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In unserem Land gibt es eine immer grössere Tendenz, Hierarchien zwischen Schweizerinnen und Schweizern herzustellen. Man schafft künstliche Kategorien und versucht, sie gegeneinander auszuspielen: die ‹richtigen› Schweizer gegen die ‹Papierlischweizer›. Die, die ‹legitim› sind. Und die anderen, die ‹Eingebürgerten›. Ada Marra, Parlamentarierin und eingebürgerte Migrantentochter, bringt die Leser dazu, ihre eigene Antwort auf die Frage «Was heisst es, Schweizer zu sein?» zu geben. Marra plädiert dafür, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, Schweizer zu sein – und dass sie alle statthaft sind. Gerade auch dann, wenn man zusätzlich ein anderes Land liebt. Der Essay erzählt von Zugehörigkeit und Identität, von Gefühlen und Verstand. Marras Text überzeugt durch Klarheit der Analyse und durch die Schilderung ihrer persönlichen Geschichte. Es wird deutlich: Marra ist Schweizerin und sie hat eine Geschichte, die sich in die Geschichten tausender Migrantenkinder der Schweiz einreiht.
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Seitenzahl: 47
Veröffentlichungsjahr: 2019
ADA MARRA
AB WANN IST MAN VON HIER?
Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
© 2019 Zytglogge Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung aus dem Französischen: Olga Baranova
e-Book: mbassador GmbH, Basel
epub 978-3-7296-2264-7
mobi 978-3-7296-2265-4
www.zytglogge.ch
Ada Marra
ABWANNISTMANVONHIER?
Über die 8 484 100 Möglichkeiten,Schweizer/in zu sein
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Die Identität aus institutioneller Sicht
Kriterien für das Einbürgerungsgesuch
Was ist Integration?
Ab wann ist man von hier?
Die Kinder tragen keine Verantwortung für die Migrationsgeschichte ihrer Eltern
Von der Freiheit zu lieben und seine Liebe zu verkünden
Möge der Bessere gewinnen
Der Bund und das Gefühl, Schweizer/in zu sein
Pluriidentität und der Facettenreichtum der Zugehörigkeit
Epilog
NachwortAnerkennung als Vorbedingung von Integration
Danksagung
Chronologie der jüngsten Abstimmungen über die Einbürgerung
Für meine Familie in der Schweiz,für meine Familie in Italien.
Vorwort
Jeder Mensch, der in der Schweiz geboren oder aufgewachsen ist, kennt das. Man ist im Ausland in den Ferien oder auf einer Geschäftsreise und stolpert in irgendeiner Einkaufspassage über ein «Swiss House» oder einen «Swiss Corner» oder so ähnlich. Diese Dinger sehen im Wesentlichen immer gleich aus: Chalet, Käse, Alpen, Schokolade, Heidi und Alphorn. Ich zumindest reagiere meist leicht betreten und etwas unsicher. Natürlich freut man sich ja, wenn die Menschen überall auf der Welt offenbar positive Emotionen mit seinem Heimatland verbinden. Andererseits schwingt immer auch die Gewissheit mit, dass diese Bilder wenig mit dem real existierenden Land zu tun haben, in dem ich aufgewachsen bin.
Natürlich gehört diese ganze Inszenierung zu einer völlig legitimen Verkaufsstrategie des Schweizer Tourismus. Sie spiegelt aber, so scheint mir, auch eine fundamentale Identitätskrise unseres Landes wider. Eine Krise, die spätestens in den 1990er-Jahren beginnt. Bis dahin gab es hierzulande bei allen Differenzen eine geteilte Gewissheit: Mit dem Rest der Welt hat die Insel der Glückseligen zwischen Genfer See und Konstanz nichts zu tun. Dann bricht die Wirtschaftskrise und mit ihr die Massenarbeitslosigkeit über das Land herein, das EWR-Nein 1992 reisst neue Gräben auf, und der undenkbare Untergang der Swissair erschüttert das Selbstverständnis einer ganzen Generation.
