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Kerstin Hensel ist eine der wichtigsten ostdeutschen Stimmen der Literatur.
Kerstin Hensel erzählt etwas andere Familien- und Lebensgeschichten aus Ost und West, die von falscher Moral, Spießertum und Anpassung handeln - und von zerplatzten Lebensträumen. Zwei berührende Erzählungen voller Poesie und hintergründiger Ironie. »Eine der außergewöhnlichsten Schriftstellerinnen Deutschlands.« dpa
Karin und Wolf Kohlmann sind ein Geschwisterpaar, das Ende der 1960er-Jahre in der DDR aufwächst, in einer mitteldeutschen Chemiestadt. Wolf will nichts wie weg. Nach dem Dienst in der Volksmarine macht er als Kameramann und Fotograf in der Hauptstadt Karriere. Doch wird er von seiner Schwester Karin immer wieder gezwungen, nach Hause zurückzukehren - in die Enge der Plattenbausiedlung, in die vermeintlich heile Welt ihrer Kindheit. Oder Tillandsia Grütz. Eine junge Frau, die in der ersten Minute des Jahres 2000 geboren wurde – mit einem außergewöhnlichen analytischen Verstand. Ein Nerd-Girl, das in seiner eigenen Welt lebt. Ebenso bewundert wie einsam. Schon als Kind aber beschäftigt sie eine scheinbar merkwürdige Frage: Wie kommt es, dass sie nicht in der Lage ist zu gähnen, wo ihr doch alles andere in den Schoß fällt?
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2026
Kerstin Hensel erzählt etwas andere Familien- und Lebensgeschichten aus Ost und West, die von falscher Moral, Spießertum und Anpassung handeln – und von zerplatzten Lebensträumen. Zwei berührende Erzählungen voller Poesie und hintergründiger Ironie.
Karin und Wolf Kohlmann sind ein Geschwisterpaar, das Ende der 1960er-Jahre in der DDR aufwächst, in einer mitteldeutschen Chemiestadt. Wolf will nichts wie weg. Nach dem Dienst in der Volksmarine macht er als Kameramann und Fotograf in der Hauptstadt Karriere. Doch wird er von seiner Schwester Karin immer wieder gezwungen, nach Hause zurückzukehren – in die Enge der Plattenbausiedlung, in die vermeintlich heile Welt ihrer Kindheit.
Oder Tillandsia Grütz. Eine junge Frau, die in der ersten Minute des Jahres 2000 geboren wurde – mit einem außergewöhnlichen analytischen Verstand. Ein Nerd-Girl, das in seiner eigenen Welt lebt. Ebenso bewundert wie einsam. Schon als Kind aber beschäftigt sie eine scheinbar merkwürdige Frage: Wie kommt es, dass sie nicht in der Lage ist zu gähnen, wo ihr doch alles andere in den Schoß fällt?
»Kerstin Hensel ist eine der außergewöhnlichsten Schriftstellerinnen Deutschlands.« dpa
Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie am Institut für Literatur in Leipzig. Sie gilt als eine der vielseitigsten und einflussreichsten Vertreterinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihr Werk umfasst Lyrik, Romane und Erzählungen. Sie unterrichtet an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Seit 2024 ist Kerstin Hensel Leiterin der Sektion Literatur der Akademie der Künste Berlin. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: der Lyrikband »Schleuderfigur« sowie der Roman »Regenbeins Farben«. Kerstin Hensel lebt in Berlin.
Kerstin Hensel
Zwei Erzählungen
Luchterhand
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Für Berichte, Gespräche, Hinweise, Kritik und Korrekturen danke ich: Peter Badel, Manfred Gill, Karl Huck, Martina Klüver, Silke Konschak, Sabine Peters, Susanne Schleyer, Torsten Schulz, Carola Wiemers.
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in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
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Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-31891-8V001
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Mit dunklem Flügelschlag
Ziehen stumm die Wünsche dahin.
Ist hier Nacht ist woanders Tag
Sag mir doch, wo ich bin.
Erich Kästner
Am Anfang war der Stereomat. Er lag neben dem Teller mit dem Aschkuchen, der bei Kohlmanns zu Geburtstagen stets frisch gebacken wurde, selbst in frühen Morgenstunden, wenn, wie heute, die Zeit knapp war. Zum Kuchen gehörte traditionell eine Sandmännchen-Postkarte. Diesmal war es eine, auf der das Sandmännchen einen Streitwagen lenkte. Wolf, Sohn der Kohlmanns, wunderte sich, dass es den gleichen Bart trug wie der Ziegenbock, welcher vor den Wagen gespannt war und dass dieser, obwohl er vom Sandmännchen mit der Peitsche geschlagen wurde, lächelte. Zum Geburtstag herzliche Glückwünsche stand unter dem Bild, auf der Rückseite sorgsam handgeschrieben: Viel Freude in deinem neuen Lebensjahr wünschen dir Mutti, Vati sowie deine Schwester Karin.
Wolf legte die Karte beiseite und öffnete den Karton. Behutsam hob er den Stereomat heraus, betrachtete ihn von allen Seiten, schob eine Bildkarte in den Schlitz zwischen die Linsen und sah hindurch. Da war es schon wieder! Einmal saß das Sandmännchen auf einem Mähdrescher, ein andermal besuchte es Kinder auf einem Zeltplatz, in Afrika, in China, in einem Indianerdorf, am Berliner Fernsehturm, es winkte vorm Kreml in Moskau, flog ins Weltall, fuhr auf einem Marineschiff der Ostseeflotte. Andere Fotos zeigten die Ostsee ohne den Traumbringer: Leuchtturm, Strand, Dünen, Wasser und Himmel in Farben, die der Junge, da wo er wohnte, noch nie gesehen hatte.
Karin, drei Jahre älter als er, hatte sich von hinten angeschlichen. Sie war noch im Nachthemd und meinte mit abschätzigem Blick auf den Apparat: »Das ist was für Babys.«
»Das ist die Ostsee!«, schwärmte der Junge, der heute sieben Jahre alt wurde.
Karin nahm ihm den Stereomat aus der Hand und sah selbst hindurch.
»Willste dahin?«, fragte sie misstrauisch.
»Klar, und du?«
»Keine Ahnung. Ist das weit weg?«
»Hundert Kilometer, oder tausend, oder ’ne Million.«
Karin streifte ihr Nachthemd vom Leib und warf es Wolf ins Gesicht. Er schüttelte sich vor der Schlafwärme der Schwester, die sich in der Küche über dem Spülbecken die Zähne putzte. Dann zog sie Strumpfhosen, Rock und Pullover über, nahm Schulranzen, Brottasche, Turnbeutel und forderte den Bruder auf, dasselbe zu tun.
Der Vater war seit fünf Uhr aus dem Haus, die Mutter, um sechs Uhr von der Nachtschicht zurückgekommen, schlief noch. Bevor sie ins Bett gegangen war, hatte sie den Geburtstagskuchen gebacken. Karins Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass sie und ihr Bruder pünktlich zur Schule kamen. Diese lag nicht weit von der Wohnsiedlung entfernt.
Vor der Häuserzeile, in der die Kohlmanns lebten, befand sich eine Hecke, die eine Wiese umzäunte, welche wiederum als Wäscheplatz diente. In der Mitte wuchs ein Apfelbaum der Sorte Boskoop, der anlässlich der Eröffnung des ersten Chemiewerkes der Stadt gepflanzt worden war und seinem achtzigjährigen Jubiläum entgegenblühte.
