Bergers unverhoffte Reise - Hans Walker - E-Book

Bergers unverhoffte Reise E-Book

Hans Walker

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Beschreibung

Deutschland, Anfang 1970: Willy Brandt ist Bundeskanzler, das Album »Abbey Road« von den Beatles stürmt die Charts - und der 22-jährige Student Max aus der süddeutschen Provinz erhält ein ungewöhnliches Angebot: Ein Jahr lang soll er als Hauslehrer die Kinder einer deutschen Familie in Indonesien unterrichten. Aber schon die Überfahrt nach Asien wird zu einem großen Abenteuer, geprägt von den Mitreisenden, ihren Emotionen, Dramen und Geheimnissen. Da ist neben den zwei lebhaften Schülern von Max auch deren Mutter, für die er mehr als nur freundschaftliche Gefühle empfindet. Da sind der Schweizer Schriftsteller mit Schaffenskrise und ein holländisches Ehepaar, das trotz der Nähe an Bord immer weiter auseinanderdriftet. Da ist vor allem die geheimnisvolle, sehr attraktive Gräfin, von der sich Max gleichzeitig hingezogen und abgestoßen fühlt. Doch im Laufe der vierwöchigen Passage entwickelt sich zwischen ihm und der deutlich älteren Adeligen etwas, das sein Leben für immer verändert …

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Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2022

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OriginalausgabeMärz 2022© 2022 Buch&media GmbH MünchenLektorat: Heidi KellerKorrektorat: Judith LeisterLayout & Satz: Johanna ConradUmschlaggestaltung: Alexander StrathernGesetzt aus der Adobe Garamond ProPrinted in Europe · ISBN 978-3-95780-259-0

Buch&media GmbHMerianstraße 24 · 80637 MünchenFon 089 13 92 90 46 · Fax 089 13 92 90 65

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Was brauche ich Abschiede,um mein Leben zu ändern,bin ich zu schwach, zu feige?

Friedrich Hölderlin

1

Süddeutschland, Frühjahr 1970

MAX BERGER SAß auf einer Bank aus schwerem, verwittertem Holz. Am unteren Ende der abschüssigen, schmalen Allee schimmerte der künstlich angelegte See, der in einen Ring aus dunkelgrünen, breitblättrigen Pflanzen eingebettet war. Blickte er den Hang nach oben, sah er einen Ausschnitt des ockergelben Schlossgebäudes, in dem die Universitätsverwaltung untergebracht war. Die Birkenblätter über ihm säuselten bei jedem Windstoß. Max hatte seine Lederjacke über die Lehne gelegt. Für Ende April war es angenehm warm. Wärmer, als es die Wettervorhersage hatte vermuten lassen. Die Bank war sein Lieblingsplatz, wenn er zwischen den Vorlesungen freie Zeit hatte. Es war ein Ort des Verweilens, der Ruhe. Der inneren Einkehr.

Heute war seine Stimmung eine andere. Max Berger fühlte sich bedroht. Vielleicht war dieses Wort, das ihm jetzt als Erstes einfiel, zu stark. Übertrieben. Aber er wusste im Moment nicht, wie er das, was auf ihn zukam, besser hätte beschreiben können. Um genau zu sein: Max begann zu begreifen, dass Frauen gefährlich werden konnten. Seine Mutter hatte ihn schon früh gewarnt: »Max«, sagte sie. »Weiber.« Dann machte sie eine der Kunstpausen, die ihren mütterlichen Ansagen ein ganz besonderes Gewicht gaben, und legte nach: »Sie wollen immer nur das eine.« Was immer das auch sein mochte, es konnte nichts Gutes sein.

In den letzten Monaten beschlich Max zunehmend das Gefühl, dass seine Beziehungen zu Frauen in eine Richtung gingen, die nicht mehr mit dem übereinstimmte, was er als sein Lebensmotto beschrieben hätte: Freiheit und Unabhängigkeit! Es wurde höchste Zeit, sich dem immer klarer geäußerten Wunsch aus seinem persönlichen Umfeld nach mehr Nähe und den nicht zu überhörenden Hinweisen auf die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft zu stellen.

Eines war ihm zu diesem Zeitpunkt bewusst: Er wollte keine enge Bindung und auf keinen Fall heiraten. Und er wollte keinen Nachwuchs. Bei dem Gedanken daran sah er vor allem die von ihm so klassifizierten »Saichquäks« vor sich, bei denen er nie wusste, wie er sie halten sollte, wenn sie ihm in die Hand gedrückt wurden und mit denen er im Wesentlichen Schreien und Windeln assoziierte.

Leichter fiel ihm der Umgang mit etwas älteren Kindern. Max liebte es, Geschichten zu erfinden, und hatte damit zu seiner eigenen Überraschung sogar Erfolg. So etwa, wenn er zum Abendessen eingeladen war und die Kinder der Gastgeber friedlich einschliefen, während er erzählte. Dennoch war Max froh, wenn er in seine eigenen vier Wände zurückkehren konnte, diese aufgeräumt vorfand und er es sich bei klassischer Musik und einem Glas Whisky ungestört gemütlich machen konnte.

Frauen, die in seiner Studentenwohnung auftauchten, waren als Besucherinnen willkommen. Aber auch mit ihnen ging es ihm am Ende wie mit den Kindern. Er war glücklich, wenn er wieder allein war und sich keine Gedanken über eine gemeinsame Zukunft machen musste. Danach gefragt, was denn sein Problem sei, war es ihm lange schwergefallen, eine eindeutige Antwort zu geben. Ein Artikel in einer Frauenzeitschrift brachte die Sache auf den Punkt. Nähe und Distanz. So anregend und lustvoll er die Nähe zu Frauen fand, so stark war auch sein Bedürfnis, frei und ungebunden zu sein. Und er meinte, diesen Wunsch auch klar zum Ausdruck gebracht zu haben. Erstaunlicherweise nahm sein weibliches Umfeld ihn jedoch nicht ernst.

Es brauchte also eine wirkungsvollere Intervention als ein Gespräch.

Ihm kam in den Sinn, dass Tiere, die sich bedroht sehen, blitzschnell entscheiden, ob sie sich stellen oder ob sie fliehen. Fight or flight.

Max hätte sich gerne für die Flucht entschieden. Aber wohin? Er war im dritten Semester und sein Studium machte ihm Spaß. Einfach die Stadt und die Universität zu wechseln, war keine Lösung.

Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass ihm eine unverhoffte Einladung sehr bald die Gelegenheit bieten würde, für ein Jahr ans andere Ende der Welt zu fliehen. Was er dabei nicht bedachte, war, dass die Einladung von einer Frau kam. Und dass er nirgendwo auf der Welt dem schmerzvollen Wechselspiel von Nähe und Distanz würde entkommen können.

