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Die Abenteuer-Geschichten, deren Figuren auf vier Kontinenten agieren und die Kriminalerzählung, in der von thüringischen Ermittlern während der turbulenten Wochen nach der deutschen Einheit beharrlich ein skrupelloser Täter gesucht wird, durch den ein junges Mädchen lebensbedrohlich verletzt worden ist, haben gemeinsam, dass sie für Leser ab vierzehn Jahren verfasst wurden und spannend erzählt sind. Eingebettet in die interessanten Handlungen, die sich teilweise an exotischen Orten abspielen, erfährt man beiläufig von wenig bekannten Ereignissen aus Gegenwart und Vergangenheit.
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Stefan Raile
Abenteuer-Geschichten
von heute und früher, von nah und fern
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Inhaltsverzeichnis
Titel
EINS
Mandroks erster Fall
ZWEI
Heldenschuss
Das Glück
Der Mann am Grab
Die Pause mit Barell
Verirrt
Versuchung
Einer hat Mut
DREI
Wasser für Cuauhtemoc
Die Zisterne
Die Brücke
Die Rettung
Der Leopard
Sambos Flucht
Die Pistole
Waffen im Hafen
Miguel und der Maulesel
Worterklärungen
Impressum neobooks
Mein Plan kam mir
auf einmal schäbig vor,
und ich wusste nicht,
was ich tun sollte.
Mittwoch, 14. November, 22.30 Uhr
Als Kriminalobermeister Wussek das Fenster öffnete, um frische Luft in den überheizten Raum zu lassen, merkte er, dass der Nebel dichter geworden war. Wattige Schwaden lösten sich vom Fluss, schwebten über die Uferwiesen, trieben durch die Straßen und erklommen die zerklüfteten Hänge der Berge, die das enge Tal umschlossen. Nur schwach ließen sich die nächsten Laternen erkennen, sie wirkten verloren im eisgrauen Dunst, die Warnlichter des vierundzwanziggeschossigen Forschungshochhauses blieben unsichtbar wie das erleuchtete Zifferblatt am Turm der St.-Pauls-Kirche. Selbst die Glocke, die gerade zur halben Stunde schlug, tönte gedämpft herüber. Doch das Telefon, das im nächsten Augenblick zu klingeln begann, schrillte so laut, dass Wussek erschrocken herumfuhr.
Er eilte zum Apparat und meldete sich. Sekunden hörte er jemand schwer und hastig atmen. Dann sagte eine raue, erregte Männerstimme: „Ein Mädchen ist schwer verletzt. Womöglich ist es sogar schon tot.“
„Wo ist das Mädchen?“
„An der ehemaligen Schmiede bei Windach“, erwiderte die Stimme. „Nicht weit vom Weg, der zur Gartenkolonie führt.“
„Wer sind Sie?“
Der Anrufer schwieg. Nur sein Atem war wieder zu vernehmen.
„Sagen Sie Ihren Namen!“
Der Unbekannte reagierte nicht darauf. „Beeilt euch“, schrie er, „jede Minute zählt!“
Dann wurde die Verbindung unterbrochen. Ehe Wussek wie gewöhnlich die Taste drückte, um die Sätze zur Sicherheit noch einmal zu hören, fiel ihm ein, dass ihr veraltetes Gerät schon seit dem späten Nachmittag nichts mehr aufzeichnete. Sekunden überlegte er, ob der Anruf fingiert sein könnte. Hatte doch der Hinweis vor Stunden, in Windach solle ein Einbruch erfolgen, auch echt geklungen, ohne dass die alarmierte Einsatzgruppe nachher jemand zu Gesicht bekam. Aber trotz solcher Falschmeldungen, die sich in letzter Zeit häuften, durfte kein Anruf unbeachtet bleiben. Dieser schon gar nicht. Vielleicht ging es für das Mädchen wirklich ums Äußerste.
Wussek verständigte den Rettungsdienst, den Kriminaltechniker, der Bereitschaft hatte, und die Fahrer der Einsatzautos. Als er zum vierten Mal wählte, dachte er: Solger wird nicht gerade erbaut sein. Der Nebel ist Gift für sein Rheuma.
Es dauerte eine Weile, bis sich der Kriminalrat meldete. Er war beim Fernsehen eingenickt, und als er sich, durchs Telefon geweckt, überhastet vom Sessel erheben wollte, spürte er im Kreuz erneut den ziehenden Schmerz, der ihn in letzter Zeit immer öfter plagte. Mit verkrümmtem Oberkörper trat er an den Apparat. Sobald er Wusseks Stimme erkannte, brummte er: „Was gibt’s ‘n schon wieder?“
„‘ne Schwerverletzte. Wahrscheinlich ‘n neuer Fall.“
Während Wussek hinzufügte, was ihm noch bekannt war, wurde Solger hellwach, und er empfand keinen Schmerz mehr.
„Ist alles Weitere eingeleitet?“, fragte er.
