Rückkehr nach Strapen - Stefan Raile - E-Book

Rückkehr nach Strapen E-Book

Stefan Raile

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Beschreibung

Hier traten wir damals an. Ein schlanker Zivilist mit dunkler Hornbrille, der uns vom Sammelpunkt in Dresden begleitet hatte, erteilte die Befehle. Wir war-teten auf Fahrzeuge. Da sie lange nicht eintrafen, durften wir wegtreten. Ich stellte meinen Koffer auf die Bank und blickte mich um. Einige von uns hatten Anzüge an, andere Kordhosen und Lumberjacks, manche schienen in Arbeitssachen gekommen zu sein. Am auffälligsten war Peter Müller gekleidet. Er trug Knickerbocker, ein braunes, graugestreiftes Sakko und auf dem rothaarigen Kopf einen breitkrempigen Filzhut.

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Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Stefan Raile

Rückkehr nach Strapen

Die Abenteuer des Soldaten Ronny B.

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

ERSTER TEIL, AM HANG

1

2

3

4

5

ZWEITER TEIL. KRAFTPROBE

1

2

3

4

5

6

DRITTER TEIL. VERSUCHUNG

1

2

3

4

5

6

7

8

Impressum neobooks

ERSTER TEIL, AM HANG

1

Eigentlich wollte ich schon früher nach Strapen fahren. Ich hatte es mir mehrmals vorgenommen, aber meist fehlte der letzte Antrieb, oder es kam etwas Unvorhergesehenes dazwischen, und so verschob ich die Reise immer wieder. Doch nun stehe ich auf dem Bahnsteig von Wehlen, blicke dem Schlusswagen nach und bin nicht sicher, ob ich finden werde, was ich erhoffe. Wo soll ich suchen: auf den Sandsteinfelsen überm Fluss, in den nahen Wäldern oder in jenem Gebäude auf der Anhöhe?

Es wird schwierig, denke ich; denn es liegt so lange zurück. Und ich müsste alles über uns schreiben: Wie und warum wir so waren, was wir erreicht und wovon wir geträumt haben, dass wir gezweifelt und manchmal versagt haben.

Der Zug verschwindet im Dunst. Ich drehe mich um und blicke den Bahnsteig entlang. Nirgends entdecke im Mergelt. Weshalb ist er nicht gekommen?

Ein Rotbemützter geht an mir vorbei. „Sie wissen wohl nicht, wohin?“, fragt er.

„Doch“, sage ich. „Es hat sich nur viel verändert.“

„Seit wann?“

„Seit achtundfünfzig.“

„Das ist normal“, meint er. „Oder nicht?“

Ich nicke nur, will kein Gespräch, nicht jetzt. Rasch quere ich die kleine Bahnhofshalle. Es gibt keine Sperre mehr. Lediglich die helleren Stellen auf dem Betonboden verraten, wo sich einst die Kontrollhäuschen befanden.

Auf dem Vorplatz bleibe ich stehen. Die beiden Robinien sind deutlich größer geworden. Sie schatten die Bank, auf der ich mal mit Dagmar saß. Das Basaltpflaster schimmert matt unter dem Staub, und aus den Fugen sprießt das Gras wie ehedem. Selbst einige Tauben sind wieder da, trippeln emsig umher und suchen nach Futter.

Hier traten wir damals an. Ein schlanker Zivilist mit dunkler Hornbrille, der uns vom Sammelpunkt in Dresden begleitet hatte, erteilte die Befehle. Wir warteten auf Fahrzeuge. Da sie lange nicht eintrafen, durften wir wegtreten. Ich stellte meinen Koffer auf die Bank und blickte mich um. Einige von uns hatten Anzüge an, andere Kordhosen und Lumberjacks, manche schienen in Arbeitssachen gekommen zu sein. Am auffälligsten war Peter Müller gekleidet. Er trug Knickerbocker, ein braunes, graugestreiftes Sakko und auf dem rothaarigen Kopf einen breitkrempigen Filzhut.

„Schlamperei“, nörgelte er. „Da heißt es immer: Bei der Fahne herrscht Ordnung!“

Nach und nach bildeten sich Gruppen, in denen man diskutierte, weshalb wir nicht abgeholt wurden. Einige ereiferten sich noch mehr als Müller. Nur Sigi Faber wirkte gleichmütig. Er lehnte am Stamm einer Robinie und hatte das linke Bein etwas angewinkelt. Ich schlenderte zu ihm. Er war etwas größer als ich und auch breiter in den Schultern.

„Die lassen uns zappeln“, sagte ich.

„Sie werden ihre Gründe haben“, erwiderte er. „Es wird schon jemand aufkreuzen.“ Er lächelte flüchtig mit den Augen, ohne merklich die Mundwinkel zu verziehen.

Der hat die Ruhe weg, dachte ich. Als Motorengeräusche erklangen, wandte er kurz den Kopf. „Gleich wissen wir mehr.“

Ein B-Krad näherte sich. Der Fahrer bremste, die Reifen schurrten übers Pflaster und verscheuchten die Tauben. Leutnant Mergelt sprang vom Sozius, rückte seine Schirmmütze zurecht und nestelte am Koppel. Unser Begleiter befahl uns, erneut anzutreten. Der Offizier erklärte, dass sich die für unseren Transport vorgesehenen LKWs im Grenzeinsatz befänden. Man wisse nicht, wann sie zur Verfügung stünden. Deshalb müssten wir marschieren. Es sei nicht allzu weit.

Ich dachte: Wenn die alle Wagen brauchen, scheint es eine gefährliche Sache zu sein.

Wir setzten uns in Marsch. Zunächst war der Weg noch eben, aber bald erreichten wir einen langen, steilen Anstieg. Er schien in den blassblauen Himmel zu münden, an dem die grelle Sonne flimmerte. Sie sengte ungehindert, die jungen Pappeln rechts und links warfen fast keinen Schatten. In den Fels waren Stufen gehauen. Trotzdem keuchten wir schon nach den ersten hundert Metern. Die Koffer zerrten schwer an den Gelenken. Sigi trug seinen auf der rechten Schulter. Anscheinend bereitete es ihm keine Mühe. Ich ging hinter ihm und passte mich seinen Schritten an. Mir wurde rasch warm. Manche knöpften ihre Hemden auf oder lockerten die Schlipse, andere nahmen die Jacken über den Arm. Peter Müller wischte sich wiederholt die Stirn ab. Er glühte regelrecht unterm Haarschopf. Als etwa die Hälfte des Anstiegs bewältigt war, riss er sich den Hut vom Kopf und schleuderte ihn fluchend weg. Einige begannen zu murren, andere blieben einfach erschöpft stehen, und einer barmte: „Verschnaufpause!“

Der Mann mit der Hornbrille gebot uns zu halten. Er schwitzte ebenfalls, atmete aber erstaunlich ruhig. „Wenn euch die Puste so schnell ausgeht, werden saure Wochen folgen“, prophezeite er.