2

DAS FRACHTSCHIFF DER Hamburger Hapag-Lloyd-Linie bewegte sich sehr langsam und fast geräuschlos aus dem Rotterdamer Hafen in Richtung Ärmelkanal. Max stand an der Reling des Promenadendecks und sah tief unter sich die von Scheinwerfern beleuchteten Hafenanlagen vorbeigleiten. Die Ladekräne und die Gebäude waren mit Lichtpunkten besetzt, die in der feuchten Luft von feinen Strahlenkränzen umgeben waren. Entlang der Fahrtrinne blinkten die Leuchtfeuer. An einem beleuchteten Fenster der Schiffsbrücke über ihm war der Schatten eines uniformierten Mannes zu erkennen.

Die Fahrt nach Südostasien würde länger dauern als üblich. Der Suez-kanal war als Folge des Sechstagekrieges zwischen Israel und seinen Anrainerstaaten seit drei Jahren gesperrt. Max musste den Umweg um das Kap der guten Hoffnung in Kauf nehmen, bevor das Schiff über den Indischen Ozean seinen ersten Zwischenhalt in Port Swettenham in Malaysia erreichen würde. Ziel der Passage war Singapur. Ein kurzer Flug von dort sollte ihn dann nach Medan, die Hauptstadt Nordsumatras, bringen.

Max befand sich an diesem Abend nicht allein an der Reling. Links und rechts von ihm schauten zwei Kinder mit windzerzausten Haaren hinaus auf das Meer: der neunjährige Alex und seine achtjährige Schwester Lotte. Neben ihr stand Anne Stoll, die Mutter der beiden. Ihre blonden Haare bewegten sich im Rhythmus der Böen, die über die Hafenanlagen hinwegfegten.

Was die Kinder betraf, wäre die Begegnung mit ihnen nach Max’ bisherigen Standards auf die Länge einer Gutenachtgeschichte beschränkt gewesen. Ab heute jedoch war alles anders. Max Berger war für die nächsten zwölf Monate ihr Hauslehrer.

3

NOCH VOR WENIGEN Stunden waren Alex, Lotte und ihre Mutter zusammen mit Max in einem Erste-Klasse-Abteil der Bahn von Süddeutschland nach Holland unterwegs gewesen. In Rotterdam wurden sie von Herrn Hansen, dem Agenten der Reederei, und einer schwarzen Limousine erwartet, deren vordere Türen das Hapag-Lloyd-Emblem zierte.

Kurz vor drei Uhr erreichten sie einen meterhohen Drahtzaun, der das dahinterliegende Hafengelände abgrenzte. Hansen brachte den Wagen vor einem schweren, zweigeteilten Gittertor zum Stehen.

Ein uniformierter Mann kam aus dem schwarz gestrichenen, hölzernen Wachhäuschen, blickte durch die offene Scheibe auf der Fahrerseite und grüßte Hansen mit einem angedeuteten Kopfnicken. Wasser tropfte vom Rand seiner Schirmmütze. Hansen zeigte ihm die Schiffsbuchungen und fragte etwas auf Holländisch. Der Wachmann antwortete einsilbig, ging auf das Tor zu und öffnete einen Flügel.

Zügig fuhr Hansen über das Hafengelände. Die Sicht aus dem Wagen war eingeschränkt durch den Nieselregen, der kurz nach der Abfahrt am Bahnhof eingesetzt hatte. Immer wieder wich Hansen elegant Schwerlasttransportern aus, die mit Holzkisten beladen waren. Ein anderes Mal musste er scharf bremsen, weil ein Gabelstapler hinter einem Container hervorschoss und auf seine Fahrspur einbog.

Max wusste nicht, wohin er zuerst schauen sollte. Er hatte noch nie das Innenleben eines Hafens gesehen. Die Kinder neben ihm auf der Rückbank waren aufgeregt, machten sich gegenseitig und die Erwachsenen ständig auf Neues aufmerksam und wollten unablässig etwas wissen. Max gab es auf, zu antworten, denn bis er durch sein beschlagenes Fenster erkannt hatte, auf was sich ihre Frage bezog, waren sie schon wieder ein Stück weiter.

An den von Scheinwerfern angestrahlten Piers lagen zahlreiche Frachtschiffe.

»Welches ist unseres?«, fragte Alex.

Anne und Max konnten nicht weiterhelfen. Hansen wirkte auch unsicher.

»Pier 38 müsste hier irgendwo sein«, meinte er zögernd und verringerte das Tempo ein wenig. »Da liegt es!«, rief er dann erleichtert. »Ihr Schiff!«

Die Limousine war jetzt auf der Höhe des Frachters, und in diesem Moment sah auch Max den großen Schriftzug am Bug: Holsatia. Der Schornstein, an dessen Öffnung dunkle Rauchwolken mit dem Niederschlag kämpften, war hell angestrahlt und glänzte im Regen. Die Farben der Reederei, vier breite horizontale Streifen in Schwarz, Weiß, Rot und Gelb, waren gut zu erkennen.

Hansen hielt am Fuß der Gangway an und half der Gruppe mit ihrem Gepäck aus dem Wagen. Dann stieg er in die schwarze Limousine, wendete und winkte ihnen noch einmal durch das offene Seitenfenster zu.

Max spürte, wie ihm die ersten Tropfen über die Nase liefen. Er hasste Regen. Vor allem, wenn er mit kühler Witterung und Wind daherkam.

Den groß gewachsenen Mann mit schwarzem Vollbart, der jetzt in blauer Uniform sehr sportlich die Landungsbrücke herablief, störten die unwirtlichen Bedingungen nicht. Er strahlte und seine hellen Augen blitzten unter der Krempe seiner Schildmütze. In der Hand hielt er eine schwarze Mappe.

»Frau Stoll, nehme ich an. Ich bin Dirk Claasen, der Zweite Offizier der Holsatia. Ich darf Sie im Namen der Reederei und unseres Kapitäns, Herrn Ahlers, ganz herzlich willkommen heißen.« Nach einem kurzen Blick auf die Papiere wandte er sich Max zu: »Herr Berger, wenn ich die Buchung richtig gesehen habe. Herzlich willkommen! Und ihr zwei müsst Alex und Lotte sein. Toll, dass ihr dabei seid. Wenn wir auf hoher See sind, werde ich euch das Schiff zeigen, falls ihr das wollt. Im Moment ist die gesamte Crew jedoch sehr beschäftigt. Die Ladung ist weitgehend an Bord, aber es gibt vor dem Ablegen noch sehr viel zu tun. Und die ersten Stunden nach dem Ablegen sind nicht weniger hektisch für uns.«

Anne bückte sich nach ihrem Koffer.

