerade aussieht, ist er kurz davor. Und Angst, dass Nazari auf John schießt.
Ich sehe, wie Abel zwar keine Waffe mehr hat, sich aber nun von hinten anschleicht, während John auf Nazari konzentriert ist. Aber dann schießen plötzlich alle Gegenstände auf Nazari zu, der die Hände und die Waffe hebt, um sich zu schützen. Abel springt vor, stürzt sich auf John, während im gleichen Moment die Tür neben Nazari aufgestoßen wird und vier Soldaten hineinstürmen.
Abel und John ringen am Boden miteinander, ich höre John wütend aufschreien, doch dann kommt Nazari auf einmal dazu und rammt John eine Art Injektionspen in die Seite. Sofort fallen alle Gegenstände zu Boden.
Die Soldaten ziehen John hoch, der ein bisschen benommen aussieht und sind im nächsten Moment wieder verschwunden. Lassen uns im Chaos zurück.
Ich starre auf die nun wieder verschlossene Tür und versuche zu begreifen, was gerade passiert ist. Ich bin mir nicht sicher, ob John einfach nur die Kontrolle verloren hat, oder uns mutwillig angegriffen hat. So oder so steckt er nun in großen Schwierigkeiten.
Ich kann nicht anders, als mir vorzustellen, wie ich es bin, die von den Soldaten angegriffen wird. Und dieser Injektionspen... Es scheint, als ob das, was auch immer da drin war, Johns Kräfte sofort ausgeschaltet hätte. Vielleicht etwas Neues aus dem Labor der Sifmo.
Abel flucht laut und schimpft auf John, während er sein Tablet hochhebt und erneut flucht. »Verdammt, ich brauche ein neues. Bin gleich wieder da.« Und schon ist er ebenfalls aus dem Raum.
Ich bleibe mit Officer Nazari allein zurück. Dieser kommt nun langsam näher zu mir. Ich bin von meinem Stuhl aufgestanden, keine Ahnung wann, und trete nun einen winzigen Schritt zurück, als Nazari auf mich zugeht.
Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Mit Lila kam er mir viel freundlicher vor. Aber mit John...
»Alles okay?«, fragt er mich nun und hebt die Hand. Ich brauche meine ganze Selbstbeherrschung, um nicht zurückzuzucken.
Nazaris Daumen wischt ein bisschen Blut von meiner Wange und ich erinnere mich, dass mich irgendwas erwischt hat.
Als ich nicht reagiere, zieht mich Nazari sanft zu einer Bank, sammelt sich Desinfektionszeug und Pflaster zusammen und kommt dann wieder zu mir. Er setzt sich neben mich, die Waffe auf den Rücken geschoben und sieht sich die Wunde an. »Ich weiß zwar nicht so viel wie du über so etwas, aber ich denke, das kriege ich noch hin«, sagt er leise, schmunzelnd. »Ist nicht tief, ich denke nicht, dass es genäht werden muss.«
Er sprüht Desinfektionsmittel auf einen Wattebausch und wischt damit über die Wunde. Währenddessen beobachte ich sein Gesicht. Immer, wenn seine Finger meine Haut berühren, durchfahren mich kleine Stromstöße. Und seine blaue Iris bringt mich vollkommen durcheinander.
Ich muss mich räuspern, bevor ich frage: »Was passiert jetzt mit ihm?«
Nazari zuckt die Schultern. »Er wird ins Sifmo-Gebäude gebracht, da wird er erst mal befragt. Er schien seine Kräfte nicht richtig unter Kontrolle zu haben, deshalb gehe ich davon aus, dass er in eine der Schulen kommt.«
»Können sie ihm da helfen?«, frage ich leise.
Nazari nickt. »Ja, dafür sind sie ja ausgelegt.«
Ich kann wohl meinen skeptischen Blick nicht ganz vor ihm verbergen, denn er fügt hinzu: »Es ist wirklich nicht schlimm dort. Ich war selbst schon ein paar Mal da, zu Besuch.«
»Ehrlich?«, frage ich überrascht.