Selten wurde der Wäscheplatz zum Trocknen von Wäsche benutzt, denn der Wind stand oft ungünstig. Der aus den Schloten der Industrieanlagen steigende Rauch dunkelte die Gegend ab. Vergaß man, die Wäsche rechtzeitig von der Leine zu nehmen, sie ins Haus zu schaffen und die Fenster fest zu schließen, musste man ein zweites Mal waschen. Dem Ruß zum Trotz trug der Boskoop jeden Herbst große grüngelbe Früchte, deren Schale wie mit einem schorfigen Netz überzogen war. Es gab Hausbewohner, die die Äpfel unbekümmert aßen oder in aufwändigen Einkochaktionen haltbar für den Winter machten. Sie standen für jeden kostenlos zur Verfügung, und unter der Schale waren sie sauber und süß.
Was immer Werner und Regina Kohlmann dazu bewogen hatte, ihren Kindern den Verzehr dieser Früchte zu verbieten, es war Familiengesetz. Die Kohlmanns arbeiteten in der berühmten Filmfabrik, die sich über wechselnde Zeiten bis ins Jahr 1971 gehalten hatte und weiter halten würde, denn das war der Plan. Auch wenn kein Mensch wirklich wusste, wie dieser aufgrund der ausgewitterten Anlagen, der Misswirtschaft und allgemeiner Erschöpfung des Landes, erfüllt werden sollte.
Der technische Leiter Werner Kohlmann und die Chemiefacharbeiterin Regina Kohlmann waren verantwortlich für die Produktion von Filmen, Fotopapieren und Magnetbändern und hatten mehr als eine leise Ahnung von den Gefahren, die sie umgaben.
So war es nur gerechtfertigt, dass Wolf einmal von seinem Vater versohlt wurde, als ihn dieser dabei erwischte, wie er gerade in einen Wäscheplatzapfel biss und zwar samt Schale, Stiel und Strunk. Angestachelt von Klassenkameraden, hatte der Junge damit die Mutprobe bestanden. Später, als der Frevel beim Abendbrot zur familiären Auswertung aufgetischt wurde, schimpfte der Vater: »Da kriegt der Herr Sohn alles, was er sich wünscht, und dann schießt er quer.«
Die Mutter wandte ein: »Der Junge ist nur neugierig.«
»Er hat den Apfel gegessen, weil er böse ist«, bekräftigte Karin das väterliche Urteil, und Wolf heulte: »Selber!«
Streit und familiäre Uneinigkeit schlugen Regina auf den Magen. Jeder wusste, die Mutter würde sich in solchem Fall ins Bett verziehen und Beruhigungstropfen nehmen. Manchmal wimmerte sie. Dann befahl der Vater: Schluss mit dem Gezeter! – Er schloss Frau und Kinder in seine Arme und versuchte sie in Eintracht zu bringen. Hatten sich die Herzen beruhigt, ließ der Vater seine Lieben wieder frei.
Der Fernsehfunk sendete den Abendgruß des Sandmännchens. Heute reiste es auf einem fliegenden Teppich nach Bagdad und besuchte Aladin und die Wunderlampe. Mit großen Augen folgte Wolf ihm in die Wüste, zu Türmen, Mauern, Moscheen. Der Junge war so aufgeregt, dass er seine Beine nicht stillhalten konnte. Karin, die an der bunten Wollnudel einer Strickliesel zog, hob nur ab und zu den Blick. Sie fühlte sich übers Kinderfernsehen hinausgewachsen. Mutter stopfte Strümpfe. Vater blätterte in der Freiheit, der örtlichen Tageszeitung, die, wie er behauptete, einzig zum Ausstopfen nasser Schuhe tauge. Nachdem das Sandmännchen die Kinder im Morgenland mit Schlafsand müde gemacht hatte, blies es den Rest davon ins Wohnzimmer der Kohlmanns. Lag Wolf im Bett, nahm er sich noch einmal den Stereomat vor.
»Siehst doch gar nischt im Dunkeln«, stichelte Karin.
»Klar sehe ich was.«
»Was denn?«
»Verrat ich nicht.«
»Böskopp!«
»Ziege!«
»Selber!«
Stand der Wind günstig, wurden die Fenster geöffnet, um die Wohnung zu lüften. Bei dieser Gelegenheit polsterten Werner und Regina Kohlmann den Sims mit Kissen, lehnten sich darauf, atmeten durch. Hinter der Wäscheplatzhecke befand sich ein weiterer Wohnblock. Dahinter ragten Schornsteine und Kühltürme in den Himmel. Nicht weit davon lag der Silbersee. Seit mehr als hundert Jahren schon, und sein Inhalt, ein Höllensud, stank zum Himmel. Im See sammelten sich die Schlämme, Abfälle und Abwässer der Filmfabrik. Man munkelte, das Silber, das zur Herstellung von Filmen benötigt wird, hätte dem See seinen Namen verliehen.
Werner Kohlmann beschloss: »Im Sommer fahren wir an die Ostsee.«
»Au ja!«, rief Wolf, »dann schlafen wir im Zelt, wie richtige Indianer.«
»Versprochen«, sagte der Vater.
»Seit wir uns kennen, versprichst du es immer nur«, seufzte die Mutter, »ständig kommt etwas dazwischen. Entweder hast du Kopfschmerzen oder ich Magengeschwüre, die Kinder husten oder haben Ausschlag, dann findest du das Zelt nicht oder es ist kaputt oder zu schwer, oder es regnet an der See. Am Ende bleiben wir sowieso immer hier.«
»Ich find ’s schön zu Hause«, meinte Karin, die den Wäscheplatz, den Apfelbaum, den Spielplatz sowie die Eisdiele für ihre Ferienzeit völlig ausreichend empfand.
Da begann der Himmel wieder zu brennen, die Luft kippte, und die Fenster wurden geschlossen. Wolf hockte im Kinderzimmer auf seinem Bett und blätterte in Bildbänden, die die Mutter aus der Betriebsbücherei mitgebracht hatte. Versonnen betrachtete er jene Orte der Welt, aus denen ihm schon das Sandmännchen zugewinkt hatte. Dauerte die Bücherschau zu lange, stürzte sich Karin auf ihren Bruder und bewarf ihn mit Kissen, bis er von seinen Träumen abließ. Der Junge nahm den Stereomat und tat, als sei dieser ein Fernrohr. Die Bildkarten jedoch rührte er nie mehr an. Die sind was für Babys, dachte er.
An Wolf Kohlmanns zwölftem Geburtstag lag neben dem frisch gebackenen Aschkuchen und der obligatorischen Sandmännchen-Postkarte eine Beirette. Die Kamera war nicht aus Plaste, sondern aus schwarz beledertem Blech – ein Beweis, dass es sich bei diesem Geschenk um ein richtiges Gerät mit echten Filmen handelte. Als die Eltern von der Arbeit zurückkehrten, war der Dank des Sohnes so überschwänglich, dass er den Abendbrottisch beherrschte.
»Der kriegt immer alles«, maulte Karin.
Die Mutter fragte: »Was wünschst du dir denn, Karin? Es wäre schön, wenn wir das auch mal erfahren dürften.«
Die Tochter zuckte mit den Schultern.
»Wie wäre es mit Ferienlager in Mecklenburg? Dort ist die Luft gut, du bist mit anderen Kindern zusammen, lernst Freunde kennen, und es wird viel unternommen.«
Karin verdrehte die Augen.
»Oder mit uns in den Tierpark?«
»Au ja!«, rief Wolf.
»Da stinkt’s«, nörgelte Karin.
»Tiere riechen nun mal«, erklärte die Mutter.
Karin meinte, sie wolle lieber daheimbleiben, weil dauernd etwas dazwischenkäme, und was will man überhaupt so weit weg.