»Nehmen Sie nur Ihr Handgepäck mit«, empfahl Claasen. »Der Steward ist schon unterwegs und kümmert sich um den Rest.«

Er stieg ihnen zügig voran, ohne sich an einem der Drahtseile festzuhalten, die links und rechts entlang der Gangway gespannt waren. Alex und Lotte liefen wie zwei kleine nervöse Spürhunde dicht hinter ihm her.

Nach wenigen Schritten merkte Max, dass er keinen festen Boden mehr unter den Füßen hatte. Obwohl das Schiff noch vertäut am Pier lag, konnte er schon das leichte Wiegen spüren. Er begann auf den feuchten Holzplanken zu rutschen und griff schnell nach dem Seil. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn.

Als Jugendlicher hatte Max einen empfindlichen Magen gehabt. Busfahrten im Rahmen der Schulausflüge überstand er nie ohne mindestens eine Spuckattacke. Hielt der Busfahrer rechtzeitig, schaffte er es auf den Grünstreifen oder ins Gebüsch. Einmal war der Busfahrer nicht schnell genug gewesen, und der Kragen des Vordermanns hatte daran glauben müssen. Obwohl sein Magen inzwischen nicht mehr so sensibel war wie früher, blieb er doch eine Schwachstelle. Max musste sich möglichst bald an Bord orientieren, bevor es bei ihm losging.

Doch erst einmal verlangte der Eintritt in die Welt des Frachtschiffes seine volle Aufmerksamkeit. Genau genommen war die Holsatia ein Kombischiff, denn sie beförderte neben Gütern noch eine begrenzte Zahl an Passagieren. Nach den Informationen, die Anne von der Reederei erhalten hatte, waren es in diesem Fall genau acht.

Sie traten durch eine schwere, selbstschließende Stahltür in das Deckshaus ein und folgten dem Offizier über zwei enge, steile Metalltreppen nach oben. Dort drückte er eine weitere Tür auf und ließ die vier Passagiere in einen schmalen Flur treten. Der Boden war ab hier nicht mehr aus Stahl, sondern mit einem weichen, braun gemusterten Teppich ausgelegt. Runde Deckenleuchten aus Milchglas verströmten ein weiches Licht.

»Wir sind jetzt im Passagierbereich. Hier finden Sie Ihre Kabinen«, sagte Claasen, nachdem sich die Tür selbsttätig hinter ihnen geschlossen hatte. »Ihrer Buchung entsprechend haben wir Ihnen drei nebeneinanderliegende Kabinen zugeteilt. Entscheiden Sie bitte die Belegung selbst. Ich muss Sie jetzt leider alleine lassen. Die Pflicht ruft. Der Steward sollte mit Ihrem Gepäck jeden Moment da sein. Er wird Ihnen beim Einräumen helfen und alle Fragen beantworten, was den weiteren Ablauf des Abends angeht.«

Anne und Max sahen sich an. Max hätte sich gewünscht, eine Kabine direkt neben der von Anne zu bewohnen. Ihr ruhiger Blick verriet nicht, ob sie auch eine Präferenz hatte.

Alex und Lotte übernahmen sofort die Regie, rannten in die Kabinen, stellten fest, dass sie alle gleich aussahen, und verkündeten ihre Entscheidung: »Wir nehmen die Kabine zwischen dir, Mama, und unserem Hauslehrer!«

Für Max war es befremdlich, seine neue Berufsbezeichnung aus dem Mund der Kinder zu hören. Für Alex und Lotte schien es normal zu sein. »Unser Hauslehrer«. Genau genommen klang es familiär, etwa wie »unser Haus«, »unsere Katze«, und jetzt eben »unser Hauslehrer«.

Max war beeindruckt, als er die ihm zugedachte Kabine betrat. Ein moosgrüner Veloursteppich dämpfte seinen Schritt, vor dem quadratischen Fenster hingen weiße Stores, über die bei Bedarf etwas schwerere, beigefarbene Vorhänge gezogen werden konnten.

Er blickte sich um. Sein neues Domizil war in einen Wohn- und einen Schlafbereich aufgeteilt, die durch einen Vorhang getrennt werden konnten. Im Wohnbereich standen eine Couch und ein Sessel, Beistelltische aus Mahagoni mit Leseleuchten, ein kleiner Schreibtisch, davor ein Holzstuhl mit gepolsterter Sitzfläche. Auf dem Arbeitstisch entdeckte er eine Ledermappe mit dem Emblem der Reederei. An den Wänden des Raums hingen mehrere goldgerahmte Stiche mit Schiffsmotiven.

Eine schmale Tür mit Messingknauf führte in ein Bad mit Wannendusche und WC. Auf einem hüfthohen hölzernen Sideboard stapelten sich flauschige, weiße Handtücher.

Das breite Bett im Schlafbereich war mit einer beigefarbenen, abgesteppten Tagesdecke überzogen. Die Wand gegenüber bestand komplett aus Einbauschränken aus dunklem Holz.

Als Max neugierig eine der Türen öffnete, ging im Schrank automatisch das Licht an. In diesem Moment musste er laut lachen. Alles war so unwirklich. Wie ein Kind begann er zu spielen: Tür auf, Licht an. Tür zu, Licht aus. War es wirklich aus? Er versuchte, durch den Spalt zwischen den beiden Flügeln zu prüfen, ob es wirklich aus war. Es war aus.

Max kam aus dem Staunen nicht heraus. Als er von Anne erfahren hatte, dass sie mit einem Frachtschiff nach Asien fahren würden, hatte er sich eine kleine, spartanisch ausgestattete Kabine vorgestellt.

Ein Klopfen unterbrach sein Treiben mit den Schranktüren.

»Herzlich willkommen, Herr Berger! Ich bringe Ihr Gepäck. Mein Name ist Kai Schlüter. Bitte nennen Sie mich Kai. Ich bin der Steward und werde während der gesamten Fahrt für Sie zuständig sein.«

Kai empfahl ihm ausdrücklich das Studium der Reederei-Unterlagen. »Sie finden sie in der Ledermappe auf dem Schreibtisch. Und bevor ich es vergesse: Der Kapitän erwartet stürmisches Wetter in der Nordsee und im Ärmelkanal. Wir müssen deshalb leider heute Abend auf das sonst auf unseren Schiffen übliche Begrüßungsdinner mit dem Kapitän verzichten. Stattdessen werde ich allen Passagieren Getränke und kleine Speisen nach Wunsch in den Zimmern servieren. Der Kapitän rechnet fest damit, dass das offizielle Captain’s Dinner morgen nachgeholt werden kann.« Er zeigte auf das Telefon auf dem Beistelltisch. »Wenn Sie etwas brauchen sollten, rufen Sie mich bitte jederzeit an. Meine Durchwahl ist die Null-Acht.«

Als Kai weg war, setzte sich Max auf den Schreibtischstuhl. Hier würde er jetzt für vier Wochen leben. Erst jetzt entdeckte er den kleinen Kühlschrank in einer Ecke des Raums. Er war mit alkoholischen und nichtalkoholischen Getränken gut bestückt. Im Innenfach der Tür stand eine Flasche Gin. Im unteren Fach lagen mehrere Flaschen Tonic. Er hatte große Lust auf sein Lieblingsgetränk, einen Johnny Walker, Black Label, aber er verzichtete darauf, Kai jetzt schon anzurufen. Stattdessen mischte er sich einen Gin Tonic und ließ sich in die schräg gestreifte Couch fallen.