„Mir reicht‘s bereits“, entgegnete Jörg Dudky und strich sich übers glänzende schwarze Haar.

„Schon?“, staunte Uwe Zindel und zeigte seine makellosen Zähne. „Das ist bloß ein Vorgeschmack. Bald wird man dir die Hammelbeine richtig langziehen.“

„Dir auch“, meinte Klaus Bahle, der einen bunten Schlips trug. „Dir sogar besonders. Du hast nämlich solch frechen Blick, und den mag man hier gar nicht.“

Peter Müller, der sich etwas abseits hielt, langte eine flache Plastikflasche aus der Innentasche seines Sakkos, öffnete sie und trank.

So ein Schlawiner, dachte ich. Der hat vorgesorgt. Auch Dudky sah zu ihm. „Der pichelt einem was vor, während uns die Kehle ausdörrt“, rief er und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „He, Kumpel, lass ‘nen Tropfen übrig!“

„Zu spät“, bedauerte Müller und hielt die Flasche mit der Öffnung nach unten. Sie war leer.

„Geizkragen“, knurrte Zindel. Doch Bahle fügte hinzu: „Nicht mosern, Männer. War sowieso bloß laue Plörre.“

Müller schraubte die Flasche zu und schob sie unter sein Jackett. Es bauschte kein bisschen. Auch später fiel uns nie etwas an seiner Uniform auf. Mir bemerkten nur, dass er sich während der Pausen auf dem Taktikgelände oft absonderte. Einmal schlich Dudky ihm nach und kehrte aufgeregt zurück. „Wisst ihr, was er treibt?“

„Er wird pinkeln“, vermutete Werner Kambert, den ich aus unsrer Gruppe am wenigsten mochte.

„Falsch getippt, Leute. Er schlabbert sich den Wanst voll!“

„So einer“, mokierte sich Bahle. „Wir darben, und der macht Fettlebe. Das vermasseln wir ihm!“

„Wozu?“, fragte ich.

Sie fanden heraus, dass sich Müller im Vorraum aus einem Getränkekübel Malzkaffee einfüllte. Eines Mittags streuten sie zwei Tüten Salz hinein. Als wir nach mehreren Sturmangriffen pausierten, schlenderte er wieder beiseite. Dudky und Zindel folgten ihm. Sie kamen übermütig zurück. Der Beobachtete setzte sich abseits, rupfte einen Grashalm aus und kaute daran.

„Einen Durst hab ich, Männer“, rief Bahle so laut, dass es die Rekruten, die in der Nähe rasteten, hören sollten. „Jetzt ‘nen Kaffee mit wenig Zucker …“

Müller blickte von einem zum andern. Dudky grinste auffällig. Am Abend verging es ihm. Da griff er im Dunkeln von seinem Bett unters Sturmgepäck, wo er immer etwas zum Naschen verbarg. Ich hörte, wie Papier knisterte. Gleich darauf begann Dudky zu husten, und dann schimpfte er: „So ‘ne Gemeinheit. Mostrich in der Schokolade! Welcher Hornochse war das?“

„Vielleicht ein Racheengel“, vermutete ich.

„Und nicht ohne Grund“, ergänzte Müller. „Streithammel brauchen ab und zu einen Dämpfer!“

Der Mann mit der Hornbrille rauchte jetzt. Viele hockten auf ihren Koffern. Sigi hatte sein Gepäck nicht mal abgesetzt. Es lastete noch auf der rechten Schulter, bloß die linke Hüfte knickte er unmerklich ein.

„Mann, hast du Kraft“, staunte ich.

„Halb so schlimm“, wehrte er ab.

„Macht dir die Wärme gar nichts aus?“

„Nein“, erwiderte er. „Wo ich gearbeitet hab, ist die Hitze größer. Da gewöhnt man sich dran.“

„Bist wohl Stahlschmelzer?“

„Nein, Glasbläser.“

Nun glaubte ich ihm. Als Schüler hatten wir mal eine Glashütte besichtigt. Dort war es schwül und stickig gewesen; doch nicht viel schlimmer als hier, fand ich. Die Sonne glühte und streute Glast übers Land. Kein Windhauch regte sich. Schlaff hingen die Blätter an den Pappelzweigen.

Unser Begleiter sah auf seine Uhr. „Achtung!“, rief er. „In Reihe zu drei Gliedern angetreten! Marsch!“

„Immer mit der Ruhe“, verlangte einer. Und Kambert maulte: „Feine Manieren sind das: Uns scheucht man durch die Gegend, und der Genosse Offizier lässt sich über die Landstraße kutschen.“

„Keine Lügen!“, rief jemand. „Erst vergewissern, bevor man was behauptet.“

Ich blickte mich um. Hinter mir stand Leutnant Mergelt, das Gesicht ein wenig gerötet. Er hatte den Gefreiten zur Kaserne fahren lassen und war uns gefolgt. „Vorgesetzte gehören zur Truppe“, erklärte er. „Das ist bei uns so üblich.“

Sigi lächelte. „Löblich, löblich“, sagte er und rückte seinen Koffer auf der Schulter zurecht.

2

Ich bleibe stehen und schaue zurück. Weit unten schimmert die Elbe zwischen schmalen Uferwiesen. Teilweise verdecken Pappeln die Sicht. Sie haben kräftige Stämme und dichte Kronen. Sechzehn Jahre sind eine kleine Ewigkeit. Da verändert sich viel. Ob sich nachvollziehen lässt, was seinerzeit geschah?, frage ich mich erneut. Wichtiges hat sich mit Belanglosem vermischt. Man muss auswählen, das Bedeutsame herausfiltern. Und wenn es misslingt?

„Schreib über damals“, hatte Sigi nach der Lesung aus meinem Debüt-Roman „Semester für Jürgen“ in seinem Grenzkommando unweit von Görlitz gesagt. Wir saßen bei ihm. Seine Frau Marianne hatte sich schon zum Schlafen zurückgezogen. Es war weit nach Mitternacht. „Schreib drüber“, wiederholte er. „Zeig, wie wichtig es für uns war: eine Etappe, ohne die wir nicht geworden wären, was wir heute sind. Du nicht, ich nicht, keiner von uns.“

„Ich hab‘s bereits versucht“, entgegnete ich. „Über hundert Seiten sind mit Notizen gefüllt. Aber der Stoff widersetzt sich. Ich spüre, dass etwas fehlt: eine zentrale Idee, in der alles zusammenfließt.“

„Diesmal schaffst du‘s“, meinte Sigi. „Du musst es schaffen!“

Immer noch blicke ich ins Tal. Ein Elbdampfer nähert sich. Er wühlt das Wasser auf. Die Gischt leuchtet wie Schnee. Kurze Zeit dümpelt das Schiff, dann legt es an. Passagiere steigen aus, gehen über den Landesteg und betreten das Bahnhofsrestaurant.

