Abenteuer in Sibirien - Sir John Retcliffe - E-Book

Abenteuer in Sibirien E-Book

Sir John Retcliffe

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Beschreibung

Sir John Retcliffe, der eigentlich Herrmann Ottomar Friedrich Goedsche heißt, war ein deutscher Schriftsteller, aber er war auch bei der Preußischen Geheimpolizeit tätig, arbeitete für Redaktionen, war Herausgeber und Kriegsberichterstatter. In diesem Abenteuerroman berichtet er von einer Geschichte aus Sibirien. – Spannend und unterhaltend, vielschichtig und tiefgründig, informativ und faszinierend sind die E-Books großer Schriftsteller, Philosophen und Autoren der einzigartigen Reihe "Weltliteratur erleben!".

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Sir John Retcliffe

   Abenteuer in Sibirien

Inhaltsverzeichnis
Abenteuer in Sibirien
1. In Sibirien

1. In Sibirien

Die kurze Zeit, die unterm 64. Grad nördlicher Breite, also fast in der Zone des Polarkreises, als Sommer gilt - das heißt, in welcher der Schnee an den westlichen Abhängen des Stanoway-Gebirges schmilzt, für wenige Wochen dürftige Halmen aus dem Boden und Zweige aus dem niedern Koniferenwerk oder den Birkenbüschen sprießen und die Sonne nur kurze Stunden unter den Horizont tritt, also der Juli und August - war längst vorüber; schon seit vier Wochen war der Winter wieder eingetreten und der Schneesturm fegte mit seiner gewaltigen Macht über die Tundra und durch die öden Täler.

Es war noch früh am Morgen, als sämtliche Bewohner der kleinen, aus wenigen elenden Blockhäusern und Jurten bestehenden Kolonie Katemskoi, eine der alten Zawods oder Tributstationen für die Stämme der Jakuten und Tungusen zwischen dem oberen Lena-Gebiet und Ochotzk vor dem Blockhaus des Holowa oder Gemeindevorstehers versammelt waren. Ein Narty mit dem aus Weiden geflochtenen Korb auf den vorn schmalen und hohen, hinten breiter werdenden leichten Kufen stand an dem Vorbau, und neben dem Gespann in seinen Sanejach, den Pelz von doppelten Renntierhäuten, gehüllt, die Beine mit den langen Torbassy, den Winterstiefeln, bedeckt, und Pfeife, Kneipzange, Wermutbeutel und Messer am Gürtel, Bogen und Köcher über der Schulter und einem langen Stock zum Lenken seines Postzugs in der Hand, harrte ein alter Jakute; diesen Postzug selbst aber bildeten paarweise langgespannt zwölf Hunde, von der Größe etwa unserer Schäferhunde, mit schmutzig gelbgrauem Fell und starkem Knochenbau, die sich jetzt gemütlich in dem Schnee gelagert hatten. Zwei der jenisseischen Kosaken in spitzen kirgisischen Pelzmützen mit breiten Ohren- und Wangenklappen, in warme Armiaks von Schafwolle gekleidet, darüber Pelze von Wolfsfell, saßen bereits auf den hohen Sätteln, welche mit den dicken Filzdecken, Potniki genannt, auf kleine, wild und unbedeutend aussehende, aber ungemein ausdauernde Steppenpferde geschnallt waren, und schienen ungeduldig die Insassen des Schlittens zu erwarten, den sie zu begleiten hatten.

Wenn wir eben von der ganzen Bevölkerung der Kolonie gesprochen haben, so müssen wir sogleich bemerken, daß diese aus höchstens zwanzig Personen bestand, von denen etwa ein Drittel Weiber und Kinder waren. Not und Leiden oder stumpfe Gleichgültigkeit lag auf den meisten Gesichtern, von denen einige die tartarische oder mongolische Abkunft verrieten. Einige Physiognomien zeigten die breite russische Gesichtsbildung mit gemeinen, vom Branntwein oder den narkotischen Wirkungen der Surrogate des Tabaks, hauptsächlich des giftigen Lerchenschwamms zerstörten Zügen, einigen aber war auch der Stempel höherer Abkunft und früherer glücklicher Lebensverhältnisse noch unverkennbar eigen.

»No«, sagte einer der Kosaken, »wenn unser Väterchen sich nicht eilt, werden wir heute nicht mehr das Stationshaus an der Maja erreichen und können die Nacht im Schnee zubringen. Wo zum Teufel steckt denn der Pfaff?«

»Er spricht mit dem Schweigenden«, sagte einer der Kolonisten. »Was spricht der Warnak für Unsinn? Weißt du nicht, Kerl, daß ein Kosak das Recht hat, dir den Bart zu zausen und dir das Gesicht zu verarbeiten? Wie kannst du dich unterstehen zu sagen, daß man mit einem Stummen sprechen kann, du Hundesohn?«

Der Sträfling warf bei dem Schimpfwort, obgleich er in der Tat zur Katorga, das heißt zur schweren Arbeit verurteilt war, einen giftigen Blick auf den Kosaken, entgegnete aber mit Rücksicht auf die gewaltige Nahaska, den kirgisischen Kantschu, den jener in der Hand trug, sehr devot: »Womit habe ich dich beleidigt, Batiuszki? Ich rede nicht von einem Stummen, sondern von einem, der nicht mit uns reden will, obschon er nichts Besseres ist als wir. Gott und der Zar wissen allein, warum er hier ist! Aber schau, da kommen beide!«

Aus einer der dürftigen, von Stangen, Birkenrinde und Renntierfellen gebildeten, mit Erde beworfenen Jurken traten eben zwei Männer ins Freie und schritten auf das Blockhaus des Holowa zu. Es waren beide ältere Männer, der eine freilich zehn oder fünfzehn Jahre älter als der andere. Aber selbst die Last der sechzig Jahre und der furchtbaren Leiden, die er erduldet haben mußte, hatten nicht vermocht, seine hohe edle Gestalt zu beugen oder den Glanz seines Auges zu trüben, das finster und streng vor sich niedersah. Er war in einen weiten, einem Schlafrock ähnlichen Armiak von brauner Farbe gekleidet, der bis zu den Füßen niederhing, und trug auf dem kahlen Kopf eine Pelzmütze, nach Art der Jakuten das Fell nach innen gekehrt. Trotz des unbehilflichen Schnitts seiner Tracht, die durch ein Paar hohe Stiefel von Pferdehaut, Sary genannt, vervollständigt wurde, hatte dieselbe etwas Geordnetes, Militärisches.