»Wenn du keine Lust hast, fahren Vati, Mutti und ich alleine«, schlug Wolf vor.
»Da hole ich die Polizei«, drohte Karin.
Sogleich legte die Mutter ihre Hände auf den Bauch und verzog das Gesicht.
So ging der Sommer ins Land wie die Jahre zuvor. Die Herbstferien verbrachten die Geschwister in gewohnter Weise. Gemeinsam spielten sie Federball und ließen hinter den Rieselfeldern Drachen steigen. Sie setzten Papierschiffchen in den Abwassergraben, der an der Gartensparte vorbeifloss und kletterten auf die abgesunkenen Äste des Boskoops. Ihr dürft alles, was euch Spaß macht, aber Finger weg von den Äpfeln! lautete Vaters unerschütterliches Verbot. Die Kinder befolgten es. Immer wenn Wolf in der Gegend herumstromerte, um etwas Neues vor die Kameralinse zu bekommen, sonderte sich seine Schwester von ihm ab. Plötzlich wollte sie die Wohnung putzen, aufräumen oder den Tisch decken.
Am letzten Ferientag gab Karin dem Familienwunsch nach. Die Kohlmanns fuhren mit dem Zug nach H. in den Tierpark. Es war ein heller lebendiger Tag. In Wolfs Beirette war ein neuer Film eingelegt. Karin hielt sich in den Tierschauhäusern demonstrativ die Nase zu.
Wolf fotografierte indes nicht seine Familie, auch keine Tiere, sondern was er am Rande bemerkte: Jugendliche, die in Grüppchen an der Imbissbude standen, einander foppten, Kaugummi kauten oder mit eingeübten Gesten Zigaretten pafften. Von diesen Burschen ging etwas aus, das Wolf Kohlmanns Augen schärfte. Waren es deren Posen, die er im Schutz der Kamera wie beiläufig verfolgte oder jene eitlen Blicke, die sich auf den Fotografen zu richten schienen, als wünschten sie, von ihm festgehalten zu werden?
Karin interessierte das Motiv ebenfalls, und so bat sie ihn, ihr einige der Fotos, die er von den Jungen aufgenommen hatte, zu schenken.
»Was willst du damit?«, fragte er.
»Nur so«, antwortete Karin.
»Die gehören mir. Ich kann für dich ein paar Affen schießen.«
»Böskopp!«
»Ach, lass mich.«
Am Abend, als die Kohlmanns vom Tierparkbesuch heimgekehrt waren, bekam Karin Fieber. Wolf saß an ihrem Bett, gab ihr Honigmilch zu trinken und erzählte Geschichten, die er sich ausdachte. Beim Erzählen schlief Karin sich gesund.
Am Sonntag lag der Rauch nicht über der Stadt, sondern zog über den Silbersee Richtung Norden, sodass das Dunkel in der Ferne zu verwehen schien. Die Geschwister spielten auf dem Wäscheplatz Ball. Schwer trug der Apfelbaum an seinen Früchten. Deren Haut schien sogar ein wenig rötlich, als hätte sie zu viel Sonne abbekommen. Einmal flog der Ball ins Geäst und Äpfel fielen herunter. Karin hob einen auf, hielt ihn ins Licht und schwärmte: »Er sieht aus wie im Märchen!«
Auch Wolf Kohlmann gefielen die Äpfel, und es kam noch ein anderes Empfinden in ihm hoch. Eines, dem er sich gern anvertraut hätte, was ihm jedoch wie ein fremdes, in sich zusammengerolltes Tier zwischen Herz und Magen lag. Karin warf ihre Zöpfe über die Schultern und lachte. Wölfchen sah die Metallspange, die ihre Zähne richten sollte. Er nahm die Beirette und bat seine Schwester, unter dem Baum zu posieren. Er wollte sie auf einem Bild festhalten, denn wie sie sich so fröhlich freimütig zeigte, imponierte ihm. Nach Art eines professionellen Fotografen gab er Anweisungen: »Kopf höher! Schau zu mir! Zeig, was du hast, Karinchen!«
Karin Kohlmann hatte mehr als die verbotene Frucht zu bieten, auch wenn diese das Reizvollste schien, was im Moment verfügbar war. Doch bevor der Bruder den Auslöser drückte, warf sie den Apfel weg. Nicht an Wolfs Kopf, was ihr erster Impuls gewesen war, sondern über die Hecke hinaus.
»Ich hab dich noch gar nicht im Bild«, sagte Wolf enttäuscht.
Karins Zahnspange blitzte. Dann streifte sie sich die braune Herbststrumpfhose von den Beinen, griff den Saum des Kleides und raffte es langsam, Zentimeter für Zentimeter über den Schlüpfer bis zum Nabel.
»Na, wie findest du das?«, fragte sie.
Wolf senkte den Blick. Er packte die Kamera in die Tasche, floh, jedoch nicht ins elterliche Haus, auch nicht nur um die Ecke, sondern eiligen Schrittes durch die Wohnkolonie, schlaglöchrige Straßen entlang, schlierige Pfützen vermeidend, vorbei an vor den Häusern abgeschütteten Briketthaufen, an Aschekübeln, an den Betonmasten der Straßenlaternen, und jeder Schritt war getrieben von wabernden Dämpfen, die ihn von allen Seiten bedrängten. Vor dem Hygieneamt bekam Wolf Kohlmann Seitenstechen. Er drosselte sein Tempo. Kurz war er versucht, an die Tür des Hauses zu klopfen. Hatte er doch etwas zu melden, eine Unpässlichkeit, die aus einer Trübung seiner Empfindungen zu kommen schien. Das Hygieneamt war ein abweisendes Gebäude, und vielleicht wollte der Junge nur wissen, wohin er sich notfalls wenden könnte. Jetzt setzte er sich erst mal auf die Bank eines nahe gelegenen Spielplatzes, atmete den Schmerz weg und grübelte über das, was ihn hierhergebracht hatte. Er war von zu Hause weggelaufen, das war klar. Er hatte seine Schwester stehen lassen, nur weil sie sich vor ihm mutig zeigen wollte. Na, wie findest du das? Er hatte nichts gefunden bei ihrem Anblick.
Wolf beschloss, nicht gleich alles aufs Spiel zu setzen. Auf dem Heimweg versuchte er ein wenig Würde in Karins Gebärde hineinzudenken. Es gelang ihm nicht. Zwei Wochen später, als er aus dem Fotogeschäft die entwickelten Aufnahmen, die beim Zooausflug entstanden waren, abholte, durfte sich Karin ein Foto aussuchen. Sie wählte einen jener schlaksigen Burschen, die am Affengehege lümmelten, deren Haare bis auf die Schultern reichten und die Wolf so ausdauernd beobachtet hatte. Heimlich wünschte sich Karin, ihr Bruder trüge ebenso lange Haare, doch der wollte von seiner Stoppelfrisur nicht lassen, weil er ein Junge sei, sagte er. Manchmal, vorm Schlafengehen, schaute sich Karin das Foto an. Sie kannte den Jungen nicht, doch sie hoffte, einer seiner Art würde sie kennenlernen wollen.
Wolf Kohlmann versteckte die Fotos zwischen den Seiten des Weltatlas’. Manchmal, vorm Einschlafen, schaute er sie sich heimlich unter der Bettdecke mit der Taschenlampe an.
Ein Jahr später begann Karin Kohlmann eine Ausbildung in der Filmfabrik. Obgleich ihr die Mutter angeraten hatte, Sekretärin oder Krankenschwester zu werden, entschied sich Karin für den Beruf der Chemiefacharbeiterin. Was die eigene Mutter tat, glaubte Karin zu kennen. Was Karin kannte, schloss sie in ein Vertrauen, das sie brauchte, um über den Tag zu kommen.