„Ja.“
„Auch das Auto unterwegs?“
„Es muss gleich eintreffen.“
Nachdem Solger aufgelegt hatte, hörte er hinter sich Schritte. Er drehte sich um und sah an der Tür seine Frau, die bereits schlafen gegangen war.
„Du musst raus?“, fragte sie.
Er nickte.
„Was Schlimmes?“
„Möglich.“
„Dann...“ Sie zögerte, weil sie merkte, wie sich seine Miene veränderte.
Solger ahnte, dass sie ihn wie jedes Mal, wenn er unverhofft zu einem Einsatz gerufen wurde, darum bitten wollte, vorsichtig zu sein, wenn er schon zu glauben schien, dass er immer und überall gebraucht würde.
„Ich pass auf“, versprach er. „Leg dich getrost wieder hin.“ Er nahm den Hörer und wählte rasch. Als gleich darauf die erwartete Stimme erklang, sagte er: „Ich bin’s, Matti. In fünf Minuten holen wir dich ab.“
Matthias Mandrok behielt den Hörer noch einige Augenblicke in der Hand. Es war nichts Ungewöhnliches, dass sein Vorgesetzter anrief, wenn er dienstfrei hatte. Aber sonst äußerte sich Solger immer auf verbindlichere Weise, meist sogar in jener spaßigen Art, die der Kriminalkommissar an ihm schätzte. Wenn die Mitteilung diesmal ungewohnt knapp blieb, musste etwas geschehen sein, das keinen Aufschub duldete.
„Wer war’s?“, fragte Birgit aus einem Sessel. Sie war seit einem Jahr Mandroks Freundin und verbrachte den größten Teil ihrer Freizeit mit ihm.
„Solger“, entgegnete er. „Es scheint Arbeit zu geben.“
Während er in seine Jacke schlüpfte, sah er, dass Birgit enttäuscht wirkte. Aber sie sagte nichts.
„Es kann spät werden“, rief er ihr im Gehen zu.
Das Auto bog um die Ecke, als er die Straße betrat. Er setzte sich neben Solger.
„Erfreut scheinst du nicht gerade“, hörte er ihn sagen. „Und wie hat’s Birgit aufgenommen?“
„Gemischt.“
Ihr enttäuschter Blick fiel Mandrok ein, und er spürte, wie er sich gegen den Einsatz, der ihnen den gemeinsamen Abend verdarb, zu sperren begann. Doch als er erfuhr, was geschehen sein sollte, entwickelte sich rasche Bereitschaft, die sich, je näher sie dem Ziel kamen, mit wachsender Spannung verband.
Obwohl das Scheinwerferlicht im Nebel versickerte, lenkte der Fahrer das Auto zügig und sicher. Er wählte Straßen und Gassen, die Mandrok, der noch keine zwei Jahre in der Stadt wohnte, teilweise unbekannt waren. Zuletzt wurde, um abzukürzen, ein holpriger Weg benutzt. Trotzdem erreichten sie die ehemalige Schmiede knapp nach dem Krankenwagen, aber gleichzeitig mit den Kriminaltechnikern, deren Auto sich aus einer andren Richtung näherte.
„Die Verletzte ist in einem äußerst kritischen Zustand“, sagte der Arzt. „Sie muss schnellstens in die Klinik!“
Das Mädchen lag, wie der Anrufer berichtet hatte, nahe dem Weg, der vom Neubaugebiet Windach zur nächsten Gartenkolonie führte, etwa fünfundzwanzig Meter von der einstigen Schmiede entfernt auf einer leicht abschüssigen Wiese. Während Solger und Mandrok herantraten, wurde es von einem Kriminaltechniker fotografiert.
Die Verletzte trug einen weinroten Anorak und schwarze Hosen, die in engschäftigen Stiefeln steckten. Mandrok bemerkte ihre verkrampfte Haltung. Sie lag auf der Seite, der rechte, stark angewinkelte Arm wurde teilweise vom Körper verdeckt, der linke hing schräg nach unten und berührte mit den Fingerspitzen die angezogenen Oberschenkel. Ihre Schulter ragte weit empor, und das blasse Gesicht wies nach oben, als hätte sie ihren Kopf noch im Liegen gewandt. Oder war er auf den von ihren langen, blonden Haaren halb verborgenen großen, gratigen Stein geprallt und in die unverständliche Stellung gerückt worden?
Das Mädchen hielt die Augen geschlossen, unter der Nase haftete ein dünner, geronnener Blutstreifen, der Mund war ein wenig geöffnet.
Während zwei Krankenpfleger die Verletzte auf eine Trage hoben, reichte der Arzt Solger einen flachen, rechteckigen Gegenstand und sagte: „Außer ihrem Personalausweis hatte sie diesen Dienstausweis bei sich.“
Der Kriminalrat betrachtete das Passbild und las die Angaben. Das Mädchen hieß Carina Pahl und war siebzehn Jahre alt.