Er ging mit gesenktem Haupt neben seinem Begleiter und schien empfindungslos und gleichgültig gegen dessen Worte. Dieser war ein ernst aussehender Geistlicher vom Orden der Basilianer, der in Irkutzk ein Kloster besitzt, trug aber nicht das weiße Ordensgewand, sondern die dunkle Kleidung der katholischen Weltgeistlichen, über welche ein Pelz von dem Fell der schwarzen sibirischen Bären geworfen war, während seine Beine in weiten Filzstiefeln steckten. Wenn je die heilige Mission der Tröstung Opfer und Anstrengungen gefordert hat, so ist es jene, welche eine kleine Anzahl von Geistlichen der katholischen Kirche in den Einöden Sibiriens vollzieht. Von Tobolsk und Irkutzk aus, wo die Station dieser frommen und ehrwürdigen Männer für die beiden General-Gouvernements von West- und Ostsibirien ist, durchziehen sie unter tausend Leiden und Entbehrungen die ungeheuren Landstrecken vom Baikal bis zum Eismeer, vom Ural bis Kamtschatka und besuchen jedes Jahr alle Stationen der Verbannten, um den Nieszczastnyi, den Unglücklichen, wie der Volksbrauch sie mitleidig heißt, die ewigen Tröstungen der Religion zu bringen! Die russische Regierung, die bei so vieler tyrannischer Härte in manchen Dingen so eigentümlich liberal in anderen handelt, hat dieser Seelsorge der katholischen Kirche bis jetzt noch kein Hindernis in den Weg gelegt. Freilich verpflichtet ein strenger Eid diese Geistlichen, sich jedes politischen Verkehrs mit den Verbannten zu enthalten.

Der Begleiter des Priesters blieb, ehe sie die Gruppe um den Schlitten erreichten, stehen und reichte jenem die Hand.

»Lassen Sie uns scheiden, Pater, und mögen Ihnen Gott noch ein langes und segensreiches Wirken hienieden verleihen. Dort oben hoffe ich Sie nach diesem wiederzusehen!«

»Ich hoffe es noch in dieser Welt. Ich hoffe zu dem Erlöser, noch aus Ihrem Munde zu hören, daß Sie wie dieser Ihren Feinden vergeben und denen, die Ihnen Leiden verursacht haben, nicht mehr fluchen.«

Der gebeugte Mann richtete sich kräftig empor, sein Auge flammte im finstern Blick auf das milde Gesicht des Geistlichen. »Vergeben? Wissen Sie, wer ich bin? Haben Sie die Flammen von Praga leuchten, die Kinder polnischer Mütter auf die Bajonette der russischen Schergen spießen sehen? Haben Sie je in den Kerkern unter dem Palast dieses Zaren geschmachtet, in einem Kerker, gegen den die Marterkammern Venedigs ein glücklicher Aufenthalt? Haben Sie die Tiefen der Bleigruben von Nertschinsk ermessen und unter den Stockschlägen dieser Henker ihre beste Lebenskraft gelassen? Vergeben? Vergeben das geknechtete, gemordete Vaterland, diese verstümmelten Glieder? Verlangen Sie die Vergebung von einem Gott – bei einem Menschen, der gelitten wie ich, finden Sie nur den Fluch!«

Der Pater wandte sich erschüttert ab. »Unglücklicher Mann«, sagte er, »dessen Namen ich nicht einmal weiß, da Sie ihn selbst in der heiligen Beichte verschwiegen, der aber sicher einst unter den Edelsten und Besten Ihres unglücklichen Vaterlandes geglänzt hat – kann ich denn nichts tun zur Erleichterung des Restes Ihres Lebens? Ich will mit dem Horodiczny, dieser Station sprechen und ihm jede Milde empfehlen – das gestattet unsere Lizenz der Regierung.«

»Der Holowa der Station«, sagte der Verbannte, »ist, wie Sie wissen, ein alter Franzose, ein Ehrenmann, der mir jede Gunst, die er gewähren kann, ohnehin zuwendet. Was Sie mir Gutes erweisen können, haben Sie getan, das heilige Sakrament hat mich zum letzten Kampf des Lebens gestärkt. Was ich allein noch von Ihnen erbat, die Annahme und Beförderung meines Testamentes, haben Sie mir abgeschlagen...«

»Ich habe einen Eid geleistet!« unterbrach ihn der Priester.

»Ich weiß es und ergebe mich darein, obgleich es mich nötigen wird, mein letztes, ein heiliges Wort an das Vaterland und meine Brüder einem Manne anzuvertrauen, den mein besseres Selbst mich verachten läßt, obschon er unter der gleichen Tyrannei leidet wie ich. Wenn Sie etwas dazu tun können, retten Sie jenes Mädchen, die Enkelin des Holowa, vor dem entsetzlichen Einfluß des Russen!«

Der Priester sah fragend empor, aber in diesem Augenblick traten mehrere Personen aus der Vorhalle des Blockhauses, und der Verurteilte wandte sich rasch um, als wolle er nicht mit ihnen zusammentreffen.

»Ihre Zeit ist um«, sagte er, »und auch die meine! Die heilige Jungfrau segne Ihren Weg!«

Er ging eilig davon, seiner einsamen Jurte zu.

