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Dem verlockenden Ruf aus Medan, ein Jahr als Hauslehrer in einer deutschen Familie zu arbeiten, ist der junge Max Berger spontan gefolgt – nicht zuletzt, weil er für die Mutter der Kinder schwärmt. Er lernt Indonesisch und lebt sich in die neue Kultur ein, die neben menschlicher Wärme ein verstörendes Maß an Korruption, Rassismus und Intrigen offenbart. Während ihm die Geschwister ans Herz wachsen, machen ihm Eifersucht und Ablehnung des Vaters zunehmend zu schaffen. Und dann sind da die Frauen: die chinesische Studentin Kim, in die Max sich verliebt; die verführerische Eurasierin Louise, mit der er erotische Stunden verbringt; die reife Gräfin Bettina, die er wiedertrifft. Egal, wie Max es auch angeht, seine Affären enden im Chaos. Schließlich findet er sich in einem Strudel aus Liebe, Eifersucht und gut gehüteten Familiengeheimnissen wieder, aus dem er schwer herausfindet. Begegnungen mit einer fremden Lebensart, schmerzhafte Erkenntnisse, Exkursionen in tropische Landstriche: Hans Walker nimmt die Leserinnen und Leser in seinem Roman mit in ein unbekanntes, aufregendes Indonesien.
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Seitenzahl: 521
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Originalausgabe
Mai 2024
© 2024 Buch&media GmbH München
Lektorat: Heidi Keller
Korrektorat: Judith Leister
Layout: Johanna Conrad
Satz & Umschlaggestaltung: Mona Königbauer
Umschlagmotiv: Shelyaga Nataliia / Shutterstock.com
Gesetzt aus der Adobe Garamond Pro
Printed in Europe
ISBN print 978-3-95780-303-0
ISBN print 978-3-95780-304-7
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Süße Freiheit flüsterte mir ins Ohr,du bist ein Schmetterling
und Schmetterlinge können frei fliegen, fliegen,weit weg, auf Wiedersehen.
Elton John
1
Medan, November 1970
VON WEIT WEG drangen Pfeiftöne in sein Unterbewusstsein. Während Max langsam zu sich kam, versuchte er, das Geräusch einzuordnen. War es ein Vogel? Da war es wieder. Pfiff. Pause. Pfiff. Er schlug die Augen auf. Die Umgebung war ihm fremd. Ein kleines, sonnendurchflutetes Zimmer. Dem Bett genau gegenüber an der Wand ein Regal aus Rattan. Vollgestopft mit Puppen, Plüschtieren und Stapeln bunt bedruckter Schachteln. Kinderspiele.
Sein Blick wanderte weiter und blieb am Fenster über dem schmalen Schreibtisch aus hellem Holz hängen. Das Licht blendete, er blinzelte. Die zwei Fensterflügel boten ihm getrennte Bilder eines tropischen Gartens: im linken Rahmen, auf und ab schwankend, mehrere Palmzweige. Die Ränder vom Wind zerfasert. Im rechten Ausschnitt ein leuchtend roter Fleck. Ein blühender Strauch. Max war erleichtert, als ihm nach kurzem Überlegen der Name des Gewächses einfiel: Bougainvillea. Er hatte die Büsche, die in allen erdenklichen Farben blühten, bei seinem Zwischenstopp in Singapur im Botanischen Garten bewundert. Der Aufenthalt war erst zwei Tage her, aber die Erinnerungen an diese aufregende Stadt lagen heute Morgen verschwommen wie Nebel in seinem schweren Kopf.
Der bunte Teppich auf dem Steinfußboden war aus einer natürlichen Faser geflochten. Braun, Gelb und Grün überwogen in dem längsgestreiften Muster. In der Verlängerung des Teppichs, links von Fenster und Schreibtisch, eine Tür. Er nahm an, dass sie in den Garten führte.
Während Max noch den Kleiderschrank direkt neben seinem Bett begutachtete, hörte er Geräusche im Flur.
»Warum pennt der Hauslehrer immer noch?« Die Stimme des Jungen klang ungeduldig und fordernd. »Ich gehe jetzt rein und wecke ihn auf!«
»Das machst du nicht, Alex! Lass ihn ausschlafen und in Ruhe hier in Medan ankommen.«
Max richtete sich auf. Annes Stimme! Es war spät geworden gestern Abend. Nach der Landung auf dem schmucklosen Flughafen hatten sie die zeitaufwendigen Einreiseformalitäten hinter sich gebracht. Vor dem schäbigen, mit Wellblech gedeckten Ankunftsgebäude wartete der Chauffeur von Robert Stoll neben dessen Auto, einem älteren, cremefarbenen Mercedes. Ein grün lackierter, zweitüriger Geländewagen mit Ladefläche und dem Logo von Stolls Firma auf den Türen – ein R, um das sich ein S schlang, darunter in weißen Buchstaben International Trading Pte Ltd Medan – stand für das Gepäck der Reisenden bereit. Nachdem Max den beiden indonesischen Fahrern vorgestellt worden war, ging es über schwach beleuchtete Straßen mit sehr geringem Verkehr zum Haus der Stolls. Dort erwartete sie trotz der späten Stunde die Haushälterin der Familie. Ayu war eine klein gewachsene, rundliche Person. Sie hatte einen geblümten Sarong um ihre kräftigen Hüften geschlungen. Darüber trug sie eine weiße Bluse. Zwei dunkle, warme Augen über den Pausbacken schauten Max neugierig an.
»Selamat datang, Tuan Max«, sagte sie freundlich und lief dann zu dem Geländewagen, um beim Abladen der Gepäckstücke zu helfen.
Wieder der Pfiff! In dem fremden Bett sitzend erinnerte sich Max jetzt an die Bemerkung von Lotte, als er gestern Abend in ihr Kinderzimmer geführt und ihm eröffnet worden war, dass dieser Raum für die nächsten elf Monate sein Domizil sei.
»Ich musste wegen dir hier ausziehen und muss mir jetzt ein Zimmer mit Alex teilen«, hatte Lotte klargestellt und sich umgeblickt wie eine Schlossherrin, die ihr Gemäuer nach verlorener Schlacht an den siegreichen Feind übergeben muss.
Der ernste Gesichtsausdruck der Achtjährigen hatte keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie dieses Arrangement mit ihrem Hauslehrer nicht nur als eine persönliche Zumutung, sondern auch als zutiefst ungerecht empfand.
»Und bring mir meine Puppen nicht durcheinander«, hatte sie noch mit besorgtem Besitzerblick auf das Rattanregal hinzugefügt. Angesichts des Chaos auf den Regalflächen ging von dieser Erwartung eher keine Gefahr für ihn aus.
»Mama, ist Max krank?« Das war jetzt Lottes Stimme vor der Tür.
»Nein. Er schläft heute einfach etwas länger«, hörte er ihre Mutter antworten. »Aber vielleicht sollten wir ihn jetzt wirklich wecken. Sicher will er sich seine neue Heimat bei Tageslicht …«
Max konnte den Rest des Satzes nicht mehr hören, denn in diesem Moment flog die Tür auf und die Geschwister stürmten herein.
»Hallo Hauslehrer, du bist eine Schlafmütze!« Alex stand sofort neben dem Bett und zog ihn am Arm. Seine wuscheligen braunen Haare standen in alle Richtungen vom Kopf ab. Lotte blieb etwas weiter weg im Zimmer stehen und beobachtete ihn mit großen Augen. Sie hatte ihre feinen dunkelblonden Haare heute zu einem schmalen Zopf geflochten.
»Hallo, ihr zwei! Schön, euch zu sehen«, sagte Max. »Ich kann es noch gar nicht glauben, dass ich jetzt bei euch bin. Und dein Zimmer ist richtig gemütlich, Lotte!« Er verschwieg, dass er die Matratze zu hart fand und das Bettgestell für ihn zu kurz war.
Er stand auf und folgte Alex und Lotte durch die Tür.
»Guten Morgen, Max. Herzlich willkommen in Medan«, begrüßte ihn Anne und nahm ihn in den Arm. Sie war barfuß, trug enge weiße Jeans und ein blaues Poloshirt, das perfekt zu ihren Augen passte.
»Ich freue mich so sehr, dass du hier bist. Ich hoffe, dass du eine wundervolle Zeit in Indonesien haben wirst. Robert und ich werden alles tun, damit du dich hier wohlfühlst.«
»Danke, Anne. Wo ist Robert eigentlich?«
Anne lachte kurz auf. »Der ist schon lange außer Haus. Er steht jeden Morgen um halb sechs auf, frühstückt eine Kleinigkeit und lässt sich dann vom Fahrer ins Büro bringen.« Sie musterte Max eine Weile gedankenverloren. »Er lässt dich grüßen«, sagte sie dann. »Ihr seht euch heute Abend. Ich organisiere uns jetzt erst mal ein schönes Frühstück. Und trödle nicht so lange im Badezimmer rum!«
Sie lachte, und Max fühlte sofort wieder die magische Anziehung, die von dieser Frau auf ihn ausging. Es war schön, ihr so nah zu sein. Aber zunehmend beschlichen ihn auch Sorgen. In den vorangegangenen sechs Jahren, in denen sie sich jeden Sommer während Annes Urlaub in Deutschland getroffen hatten, und in den letzten vier Wochen auf dem Schiff bis Singapur war er mit ihr und den Kindern allein gewesen. Hier in Medan würde er als Hauslehrer fast ein Jahr lang auch mit Annes Mann auf engstem Raum leben. Er konnte nur hoffen, dass diese neue Konstellation keine größeren Komplikationen erzeugte.
»Kommst du jetzt endlich?« Alex wurde ungeduldig.