»Von der Arbeit aus.«
Was mich wieder daran erinnert, wer er ist. Dass ich ja eigentlich unbedingt verhindern muss, selbst in so eine Schule zu kommen. Ich glaube ihm nicht, dass es da nicht so schlimm ist. Immerhin ist er selbst kein Munus, sonst würde er nicht für die Sifmo arbeiten.
Nazari klebt mir ein schmales Pflaster auf die Wange.
»Danke...«, murmle ich und senke den Blick.
Doch er hält mir die Hand hin. »Firas.«
Ich ergreife sie zögernd. »Nahla«, antworte ich, obwohl er das schon weiß.
»Bist du sonst noch verletzt, Nahla?«
Ich schüttle den Kopf. Und frage aus Gewohnheit: »Und du?«
Seine Lippen verziehen sich zu einem leichten Lächeln. »Nein, alles okay. Da braucht es noch ein bisschen mehr. Lass uns wieder ein bisschen Ordnung machen, bis Abel wiederkommt.«
Ich nicke und wir sammeln alles wieder in die Kiste. Wir reden nicht mehr, doch die gemeinsame Tätigkeit nimmt mir wieder ein bisschen die Angst.
Ich lege gerade wieder die letzte Ampulle in die Kiste, als Abel reinkommt. Er sagt nichts dazu, dass wir aufgeräumt haben. Er sagt auch nichts dazu, was gerade passiert ist, sondern holt schweigend den Nächsten rein.
Stunden vergehen. Aber es passiert nicht mehr viel.
Die Blutprobe
Nahla
Freitag, 21. August
Es muss schon später Abend sein.
Abel wird immer ungeduldiger und gereizter. Auch ich bin müde, versuche aber, es nicht an den Leuten auszulassen. Irgendwann kommt der Letzte durch die Tür. Nachdem er gegangen ist, lässt sich Abel auf eine Bank sinken.
»Waren das alle?«, frage ich ihn leise.
Er nickt. »Für hier schon. Die, die nicht gekommen sind, werden heute Nacht durch die Sifmo aufgespürt. Aber ansonsten sollte jeder registriert sein.«
Krass. Ich finde die Vorstellung unglaublich, dass sich das ganze Land innerhalb eines Tages eingetragen hat. Eingetragen wurde.
Ich frage mich, wie lange sie das schon geplant haben. Das muss logistisch eine unglaubliche Herausforderung sein.
Gleichzeitig geht mir Abels Satz nicht mehr aus dem Kopf: ...werden heute Nacht durch die Sifmo aufgespürt.
Ich weiß nicht, was besser ist: zu versuchen, mein Blut nicht abzugeben und dafür heute Nacht schon die Verfolgung durch die Sifmo in Kauf zu nehmen, oder jetzt noch mein Blut abzugeben, damit ich wenigstens einen Vorsprung habe.
Bis sie es ausgewertet haben, können noch Tage vergehen. Aber... sie hätten dann mein Blut. Würden sehen können, wie abnormal ich bin. Würden sie mich dann nicht noch vehementer jagen?
Verdammt, ich weiß nicht, was ich tun soll. Panik steigt wieder in mir hoch.
Was soll ich tun?
Abel sieht zu mir, wie ich etwas verloren auf dem Stuhl sitze und fragt: »Bist du eigentlich schon getestet worden?«
Ich habe zu lange gewartet.
Ich starre ihn an. Wenn ich ja sage, ist die Gefahr groß, dass er nachguckt und sieht, dass ich gelogen habe. Was mich echt in Schwierigkeiten bringen würde.
Ich traue mich nicht.
