Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Schon Napoleon wusste, dass die Liebe viele Gesichter hat. Die Geschichten des Bandes, die in Ostdeutschland, Ungarn, Portugal und Mexiko handeln, bestätigen es. Sie erzählen einfühlsam über unterschiedliche Beziehungen: von einem jungen Lehrer, dessen Frau Berit ihn mit einem einflussreichen Funktionär betrügt, da sie auf eine berufliche Karriere spekuliert, dem Bemühen eines NVA-Soldaten um das Verständnis seiner Freundin Simone, weil er sich zu drei Dienstjahren verpflichtet, die wundersame nächtliche Begegnung zwischen Jani und Edit, die sich durch einen Zaubertrunk an jenen magischen Ort erinnern, wo sie ihre Unschuld verloren haben, die späte Liebe eines Schriftstellers zu Fanni, die er während eines Winteraufenthalts an der Algarve trifft und bei Gesprächen sowie Ausflügen in die legendenreiche Umgebung erkennt, dass sie als Heimatvertriebene ein ähnliches Schicksal verbindet.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Stefan Raile
Späte Liebe am Meer
Liebes-Geschichten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
ABSCHUSS DER TAUBE
GENEVER BEI NETTY
URLAUB FÜR SUCHY
DER BRIEF
DAS ERSTE MAL
MIT JUDITH AM SEE
ZERSTÖRTES GLÜCK
ANNIKA
DER ZAUBERTRUNK
SPÄTE LIEBE AM MEER
AMEISENBLUME
Impressum neobooks
Da stehe ich also, blicke zum erleuchteten Fenster hoch und pfeife durch die Finger wie ein Schuljunge. Gleich wird Claudia die Gardine beiseiteschieben, einen Flügel öffnen und den Schlüssel herunterwerfen wie neulich. Doch nichts regt sich, nur das Licht erlischt. Dabei muss sie mein Pfeifen gehört haben. Bleibt nur: absichtlich ausgeschaltet! Ich will’s nicht glauben, denke: Es ist bestimmt ein Zufall. Deshalb gehe ich auch nicht weg, noch nicht.
Die niedrige Ziegelmauer vor der Hecke ist wie eine Bank, ich setze mich.
Claudia kenne ich erst seit kurzem. Wir begegneten uns, weil Robert zeitweise unzuverlässig war. Seinetwegen steckte an jenem Abend eine zweite Kinokarte in meiner Brieftasche, er konnte aber nicht mitkommen, weil er wieder mal zu tief ins Glas geguckt hatte. Seit seiner Scheidung trank er oft, zu oft, ich verstand nicht, warum es ihn immer aufs Neue in die verräucherte Kneipe zog, Bier, Schnaps, Bier, das war nichts für mich, damit hatte ich’s selbst anfangs nicht versucht.
Ich schlenderte durch mehrere Straßen, die richtige Lust für den Film fehlte, aber nach Hause wollte ich auch nicht; denn dort kam es noch häufig vor, dass mich jener Eindruck aus den ersten Abenden befiel: Die Zimmerwände rückten scheinbar enger zusammen, die Decke senkte sich und drückte mich tiefer in den Sessel, immer tiefer.
Also bummelte ich schließlich doch zum Kino, dort warteten ungefähr zwei Dutzend Leute an der Kasse, obwohl die Vorstellung bereits ausverkauft war. Etwas abseits entdeckte ich Claudia, sie sah zu mir herüber, und als ich die Karten hervorzog, trat sie einen Schritt näher und fragte: „Sie haben eine übrig?“
Der Film war gut, Claudia wandte keinen Blick von der Leinwand, und einmal bemerkte ich, wie sich ihre Hände auf dem Schoß verkrampften. Ich wollte danach greifen, es war ein Reflex von früher, als Berit so neben mir gesessen hatte, meist in der letzten Reihe, damit niemand sich mokieren musste, wenn wir uns küssten.
Claudia merkte, dass ich sie beobachtete, sie schaute mich an, und mir war es, als lächelte sie. Das ermutigte mich, im Schlussgedränge in ihrer Nähe zu bleiben. Auf der Straße wurden wir etwas beiseitegeschoben, Momente standen wir dicht nebeneinander, ich fürchtete, dass sie sich umdrehen und gehen könnte, doch ich wollte, dass sie blieb, deshalb fragte ich: „Haben Sie noch Zeit?“
„Wenig.“
„Schade. Ich hätte sie gern eingeladen.“
„So?“ Sie blickte zu mir hoch; denn sie war ein gutes Stück kleiner als ich, und ihre Stimme klang neugierig, zumindest schien es mir so.