Max folgte ihm und Lotte in das Badezimmer, das sie sich in Zukunft teilen würden. Waschbecken und Toilettenschüssel unterschieden sich in nichts von dem, was er aus Deutschland kannte. Eine Badewanne oder eine Dusche suchte er aber vergebens. Stattdessen sah er in einer Ecke einen hüfthoch gemauerten, bis zum Rand gefüllten Wassertrog, dessen Seiten gefliest waren. Auf seinem zwanzig Zentimeter breiten Rand stand eine Schöpfkelle mit einem hölzernen Griff.
»Wir haben hier keine Dusche, wie du das gewohnt bist, Hauslehrer. Wenn du duschen willst, stellst du dich hier neben den Trog und kippst dir mit dem Schöpfer Wasser über den Kopf. Dann einseifen, noch mal Wasser drüber und fertig.«
»Kaltes Wasser?«, fragte Max und schaute Alex ungläubig an.
»Mensch, Hauslehrer, du Frostbeule. Du bist in den Tropen! Das Wasser hier ist immer lauwarm.«
»Und wohin fließt es ab?«
»Na, hier hin!«
Jetzt erst fiel Max auf, dass der Fußboden betoniert war und nach allen Seiten leicht anstieg. Das Wasser lief zwangsläufig zur Mitte des Raums und in das mit einem Sieb abgedeckte Loch, auf das Alex zeigte.
Als Max wenig später in kurzer Hose, T-Shirt und mit nassen Haaren in seinem Zimmer vor dem frei geräumten Kleiderschrank stand und überlegte, ob er schon seine Koffer auspacken sollte, steckte Lotte ihren Kopf zur Tür herein.
»Frühstück ist fertig. Mama sagt, du sollst kommen.«
Max entschied sich, barfuß zu gehen. Der Steinfußboden fühlte sich angenehm warm an.
Er folgte Lotte den Flur entlang in einen großen, lichtdurchfluteten Raum mit freiem Blick in den Garten. Auf dem langen Esstisch an der linken Fensterfront stand eine kugelrunde Vase mit einem Strauß violetter Blüten. Rechter Hand gruppierten sich mehrere tiefe Rattansessel, die mit dicken Batikkissen belegt waren.
Die Sitzgarnitur erinnerte ihn sofort an das malaysische Gästehaus, in dem er vor knapp einer Woche mit Anne und den Kindern bei ihrem eintägigen Landausflug übernachtet hatte. Ihr Schiff, die Holsatia, hatte in dieser Zeit im Hafen von Port Swettenham gelegen und dort einen Teil der Fracht umgeschlagen.
Zwei raumhohe Türflügel standen weit offen und führten über mehrere breite Steinstufen hinweg in den gepflegten Garten mit kurz geschnittenem Rasen und einer lockeren Ansammlung von blühenden Stauden und Büschen, vereinzelten Palmen und hochstämmigen Laub- und Nadelbäumen. Ein leichter Wind trug den süßlichen Duft tropischer Blüten in das Zimmer.
Max blieb überwältigt stehen. So eindrucksvoll hatte er sich das Haus der Familie Stoll nicht vorgestellt.
In das feine Zirpen der Grillen hinein ertönten wieder die durchdringenden Pfeiflaute, die Max aus dem Schlaf gerissen hatten.
»Ein Beo«, erklärte Anne, und in diesem Augenblick konnte Max den Störenfried ausmachen. Auf einem Ast direkt vor der Verandatür saß ein dicker Vogel mit schwarz glänzendem Gefieder und einem kräftigen, orange-gelben Schnabel. Besonders auffallend war die leuchtend gelbe Zeichnung an seinem Hinterkopf.
»Die Beos sind ausgesprochen gelehrig«, sagte Anne. »Du kannst ihnen nicht nur Sprechen beibringen, sondern auch Melodien, die sie in kürzester Zeit fehlerfrei nachpfeifen können. Aber jetzt sollten wir endlich frühstücken.«
Max setzte sich so, dass er in den Garten hinausschauen konnte. Lotte und Alex belegten sofort die Stühle links und rechts von ihm.
Was für ein wunderbarer Platz, um den Tag zu beginnen! Hier würde er von heute an jeden Morgen sitzen. Zwischen den Kindern. So wie sie schon am Kapitänstisch auf dem Schiff darauf bestanden hatten, dass er zwischen ihnen saß.
Bei diesem Gedanken lächelte er. Wenn sich das Muster ihrer vierwöchigen Seereise wiederholte, dann würde er die Kinder nach dem gemeinsamen Frühstück unterrichten, mit ihnen zu Mittag essen, am Nachmittag mit ihnen lernen und üben und ihnen nach dem Abendessen ab und zu eine seiner selbst erfundenen Gutenachtgeschichten erzählen. Und das alles geschah ihm, dem Mann, der früher allen Personen in seinem Umfeld im Brustton der Überzeugung erklärt hatte, dass er mit Kindern nichts am Hut habe und sich wohler fühle, wenn sie ihm nicht zu sehr auf den Leib rückten. Als diese Lebensphilosophie auf dem Schiff nach und nach zu bröckeln begann, hatte Max dies mit Erstaunen, aber durchaus auch mit einem positiven Gefühl wahrgenommen. Die Kinder waren ihm in den wenigen Wochen auf dem Meer ans Herz gewachsen.
»Selamat pagi.«
Max wandte sich um. Hinter ihm stand die Haushälterin.
»Max, du hast Ayu gestern Abend schon kurz getroffen. Sie ist der gute Geist des Hauses. Sie kocht, putzt und macht die Wäsche. Sie hilft uns schon seit der Geburt der Kinder. Wir sind glücklich, dass es sie gibt!«
Die beiden redeten kurz auf Indonesisch miteinander.
»Ayu freut sich sehr, dass du da bist«, übersetzte Anne. »Sie meint, dass es den Kindern sicher guttun wird, einen älteren Bruder zu haben.«
Max erhob sich. Ayu hatte ihre dichten schwarzen Haare zu einem Knoten gebunden. Sie war einen Kopf kleiner als er und hatte einen überraschend festen Händedruck. Sie stellte eine Thermoskanne mit Kaffee auf den Tisch und ging in die Küche zurück. Die kräftigen Pobacken unter dem Batikstoff bewegten sich bei jedem Schritt auf und ab, ihre nackten Fußsohlen klatschten leise auf dem Steinfußboden.
»Ich muss unbedingt sofort damit anfangen, Indonesisch zu lernen«, sagte Max. »Ich fühle mich unwohl dabei, nicht mit den Leuten reden zu können.«
»Ich habe auch schon eine Idee, wie du das am besten anpackst«, lachte Anne. »Dein Lehrer ist gerade im Anmarsch. Ich höre ihn kommen.«
Aus dem Garten ertönten kratzende Geräusche. Kurz darauf trat ein groß gewachsener, schlanker Mann in Max’ Blickfeld. Er trug einen wadenlangen Batikrock und ein verwaschenes T-Shirt und lief in kurzen, gleichmäßigen Schritten. Im Rhythmus dazu bewegte er einen langen Besenstiel, an dessen Ende ein kräftiges Büschel dünner Zweige befestigt war. Damit kehrte er gewissenhaft einzelne Blätter oder Blüten, die es gewagt hatten, auf den gepflegten Rasen zu fallen, in einem kleinen Häufchen vor sich her.
»Das ist Faisal, unser Gärtner. Neben der Gartenarbeit macht er noch kleinere Reparaturen, wäscht das Auto und besorgt auch mal das eine oder andere in der Stadt.«
Faisal hielt inne und blickte zu ihnen herüber. Anne winkte ihn herbei und rief ihm etwas auf Indonesisch zu. Faisal ließ seine durchgelaufenen Gummisandalen unten an den Treppenstufen stehen und nahm den Hut mit der breiten Krempe ab, als er durch die Flügeltüren ins Zimmer trat. Jetzt erst merkte Max, wie dünn der Gärtner war. Trotzdem wirkte er nicht fragil, sondern eher wie ein gealterter Marathonläufer.
»Faisal hat früher in der Firma von Robert gearbeitet«, erklärte Anne. »Er ist schon über sechzig und könnte in Rente gehen, aber er will unbedingt noch etwas arbeiten. Und er scheint an uns zu hängen.«
»Selamat pagi«, sagte Faisal.
Jetzt hörte Max den Gruß heute schon zum zweiten Mal und ergriff die Gelegenheit, mit dem Aufbau seines indonesischen Wortschatzes zu beginnen.
»Was antworte ich jetzt?«, fragte er.
»Du wiederholst den Morgengruß einfach.«
»Selamat pagi«, versuchte er es.
Faisals Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. Irgendetwas schien mit der Aussprache nicht zu stimmen.
»Faisal spricht kein Englisch«, sagte Anne. »Er hat nur wenige Jahre eine Schule besucht. Du kannst dich über einfache Dinge des Alltags mit ihm auf Indonesisch austauschen. Genau dadurch könnte er dir gut beim Erlernen der Sprache helfen. Du lernst so, wie ein Kind eine Sprache erlernt. Du bist doch noch ein Kind, oder?«
Ihre Augen blitzten angriffslustig.
Max packte schnell ihre Hand und verdrehte ihr spielerisch den Arm.
»Lass meine Mama in Ruhe!«, rief Lotte entrüstet.
»Hey, kleine Dame, sei doch kein Spielverderber«, lachte Anne, aber Max wusste, dass Lotte es ernst meinte. Was auf dem Schiff begonnen hatte, setzte sich schon am ersten Tag in Medan fort: Lotte wollte nicht, dass er ihrer Mutter zu nahe kam. Anne und er tauschten einen schnellen, verständnisvollen Blick aus. Alex murmelte »Blöde Kuh«, was seine Schwester glücklicherweise nicht zu hören schien. Zumindest zeigte sie keine Reaktion.