Also muss es Plan B werden. Ich schalte wieder auf Schauspielerin und schlage mir die Hand vor die Stirn. »Da habe ich das den ganzen Tag gemacht und vergesse mich selbst.«
Abel lacht. »War ein langer Tag. Macht ihr beiden das noch eben? Dann gehe ich schon mal. Bin echt fertig.«
Ohne auf eine Antwort zu warten, steht er auf und geht aus dem Raum. Wieder bleibe ich mit Firas alleine zurück. Theoretisch bleibt mir immer noch die Chance, ihn zu überwältigen. Aber dann müsste ich meine Gabe einsetzen. Und ich habe mir geschworen, sie nie wieder dafür einzusetzen, jemandem zu schaden. Und ohne komme ich niemals gegen ihn an. Ich würde auch nicht weit kommen.
Mir bleibt nur noch, heute Nacht zu verschwinden. Ich muss das hier hinter mich bringen und nach Hause gehen.
Firas legt seine Waffe weg und kommt zu mir. Auch in seinen Augen steht Müdigkeit, aber er lässt sich davon nicht einnehmen. Er nimmt sich Abels Tablet, setzt sich auf den Stuhl neben mich und tippt darauf herum.
Dann dreht er den Kopf zu mir und lächelt. »Also. Nahla Moore. Wann hast du Geburtstag?«
Ich muss mich auf seine dunkle Stimme konzentrieren, um nicht verrückt zu werden. Ich will ihm meine Daten nicht geben. Ich will ihm gar nichts von mir geben. Nicht der Sifmo.
Ich versuche, alles um uns herum auszublenden, auch das Sifmo-Zeichen auf seiner Uniform. Ich versuche, nur Firas zu sehen.
Ich gebe ihm mein Geburtsdatum und meine Adresse durch.
Dann sieht er mich vorsichtig an und zeigt auf meinen Arm. »Soll ich?«
»Ähm«, mache ich, »Nimm das bitte nicht persönlich, aber ich glaube, das mache ich lieber selber.« Bei mir weiß ich zumindest, dass es nicht wehtun wird. Firas hat garantiert keine Übung darin.
Er lacht leise. »Ist wahrscheinlich besser so.«
Er hilft mir noch dabei, das Band um meinen Oberarm zu schließen und gibt mir die Ampulle zum Abfüllen an.
»Du kannst gut mit Menschen«, sagt Firas leise, während er mir dabei zusieht. Ich blicke hoch.
»Du konntest auch gut mit den Muni«, fügt er hinzu. Aber ich höre kein Misstrauen in seiner Stimme.
Ich zucke die Achseln. »Sie sind besorgt. Haben Angst, dass man sie anders ansieht, nur weil sie eine Gabe haben.«
»Aber das tust du nicht«, stellt er fest.
Wir bewegen uns trotz seines ungezwungenen Tonfalls auf dünnem Eis.
»Nein, ich meine... Es ist genetisch veranlagt. Da können sie nichts für. Sozusagen.«
Um ein bisschen von mir abzulenken, sage ich: »Genetik finde ich total spannend, wir hatten mal eine ganze Vorlesung dazu. Auch zur Genetik der Muni.«
Für die einzelnen Gaben gibt es spezielle Gene, die diese definieren. Diese werden auch durch den Bluttest geprüft. Ich habe meine selbst nie näher untersucht, auch nicht im Studium, wo ich die Möglichkeit dazu hatte, da ich zu viel Angst gehabt habe, dass ich Spuren hinterlasse. Aber ich bin mir sicher, dass bei mir einiges anders ist.
Ich kann weder durch meine Gedanken Dinge bewegen, also... nicht so richtig. Ich beherrsche keines der Elemente, bin weder stark noch schnell und kann keine Gedanken lesen oder beeinflussen.