„Haben Sie noch was gefunden?“
„Nein, nichts“, erwiderte der Arzt.
„Können Sie sich vorstellen, was geschehen ist?“
„Schwer.“
„Vermuten Sie, dass es hier passiert ist? Oder könnte das Opfer auch verletzt hergebracht worden sein?“
„Das Erste halte ich für wahrscheinlicher.“
Es sah aus, als wollte Solger noch etwas wissen. Doch dann sagte er: „Vielen Dank, Doktor. Länger darf ich sie nicht aufhalten!“
Die Trage wurde in den Krankenwagen geschoben. Wenig später fuhr er behutsam an, rollte langsam auf den Weg und entfernte sich rasch. Das Blaulicht flackerte eine Weile im Dunkel, ehe es sich verlor. Die Sirene gellte weiter. Schließlich wurde auch sie immer schwächer und verklang.
„Schau dir mal die Schmiede an“, sagte Solger zu Mandrok. Danach trat er zu Hauptkommissar Runge, der die Gruppe der Kriminaltechniker leitete, und fragte: „Wie sieht’s aus?“
„Was Spektakuläres können wir nicht bieten – keine abgerissenen Knöpfe, keine Stofffetzen, kein Blut. Dafür reichlich Fuß- und Reifenspuren.“
„Auto?“
„Wahrscheinlich von zwei Mopeds und einem Motorrad.“
„Sonst nichts Auffälliges?“
„Vorerst nicht. Vielleicht ergibt sich etwas, wenn wir alles entwickelt und ausgewertet haben. Aber vertrau nicht drauf. Mit dem, was wir euch liefern können, lässt sich das, was sich abgespielt hat, wohl kaum erklären. Ihr werdet in erster Linie auf eure eigene Spürnase angewiesen sein!“
Solger ging nicht darauf ein. „Wie lange braucht ihr noch?“, erkundigte er sich.
„Zehn Minuten.“
„Könnt ihr mich dann mitnehmen?“
„Wird ziemlich eng“, meinte Runge. „Aber für dich verrenken wir uns schon mal.“
„Ich guck mich um, bis ihr so weit seid“, entgegnete Solger und stapfte davon. Nach einigen Schritten verstärkte sich in seinem Kreuz der Schmerz, den er schon gespürt hatte, als das Krankenauto weggefahren war, und wenig später begann es, auch noch in seinen Gelenken zu ziehen. Verdammtes Wetter, dachte er, während er langsam in Richtung Schmiede weiterging und den Lichtschein seiner Taschenlampe über die Erde gleiten ließ.
Auf halbem Weg kam ihm Mandrok entgegen.
„Was entdeckt?“, fragte Solger.
„Keine frischen Spuren. Aber in der wärmeren Jahreszeit scheint das halb verfallene Gebäude als Unterschlupf oder Treffpunkt zu dienen.“
„Wie kommst du darauf?“
„Ich hab leere Flaschen und Konservenbüchsen sowie andre Abfälle gefunden. Außerdem sind die Überreste eines Lagerfeuers vorhanden. Durch die Mauern geschützt, hat man es von außen wahrscheinlich kaum bemerkt, und der Rauch konnte mühelos durchs löchrige Dach abziehen.“
„Das hilft uns im Augenblick nicht weiter. Am besten, wir schauen uns noch mal auf der Wiese um.“
Sie bewegten sich in geringem Abstand voneinander. Das gebündelte Taschenlampenlicht durchdrang den Nebel und löste die vereinzelt mit Sträuchern bewachsene Grasfläche Stück für Stück aus dem Dunkel.
Plötzlich rief Solger: „Komm mal her!“
Er stand neben einem brusthohen Gebüsch und wies auf den lockeren, an dieser Stelle kahlen Boden, wo deutlich frische Schuhabdrücke zu sehen waren.
„Meinst du, hier hat jemand gelauert?“, fragte Mandrok, während er die Stapfen eingehend betrachtete. Auffällig an ihnen waren die Größe und das ungewöhnliche Sohlenprofil.
„Zumindest deuten die Abdrücke darauf hin, dass jemand da gehockt oder gestanden hat. Trotzdem bleibt mir unklar, was geschehen ist. Und ich hab so ein Gefühl, als müssten wir uns ziemlich anstrengen, um’s rauszukriegen.“
„Wie ordnest du eigentlich den Anrufer ein?“, wollte Mandrok wissen.
„Auch da bin ich unsicher. Die Tatsache, dass der Mann seinen Namen verschwiegen hat, weist zum einen darauf hin, dass er ins Geschehen verwickelt ist. Andrerseits kann er sich aber auch so verhalten haben, um nicht als Unbeteiligter in die Sache verstrickt zu werden. Auf jeden Fall müssen wir ihn in unsre Ermittlungen einbeziehen. Es...“
Er konnte nicht weitersprechen, weil Runge, durch das Verweilen der Männer an derselben Stelle aufmerksam geworden, neben ihnen auftauchte.