Wir waren im ersten Gruppenausgang dort. Doblin, unser Unteroffizier, führte uns hin. Eine Kapelle spielte laut und fast ohne Pausen. Die anderen tanzten. Nur Sigi und ich blieben am Tisch.

„Warum tanzt du nicht?“, fragte ich.

„Wegen Regina“, erwiderte er.

„Deine Freundin?“

„Ja.“

„Und sie hält es genauso?“

„Ich hoffe es.“

„Na denn“, sagte ich und hob mein Bierglas. „Selig, wer glaubt.“

Er trank ebenfalls. „Und du?“, forschte er. „Was ist‘s bei dir?“

„Auch ein Mädchen“, erklärte ich. „Aber die Gründe liegen anders.“

Ich meinte Gudrun. Am vierten oder fünften Tag, den ich auf der Baustelle arbeitete, war ich ihr in der Kantine begegnet. Sie stand ein Stück vor mir in der Reihe. Ihr flachsblondes, sehr kurzes Haar fiel mir auf. Ich beobachtete, wohin sie sich setzte. Neben ihr war noch ein Platz frei. Sie stocherte im Essen. Die Kartoffeln rührte sie kaum an, vom Quark kostete sie ein bisschen, dann schob sie den Teller weg.

„Schmeckt‘s nicht?“, fragte ich.

„Nein“, erwiderte sie. „Dir etwa?“

„Der Hunger treibt‘s rein.“

„Dann bist du nichts Gutes gewöhnt.“

„Hast du was Besseres?“

„Das nicht“, sagte sie. „Aber ich weiß ‘ne prima Küche.“

„Wo?“

„In der ‚Taverne‘.“

Es handelte sich um ein verräuchertes Lokal im nächsten Dorf. Das Essen war vorzüglich. Ebenso das Bier. Und noch mehr der Wein. Wir blieben bis zuletzt. An der Haltestelle warteten wir lange, doch es kam kein Bus.

„Pech“, sagte Gudrun. „Müssen wir eben tippeln. Oder willst du ‘ne Taxe?“

„Lieber laufen.“

Es waren fast sechs Kilometer. Gudrun hakte sich bei mir ein. Die Wege lagen dunkel, der Himmel blieb sternlos. Um abzukürzen, gingen wir durch ein Wäldchen. Auf einmal ließ sie mich los und lehnte sich an einen Baum.

„Müde?“, fragte ich.

„Nein“, entgegnete sie. „Aber ich find‘s schön hier. Du nicht?“

„Doch“, bestätigte ich, trat neben sie und stützte meine rechte Hand an dem Stamm. Dabei berührte ich ihren Hals. Sie zuckte leicht zusammen und sah zu mir hoch. „Küss mich!“, verlangte sie.

Ich umarmte sie. Ihre Brüste waren fest. Sie reckte sich auf Zehenspitzen und presste ihren Schoß an mich.

Am Morgen ging mir die Arbeit nur langsam von der Hand.

„Du pennst ja fast noch“, stichelte mein Kollege Tom. Und Andy fügte hinzu: „Das haben wir gern: flottmachen und nichts vertragen!“

Während des Frühstücks nahm mich Herb beiseite. „Lass sie sausen“, riet er mir. „Sie ist ein Flittchen. Für so eine bist du zu zahm. Die schröpft dich bloß.“

„Ich pass schon auf.“

„Wie du meinst. Ich hab dich jedenfalls gewarnt.“

Vielleicht wäre Gudruns Anziehungskraft geringer gewesen, wenn ich nicht vorher zwei Mädchen gekannt hätte, die anders waren: Heidi fürchtete, dass sie ungewollt schwanger würde, und Lieselotte wollte gleich geheiratet werden.

Mit Gudrun war alles einfach. Wir gingen tanzen, ins Kino, auf Sportplätze. Manchmal auch in Museen. Oder alte Kirchen. Die mochte sie wegen der Malereien. Sonst trafen wir uns bei ihr. Sie hatte ein Zimmer am Stadtrand. Es war klein, aber gemütlich im Vergleich zu den Unterkünften im Wohnlager. Wenn ich neben ihr auf dem Kanapee saß, fühlte ich mich total geborgen.

Es blieb schön zwischen uns, bis ich merkte, wie sie mit diesem oder jenem tändelte. Es wurmte mich, ich ließ mir aber nichts anmerken. Sie will sich eben bestätigt sehen, redete ich mir ein. Was ist schon dabei?

Dann folgte das Gespräch mit Tom.

„Du gehst noch mit ihr?“, erkundigte er sich.

„Hast du was dagegen?“

„Nein. Ich wundere mich nur, dass du nichts merkst.“

„Was?“, fragte ich. „Was soll ich merken?“

„Dass du nicht der Einzige bist.“

„Du lügst!“

„Wenn du denkst …“

Ich packte ihn am Revers seiner Jacke. „Was weißt du?“

Er streifte meine Fäuste ab. „Besuch sie mal, wenn wir Nachtschicht haben“, sagte er.

Ich ging zu ihr, schloss mit dem Schlüssel, den sie mir bereitwillig gegeben hatte, leise die Tür auf und tastete mich den Flur entlang. Ein Sakko hing an der Garderobe. Aus dem Zimmer tönte gedämpfte Musik. Ich riss die Tür auf. Die Wandlampe brannte. Sie verbreitete diffuses Licht. Gudrun lag mit einem Mann auf dem Kanapee. Ich kannte ihn nicht. Das Radio stand auf dem Teppich. Ich merkte, wie mir das Blut in den Kopf schoss.

„Du miese Nutte!“, sagte ich verächtlich.

Sie raffte die Bettdecke vor ihre nackte Brust. Der Kerl schnappte seine Sachen und drückte sich an mir vorbei.

Ich war wie gelähmt. Nur meine Fingernägel spürte ich. Sie gruben sich in die Handteller.

Gudrun kam langsam näher. Dicht vor mir blieb sie stehen. „Ronny“, sagte sie, „Ronny …“

Ich rührte mich nicht. Sie schmiegte ihr Gesicht an mich. Ich spürte Nässe darauf. Das ist nicht echt, dachte ich. Sie kann immer heulen, wenn sie will.