Das kalte Getränk rann langsam durch seine Kehle. Er atmete mehrfach tief ein und aus. Die letzten Monate waren vollgepackt und am Ende hektisch gewesen. Er nahm noch einen tiefen Schluck. Müdigkeit übermannte ihn. Er legte seinen Kopf auf eine der Armlehnen, streckte die Beine über die andere und schloss die Augen.

Von weit weg drang mehrfach ein lautes Tuten in sein Unterbewusstsein. Dann plötzlich Tumult direkt neben ihm.

»Hauslehrer! Hauslehrer!«

Die Schreie rissen Max aus dem Tiefschlaf.

»Hauslehrer! Es geht los!«

Alex und Lotte beugten sich über ihn, eine Hand zerrte an seinem Arm. Es konnte ihnen nicht schnell genug gehen. Als Max langsam zu sich kam, hörte er ein tiefes Brummen und ein mahlendes Geräusch. Das Schiff zitterte. Die Holsatia legte ab!

Lotte zog ihn von der Couch in Richtung Tür. »Hauslehrer, beweg dich!«

»Wo ist eure Mutter?«, fragte er, während er hinter den Kindern in den Flur lief.

»Sie ist oben. Von dort kann man alles toll sehen.«

Am Ende des Ganges wartete erneut eine steile Treppe. Wie zwei Wiesel flitzten Alex und Lotte hoch, Max hinterher. Er stolperte zweimal, weil die Stufen ungewohnt schmal waren und ihm beim Hochsteigen einen ungewohnten Rhythmus aufzwangen.

Oben angekommen ging es wieder durch eine der schweren Stahltüren, dann standen sie im Freien. Es hatte aufgehört zu regnen, dafür war die Nacht hereingebrochen. Die Hafenanlagen waren durch Scheinwerfer hell erleuchtet. Ihr Licht brach sich in der unruhigen Wasseroberfläche.

Anne stand an der Reling. Sie hatte ein großes, kariertes Baumwolltuch um die Schultern geschlungen. Von der Nordsee her kam ein böiger, kalter Wind.

»Wo bleibst du denn, Hauslehrer?«, fragte sie spöttisch.

»Ich habe verschlafen.«

»Du hast das Ablegen versäumt.«

»Was sollte denn das Tuten?«

»Die Holsatia hat sich damit bei der Besatzung der Boote bedankt, die sie von der Pier geschleppt haben. Und vielleicht war es auch eine Art Abschiedsgruß.«

Für einen Moment wurde es still. Die Schiffsmaschine war gestoppt worden. Dann wieder ein Ruckeln, ein Vibrieren, ein anschwellender Brummton. Die Holsatia fuhr mit eigener Kraft in Richtung Ärmelkanal. Ab und zu begegnete ihnen ein Frachtschiff oder ein Fischerboot, dunkel und schemenhaft. Ganz anders dagegen die entgegenkommenden Passagierschiffe, die wie beleuchtete Christbäume an ihnen vorbeischwebten.

Der Wind frischte weiter auf, es wurde jetzt unangenehm kühl. Aber Max war so fasziniert von dem, was da passierte, dass er die Kälte ignorierte.

Seit dem Ablegen von der Pier war etwa eine Stunde vergangen, als der Lotse über eine kräftige Strickleiter an der Schiffswand nach unten kletterte, das eingetroffene Lotsenboot bestieg und an Land zurückkehrte.

Aufgrund des Adrenalinschubs und der frischen Luft hatte Max seiner körperlichen Befindlichkeit bisher keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Es war ihm aber keineswegs entgangen, dass das Schiff immer stärker schwankte und stampfte. Am unangenehmsten fand er die seit-lichen Rollbewegungen, die in der letzten halben Stunde ständig zugenommen hatten. Sein Magen begann zu rebellieren.

Die Holsatia musste das offene Meer erreicht haben, denn hohe Wellen schlugen mit voller Wucht gegen die Bordwand und ergossen sich bis auf das Deck. Der Bug hob sich meterhoch aus dem Wasser und sank dann in einer riesigen Gischtwolke wieder zurück.

So eindrucksvoll das Schauspiel sein mochte, Max hielt nun nichts mehr an der Reling. Er gab Anne und den Kindern ein Zeichen und flüchtete ins Innere des Deckshauses. Es war ein Gefühl wie damals im Schulbus. Nur viel schlimmer. Jetzt musste es schnell gehen. Er stürzte die Treppen hinab und erreichte gerade noch rechtzeitig seine Kabine.

Als der Steward wenig später nach kurzem Klopfen eintrat und ihn tief über die Toilettenschüssel gebeugt fand, begriff er sofort. Er drehte mit dem angekündigten Abendessen unter der Tür um und kam nach wenigen Minuten wieder. Diesmal sah das Tablett trostlos aus: Neben einem Teller mit drei trockenen Scheiben Zwieback stand eine große Tasse Schwarztee. Als Dekoration hatte sich Kai noch eine kleine Schachtel mit Tabletten ausgedacht.

»Nehmen Sie gleich zwei«, sagte er. »Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht. Ihre Übelkeit müsste bis morgen früh vorbei sein. Und danach sollten Sie für den Rest der Fahrt Ruhe haben. Wasser finden Sie in der Karaffe auf dem Tisch. Mit Blick auf die unruhige See achten Sie bitte darauf, dass sie gut verschlossen und verstaut ist. Brauchen Sie sonst noch etwas?«

Kai war kaum zur Tür heraus, da ging es bei Max schon wieder los. Die rollenden und stampfenden Bewegungen des Schiffes drehten seinen Magen in alle Richtungen.

Er nahm zwei Tabletten, legte sich auf das Bett und schaltete das Licht aus. In der stockdunklen Kabine wurde die Übelkeit sofort schlimmer. Er schaltete das Licht wieder ein.

Max verlor das Zeitgefühl. Vor dem Fenster flogen dunkle Wolkenfetzen vorbei, Regen schlug gegen die Scheibe.