„Zu einer Flasche Wein“, sagte ich, und weil es ein bisschen um ihre Mundwinkel zuckte, fügte ich hinzu: „In irgendein Restaurant.“
Sie zögerte Augenblicke, meinte dann: „Aber nicht lange.“
Wir fanden Platz auf der Terrasse eines nahen Lokals. Nachdem ich bestellt hatte, fragte Claudia: „Gefiel Ihnen die Frau?“
„Welche?“
„Die aus dem Film.“
„Nicht in allem.“
„Mir sehr. Sie wusste immer, was sie wollte.“
„Gerade das störte mich“, sagte ich. „Irgendwann zweifelt jeder mal.“
„Sicher“, stimmte sie zu. „Ich sogar jetzt.“
„Und woran?“
„Ob’s richtig war mitzugehen.“
„Also bedauern Sie’s bereits?“
„So ist’s nicht“, widersprach sie. „Nur missfällt mir, dass Sie alles bezahlen wollen. Zuerst die Kinokarte und nun auch noch den Wein.“
„Es wird mich nicht ruinieren“, sagte ich. „Oder erweckt’s den Anschein?“
„Durchaus nicht“, erwiderte sie. „Schließlich sieht man, dass Sie kein Armer sind. Anzug, weißes Hemd, Binder – das fällt auf mitten in der Woche.“
„Unangenehm?“
„Im Gegenteil“, antwortete sie. „Ich mag’s, wenn Männer auf ihre Kleidung achten.“
Berit dachte anders, wenigstens zuletzt, aber da störte sie ohnehin fast alles an mir. Als ich zu einer Veranstaltung unsres Kollegiums den neusten Anzug auswählte, pflanzte sie sich im Korridor vor mir auf, stemmte die Fäuste in ihre Hüften und sagte: „Putzt dich ja wieder mal raus wie ein Gigolo! Willst wohl euren Weibern imponieren?“
Claudia meinte: „Arbeiter sind Sie gewiss keiner. Ihre Hände sehen nicht danach aus.“
„Finden Sie?“
„Ja“, beharrte sie. „Ich tippe auf was andres.“
„Und worauf?“
„Lehrer.“
„Gratuliere“, sagte ich. „Sie können wohl hellsehen?“
„Das nicht gerade“, erwiderte sie. „Aber bei Ihnen war’s leicht. Sie haben den Blick eines Schulmenschen. Ich besitze ein Gespür dafür.“
„Woher denn?“
„Das hängt mit dem Interesse zusammen“, sagte sie. „Ich wollte mal Pädagogik studieren, wurde aber abgelehnt. Es gab Bessere. Oder sie hatten bessere Beziehungen. Doch nun ist’s nicht mehr wichtig.“
Sie nahm ihr Glas und trank langsam einige Schlucke.
Die einen möchten was Bestimmtes werden und dürfen nicht, dachte ich, die andern schaffen’s auf Anhieb und begreifen danach, dass es nicht das Geeignete für sie ist. So war’s bei Berit. Sie verließ mit sehr guten Noten und großen Erwartungen das Institut, doch mit den Schülern kam sie nicht so zurecht, wie sie es sich vorgestellt hatte. Darunter litt sie, und wenn ich von Erfolgen in meiner Klasse erzählte, blieb sie einsilbig. Als sie dann das erste Mal ihre Sorgen erwähnte, nahm ich es nicht ernst. Erst später begriff ich, dass sie wirklich Schwierigkeiten hatte und wollte ihr helfen, doch nun sperrte sie sich. Mehr und mehr verlor sie ihre Unbekümmertheit, saß stundenlang über den Vorbereitungen, ich begann zu nörgeln, weil sie kaum noch Zeit für mich aufbrachte. Sie wehrte sich nicht. So vergingen Wochen, Monate. Ich gewöhnte mich an ihre bedrückte Stimmung, umso mehr staunte ich, als sie eines Tages freudig aus der Schule nach Hause kam. Der Grund war dieser: Kadurath, der Chefinspektor, hatte sie für ihre Klassenleiteranalyse vor dem Pädagogischen Rat gelobt. Sie konnte weitaus bessere Berichte schreiben als ich, bei so was gab ich mir wenig Mühe, ich hielt es für Zeitvergeudung. Später, als Berit schon eine leitende Position in Aussicht stand, missfiel ihr meine Ansicht. Sie sagte: „Du bist zu unauffällig. Gewiss, du schmeißt deinen Kram, nichts dran zu deuteln, doch das ist zu wenig, du musst mehr klingeln, wenn man auf dich aufmerksam werden soll.“
„Wozu?“, fragte ich. „Meine Arbeit gefällt mir.“
„Tatsächlich? Und es stört dich nicht, dass andre die Leiter hochklettern und du unten bleibst, ganz unten, wo dir Hinz und Kunz auf’m Rücken rumtrommeln können?“
Claudia trank ihr Glas aus. „Für mich wird’s Zeit“, meinte sie.
„Gefällt’s Ihnen nicht?“
„Doch“, sagte sie. „Nur das Kind schläft manchmal so unruhig.“
Ob’s wahr ist? Oder braucht sie einen Vorwand? „Ist’s allein?“, fragte ich.