„Lass los!“, fuhr ich sie an.

Sie gehorchte nicht. Da stieß ich sie weg. Das Radio fiel um. Eine Weile schnarrte es bloß. Dann spielte es wieder, nur leiser als vorher. Gudrun kauerte auf dem Kanapee. Ihr Rücken zuckte. Den Kopf presste sie zwischen die Hände. Plötzlich richtete sie sich auf.

„Hau ab!“, verlangte sie.

Ich zögerte.

„Hau schon ab! Was willst du denn noch?“

Da ging ich und warf die Tür hinter mir zu.

„Vergiss sie“, sagte Sigi. „Du findest ‘ne andre.“

„Will ich gar nicht“, erwiderte ich. „Mir reicht‘s.“

„Abwarten“, meinte er und hob sein Glas.

Wir tranken viel, zwischendurch auch aus einem Stiefel, der am Tisch herumgereicht wurde. Schon zur Pause fühlte ich leichte Benommenheit. Und als Zindel wenig später sagte, dass bloß noch zwanzig Minuten bis zum Zapfenstreich fehlten, trotteten wir treuherzig los.

Bis zur Steigung ging es leidlich. So lange blieben auch die anderen in unserer Nähe. Dort stürmten sie voran und waren im Nu verschwunden. Sigi und ich vermochten nicht zu folgen. Wir hielten uns am Handlauf fest und kraxelten die ausgetretenen Steinstufen empor. Unter einer Laterne verschnauften wir kurz. Ich sah alles verschwommen. Die Lampe schaukelte dreifach über mir. Ich spürte Schwindel und klammerte mich am Mast fest, bis ich wie von weither Sigis Stimme vernahm: „Reiß dich los, Kumpel. Wir müssen weiter!“ Er fasste nach meiner Hand und zerrte mich vorwärts. Ich tappte hinter ihm her. Meine Beine bewegten sich wie von allein.

Als die Kirchturmuhr zu schlagen begann, hatten wir die Kaserne erreicht.

Wir eilten ins Wachzimmer. Leutnant Mergelt war OvD. Er musterte uns, ohne unsere Trunkenheit, die er natürlich bemerkte, zu monieren, und fragte nur mit einem versteckten Lächeln: „Hat es Ihnen nicht gefallen?“

„Wieso?“, wollte Sigi wissen.

„Zapfenstreich ist erst in einer Stunde.“

„Sie scherzen“, entgegnete Sigi, und ich fügte hinzu: „Das ist unmöglich, Genosse Leutnant.“

„Doch“, beharrte er. „Sie brauchen nur auf die Uhr zu sehen.“

„Die andern sind wohl noch nicht hier?“, erkundigte sich Sigi.

„Nein“, erwiderte Mergelt. „Sie sind die Ersten.“

Da begriffen wir: Sie hatten sich an der Steigung seitlich in die Büsche geschlagen und wieder ins Restaurant begeben.

Wir gingen in unser Zimmer. „Das tränken wir ihnen ein!“, versprach ich.

„Wozu?“, meinte Sigi. „Man merkt, dass du nie in einem Heim warst. So was gehört dort dazu.“

Morgens belauerte ich alle. Am auffälligsten grinste Kambert. Ich dachte: Sicher hat er‘s angezettelt. „Den knöpfe ich mir vor“, sagte ich zu Sigi.

Er hielt mich zurück. „Das macht bloß böses Blut“, warnte er. „Wir müssen aber miteinander auskommen.“

3

Ich steige langsamer und achte auf die Stufen. Wenig später entdecke ich den geborstenen Steinquader. Die Fuge ist jetzt mit Beton gefüllt.

Hier begann Dagmar zu zählen. Sie sprach die Ziffern halblaut vor sich hin. Die Zehner betonte sie, und bei hundert blieb sie stehen.

„Hundert“, wiederholte sie. „Eigentlich einhundert. Das ist exakter. Jedenfalls habe ich es vor langer Zeit so gelernt.“

„Fühlst dich wohl schon ziemlich alt?“, fragte ich.

„Du siehst ja: hundert Stufen, und die Luft wird knapp.“

„Dir fehlt Training“, meinte ich. „Werktags im Hörsaal, am Wochenende im Auto. Das bekommt niemand auf die Dauer.“

„Weiß ich“, sagte sie. „Doch das Wissen ist eine Seite, sich danach zu richten, die andere. So gerate ich öfter in Konflikte. Früher hatte man es einfacher. Man kannte weder Flugzeug noch Bahn noch Auto. Also mussten die Leute laufen.“

„Nicht alle“, widersprach ich. „Immerhin gab es Pferde und Kutschen. Mancher Blaublütige wusste kaum, wozu er Beine hatte. Und das rächte sich öfter. Da gibt es eine hübsche Episode: Brühl, erzählte neulich unser Leutnant, war unterwegs zur Festung Königstein. Er benutzte eine Equipage und hatte es eilig. Aber die Elbe führte Hochwasser, und die Straße war überflutet. Ihm blieben zwei Möglichkeiten: umkehren oder diesen Aufstieg benutzen. Der Graf entschied sich für Letzteres, weil ihn eine Mätresse erwartete. Zunächst ritt er. Doch der Hang war zu steil, das Gestein zu glatt. Also stiefelte er aufwärts. Schon bald wurde es ihm sauer. Am Abend zuvor hatte er nämlich tüchtig gezecht, und der Alkohol steckte ihm noch in allen Gliedern. Er schnaufte immer heftiger, die Schritte wurden kürzer. Seine Leibwächter mussten ihn stützen. Als sie die Festung erreichten, war er so erschöpft, dass er gleich ins Bett fiel. Die Mätresse erwartete ihn vergebens.“

„Brühl ist kein Maßstab“, sagte Dagmar. „Es gab auch andere.“

„Sicher“, stimmte ich zu. „Nimm Goethe. Noch im hohen Alter bestieg er den Kickelhahn.“

„Oder Kleist“, meinte sie. „Er kam mit Dahlmann durch diese Gegend, als sie von Dresden nach Prag wanderten.“

„Du magst Kleist?“, fragte ich.