Zwischendurch biss er immer wieder etwas Zwieback ab und nahm einen Schluck von dem schwarzen Tee. Wie es wohl Anne und den Kindern erging?

*

Als Max die Augen wieder öffnete, war es hell. Er wusste im ersten Moment nicht, wo er war, und hob vorsichtig den Kopf. Er lag angezogen auf einem fremden Bett. Im Mund hatte er einen bitteren Geschmack. Den kannte er. Die Busfahrt! Dann kam die Erinnerung wieder: Er war nicht im Bus, er war auf einem Schiff. Das Ergebnis war aber wohl dasselbe. Ihm war offensichtlich letzte Nacht speiübel gewesen. Aber irgendwann musste er doch eingeschlafen sein.

Auf dem Boden neben seinem Bett stand das Tablett. Ein Zwieback war übrig, eine angebrochene Tablettenpackung lag daneben. Die Teetasse war leer, in der umgekippten Karaffe noch ein Schluck Wasser, den er sich jetzt direkt in den Mund goss.

Er kroch vom Bett, versuchte, sich aufzurichten, und kam nur unsicher auf die Beine. Sein Magen schmerzte, aber ihm war nicht mehr richtig schlecht. Das Schiff stampfte immer noch schwer, die unangenehmen Rollbewegungen hatten etwas nachgelassen.

Es war halb elf. Wo bewegte sich das Schiff jetzt wohl? Die Meerenge von Calais mussten sie schon vor einiger Zeit hinter sich gelassen haben. Kai hatte erwähnt, dass der Frachter sie gegen vier Uhr morgens passieren würde. Die Holsatia sollte jetzt mitten im Ärmelkanal sein, mit der englischen Südküste auf der einen und der Normandie auf der anderen Seite. Beim Blick aus dem Fenster konnte Max außer den tief hängenden Wolken und der aufgewühlten See nichts erkennen.

Langsam kamen seine Lebensgeister zurück. Das Wichtigste war jetzt eine warme Dusche. Dann musste er eine Kleinigkeit essen. Er war sicher, dass der Schiffskoch etwas Passendes für ihn finden würde. Passagiere mit Magenproblemen dürften nichts Ungewohntes für ihn sein.

Als Max in seinem flauschigen Bademantel aus dem Bad kam, klopfte es an der Tür. Kai steckte seinen Kopf herein.

»Wie geht es Ihnen, Herr Berger? Wirken die Tabletten?«

»Mir geht es besser. Danke für Ihre Unterstützung.« Max wollte ihm die Details der Nacht ersparen und fragte ihn stattdessen nach Anne und den Kindern.

»Den Kindern ging es wohl ähnlich wie Ihnen. Ich habe Frau Stoll vorhin auf dem Flur getroffen. Sie selbst hat die Nacht gut überstanden. Ich habe sie informiert, dass es für die Passagiere um zwölf Uhr ein Mittagessen im Salon gibt. Bitte seien Sie pünktlich, der Kapitän wird dabei sein und will sich und einige seiner Crewmitglieder vorstellen.«

Vor dem Kleiderschrank mit der automatischen Beleuchtung erinnerte sich Max an Annes Empfehlung, auch einige »ordentliche« Klamotten mitzunehmen. Dabei hatte sie ausdrücklich die Mahlzeiten im Salon erwähnt. Nach allem, was Max bisher gesehen hatte, ging es auf der Holsatia zu wie in einem feinen Hotel. Zumindest auf dem Teil des Schiffes, auf dem sich die Passagiere bewegten. Der Zweite Offizier, der sie gestern bei ihrer Ankunft im Hafen begrüßt hatte, hatte in seiner blauen Uniform wie aus dem Ei gepellt ausgesehen. Und Kai stand ihm in nichts nach: Er trug ein frisch gebügeltes weißes Hemd zur schwarzen Hose. Den Hemdkragen zierte eine kleine schwarze Fliege.

Max war klar, dass er zumindest bei den gemeinsamen Mahlzeiten auf sein übliches studentisches Outfit mit verwaschenen Jeans und T-Shirt verzichten musste. Für das Mittagessen wählte er deshalb ein weißes, langärmeliges Hemd und eine hellgraue Baumwollhose, in die er nur mit großer Mühe einsteigen konnte, weil er immer noch unsicher auf den Beinen war.

Er betrachtete sich im Spiegel, atmete tief durch und beschloss, dass dies der Verkleidung genug war. Eine Krawatte würde er nur in höchster Not anziehen. Obwohl er sogar eine Auswahl gehabt hätte. Er hatte beide Krawatten, die er besaß, mit auf die Reise genommen.

4

KAPITÄN AHLERS BLICKTE mit zusammengekniffenen Augen über das Vorschiff auf die aufgewühlte See. Viel war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Der Sturm trieb graue Wolkenfetzen quer über den Frachter. Regen klatschte gegen die Scheiben. Eine Stunde nach Verlassen des Rotterdamer Hafens und vor der Einfahrt in die Nordsee hatte er das Ruder von dem holländischen Lotsen übernommen und stand jetzt seit zwei Stunden auf der abgedunkelten Brücke.

Schon als junger Offizier hatte er sich gerne freiwillig für die Nachtdienste einteilen lassen. Obwohl dann die Navigation gerade auf stark befahrenen Seestraßen wie dem Ärmelkanal nicht ungefährlich war. Sie forderte ungeteilte Aufmerksamkeit. Besonders bei Sturm. Trotzdem erlebte Ahlers die Nachtfahrten nicht als Stress, sondern als etwas Beruhigendes, fast Kontemplatives. Es musste damit zusammenhängen, dass er im Ruderhaus wie ein Meeresgott hoch über dem Wasser residierte und unter sich ein mächtiges Schiff befehligte, auf das er sich hundertprozentig verlassen konnte und das jedem noch so kleinen Steuerungsbefehl gehorchte. Er lachte in sich hinein. Das mit dem »gehorchen« durfte man nicht so wörtlich nehmen. Alles, was er hier oben anordnete, konnte die Holsatia nur mit beträchtlicher Verzögerung umsetzen – also nicht so direkt, wie das etwa beim Einparken seines Ford Taunus vor dem Reihenhaus in Hamburg funktionierte –, aber es war trotzdem genau berechenbar.

Er erinnerte sich an seine Jahre als junger Offizier beim Norddeutschen Lloyd und an die ersten Gelegenheiten, selbst das Ruder zu übernehmen. Wie ihm da die verzögerten Reaktionen des Schiffes große Schwierigkeiten machten. Die größte Herausforderung boten die Wende- und Anlegemanöver in den Häfen, bei denen es darauf ankam, die Bewegung des Frachters fortlaufend so zu beeinflussen, dass er sich zu jedem Zeitpunkt mit der gewünschten Geschwindigkeit in der richtigen Position befand.