Hier war Nacht. Sie lernte im Dunkeln zu arbeiten. Drei Schichten, rollende Woche, denn nie durften die Maschinen stillstehen, keine Sekunde der Strom ausfallen, sonst würde alles erstarren, zerbrechen und ein einziger gigantischer Ausschuss die Zukunft des ganzen Landes zunichtemachen. Das war das Erste, was Karin Kohlmann begreifen sollte. Blendete sie nach Dienstende das Tageslicht, trösteten erfahrene Kolleginnen: Daran jewöhnste dich, Mädel.
Der Betriebsarzt verschrieb Karin Tropfen, damit sich ihre Augen schneller an die Herausforderung des Lichtwechsels anpassen konnten. Damit das Fräulein nicht eines Tages zum Maulwurf mutiere, scherzte er, obwohl – Maulwürfe wären perfekte Arbeiter für die Filmfabrik.
Was Karin beruhigte, war die Gewissheit, Tag und Nacht in der Nähe ihrer Eltern sein zu dürfen. Ließ es der Schichtplan zu, ging sie mit ihnen aus der Wohnung und kehrte gemeinsam mit ihnen zurück. Sie sah sich gern zwischen Vater und Mutter. Wolfs Augen indes waren darauf gerichtet, in seinem Schul- und Lebensalltag etwas zu entdecken, das es wert wäre, von ihm fotografisch festgehalten zu werden.
Ab der siebten Klasse lernten die Schüler am Unterrichtstag in der Produktion die Arbeitswelt kennen. Ab der achten Klasse war Ferienarbeit erlaubt. Wolf ließ sich von seiner Schwester überreden, in den Sommerferien in der Filmfabrik zu arbeiten. Zwei Wochen lang. Schließlich stelle man dort das her, was er für sein Hobby benötige. Außerdem würde diese Arbeit gut bezahlt, und am Ende könne man sich etwas Schönes leisten.
»Was denn?«, wollte Wolf wissen.
»Weiß nicht«, sagte Karin.
Als er um fünf Uhr das Haus verließ, Richtung Industriegebiet radelte, auf den Wasserturm zu, das Wahrzeichen der Stadt, da sah er sich plötzlich inmitten von Frauen. So viele Frauen hatte er noch nie auf einmal gesehen. Kompakt wie die Morgendämmerung zogen sie ihn mit sich ins Innere der Fabrik, durch eine Schleuse, in der sie ihn in einen weißen Arbeitsanzug steckten, Überschuhe und Haarnetz verpassten und er, als Gespenst verkleidet, in jenes Dunkelgebiet einfuhr, in dem Schwester, Mutter und Vater längst verschwunden waren in einem der verborgenen Gänge, aus denen rotes und grünliches Licht ihm den Weg zu weisen versuchte, doch waren es andere Arbeiterinnen, die sich seiner erbarmten, ihn in eine Halle schoben, in der ihn das Rattern und Klappern der Maschinen, die er nicht sah, aber wahrnahm, überwältigte. Auch der Geruch, metallisch, schweflig, sauer, der Odor des Silbersees, es stieß ihn zurück, sodass er mit dem Kopf gegen ein Gitter schlug, hinter dem eine Glühbirne gesichert war, denn Sicherheit ging hier über alles. Wenn eine Frau der Finsternis versehentlich eine andere rempelte, an ein Gerät stieß, gegen eine der vielen Stahltüren lief oder etwas herunterriss, war Gefahr angesagt, wie jetzt bei Wolf Kohlmann, der, als er sich mit brummendem Schädel seinen Platz suchte und eine Arbeiterin ihn am Nacken packte, sodass dem Krach und Gestank eine weitere Pein folgte: die Hand, die ihn gekrallt hatte, weiterdrängte, wo er doch aufpassen musste, dass er nicht stolperte oder in eine dieser lärmenden Maschinen geriet, also tastete er sich mit vorgestreckten Armen tiefer ins Schwarze hinein, während sich etwas vom Nacken hoch unter sein Haarnetz schob, und er erstarrte, taumelte, und als er neben sich griff, um sich irgendwo festzuhalten, fasste er in ein Becken mit Gallert, das sich kühl und zäh anfühlte, und die Arbeiterin riss den Schüler zurück und brachte ihn aus der Halle.
Den Rest der Ferien blieb er zu Hause, las und träumte. Seine Schwester wollte er ins Kulturhaus zu einem Kinofilm einladen, sie mit dieser Geste um Verzeihung bitten, da es mit der Ferienarbeit nicht geklappt hatte. Karin meinte, sie mag lieber Eis essen gehen und nicht auch noch in ihrer Freizeit im Dunkeln sitzen.
Er ging ins Kino ohne Karin. Der Film Till Eulenspiegel stand auf dem Plan. Die Kartenverkäuferin bat Wolf um seinen Ausweis.
»Ist erst ab sechzehn freigegeben«, meinte sie mit Blick auf sein Geburtsdatum.
»Das wusste ich nicht«, sagte er.
»Du weißt vieles nicht, was?«
»Kann sein. Deswegen steh ich ja hier. Um zu lernen.«
»Na, da will ich mal aus dir ’n schlauen Jungen machen.«
Zeitlupenlangsam löste die Kartenverkäuferin ein Ticket von der Rolle, steckte es sukzessive in ihren Blusenausschnitt, beugte sich zu ihrem ahnungslosen Kunden und hauchte: »Wenn du’s da rausnimmst, lass ich dich rein.«
Kohlmann griff zu und wich im selben Moment zurück.
»Wird’s bald?«, brüllte jemand am Ende der Warteschlange.
»Klappe!«, rief die Verkäuferin.
Was auf der Leinwand geschah, packte ihn. Närrische Szenen, wildes ungehöriges Treiben, Zauber-, Rätselhaftes und Derbes, das ihn lustvoll beißend erregte. Er vergaß alles um sich herum. Auch die Menschen im Saal, die mit ihm die Vorstellung erlebten und, wie er, gespannt und staunend sich in die Welt des Helden hineinbegeben hatten.
Nach der Vorstellung ging Wolf verwandelt nach Hause. Da ihn das Erlebnis nicht losließ, besuchte er auch an den folgenden Tagen das Kino. Manchen Film sah er zwei- oder dreimal. Die Sprüche der Kartenverkäuferin, die ihn treffen sollten, versuchte er zu ignorieren.
Zu Hause imaginierte er mit seiner Beirette eine Filmkamera, lief mit ihr durch die Wohnung, über den Wäscheplatz, durch die Siedlung und stellte sich vor, alles, was sich bewegt, filmen zu können. Um Karin nicht neidisch zu stimmen, zeichnete er für sie in ein leeres Schulheft Strichmännchen, die er als Daumenkino lebendig werden ließ. Karin fand das putzig.
Fühlte er sich unbeobachtet, radelte er heimlich zum Silbersee. Mehr als anderswo in der Gegend roch es dort nach verdorbenem Rettich und faulen Eiern. Ein Schild warnte Betreten verboten! Lebensgefahr! Zuwiderhandlungen werden bestraft. Wolf hatte seine Kamera parat. Neben abgekipptem Gerümpel ragten tote Baumstämme aus dem Schlamm. Mit dunklem Flügelschlag zogen Krähen dahin. Gelbe Schlieren trieben auf dem Wasser, an manchen Stellen regenbogenbunter Glanz. Man müsste es in Farbe fotografieren, dachte Wolf.