Aber was ich kann, ist, den Körper eines anderen Menschen zu beeinflussen. Wenn ich meine Gabe ausstrecke, wenn ich einen anderen Menschen berühre und meine Gabe hervorhole, kann ich seinen Körper... fühlen. Beinahe jede einzelne Zelle. Ich kann dem Blut in seinen Adern folgen. Und ich kann alles beeinflussen. Ich kann Knochen heilen lassen, Venen zusammenschließen, Muskelfasern zusammenwachsen lassen. Ich kann ein Herz dazu auffordern, wieder zu schlagen. Ich kann alles heilen, was kaputt ist. Deshalb studiere ich Medizin. Um zu verstehen, was im Körper abläuft, wie was zusammenhängt, um es dann wieder in Ordnung zu bringen.
In meinen Praxisphasen im Krankenhaus konnte ich schon vielen das Leben dadurch retten. Ich darf es nie auffällig machen. Wenn jemand plötzlich vom Krebs geheilt wird, bekommt das viel zu viel Aufmerksamkeit. Aber ich kann dafür sorgen, dass die Metastasen verschwinden, scheinbar durch die Bestrahlung, nach und nach.
Ich kann einem Unfallopfer die schlimmsten Verletzungen heilen, sodass er alle anderen überleben wird. Ich kann das alles auch bei mir. Theoretisch hätte ich den Schnitt an meiner Wange sofort selbst schließen können, aber das hätte nur Fragen aufgeworfen.
Doch das hat alles eine Schattenseite. Denn ich kann das alles auch verursachen. Ich kann alles Leben, was ich jemandem schenke, auch wieder nehmen. Ich brauche nur eine Berührung und schon kann ich sein Herz zum Stehenbleiben zwingen. Oder seine Adern reißen lassen. Seine Knochen brechen.
Als ich zehn war, habe ich das herausgefunden. Ich habe mich mit einem Mädchen aus der Schule, das bei uns in der Nachbarschaft gewohnt hat, heftig gestritten. Ich weiß noch nicht mal mehr, worum es ging. Nur, dass sie mir an den Haaren zog und ich unglaublich wütend auf sie war. Ich griff nach ihrem Arm und stellte mir nur für einen Augenblick vor, wie es ist, wenn der Knochen unter mir brechen würde. Und genau das tat er.
Ich höre dieses Geräusch manchmal immer noch in meinen Albträumen. Alle dachten, ich hätte das Mädchen so fest geschlagen oder geschubst, dass sie sich den Arm gebrochen hat. Nur Felix und meine Eltern wussten, was wirklich passiert war.
Ich bin sofort nach Hause gelaufen und habe mich erst mal übergeben, bis mein Magen vollkommen leer war. Felix hat mich irgendwann auf dem Badezimmerboden gefunden, nur noch ein Häufchen Elend.
Unter vielen Tränen habe ich ihm gestanden, was passiert ist. Er wollte mich in den Arm nehmen, mich trösten, doch ich habe ihn weggestoßen. Ich hatte Angst, ihm auch noch wehzutun.
Er hat unsere Eltern dazu geholt und wir haben lange miteinander geredet. Sie haben mir versichert, dass sie mich nicht als das Monster sehen, von dem ich zu dem Zeitpunkt dachte, dass ich es wäre. Sie haben es praktisch betrachtet und mir gesagt, dass ich das als Ansporn nutzen soll, um meine Gabe in den Griff zu kriegen. Ich muss sie perfektionieren, damit ich die Kontrolle über sie habe. Um wirklich darüber entscheiden zu können, was ich damit erreiche.
Sie wussten schon von klein an, dass ich eine besondere Gabe besitze, dass ich mich und andere heilen kann. Aber seitdem kannten wir auch den Umfang meiner Gabe. Und es wurde umso wichtiger, dass niemand davon erfährt.
Und so tat ich es. Felix war währenddessen immer an meiner Seite und half mir, soweit es ihm möglich war. Nur leider konnte ich meine Eltern nicht retten, da sie starben, als ich nicht bei ihnen war.