„Ja“, bestätigte sie. „Ich hab viel von ihm gelesen.“

„Er war ein Wirrkopf. Alles um ihn erscheint mystisch, finde ich.“

„Ich denke, er war genial.“

„Trotzdem hat er sich nicht durchgesetzt.“

„Die Zeit war schuld“, behauptete sie. „Man hat ihn verkannt.“

„Das ist vielen Schriftstellern so ergangen“, erwiderte ich. „Umso erstaunlicher, dass die meisten trotzdem weitergeschrieben haben.“

„Mit den Motiven ist es eben seltsam“, sagte sie. „Da blickt man schwer dahinter. Auch bei dir habe ich Mühe.“

„Bei mir?“, fragte ich. „Wieso bei mir?“

„Erinnerst du dich an unser Gespräch auf dem Hochsitz? Ich habe es abgebrochen, weil ich es für verfrüht hielt. Man muss sich erst kennenlernen, dachte ich. Dann wird alles von selbst klar. Es war ein Trugschluss. Ich frage mich nach wie vor, warum du Soldat geworden bist. Freiwillig. Weshalb?“

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte ich.

Nach dem Vorfall bei Gudrun verließ ich die Baustelle. Ich wollte mich nicht nur von ihr trennen, sondern auch von dem, was an sie erinnerte. Brich alle Brücken ab, dachte ich. Wennschon, dennschon! Ich kündigte. Mag sein, dass durch die eingetretenen Umstände mein Entschluss nur schneller reifte; über kurz oder lang wäre es wohl ohnehin dazu gekommen. Es gab zu viel Ärger, besonders mit dem ewig nörgelnden Meister, und die meisten Kollegen bedauerten wohl gleichfalls nicht, dass ich ging. Lediglich Herb versuchte, mich zurückzuhalten. „Überleg‘s dir noch mal“, riet er. „Wegen so ‘ner Donja türmt man nicht gleich. Was willst du denn anfangen? Hier hast du dein gutes Geld. Davon lässt sich ordentlich was auf die Kante legen. Nach zwei, drei Jahren sitzt du in einem Chausseeflitzer. Dann kannst du massenhaft Mädchen haben.“ Er sprach aus Erfahrung. Seit er geschieden war, lebte er auf Baustellen. Er besaß einen F9, an dem er oft nach Feierabend bastelte und putzte. Wenn er dann am Sonntag in den Wagen stieg, fand sich immer eine, die sich neben ihm in die Polster schmiegte, obwohl Herb mit seinem dünnen blonden Haar, dem hohlwangigen Gesicht und der runden Nickelbrille nicht gerade wie ein Adonis aussah. „Überleg‘s dir noch mal“, wiederholte er und blickte mich eindringlich aus seinen durch die starken Gläser vergrößerten Augen an. „Mehr als hier verdienst du nirgends!“

Sicher hat er Recht, dachte ich. Trotzdem bleibt‘s dabei. „Es ist nicht wegen Gudrun allein“, sagte ich. „Auch der Meister hat Anteil. Der Mann geht mir auf den Hauptnerv mit seiner Meckerei.“

„Das wäre wohl das Wenigste“, meinte Herb. „Lass ihn nörgeln. Mich fuchst es ebenfalls manchmal, doch ich stecke ein Loch zurück. Der Mann hat‘s nicht leicht. Er ist krank, Asthma. Schlimmer aber ist das mit seiner Frau. Bei ihr hakt‘s ab und zu aus, seit sie in Dresden während eines Bombenangriffs ver¬schüttet wurde. Wenn‘s losgeht mit ihr, wird er besonders unleidlich. Ein bisschen muss man‘s ihm nachsehen, finde ich.“

„Mag sein“, gab ich zu. „Dennoch brauche ich Tapetenwechsel: andre Menschen, neue Eindrücke. Das Übrige wird sich finden. Kannst du das nicht verstehen?“

„Doch“, erwiderte Herb. „Es ist nur schade.“

Viele dachten anders. Ihnen missfiel, dass ich nicht so lebte wie sie. Ein Montagearbeiter müsse dann und wann die Gurgel spülen, behaupteten sie. Das sei ungeschriebenes Gesetz. Mich störte, dass sie es von mir forderten. Mich stört immer, wenn man einfach was fordert. Es kam zu Reibereien, wieder und wieder. Dabei wurden Tom und Andy öfter unsachlich.

Eines Abends, als sie angetrunken in die Unterkunft kamen – ich saß noch am Tisch und las -, trat Tom mit unsicheren Schritten neben mich. „So schlägst du also die Zeit tot“, sagte er lallend. „Was hast du eigentlich davon?“

Und Andy fügte hinzu: „Leben musst du, Mann, leben! Die guten Jahre sind schnell vorbei.“

Sie verstanden mich nicht, hatten keinen Sinn für meine Neigung, die sich besonders seit dem Jahr an der Oberschule herausgebildet hatte, wo Pecina Deutschunterricht erteilte. Er war ein Lehrer, wie er im Buche steht. Einer, der mit Leib und Seele bei der Sache ist, den Schwierigkeiten nicht schrecken.

In der Grundschule hatte man uns das Fach ziemlich verleidet: Schauspieltexte mit verteilten Rollen sprechen. Ellenlange Gedichte bimsen. Prosatexte lesen und nacherzählen.

Pecina verlangte Bereitschaft. „Wenn ihr nicht genug Lust mitbringt“, sagte er, „bleibt‘s langweilig, selbst wenn ich mich plage wie weiland Sisyphus. Nur wenn ihr bereit seid mitzuwirken, wird es sich lohnen. Damit meine ich nicht irgendwelche Noten, sondern Gewichtigeres: Jedes gute Buch ist wie ein Stück Land, das man entdeckt. Der aufgeschlossene Leser wird zum Kolumbus, im besseren Sinne sogar; denn er braucht keine fremden Völker zu erobern, um sich zu bereichern.“

Einige grinsten ungläubig, andre spöttisch. Pecina störte sich nicht daran. Er vertraute seinen Einfällen, gründete eine Laienspielgruppe. Zwei Mädchen, ein Junge und ich traten ihr sofort bei. Bald kamen mehr, weil sich herumsprach, dass es Spaß machte. Pecina wählte interessante Texte aus, bewies bei den Proben Fingerspitzengefühl, fand für jeden den richtigen Ton, wurde nie müde, mit uns über alles Mögliche zu diskutieren.