Wieder kniff Ahlers die Augen zusammen, um durch die regenüberströmten Fenster den Fahrweg zu kontrollieren. Im Moment baute sich etwa hundert Meter vor dem Bug wieder eine dieser überdimensionalen Wellen auf. Er kannte den Rhythmus des Meeres nur zu gut. Bei den heutigen Windverhältnissen musste er im Abstand von fünf bis zehn Minuten mit einem derartigen Naturphänomen rechnen. Wenn eine solche Welle das Schiff erfasste, wurde der Bug besonders hoch in den wolkenverhangenen Himmel geschoben, um dann wie von einer großen Faust nach unten gedrückt zu werden. Beim Aufprall auf die Wasseroberfläche explodierte das Meer regelrecht, und für einen Moment verschwand der Bug fast völlig darin. Dabei ächzte das gesamte Schiff, als ob Stahl verbogen würde.

Ahlers machte sich den Spaß, die Ankunft der Welle zu berechnen. Zählte jetzt rückwärts, fünf, vier, drei … hielt kurz den Atem an, zwo, eins. Der Aufprall. Das Schauspiel am Bug. Der Ritt auf dem bockenden Schiff. Wie ein Rodeoreiter.

Ahlers’ Herz schlug nach seiner Ausbildung zum Nautischen Offizier im Jahr 1936 ausschließlich für die Handelsschifffahrt. Er konnte sich nicht vorstellen, Passagiere zu befördern. Zu viele Menschen, zu viele Begegnungen, zu viel Small Talk.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Frachter, auf dem er fuhr, zu einem Versorgungsschiff umgerüstet und mit leichten Flugabwehrkanonen bewaffnet. Mit diesem Schiff war Ahlers im Südchinesischen Meer unterwegs, um dort die deutschen und italienischen Transport-U-Boote mit Treibstoff und Munition zu versorgen. 1942 musste er schweren Herzens der Anordnung aus Hamburg folgen, das Einsatzgebiet in Asien zu verlassen. Kurz darauf wurde er als Nautischer Offizier nach Cuxhaven auf ein Minensuchboot versetzt. Der Einsatzort war die Deutsche Bucht einschließlich der angrenzenden Bereiche des Ärmelkanals. Also gar nicht weit entfernt von der Stelle, an der er sich mit der Holsatia im Moment befand.

Ahlers spürte ein beklemmendes Gefühl in seiner Brust. Er verfluchte die Zeit bei den Minensuchern. Sie hatte für ihn nichts mehr mit dem zu tun gehabt, was er sich als Beruf erträumt hatte. Schon der militärische Einsatz im Südchinesischen Meer hatte seine Freude an der Seefahrt geschmälert. Zumindest hatten sie dort ihre Waffen nie einsetzen müssen, waren nie wirklich einer Bedrohung ausgesetzt gewesen. Auf den Such-booten dagegen lebten sie in den letzten Kriegsjahren in ständiger Gefahr, von explodierenden Minen zerfetzt oder von Jagdfliegern und Bombern beschossen und versenkt zu werden.

Ahlers versuchte, die düsteren Schatten der Vergangenheit abzuschütteln. Er war ein zufriedener Mann. Dachte positiv. Versuchte es wenigstens. Und er hatte eine Familie. Die Sache mit den Minen war über fünfundzwanzig Jahre her.

Die nächste Superwelle entdeckte er fast zu spät. »Fünf, vier, drei, zwo …« – da war schon der Aufprall. Das ächzende Geräusch. Die Gischt.

Die Wassermassen, die über das Vordeck schossen, spülten seine Gedanken an die dunkle Zeit mit sich fort. Er begann zu summen. Seine Lieblingsmelodie.

»Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern,keine Angst, keine Angst, Rosmarie!«

Er hatte sich als junger Schiffsoffizier gefragt, wer denn bitte Rosemarie sei. Später bei den Minenräumern musste dieses Lied auf Befehl gesungen werden. Ein schnittiger NS-Ausbildungsoffizier in Cuxhaven, dem das propagandistische Potenzial des Lieds bewusst war, erläuterte ihnen, dass es sich bei Rosemarie sinnbildlich um die deutschen Mütter, Ehefrauen und Schwestern handelte, die sich Sorgen machten. Diese Frauen sollten moralisch aufgerichtet werden. Durch das Lied werde ihnen versichert, dass ihre tapferen Männer auf See allen Gefahren trotzen und gesund und siegreich heimkehren würden.

Weniger froh waren die Nazis wohl über die dritte Strophe des Liedes, in der es um die zahlreichen Bräute der Seeleute in den Häfen und damit um die lockere Moral der Männer ging. Ein Bild, das sich mit dem Ideal der deutschen Familie in der NS-Propaganda nicht in Einklang bringen ließ.

Ahlers schüttelte den Kopf. Was für ein Irrsinn!

Trotz dieses Hintergrunds hatte die Melodie Ahlers bis heute nicht losgelassen, und vielen seiner Kameraden ging es genauso.

Er begann wieder zu summen.

»Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern …«

Seine Augen wanderten über die karge Ausstattung der Brücke. Über die Kontrollanzeigen. Zu dem hölzernen Tisch, auf dem die Seekarte ausgebreitet war. Er bemühte sich nicht, einen Blick darauf zu werfen. Er kannte jede Seemeile des Ärmelkanals wie seine Westentasche. Deshalb hatte er auch die Leuchte über der Karte ausgeschaltet. So konnte er die Dunkelheit im Ruderhaus genießen, die ihn wie ein Mantel vor den Naturgewalten da draußen schützte.

Neben der Faszination für die Seefahrt waren es auch die Kollegen, die seinen Beruf so spannend machten. Die Männer, mit denen er seit Jahrzehnten auf den Schiffen fuhr. Mit denen er eingeschworene Gemeinschaften bildete, fast wie Geheimbünde. Einige der Männer heuerten bei einer anderen Reederei an, wenn sie nach monatelanger Fahrt wieder in Hamburg ankamen. Andere, so wie Ahlers selbst, versuchten ihrem Schiff möglichst lang treu zu bleiben. Er hielt der Holsatia nun schon einige Jahre die Treue. Verbrachte den größten Teil seiner Zeit auf ihr. Mit ihr. Mehr Zeit als mit seiner Frau, seinen Kindern, den Freunden.

Mit dem Anheuern auf der Holsatia waren auch zum ersten Mal »normale Reisende« in sein Berufsleben getreten. Die Kombination aus Fracht- und Passagierschiff erwies sich inzwischen als geradezu ideal, da sie ihm das Beste beider Welten bot. Die Technik eines Frachters und – wohldosiert und überschaubar – Kontakt zu Zeitgenossen, die nichts mit der Seefahrt zu tun hatten. Menschen, die in Hamburg seine Nachbarn sein könnten oder mit denen er im Büro sitzen und mittags in die Kantine gehen würde, wenn er einen der gängigen Berufe an Land ergriffen und nicht den Großteil seines Lebens auf See verbracht hätte.