Max wandte sich dem Frühstückstisch zu. Neben Ayus selbst gebackenem Brot mit Butter und hausgemachter Marmelade genoss er vor allem die reichhaltige Auswahl an tropischen Früchten, gönnte sich eine zweite Tasse Kaffee und fühlte sich danach gestärkt, mit den Geschwistern den ersten Schultag als Hauslehrer anzugehen.
Auf dem Weg zurück zu ihren Zimmern rannten Lotte und Alex voraus. Als Max an Anne vorbeiging, ergriff sie seinen Arm und hielt ihn zurück. Zärtlich strich sie über seine Wange.
»Mach dir keine Sorgen, Max! Wir schaffen das! Lotte kriegt sich ein und Robert wird mit der neuen Situation zurechtkommen.«
Dann ließ sie ihre Hand sinken und blickte ihm gedankenvoll nach, wie er den Kindern folgte und am Ende des Flurs um die Ecke verschwand.
2
»WO SIND DIE SCHULBÜCHER, die euer Vater im Flugzeug mit nach Medan gebracht hat?«, fragte Max.
Der Raum, in dem sie saßen, war bislang von Alex allein bewohnt worden. Da er deutlich größer als Lottes Zimmer und mit zwei Betten und einem großen Schreibtisch ausgestattet war, hatte Anne gegen Lottes Willen entschieden, dass die Geschwister hier für die Zeit von Max’ Anwesenheit gemeinsam schlafen, spielen und lernen sollten.
Statt einer Antwort deutete Alex auf den Karton in der Ecke.
»Vielleicht ist es das Beste, ich nehme die Bücher zu mir rüber«, schlug Max vor. »Dann habe ich immer alle griffbereit. Wir organisieren uns wieder so, wie wir das auf dem Schiff gemacht haben: Euer Unterricht findet bei mir im Zimmer statt. In den Fächern, in denen ihr unterschiedlich weit seid, kommt ihr einzeln zu mir. Der andere macht in dieser Zeit Hausaufgaben in eurem Zimmer. Wenn ihr dabei Fragen habt, dürft ihr den Unterricht jederzeit unterbrechen. Ist das okay für euch?«
Die beiden nickten.
»Kriegen wir auch wieder grüne Klebesterne?«, fragte Lotte.
»Klar. Aber die gibt es erst für Klassenarbeiten.«
»Klassenarbeiten?«, stöhnte Alex. »Wir haben doch erst vor einer Woche eine geschrieben.«
»Das war vor zehn Tagen. Aber keine Sorge. Es wird etwas dauern, bis ihr Arbeiten schreiben müsst. Noch eine andere Frage: Wie sieht es hier in Medan mit Sport aus?«
»Wir könnten frühmorgens im Garten Fußball spielen«, schlug Alex vor. »Und wir haben hinter dem Haus einen Pool und einen Tennisplatz. Der Platz ist asphaltiert und dort gibt es auch einen Basketballkorb.«
Lotte schwieg und knetete ihre schmalen Hände.
»Was sagst du dazu, Lotte?«, fragte Max.
Sie zögerte. »Fußball finde ich eigentlich auch gut. Wenn mich Alex nicht immer vom Ball wegschubsen würde.«
»So ist Fußball eben«, sagte Alex. »Deshalb ist es auch ein Männersport.«
»Und was du da sagst, ist dummes Männergeschwätz, Alex.«
Max hatte sich aufgrund der Erfahrungen auf dem Schiff vorgenommen, sofort einzugreifen, wenn in der Kommunikation oder dem Verhalten der beiden etwas aus dem Ruder lief.
Alex schoss die Röte ins Gesicht, Lotte lächelte triumphierend.
»Und wie sieht es bei euch beiden mit Tennis aus?«
»Wir haben ab und zu mit Mama gespielt«, sagte Lotte stolz.
»Dann seid ihr sicher schon recht gut«, sagte Max. Von ihrer gemeinsamen Zeit auf dem Tennisplatz wusste Max, dass Anne eine hervorragende Tennisspielerin war, und er konnte sich gut vorstellen, dass sie den Kindern einiges beigebracht hatte. Er hatte zwei Tennisschläger aus Deutschland mitgebracht und freute sich auf den ersten Ballwechsel mit ihr.
Dass eine Familie einen Pool und einen Tennisplatz im Garten hatte, kannte Max nur aus Hollywoodfilmen. Und heute Morgen fühlte er sich auch wie in einem solchen.
»Okay, ihr zwei. Dann haben wir eine echte Auswahl an sportlichen Aktivitäten«, fasste Max zusammen. »Das finde ich großartig!«
Er stand auf und trug den Karton mit den Schulbüchern in sein Zimmer.
In diesem Moment tauchte Anne hinter ihm auf. »Könnt ihr mir bitte alle eure schmutzigen Klamotten aus eurem Gepäck geben? Ayu will eine große Wäsche machen.« Sie ließ ihren Blick über den offenen Koffer auf dem Boden schweifen. »Max, wie wäre es denn, wenn du auspackst und die Geschwister dir danach alles zeigen: unser Haus, das Grundstück. Und vielleicht könntet ihr auch ein paar Meter durch unsere Wohngegend laufen, sodass du ein Gefühl dafür bekommst, wo du überhaupt gelandet bist?«
Anne hatte recht. Er hätte sich tatsächlich sofort in den Unterricht gestürzt. Ohne sich Zeit zu nehmen, sein neues Umfeld kennenzulernen. Max spürte, wie verwirrend alles war. Er war doch sonst immer gut organisiert. Jetzt verhielt er sich kopflos und war froh, dass Anne ihm half, sich zu sortieren.
»Wir essen gegen halb eins zu Mittag. Ayu macht Nasi Goreng für dich. Ich hoffe, du magst gebratenen Reis mit Huhn und Gemüse.«
Das Reisgericht schmeckte köstlich, war aber extrem scharf gewürzt. Schon nach den ersten Bissen musste Max tief Luft holen. Er versuchte, das Brennen auf seinen Lippen mit dem eiskalten Bintang-Bier zu kühlen, das Anne ihm angeboten hatte. Alex und Lotte grinsten.
»Daran musst du dich gewöhnen, Hauslehrer«, sagte Alex. »Das Essen wäre noch viel schärfer, wenn Ayu es für ihre eigene Familie zubereitet hätte.«
Max spürte, wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten.
»Hat denn heute morgen alles geklappt?«, fragte Anne und beobachtete mit Interesse seinen Kampf gegen die Nachwirkungen der Chilischoten.
»Ich habe meinen Kleiderschrank eingeräumt, meinen Kleinkram verstaut und durfte mir im Bad der Kinder mein eigenes Plätzchen auf der Ablage einrichten«, sagte Max stockend und holte, während er sprach, immer wieder Luft.
Lotte und Alex erzählten, dass sie Max durch den Garten geführt und ihm dabei den Pool, den Tennisplatz, die Wohngebäude der beiden Angestellten und die Hundehütte gezeigt hätten.
»Ich wusste nicht, dass ihr einen Hund habt«, sagte Max und wischte sich mit der Batikserviette die Stirn ab. »Ich wundere mich, dass er heute Morgen nicht aufgetaucht ist.«
»Unser Benny. Der Labrador. Er ist schon sehr alt und wird immer schwächer«, sagte Anne. »Er liegt stundenlang in seiner Hütte und bewegt sich nur heraus, wenn er von Ayu etwas erbetteln will. Ursprünglich war er als Wachhund gedacht, um unseren Nachtwächter Jalar zu unterstützen, aber inzwischen ist es so, dass wir beide durch lautes Hupen am Tor wecken müssen, wenn wir nachts von einer Einladung nach Hause kommen. Seid ihr denn auch noch um den Block gelaufen?«
»Sind wir«, sagte Max und drückte den Rand des kühlen Bierglases an seine schmerzenden Lippen. »Mir war nicht klar, dass das Terrain in Medan völlig flach ist. Wenn ich da an die hügelige Topografie unserer Dörfer und Städte in Süddeutschland denke! Abgesehen davon lebt ihr offensichtlich in einer sehr feinen Gegend.«
»Das kann man so sagen. Du bist in einem Wohnviertel gelandet, in dem vor allem wohlhabende Chinesen und Indonesier leben. Dazwischen findest du die Häuser ausländischer Geschäftsleute, die entweder von ihren Firmen auf Zeit hierher entsandt wurden oder sich selbstständig gemacht haben. So wie Robert. Der Großteil von ihnen verdient mit den internationalen Plantagenfirmen, die in Ölpalmen, Gummi und Tabak investiert sind, oder mit den staatlichen Infrastrukturprojekten sehr gutes Geld.«
»Wie viele Ausländer leben hier in Medan?«
»Das kann ich dir nicht genau sagen. Es mögen ein paar Hundert sein. Viele ohne Kinder. Du weißt ja, die schwierige Schulsituation. Die Eltern entscheiden sich dafür, ihre Kinder in Singapur oder in Europa ins Internat zu schicken. Wenn es eine internationale Schule geben würde, würden sie ihre Kinder wohl hierherholen. Aber das Schulproblem haben wir dank dir im Moment gelöst.«
»Wie lange soll Max denn bleiben, Mama?«, fragte Lotte.
»Hallo? Lotte, du weißt genau, was die Abmachung war. Er bleibt bis Oktober, weil dann die private internationale Schule aufmacht und ihr dort einsteigen könnt.«
Lotte sah Max fragend an.