Mit zwölf hatte ich jedes medizinische Fachbuch aus der Bibliothek gelesen und auswendig gelernt, das es dort gab. Ich schwor mir, meine Gabe nur noch für Gutes einzusetzen. Ärztin zu werden und Leben zu retten.
Ich bin vorsichtig in Berührungen anderer Menschen geworden, doch mittlerweile kann ich die Gabe ein- und ausschalten, wie ich will.
Seit diesem Tag vor fünfzehn Jahren habe ich jeden Tag geübt. Ich habe sie perfektioniert. Und ich habe mich darin perfektioniert, es niemanden herausfinden zu lassen.
Ich musste mich auch einige Male im Studium zusammenreißen, gerade am Anfang, damit niemand den Umfang meiner Kenntnisse erfuhr, die ich mir schon in den Jahren zuvor angeeignet habe, um alles zu verstehen.
Und mit dem theoretischen Wissen und der Praxis aus dem Krankenhaus, verstehe ich nun auch wirklich, was ich wie tun muss und wie ich was beeinflussen kann. Und was ich wirklich alles mit einem Körper anstellen kann.
Zu Anfang war es eher, wie im Nebel herumzustochern. Doch heute sehe ich alles klar. Ich weiß was ich tue. Ich bin gut darin.
Trotzdem gab es ein paar Fälle, da konnte selbst ich nicht mehr helfen. Unfälle, die menschliche Körper so dermaßen zerstört haben, dass ich nicht mehr die Zeit hatte, alles Lebensgefährliche aus dem Weg zu räumen.
Manche, um genau zu sein: drei Menschen, sind unter meinen Händen gestorben, bevor ich sie retten konnte. Was mich nur noch mehr ermutigt hat, noch besser zu werden. Schneller. Kräftiger. Denn das alles verbraucht auch meine Kraft. Es ist anstrengend für mich und je nach Umfang muss ich mich danach erst mal schlafen legen. Doch ich merke, wie ich, langsam aber sicher, immer mehr schaffe. Und mit jeder Vorlesung verstehe ich mehr und kann mehr Abläufe beeinflussen.
Ich hatte gehofft, im Krankenhaus als Ärztin Leben zu retten. Jedes, das mir in die Finger kommt.
Aber seit heute sieht es nicht mehr so aus, als ob das möglich wäre.
Ich muss hier weg. Untertauchen. Vielleicht außer Landes. Irgendwohin, wo man als Munus frei leben kann.
Ich zögere kurz. Gebe dann Firas aber die Ampulle mit meinem Blut.
Er beschriftet sie und scannt sie ein. Dann lächelt er mich an. »So, geschafft.«
Aber zu welchem Preis?
Abendessen
Nahla
Freitag, 21. August
»Soll ich dich noch nach Hause fahren?«
Ich bin gerade dabei, den Ärmel meines Pullis herunterzukrempeln, als ich bei Firas‘ Worten überrascht innehalte.
»Ich muss eh in die Richtung und bin mit dem Auto da.«
Langsamer rolle ich den Ärmel hinunter, bevor ich antworte.
Das ist mein vorerst letzter friedlicher Abend... Und mit der U-Bahn würde es viel länger dauern.
Also scheiß drauf.
»Das wäre klasse. Aber nur, wenn es dir keine Umstände macht.«
»Nein, gar nicht. Ich muss nur noch schnell nach hinten. Ich bin gleich wieder da.« Firas packt die letzte Kiste mit den Blutproben, in die er auch meine und das Tablet legt und geht mit ihr durch die hintere Tür.
Ich bleibe allein in der Stille zurück.
Ich reibe mir mit den Händen über mein Gesicht.
Verdammt. Verdammt. Verdammt! Mein Blut wird in die Datenbank kommen. Sie werden sehen, dass es eine neue Gruppe von Gaben gibt. Aber... vielleicht bin ich gar nicht die Einzige. Vielleicht... bin ich nicht allein daran schuld.
Nur daran, dass sie mir mein Zuhause nehmen werden.