„Was habt ihr denn gefunden?“, erkundigte er sich.
„Sieh selbst.“
Er beugte sich über die Abdrücke. „Ich glaube, die haben wir weiter drüben ebenfalls entdeckt. Aber hier sind sie deutlicher. Deshalb sichern wir sie noch mal. Das seltene Profil könnte wichtig werden.“
„Auch die nicht alltägliche Größe“, meinte Mandrok. „Das dürfte mindestens sechsundvierzig sein.“
„Der Kerl hat wirklich einen gewaltigen Latsch“, bestätigte Runge. „Wenn sein Körper im passenden Verhältnis dazu steht, müsst ihr mit einem Goliath rechnen.“
Als er sich nach seinen Begleitern umwandte, die bereits am Auto auf ihn warteten, sagte Solger zu Mandrok: „Mehr ist für uns hier nicht zu tun. Ich fahre mit zurück, weil mich die Feuchtigkeit zum Gotterbarmen piesackt. Für dich bleibt noch der Weg zu den Eltern. Bemüh dich, sie schonend aufzuklären. Und versuch, so viel wie möglich über das Mädchen zu erfahren. Vielleicht ist was dabei, das uns weiterhilft.“
23.50 Uhr
Die Straßenführung in Windach ist unübersichtlich wie in vielen Neubaugebieten. Deshalb dauerte es geraume Zeit, bis Mandrok den richtigen Eingang am elfgeschossigen Wohnblock fand. Endlich stand er davor, leuchtete mit dem Feuerzeug die Namensschilder an und drückte auf die Klingel. Es überraschte ihn, gleich den Türöffner summen zu hören, ohne dass nachgefragt wurde, wer unten stand. Erwartete man die Tochter und glaubte, sie habe die Schlüssel vergessen?
Mit dem Fahrstuhl im neunten Stockwerk angelangt, wandte sich Mandrok gefühlsmäßig nach links und stieß an der zweiten Wohnung auf eine angelehnte Tür. Ehe er das kleine Namensschild neben der Klingel entdeckte, vernahm er von innen Schritte, und gleich darauf stand eine Frau vor ihm. Sie war groß, sehr schlank, hatte kurzes, blondiertes Haar und ein schmales, abgespanntes Gesicht. Mandrok schätzte, dass sie etwa vierzig Jahre alt sein mochte.
„Frau Pahl?“, fragte er.
„Ja.“ Sie schien sehr erstaunt, einem fremden Mann gegenüberzustehen, und ihr Blick, der unablässig auf ihn gerichtet blieb, verriet flüchtigen Schreck.
„Ich bin Kriminalkommissar Mandrok“, stellte er sich vor und zeigte seinen Ausweis.
Die Frau wurde blass und strich sich fahrig eine Haarsträhne aus der Stirn. „Ist...Hat Carina etwas angestellt?“
„Ich möchte nicht hier mit Ihnen darüber sprechen.“
Sie öffnete die Tür weiter und gab den Weg frei. „Treten Sie ein.“
Mandrok nahm ihr gegenüber in dem angebotenen Sessel Platz. Schon als Solger ihm den Auftrag erteilt hatte, war ihm nicht ganz wohl gewesen. Nun verstärkte sich das unangenehme Gefühl noch, und er war froh, dass Frau Pahl zu sprechen begann, weil er dadurch Zeit gewann.
„Sie wundern sich bestimmt, dass ich munter gewesen bin“, sagte sie, als wäre ihr klar, dass sie nichts Gutes erfahren würde und es so noch etwas hinausschieben könnte. „Ich bin erst vor einer halben Stunde vom Dienst gekommen und hab den Fernseher eingeschaltet, weil ich auf Carina warten wollte. Als es klingelte, dachte ich, sie wäre es, hätte wieder mal die Schlüssel vergessen. Stattdessen...“ Sie brach ab und blickte ihn unruhig an.
„Ihre Tochter“, Mandrok zögerte, suchte nach Worten, wird...kann heute nicht mehr kommen. Sie...sie ist verunglückt.“
„Ist...ist sie...?“ Ihre Stimme versagte, und die Lippen zuckten.
„Nein. Sie lebt.“
„Mein Gott.“ Die Frau presste ihre Hände vors Gesicht und wurde von einem Krampf geschüttelt, während sie, noch immer bestürzt, weitersprach. „Ich hab’s geahnt! Bedenkenlos auf ‘n Sozius steigen, egal, ob die Kerle mit den schnellen Maschinen, die es jetzt gibt, fahren können oder nicht! Manche sind ja absolute Stümper, und andre drehen auf, dass einem die Luft wegbleibt.“ Sie ließ die Hände sinken, hob den Kopf und sah Mandrok aus geröteten Augen an. „Es ist doch dabei passiert?“
„Wir wissen es nicht“, erwiderte er und berichtete, wo und wie man Carina gefunden hatte.