»Fast hätte ich es vergessen«, fuhr Anne fort. »Wir bekommen heute Abend Besuch von einem unserer besten Freunde hier in Indonesien. Friedrich Lorenz. Alle nennen ihn nur Freddy. Er stammt auch aus Deutschland, ist ein begnadeter Chirurg und leitet seit vielen Jahren das Krankenhaus einer amerikanischen Gummiplantage knapp zwei Stunden Fahrzeit von hier. Ein eingefleischter Junggeselle und ein etwas komischer Kauz. Aber ein hochinteressanter Mann und international renommierter Entomologe, der gut Cello spielt und noch besser Tennis. Die indonesischen Tennispartner nennen ihn dinding karet, die Gummiwand, weil er jeden Ball zurückbringt. Wenn du gegen ihn spielst, ist das zum Verrücktwerden.«
Max kannte diese Art von Gegner nur zu gut und hatte sich in Turnieren immer wieder eingestehen müssen, dass er mit dieser Spielweise nicht zurechtkam. Ihm fehlte die Geduld, die endlosen Ballwechsel zu führen.
»Freddy kommt häufiger nach Medan. Alle vierzehn Tage hat er einen abendlichen Termin mit drei Chinesen, mit denen er in einem Streichquartett spielt.«
Max dachte kurz an seine eigene Violine, die in Deutschland in ihrer Schutzhülle auf einem Schrank lag. Sie schien unendlich weit weg. So weit weg wie seine Eltern, die sich sicher fragten, ob er gut angekommen war; und wie sein Freund Peter, der sich – wie die meisten Menschen in seinem Umfeld – gewundert hatte, warum er so schnell bereit war, sein sorgenfreies Studentenleben in Deutschland aufzugeben und den Job eines Hauslehrers in Indonesien anzunehmen.
Jetzt musste er hier in Medan erst einmal Boden unter die Füße bekommen. Und dazu wollte er möglichst schnell den Unterricht für Lotte und Alex auf die Schiene setzen.
3
ROBERT STOLL GENOSS die frühen Morgenstunden im kühlen Fond des Mercedes. Sein langjähriger Fahrer Karim saß wie immer voll konzentriert und mit durchgedrücktem Rücken auf der vorderen Hälfte seines Sitzes, die sehnigen Hände umklammerten das gepolsterte Lenkrad. Er trug eine hellbraune Uniform, auf seinem runden Kopf thronte ein traditioneller Songkok aus schwarzem Filz in Form eines Kegelstumpfes.
Medan war um sechs Uhr schon voll erwacht. Auf der Hauptstraße, die von dem ruhigen Außenbezirk zu seinem Büro in der Stadtmitte führte, machten unzählige dreirädrige Fahrrad- und Motorradbecaks den klapprigen Autos, Lastwagen und Bussen den Platz streitig. Die Becaks mussten bis spätestens um sieben Uhr die Kinder in der Schule und die Erwachsenen an ihrem Arbeitsplatz abgeliefert haben. Stoll schmunzelte. Immer, wenn er frühmorgens Kinder in einem dieser Gefährte fahren sah – wie Heringe zu viert auf die schmale Bank gequetscht, die für zwei schlanke Erwachsene gerade ausreichend Platz bot –, erinnerte er sich an seine eigenen Schulfahrten.
Er sah seine Mutter Citra vor sich, die ihn direkt nach dem Frühstück von dem flachen Haus, das geduckt zwischen dunkelblättrigen Durianbäumen und windzerfetzten Bananenstauden stand, durch das verrostete Gartentor bis zur Straße brachte. Ein drahtiger Becakfahrer wartete dort schon auf sie. Citra hatte ein Arrangement mit ihm getroffen, dass er ihren Sohn jeden Morgen in die Grundschule der kleinen Provinzstadt fuhr und nach dem Unterricht dort wieder abholte. Der junge Indonesier stand bei Bedarf auch am Nachmittag zu Verfügung, wenn Robert längere Wege zum Fußballplatz oder zu Schulveranstaltungen hatte. Da Citra die Eltern des Becakfahrers persönlich kannte, war sie sich sicher, dass sie ihm ihren Sohn anvertrauen konnte.
Robert dachte häufig an seine indonesische Mutter, die vor acht Jahren an einer schweren Krankheit gestorben war. Mit Anfang zwanzig war sie dem kaum älteren deutschen Auswanderer begegnet, der seit Kurzem in der benachbarten holländischen Ölpalmplantage arbeitete. War es die Neugierde auf das Fremde gewesen, vielleicht auch schon das Aufkeimen einer Hoffnung, durch ihn aus ihrer provinziellen Enge herauszukommen, die sie ermutigten, sich auf ihn einzulassen?
Citra erzählte ihm später, dass sie diese Begegnung wie ein Blitz traf und sie deshalb trotz der Skepsis ihrer Eltern bereit war, dem Drängen des Deutschen nachzugeben und ihn zu heiraten.
Stoll war mit seinen fünfundvierzig Jahren heute lebenserfahren genug, um zu wissen, dass Liebe vergehen kann, dass Beziehungen scheitern können. Im Rückblick konnte er also gut nachvollziehen, dass sich seine Mutter kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von ihrem Mann scheiden ließ, wobei die Darstellungen der beiden, wie es zu diesem Schritt gekommen war, weit auseinandergingen.
Sein Blick fiel auf die Frontseite des Medan Herald vom 1. November 1970, der neben ihm auf dem Rücksitz lag. Wie die Zeit verging. Vor drei Monaten war er mit seiner Familie nach Deutschland geflogen, um mit einigen der Firmen, die er hier in Medan als Agent vertrat, über laufende und zukünftige Geschäfte zu verhandeln und Verträge abzuschließen. Anne war wie üblich mit den Kindern bei ihrer Schwester Ellen untergekommen und plante, nach einem zweimonatigen Urlaub zusammen mit den Kindern und dem neuen Hauslehrer Max mit dem Schiff zurück nach Asien zu reisen. Er selbst hatte nach Abschluss seiner Gespräche noch ein paar Tage mit seiner Familie verbracht und war dann allein nach Medan zurückgeflogen.
Das Geräusch der Hupe riss Stoll aus seinen Gedanken. Er blickte hoch und sah, wie Karim haarscharf einer Fahrradbecak auswich, die rücksichtslos die Bahn ihres Wagens gekreuzt hatte. Karim schüttelte bedächtig den Kopf und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.
Der Wagen näherte sich jetzt dem Deli River, der sich träge und schlammbraun mitten durch die Stadt wälzte. Die mächtige Brücke vor ihnen war baufällig, und die Fahrspur stadteinwärts hatte sich in den letzten Jahren deutlich sichtbar gesenkt.
Das mehrere Meter hohe, leicht verwitterte Plakat auf einer primitiv gezimmerten Holzwand an der Brückenzufahrt versprach Abhilfe. Es zeigte das farbenprächtige Bild einer mächtigen vierspurigen Stahlbrücke. Für Medan und die Region Nordsumatra bedeutete das Projekt eine riesige Investition.
Die Plakatwand gab es schon mehrere Jahre. Bis heute war jedoch, wie so oft bei staatlichen Vorhaben in Indonesien, nichts passiert. Wahrscheinlich war noch nicht ausreichend Geld unter dem Tisch an die Entscheidungsträger geflossen. Stoll empfand bei diesem Gedanken keine Verbitterung. Eher Ungeduld. Solange er zurückdenken konnte, gehörte Korruption in seinem Geburtsland zum Alltag.
Obwohl seine Eltern Gespräche über die politische Lage im Land vor ihrem einzigen Sohn vermieden, bekam er doch ab und zu etwas zu diesem Thema mit. Da ging es dann um Bestechungsgelder bei der Verlängerung eines Passes, der Ausstellung des Führerscheins, der Genehmigung für den Kauf eines kleinen Grundstücks. Später begriff er, dass die offiziellen Studiengebühren für das Technikstudium an seiner Uni in Bandung den Studenten zwar grundsätzlich ihren Studienplatz sicherten, dass es aber durchaus üblich war, durch freiwillige Zuwendungen an die Lehrkräfte den Notendurchschnitt freundlicher zu gestalten. Alle Studenten wussten das. Die Lehrkräfte auch. Das System funktionierte reibungslos.
Er war stolz darauf, dass es ihm bis heute mit seiner Firma gelungen war, ohne größere Bestechungsbeträge selbst anspruchsvolle staatliche oder kommunale Aufträge zu bekommen und erfolgreich durchzuführen.
In den letzten Jahren war sein Geschäft mit deutschen Exportprodukten hervorragend gelaufen. Zum einen galt er als seriöser und zuverlässiger Importeur und als kompetenter technischer Berater. Was darüber hinaus seinen Erfolg gesichert hatte, war die Tatsache, dass er als Sohn einer indonesischen Mutter hier aufgewachsen war und sich deshalb in die Menschen und ihre Kultur hervorragend einfühlen konnte. Dazu sprach er fließend die Landessprache – neben Deutsch, Englisch und Holländisch.
Bei dem Deli-River-Projekt, wo es um die Lieferung von sehr großen Einheiten an Stahl, Baumaterialien und Maschinen aus dem Ausland ging, schien sich die Sache unerwartet zu seinen Ungunsten zu entwickeln. Er wurde den Verdacht nicht los, dass jemand im Hintergrund das offiziell vorgesehene Ausschreibungsverfahren hintertrieb.
Erste vertrauliche Hinweise aus seinem weit verzweigten Netzwerk wiesen auf Bernhard Rieger hin, der in Medan die Handelsfirma Möhlenstedt & Co. aus Bremen vertrat. Der Mann war als Repräsentant eines der größten deutschen Exporthäuser finanziell sehr gut ausgestattet. Wenn am Ende die Entscheidung über die Teilnahme am Bau der Brücke von der Höhe des Bestechungsgeldes abhing, dann war Rieger ihm gegenüber im Vorteil. Stoll war sich nicht sicher, ob er sich in einer derartigen Konkurrenzsituation noch auf Indrawati, den Bürgermeister von Medan, würde verlassen können.