Anstatt das eigene Selbstbild der neuen, europäischen und globalisierten Realität anzupassen, passiert in der Schweiz aber das Gegenteil: Das manchmal hysterisch anmutende Festklammern an Identitätsvorstellungen einer untergegangenen Schweiz, in der alles noch in Ordnung war. Einer Schweiz, wie sie nie war. Dieser Konflikt wird nicht zuletzt immer und immer wieder über die Frage des Bürgerinnen- und Bürgerrechts ausgetragen. Zunehmend, so scheint es, projizieren Politik, Medien und Teile der Bevölkerung die Vorstellung des idealen Schweizers, der idealen Schweizerin, auf die Neuankommenden. Sie sollen noch im Metzger im Dorf einkaufen, wenn wir es schon nicht mehr tun. Sie sollen auf der Alp Ferien machen, wenn wir schon Pauschalreisen buchen. Sie sollen die Vereine aus der Personalnot retten, um zu beweisen, dass sie integriert sind, wenn wir es schon nicht tun. Sie sollen gefälligst alle fünfzehn Regionaldialekte akzentfrei sprechen, wenn wir schon zwischen Romands und Deutschschweizern Englisch sprechen.
Die Revision des Bürgerrechts reisst das Paradox weiter auf: Während sich die Gesellschaft immer stärker pluralisiert und die multiplen Zugehörigkeiten längst zur Alltagsrealität geworden sind, wird der rote Pass zum neuen heiligen Gral. Bis vor Kurzem galt die Debatte um das Bürgerrecht für die Linke als verloren. Als Ada Marra ihre parlamentarische Initiative für eine erleichterte Einbürgerung der dritten Generation einreichte, hielten das eigentlich alle für einen weitgehend symbolischen Akt. Acht Jahre später sagt das Volk so deutlich Ja zur erleichterten Einbürgerung, dass klar wird: Die Menschen haben die parlamentarische Bubble in Bern längst überholt. Wir lagen alle falsch, Ada nicht.
Mit dieser Volksabstimmung beginnt – hoffentlich – ein neuer Zyklus in der Debatte zur Frage, was die Schweiz eigentlich ausmacht. Ada Marra leistet mit der vorliegenden Schrift einen Anstoss dazu. Einen Anstoss dazu, die hysterischen Debatten hinter sich zu lassen und die Institutionen und Gesetze dieses Landes den Realitäten der Menschen, die hier leben, anzupassen. Bleibt nur zu hoffen, dass sie wieder recht behalten wird.
Cédric Wermuth, Nationalrat, im Dezember 2018
Einleitung
«Für eine Italienerin sprichst du aber gut Französisch!»
Dieser Satz war eine Enttarnung. Ich bin 1973 in Lausanne zur Welt gekommen, als Tochter italienischer Arbeiter. Meine Eltern sind Anfang der Sechzigerjahre in die Schweiz gekommen, wo ich in Paudex und Pully die Schule besucht und in Lausanne studiert habe. Während meiner Schulzeit habe ich mehrere Auszeichnungen im Fach Französisch erhalten. Ich habe den Kanton Waadt sozusagen nie verlassen. All dies sollte aus mir eine vorbildliche Waadtländerin machen.
Sollte.
Denn ich habe einen Vornamen. Und dieser heisst «Ada», das Diminutiv von «Addolorata». Übersetzt bedeutet das: «Maria, die am Fusse des Kreuzes ihren Sohn sterben sieht». Oder auch: «die Schmerzerfüllte». Deshalb nennt man alle Addolorata in Süditalien gern beim Kosenamen: Ada.
Zu meiner Zeit als Waadtländer Grossrätin weckte dieser Vorname die Neugier eines Parlamentskollegen. Eines Tages fragte er mich wohlwollend: «Ada – woher kommt dieser Vorname?». Ich wusste, dass er die Frage nur stellte, um mich besser kennenzulernen. Also sagte ich ihm, dass Ada ein Kosename für Addolorata ist und dass meine Eltern aus Italien kämen. Worauf er spontan ausrief: «Für eine Italienerin1 sprichst du aber gut Französisch!»
Auf einmal war ich bestürzt, konsterniert und etwas wütend.