„Nein. Meine Mutter ist dort.“
Also stimmt’s wohl doch, dachte ich. Weshalb auch nicht? Sie ist bestimmt schon zwanzig, und in dem Alter haben viele das erste Kind. „Ein Junge?“, riet ich.
„Ein Mädchen“, entgegnete sie. Dabei beobachtete sie mich und bemerkte, dass ich auf ihren ringlosen Finger blickte. „Er ist bei der Fahne“, sagte sie.
Ich sah mich durchschaut und griff nach meinem Glas. Später meinte ich: „Ehe auf Raten also. Das ist auch nicht grade das Schönste.“
„Man gewöhnt sich“, entgegnete sie, „und für ihn ist’s nicht unangenehm, immerhin hört er dort kein Kindergeschrei. Wissen Sie, wie so ein Menschlein quengelt und jammert, wenn’s krank ist?“
„Ich glaub schon“, sagte ich und dachte: Wie viel Nächte bin ich kaum zum Schlafen gekommen, als Kerstin Mittelohrentzündung hatte. Gewiss, Berit war ungemein fürsorglich, sie sprang sofort auf, wenn die Kleine zu wimmern begann, flößte ihr Medizin ein, strich ihr übers verschwitzte Haar und redete liebevoll mit ihr. Ich wurde jedes Mal wach, und oft trat ich ebenfalls ans Bett; denn mein Anblick beruhigte Kerstin. Eines Nachts konnte Berit nicht mehr, ihre Beine zitterten, als sie sich erhob, und sie torkelte vor Erschöpfung. Da übernahm ich die Pflege, obgleich ich morgens in die Schule musste, wo ich mit verquollenen Augen unterrichtete.
„Bei der Truppe hat er seine Kumpel“, fuhr Claudia fort, „dort gibt’s öfter ‘nen Jux, und das gefällt ihm. Für Späße war er schon immer. Bei einem lernte ich ihn kennen.“
Sie lagen auf einer Decke, Claudia und Katrin, wenige Schritte weg vom Ufer, wo das Wasser über glitschige Steine schwappte. Es war in der letzten Ferienwoche nach der Zehnten, sie wollten die paar Tage noch gemeinsam verbringen. Danach würde Katrin am Institut studieren, wohin auch Claudia so gern gemocht hätte, um alles über Makarenko, Pestalozzi und die Didaktik zu erfahren.
Das Wasser schimmerte grünlich im stillgelegten Kalkbruch, jenseits ragte schroffer Fels empor, zwanzig Meter oder mehr, an der zerklüfteten Wand kletterten mehrere Jungen, sie stellten sich auf die Vorsprünge, beugten die Köpfe, wippten ein bisschen in den Knien, dann sprangen sie, und einer erklomm eine schwer zugängliche Plattform, die andern schauten zu ihm hoch, er kauerte Sekunden und keuchte, schließlich richtete er sich auf und trat nach vorn, seine Zehen tasteten, er blickte in die Tiefe, dann stieß er sich ab. Claudia beobachtete, wie er eintauchte, wenige Spritzer flogen auf, die Badehose schimmerte durchs Wasser, nur kurz allerdings; denn der dunkle Grund schluckte das Licht. Stille herrschte, lange, endlich kam der blonde Haarschopf zum Vorschein, und die Jungen begannen zu johlen.
Nachher schwammen Claudia und Katrin weit hinaus, sie sahen nicht einmal mehr ihren Liegeplatz, weil Bäume die Sicht behinderten. Später, als sie sich anzogen, merkte Claudia, dass ein Kleidungsstück fehlte.
„Nimm’s nicht tragisch“, meinte Katrin. „Drüben soll ohne modern sein.“
Sie bestiegen ihre Fahrräder, kamen aber nicht weit, da hinter der ersten Biegung etliche Jungen den schmalen Weg versperrten. An seiner Badehose erkannte Claudia den, der von der Plattform gesprungen war, er stand breitbeinig vor den andern, hielt die Arme auf den Rücken und sagte: „So dürft ihr nicht in die Stadt!“
„Wieso?“, fragte Katrin.
„Die Sittenpolizei würde euch hoppnehmen.“ Er betrachtete sie ungeniert und grinste.
„Blödian“, sagte Katrin und wollte sich an ihm vorbeischieben, doch er griff mit der rechten Hand nach ihrem Lenker, die linke streckte den BH vor.
„Gib her“, forderte Claudia und langte danach.
Der Junge war schneller, er zog den Arm zurück. „Erst den Finderlohn“, sagte er.
Katrin verzog verächtlich die Mundwinkel. „Finderlohn? Ihr habt ihn doch geklaut!“
„Dann eben Diebeslohn“, meinte der Junge.