Frau Pahl wurde noch blasser, hörte mit aufeinander gepressten Lippen zu und schien das Vorgefallene nicht fassen zu können.
„Es muss also kein Unfall gewesen sein?“, vergewisserte sie sich.
„Nein“, bestätigte Mandrok.
„Da ist Carina vielleicht“, sie brach ab, als wagte sie das nächste Wort nicht auszusprechen, fuhr dann aber entschlossen fort, „Opfer eines Verbrechens geworden?“
„Vielleicht.“
„Und ihr Zustand ist ernst?“
Mandrok hätte es gern beschönigt, um die Frau zu trösten, doch er wusste, dass er sie nicht belügen durfte. Deshalb bestätigte er: „Ja, sehr ernst.“
Sie presste erneut die Hände vors Gesicht, ihr Oberkörper zuckte stärker als vorhin, und sie begann zu schluchzen. Nach einer Weile stand sie unerwartet auf, wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und rief: „Ich muss zu ihr!“
Mandrok erhob sich ebenfalls, trat neben die Frau, berührte nach kurzem Zögern ihre Schulter und sagte: „Ich verstehe Ihre Empfindungen und möchte Sie nicht zurückhalten. Doch wenn Sie bereit wären, mir noch einige Auskünfte zu geben, könnten wir vielleicht rascher herausbekommen, was mit Carina geschehen ist.“
Zunächst schien sich Frau Pahl gegen seinen Vorschlag zu sträuben, dann setzte sie sich wieder hin, lehnte sich langsam zurück und fragte beherrscht: „Was wollen Sie wissen?“
Mandrok war durch die Wendung so überrascht, dass er geraume Zeit brauchte, um einen Anfang zu finden. „Wenn wir davon ausgehen, dass es sich um eine Gewalttat handelt“, begann er schließlich, „stellt sich die Frage nach möglichen Feinden. Hat Ihre Tochter welche?“
„Ich wüsste niemand.“
„Vielleicht jemand, der durch sie gekränkt worden ist: ein verschmähter Verehrer, ein betrogener Freund...“
„So was wäre sicher möglich. Doch ich kenne keinen.“
„Überlegen Sie genau! Mitunter kann der kleinste Hinweis bedeutsam werden.“
Sie dachte eine Weile nach, schüttelte dann entschieden den Kopf. „Tut mir leid. Aber mir fällt wirklich nichts ein.“
Mandrok begriff, dass er so nicht weiterkam und lenkte das Gespräch in eine andre Richtung.
„Was ist Ihre Tochter für ein Mensch?“, fragte er.
Frau Pahl schwieg einige Zeit, es schien, als müsste sie sich über das, was Mandrok erfahren wollte, selbst erst klar werden. „Früher hätte ich gesagt, dass ich mir kein besseres Kind wünschen könnte“, entgegnete sie dann. „Heute sieht es leider anders aus, und daran bin ich nicht schuldlos.“
„Inwiefern?“
„Als sich Carina zu verändern begann, war ich so enttäuscht und hilflos, dass ich vieles falsch machte. Statt Geduld und Verständnis aufzubringen, habe ich oft geschimpft, ihr wieder und wieder zugesetzt, bis sie sich die Ohren zuhielt und weglief. So hab ich meinen Einfluss und einen großen Teil ihres Vertrauens verloren. Was sie bei mir nicht gefunden hat, sucht sie nun vermutlich woanders. Mich klammert sie weitgehend von allem aus. Ich hab kaum Kenntnis von ihren Unternehmungen, erfahre nur wenig von ihren Gedanken, Gefühlen, Hoffnungen und Wünschen. Das ist nicht gut, ich weiß, aber ich komm nicht an sie ran, fühle mich ohnmächtig und hab nahezu aufgegeben.“
Mandrok erkannte, dass es ihr schwerfiel, so offen mit ihm zu reden. Er ließ ihr deshalb ein wenig Zeit, ehe er fragte: „Sie wissen demnach gewöhnlich nicht, was Ihre Tochter unternimmt?“
„Nein.“
„Haben also auch keine Ahnung, mit wem sie am Abend zusammen gewesen sein könnte?“
„Doch. Meist trifft sie sich mit Anke. Sie sind seit der fünften oder sechsten Klasse befreundet und haben gemeinsam eine Lehre als Wirtschaftskauffrau angefangen.“
„Was halten Sie von der Freundin?“
„Auch sie war früher netter und zugänglicher. Gestört hat mich aber schon immer an ihr, dass sie gern lügt. Doch Carina nimmt daran keinen Anstoß, sie hängt an ihr wie eine Klette. Fast täglich glucken sie zusammen, fahren zu Diskos, hängen im Stadtzentrum rum, feiern irgendwelche Feten...“
„Geht das schon lange so?“