Als er sechzehn Jahre alt wurde, lag neben dem obligatorischen Aschkuchen und der Sandmännchen-Karte eine Zeiss Contaflex. Da an diesem Tag nicht nur die Eltern, sondern auch Karin bereits auf Arbeit waren, befand er sich allein in der Küche. Schwer wog die neue Kamera in der Hand. Ein Film war bereits eingespannt. Als Wolf probehalber den Auslöser drückte, ertönte ein ungewohntes Kriiitsch.
Den Dank für dieses teure Präsent musste er sich bis zum Abend aufsparen. Im Vorfeld spürte er die Liebe zu seiner Familie so stark, dass es ihn schmerzte. Sie kennen mich eben, beruhigte er sich, und sie wollen mich glücklich sehen.
In der Schule gab es eine weitere Überraschung. Vor versammelter Klasse gratulierte der Direktor dem Schüler Kohlmann dazu, dass er, dem Notendurchschnitt nach zu urteilen, als Einziger der Klasse 10A die Qualifikation besäße, das Abitur zu erlangen. Seine Leistungsfähigkeit sowie seine politisch-moralische Reife in Verbundenheit mit der Deutschen Demokratischen Republik würde ihm die Aussicht einer Delegation auf die erweiterte Oberschule eröffnen. »Kohlmann, Sie können stolz auf sich sein!«
Das Kichern einer Klassenkameradin erschreckte Wolf derart, dass lähmende Kälte seinen Körper durchzog. Erst auf dem Heimweg von der Schule wurde ihm klar, dass er das Kichermädchen schon bald nicht mehr sehen würde. Sie nicht und die anderen Schüler auch nicht. Weil sie alle nach den Ferien eine Lehre machen würden, im Chemiekombinat, im Rohrwerk, im Steinzeugwerk, in der Zellstoffbude oder in der Filmfabrik. Alle, außer ihm.
Abends saß Familie Kohlmann wie gewöhnlich am Tisch. Die Mutter hatte eine Platte mit Delikatessen angerichtet. Vater stellte seinem Sohn ein Bier hin. Karin hatte dem Geburtstagsbruder sechs weiße Herrentaschentücher gekauft, sie mit einer Schleife versehen und behauptet, wenn er erst ein Studierter sein würde, benötigte er solche Tüchlein garantiert. Wolf bedankte sich artig. Er hatte nur Augen für die Contaflex. Dafür wäre er den Eltern am liebsten um den Hals gefallen.
In der Erweiterten Oberschule fiel ihm das Lernen schwerer als zuvor. Oft träumte er sich aus dem Unterricht heraus, besaß jedoch einen bestimmten Blick, der die Lehrer glauben ließ, der Schüler sei mit Interesse dem Lehrstoff zugetan. Nur in den Fächern Sport und Wehrerziehung vermochte er nicht zu täuschen. Er war wenig ausdauernd und empfindlich, sollte er seinen spacken Körper den Geräten aussetzen. Die Riegenführer wählten Kohlmann ungern in ihre Mannschaft, weil es ihm nichts ausmachte, einen Wettkampf zu verlieren. Versuchte er, sich vor Übungen zu drücken, fragte der Sportlehrer für alle vernehmlich, ob Kohlmännchen seine Tage habe. Das Gelächter der Schulkameraden warf ihn gegen die Wand.
In der Arbeitsgemeinschaft Foto, die Wolf pflichtgemäß besuchte, langweilte er sich. Was er dort lernen sollte, wusste er bereits, und was er wissen wollte, sollte er dort nicht lernen. Die billigen Kameras, die der Zirkel seinen Mitgliedern zur Verfügung stellte, hielt Kohlmann beim Fotografieren absichtlich schief, ließ die Linien stürzen, die Bilder flau werden. In seinem Können zeigte er nichts, was ihn rechtfertigte, irgendwann einen Profiapparat zu handhaben.
»Sie würden sicher ein guter Volkskünstler, wenn Sie nicht derart dilettantisch querschießen würden«, sagte der Leiter der Arbeitsgemeinschaft.
Was weißt du schon, dachte der Schüler.
Zu Hause bohrte Karin ihren Bruder gern mit der Frage, was er denn nach dem Abitur studieren wolle.
Jedes Mal lautete die Antwort: »Kameramann.«
»Das ist doch kein Beruf.«
»Was weißt du schon.«
»Ich weiß, was Arbeiten ist. Auch Vati und Mutti wissen das, überhaupt alle hier.«
»Ich bin nicht alle.«
»Bist ’n Böskopp, ja. Und trotzdem haste mich lieb.«
Ende der elften Klasse erschienen zwei Offiziere des Wehrkreiskommandos im Staatsbürgerkundeunterricht und erkundigten sich bei den Abiturienten, wer von ihnen seinen Wehrdienst als Unteroffizier ableisten wolle. Drei Jahre mindestens. Besser fünf. Am besten zehn. In Aussicht stünden Ehre fürs sozialistische Vaterland, eine erfolgreiche Berufslaufbahn, unter bestimmten Voraussetzungen freie Wahl eines Studienplatzes. Freie Wahl, dachte Wolf Kohlmann, dafür würde es sich lohnen. Er hob seine Hand als Erster. Wieder kicherte ein Mädchen. Was es zu lachen gäbe! schnauzte einer der Offiziere.
»Ich bin bereit«, bekräftigte Wolf Kohlmann seinen Entschluss.
Die anderen Jungs waren ebenfalls bereit, nur dauerte es länger, bis sie sich meldeten, und sie taten es weniger energisch als Kohlmann, der doch der schutzloseste unter ihnen war.
Am nächsten Morgen fand er auf seiner Schulbank eine Postkarte aus dem Puppenstudio des Fernsehfunks: Unser Sandmännchen im Übungsgelände der Volksarmee. Fast alle aus seiner Klasse hatten unterschrieben. Kohlmann stürzte aus der Tür, über den Gang, zur Toilette. Das vollgeheulte Taschentuch, das er in den Händen hielt, warf er in den Mülleimer.
Werner Kohlmann warf ein ernstes Problem auf den Familientisch: Jetzt sei es wohl so weit, der Herr Sohn würde nach dem Abitur pflichtbefohlen zur Fahne gehen. Drei Jahre! Oder fünf? Oder zehn?
»Drei«, sagte Wolf.
»Was willst du?«, fragte Karin, als hätte sie sich verhört.
Der Vater nahm dem Sohn die Antwort ab: »Dein Bruder will lernen, wie man auf Menschen schießt, oder er will sich erschießen lassen. Ich weiß nur nicht, warum wir ihm dafür die sauteuere Kamera gekauft haben.«
»Und die schönen Taschentücher!«, rief Karin und haute auf den Bruder ein. Da platzte es aus ihm heraus: »Ich gehe nicht freiwillig zur Fahne. Das weißt du doch. Ich muss! Wohl oder übel. Weil ich studieren will. Aber falls die Kamera zu teuer war, gebe ich sie euch zurück.«
»Du bist uns teuer, Junge«, sagte der Vater, »du weißt nicht, was auf dich zukommt.«
»Ich werd’s erfahren.«
»Und ich will nicht, dass du abhaust«, heulte Karin.
»Drei Jahre«, tröstete die Mutter, »dein Bruder wird nicht aus der Welt sein.«
Wolf legte seine Hand auf die seiner Schwester und versprach: »Ich werde in der Welt sein.«
Karin machte eine Faust. Regina Kohlmann fasste sich stöhnend an den Bauch.