Als Erstes spielten wir das Stück „Die junge Garde“. Pecina hatte Teile des Romans von Alexander Fadejew dramatisiert. Das Verhalten der Helden beeindruckte uns, und wir lasen auch das Buch. So strahlte die Zirkelarbeit auf den Deutschunterricht aus, nach und nach fanden alle eine bessere Einstellung dazu. Trotzdem war es für Pecina nicht leicht, er musste auf manchen unerwarteten Zwischenfall reagieren. Einmal fiel Heino Gruneck ein Westschmöker aus der Tasche, als er seine Federmappe hervorzog. Zwar bückte er sich sofort danach, aber Pecina stand schon neben ihm und fragte: „Darf ich mal sehen?“

Heino hob bloß die Schultern, Pecina nahm ihm die zerfledderte Schwarte aus der Hand und betrachtete sie. Jetzt bricht ein Donnerwetter los, dachten wir. Doch Pecina wurde nicht laut. Seine Augen blickten eher erstaunt als böse, während er sagte: „Das liest du also.“ Er drehte das Heft in den Händen, besah es noch immer nachdenklich, als hoffte er, etwas Besonderes daran zu entdecken, und fragte schließlich: „Leihst du‘s mir mal?“

Heino, der Drogistensohn, kriegte den Mund nicht auf. Erst in der Pause fand er die Sprache wieder. „Gerade mich musste es erwischen! Sie sind mir ohnehin nicht grün, weil mein Alter kein Prolet ist. So was bedeutet doch Wasser auf ihre Mühlen. Seht, Jugendfreunde, werden sie sagen, der Bourgeois verseucht euer Klassengefühl. Weg mit ihm!“

Am nächsten Tag langte Pecina das Heft mit spitzen Fingern aus seiner Tasche. „Eine Stunde will ich dafür opfern“, sagte er, „in der Annahme, dass keine zweite notwendig wird.“ Er setzte sich auf den Tisch und ließ die Beine baumeln. „Um es vorwegzunehmen: So schlimm hätte ich es mir nicht vorgestellt. Nicht mal halb so schlimm.“ Seine Analyse war gründlich. Was er behauptete, konnte er auch belegen. Er deckte inhaltliche Schwächen auf, verdeutlichte die anspruchslose Form, las zwei Dutzend Stilblüten vor und verwies auf die beabsichtigte Wirkung.

Dann schritt er durch den Gang zwischen den Tischreihen und blieb neben Gruneck stehen. „Nimm es wieder mit“, sagte er. „Es soll, wie man hört, ein begehrtes Hökerobjekt sein.“

Heino schluckte und starrte betreten vor sich hin. Seine Hände lagen reglos auf der Tischplatte, aber mit einem Mal bewegten sie sich, griffen nach dem Heft und zerrissen es. Ob er aufhörte, Schwarten zu lesen, ist ungewiss. Zumindest brachte er keine mehr mit. Der Vorfall blieb ohne Nachspiel. Pecina behielt ihn für sich. Heino schummelte sich über die Schuljahre und bestand mit Ach und Krach das Abitur. Da war ich schon nicht mehr dort. Vielleicht hast du zu schnell gepasst, dachte ich später manchmal. Doch wer erträgt schon, wenn wieder und wieder Dankbarkeit gefordert wird? „Du weißt, Ronny“, sagte Mutter oft, „uns fällt‘s schwerer als anderen. Wir haben‘s nicht so üppig wie Drogist Gruneck, und dein bisschen Stipendium passt in einen Fingerhut. Denk nicht, dass ich klagen möchte. Wir schränken uns gern ein. Schließich sollst du‘s weiterbringen als unsereins. Darum merk dir: Was du im Kopf hast, kann dir niemand wegnehmen. Pauke, soviel du kannst, Junge. Das Übrige braucht dich nicht zu kümmern. Wir stehen‘s schon durch. Nur eins verlangen wir: Bereite uns keine Schande!“

Sollst du das vier Jahre schlucken?, dachte ich. Andre könnten es vielleicht. Du nicht. Lieber gehst du arbeiten und verdienst Geld.

Als Pecina von meinem Entschluss erfuhr, nahm er mich beiseite. „Mach keinen Quatsch!“, beschwor er mich. „Deine Mutter meint es bestimmt nicht so. Und wenn schon! Kannst es ihr ja später auf Heller und Pfennig zurückzahlen!“

Er redete lange mit mir; doch es gelang ihm nicht, mich umzustimmen.

An dem Tag, da ich den Betrieb verließ, schickte ich meine Sachen im Koffer nach Hause. Auf die Begleitkarte schrieb ich „bahnlagernd“. Dann ging ich zu einer Ausfallstraße und lehnte mich an einen Baum. Sobald ein Auto in der Kurve auftauchte, trat ich zwei, drei Schritte vor, hob die rechte Hand und ließ sie pendeln. Erst der fünfte oder sechste Wagen hielt. Der Fahrer, ein schlanker Mann mittleren Alters, öffnete die Tür einen Spalt und fragte: „Wohin?“

„Egal“, sagte ich.

Er kniff die Lider zusammen und musterte mich. Dann stieß er die Tür weiter auf. „Steig ein!“

Zunächst schwiegen wir. Manchmal blickte er zu mir. Ich bemerkte es, starrte aber weiter durch die Frontscheibe.

„Siehst miesepetrig aus“, stellte er schließlich fest. „Hast wohl den Kanal voll?“

„Gestrichen voll!“, bestätigte ich.

„Und nun willst du was Verrücktes anstellen?“

„Vielleicht.“

„Aha“, sagte er, „nur vielleicht. Demnach gehörst du zu den unentschlossenen Typen. Möglicherweise fehlt noch ein bisschen Alkohol.“

„Ich trinke nicht“, erwiderte ich, „nicht bei so was.“

„Nein?“, wunderte er sich. „Dann bist du ‘ne Ausnahme. Die meisten begehen ihre Verrücktheiten, wenn sie zu viel Promille im Blut haben. In Saßnitz hab ich mal erlebt, wie einige Seeleute ihre Heuer in Scherben ummünzten. Offensichtlich kriegten sie ihr Geld durch die Sauferei nicht klein, deshalb knallten sie ihre leeren Sektgläser an die Wand. Total übergeschnappt, die Kerle. Dabei waren sie noch harmlos. Niemand erlitt Schaden, bloß die Geldbeutel bekamen die Schrumpfsucht. Wenn ich da an das denke, was sich in südlichen Gefilden abspielt … In Sao Paulo, heißt es, werden zu Silvester immer etliche ermurkst. Schrecklich, solche Exzesse! Hätte ich was zu sagen, ich würde die Prohibition verhängen!“

„Sie sind ja ein ganz Radikaler. Meinen Sie, das wäre eine Lösung?“

„Gewiss“, behauptete er. „Hunde die beißen, kriegen einen Maulkorb umgehängt.“

Der Vergleich hinkte, Versuche in etlichen Ländern belegten es. In Finnland, Norwegen und in den USA hatte es nach dem Ersten Weltkrieg ein Alkoholverbot gegeben. Getrunken wurde dennoch.

Verbote helfen nicht immer. Ich wusste es aus Erfahrung, und auch meine Mutter musste es mit der Zeit einsehen.