„Besonders schlimm erscheint es mir seit dem letzten Herbst, als habe Carina durch die Veränderungen, von denen, wie ich finde, viele überfordert werden, gänzlich das Gleichgewicht verloren. Aber die Anfänge dafür, dass sie sich zu wandeln begann, sie immer häufiger ausflippte, reichen wesentlich weiter zurück. Sie fallen in die erste Zeit, da ich allein mit ihr war.“
„Sie sind geschieden?“
„Ja. Carina hing sehr an ihrem Vater und er kaum minder an ihr. Doch bei ihm hat’s nach der Scheidung nicht lange vorgehalten. Männer können anscheinend rasch vergessen und ihre Gefühle nach Belieben steuern. Seit er zu einer mit Haus und großem Auto nach Hessen gezogen ist, reicht’s für Carina grade noch zur Geburtstagskarte.“
„Sein Abwenden hat sie nach Ihren Beobachtungen sehr getroffen?“
„Weit mehr, als sie sich eingestehen will.“
„Aber sie verdammt deshalb nicht alle Männer?“
„Nein, das nicht.“
„Sie hatte also Freunde?“
„Ja.“
„Viele?“
„Kommt drauf an, was Sie darunter verstehen. Falls Sie jeden dazurechnen, bei dem sie aufs Motorrad gestiegen ist, dann ja. Wenn Sie die meinen, denen sie sich zugetan fühlte, sicher nur wenige. Aber wie gesagt, ich könnte Ihnen keinen einzigen Namen nennen.“
Mandrok erkannte, dass er kaum noch etwas erfahren würde, was ihnen weiterhalf. Er bedankte sich und stand auf. Frau Pahl begleitete ihn zur Tür. Als er ihr die Hand reichte, fragte sie: „Hoffen Sie, den Täter zu finden?“
„Wir werden alles tun, was möglich ist.“
Im Auto überdachte Mandrok, was sie bisher ermittelt hatten. Er begriff, dass nichts davon auf eine Spur hinwies, es auch nach dem Gespräch mit Carinas Mutter keine Anhaltspunkte dafür gab, was an der ehemaligen Schmiede geschehen war, sie also noch völlig im Dunkeln tappten. Aber aus seiner Erfahrung wusste er, dass manches von dem, was bisher belanglos erschien, im Verlauf der weiteren Ermittlungen bedeutsam werden, sie zum Täter führen konnte.
Der Fahrer lenkte das Auto über die Schnellstraße, die Windach mit der Innenstadt verbindet. Nur vereinzelt tauchten Fahrzeuge im Gegenverkehr auf. Ihre Scheinwerfer schimmerten fahl aus dem Nebel.
Minuten später stieg Mandrok müde die Treppen zu seiner Wohnung hoch. Er öffnete vorsichtig die Flurtür und schlich sich ins Wohnzimmer, wo die Stehlampe brannte und leise Musik aus dem Radio tönte. Birgit lag angezogen auf der Couch und schlief. Wahrscheinlich hatte sie lange auf ihn gewartet. Er deckte sie behutsam zu, schaltete das Rundfunkgerät aus und löschte das Licht.
Im Bett musste er noch geraume Zeit an das Erlebte denken. Erst als es von der St.-Pauls-Kirche zwei Uhr schlug, überwältigte ihn der Schlaf.
Donnerstag, 15. November, 6.45 Uhr
Das Telefon weckte ihn.
„Morgen, Matti“, sagte Solger. „Mich hat’s über Nacht völlig erwischt. Ich bin bocksteif, konnte mich mit äußerster Mühe gerade bis zum Apparat schleppen. Es hilft nichts, Junge, ich muss dir den Fall übergeben. Der Chef hat schon seinen Segen erteilt. Dein neuer Mitstreiter wird Gallinat sein.“
Augenblicke hatte Mandrok das Gefühl, ihm bliebe die Luft weg. Als er sich langsam fasste, dachte er: Gallinat. Das ist wenigstens Glück im Unglück. Der Oberassistent, der erst einige Monate in ihrer Abteilung war und im nächsten Jahr zum Studium gehen sollte, hatte bisher nicht nur Eifer, sondern auch Klugheit, Übersicht und erstaunlichen Spürsinn bewiesen.
„Vergiss das Atmen nicht“, mahnte Solger. „So schlimm kann dir meine Mitteilung doch kaum erscheinen. An deiner Stelle würde ich sie eher als günstigen Umstand betrachten. Irgendwann muss jeder seinen ersten Fall übernehmen. Das treibt einem natürlich den Puls hoch, aber vor allem ist’s eine Gelegenheit, auf die man insgeheim schon lange gewartet hat, zumal dann, wenn man mit so ‘nem kauzigen Alten zusammenarbeitet, der sich für unersetzlich hält. Nun also ist’s so weit, Matti, schlägt für dich die Stunde der Wahrheit, darfst du zeigen, was in dir steckt.“
„So kann man’s auch sehen“, räumte Mandrok ein.