Es waren drei Personen, die aus dem von Fichtenstämmen errichteten, in den Spalten mit Lehm und Moos ausgedichteten und durch Erdanwurf gegen die Winterkälte möglichst geschützten Blockhaus getreten waren, zwei Männer und ein Mädchen. Der eine war ein Greis nahe den Siebzig. Gleich dem Polen hatte er in seiner Haltung etwas Adrettes, Militärisches, was ihn vorteilhaft von den Eingeborenen und den Verurteilten unterschied. Obschon er die Landestracht trug, zeigten der scharfe Schnitt seines faltenreichen Gesichts, die Adlernase und das große dunkle Auge doch den Südländer.

Der zweite war ein Mann von etwa vier- bis fünfundvierzig Jahren, eine Löwengestalt, dem die langen Haare wüst um den Kopf flogen, eine echt russische Physiognomie mit trotzigem, energischen Ausdruck. Es lag etwas Vornehmes, Gewaltiges in der ganzen Erscheinung des Mannes, dessen Wesen und Gebärden im Gegensatz zu der traurigen Lage eines Sträflings jenes eigentümliche Air der vornehmen russischen Gesellschaft zeigten. Selbst in der Art, wie er seine unvorteilhafte Kleidung trug, und in der Wahl derselben prägte sich dies aus; denn obschon sie an Unordnung und Schmutz der der andern Verbannten und Eingeborenen wenig nachgab, war sie doch von den besten Stoffen. Er trug über einem dunkelgrünen Tuchrock einen Pelz von jenem Sämisch-Leder, dessen treffliche Fabrikation die Haupt- oder fast die einzige Industrie der Bewohner von Irkutzk ist, gefüttert mit sibirischem Fuchs, und eine gleiche über die Wangen reichende Kappe. Ein chinesischer Schal von roter Seide schloß den Pelz um seine Hüften, und auf dem Rücken trug er eine Janczarki, die lange tartarische Flinte, neben Pfeil und Bogen.

Zwischen diesen beiden Männern erblickte man eine Erscheinung, wie man sie schwerlich in diesen Einöden, unter diesem traurigen Himmel und so fern den Grenzen europäischer Kultur gesucht hätte.

Es war ein junges Mädchen von etwa neunzehn Jahren, die Enkelin des Holowa oder Gemeindevorstehers, des alten Franzosen, wie ihn vorhin der Verbannte in dem kurzen Gespräch mit dem Geistlichen bezeichnet hatte.

In der Tat war der zivile Vorsteher der Kolonie – die Kolonisten haben in Sibirien das Recht, diesen aus dem Kreise der sogenannten Kronbauern zu erwählen – von Geburt ein Sohn des schönen und fernen Frankreichs. Auf dem unglücksvollen Rückzug der einst so übermütigen napoleonischen Armee von dem brennenden Moskau durch die Winterschrecken von 1812 war er, damals ein junger Krieger von kaum 20 Jahren, in die Hände der Kosaken gefallen und als Kriegsgefangener nach dem fernsten Osten des gewaltigen Reiches geschleppt worden. Wie so viele derselben war er bei der nach dem Pariser Frieden erfolgten Auslieferung der Gefangenen in dem fernen Sibirien vergessen, hatte seinen Angehörigen in der Heimat längst für tot gegolten und war später durch verschiedene Lebensschicksale, die wir vielleicht noch Gelegenheit haben werden, näher zu erwähnen, veranlaßt worden, alle weiteren Schritte zur Erlangung seiner Freiheit zu unterlassen, um so mehr, als er hier die Tochter eines Eingeborenen, eines der angesehensten Tungusenhäuptlinge, zur Frau genommen.

Nur einige Jahre hatte jedoch diese Verbindung gewährt. Von den Kindern, die seine Frau ihm hinterlassen, war eine einzige Tochter am Leben geblieben, die Mutter des Mädchens, das jetzt neben ihm stand und dem seine ganze Liebe und Sorgfalt gehörte. Denn seine Tochter, welche einen vornehmen verbannten Russen geheiratet, der mit dem unglücklichen Dichter Bestuschew in der Pestel'schen Verschwörung von 1825, welche den Thron des Zaren Nikolaus so blutig befestigte, eine hervorragende Rolle gespielt hatte und nach der Hinrichtung der Hauptleiter mit 83 Verschworenen nach Sibirien begnadigt und nach Verlauf der Katorga, in die Posielenie, nach den Wildnissen zwischen der Lena und Ochotzk gesandt worden, war schon vor zehn Jahren mit ihrem Gatten an einem der bösartigen sibirischen Fieber gestorben. Jeanrenaud, wie der alte Franzose sich nannte, war mit seinen Kindern in die Kolonie gezogen, und da er sich von dem Grabe seiner Tochter nicht trennen wollte, hier geblieben. Sein ruhiges gediegenes Wesen und der Einfluß, den er durch seine frühere Heirat auf die Nomadenstämme übte, hatten ihm das Vertrauen nicht allein der Ansiedler, sondern selbst der russischen Beamten erworben, und so war er auf Grund seiner Stellung als Kronbauer oder freier Besitzer zum Vorsteher der einsamen Station gemacht worden.

So sehr er auch wünschte, die geliebte Enkeltochter, das einzige Band, was ihn noch ans Leben fesselte, in glücklichere und für ihre Zukunft geeignetere Verhältnisse zu bringen, hatten doch seine Zärtlichkeit für sie und andere Umstände ihn bisher gehindert, sich von ihr zu trennen und sie zur Erziehung nach St. Petersburg oder einem andern geeigneten Ort zu senden. So war Jahr auf Jahr vergangen, aus dem Kinde war eine Jungfrau geworden, die in dieser wilden und schmutzigen Atmosphäre zu einer seltsamen Blume emporgeblüht war.

Der Holowa, der in seiner Jugend eine gute und vornehme Bildung genossen, hatte sich bemüht, diese bei der Erziehung seiner Enkelin zu verwerten, in deren Adern sich das französische mit dem tartarischen Blut so seltsam kreuzte; aber die Zärtlichkeit für dieselbe hatte ihn leider auch verhindert, die Prinzipien einer Erziehung mit Strenge durchzuführen und sie vor den wilden Einflüssen zu bewahren, die sie rings umgaben und denen er ja selbst unterlegen war.