Claudia fragte: „Wie viel?“
„Einen.“
„Was?“
„Kuss.“
Sie sah ihn vor sich stehen, groß und breitschultrig, seine Augen waren blau, sie dachte: beinah himmelblau, und als er näherkam, wich sie nicht aus, seine Arme griffen nach ihren Schultern, sie spürte den kräftigen Händedruck und die Lippen auf ihrem Mund, sie wehrte sich nicht.
Am folgenden Tag radelten sie wieder zum Kalkbruch, denn dort war Andreas, er hockte sich zu ihnen auf die Decke, und Claudia hatte nur noch Augen für ihn. Erst als die Freundin ihre Sachen zusammenpackte und das Bündel auf den Gepäckhalter schob, blickte sie verwundert auf.
„Was ist?“, fragte sie.
„Ich bin keine Anstandsglucke.“
„Du störst nicht. Stimmt’s, Andi, sie stört nicht?“
„Nein“, pflichtete er ihr bei, „aber wir brauchen sie nicht unbedingt.“
Katrin verfärbte sich ein bisschen, ihre Finger pressten den Lenker, wortlos fuhr sie davon.
Claudia verbrachte die letzten Ferientage mit Andreas, auch die folgenden Wochenenden, sie wurde Stammgast auf seinem Sozius, sah Schwalben auf den Drähten, Nebel über den Wiesen sowie wirbelnde Blätter im Wind, und einmal hielten sie in der Stadt mit dem riesigen Rummel auf dem Marktplatz, dort ließen sie nichts aus, kein Karussell, keine Losbude, selbst die Luftschaukel nicht, darin wurde Claudia übel, sie torkelte, als sie ausstiegen, Andreas stützte sie, und er sagte: „Wir fahren nicht mehr, könnten’s auch gar nicht; denn bis auf ein paar lausige Groschen haben wir alles verjuchtelt.“
Er drückte ihr einen gewonnenen Stoffhund mit Plüschohren in die Hand, und sie hielt ihn fest, während sie zum Motorrad gingen. Als sie es erreichten, war Claudia noch ein bisschen blass, fühlte sich aber schon viel besser.
„Andi“, sagte sie, „wir dürfen das Geld nicht mehr so verschleudern.“
„Warum?“
„Weil wir’s brauchen werden.“ Sie lächelte unsicher, wagte nicht, ihn anzusehen, sondern pusselte an dem Tier herum, zupfte an den Ohren. „Einen Anfang haben wir immerhin“, meinte sie schließlich. „Der Hund wird das erste Spielzeug sein.“
Da begriff Andreas, wollte es aber nicht wahrhaben. „Du flunkerst“, behauptete er.
„Es stimmt“, entgegnete sie. „Oder glaubst du, mit so was könnte ich spaßen?“ Sie suchte nach einer Spur Freude in seinem Gesicht, fand aber keine, deshalb sagte sie: „Dir ist’s bloß nicht recht.“
„Recht“, maulte er, „was heißt recht? Die Zeit ist ungünstig. Versteh doch: Wir lieben uns. Reicht dir das nicht? Bis jetzt haben wir nichts: kein Geld, keine Wohnung. Ein Kind kommt auch später zurecht.“
Er spricht wie meine Eltern, dachte sie. Zwar tobt er nicht wie Vater, noch barmt er wie Mutter, doch möchte er im Grunde das Gleiche. Sie musste schlucken, der Speichel schmeckte bitter, sie schwieg lange, sagte endlich: „Ich will’s aber. Und wenn alle dagegen wären, ich will’s!“
Sie drängte ihn nicht, überließ alles ihm. Wenn es sein müsste, schaffte sie es auch allein. So viel würde sie verdienen, ums durchzustehen, auch ein bisschen mehr; denn sofern eine Friseuse geschickt ist, aus dem dünnen Haar der Frau Doktor oder der Klempner-Meister-Gattin eine beachtliche Lockenpracht zaubert, mit allerlei Tricks und Raffinessen, fließen die Trinkgelder. Damit tröstete sie sich, drei Wochen lang, danach stand eines Abends Andreas vor dem Salon, mit eingezogenem Kopf und regennass, er langte ein paar welke Alpenveilchen aus der Manteltasche, sagte: „Jetzt will ich’s auch.“
Nun schien ihr Verhältnis wieder normal, doch wie früher wurde es nicht mehr, das spürten beide, begriffen nur nicht, warum. Seit er bei der Armee war, warteten sie wieder und wieder auf die Urlaubstage, aber die erhoffte Wende brachte keines der Wiedersehen, und Andreas zog es immer öfter zu seinen Kumpeln am Biertisch.
„Jetzt muss ich wirklich gehen“, sagte Claudia.
Ich winkte den Kellner herbei und zahlte, danach schlenderten wir durch etliche Straßen, wenige Menschen begegneten uns bloß, ich achtete kaum auf sie. Schließlich standen wir vorm Haus, in dem ich wohnte, ich war erstaunt, als ich’s merkte. Claudia schaute mich an, mir kam es vor, als läge Erwartung in ihrem Blick, deshalb fragte ich: „Kommst du mit hoch?“
Eine Lampe schien matt, das diffuse Licht beleuchtete ihr Gesicht, sie zögerte.