„Sieh es so“, riet Solger. „Und lass dich nicht ins Bockshorn jagen! Der Fall hat möglicherweise seine Tücken. Aber du schaffst es, da bin ich ganz sicher. Und völlig allein stehst du ja trotzdem nicht. In Gallinat hast du einen pfiffigen, verlässlichen Helfer, und so gut es von meiner Krankenstube aus geht, werde ich euch unterstützen. Eine kurze Lagebesprechung schlage ich gleich vor. Sie erscheint mir vorteilhaft, ehe du dich mit Volldampf in die Arbeit stürzt. Kannst du in einer halben Stunde hier sein?“
Er legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten.
Es scheint ihn ärger als sonst erwischt zu haben, dachte Mandrok unter der Dusche. Sonst würde er die Zügel nicht aus der Hand geben. Wie es seiner Art entspricht, will er allerdings auf dem Laufenden bleiben. Das muss sich aber keineswegs nachteilig auswirken. Sein Rat kann uns vor Irrtümern bewahren, ohne dass sich an der Sachlage etwas ändert: Es wird der erste selbstständige Fall für mich!
Er bedauerte, dass Birgit schon zur Arbeit gegangen war. Wie würde sie die Neuigkeit aufnehmen?
Als er pünktlich bei Solger klingelte, hatte er sich bereits auf den Rollenwechsel eingestellt. Die unerwartete Möglichkeit, seine Fähigkeiten nachweisen zu können, reizte und beflügelte ihn. Er wollte sie mit wachen Sinnen nutzen.
Frau Solger öffnete. Ihr Mann saß blass und übernächtig in einem Sessel. Man merkte, dass ihm jede Bewegung Schmerzen bereitete.
Im zweiten Sessel hatte Dirk Gallinat Platz genommen. Das schmale Gesicht unter den schwarzen, straff gekämmten Haaren verriet seine Spannung. Er wusste, dass sich durch die entstandene Lage auch für ihn eine unverhoffte Gelegenheit ergab.
Solger bedeutete Mandrok, sich auf die Couch zu setzen. „Machen wir’s kurz“, sagte er, „denn die Zeit ist kostbar. Je frischer die Spur, desto größer die Aussicht, den Fall rasch zu lösen. Deshalb hab ich Dirk schon erzählt, was ich weiß. Hinzufügen muss ich, dass die Kriminaltechniker bisher nichts bieten, was uns voranbringt. Also bleiben nur die Reifenspuren und der auffällige Sohlenabdruck, den Runge uns in erstklassiger Qualität liefern wird. Doch im Augenblick ist der ebenfalls nutzlos, da uns noch immer nicht klar ist, was sich ereignet und zu dem schlimmen Zustand des Mädchens geführt hat. Oder bist du inzwischen zu einer Erkenntnis gelangt, Matti?“
„Nein“, erwiderte Mandrok. „Allerdings geht mir die seltsam verkrümmte Stellung der Verletzten nicht aus dem Sinn.“
„Daran hab ich ebenfalls gedacht“, sagte Solger, „weiß jedoch auch keine plausible Erklärung. Und hätten wir eine, brächte sie uns wohl kaum entscheidend weiter. Wir müssen versuchen, die Sache von einer andren Seite zu packen.“ Er blickte zu Mandrok. „Hat dein Besuch bei der Familie was ergeben?“
„Nicht viel.“ Der Kommissar berichtete das Wesentliche des Gesprächs mit Carinas Mutter.
Als er schwieg, wandte sich Solger an Gallinat, der aufmerksam zugehört hat. „Was sagen Sie dazu?“
„Der lockere Lebenswandel des Mädchens könnte mit dem Vorgefallenen in einem Zusammenhang stehen.“
„Denkbar“, räumte Solger ein. „Schade, dass die Mutter keine Namen von Motorradfahrern kennt, mit denen ihre Tochter bekannt ist.“
„Wir werden bestimmt welche von Carinas Freundin erfahren“, sagte Mandrok.
„Wo erreicht ihr sie?“
„Voraussichtlich in der Berufsschule. Aber vorher will ich noch in die Klinik.“
„Warum?“
„Möglicherweise gibt es Untersuchungsergebnisse, die sich für unsre Ermittlungen verwerten lassen. Außerdem möchte ich erfahren, ob Carina in absehbarer Zeit aussagen kann. Und schließlich“, er zögerte Augenblicke, ehe er fortfuhr, „wäre es möglich, dass der Täter angerufen hat, um sich nach ihrem Zustand zu erkundigen.“
„Das halte ich für wenig wahrscheinlich“, erwiderte Solger. „Selbst dann, wenn der Mann, durch den wir benachrichtigt worden sind, der Täter sein sollte. Mit der Meldung hätte er bereits versucht, sein Gewissen zu beruhigen. Mehr könnte er nicht tun. Warum also sollte er sich der Gefahr aussetzen, später an seiner Stimme erkannt zu werden, da er ja nicht wissen kann, dass unser Aufnahmegerät wieder mal gestreikt hat? Andrerseits“, fügte er nach kurzem Überlegen hinzu, „ist natürlich nichts unmöglich. Bleib also bei deinem Plan. Falls nichts dabei rauskommt, werdet ihr euch umso eingehender mit Carinas Freundin beschäftigen. Vielleicht stoßt ihr durch sie auf die entscheidende Spur.“
„Und wenn auch sie uns nicht weiterbringt?“, fragte Mandrok.