Karim steuerte den Wagen jetzt vorsichtig über den durchhängenden Teil der Brücke. Auf dem Fluss unter ihnen bewegten sich tief im Wasser liegende Lastkähne und kleine Boote mit Außenbordmotor.
Nach weiteren zehn Minuten Fahrt bog Karim in eine schmale Seitenstraße ein, folgte ihr für einige hundert Meter und fuhr dann durch ein offen stehendes Gittertor langsam auf einen sandfarbenen, doppelstöckigen Kolonialbau zu. Er hielt unter einem Vorbau, der auf zwei schlanken Säulen ruhte, die schulterhoch von gelbrot blühenden Bougainvilleen umhüllt waren. Karim stieg aus und eilte um den Wagen, aber Stoll war schon schwungvoll ausgestiegen und ging auf die schwere Holztür mit den messingfarbenen Beschlägen zu.
In diesem Moment schoss ein klein gewachsener, dünner Mann in knielangen Hosen und einem kurzärmeligen Hemd aus Khaki auf ihn zu.
»Sorry, Tuan Stoll, ich habe Sie nicht kommen hören.«
»Kein Problem, Abdallah. Du kannst als Nachtwächter nicht überall sein, oder? Ich denke, für dich ist es jetzt Zeit, heimzugehen und dich auszuruhen.«
»Terimah kasih«, bedankte sich Abdallah und verschwand wieder um die Ecke.
»Brauchen Sie mich im Moment noch?«, fragte Karim.
Stoll verneinte und bat seinen Fahrer, den Mercedes hinter dem Gebäude auf einem der überdachten Parkplätze abzustellen.
In der kühlen, dunkel gefliesten Eingangshalle des Hauses empfing ihn gedämpftes Licht. An der Wand hing ein gerahmtes Porträt. Jeden Morgen, wenn Stoll in das Gebäude eintrat, schaute er als Erstes in das ernste, aber freundliche Gesicht seines Vaters, der die Firma gegründet hatte. Robert hatte sich nach dessen Tod im Jahr 1966 dazu entschieden, das Bild an seinem Platz zu lassen.
Entlang des Flurs zu seinem Büro zierte eine Reihe von gerahmten Zeitungsausschnitten beide Wände. Die bräunlichen Fotografien zeigten seinen Vater oder ihn selbst inmitten kleiner Gruppen von Einheimischen und Ausländern, die stolz die Fertigstellung eines Bauwerks feierten oder sich vor einer frisch importierten Maschine, wie etwa einer gigantischen Palmölpresse, ablichten ließen.
Robert trat in sein Büro und stellte seine Tasche auf einen der Besucherstühle. Er ging um den schweren Schreibtisch herum und ließ sich in den grau bezogenen Drehstuhl fallen. Er blätterte, ohne wirklich darin zu lesen, einige der Dokumente durch und legte sie wieder auf die polierte Platte. Der Gedanke an Rieger ließ ihm keine Ruhe. Er musste herausfinden, ob an seinem Verdacht etwas dran war.
Stoll lehnte sich zurück und schloss die Augen. Es gab neben Rieger noch etwas anderes, was ihn beschäftigte: der neue Gast in seinem Haus. War er ein Gast? Oder sollte er besser Mitbewohner sagen? Die Kinder nannten ihn Hauslehrer. Für ihn klang das seltsam. Warum nannten sie ihn nicht Max? Er selbst würde ihn duzen, ihm aber seinerseits nicht das Du anbieten. Er wollte dem jungen Mann gegenüber Distanz wahren, bis er wusste, mit wem er es zu tun hatte.
Alex schien begeistert von seinem Lehrer zu sein, Lotte war wohl eher skeptisch. Er selbst hatte den schlanken Mann mit den längeren schwarzen Haaren einige Mal kurz bei seinen sommerlichen Besuchen in Deutschland getroffen. Damals hatte er ihn sympathisch gefunden. Ein wohlerzogener junger Mann, der mit Anne Tennis spielte und sich ab und zu mit ihr unterhielt. Und sie offensichtlich sehr bewunderte. Das sah alles harmlos aus und es beschäftigte ihn nicht weiter.
Diese Bild geriet ins Wanken, als Anne vor einem Jahr mit der Idee kam, Max als Hauslehrer nach Medan zu holen. Er konnte nicht nachvollziehen, warum seine Frau Alex und Lotte nicht noch eine Weile selbst unterrichten konnte. Schließlich würde der geplante Bau einer Internationalen Schule in Medan das Problem aus der Welt schaffen.
»Du hast doch ausreichend Zeit, dich um die Kinder zu kümmern«, hatte er Anne immer wieder vorgehalten, wenn sie ihn bedrängte, ihrem Vorschlag zuzustimmen. »Du musst nicht arbeiten und außerdem hast du auch noch die Hausangestellten.«
Und ihre wütende Antwort war jedes Mal dieselbe gewesen: dass sie mit der Organisation eines großen Haushalts, in dem ständig und meist unangemeldet irgendwelche Geschäftspartner von ihm auftauchten und verköstigt und unterhalten werden mussten, genug zu tun habe. Dass von einer indonesischen Haushaltshilfe nur sehr beschränkt Entlastung zu erwarten sei. Und dass sie sich in dieser Situation nicht mehrere Stunden am Tag ungestört auf den Unterricht und die Betreuung der Hausaufgaben konzentrieren könne.
Und sie vergaß selten hinzuzufügen, dass alles einfacher wäre, wenn er häufiger zu Hause wäre und mit Hand anlegen würde.
Am Ende setzte sich Anne durch und schrieb die Einladung. Aber die Vehemenz, mit der sie für die Verpflichtung von Max kämpfte, ließ Robert zunehmend misstrauisch werden. War da mehr zwischen den beiden?
In Singapur, wo er seine Frau, die Kinder und ihren Hauslehrer vom Schiff abgeholt und mit ihnen gemeinsam noch zwei Tage in einem Hotel verbracht hatte, bevor sie nach Medan weiterflogen, war ihm aufgefallen, dass sich die Beziehung zwischen Max und seiner Frau gegenüber der Zeit in Deutschland verändert hatte. So wie sie sich anschauten, miteinander lachten, sich gegenseitig neckten oder berührten, konnte selbst einem unvoreingenommenen Betrachter nicht verborgen bleiben, wie vertraut die Verbindung zwischen ihnen geworden war.
Derart unbekümmert, fröhlich und entspannt, wie er sie jetzt mit Max erlebte, hatte er Anne in Erinnerung! Deshalb hatte er sich vor dreizehn Jahren bei einem Besuch auf der Hannover Messe von dieser strahlenden, jungen Industriefotografin wie magisch angezogen gefühlt.
Was hatte sich seit dieser Zeit in ihrem Leben verändert?
Auf seiner Seite eher nichts: Seine Lebenssituation war heute nicht wirklich anders als damals. Natürlich waren die Kinder hinzugekommen. Ansonsten arbeitete und reiste er unverändert viel, sah seine Familie eher selten und wenn, dann häufig in Gesellschaft von Geschäftskollegen, die er nach Hause einlud oder mit denen Anne und er zum Essen ausgingen. Und das passierte durchaus auch an Wochenenden. Aber das ließ sich aus seiner Sicht nicht ändern. Sein Beruf verlangte diesen Lebensstil.
Im Gegensatz zu ihm schien sich bei Anne einiges geändert zu haben. Sie wirkte nicht mehr so unbekümmert und fröhlich wie früher. An manchen Tagen schien sie bedrückt, wich ihm aus. Auf Veranstaltungen der internationalen Community oder auf gemeinsame Unternehmungen mit Geschäftsleuten hatte sie immer weniger Lust und ließ sich entschuldigen. Er nahm das alles wahr, fand aber keinen Weg, mit ihr darüber zu sprechen. Er war nicht der Mann der großen Worte. Er redete das, was geredet werden musste. Das funktionierte in seinem Beruf gut. Dass es in diesem Fall um die Gefühlswelt einer Frau – seiner Frau – ging, machte die Sache für ihn besonders schwierig. Über Gefühle zu reden, war nicht seine Stärke. Sie zu zeigen, auch nicht.
Seine Mutter hatte wohl auch unter der Sprachlosigkeit ihres Mannes gelitten. Das zumindest gab sie später ihrem erwachsenen Sohn gegenüber als einen Grund für die Trennung an: »Meinst du, dein Vater hätte den Mund aufgemacht? Hätte mich irgendwann mal gefragt, wie es mir wirklich geht? Welche Bedürfnisse ich habe? Was er selbst vermisst? Nein. Niemals!«
Die Kommunikation. Vielleicht lag hier das Geheimnis zwischen Anne und Max. Hatte sie ihm nicht erzählt, dass sie im Urlaub in Deutschland nächtelang mit ihm reden und lachen konnte? Plötzlich spürte er ein Gefühl von Eifersucht hochkommen. Er erschrak. Er konnte doch nicht allen Ernstes eifersüchtig sein auf einen zweiundzwanzigjährigen Studenten, der weder Lebens- noch Berufserfahrung hatte! Oder war es eher Neid? Neid auf einen jungen Mann, der bei Anne jene Eigenschaften an die Oberfläche zu befördern schien, die ihn selbst in den ersten Jahren ihrer Ehe so sehr an ihr fasziniert hatten?
Robert schob diese Gedanken zur Seite, nahm sich aber vor, die Augen offenzuhalten. Seine Erziehung und sein Business hatten ihn gelehrt, dass ein gesundes Maß an Misstrauen die beste Versicherung gegen unliebsame Überraschungen bedeutete.