Morgen wird sich mein ganzes Leben ändern. Ab morgen wird nichts mehr so sein wie gestern.
Und davor habe ich eine verdammt große Angst.
Firas kehrt nach ein paar Minuten zurück und hält mir die Tür auf.
»Die meisten sind schon nach Hause«, erklärt er mir und führt mich durch die Stille des beinahe verlassenen Stadions hinaus in die noch stillere Nacht.
Er hält seine Weste und die Waffe lässig in seiner Hand, als wären sie Einkaufstaschen. Doch es hilft mir, ihn nur in T-Shirt zu sehen. Es macht ihn nahbarer.
»Abel meinte, die Sifmo wäre heute Nacht noch unterwegs... Musst du auch?«, frage ich, den Blick Richtung Boden gerichtet, während wir zum Parkplatz laufen.
»Ja, aber erst in ein paar Stunden. Ich kann erst mal nach Hause, etwas essen und mich ein bisschen ausruhen.«
Firas ist vor einem großen, schwarzen Auto stehen geblieben und schließt es auf. Die Waffe und die Weste wirft er in den Kofferraum. Dabei sehe ich jedoch, dass er noch eine Pistole hinten in die Hose gesteckt hat.
Gottverdammt, was tue ich hier eigentlich?
Ich hätte Nein sagen sollen. Die U-Bahn nehmen.
Das hier ist ein Sifmo-Soldat. Er würde... Keine Ahnung, was er machen würde, wenn er jetzt sofort meine Blutwerte bekäme.
Aber... heute Nacht hat er sie nicht. Und heute Nacht ist die letzte, in der ich mit ihm überhaupt in einem Auto sitzen kann. Ich kann gerade sowieso nichts anderes machen.
Also kann ich genauso gut so tun, als ob alles in Ordnung ist und mich von einem netten, wirklich gut aussehenden Mann nach Hause fahren zu lassen.
Nur zwanzig Minuten. Bis ich zu Hause bin, wo ich alle meine Sachen packen werde und dann... weiß ich auch noch nicht.
Erst mal zu Felix. Er wird mir helfen.
Entschlossen packe ich den Griff der Autotür und setze mich auf den Beifahrersitz. Zwanzig Minuten.
Ich habe unterschätzt, wie eng man in einem Auto nebeneinandersitzt. Firas hat recht breite Schultern und unsere Ellbogen würden sich treffen, wenn ich meine ein bisschen ausstrecken würde. Seine Präsenz nimmt das ganze Auto ein. Ich werde wieder nervös.
Aber eher... aufgeregt nervös.
Firas startet den Motor und lenkt das Auto vom Parkplatz.
»Meinst du, die REX werden noch irgendwas unternehmen?«, frage ich ihn.
»Ich hoffe nicht, aber realistisch betrachtet, ja, denke ich schon. Aber lass uns nicht über so etwas Schweres reden. Erzähl mir lieber, wieso du Ärztin werden willst.«
Ich lehne meinen Kopf gegen die Nackenstütze und blicke nach draußen.
»Schätze, aus demselben Grund wie alle anderen auch: um Leben zu retten.«
»Das ist zumindest kein schlechter Grund«, meint Firas mit einem Lächeln in der Stimme. Er wirkt nicht nur nahbarer, sondern auch entspannter.
Er sieht kurz zu mir hinüber. »Hast du Hunger?«
Ich will erst verneinen, doch mein Bauch macht mir einen Strich durch die Rechnung. Er brummelt laut. Um ehrlich zu sein, verhungere ich fast.
Firas lacht. »Das beantwortet meine Frage. Ich auch. Hast du was dagegen, wenn wir uns im Diner was holen?«
Warum eigentlich nicht? Außerdem werde ich zu Hause wohl nicht mehr viel Zeit haben zu kochen. Mir graut es davor, wie lang die Nacht noch für mich wird.