»Na bitte«, resümierte der Vater, »da haben wir’s wieder.«
Das erste Mal sah Wolf Kohlmann die Ostsee mit eigenen Augen, als er als Rekrut der Volksmarine in S. anlandete. Es war nicht das Meer, das er von Bildern kannte, sondern nur ein Meeresarm, ein Sund. Wolf blickte über das Wasser auf Hafenanlagen, Kraftwerke, Kohlekräne. Davor ankerte neben Frachtern, Dampfern und Barkassen jenes graue Schulschiff, das er bald kennenlernen sollte. Kniff er die Augen zusammen, ähnelten die Schiffsschornsteine und Abgasklappen den Ansichten seiner Vaterstadt, und als ein Ausflugsdampfer ablegte, schwärzte Qualm den Himmel. Aus dem Koffer zog Kohlmann seinen Fotoapparat hervor, sah durch den Sucher und drückte den Auslöser. Er wusste, solche Bilder würden in Zukunft verboten sein. Zuwiderhandlungen werdenbestraft! Er wusste auch, was er nicht lassen konnte.
Der erste Befehl, dem der Unteroffiziersschüler Kohlmann Folge leisten musste, war die Abgabe der Contaflex. Obgleich er sie im verschließbaren Wertfach des Spindes versteckt hatte, wurde sie bei einer Kontrolle entdeckt und als Trophäe hochgehalten. Eine Kamera, Kameraden!
Horrido! Wer hatt’n sich zu uns ins Revier gewagt? ’n Pornoknipser? ’n Aufklärungsspezialist? Sieh mal an, der böse Wolf! ’n Schnüffler! Na, dann schnüffel mal! Runter, du Nase! Schnüffeln sollste! – Ein Soldat eröffnete die Jagd, indem er ein gebogenes Stahlrohrteil vom Stockbett löste und hineinblies wie in ein Horn. Es ging los, um Betten, Stühle und Spinde herum, und sie trieben ihn aus der Stube durch die Gänge der Kaserne, hetzten ihn dahin, dorthin, ließen ihn wittern, zittern, und einer schleppte den Teil einer Panzerkette herbei, um sie dem Wolf um den Hals zu legen; und als dieser zusammenbrach, kam die Putzkompanie mit einer Flasche Sidol, warf ihm einen lumpigen Damenschlüpfer hin und gebot ihm, die Kette auf Hochglanz zu polieren, denn es hafte Dreck an ihr, Dreck von seinem Hals, und bei der Marine müsse alles picobello sauber sein. Er griff den Fetzen, es würgte ihn, er putzte die Panzerkette, und die Kameraden scheuchten ihn weiter, bis er auf allen vieren den Kasernenhof erreichte, wo er unterm Halali zusammenbrach.
Das Erste, was der Unteroffiziersschüler nach seiner Rückkunft ins Menschenleben sah, waren zwei blaue Ärmelstreifen mit drei goldenen Tressen unter einem Abzeichen, das einen Äskulapstab darstellte. Sie gehörten der Uniform des Oberstabsarztes, die an der Tür jenes Raumes hing, in dem der Gejagte auf einer Pritsche liegend sein Bewusstsein wiedererlangte. Der Arzt betupfte die Wunden an Füßen, Knien, Hals, Händen und Ellenbogen mit Sepso. Es brannte, vom Jodgeruch wurde Kohlmann übel. Am Ende wandte sich der Arzt der aufgeschürften Nase des Verletzten zu. Als dieser die Konturen des Gesichtes über ihm fixierte, fiel ihm die konfiszierte Contaflex ein. Gern hätte er ein Bild gemacht von dem, was er sah. Er musste froh sein, dass er überhaupt noch etwas erkannte.
Nach der Wundversorgung wurde der Unteroffiziersschüler aufgefordert, sich in eine aufrechte Position zu begeben. Da stand er barfuß auf dem Linoleum. Keine einsachtzig groß, schmal gebaut, mit nach vorn gezogenen Schultern, kaum ein Haar auf der Brust, doch der Adamsapfel im Hals hüpfte rauf und runter, als wolle er die Stärke seines Besitzers beweisen. Der Geruch und die mit Sprelacart verkleideten Wände erinnerten Wolf an den Chemieraum seiner Oberschule.
»Alles Klarschiff?«
»Weiß nicht, Genosse Stabsoffizier«, sagte Kohlmann.
»Ich drück’s mal so aus: Sie sind in Sicherheit, Genosse Unteroffiziersschüler. Morgen früh ist Verbandswechsel.«
Bevor der Arzt seinen Patienten entließ, tippte er auf sein Namensschild und gebot ihm, sich den Namen einzuprägen: Baldur Uphoff.
Die erste Post, die er von zu Hause erhielt, stammte von Karin. Dem Brief war die Mühe seines Entstehens in Form von Klecksen und tintenverschmierten Buchstaben anzusehen. In kurzen Sätzen teilte Karin mit, die Mutter läge seit zwei Wochen mit Magenbluten in der Klinik, der Vater sei ebenfalls krankgeschrieben. Sie selbst sei auf einen Schonplatz in die Verpackungsabteilung versetzt worden, da sie sich im Dunkeln nicht mehr zurechtfände. Außerdem mickere der Boskoop dieses Jahr vor sich hin, und man würde noch immer nicht verstehen, warum Wolf einfach abgehauen sei. An die Ostsee! Meine Güte, so weit weg! Obgleich hier jede Hand gebraucht wird. Trotzdem liebe sie ihren Bruder immer und ewig, und wenn er mal auf Urlaub käme, würde er feststellen, was er hier verpasst habe. Am Ende des Briefes stand die Bitte, er möge ihr ein Foto von sich schicken. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht – liebste Grüße von deinem Karinchen.
Er hatte Kaninchen gelesen und sich erschrocken, sodass er lachen musste, weil er doch weinen sollte über das, was er zu Hause verpasst hat.
Das erste Foto, das Oberstabsarzt Baldur Uphoff vom Unteroffiziersschüler Wolf Kohlmann knipste, war der Tatsache zu verdanken, dass sich die Contaflex inzwischen in seinem Besitz befand. Die Kamera war dabei, als sie sich an einem freien Nachmittag am Hafen zum Manöver Wundkontrolle verabredet hatten.
Die Nacht zuvor hatte Kohlmann geträumt: Die goldene Schlange an Uphoffs Ärmelabzeichen löste sich von ihrem Stab, da sie bezichtigt wurde, nicht das zu sein, was sie vorgab. Ein Marinekommandeur packte die Schlange am Schwanz, behauptete, sie sei eine Lügnerin und müsse zurück zu ihrem Ursprung, zurück zu den Würmern. Da fiel das Tier zu Boden, wand sich ein paarmal um sich selbst, wurde eine Leuchtgranate, ging hoch und umzischte den Kommandeur.
Wolf Kohlmann grinste. Jetzt stand er mit Baldur Uphoff am Kai, nicht weit entfernt von den im Sund ankernden Schiffen, die die Männer zur Pflicht gemahnten. Sie liefen ein paar Schritte und betrachteten einander von der Seite, neugierig, ein wenig skeptisch, ob der andere den Blick bemerke. Der Oberstabsarzt bot dem Unteroffiziersschüler eine Zigarette an. Hatte der sich doch die lässige Geste eines Rauchers zugelegt, da dies Respekt erzeugte und Respekt wiederum den Jagdtrieb der Mannschaftskameraden milderte. Nun war Kohlmann froh, dieses Handwerk zu beherrschen. Uphoff zog die Contaflex aus seiner Ledertasche.
»Stellen Sie sich dahin«, bat er.
Kohlmann posierte, wie ihm geboten wurde, obgleich er Einspruch erhob und wissen wollte, woher Uphoff die Kamera habe, es sei seine. Er würde sie gern wieder in eigenen Besitz nehmen.