„Was hindert dich?“
„Nichts“, sagte sie.
Wir stiegen die Treppen empor, wortlos, unsre Schritte hallten, und der Schlüssel knirschte lauter als sonst. Im Korridor verharrten wir ein bisschen verlegen, schließlich nahm ich ihr den Mantel ab, und sie fragte: „Darf ich mir die Hände waschen?“
Ich führte sie ins Bad, dort blieb sie überrascht stehen und bewunderte die türkisfarbenen Fliesen. Ihr Erwerb war schwierig gewesen, er hatte neben dem überhöhten Preis noch zwei aus Ungarn mitgebrachte Flaschen Tresterbranntwein und eine große Gyulai Kolbász gekostet, doch das zu viel gezahlte Geld und die Mühen vergaß ich, als Berit, während ich die Maurerkelle säuberte, neben mich trat und lächelte.
„Gefällt’s dir?“
„Es macht was her“, sagte sie. Ihre Augen schimmerten, wie ich es auch im Dorf am Rande der Puszta beobachtet hatte. Wir waren in dem Sommer, als sie schwanger wurde, für drei Wochen mit unsrem Trabant über Böhmen, Mähren und die Slowakei in den südungarischen Ort gefahren, wo uns Großmutters Nichte Resi, die mit ihrem Mann aus Gründen, die mir unklar blieben, das kleine Gehöft behalten durfte, überaus gastfreundlich aufnahm. Ich fühlte mich wider Erwarten sofort heimisch, fürchtete aber, dass sich Berit nur schwer an die ihr fremden Bedingungen gewöhnen würde. Doch zu meinem großen Erstaunen fand sie sich mit einer Leichtigkeit, wie ich sie nie zuvor bei ihr beobachtet hatte, schon am zweiten Tag im häuslichen Umkreis zurecht. Als lebte sie seit langem hier, schöpfte sie Wasser aus dem Ziehbrunnen, tränkte Kuh und Schweine, fütterte das Geflügel, sammelte aus verschiedenen Legestellen die Eier ein, spielte mit dem schlappohrigen Mischlingshund, der mich ein wenig an Betyár erinnerte, erntete im Garten hinterm Maisschuppen Tomaten, Paprika und Gurken, half beim Zubereiten der Mahlzeiten und zeigte sich, als sie den hauchdünnen Strudelteig fast unversehrt über die gesamte Tischfläche zog, so geschickt, dass Resi sie mehrfach lobte, und ich zum ersten Mal dachte, sie übe vielleicht den falschen Beruf aus.
Manchmal schien es mir, als wirkte unter der grellen Sonne, die nur selten kurzzeitig von einem Wölkchen verdeckt wurde, ein wundersamer Zauber: Obwohl mir, durch unterschiedliche Eindrücke angeregt, wiederholt einfiel, was sechzehn Jahre vorher geschehen war, spürte ich kaum Bitterkeit, und Berit befragte mich so ausgiebig nach meinen Kindheitserlebnissen in dem nur wenige Kilometer entfernten Nachbardorf, wie ich es, da ihr meine Herkunft früher eher gleichgültig gewesen war, nie erwartet hätte. Wenn wir, bevor es dunkelte, Hand in Hand über die sandige, ortsnahe Hutweide stapften oder nach einigen Gläsern selbst gekeltertem Kadarka, die uns Martin, Resis Mann, nach unsrer Rückkehr, während wir zu viert auf dem lauschigen Säulengang beisammen saßen, eingeschenkt hatte, nahe nebeneinander in dem breiten Bett aus Eichenholz lagen, hörte sie mir besonders aufmerksam zu. Ich erzählte von unsrem Haus, dem mächtigen Maulbeerbaum, Betyár und Schneewittchen, der Kuh Rosi, dem alten Klock, dem jüdischen Händler Armin, Feri und den anderen Freunden. Nur Edit, die mir seit meinem Besuch, der vier Jahre zurücklag, nicht mehr geschrieben hatte, erwähnte ich mit keinem Wort.
Durch das, was sie nach und nach erfuhr, neugierig geworden, wollte Berit das Dorf unbedingt kennenlernen. Ich fuhr mit gemischten Gefühlen hin, ließ es mir aber nicht anmerken. Auf dem Parkplatz vor dem Gemeindeamt stellten wir das Auto ab. Je näher wir dem lindgrünen Haus kamen, desto stärker wurde meine Spannung. Sobald wir um die Ecke bogen, an der sich Armins Laden befunden hatte, schien es mir, als ginge Edit neben mir über die wenigen Stufen in den Verkaufsraum, und vor unsrem einstigen Anwesen angelangt, fürchtete ich, sie könnte wie bei meinem Besuch wirklich unerwartet aus dem Tor treten.
Berit spürte meine Unruhe, ohne zu ahnen, woher sie rührte.