So war denn ihr Charakter bei großen natürlichen Anlagen und einem ursprünglich warmen Herzen und richtigem Gefühl bald zu einem beklagenswerten Gemisch von wildem, kühnem Trotz, Aberglauben, Hochmut und Laune geworden. Dennoch zeigten sich häufig auch unter diesen schlimmen Eigenschaften und in einer noch schrecklicheren, für ein so junges Herz und so ungeordnetes Denkvermögen wahrhaft teuflischen Versuchung, wie die letzten zwei Jahre sie ihr gebracht, Züge hohen und edlen Sinnes und wahrer Weiblichkeit.

Dieses seltsame Wesen war ebenso eigentümlich in ihrer äußeren Erscheinung.

Wéra Tungilbi – wie sie mit ihrem russischen und tungusischen Namen genannt wurde – war von mittlerer Größe, schlank, aber kräftig gebaut, mit abgehärtetem Körper gegen alle Strapazen und die Wirkungen des Klimas. Unter einem reichen, in Zöpfe geflochtenen blonden Haar und der niederen Stirn wölbte sich schön und kühn eine kurze Adlernase über einem etwas breiten, aber edel und voll geschnittenen Mund. Das Kinn war schmal und ging in eine schön gebogene Kehle über, die mit dem Hals dem kräftigen Nacken eines Hirsches glich. Der Bau des Gesichts neigte sich allerdings zu der bekannten tartarischen Form der Backenknochen, ohne aber einen unangenehmen Eindruck zu machen, harmonierte vielmehr vollkommen mit dem Ganzen und der eigentümlichen Bildung der Augen, die diesem Gesicht erst seinen merkwürdigen Ausdruck gab. Diese Augen waren in Folge ihrer Abstammung klein und in leichtem Winkel sich zur Nasenwurzel neigend, aber von einem solchen Feuer, daß sie förmlich zu funkeln schienen und nur wenige ihren Blick ertragen konnten, ohne den ihren zu senken. Dies Feuer wurde noch erhöht durch die seltsame Anomalie, daß trotz der blonden Farbe ihres Haares tiefschwarze buschige Brauen in hoher Wölbung sie beschatteten. Füße und Hände waren überaus klein und von aristokratischer Form.

Die junge Sibirianka trug einen reichen phantastischen Anzug, wie die Frauen des Volkes, dem ihre Großmutter entsprossen, ihn lieben. Er war wie der der Männer, zwar aus Häuten und Pelzwerk, aber dies von kostbarster Art, und bestand aus einem kurzen, bis über die Knie reichenden Frauenrock von dem weißen Fell des Hermelins, Strumpfstiefeln von Renntierfell und einem anschließenden, mit bunten Glasperlen, Seide, Pferde- und Ziegenhaaren phantastisch geschmückten jakutischen Obergewand von kostbaren Zobelfellen, das Rauhe nach außen gekehrt. Obschon dieser Rock oder Pelz gegen die jakutische Sitte den Körper vollständig hätte einschließen können, trug die schöne Halbwilde doch den Handi, die eigentümliche bis auf die halben Lenden reichende und unten ausgefranste Schürze von gelbgegerbten Leder, welche Männer und Frauen an einer Schnur um den Hals hängen haben und die den Spalt des engen Obergewandes ausfüllt. Dicke Pelzhandschuhe und ein pelzgefütterter Baschlik von rotem Tuch um Kopf und Hals geschlungen vollendete diese wilde, aber keineswegs unschöne Tracht. In der Hand trug die Schöne eine kleine, roh geschnitzte, aber mit scharfem Stahlreifen versehene Armbrust, und an dem Gürtel des Rocks einen Köcher mit stumpfen Bolzen, ein Messer in einer Scheide von Fischhaut und einen kleinen handlangen amerikanischen Revolver. An einem leichten Riemen hingen über ihrer Schulter zierliche lange Schneeschuhe, mit dem Fell eines Renntierkalbes bespannt.

Wéra Tungilbi trat alsbald auf den Geistlichen zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Siehst du, Väterchen«, sagte sie französisch, »daß ich recht hatte, als ich sagte, wir könnten zusammen aufbrechen. Nummer Neunhundertachtzig muß dir sehr interessante Dinge zu sagen gehabt haben, daß seine Beichte so lange gewährt hat!«

»Spotte nicht eines Unglücklichen, Tochter«, sagte ernst der Priester, indem er sich zu seinem Schlitten wandte, gleich als wünschte er weiterem Verkehr zu entgehen. »Welchen besseren Trost konnte er für die schweren langen Monde, die ihm und allen Bewohnern dieser traurigen Öde wieder bevorstehen, gewinnen, als daß Gott der Herr seine Sünden verziehen hat und die Heiligen ihn stärken werden, seine Leiden zu tragen!«

»Ein warmer Bärenpelz«, meinte höhnisch der Begleiter des Mädchens, »würde das mehr tun als alle Heiligen des Kalenders! Ein tüchtiger Schluck Branntwein ist ein besseres Heilmittel bei 40 Grad Réaumur als alle Absolution!«

»Schweig, Unseliger!« sprach zürnend der Priester. »Du frevelst an Gott, der dich wie ihn zur Strafe eurer Sünden in diese Einöde geführt hat!«

»Unsinn!« lachte höhnisch der Verbannte. »Der Zar in Petersburg oder der Generalgouverneur von Irkutzk ist dein Herrgott gewesen, der uns zur Strafe für unsere Dummheit hierher geschickt! Ich dachte nicht, daß ein Mann wie Neunhundertachtzig nach seinen Erfahrungen noch an dem Ammenmärchen von Gott und Religion hängt!«

Das Mädchen lachte hell auf, als sie das entsetzte Gesicht des Priesters bei dieser Blasphemie sah, welcher der greise Holowa mit finsterer, unwilliger Miene zuhörte, ohne indes zu wagen, seinen Hausgenossen darüber zu tadeln, vor dem er eine gewisse Furcht zu empfinden schien.