„Der Junge ist kein Umgang für dich“, bestimmte sie an dem Tag, als ich Fredi für eine Stunde in unsre Wohnung mitgenommen hatte, um mit ihm Mathematik zu üben. Er trug eine schäbige Jacke mit viel zu kurzen Ärmeln, eine mehrfach geflickte Hose aus Planenstoff und derbe graue Wollsocken, die größtenteils in plumpen Holzpantinen verschwanden.

In diesem Aufzug hatte ich ihn eine Woche vorher kennengelernt. Menzel, unser Klassenlehrer, brachte ihn morgens mit. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter und stellte ihn vor: „Das ist Manfred Veyrich. Er ist Umsiedler und stammt aus Schlesien. Durch den Krieg hat er viel Unterricht versäumt. Er wird es schwer haben, deshalb möchte ich, dass ihr ihm helft.“ Sein Blick fiel auf den freien Platz neben mir. „Setz dich zu Ronald“, ordnete er an, „dort bist du gut aufgehoben.“

Fredi stakste durch den schmalen Gang zwischen Wand und Bankreihe, hängte seinen Ranzen an den Haken und zwängte sich auf den unbequemen Sitz.

In der Pause rief mich Menzel nach vorn. „Wir haben für Manfred kein Mathematikbuch“, sagte er. „Ihr wohnt doch nicht weit voneinander. Würdest du ihm deins für die Hausaufgaben leihen?“

„Mach ich.“

In der Hofpause wich Fredi nicht von meiner Seite. Während ich eine Schnitte verzehrte, schritt er neben mir her, seine Hände tief in die Hosentaschen geschoben.

„Hast du kein Frühstück mit?“, fragte ich.

„Nein.“

„Aber hungrig bist du?“

Er druckste eine Weile, gestand schließlich: „Bisschen.“

Da reichte ich ihm mein letztes Brot. „Nimm nur“, drängte ich ihn. „Ich bin schon satt.“

Er zögerte, ehe er zulangte und hastig zu essen begann. So erlebte ich ihn noch oft, er war immer hungrig, und das wunderte mich nicht; denn er hatte acht Geschwister.

Seit dem Verbot meiner Mutter brachte ich ihn nicht mehr mit nach Hause, aber ich ging regelmäßig zu ihm, und manchmal war ich auch dort, wenn Abendbrot gegessen wurde. Die Familie saß dann um einen großen Tisch, auf dem ein riesiger Topf stand. Daraus schöpfte die Mutter für jeden in den Teller, meist Kartoffelsuppe. Die verhärmte Frau teilte gerecht, und alle begannen gleichzeitig zu löffeln, schnell und trotzdem irgendwie andächtig, vielleicht deshalb, weil niemand sprach, und zuletzt kam für jeweils ein Kind der Höhepunkt: Da durfte nach strenger Folge der Topf ausgekratzt werden, was unter den Blicken der Übrigen mit beträchtlicher Hingabe geschah.

Später, als ich bei der Familie schon heimisch war, wurde ich öfter zum Mitessen aufgefordert. „Wo elf satt werden“, sagte Fredis Mutter, „werden ‘s auch zwölf.“

Im Sommer gingen die Geschwister Ähren lesen und im Herbst Kartoffeln stoppeln. Ich begleitete sie häufig, obgleich meine Mutter dagegen war. „Ronny“, sagte sie, „hast du‘s nötig, dir den Rucksack auf ‘n Buckel zu hängen und wie ein Habenichts durch die Gegend zu streunen?“

Meist schwieg mein Vater, wenn sie so mit mir redete. Aber diesmal wurde es ihm zu viel. „Lass ihn“, verlangte er. „Der Junge nimmt keinen Schaden dabei.“

Wir standen mit Hunderten am Feldrand und warteten, bis die Bauern ihre Äcker verließen. Dann buddelten wir wegen ein paar Kartoffeln bis zur Dämmerung in der Erde.

Eines Nachmittags entdeckten wir in Waldnähe eine frisch aufgebrochene, erst grob abgelesene Fläche. Weit und breit war niemand zu sehen.

„Los“, sagte Fredi, „die Gelegenheit ist günstig.“

Wir rannten aufs Feld, öffneten unsre Rucksäcke und stopften Kartoffeln hinein. Den Hufschlag bemerkten wir zu spät. Hinter uns zügelte ein Bauer sein Pferd. Das Tier tänzelte und blähte die Nüstern. Neben ihm lauerte ein Schäferhund, der vom raschen Lauf hechelte. „Aufhören!“, befahl der Reiter. „Alles sofort wieder ausschütten!“

Zwei oder drei gehorchten. Fredi und ich zögerten.

„Wird‘s bald, ihr Strolche?“, schrie der Bauer. „Oder soll ich erst den Hund loslassen?“

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er seine Schenkel gegen den Pferdeleib presste. Das Tier setzte sich in Bewegung. Mit ihm näherte sich auch der Rüde. Er zerrte an der Leine und bleckte die Zähne. Da leerten wir die Rucksäcke. Dem Reiter ging es zu langsam, er rief: „Fass, Hasso, fass!“

Der Hund bellte und sprang auf uns zu. Wir rannten davon, stolperten über aufgeworfene Erde und Steinbrocken, zwängten uns ins Unterholz. Auf einer Lichtung verschnauften wir. Hinter uns blieb es ruhig.

„So ein elender Geizhals“, schimpfte Fredi. „Tut so, als käme er wegen der paar Kartoffeln an den Bettelstab. So sind fast alle, meint Vater. Sie leben wie die Maden im Speck, während wir darben. Wie Stülpner müsste man handeln, um ‘s zu ändern. Warum machen wir‘s eigentlich nicht?“

Fortan waren die Bauern für uns die Pfeffersäcke, denen wir nur das nahmen, was sie unserer Meinung nach ohnehin zu viel hatten. Wir stoppelten keine Kartoffeln mehr, sondern ernteten sie an geeigneten Stellen einfach vom Feld. Auf gleiche Weise gelangten wir auch zu Zuckerrüben, aus denen Fredis Mutter mit viel Mühe und Geduld dickflüssigen Sirup kochte.

Unsre Streifzüge erforderten geschicktes Vorgehen. Bald waren wir so gewieft, dass uns nie jemand auf frischer Tat ertappte. Später, als es mit den Lebensmitteln besser wurde, und wir nicht mehr zu stehlen brauchten, kamen uns die angeeigneten Fertigkeiten bei etwas anderem zugute: Wir spielten im nahen Loenschen Park Räuber und Gendarm oder Cowboy und Indianer.