»Gerne«, antworte ich also. Firas nickt und biegt in eine Straße ab.
Kurze Zeit später hält er in einem Drive-In. Wir bestellen uns Burger und Pommes. Firas besteht darauf, für mich zu bezahlen, was meine Wangen wieder rot anlaufen lässt und gibt mir dann die warmen Tüten, als unsere Bestellung kommt.
Er fährt auf einen nahe gelegenen Parkplatz. Der Duft des Essens lässt meinen Bauch wieder knurren.
Jetzt muss ich ebenfalls leise lachen. »Wird wohl höchste Zeit.«
Ich reiche Firas sein Essen und lehne mich gegen die Tür. Firas ebenso, sodass wir uns gegenübersitzen. Ohne noch groß zu zögern, beißt er sofort in seinen Burger und stöhnt leise. »Das habe ich mir schon seit Stunden vorgestellt.«
Wieder muss ich lachen. Unsere Blicke treffen sich kurz, doch ich sehe schnell weg.
»Kanntest du Abel eigentlich vorher?«, frage ich ihn.
Firas wiegt den Kopf hin und her. »Kennen ja, aber...«
»Du magst ihn nicht«, stelle ich überrascht fest.
Firas zuckt die Achseln. »Sagen wir, er ist mir manchmal zu forsch in seiner Art. Denkt oft nicht lang genug nach.«
Zu forsch? Ich denke daran, wie Firas sich auf John gestürzt hat...
Nein. Keine gute Idee. Den Gedanken verdränge ich schnell wieder.
»Was machst du sonst so, wenn du keine Leben rettest oder Blut abnimmst?«, fragt Firas mich nach einigen weiteren Bissen. Er hat schon fast seinen ganzen Burger aufgegessen, während ich noch nicht einmal die Hälfte geschafft habe.
Ich kaue schnell zu Ende und antworte dann: »Nicht viel, um ehrlich zu sein. Lesen, mich von meinem Bruder ärgern lassen, manchmal mit Freunden treffen. So etwas halt.«
»Älter oder jünger? Dein Bruder?«
»Älter.« Sie werden sowieso herausfinden, wer er ist. »Wir teilen uns eine Wohnung, weil ich die Miete noch nicht während des Studiums selbst stemmen kann. Und du? Hast du Geschwister?«
»Nein. Wobei, ich habe meine Einheit. Und glaub mir, die können nerven wie Geschwister. Zählt das auch?« Er grinst mich an.
»Zählt«, lächle ich zurück. »Was... genau macht ihr denn so?«
»Oh, dies und das. Generell gesagt, sorgen wir für Frieden zwischen den Muni und den NMs.«
»Bist du schon mal Leuten von REX begegnet?«
Er nickt und wird ernst. »Ja. Mit denen ist echt nicht zu spaßen. Und es ist... teilweise schwierig gegen Muni anzukommen, wenn man selbst keine Gaben hat. Aber wir haben zumindest Möglichkeiten, damit klarzukommen. Das Ungleichgewicht in Waage zu halten. Aber wenn ich mir vorstelle, dass NMs ohne spezielle Ausbildung oder Waffen dagegen ankommen müssen...«
»Ja«, gebe ich zu und blicke aus der Windschutzscheibe, »Gaben können gut sein, wenn man sie für etwas Positives nutzt. Sie können aber auch viel zerstören.«
Ich bemerke seinen musternden Blick auf mir, doch ich ignoriere ihn und versuche, das Thema zu wechseln.
»Wenn du dir etwas aussuchen könntest...?«, frage ich ihn und interessiere mich wirklich für seine Antwort, »Welche Gabe würdest du dir wünschen? Jetzt abgesehen davon, dass du ein Munus wärst... Wenn alles drum herum nicht wäre, was findest du am coolsten?«
Firas lacht und überlegt. »Am coolsten, ja?«
Er kratzt sich am Kopf. Ich bin überrascht, dass er auf mein Spiel eingeht.