»Heilige Jungfrau!« rief der Priester mit Entsetzen, die Hände erhebend, »das also ist der Grund, unglückliches Kind, weshalb du gestern zögertest, die Segnungen unserer heiligen Religion zu genießen?! Welcher schlimme Same ist in dein Ohr gefallen, seit ich das letzte Mal diesen Ort besuchte! Und Ihr, Jeanrenaud, wie konntet Ihr es dulden, daß dieser Frevler an Gott und Menschen ein junges Gemüt vergiftet, das die Segnung der christlichen Taufe empfangen und für das Ihr den Heiligen verantwortlich seid?«

Der Greis wandte sich finster ab, ohne eine Antwort zu geben. Das Mädchen selbst aber übernahm dieselbe.

»Ich bin den Kinderschuhen entwachsen, Pater Hilarius«, sagte sie stolz und trotzig, »und danke es diesem Herrn, daß er meinen Geist freigemacht von allen Fesseln des Aberglaubens. Ich wollte dich nicht kränken, deshalb schwieg ich gestern und ließ mir all den Firlefanz deiner Kirche gefallen, die nicht mehr die meine und nicht besser als die Zauberbeschwörungen meiner lieben Verwandten, der Tungusen, ist! Ich bin ein freies Weib, das Ich ist mein Gott und im Namen der Moral verwerfe ich den deinen! Ich glaube an nichts als an meine fünf Sinne und leugne die Berechtigung irgendwelcher Religion im Namen der Rechte der freien Menschheit!«

Der Mann an ihrer Seite winkte ihr Schweigen und flüsterte ihr leise einige warnende Worte zu, der Pater aber schlug ein Kreuz, als wolle er sich vor diesen entsetzlichen Lehren des Nihilismus, die ihm hier zum ersten Mal so dreist entgegentraten, schützen, und wandte sich zu den Umstehenden, von denen noch zwei oder drei seine Beichtkinder waren, als wolle er sie ansprechen; aber der Hausgenosse des Holowa kam ihm zuvor.

»Still!« sagte er mit gebietendem Ton, »wir achten Ihre Überzeugung, ehren Sie die unsere! Sie haben Ihr Amt hier getan und nichts mehr hier zu schaffen vor nächstem Jahr. Besteigen sie den Schlitten und setzen Sie Ihren Weg fort, oder ich werde dem Gouverneur anzeigen, daß Sie Bekehrungsversuche treiben, was Ihnen streng durch das Gesetz verboten ist!«

Der Geistliche senkte das Haupt unter dieser Drohung, deren schwere Folgen er sehr wohl kannte. Wie ein Betäubter wankte er zu dem Schlitten und ließ sich von seinen Beichtkindern hineinheben, die hierauf neben demselben auf die Knie fielen, um seinen letzten Segen zu empfangen. Der Jakute setzte sich auf den Vorderplatz und erhob mit einem langgezogenen Je – tiah! den langen Stock – die Kosaken riefen ihr Paschol! und schwangen den Kantschu – und dahin trottete im scharfen Trab der Hundezug, begleitet von den Reitern.

Der Verbannte wandte sich lachend zu dem Mädchen. »So, Wéra Tungilbi, den Schwarzrock wären wir los, und ehe er wiederkommt, kann sich manches geändert haben. Ist es dir jetzt gefällig, unsern Jagdzug anzutreten?«

»Ich bin bereit«, sagte sie nachdenkend. »Im Grunde meinte er es gut und ist ein redlicher Mann, wenn er auch ein Priester ist, von denen du mir so viel Schlimmes erzählt hast, Michaeloff! – Wer wird uns begleiten?«

»Sergei, der Katorgi, und Ajun, der Jakut; dort steht er bereits mit Spieß und Sack.«

»So leb wohl, Diadiuszki! Am Abend sind wir zurück, laß dir die Zeit nicht lang werden und halte den Samowar warm!« Sie reichte dem alten Mann die Wange, die er betrübt, aber zärtlich küßte, indem er ihr noch verschiedene Warnungen und Vorsichtsmaßregeln einschärfte, von denen er doch wußte, daß sie vergessen waren oder unbeachtet blieben, sobald sie nur dem Hause den Rücken gewandt. Als aber der Verbannte ihm die Hand reichen wollte, ehe er der Voraneilenden folgte, wandte er sich unwillig von ihm.

»Nein, Gospodin – ich mag Ihre Hand nicht«, sagte er finster, »denn Sie sind der schlimmste Feind, den ich habe. Sie haben das Kind meiner Seele verführt zu ruchlosen Grundsätzen und alle guten und ehrenwerten Gefühle der Liebe, des Gehorsams und der Frömmigkeit aus ihrem Herzen gerissen und dafür das Gift Ihres politischen Hasses hineingepflanzt. Auch das letzte Band der Ehrfurcht vor der Religion haben Sie soeben gelöst – Gott wird Sie einst strafen dafür! ich aber fluche dem Tag, da ich gezwungen wurde, Sie in mein Haus zu nehmen.«

Der Russe zuckte hochmütig die Achseln. »Sie werden kindisch, Monsieur Jeanrenaud! Ihre hübsche Enkelin ist nicht dazu geboren, um in diesem Winkel Sibiriens zu verkümmern. Es fließt nobles Blut in ihren Adern, und ich hoffe sie noch einmal auf den Parketts des Winterpalastes eine Rolle spielen zu sehen. Dazu muß sie etwas Schliff und Charakter erhalten, und Sie sollten mir's danken, daß ich mich herbeilasse, ihr diese zu geben. Was die Strafe Ihres Gottes betrifft, so wissen Sie, daß ich diesen so wenig fürchte wie die Blechgötzen der Tungusen und Jakuten. Der Gouverneur von Irkutzk hat in meinen Augen mehr reelle Macht als alle Götter der zivilisierten und unzivilisierten Welt. Auf Wiedersehen, Papa Jeanrenaud!«

Er ging lachend davon, den Hügeln zu, an deren Fuß ihn bereits das Mädchen ungeduldig erwartete.