„Schade“, sagte sie und blickte weiter zu dem Haus.
„Was?“, fragte ich.
„Dass es dir nicht mehr gehört“, erwiderte sie. „Nach dem, was ich, seit wir hier sind, erfahren und erlebt habe, würde ich mich, glaube ich, sehr wohl darin fühlen.“
In die Stadt an der Neiße zurückgekehrt, merkte ich, dass der Zauber, der uns drei Wochen umfangen hatte, rasch zu schwinden begann. Je mehr Berit mir durch ihre Arbeit wie vor unsrer Reise überfordert erschien, desto öfter dachte ich an Edit, der ich während unsres Dorfbesuchs nicht begegnet war, wenngleich ich es mir insgeheim gewünscht hätte. Geschah es, weil ich mich, von den jäh aufgelebten Erinnerungen beeinflusst, wiederholt fragte, ob ich mit ihr glücklicher geworden wäre?
Natürlich meinte ich damals noch, dass sich, was bei Berit für kurze Zeit geschehen war, dauerhaft zum Guten wenden könnte, wenn sie anders leben würde. Meine Hoffnung wuchs, sobald ich erfuhr, dass sie schwanger war, und an jenem Abend, als wir zum ersten Mal die Bewegung des Kindes tasteten, steigerte sie sich ins Unermessliche. Es folgten Sternstunden für uns, wir glaubten an Allmacht, glaubten, sämtliche Schwierigkeiten und Gefahren hinter uns gelassen zu haben, wollten nicht sehen, dass keine Wunder geschehen, alles bei uns lag.
Als der Schwangerschaftsurlaub zu Ende ging, schlug ich Berit vor, sich für ein Jahr freistellen zu lassen. Da kann sie ausspannen, dachte ich, und zu sich finden wie bei Resi und Martin. Vielleicht braucht sie nur genug Ruhe, um wieder so zu werden, wie ich sie kennengelernt habe.
Doch sie wollte mein Angebot auf gar keinen Fall annehmen. „Da würde das Geld knapp“, sagte sie, „und wo Mangel ist, funktioniert keine Ehe.“
Einmal redete ich mit Großmutter darüber, als ich sie in ihrem lichtarmen Zimmer besuchte, wo sie wie sonst im abgewetzten Lehnstuhl saß, die Augen halb geschlossen hielt und lautlos betete, während sie den Rosenkranz langsam zwischen ihren steifen Fingern bewegte. Sie merkte, dass mich etwas beschäftigte, obwohl sie meine Gesichtszüge, da sie zunehmend schlechter sah, wahrscheinlich kaum noch erkannte.
„Ist was mit Kerstin?“, fragte sie.
Ich verneinte.
„Mit Berit?“
Ich erzählte ihr, was mir Sorge bereitete, und während sie, den Kopf leicht geneigt, die Lider weiterhin halb geschlossen, aufmerksam zuhörte, fühlte ich mich ihr nahe wie einst, als sie fast immer einen Ausweg gewusst hatte. Doch jetzt strich sie sich, indem sie den Rosenkranz mit der linken Hand losließ, scheinbar ratlos übers schlohweiße, schütter gewordene Haar, dessen Ansatz schon weit über die Stirn zurückwich.
„Vielleicht“, sagte sie schließlich, „fehlt euch der Segen unsres Herrgotts. Du weißt, wie sehr es mich betrübt hat, dass ihr zwar ins Standesamt gegangen, aber nicht vor den Traualtar getreten seid. Vielleicht ist das, was bei euch geschieht, ein Zeichen dafür, das Versäumte nachzuholen?“
„Berit wäre nie damit einverstanden“, erwiderte ich, „und auch mir könnte es, wenn meine Vorgesetzten davon erfahren würden, erheblich zum Nachteil gereichen.“
„Dann“, sagte Großmutter, während sie mich traurig anblickte und verhalten seufzte, „kann ich nur weiter für euch beten.“
Doch so oft sie in ihrem lichtarmen Zimmer auch unsretwegen zum Rosenkranz griff, schien es nichts zu helfen. Wenn Kerstin schlief, korrigierten wir Hefte, lasen Fachliteratur, entwarfen Lektionen; anschließend sahen wir gewöhnlich fern, hockten im schummrigen Zimmer und starrten auf die Bildröhre, froh darüber, dass der andre nichts fragte.