„Fangt erst mal an. Solltet ihr nicht vorankommen, dürft ihr mich jederzeit anrufen. Ansonsten sehen wir uns am Abend. Etwas klüger als jetzt, hoffe ich. Ich erwarte euch gegen neunzehn Uhr.“
7.40 Uhr
Carina Pahl lag auf der Intensivstation. Die Dienst habende Schwester, mit der Mandrok zuerst sprach, zerstörte seine schwache Hoffnung, dass Solger doch Unrecht haben könnte.
„Nein, außer der Mutter, die auch jetzt hier ist, hat sich niemand nach der Verletzten erkundigt“, erwiderte sie auf seine Frage, „weder telefonisch noch persönlich. Sonst wäre es notiert oder mir gemeldet worden.“
Was die Kriminalisten danach durch den Stationsarzt erfuhren, traf sie noch härter.
„Die Patientin ist nach wie vor bewusstlos“, sagte er. „Ihr Zustand bleibt weiterhin kritisch.“
„Sie liegt also im Koma?“, fragte Gallinat.
„Ja. Zwar konnte die Gehirnblutung zum Stehen gebracht werden, aber man weiß nie, wie ein Körper auf so schwere Kopfverletzungen reagiert. Keiner kann voraussagen, ob und wann die Patientin aufwacht, keiner einschätzen, ob sie selbst bei günstigem Ausgang dauerhafte Schäden zurückbehalten wird.“
Als der Arzt bereits gehen wollte, sagte Mandrok: „Eins noch.“
„Fragen Sie!“
„Gibt es Anzeichen dafür, dass die Patientin vergewaltigt worden ist?“
„Nein.“
Dann, dachte Mandrok, während sich der Arzt endgültig abwandte, verringert sich die Möglichkeit, dass Carina an die ehemalige Schmiede gebracht wurde, um eine woanders begangene Tat zu verschleiern, müssen wir wohl eher davon ausgehen, dass sich alles am Fundort abgespielt hat.
Während er Gallinat seinen Gedankengang mit wenigen Sätzen erklärte, kam ihnen auf dem Flur, der zum Ausgang führte, Frau Pahl entgegen. Ihre Wangen waren blass und eingefallen, unter den verweinten Augen lagen bläuliche Schatten.
„Sie wissen, wie es um Carina steht?“, fragte sie.
Mandrok nickte.
„Es ist so schrecklich!“ Sie versuchte, sich zu beherrschen, konnte aber die Tränen nicht zurückhalten. „Ich durfte nur kurz zu meiner Tochter. Zwischen lauter Apparaten und Schläuchen ist sie kaum zu sehen. Sie liegt reglos auf dem Rücken, mit geschlossenen Augen und kreideweißem Gesicht, ohne jedes Anzeichen von Leben.“ Frau Pahl unterdrückte ein Schluchzen, schluckte nur mehrmals. Dann fasste sie Mandrok am Arm und bat eindringlich: „Sie müssen den, der an ihrem erbarmungswürdigen Zustand schuld ist, unbedingt finden!“
Es wird schwer, dachte er auf dem Weg zum Auto; denn wie es scheint, will uns kein glücklicher Zufall helfen. Wir müssen aus dem Nichts eine Spur finden, um nach und nach herauszubekommen, was sich am Tatort abgespielt hat.
„Fahr du“, sagte er zu Gallinat. „Dann kann ich besser überlegen.“
8.35 Uhr
In der Berufsschule erwartete sie eine Überraschung.
„Wie heißt die Schülerin, die Sie suchen?“, fragte die Sekretärin, eine etwa fünfundvierzigjährige, vollschlanke Frau mit dunkelblondem Haar, nachdem sich die beiden Kriminalisten ausgewiesen und ihr Anliegen genannt hatten.
„Anke Schwintek“, erwiderte Mandrok.
„Und was lernt sie?“
„Wirtschaftskauffrau.“
Die Sekretärin kniff die Augen hinter den starken Brillengläsern zusammen und blickte zur Stecktafel, die neben ihrem Schreibtisch an der Wand hing. „Dann ist sie heute nicht bei uns. Sie hatte gestern und vorgestern Unterricht.“
„Ist das sicher?“
„Ich bitte Sie“, entgegnete die Sekretärin mit leicht vorwurfsvollem Unterton und schürzte ihre stark geschminkten Lippen. „Ganz sicher! Unser Plan ist untrüglich.“