»Du hattest wieder Streit mit dem Vater, Michael Iwanowitsch?« frug sie, indem sie ihren Begleitern den trotz der unförmigen Pelzstiefel noch kleinen Fuß hinhielt, um die Schneeschuhe daran zu befestigen.

»Bah – es ist nichts, Kind! seine gewöhnlichen Klagen – ich verdürbe deinen Charakter, weil ich mir die Mühe gebe, die läppischen Vorurteile aus deiner Seele zu verbannen und sie einer erhabenen großen Weltanschauung zu öffnen, der Erkenntnis, daß der Mensch nicht nur sein eigener Gott, sondern der wahre Gott der Welt ist!«

Sie lachte leichtherzig. »Ein schöner Gott, der als Kind sich nicht einmal die Windeln waschen kann, als Mann Zobel und Füchse jagen muß und als Greis sich füttern läßt!« »Und dennoch sich ewig erneut und verjüngt. Ich spreche nicht von dem Individuum, sondern von dem Menschengeschlecht, dem Herrn alles Sichtbaren und Greifbaren, also dessen, was allein wahr ist. Ich freue mich, Wéra Tungilbi, heute mit dir allein zu sein, um deine Kraft zu stärken und die Einflüsterungen jenes Schwarzrocks zu paralysieren, der gestern seine Künste an dich verschwendete. Ich sah mit Vergnügen, wie wenig du auf ihn achtetest und daß du nicht einmal der Mühe wert hieltest, ihn über deine Gesinnung zu täuschen. Desto schärfer traf die Lektion von vorhin!«

Das Mädchen war bereits im Begriff, davonzufliegen auf den statt der Fittiche mit Holz und Tiersehnen beflügelten Sohlen, hielt aber wieder inne und sah zu ihm, auf die lange schlanke Lanze gestützt, die sie aus den Händen ihrer Begleiter empfangen und die ihr als Stab diente, mit einem seltsamen Blick empor, in dem sich ein Gemisch von Trotz und Schalkhaftigkeit spiegelte. »Und warum glauben Sie wohl, sehr weiser Barin«, frug sie, »warum ich gestern nicht dem armen Pater Hilarius antwortete?«

»Weil ich dich seinen Unsinn verachten gelehrt!«

Sie lachte. »Weit gefehlt, edler Bojar! Ich tat es, damit er sich nicht früher betrüben sollte als nötig, und weil er der beste und achtungswerteste Mensch ist, den ich kenne, hundert Mal besser als du und ich! So – und nun fange mich, Michael Iwanowitsch, wenn du es vermagst!«

Und lachend, mit Windeseile flog sie auf dem einfachen Instrument, das in der arktischen Zone dem Jäger das Roß der Steppe ersetzt, über die weite Schneefläche.

»Sie ist und bleibt ein Kind«, sagte unwillig der Verbannte, »eine Natur, die alles in sich aufnimmt, die kühnsten Ideen, die wichtigsten Probleme der negierenden Philosophie – und im nächsten Augenblick alle Lehren vergißt, um dem Übermut ihrer Laune sich zu überlassen! – Weiber! Weiber! wirbelnde Schneeflocken in der Menschennatur, ohne Halt und Mark, und dennoch die Erde befruchtend!«

Er warf die Flinte über den Nacken, und eilte ihr nach, der bereits die Begleiter gefolgt waren.

Es sind etwa vier Stunden seit dem Aufbruch vergangen, als wir die Gesellschaft wiederfinden.

Sie lagerte in einem jener nach Westen, der weiten Schnee-Ebene zu, geöffneten wilden Täler des Stanoway-Gebirges unterhalb eines vorspringenden Felsens, der sie gegen den eisigen Nordwind schützte. Der Jakut und der Katurgi hatten den hier nur leichten Schnee zur Seite gebracht und in der Höhlung des Gesteins ein Feuer angezündet, dessen Rauch, um den überhangenden Fels sich windend, hoch hinauf in die klare Luft trieb. Ein Handkessel siedete Schneewasser auf der Glut zum Tee, während schon über den nächsten Umkreis des Feuers hinaus die Kälte wieder ihr Recht behauptete.

Sergei, der Katurgi, ein Mann von einigen vierzig Jahren mit stumpfem mongolischem Gesicht, hütete den Kessel bis zum günstigen Augenblick, um im Samowar den Kirpiczny czaj, den sogenannten Ziegeltee zu brühen, die niederste Sorte Tees, die aus China in dieser Form gebacken nach Sibirien kommt und mit Beil oder Messer in Stücken geschnitten werden muß, während sein Gefährte, der Jakute, auf das Geheiß der europäischen Jäger hinausgegangen war in die Ebene, um nach dem Wetter zu spähen. Michailoff saß mit der jungen Sibirianka unter dem Felsen und betrachtete sie mit forschenden Blicken, während die ihren zerstreut bald auf einem halben Dutzend Zobeln und Hermelins ruhte – die Beute ihrer Jagd, die zu ihren Füßen lagen -, bald über den Talkessel schweifte. Der Eingang desselben war ziemlich eng; schwarze Felsenmassen drängten sich aus den weißen Schneelagen, und am Ort, wo sie geschützt vor dem scharfen Wind saßen, öffnete sich hinter ihnen eine dunkle Spalte oder Kluft, die tief hinein in das Gestein zu führen schien.