Später blieb selbst für das stumme Zusammensein kaum noch Zeit, obgleich wir die Arbeit im Haushalt aufteilten und Kerstin abwechselnd betreuten. Berit saß manchmal bis weit in die Nacht vor ihren Büchern, sie studierte alle greifbaren Abhandlungen über Unterrichtsmethodik und glich das fehlende Geschick durch Fleiß aus. Mir wich sie immer auffälliger aus, in der Schule jedoch übernahm sie Funktionen und leistete Überdurchschnittliches. Im nächsten Frühjahr trug man ihr eine Tätigkeit in der Pionierkreisleitung an. Als sie mir davon erzählte, sagte ich: „Dort gibt’s keinen geregelten Feierabend. Wir haben ein Kind. Hast du daran gedacht? Oder willst du, dass ich mich allein um Kerstin kümmere?“
Sie lehnte ab, es sollte eine Konzession an mich sein, zumindest behauptete sie es. Unser Verhältnis wurde davon keinen Deut besser, und ich dachte immer öfter, dass Großmutter vielleicht wirklich Recht haben könnte. Doch es schien zu spät, um das, was sich abzeichnete, noch aufhalten zu können. Die Spannungen zwischen uns wuchsen, wir stritten uns von Woche zu Woche öfter, und als Berit nach Monaten ein weiteres Angebot erhielt, teilte sie mir lediglich mit, dass sie Schulinspektorin würde.
„Wer tüchtig ist, avanciert“, sagte sie, „denn Leistung wird immer und überall belohnt.“
Ganz so war’s nicht, aber das begriff ich erst später.
Claudia stand vorm Spiegel und kämmte sich, sie hatte welliges, halblanges Haar.
„Magst du Kaffee“, fragte ich, „oder lieber einen Schnaps?“
„Lieber Schnaps“, sagte sie, „aber vorher noch was andres, wenn’s dir nichts ausmacht.“
„Was?“
„Baden“, meinte sie. „Die Wanne lockt so.“
„Kannst du“, sagte ich, „natürlich“, und ich zeigte ihr die notwendigen Utensilien.
Während ich Flasche und Gläser bereitstellte, hörte ich, wie sie im Wasser planschte. So ausgelassen war Kerstin an jenem See gewesen, sie hatte am Ufer gekauert und lachend nach den Wellen gegriffen. Als ich sie an den Hüften fasste und weiter hineinwatete, patschte sie mit den Händchen, dass die Spritzer flogen. Einmal schaute ich zu Berit – sie saß auf einer Landzunge -, dabei entdeckte ich einen Mann neben ihr. Es war Kadurath. Ich sah, dass sie lachte, vernahm ihre helle Stimme, dachte: Wie sie ihn anhimmelt. Verdacht hatte ich noch keinen, der kam später, vor der Heimfahrt, da stand der Inspektor neben seinem Auto und fummelte am Schloss, kriegte aber die Tür nicht auf. Seine Frau und zwei Töchter warteten ungeduldig. Als Berit seine erfolglosen Bemühungen bemerkte, wurde sie zapplig. Sie stieß mich an und sagte: „Der Wagen ist neu. Er kommt nicht zu Rande. So hilf ihm doch!“
Da merkte ich zum ersten Mal auf, wollte es aber nicht glauben, dachte: Das kann nicht sein, er ist beinah zwanzig Jahre älter als sie, hat drei Kinder, was will sie mit ihm? Bald ahnte ich allerdings, dass sie ein Verhältnis hatten. Hinzu kam, dass mich etliche Bekannte drucksend und mitleidig über ihre Beobachtungen informierten, wodurch meine Vermutung zur Gewissheit wurde. Dennoch führte ich kein rasches Ende herbei, ich zögerte wegen Kerstin, zumindest redete ich’s mir damals ein, es widerstrebte mir, etwas andres überhaupt in Erwägung zu ziehen, heute weiß ich, dass auch Berit Anteil hatte. Aber in erster Linie ging’s ums Kind, schließlich sind die Chancen für Väter gering, in den weitaus meisten Fällen bekommen die Mütter das Erziehungsrecht zugesprochen. Ich konnte mir jedoch kein Leben ohne Kerstin vorstellen, wollte sie weiter lachen hören, ihre staunenden Augen sehen, die weichen Händchen in meinem Gesicht spüren.
Berit unternahm gleichfalls nichts. In jenen Wochen, da ich endgültig zu bezweifeln begann, ob allein der Gang vor den Traualtar noch etwas hätte ändern können, glaubte ich, dass sie nur Kaduraths Scheidung abwartete, aber vielleicht war sie auch lange unschlüssig. Die Wahrheit werde ich kaum jemals erfahren, ich weiß nur, dass beide ihre Zuneigung in der Dienststelle hartnäckig bestritten, was dazu führte, dass sie sich mehr und mehr in Widersprüche verstrickten, weil sie zu oft gemeinsam gesehen wurden. Eine Lüge zieht zehn weitere nach sich, manchmal sogar hundert oder mehr. Sie trieben es schließlich so weit, dass sie abgelöst werden mussten.