Fakt war, dass er Max nicht nach Medan eingeladen hatte. Er hatte ihn nicht darum gebeten, seine Kinder zu unterrichten. Und wenn es ihn schon brauchte, warum war Anne nicht auf seinen Vorschlag eingegangen, ihn in einer Unterkunft in der Nähe ihres Hauses unterzubringen? Sie wusste genau, dass ihm der Gedanke an einen männlichen Dauergast unter seinem Dach zuwider war.
Max sollte das ruhig spüren!
Das Telefon auf seinem Schreibtisch läutete. Das Blinklicht zeigte die interne Leitung an. Es war seine Sekretärin.
»Guten Morgen, Santai«, sagte Robert. »Sie sind heute früh im Büro. Was gibt’s denn?«
»Selamat pagi, Chef«, sagte die helle Stimme am anderen Ende. »Indrawati hat gestern Abend, nachdem Sie schon weg waren, angerufen. Er wirkte sehr angespannt und bat darum, dass Sie ihn sofort zurückrufen, wenn Sie heute ins Büro kommen.«
Indrawati. Das alte Schlitzohr. Robert verzog das Gesicht und schüttelte kurz den Kopf. Wenn es der Bürgermeister von Medan derart wichtig hatte, dann war das normalerweise kein gutes Zeichen. Aber es bot ihm die Gelegenheit, Indrawati auf den Zahn zu fühlen, wie es um das Deli-Projekt stand.
Er ging zur Tür und schloss sie. Dann setzte er sich, hob den Hörer aus schwarz glänzendem Bakelit ab und wählte über die Drehscheibe Indrawatis persönliche Durchwahl.
4
DIE SONNE WAR GERADE in einem eindrucksvollen rotvioletten Farbenspiel untergegangen und Ayu deckte den Tisch für fünf Personen, als zwei Fahrzeuge, erst Roberts Mercedes, dann ein mit Lehm verspritzter Geländewagen, hintereinander in die Einfahrt rollten. Freddy Lorenz war, wie sich herausstellte, von der Gummiplantage direkt zu Stoll ins Büro gefahren, um etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen.
»Na, wie war dein erster Tag in Medan?«, fragte Robert, als er auf dem Flur mit Max zusammentraf.
»Ganz ok.«
»Das freut mich. Darf ich dir Freddy Lorenz vorstellen? Einer unserer besten Freunde. Du hast beim Abendessen Zeit, ihn kennenzulernen.«
Freddy war klein, drahtig und hatte auffällige O-Beine. Ein kläglicher Rest weißer Haare verteilte sich auf seinem schmalen, kantigen Schädel. Seine Haut war auffallend hell. Max fragte sich, wie er es schaffte, nicht braun zu werden, da er doch nach Annes Aussagen häufig auf dem Tennisplatz zu finden war.
»Der berühmte Student«, sagte Lorenz mit überraschend hoher Stimme und musterte Max unverhohlen von oben bis unten. Dann blieb sein Blick an seinen längeren Haaren hängen. »Genau so stelle ich mir die heutigen Studenten in Deutschland vor.« Es klang abfällig. »Nach allem, was ich von dieser antiautoritären Generation hier draußen so mitbekomme. Statt zügig zu studieren und in einen Beruf einzusteigen, wird die Zeit lieber für Demonstrationen und Vorlesungsboykott verschwendet.«
Max sah auf den kleinen Kerl mit den hellen, wässrigen Augen hinab. Was für ein seltsamer Vogel. So musste ein Waldschrat aussehen, das verhutzelte Fabelwesen aus den deutschen Sagen, die er als Junge vorgelesen bekommen hatte. Das passte. Freddy Lorenz, der Waldschrat.
»Keine Vorurteile«, sagte seine innere Stimme. »Du weißt, wie falsch du mit deinem vorschnellen Urteil über Bettina auf dem Schiff gelegen hast.«
»Er ist ein Arsch!«, widersprach seine zweite Stimme.«
Freddy war schon Richtung Wohnzimmer gelaufen. »Was gibt es denn heute zu essen?«, hörte Max ihn fragen. »Ich habe mächtig Hunger. Bin den ganzen Tag im OP gestanden. Meine Haushälterin hatte mir zwar etwas zubereitet, aber ich bin nicht mehr dazugekommen, es zu essen.«
Robert warf Max im Vorbeigehen unter Schulterzucken einen Blick zu, der wohl sagen sollte, den Chirurgen und Schmetterlingssammler nicht allzu ernst zu nehmen, aber Max spürte Wut hochkommen. Sollte er hier schon wieder wie am Kapitänstisch der Holsatia in die Situation kommen, sich für die studentischen Proteste in Deutschland verteidigen zu müssen? Er war nicht um die halbe Welt gereist, um über Deutschland und die Studentenrevolte zu diskutieren. Er wollte hier draußen Neues erfahren und erleben, seinen Horizont erweitern, sein Leben genießen. Der Waldschrat konnte ihm gestohlen bleiben.
Anne war in die Küche gegangen und kam jetzt zurück. Sie sah ihn mitten auf dem Flur stehen und hakte ihn unter. »Komm, Max, lass uns zu Abend essen.« Im Weitergehen klopfte sie an die Tür von Alex und Lotte: »Abendessen, ihr zwei. Händewaschen nicht vergessen!«
»Willkommen in Medan«, sagte Robert, nachdem sich alle niedergelassen hatten, und hob sein Weinglas in Richtung Max. Die Begrüßung klang geschäftsmäßig, geradezu unpersönlich. Aber sie überraschte Max nicht. Dieser Ton war ihm schon in Singapur aufgefallen und er hatte Schwierigkeiten gehabt, ihn einzuordnen. Mochte Stoll ihn nicht? Oder war er gehemmt und wusste nicht so recht, wie er ihn als Hauslehrer behandeln sollte? Oder wollte er ihn gar nicht hier haben? Letzteres konnte sich Max nicht vorstellen. Hatte Anne ihm nicht mehrfach zugesichert, dass Robert voll hinter der Entscheidung stand, ihn nach Medan einzuladen?
Im weiteren Verlauf des Abendessens entwickelte das Gespräch am Tisch eine eigenartige Dynamik. Max fiel auf, dass Robert sehr wenig sprach, Anne wenige, aber interessierte Fragen stellte und damit Freddy, der ein begeisterter und zugegebenermaßen begabter Erzähler war, die Stichworte lieferte. Sein Fundus an Geschichten aus dem Tropenkrankenhaus oder von seinen sonntäglichen Exkursionen durch den Urwald auf den Spuren möglichst ausgefallener Schmetterlinge und Käfer schien unerschöpflich.
Irgendwann wandte er sich an Max.
»Max, ich darf doch du zu dir sagen? Und du nennst mich einfach Freddy.« Ohne eine Reaktion abzuwarten, fuhr er fort: »Also Max, du musst wissen, dass ich bis heute etwa zehntausend Schmetterlinge gesammelt, klassifiziert und fachgerecht in Sammelkästen aufbewahrt habe. Nicht alle stammen aus Sumatra, einen kleineren Teil habe ich an meiner früheren Wirkungsstätte als junger Arzt in Madagaskar gefunden.«
Dass sich Freddy von Max duzen ließ, gefiel Robert weniger, hatte er sich doch vorgenommen, genau das nicht zu tun, um sich nicht unnötig mit dem Hauslehrer seiner Kinder zu verbrüdern. Jetzt geriet er womöglich unter Zugzwang, da ihn Anne bei ihrem Wiedersehen in Singapur vor wenigen Tagen auch schon darauf angesprochen hatte, ob er denn Max nicht das Du anbieten wolle.
Nachdem Anne die Kinder ins Bett gebracht und deren Wunsch nach einer Gutenachtgeschichte des Hauslehrers abgelehnt hatte, saßen die vier Erwachsenen mit Drinks in den weich gepolsterten Rattansesseln. Max hatte sogar seinen geliebten Johnnie Walker, Black Label, angeboten bekommen und verfolgte das Gespräch. Er fand, dass Freddy monologisierte und dabei stockkonservative Ansichten vertrat, musste sich aber eingestehen, dass der Mann eine faszinierende Persönlichkeit war. Als sich Freddy im weiteren Verlauf erneut kritisch über die deutschen Studenten ausließ, denen er außer Randale und mangelnder Leistungsbereitschaft nichts zuzutrauen schien, war Max klar, welchen Platz er in der Welt des Schmetterlingssammlers einnehmen würde.
Diese Einschätzung geriet etwas ins Wanken, als das Thema auf die weiteren Pläne des Arztes für den kommenden Tag kam. Am Morgen standen nach Freddys Aussagen Erledigungen in der Stadt an. Am Nachmittag wollte er sich mit einer Gruppe von Männern zum Doppel auf dem Tennisplatz des britischen Konsulats treffen. Am Abend dann, wie alle vierzehn Tage, würde er sich mit drei befreundeten Chinesen zur Kammermusikprobe treffen.
Max stellte sich unwissend. »Welches Instrument spielst du denn?«
»Cello.«
»Und was spielt ihr zurzeit?«
»Haydn und Beethoven. Das Haydn-Quartett haben wir schon gut drauf. Im Moment konzentrieren wir uns vor allem auf ein Beethoven-Streichquartett.«
»Welches Werk?«
Freddy zögerte. Was sollte die Fragerei des Studenten? Seine Antwort kam fast widerwillig: »Das erste aus dem Opus 18.«
»Das Quartett in F-Dur. Da habt ihr euch etwas Anspruchsvolles ausgesucht«, sagte Max ruhig. »Spielt ihr so professionell, dass ihr das mit den Tempi gut hinbekommt? Das Quartett gibt allen vier Spielern, auch dem Cello, einiges zu tun. Meine Hochachtung!«
Dem Waldschrat klappte der Unterkiefer nach unten. Die wässrigen Augen versuchten Max zu fixieren.