»Woran denkst du, Wéra Tungilbi?« fragte der Verbannte. »Ich dachte daran, was aus mir werden soll, wenn die Begnadigung von Sankt Petersburg für dich kommt, die du schon längst erwartest, oder du heimlich Katemskoi verläßt, wie du gleichfalls schon lange beabsichtigst.«

»Du weißt, daß ich dir versprochen habe, in jedem Fall dich mitzunehmen.«

»Nein – das eben will ich nicht! es würde ein trauriges Los für mich sein. Hier bin ich wenigstens die Herrin, aber wenn ich dich begleitete und allein von deiner Gunst abhinge, würde ich nicht viel besser sein als deine Sklavin; denn ich weiß, du verachtest die Weiber!«

»Du bist ungerecht gegen dich selbst«, sagte der Verbannte. »Du bist eine Ausnahme von vielen und mein Zögling. Ich betrachte dich wie – wie meine Tochter!«

Sie lachte ihm übermütig in das Gesicht. »Du wirst deinem eigenen System untreu, Michael Iwanowitsch. Hast du mich nicht selbst gelehrt, daß der Mensch keine Verpflichtung der Dankbarkeit gegen seine Erzeuger, die Eltern keine Schuld gegen ihr Kind haben, daß dessen Erziehung Pflicht der allgemeinen Gesellschaft ist? In der Gesellschaft gelten nur Kontrakte mit gegenseitigen Rechten, und wo ist der Richter, der dich zwingen würde, mir einen solchen Kontrakt zu halten?«

»Deine eigene Schönheit und Liebenswürdigkeit ...«

»Bah – werde nicht albern, Michael Iwanowitsch! Du kannst nicht denken, daß ich gesonnen bin, deine Hilfe mit meinem Leibe zu bezahlen, und Liebe ... ist, wie Du mich selbst gelehrt, nur eine Schwäche und der Zucker über der Mandel Sinnenlust. Überdies« – sie lachte wieder heiter und mädchenhaft auf – »habe ich noch keine Gelegenheit gefunden, unter Jakuten, Tungusen und Warnekis mich zu verlieben. Mutin, der Kosak, ist der einzige Junge und Hübsche, der mir den Hof macht, und der riecht mir zu sehr nach Branntwein. Noch weniger mag ich den Horodiczny, Pisarew in Jakutzk heiraten, der mich vom Vater schon zwei Mal verlangt hat. Der Lump hat sein erstes Weib zu Tode geprügelt. Wenn ich mich je einem Manne verkaufe, so muß er jung, schön und reich sein und mir jeden Willen lassen. Überdies ziehe ich es vor, viele junge, reiche und schöne Männer zu haben und über alle zu regieren und sie zu genießen, wie einst die Zarewna Katharina, von der du mir erzählt hast. Darum will ich nach Petersburg gehen, oder gar nach Paris, wo es noch schöner und freier sein soll, wie du sagst.«

»Aber du wirst nie ohne mich dahin kommen!«

»Wir wollen sehen! – Schau, Michael Iwanowitsch, du bist ein stattlicher Mann, stattlicher als alle andern, die ich bisher gesehen und wenn du auch ein »Unglücklicher« bist, so hast du doch mächtige Freunde; denn selbst der Horodiczny und der Vize-Gouverneur in Jakutzk behandeln dich nicht wie die andern Verurteilten, und ich weiß, daß du heimlich Geld und Briefe erhältst. Aber es gibt doch Personen, die mächtiger sind als du, denn sie haben dich bestraft und zwingen dich, hier zu leben und die Zobel zu jagen, nachdem du alle Schönheiten der Welt gesehen und ein freier Mann warst. Du bist also jetzt ein Knecht, ein Sklave, so gut wie die Diener meines Großvaters, des Kamelfürsten. Du wirst mir zugeben, daß es dumm von mir wäre, mich an einen Knecht, einen Unfreien zu hängen und ihm zu gehorchen, wo ich Fürsten und freie Männer genug in der Welt finden kann! – Ich bin dir verpflichtet für deinen Unterricht und daß du mir gezeigt, welche Rechte der Mensch hat und wie kindisch alle meine früheren Begriffe waren – aber ich habe dich dafür bezahlt mit vielen andern Dingen, seit der Smotrytiel, dich in das Haus meines Großvaters gewiesen hat. Es ist also keine Ursach, daß ich dir noch meine Zukunft opfern soll; denn wenn man uns beide auf der Flucht einfinge, würde ich so gut verurteilt wie du!«

Der Lehrmeister dieser Grundsätze biß sich auf die Lippen. »Du hast einen Hauptsatz meiner Lehren vergessen, Wera«, sagte er. »Es ist der, daß in der Verbindung der Menschen, in der gleichberechtigten Genossenschaft ihre Kraft liegt. Niemand ist einem andern Dienste schuldig, die ihm nicht selbst nützen. Wenn aber sein eigner Vorteil damit verbunden ist, wäre es töricht von ihm, sie nicht zu leisten. Zudem du meine Gefahr einer Flucht teilst, hast du auch die Aussicht auf die Vorteile derselben. Deine Verwandten werden nie zugeben, daß du allein in die weite Welt gehst, überdies würde es dir dort an allem fehlen, und in Folge der noch bestehenden widersinnigen und ungerechten Einrichtung der Gesellschaft bedarf eine Frau überall des männlichen Beistands. Du siehst also, daß der Vorteil auf deiner Seite ist bei meinem Anerbieten.«

»Wieviel Geld würde ich brauchen, um von Ochotzk nach Paris zu kommen?« sagte sie, ohne auf seine Rede zu antworten.

»Tausend Rubel Silber.«

»Zeige mir dein Messer – dasselbe, was du aus dem Kaukasus mitgebracht und das du Amru-Bey, dem Tscherkessen-Häuptling, als Beute abgenommen, nachdem du ihn erschlagen. Ich weiß, du führst es stets auf der Jagd bei dir.«

Der Verbannte löste den Schal, der seinen Pelz umschloß, und zog aus dem Gürtel um seinen Oberrock einen tscherkessischen Dolch, den er ihr verwundert reichte. Der Metallgriff desselben war mit mehreren Edelsteinen ausgelegt – an einzelnen Stellen waren solche ausgebrochen.