Danach arbeitete Berit wieder in einer Schule, wohin sie, seit sie befördert worden war, nicht mehr gewollt hatte. Eines Abends tüftelte sie endlos an ihrem Lektionsentwurf, kam aber trotzdem nicht recht voran. Ab und zu trank sie einen Schluck von dem Weinbrand, den sie mir zum Geburtstag geschenkt hatte. Sie kaute an ihrem Füllhalter herum, schrieb ein paar Wörter, strich sie wieder, und dann sah ich, dass sie weinte. Ich setzte mich zu ihr auf die Couch. Sie schaute mich an, ihre Augen waren starr, sie sagte: „Geh weg!“
Die Bestimmtheit in ihrem Tonfall hätte mich warnen sollen, doch ich hörte nicht, sondern berührte ihre Schulter. Sie stieß meine Hand zurück. „Fass mich nicht an!“
„Bin ich denn giftig?“, fragte ich.
„Ja“, sagte sie. „Ein giftiger Spießbürger!“
„Aber mein Schnaps ist in Ordnung“, stichelte ich. „Da fürchtest du nicht, dass er schadet.“
„Tut dir wohl leid, was? Selbst darin bist du kleinlich!“ Sie nahm das Glas und hielt es mir vors Gesicht. „Da, sauf deinen Fusel, sauf ihn!“
Ich sah den Hass in ihren Augen, sie waren ganz dunkel davon, meine Hände verkrampften sich, und dann schlug ich zu. Berit stieß gegen den Tisch, das Glas entglitt ihr, es zerbrach, der Alkohol nässte den Teppich.
Sie rappelte sich auf und ging ohne ein Wort hinaus. Ich saß noch lange reglos, später legte ich mich hin, konnte aber nicht schlafen.
Am nächsten Tag reichte ich die Scheidungsklage ein. Der Aussöhnungsversuch scheiterte, ein paar Wochen darauf folgte der zweite Termin. Im Gerichtssaal saßen wir uns feindselig gegenüber, nichts war geblieben, nichts. Da hatte man unter einem Dach gelebt, sechs Jahre beinah, manche Last gemeinsam getragen, öfter umeinander gebangt, nachts, wenn man wach wurde, dem Atem des andern gelauscht.
Nun war alles vorbei.
Die Verhandlung verlief ohne nennenswerten Zwischenfall, wir waren uns einig wie selten vorher, einig in der Aussage: Wir können nicht mehr! Lediglich zuletzt kamen wir ein bisschen in Bedrängnis wegen des Trabants, wobei der Richter, der seine Fragen bis dahin sehr sachlich gestellt hatte, zum ersten Mal unwillig wurde. Als er mit einem weiteren Termin drohte, gab ich nach, obwohl ich wusste, dass ich lange auf ein andres Auto würde warten müssen.
Und Kerstin?
„Ausgehend von der Feststellung, dass beide Parteien die gleichen Voraussetzungen für eine harmonische Erziehung der gemeinsamen Tochter haben, wird in Anbetracht der Tatsache, dass das Kind noch sehr jung ist, der Mutter das Erziehungsrecht übertragen.“ So lautete die Begründung, ich habe sie mir gemerkt, sie ist das Einzige, was ich mir wörtlich gemerkt habe.
Am selben Tag noch zog Berit aus. Sie riss Kerstin von mir los, riss sie los und zerrte sie fort. Seither verwehrt sie mir den Umgang mit unsrem Kind, sie gebraucht wieder und wieder simple Ausflüchte.
Am schlimmsten war der erste Abend. Ich blieb zu Hause. Mancher wäre in die Kneipe gegangen: ein Bier, ein Schnaps, ein Bier. Ich wollte allein sein. Was ich dachte, könnte ich nicht mehr sagen, nur dies ist mir erinnerlich: Mir schien, als rückten die Wände enger zusammen, senkte sich die Decke und drückte mich tiefer in den Sessel, immer tiefer.
Wochen später rief mich Kaduraths geschiedene Frau an. Sie fragte, ob sie mir etwas Interessantes mitteilen solle. Bevor ich recht begriff, legte sie schon los. Ihr Exgatte – sie sagte Exgatte mit jenem Sarkasmus, der die Bitterkeit nicht ganz verdrängen kann – habe sich wieder verehelicht, mit wem, erübrige sich wohl zu erwähnen. Sie arbeiteten in H. und hätten dort eine Neubauwohnung.
Claudia trat ins Zimmer, sie trug einen Bademantel, lächelte etwas unsicher, fragte: „Darf ich?“
„Freilich“, sagte ich.
Sie setzte sich in einen Sessel und zupfte den Frotteestoff zurecht, dass er die Knie bedeckte. Ich goss Kognak ein, reichte ihr ein Glas, nahm das andre. Sie blickte mich an, sagte: „Auf die Lehrer.“
Wir tranken aus, Claudia verzog ein bisschen das Gesicht.
„Mir scheint“, sagte ich, „du hast wirklich ‘nen Fimmel für Schulmenschen.“
„Hab ich“, bestätigte sie. „Bereits seit der achten Klasse.“
Ich horchte auf. „So genau weißt du’s? Dann gab’s bestimmt einen Grund.“
„Ja“, sagte sie, „Paganini.“
„Paganini?“