Zwei Tage vor dem Ablegen hatte ihm die Reederei die Passagierliste der Holsatia mit acht Namen übergeben. An Bord gegangen war in Hamburg dann nur eine einzelne Dame, eine Gräfin. Sehr kurz angebunden bei den wenigen Begegnungen seit Verlassen des Hafens.

In Rotterdam waren die restlichen sieben Passagiere zugestiegen. Ein Schweizer Schriftsteller. Dann die de Boers, ein holländisches Ehepaar, die Frau an Krücken, aber trotzdem recht sicher auf den Beinen. Sie hatten zwei Kabinen gebucht, obwohl die Hapag-Lloyd-Betten überbreit waren und auch zwei Personen ausreichend Platz boten. Aber vielleicht schnarchten die beiden? Ahlers lachte leise. Die getrennten Schlafzimmer gab es in seiner eigenen Verwandtschaft auch. Für sich und seine Frau hätte er das nie gewollt. Gerade weil er selten zu Hause war, fand er es besonders schön, neben ihr einzuschlafen und sie morgens als Erstes zu sehen.

Die de Boers konnten nur deshalb zwei Räume bekommen, weil sich die zwei Kinder an Bord eine der sieben Kabinen teilten. Zu den Kindern gehörten ihre Mutter und ein junger Mann. Die vier waren zusammen gebucht worden, und beim Studium der Details auf der Passagierliste wurde Ahlers sofort an seinen Deutschunterricht im Gymnasium in Hamburg erinnert. Ihm kam es vor, als sei der Geist Hölderlins aus seiner Flasche entwichen und habe sich hier auf der Holsatia niedergelassen. Dass es heute noch eine Familie gab, die sich einen eigenen Hauslehrer für ihre zwei Kinder leistete, konnte er kaum glauben. Noch ungewöhnlicher fand Ahlers, dass die Mutter – wenn die Geburtsdaten auf der Passagierliste stimmten – einen Zweiundzwanzigjährigen mit dieser Aufgabe betraut hatte. Sie selbst war ebenfalls noch eine recht junge Frau. Ahlers konnte sich nicht erinnern, wie alt Hölderlin gewesen war, als er die Stelle als Hauslehrer in Frankfurt angetreten und sich danach unsterblich, aber letztlich unglücklich, in die Mutter verliebt hatte, deren Kinder er unterrichten sollte.

Ahlers war zufrieden mit der Passagierliste, denn die Konstellationen konnten spannend werden. Er liebte Geschichten, die das Leben schrieb. Und da es auf der Holsatia Brauch war, dass die Passagiere alle Mahlzeiten im Salon am Kapitänstisch einnahmen, konnte er davon ausgehen, dass zumindest einige ihrer Erlebnisse irgendwann zur Sprache kommen würden.

Bei diesem erfreulichen Gedanken begann Ahlers wieder leise vor sich hin zu singen:

» … keine Angst, keine Angst, Rosmarie!«

Einer Sache war er sich sicher: Keines der Schicksale der Passagiere würde ihn als erfahrenen Seemann wirklich erschüttern können.

5

JULIUS BERGER TRUG bevorzugt Anzug und Krawatte. Im Unterricht am Gymnasium ersetzte er die Anzugjacke durch einen knielangen weißen Kittel, in welchem er seine physikalischen Experimente durchführte. Mit seinen schneeweißen Haaren und den dichten schwarzen Augenbrauen sah er wie ein Wissenschaftler aus. Zu Hause legte er die Krawatte nur ab, wenn er in seine Gartenklamotten stieg und durch die Terrassentür verschwand, um dem Unkraut zu Leibe zu rücken, die Stauden und Sträucher auf ein gesundes Maß herunterzuschneiden oder Himbeeren und Rote Johannisbeeren zu pflücken. Letztere lieferten, zusammen mit einer Portion Zucker, in einer von ihm genau kalkulierten Zusammensetzung, eine Marmelade, die sowohl in der Familie als auch bei den Schulfreunden seines Sohnes Max der absolute Renner war.

Im Vergleich zu seinem Vater war Max ein ausgesprochener Krawattenmuffel: Er hasste es, mithilfe eines Binders einen ansonsten bequemen Hemdkragen auf einen Umfang zu reduzieren, der nach kürzester Zeit Atemprobleme auslöste. Trotz des energischen Widerspruchs seiner konservativen Tante Lisbeth, die ihren Neffen zumindest sonntags gerne mit Schlips gesehen hätte, standen seine Eltern der Sache, wie so vielen anderen lebensnahen Fragen, tolerant gegenüber.

Die einzige Einschränkung kam von einer anderen Seite. Max spielte Violine in einem Streichquartett. Die Freude an der klassischen Musik, die seine Mutter als Klavierlehrerin in ihm angelegt hatte, wurde nur dadurch getrübt, dass er sich bei öffentlichen Konzerten dem Würgegriff des engen Hemdkragens nicht entziehen konnte.

*

Auf Grund dieser Erfahrungen sah Max mit gemischten Gefühlen auf die beiden verloren an einer dünnen Stange hängenden Krawatten im Schrank der Schiffskabine. Er befürchtete, dass er sie an Bord der Holsatia brauchen würde.

Er setzte sich in den gestreiften Sessel, legte die Füße auf den Couchtisch und begann, die Hapag-Lloyd-Mappe zu studieren. Nach einem Willkommensgruß fand er Informationen zur Reederei und ihrer stolzen Geschichte, sowie technische Daten und die Fahrtroute der Holsatia.

Mit dem Zeigefinger fuhr Max die Route nach. Von Hamburg über Rotterdam durch den Atlantik, um die Südspitze Afrikas und weiter ostwärts durch den Indischen Ozean bis in die Straße von Malakka. Die Reisedauer bis zum Zielort Singapur war, einschließlich eines eintägigen Zwischenhalts im Hafen von Port Swettenham in Malaysia, auf volle 28 Tage veranschlagt.

Beim Blick auf seine Uhr schreckte Max hoch. Schon nach zwölf! Er ging in das Badezimmer, wo ihm sein Spiegelbild blass entgegenblickte, und schwappte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht. Das musste reichen.

Leicht schwankend verließ er die Kabine in Richtung Salon. Die steile Treppe in das nächsthöher gelegene Stockwerk schaffte er, indem er sich an dem kühlen metallenen Handlauf nach oben zog. Dann blieb er kurz stehen, sammelte sich und ging schließlich breitbeinig weiter auf Alex zu, der am Ende des Flurs stand.