Die Sibirianka legte den Finger auf einen Stein, der den Knopf bildete. »Dies sind Edelsteine, wie du mir erzählst, solche, mit denen sich in Europa die Frauen und die Vornehmen des Landes schmücken. Wie nennst du diesen?«

»Es ist ein sibirischer Smaragd.«

»So findet man solche Steine auch in unserm kalten Lande?«

»Gerade hier. Die Gebirge Sibiriens liefern außer den kostbaren Metallen Smaragde, Saphire, Amethyste, Topase, Hyazinthe und den kostbaren Phemakit, nicht nur im Ural, sondern selbst in den Brüchen von Nertschinsk. Das törichterweise in Europa so verschriene Sibirien birgt sonderbarerweise die reichsten Schätze in seinem Schoß. Aber warum fragst du?«

»Ich kenne die Namen nicht, die du eben genannt hast. Es mögen wohl solche darunter sein. Aber sage mir, wieviel dieser Stein hier am Knopf deines Messers wohl wert ist?«

»Der Chinese Tali Thingh in Ochotzk würde gern zweihundert Rubel dafür zahlen. Vielleicht führe ich ihn im Frühjahr in Versuchung.«

»Und wenn ein Stein doppelt, dreifach so groß ist, steigt damit sein Wert?«

»Nicht in dem Verhältnis, wie du es sagst, sondern zehn, zwanzigfach. Aber nochmals, warum fragst du solche Dinge, die in dieser Einöde dir ziemlich gleichgültig sein können?«

Wera Tungilbi hatte sich der dicken Pelzhandschuhe entledigt, griff in die Tasche ihres Hermelinrocks und holte einen Gegenstand hervor, den sie dem Verbannten reichte. Es war ein Stein in der Form eines Säulenkristalls von etwa 1 ½ Zoll Länge und ½ Zoll Dicke. Als der Russe ihn in seiner Hand wandte, fiel der Widerschein des von dem Katurgi angezündeten Feuers darauf, und der Stein funkelte wie das grüne Auge einer Schlange. Der Verbannte prüfte ihn erstaunt von allen Seiten und sah dann auf die Eigentümerin.

»In des Teufels Namen, Mädchen, wie kommst du zu diesem Stein? Es ist, soviel ich sehe, ein Smaragd von bester Farbe und bedeutendem Wert!«

»So sage mir diesen, Michael Iwanowitsch!«

»Ich bin kein Juwelier, aber ich müßte mich sehr täuschen, wenn dieser Stein nicht zwei- oder dreitausend Rubel wert sein sollte!« Die Sibirianka klatschte in die Hände wie ein Kind. »Druzno! druzno!«, rief sie. »Ich werde mir sie von meinem Diadinszk schenken lassen und gehe dann sicher nach Paris!«

»Von deinem Großvater? Ist dieser Stein denn Eigentum des Holowa?«

»Bewahre, drug moi!, Er weiß gar nichts davon. Sie gehören Scheminge Tojon, dem Kamelfürsten, meinem andern Großväterchen.«

»Sie – du redest von diesem Stein hier!«

»Nein, nein! Er hat mir ein Säckchen voll zum Aufbewahren gegeben, viele schöner und weit größer als dieser hier – es sind mindestens hundert Stück. Der alte Mann sagt, er habe sie in den Bergen am Amur unter einer Baumwurzel gefunden, und viele, viele Jahre in seiner Jurte bewahrt. Er meint, die Weiber putzen sich gern und er habe sie zu meinem Ischi, bestimmt!«

Der Verbannte war erregt von seinem Sitz aufgestanden. »Wenn du die Wahrheit sprichst, Mädchen, so bist du ja im Besitz eines mehr als fürstlichen Vermögens. Warum hast du mir nicht längst davon gesagt?«

»Was sollte ich–ich dachte nicht daran, bis ich gestern in der roten Kiste, meiner Mutter kramte und den Ledersack zufällig wiederfand. Da fiel mir der Stein ein, den ich auf deinem Messer gesehen, und ich beschloß, dich zu fragen.«

»So ist die Erzählung der Tungusen und Jakuten von dem Reichtum Schemingas doch keine Fabel«, meinte in tiefem Nachdenken der Russe. »Hüte dich, mit jemanden weiter von diesem Schatz zu sprechen, bis ich über den Gebrauch nachgedacht, den wir davon machen können! Jedenfalls mußt du sie behalten–am besten, du gibst sie mir in Verwahrung!«

»Er wird sie mir schenken, wenn ich ihn darum bitte«, sagte die Sibirianka einfach, »bis dahin aber sind sie sein Eigentum und ich habe kein Recht daran. Es ist schlecht von dir, Michael Iwanowitsch, mich zu einer Diebin machen zu wollen!«

»Törin! der alte Nomade kennt nur seine Kamele und Pferde und weiß den Wert dieser Edelsteine nicht zu schätzen. Wie oft hab ich dir gesagt, daß jeder Mensch gleiches Recht auf den Besitz hat. Aber dort kommt Ajun in voller Eile gerannt, und während wir hier streiten, hat sich das Wetter geändert!«

In der Tat kam die kleine in Renntierfell gehüllte Gestalt des Jakuten in eiligen Bocksprüngen vom Eingang des kleinen Tals dahergerannt und suchte schon in der Ferne durch allerlei Schwenkungen der Arme die Aufmerksamkeit seiner Gefährten zu erregen.

»Was hast du, Socha, was bringt dich aus deiner gewohnten Trägheit?«

»Er wird sie ereilen, ehe sie im Schutz der Berge sind, Gospodin. Der böse Geist wird ihre Seelen haben, ehe die Sonne unter ist!«

»Wer zum Teufel wird denn die deine holen, du Sohn einer Hündin!«

»Rass–dwa–pät–schest, habe ich gezählt!« stöhnte der Jakut.

»Eins, zwei–fünf, sechs! Was meinst du damit? Antwort, oder ich brauche den Kantschu!«

Der Jakut fiel vor dem gestrengen Frager in die Knie. »Väterchen, gnädigstes, warum willst du den armen Ajun schlagen, weil sein Auge dem des Falken gleich ist und er sechs Schlitten in der Ebene gesehen hat!«

»Schlitten? mögen sie verdammt sein! was kümmert uns irgendeine herumziehende Horde deines Gelichters!«

»Aber der Buran, wird sie töten.«

»Der Buran?«

»Er kommt über die Tundra her, Gospodin–in wenig Zeit wirst du sein Brausen hören.«