»Woher kennst du das Stück? Gehst du in Konzerte? Interessierst du dich für klassische Musik?«
Die Blicke von Anne und Max trafen sich. Beide konnten das Lachen kaum unterdrücken. Max schaffte es, ernst zu bleiben.
»Ich habe den Part der ersten Violine dieses Quartetts selbst gespielt«, sagte er. »Ich war Mitglied in einem studentischen Streichquartett. Wir haben uns damit ab und zu etwas Geld verdient.« Er lachte kurz auf. »Was heißt etwas? Unser Konzert zum fünfzigsten Geburtstag eines süddeutschen Unternehmers hat uns richtig Kohle gebracht.«
Er konnte nicht widerstehen. Er musste angeben. Und damit den arroganten Typen ärgern.
»Du spielst Geige?« Für Freddy schien in diesem Moment eine Welt zusammenzubrechen. Da saß endlich ein leibhaftiger, langhaariger Vertreter der antikapitalistischen, gewaltbereiten deutschen Studentenschaft vor ihm, der ihn in seinen Vorurteilen hätte bestätigen können – und jetzt das!
»Freddy, was ist los?«, fragte Anne. »Freust du dich denn nicht, dass Max deine musikalischen Interessen teilt?«
Auch Anne hatte das Bedürfnis, Salz in die Wunde zu streuen. So sehr sie ihn mochte, fand sie doch, dass Freddy wieder einmal zu selbstherrlich aufgetreten war. Sie fand es besonders unfair, dass er sich gleich beim ersten Zusammentreffen mit dem jungen Hauslehrer derart überheblich aufführte. Er musste doch wissen, dass es für Max nicht einfach sein würde, sich weit weg von zu Hause in dieser neuen Umgebung zurechtzufinden. Warum musste er gleich auf Konfrontation gehen? Und ansonsten einen Monolog halten?
Sie ärgerte sich aber auch einmal mehr über ihren Mann. Warum hatte er das Maul nicht aufgemacht? Er kannte Indonesien wie seine Westentasche, hätte über Land und Leute reden können. Unverfänglich erst mal. Und verdammt noch mal, warum redete er zwar Max mit Du an, beließ es aber im umgekehrten Fall beim Sie?
Max war froh, dass er seine Violine nicht mitgebracht hatte. So lief er nicht Gefahr, dem Typen irgendwann eine Kostprobe seines Könnens geben zu müssen. Auch Tennis würde Max mit dinding karet nicht spielen. Eine Gummiwand als Gegner war für sich genommen schon unangenehm genug, aber der Waldschrat obendrauf war dann doch zu viel.
Die Verabschiedung von Freddy gegen zweiundzwanzig Uhr verlief kurz und emotionslos. Robert entschuldigte sich gleich danach und erklärte, dass er heute einen anstrengenden Tag gehabt habe und seinen Schlaf brauche. Er müsse morgen wieder sehr früh aufstehen.
Mit einem kurzen Kopfnicken Richtung Anne verließ er schnell das Zimmer. Ihr Gesichtsausdruck zeigte für einen Moment Enttäuschung.
»Noch einen Whisky, Max?«, fragte sie dann mit gespielter Fröhlichkeit.
Max zögerte. Die Terrassenfenster waren weit geöffnet, Moskitonetze schützten vor nächtlichen Plagegeistern. Vom Garten her waren zarte Geräusche zu hören. Das Zirpen einer Grille, das müde Piepsen eines Vogels, der aus dem Schlaf geschreckt worden war. Ein feuchtwarmer Luftzug bewegte die bodenlangen, weißen Vorhänge.
Die Kinder waren im Bett. Der Hausherr ebenfalls. Max war jetzt endlich allein mit Anne. So wie in Deutschland, wenn sie bei Wein und klassischer Musik manchmal bis zum Morgengrauen anregende Gespräche geführt hatten.
Damals mussten sie auf niemanden Rücksicht nehmen. Ein Problem hatte höchstens seine Mutter, die sich Sorgen darüber machte, dass ihr Sohn halbe Nächte bei einer wesentlich älteren, verheirateten Frau verbrachte und die neugierigen schwäbischen Nachbarn alles mitbekommen und sie am nächsten Tag darauf ansprechen würden.
Jetzt saß er wieder spät abends neben Anne. Aber unter einem Dach mit ihrem Mann. Das war die Situation, die er sich immer wieder ausgemalt hatte, wobei er sich nie sicher gewesen war, wie sie in der Realität wohl aussehen würde.
War es richtig, dass Anne und er jetzt einfach sitzen blieben und sich weiter unterhielten? Wie ging es Stoll mit dieser Situation?
Aber musste er sich diese Frage überhaupt stellen? Sollte nicht Anne, die schließlich mit ihm verheiratet war, selbst entscheiden, was für sie – und ihn – richtig war?
»Max? Noch einen Whisky?«
»Ja, gerne.«
»Und?«, fragte Anne, als sie den Whisky neben ihn auf dem Beistelltisch abgesetzt hatte und sich wieder in ihren Sessel fallen ließ. »Was meinst du zu dem heutigen Abend?«
»Ist der Kerl immer so?«
»Freddy? Ja. Das ist seine Art. Damit hat er auch schon viele Menschen derart verprellt, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten. Ein Deutscher, mit dem er sich angelegt hatte, ist sogar nach einem Autounfall nach Singapur geflogen, um sich dort operieren zu lassen. Nur um einer Behandlung durch Freddy aus dem Weg zu gehen. Aber er ist ein ganz wundervoller Freund der Familie. Und Freunde sind hier draußen ein sehr knappes Gut. Wir sind sicher, dass Freddy in der Not immer für Robert und mich da wäre. Und er würde sich auch sofort um Alex und Lotte kümmern, wenn uns etwas passieren würde.« Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas. »Vielleicht solltest du ihm eine zweite Chance geben, Max.«
Max dachte nach. Sein Großvater mütterlicherseits kam ihm in den Sinn. Er hatte ihm geraten, Menschen, mit denen er nichts anfangen konnte oder die er nicht mochte, nicht komplett aus seinem Leben zu streichen: »Wirf sie nicht weg, Max. Lehne sie an die Wand. Wer weiß, wann du sie wieder brauchst.« Max fand diese Haltung zunächst sehr opportunistisch. Später erkannte er, dass in der Aussage auch eine andere Botschaft stecken könnte, nämlich mit Menschen nicht zu hart ins Gericht zu gehen, ihnen stattdessen mit Toleranz zu begegnen.
»Du hast recht, Anne. Ich werde ihm wohl noch öfter begegnen und dann schaue ich ihn mir etwas genauer an. Aber seine Monologe gehen mir mächtig auf den Geist. Beim nächsten Mal werde ich ihn ungeniert unterbrechen. Dann sehe ich ja, wie er reagiert.«
»Mach das ruhig, Max. Ich glaube, du kannst ihm Paroli bieten. Das Beethoven-Streichquartett war schon ein guter Anfang. Der Punkt ging an dich.«
Sie machte eine Pause und blickte in den Garten. Max wartete ab.
»Im Gegensatz zu Freddy gibt es bei Robert nicht allzu viel zu unterbrechen.« Sie zögerte, bevor sie weitersprach. »Er redet wenig oder gar nichts. Vor allem, solange er Menschen noch nicht kennt. Er ist eher misstrauisch. Selbst bei mir ist er häufig verschlossen und stumm und das macht mich wütend. Oder auch traurig. Je nachdem, in welcher Verfassung ich bin. Ich würde so gerne vieles von dem, was mich beschäftigt, mit ihm bereden und meine Gefühle mit ihm teilen. Aber das ist nur selten möglich. Ansonsten kriegen wir alles prima organisiert, das Business, die Kinder, das Haus. Aber unsere Beziehung hatte ich mir anders vorgestellt, als wir heirateten. Da war ich als junge Frau wohl etwas blauäugig.«
Max veränderte die Position des Kissens in seinem Sessel, um Zeit zu gewinnen. Wie sollte er darauf reagieren? Er erinnerte sich an ihre Gespräche auf ihrer Schiffsreise. Damals war es vor allem um die Beziehung zwischen ihnen beiden gegangen. Oder um seine Beziehung zu Bettina. Und nur am Rande um Robert. Jetzt schien es Max so, als ob Annes Ehemann durch seine physische Präsenz spürbar in ihre Zweierbeziehung eindrang. Roberts Geist war aus der Flasche.
Er sog einen Eiswürfel in den Mund und ließ ihn langsam zergehen. Ging ihn das Verhältnis zwischen den beiden überhaupt etwas an?
»Sorry, Max. Ich habe wohl etwas zu viel getrunken«, hörte er Anne sagen.
»Ich vermutlich auch.«
»Wir sollten schlafen gehen.«
Auf dem Weg zum Flur blieben sie dicht beieinander stehen. Der betörende Geruch ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. Ihre Hand griff nach seiner und drückte sie.
»Gute Nacht, Max. Schlaf gut.«
»Gute Nacht, Anne. Träum was Schönes.«
5
DIE ERSTEN TAGE in Medan verstrichen für Max wie im Flug. Der Schulunterricht spielte sich problemlos ein, da Alex, Lotte und er auf den Erfahrungen der Schiffsreise aufbauen konnten. Neu war, dass er nun frühmorgens von seinen beiden Zöglingen unsanft geweckt und aus dem Bett geworfen wurde. Sie konnten es nicht erwarten, mit ihm in den herrlich angelegten Garten mit den weiten Rasenflächen zu rennen und dort in der Morgensonne eine Runde Ball oder Fangen zu spielen. Ab und zu gesellte sich der altersschwache Benny zu ihnen. Seine Teilnahme am Frühsport beschränkte sich jedoch darauf, im Schatten unter einem der blühenden Büsche zu liegen. Dabei ließ er seinen mächtigen Kopf bewegungslos auf den Vorderpfoten ruhen und verfolgte das Geschehen nur mit einer Bewegung seiner bernsteinfarbenen Augen.