Meine Mutter begriff, dass sie den Umgang mit Fredi und seinen Geschwistern nicht verhindern konnte. Dennoch bemühte sie sich mit großer Hartnäckigkeit, mich zu beeinflussen. „Ronny, die passen nicht zu dir“, behauptete sie. „Die sind wie Zigeuner.“

Bei Viola, einem schwarzhaarigen, gertenschlanken und dunkeläugigen Mädchen, traf ihre Ansicht zu, wenngleich nicht in der Art, wie sie es meinte, sondern wegen der außergewöhnlichen Schönheit und dem glutvollen Blick, den ich bei allen Zigeunermädchen vermutete. Der Blick war daran schuld, dass ich für Fredis zwei Jahre ältere Schwester zu schwärmen begann und ihretwegen meine ersten erotischen Träume erlebte. Doch sie bemerkte wahrscheinlich gar nicht, dass ich sie mochte, da sie von vielen verehrt wurde und ihre Freunde oft wechselte, weil wohl keiner ihren Vorstellungen entsprach. Nur von einem kam sie später nicht los, und das war ein Hallodri, der sie, kaum achtzehnjährig, über Westberlin nach Bayern lotste. Davon erfuhr ich zufällig; denn zu Fredi riss nach der achten Klasse die Verbindung ab, als ich die Görlitzer Oberschule besuchte, und er in Bautzen eine Lehre begann.

Der Fahrer bremste. „Du warst ganz entrückt“, sagte er. „Ich muss hier abbiegen, und du willst deinen Trip sicher fortsetzen. Also dann weiterhin Massel! Es hält nämlich nicht jedes Auto!“

Seine Prognose bestätigte sich. Manchmal musste ich sehr lange warten, bis mich jemand mitnahm. Auf diese Weise war ich etliche Tage unterwegs. Genächtigt wurde, wie es sich ergab: in Scheunen, Strohfeimen, Jugendherbergen und zwei-, dreimal in Pensionen oder preiswerten Hotels. Ich sah mir fremde Städte an, überquerte Plätze, auf denen emsig Tauben trippelten, lief durch mittelalterliche Gassen, bestieg Türme. Nirgends hielt es mich lange. Manchmal glaubte ich, Gudrun bereits vergessen zu haben, andermal drängte sie sich heftig in meine Überlegungen. Vielleicht wäre alles wieder in Ordnung gekommen, redete ich mir dann ein. Vielleicht. Gleich darauf wehrte ich mich dagegen. Wer einmal ausbricht, dachte ich, macht‘s auch öfter. Aber ich hätte deswegen nicht gleich zu kündigen brauchen. Herb hatte Recht. Weglaufen war keine Lösung. Und nun schon das dritte Mal. Vorher von der Oberschule und nach der Lehre. Hielt ich denn nirgends durch? Ewig konnte man doch nicht von vorn beginnen. Jeder Anfang kostete doppelt Kraft. Wer oft wechselte, verplemperte sich.

Am achten oder neunten Nachmittag begann es heftig zu regnen. Der Asphalt wurde dunkel, Nässe glänzte auf Blättern und Gras. Ich ging mit gesenktem Kopf und schreckte auf, als Bremsen quietschten. Dicht neben mir hielt ein Auto. Hinterm Lenkrad saß eine Frau. Sie kurbelte die Seitenscheibe einen Spalt herunter und fragte: „Möchten Sie mitfahren?“

Ich sah, dass sie sehr rote Lippen hatte, das brünette Haar trug sie halblang, sie mochte Mitte Zwanzig sein. Ich stieg ein und setzte mich neben sie. Sofort gab sie Gas und ließ langsam die Kupplung los. „Wohin wollen Sie denn?“, erkundigte sie sich.

„Kommt darauf an“, erwiderte ich zögernd. „Ich suche eine Bleibe für die Nacht.“

„Das dürfte schwierig werden“, meinte sie. „Aber ich könnte Ihnen helfen. Unsre Wohnung ist geräumig, und eine Couch für Gäste haben wir auch.“

„Sie sind sehr freundlich“, entgegnete ich. „Doch was würde Ihr Mann dazu sagen?“

„Nichts“, behauptete sie. „Wir machen uns keine Vorschriften. Außerdem ist er auf Dienstreise und kehrt erst in zwei Tagen zurück.“

Was es alles gibt, dachte ich.

„Wie ist‘s?“, fragte sie. „Kommen Sie mit?“

Es regnete unvermindert. Die Wischer surrten und rieben die Nässe von der Scheibe. Wer weiß, ob du woanders was findest, dachte ich. Greif also zu.

„Ja“, sagte ich, „aber nur, wenn‘s Ihnen keine Umstände bereitet.“

Die Frau wohnte im Stadtzentrum von Kamenz. Ich hängte meine Jacke an die Garderobe. Dabei sah ich im Spiegel mein bärtiges Gesicht. Ich strich über die harten dunklen Stoppeln.

„Möchten Sie sich rasieren?“, fragte sie.

„Ich habe nichts dabei“, sagte ich.

„Dabei kann ich aushelfen.“ Sie ging ins Bad, öffnete den Kosmetikschrank und reichte mir einen Trockenrasierer.

Später setzte ich mich ins Wohnzimmer.

Die Frau bereitete in der Küche etwas zu essen, ich hörte, wie Geschirr klapperte. Einmal kam sie an die Tür und fragte: „Möchten Sie fernsehen?“

„Gern.“

Sie schaltete das Gerät ein und ging wieder hinaus. Es wurden Schlager gesendet. Bärbel Wachholz sang: „Damals war alles so schön.“

Gudrun, dachte ich, mag dieses Lied. Vielleicht sitzt sie im Klub und hört es auch. Dann wird sie sich an mich erinnern. An alles wird sie sich erinnern.

Die Frau brachte das Essen: Rührei mit Schinken und Toastbrot. Für mich stellte sie Bier bereit, sie trank Tomatensaft. Beim Abräumen sagte sie: „Von der Kocherei ist mir warm geworden. Ich dusche mal rasch.“

Ich hörte, wie Wasser im Bad plätscherte. Auf dem Bildschirm trällerte eine Nachwuchsinterpretin von einem Seemann, der fortfuhr, und seinem Mädchen, das auf ihn wartete. Mumpitz, dachte ich, ist doch alles Mumpitz.

Als die Frau zurückkehrte, duftete sie nach Parfüm und Seife. Ihr Bademantel war nicht zugeknöpft, sie hielt ihn mit der Hand zusammen. Als sie sich in den Sessel setzte, rutschten die Revers auseinander. „Komm her. Komm schon!“, drängte sie und streckte die Arme aus.

Ich machte zögernd einen Schritt auf sie zu. Doch dann drehte ich mich um und stürmte hinaus. Während ich meine Jacke von der Garderobe zerrte, sah ich die Frau an der Tür. „Was hast du?“, fragte sie.