»Hat alles seine Zeit«, sagte der Arzt, richtete die Kamera auf ihn, klappte den Spiegel aus und blickte durch den Sucher. Es dauerte, bis er die richtige Einstellung fand. Nach dem Drücken des Auslösers verstaute er den Apparat wieder in seiner Tasche und versprach: »Sie bekommen sie zurück, wenn es zu Ende ist.«
»Wenn was zu Ende ist?«
»Das hier.«
»Manöver Wundkontrolle?«
»Nennen wir’s so.«
»Verstehe. Und wenn’s kein Ende gibt?«
»Das hoffe ich. Im Übrigen verlange ich absolutes Stillschweigen, klar?«
Von Kohlmanns Portrait ließ Uphoff mehrere Abzüge fertigen. Einen davon erhielt der Abgelichtete selbst. Er schickte das Bild in einem Briefumschlag seiner Schwester. So hatte sie ihn bei sich, im Matrosenhemd, dessen offener Halsausschnitt mit blauem Kragen und weißen Streifen eine Spur Exotik zu ihr nach Hause brachte. Auch Wolfs Tellermütze fand Karin Kohlmann fesch, und sie dachte: Wenn mich nur einer von seiner Art mal kennenlernen wollte.
Eines Samstagnachmittags wurden die Marinesoldaten zum Maskenball befohlen. In knapp bemessener Zeit mussten sie mehrmals hintereinander unterschiedliche Dienstanzüge aus- und anziehen, und wenn sie zu langsam waren, sich verhedderten oder, wie Unteroffiziersschüler Kohlmann, einfach abklappten, ging das Vergnügungsprogramm in eine der berüchtigten Putz- und Flickstunden über. Diese diente dazu, Uniform- und Wäscheteile zu reparieren und aufzufrischen.
In jener Flickstunde ging es um die Vorbereitung auf die Große Fahrt. Nach Murmansk sollte es gehen, und auf dem Schiff musste alles picobello sein, vom Piek bis zum Top, von der Matrosensocke bis zur Kapitänsmütze. Die Wunderwaffe gegen Dreck hieß Sidol, die Kampfgeräte gegen Löcher in Wäsche und Uniform Schere, Nadel, Faden. Säcke wurden im Putzraum abgeladen. Die Kameraden öffneten sie, und heraus fielen Stoffreste und Lumpen, die als Putz- und Polierlappen gedacht waren. Nun war es unter den Unteroffiziersschülern üblich, die Ausführung solcher Befehle nach eigener Art auszulegen. Allzu weibisch kam ihnen die Kampagne vor, zumal sie selbst kaum noch zu wissen glaubten, was Frauen in ihrem Leben zu bedeuten hatten. So prahlten sie von ihren imaginären Bräuten, auch jene, bei denen tatsächlich eine Käthe zu Hause wartete, hielten sich nur wenig zurück. Wolf Kohlmann machte sich nichts aus alledem.
In den Altkleidern fanden die Soldaten Röcke, Blusen, Jacken, auch Strumpfhosen und Unterwäsche. Sie warfen die Sachen durcheinander und legten nach und nach ihre Uniformen ab. Sie veranstalteten ihren eigenen Maskenball, um sich als jene Wesen zu verkleiden, welche sie seit Monaten nur aus der Ferne sahen oder flüchtig beim Ausgang auf der Straße. Die Männer kakelten mit hohen Stimmen und, als seien sie von ihrer Art befreit, tanzten sie in ihrem Aufzug bizarres Ballett. So gingen sie einander an die Wäsche, kreischten, und als sie dem Kameraden Kohlmann ein Damennachthemd an den Kopf warfen, damit auch er Spaß habe, verließ dieser die Flickstube.
Wolf Kohlmanns Kopf hämmerte, sein Magen schmerzte. Er meinte, sich übergeben zu müssen. Er schlich an den Wohnquartieren der Soldaten vorbei bis zum Med-Punkt, in dem Oberstabsarzt Uphoff Dienst tat. Wer ihm diesmal das Fell abgezogen habe, wollte dieser von Kohlmann wissen.
»Keine Ahnung«, stammelte Kohlmann, »eigentlich will ich gar nicht zu Ihnen, Genosse …«
»Stopp!«
Uphoff stellte sich vor den Unteroffiziersschüler. Dieser war einen Kopf kleiner, und so konnte er auf ihn herunterschauen, auf das helle, stoppelkurz geschnittene Haar, auf ein kleines Feld, das ihn zu einem Einsatz zwingen wollte, der alles andere als militärisch war. Uphoffs leiser Befehl lautete: »Ab heute: Baldur. Verstanden?«
Kohlmann stutzte, nickte, schüttelte den Kopf. Als er sich zurückzog, folgte ihm der Oberstabsarzt. Nebeneinander laufend schwiegen sie. Ihr Weg führte am Zaun entlang, der die Kaserne umgab, bis hinters Heizhaus. Flickstube sowie Med-Punkt lagen weit entfernt, sodass sie aus der Zeit und den Gedanken der Männer fielen. Das Heizhaus strahlte die Hitze der Feuerkessel nach außen ab. Die Wände waren warm, und manchmal knackte es in ihrem Inneren.
Tags darauf wurde sowohl dem Oberstabsarzt Uphoff als auch dem Unteroffiziersschüler Kohlmann anderweitig eingeheizt. Ein besonderes Vorkommnis sei von der Wache gemeldet worden. Die Befehlsgewalt stellte klar, dass bei wiederholtem Disziplinarverstoß beide Genossen unverzüglich in den Kahn gehen würden.
Kurz vor der Großen Fahrt wurde Wolf Kohlmann Sonderurlaub für einen Heimatbesuch genehmigt. Karin erwartete den Bruder bereits vor der Haustür, fiel ihm um den Hals, küsste ihn, rieb ihre Nase am Uniformkragen und stellte fest: »Du riechst gut, Wolf!«
»Das macht die Seeluft«, erklärte er und rückte die Schwester ein Stück von sich weg.
»Ach ja, und jetzt bist du wieder hier.«
»Für drei Tage, Schwesterherz.«
»Davon will ich nichts hören.«
»Ich will’s dir aber sagen.«
»Du magst deine Familie nicht.«
»Ich mag nicht, dass du so mit mir redest.«
»Zank nicht mit mir.«
Karins Augäpfel waren gerötet, die Lidränder wimpernlos, und ihr lief beständig die Nase. Sie erzählte dem Bruder, sie sei noch immer nur halbtags in der Verpackung tätig, müsse dreimal täglich Procolin tropfen, den Rest der Zeit erledige sie den Haushalt und betreue Vater und Mutter.
»Es ist arg«, sagte sie und führte ihn ins Schlafzimmer.
Dort lag Regina Kohlmann im Bett, die Federdecke bis zum Kinn gezogen. Das Fenster war geschlossen, trotzdem roch es schwefelig. Wolf kam die Idee, Mutter beim nächsten Besuch eine Atemschutzmaske mitzubringen. Er zog das Rollo hoch und erblickte im einfallenden Licht das Gesicht der Mutter. Es war grau. Nebenan auf dem Nachttisch stand eine Batterie Fläschchen. Die Tropfen, schwärmte Karin, würden flüssiges Silber enthalten und Mutters Magen beruhigen. Sie ist noch keine sechzig, dachte der Sohn. Karin teilte ihm mit, dass die Mutter seit Kurzem Invalidenrente beziehe und nur noch wie ein Vögelchen äße, am liebsten Apfelmus, den sie, Karin, aus jenen Früchten koche, von denen der Vater inzwischen meinte, nun sei es auch egal, an welchen Giften man letztendlich zugrunde gehe.