Max gelang es, Lotte und Alex zu überzeugen, in ihre sportlichen Aktivitäten auch noch eine Runde Morgengymnastik einzubauen. Da es selbst zu dieser frühen Zeit schon heiß und feucht war, standen die drei nach einer halben Stunde schweißüberströmt im gemeinsamen Badezimmer vor dem gemauerten Wassertrog Schlange, um sich endlich die lauwarme Brühe über den Kopf gießen zu können.
Wenn Max mit den Kindern frühmorgens im Garten tollte, war Robert Stoll entweder schon auf dem Weg ins Büro oder kam irgendwann aus der Haustür, stieg in seinen Wagen und winkte ihnen aus dem offenen Fenster zu.
Beim Frühstück waren die Kinder und Max häufig unter sich. Anne organisierte in dieser Zeit einige Dinge im Haus und besprach mit Ayu die Abendeinladung oder mit Faisal den Garten. Ab und zu setzte sie sich zu ihnen an den Tisch, erkundigte sich bei den Kindern, was sie heute in der Schule vorhatten, oder redete mit Max über ihre Pläne.
»Ich habe heute morgen ein Treffen unseres Frauenkreises«, sagte Anne eines Tages beim Frühstück. »Ich habe dir, glaube ich, früher schon erzählt, dass ich im hiesigen Waisenhaus aktiv bin. Die wichtigste Aufgabe ist die Geldbeschaffung. Der Staat lässt die Heime im Regen stehen. Ich gehöre zu einer Gruppe von Frauen, die sich darum kümmern, von Firmen oder wohlhabenden Privatpersonen Spenden für die Waisen einzusammeln. Neben der persönlichen Ansprache geschieht dies über Bazare und Wohltätigkeitsveranstaltungen. Und einige von uns engagieren sich in den Heimen selbst.«
»Wie finden das denn die einheimischen Mitarbeiterinnen?«
»Ich möchte es mal so sagen: Sie haben gemischte Gefühle. Sie wissen, dass sie ohne unser finanzielles Engagement nicht viel bewegen können. Aber sie fühlen sich durch uns auch häufig an die Seite gedrängt.«
Sie zuckte mit den Schultern. Ihre Miene verdunkelte sich.
»Es ist im Grunde beschissen, Max: Wenn es hier so etwas wie einen Sozialstaat geben würde, würden sich angestellte lokale Sozialarbeiter um die sozial Schwachen kümmern. Und nicht wir.«
»Zahlen denn die finanzstarken Plantagenfirmen nicht beträchtliche Steuern?«
Anne schaute ihn ungläubig an.
»O.k., Max. Du kannst das nicht wissen. Erstens sind die sehr innovativ, wenn es darum geht, lokale Steuern zu sparen. Zweitens geht das, was sie am Ende wirklich zahlen, überall hin, nur nicht in den sozialen Bereich.«
»Und wozu brauchst du deine große Fototasche, wenn du zu deinem Frauenkreis gehst?«, lenkte Max vom Thema ab.
Anne wurde etwas verlegen, fing sich aber schnell. »Das erkläre ich dir vielleicht ein andermal, du Naseweis«, lachte sie und erhob sich vom Tisch.
Der Unterricht machte Max Spaß. Lotte und Alex waren bei der Sache, fragten interessiert nach und erledigten die ihnen aufgetragenen Hausaufgaben am Nachmittag ohne größeres Gemecker. Für Max war es beruhigend zu sehen, dass beide, ihrem jeweiligen schulischen Niveau entsprechend, Fortschritte machten. Wie auf dem Schiff legte Max auch in Medan das Gewicht auf die beiden Hauptfächer Mathematik und Deutsch. Englisch konnte etwas zurückstehen, weil die Kinder die Sprache gut beherrschten. Das Fach Sport, das auf dem Schiff zu kurz gekommen war, bekam jetzt durch die morgendliche halbe Stunde ein größeres Gewicht. In Nebenfächern wie Biologie, Geschichte und Erdkunde hielt sich Max soweit möglich an die Lehrbücher des süddeutschen Schulbuchverlags, versuchte jedoch immer auch die lokalen Gegebenheiten mit einzubeziehen.
Nach den Erfahrungen der Schiffsreise achtete Max darauf, dass Lotte von ihrem älteren Bruder nicht gehänselt wurde und möglichst keinen Anlass hatte, sich unfair behandelt zu fühlen. Dass er selbst unter strenger Beobachtung Lottes stand, was sein Verhältnis zu ihrer Mutter anging, war ihm nach wie vor bewusst, und er nahm sich vor, körperliche Kontakte im Beisein des Mädchens soweit möglich zu vermeiden. Diese Zurückhaltung Anne gegenüber schien ihm auch in Bezug auf sein Verhältnis zu Robert angebracht.
Beim Mittagessen saß Anne oft mit ihnen am Tisch. Ayu kochte gut, und Max aß die lokalen Gerichte sehr gerne, auch wenn ihm immer wieder die Lippen und der Gaumen brannten.
Am Nachmittag, wenn die Kinder ihre Hausaufgaben erledigt hatten, traf sich Max mit Faisal auf der breiten Treppe, die vom Wohnzimmer in den Garten führte. Max war stets mit Schreibblock und Kuli bewaffnet und hatte ein älteres Lehrbuch der indonesischen Sprache und ein abgegriffenes Wörterbuch dabei. Beides hatte er vor seiner Abfahrt aus Deutschland von einem indonesischen Kommilitonen erworben.
Er hatte sich nie für sonderlich sprachbegabt gehalten und stellte jetzt mit Überraschung fest, dass dies für Bahasa Indonesia nicht zu gelten schien. Schon nach wenigen Treffen mit Faisal machte er erstaunliche Fortschritte. Das lag sicher auch daran, dass die indonesische Umgangssprache sehr einfach aufgebaut war: Schrift und Aussprache stimmten weitgehend überein. Es brauchte keine Konjugation und keine Deklination. Der Plural wurde durch die Wiederholung des Wortes gebildet. Anders sah das bei der indonesischen Hochsprache aus, die mit komplexen Vorund Nachsilben arbeitete, für ihn aber im Moment völlig uninteressant war. Er wollte keine Zeitung lesen, sondern möglichst bald in der Lage sein, den Becakfahrern zu sagen, wohin er wollte, und eine einfache Konversation zu führen.
Max genoss die halbe Stunde Sprachunterricht mit dem alten Gärtner auf den Stufen. Faisal sprach ihm die einzelnen Worte immer wieder vor und übte mit ihm kurze Sätze für tägliche Situationen.
»Terimah kasih, Tuan Faisal«, bedankte sich Max am Ende stets.
»Sama sama, Tuan Max«, sagte Faisal, »keine Ursache«, und sein gegerbtes Gesicht strahlte vor Genugtuung darüber, dass er dem jungen Europäer etwas hatte beibringen können.
»Sollen wir diese Woche eine Runde Tennis spielen, Max?«, fragte Anne bei einem der gemeinsamen Mittagessen.
»Ja klar. Gerne.«
»Dann lass uns das abends gegen siebzehn Uhr machen. Bis zum Einbruch der Dunkelheit haben wir dann noch eine Stunde und es ist um diese Zeit nicht mehr ganz so heiß.«
Das tropische Klima machte Max zu schaffen. Auf dem Schiff hatten sie tropische Breitengrade durchfahren, aber der Fahrtwind hatte immer für eine wohltuende Erfrischung gesorgt. Hier in Medan stand die Luft still, und wenn gegen Mittag das Thermometer deutlich über dreißig Grad kletterte und sich die Luftfeuchtigkeit dem Sättigungsgrad näherte, reichten Max wenige Schritte aus seinem klimatisierten Raum ins Freie, um sofort einen Schweißausbruch zu bekommen. Tropfen bildeten sich auf seiner Stirn, sein TShirt begann an Brust und Rücken zu kleben, die Achseln wurden feucht.
»Mal sehen, wie lange ich unter diesen Bedingungen auf dem Tennisplatz durchhalte«, meinte er.
»Keine Sorge. Du wirst dich schnell akklimatisieren. Und du musst sehr viel trinken. Hier in Medan trinken die erfahrenen Tennisspieler übrigens keine kalten Getränke, wie das in Deutschland üblich ist, sondern heißen Tee!«
Die Gelegenheit zum Tennis kam schon am nächsten Tag. Alex und Lotte waren nach den Hausaufgaben einige Häuser weiter zu ihren gleichaltrigen chinesischen Spielkameraden gelaufen.
Anne erwartete ihn schon am Netz des Hartplatzes im hinteren Bereich des Gartens. Sie tippte mit ihrem Tennisschläger in schneller Folge einen Ball auf den Belag. Benny, ihr einziger Zuschauer, hatte Position unter der kurz gewachsenen Palme mit dem dicken Stamm bezogen.
»Zeig mir, was du kannst, Max«, sagte sie.
Noch bevor Max von seiner Grundlinie aus einen Ball geschlagen hatte, spürte er schon, wie sich einige Schweißtropfen in seiner Achselhöhle lösten und seitlich an seinem Oberköper nach unten liefen. Zehn Minuten später gab er Anne ein Zeichen.
»Warte mal«, sagte er, »ich will was probieren.« Er zog das klatschnasse Hemd über den Kopf und wrang es mit seinen Händen aus. Vor seinen Schuhen bildete sich eine Pfütze. »Unglaublich, was sich da an Schweiß sammelt«, sagte er und zog das feuchte Shirt über. Erstaunlicherweise hatte er keine Konditionsprobleme und konnte eine Stunde lang gut mithalten. Anne war, wie schon in Deutschland, eine sehr gute Trainingspartnerin.