»Mal sehen... Gedankenlesen fällt raus. Ich will gar nicht wissen, was andere so alles denken. Mir reicht ja schon das, was sie sagen...«
Ich brumme zustimmend.
»Gegenstände durch Gedankenkraft bewegen, kann ganz praktisch sein. Aber cool ist es jetzt nicht so sehr.«
Das bringt mich zum Lachen.
»Gedankenmanipulieren fände ich auch nicht super. Ich meine, alle um dich herum hätten immer Angst, dass sie einen nur mögen, weil man das so will. Nein. Ich glaube... Stärke oder Schnelligkeit. Und du?«
»Hm... ich weiß nicht. Alles hat so seine Vor- und Nachteile.« Ohne ihm eine richtige Antwort zu geben, frage ich: »Meinst du... dass das alles ist? An dem, was möglich ist?«
»Du meinst, ob es noch mehr Gaben gibt?«
Ich nicke. »Oder zumindest möglich wären.«
Er zuckt die Achseln. »Du bist doch diejenige, die Genetik studiert. Glaubst du, es ist möglich?«
Ich betrachte eine Pommes zwischen meinen Fingern. »Theoretisch gibt es ja beinahe unendlich viele Möglichkeiten die Basenpaare miteinander zu kombinieren. Ich frage mich, warum es nur die bekannten Variationen gibt.«
Vielleicht habe ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Aber ich will Firas besser einschätzen lernen.
»Nun, wir wissen ja nicht, was diese veränderten Gene hervorgerufen hat. Noch nicht mal, wie genau sie wirken. Mutter Natur hatte bestimmt etwas im Sinn, nur diese Kombinationen zuzulassen. Vielleicht, weil alles andere zu mächtig ist.«
Ich denke an gebrochene Knochen.
»Ja, vielleicht«, stimme ich leise zu.
Wir essen beide eine Weile schweigend, bis wir fertig sind. Dann fährt Firas wieder auf die Hauptstraße. Am Anfang wechseln wir noch ein paar Sätze, aber dann schweigen wir. Doch es ist ein angenehmes Schweigen.
Ich drehe meinen Kopf und betrachte sein Profil, das vom orangefarbenen Licht der Straßenlaternen angeleuchtet wird. Irgendwie kann ich ihn jetzt noch schlechter einschätzen als vorher. Er entspricht so gar nicht dem Bild, was ich von einem Sifmo-Soldaten im Kopf hatte.
Viel zu schnell hält er vor dem Haus, in dem Felix‘ und meine Wohnung liegt. Doch ich steige nicht sofort aus. Ich will nicht aussteigen. Hier drin ist noch alles gut. Wenn ich aussteige, ist das Nächste, was ich tue, meine Sachen packen. Und momentan fühle ich mich viel wohler hier bei Firas. Obwohl er von der Sifmo ist.
Er dreht nun ebenfalls den Kopf zu mir und sieht mich an.
»Das...«, fängt er leise an und stellt den Motor aus. »...muss nicht der letzte Abend gewesen sein, an dem wir zusammen essen waren«, fährt er vorsichtig fort.
Vor Überraschung reiße ich leicht die Augen auf.
Hat er mich gerade ausgefragt?
Mein Herz pocht laut in meiner Brust.
Ich muss meine Tränen zurückhalten.
Wäre das ein anderer Abend... Würde ich eine andere sein...
...hätte ich sofort zugesagt. Ohne zu Zögern.
Ich schließe kurz die Augen und stelle es mir vor. Wie ich nach oben gehe, mich ins Bett lege und morgen früh wieder aufstehe. Wie ich mich mit Firas verabrede und wir einen weiteren Abend zusammen verbringen. Wie wir uns näherkommen...
Wie sehr ich mir das im Moment wünsche.
»Du musst nicht...«, rudert Firas ein wenig zurück.