»Es ist mehr als arg, Wolf.«
Werner Kohlmann hatte sein Arbeitsleben ebenfalls vor der Zeit beenden müssen, da ihn eine unheilbare Schwermut auf den Sessel drückte. Er konnte sich nur noch unter Zwang erheben, um nach wenigen Schritten sogleich ins nächste Loch zu fallen. Am Tag als Wolf von der Volksmarine auf Urlaub kam, sprang er jedoch geradezu leicht von seinem Sitz. Den Sohn begrüßte er, indem er ihm seine Hände auf die Schultern legte, als wolle er ihn mit seinem väterlichen Gewicht auf der Stelle halten. Er sagte: »Es ist gut, dass du nach Hause gekommen bist.«
»In drei Tagen steche ich wieder in See.«
»In See stechen!«, wiederholte der Vater spitz, »es klingt, als hättest du auf einem Ausflugsdampfer angeheuert oder auf einem Kreuzfahrtschiff. Gibt’s da auch Kanonen?«
»Ich habe nirgendwo angeheuert.«
»Aber du hast Schießen gelernt, nicht wahr?«
»Ich darf darüber nicht reden, Vater.«
»Gut, dann reden wir über etwas anderes. Über mich und deine Mutter und über deine Schwester. Da kannst du nichts mehr kaputt machen, weil nichts mehr ganz ist. Karin opfert sich auf für uns. Tag um Tag, Nacht um Nacht. Das Mädel verzichtet sogar auf die Gelegenheit, einen Freund kennenzulernen.«
»Ach, tut sie das?«, fragte Wolf, der mit seinen Gedanken aus der elterlichen Wohnung drängte.
Der Vater fiel zurück in den Sessel. Augen und Lippen zusammenkneifend schnaufte er tränenlos vor sich hin. Unter der Erschütterung zuckte sein Körper, sodass Wolf vorm Vater auf die Knie ging, dessen Hände ergriff und sprach: »Ich gehe bald auf Große Fahrt, doch wenn ich wiederkomme, nehme ich mir frei.«
Da fasste der Vater die Hände des Sohnes und führte sie an seine Lippen.
»Schon gut, Papa«, sagte Wolf erschrocken und richtete sich wieder auf.
Karin betrat das Wohnzimmer. Sie hatte Kaffee gekocht, Aschkuchen gebacken und meinte, heute fühle sie sich, als hätte Wolf Geburtstag. Wie früher sei es, und vielleicht wird alles bald wieder gut. Sie schnitt den Kuchen an und wollte von ihrem Bruder wissen, wo eigentlich die teure Kamera geblieben sei. Und die feinen Taschentücher, die sie ihm geschenkt hatte. Wolf erklärte, dass es bei der Marine verboten sei, zu fotografieren und die Kamera ein Freund von ihm aufbewahre.
»Was für ein Freund?«
»Ein guter.«
Wolf strich sich ein Lächeln von den Lippen und sagte, was die Taschentücher anbelange, so hebe er sie für besondere Zwecke auf, falls er zum Beispiel mal eine weiße Fahne benötige.
»Wozu eine weiße Fahne?«
»Damit ich mich ergeben kann.«
»Wem ergeben?«
»Ach Mensch«, sagte Wolf, »du nimmst alles so ernst, Kaninchen Karinchen.«
»Ich bin kein Kaninchen!«
»Du bist fertig und hast Angst. Ich sehe das. Du solltest dich erholen, in Urlaub fahren oder zur Kur, einfach mal weg hier.«
»Wie stellst du dir das vor?«
Karin tunkte ein Stück Kuchen in den Kaffee und schob es dem Vater zwischen die Lippen. Daraufhin griff sie ein weiteres Stück, brach ein Teil davon ab und brachte es Mutter ins Schlafzimmer.
Am nächsten Morgen half Wolf seiner Schwester beim Putzen, machte Besorgungen, schaufelte Kohlen durch die Kellerluke und schaute gemeinsam mit Vater im Fernsehen Fußball. Nach dem Abendbrot nahm Karin zwischen Bruder und Vater auf dem Sofa Platz. Die Männer wollten dem Fernseher eine Pause gönnen, doch die Schwester bestand auf dem Abendgruß.
»Wir sind keine fünf mehr«, sagte Wolf.
Der Vater senkte den Kopf und seufzte.
»Kommt schon«, bettelte Karin, »es war doch immer schön.«
Der Sandmann landete mit dem Wasserflugzeug auf einem See. Ein Ruderboot schaffte ihn ans Ufer, wo in einem Ferienlager Kinder auf den Traumbringer warteten. Am Ende der Sendung sang Karin mit: Kinder, liebe Kinder, es hat mir Spaß gemacht, nun schnell ins Bett und schlaft recht schön, dann will auch ich zur Ruhe gehen. Bevor der Sandmann wieder in sein Flugschiff stieg, stellte Wolf den Fernsehapparat ab.
Im Schlafzimmer schluckte die Mutter Silbertropfen und zog die Bettdecke über die Nase. Der Vater ließ sich von Karin eine Zigarette anzünden und zwischen die Lippen stecken. Hinter der Wohnkolonie, wo die Kohlmanns lebten, lag noch immer der Silbersee. Man roch ihn auch bei geschlossenen Fenstern.
Am nächsten Morgen war der Urlaub vorbei. Den Seesack auf dem Rücken trat Wolf Kohlmann vor die Tür und sah im Zwielicht, von dem er nicht wusste, ob es von der Frühdämmerung oder von den Rußwolken der Industriewerke herrührte, den Boskoop. Der Baum streckte ihm seine Äste entgegen, als würde er säuseln: Komm her zu mir, hier findest du deine Ruh.
Karin stellte sich neben ihren Bruder. Sie war noch im Nachthemd. Ihr Körper dampfte in der Morgenkühle. Sie fragte Wolf, ob er nach der Armee nach Hause zurückkäme, und ob er dann bleiben würde. Statt Kameramann könne er doch Ingenieur werden, wie Vater. Um Ingenieur zu werden, muss man auch studieren! Wolf schwieg. Als ihn Karin umarmte, roch er ihren Schlaf.
August 1987. Der Unteroffiziersschüler Kohlmann legte seine Hand auf das flache Stück Metall, das ihm der Admiral an seine Uniformjacke gesteckt hatte. Darauf stand mit schwarzer Schrift auf goldenem Grund: FÜR GROSSE FAHRT, darunter ein Schlachtschiff und eine Windrose. Das Abzeichen trug die Kälte des arktischen Ozeans in sich, den eisigen Wind der Stadt Murmansk und die Parole Mit den Waffenbrüdern vereint – stets wachsam und gefechtsbereit!
Kohlmann war mehr wachsam als gefechtsbereit gewesen. Auf dem Schulschiff hatte er seinen Dienst vorwiegend an jenem Instrument vollzogen, das seiner Leidenschaft am nächsten kam: dem Fernrohr. Auf seinem Beobachtungsposten öffnete ihm das schwere, messingverchromte Teleskop den Blick in jene Ferne, an der er sich entlangträumte, auch wenn ihn das, was er sah, selten interessierte. Auch konnte er Objekte ausspähen, definieren, anpeilen, jedoch nicht, wie bei einer Fotokamera, bildlich festhalten.
Bei allem Verdruss war ihm das Fernrohr lieber gewesen, als sich Kanonen und Gewehren andienen zu müssen. Er schaute durchs Okular, drehte an den Rädern und glitt in die Vorstel