»Hauslehrer, wo bleibst du denn?«, rief er. »Hast du auch gespuckt? Lotte und ich hingen beide über …«

»Ist gut, Alex. Keine Einzelheiten bitte. Sonst geht es bei mir wieder los.«

Gemeinsam betraten sie einen länglichen, mit einem Orientteppich ausgelegten Raum. An seiner linken Seite befanden sich zwei große Fenster und eine schmale, gut gefüllte Bücherwand. Auf den Holzpaneelen rechts hingen gerahmte Bilder von Schiffen, in der Mitte gruppierten sich braune Ledersessel um niedrige Mahagonitische.

An der Stirnseite gab ein zur Seite geschobener, schwerer Vorhang den Blick auf einen weiteren Raum frei, in dem ein langer Esstisch stand.

Als Max mit Alex in die Bibliothek eintrat, bewegte sich die Gruppe, die sich dort eingefunden hatte, gerade dorthin. Sein Tageslicht bezog der Salon von einer durchgehenden Fensterfront. An der Stirnseite des Raums befand sich eine quadratische Öffnung zwischen zwei hohen Schränken. Was zuerst wie eine Durchreiche aussah, erwies sich als der Schacht eines Materialaufzugs, über den die Speisen aus der Schiffsküche nach oben und das benutzte Geschirr nach unten befördert wurde.

Der mit Porzellangeschirr, Silberbesteck, Kristallgläsern und kunstvoll geformten Leinenservietten gedeckte Esstisch bot mindestens zwölf Personen Platz. Max blieb stehen, aber es blieb ihm keine Zeit zu staunen.

Claasen, der Zweite Offizier, der sie in Rotterdam an der Gangway empfangen hatte, kam auf ihn zu. »Hallo, Herr Berger. Noch unter den Lebenden?«

»Danke, es geht.« Max versuchte ein Lächeln, das aber angesichts seines Zustands misslang.

»Ich kann beim Essen leider nicht dabei sein«, sagte Claasen und war schon auf dem Weg zu Tür. »Ich muss auf die Brücke!«

Bevor Max antworten konnte, war der Kapitän an ihn herangetreten und sprach ihn mit einem norddeutschen Akzent an: »Herr Berger, richtig?«, fragte er. »Der Hauslehrer unserer beiden jüngsten Passagiere? Mein Name ist Jan Ahlers. Ich bin der Kapitän dieses Schiffs.«

Er war groß gewachsen und breitschultrig und hätte in seiner blauen Uniform eine eindrucksvolle Figur auf einer Opernbühne abgegeben. Sein Gesicht war von der Sonne gebräunt, die dunklen Augen unter den kräftigen Brauen strahlten. Zahlreiche Lachfalten ließen vermuten, dass Ahlers gerne lachte.

»Ich glaube, wir sind vollzählig«, sagte Ahlers etwas lauter in die Runde. »Lassen Sie uns zu Tisch gehen.«

Alex und Lotte hatten Max während des kurzen Gespräches mit dem Kapitän nicht aus den Augen gelassen und drängten sich jetzt an ihn heran: »Hauslehrer, wo sitzt du? Du musst zwischen uns sitzen!«

Der Kapitän ließ sich an der Stirnseite nieder und bat Anne an seine linke Seite. Max und die Kinder füllten die Reihe auf. Zu seiner Rechten nahm auf Einladung Ahlers’ eine elegant gekleidete Dame mit blonden, weich gelockten Haaren Platz. Max musterte sie unauffällig. Unerwartet drehte sie den Kopf und begegnete seinem Blick. Er konnte sich nicht erinnern, je Augen in einem derartig intensiven Graugrün gesehen zu haben. Sie musterte ihn abschätzig. Ihr Gesichtsausdruck war streng und unnahbar. Max spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Glücklicherweise wurde sie jetzt von ihrem Sitznachbarn, einem beleibten Mann mit Halbglatze und dunkler Hornbrille, angesprochen.

Als alle Platz genommen hatten, hieß Kapitän Ahlers die Passagiere im Namen der Reederei auf der Holsatia willkommen.

»Bevor ich zu den Anwesenden komme, erst noch ein Wort zu mir selbst«, sagte er. »Als Kapitän bin ich der Vertreter der Reederei an Bord und trage die Verantwortung für den gesamten Schiffsbetrieb. Dabei werde ich selbstverständlich von meinen Offizieren, den Ingenieuren und der Mannschaft unterstützt.« Mit diesen Worten wandte er sich nach rechts. »Ich darf Ihnen unseren Ersten Offizier, Herrn Behrendt, vorstellen. Er vertritt mich. Sein Aufgabengebiet umfasst in erster Linie unsere Ladung und die Besatzung. Unser Chefingenieur, Herr Holtkamp, ist für die Maschine und darüber hinaus für die gesamte Technik an Bord verantwortlich.«

Die beiden Herren nickten den Passagieren zu.

»Wenn ich jetzt noch kurz einige Worte zu unseren Gästen sagen darf.« Ahlers wandte sich der elegant gekleideten Dame zu. »Ich möchte Sie, Bettina Gräfin Orsini-Burgstedt, noch einmal herzlich willkommen heißen. Sie sind schon in Hamburg an Bord gegangen und werden mit uns bis Singapur fahren. Das Ziel Ihrer Reise ist jedoch Jakarta, wo Sie Ihren Gatten, den italienischen Botschafter in Indonesien, wiedersehen werden.«

Die Gräfin verzog keine Miene. Den Kapitän schien das kühle Verhalten der Gräfin nicht zu überraschen. Er setzte ein Lächeln auf. »Vielleicht darf ich noch eine Kleinigkeit hinzufügen«, sagte er. »Uns beide verbindet etwas. Wir sind beide mit Elbwasser getauft, also Hamburger Gewächse. Deshalb nochmals ein besonderer Willkommensgruß.«

Auch dieser persönliche Hinweis konnte den Gesichtsausdruck der Dame nicht aufhellen. Von ihr kam kein Wort, kein Dank für die freundliche Begrüßung. Im Gegenteil. Max hatte den Eindruck, dass ihre Miene noch abweisender wurde.

Er fand das Verhalten der Gräfin arrogant. Es passte in das Bild, das er sich von Adligen machte, obwohl er noch nie einer Vertreterin dieses Standes begegnet war. Jetzt hatte er aber weder Zeit noch Lust, darüber nachzudenken, ob er hier ein Vorurteil pflegte. Er schickte einen Blick zu Anne. Sie verzog kaum wahrnehmbar ihr Gesicht und verdrehte kurz die Augen nach oben. Sie waren sich einig.

Ahlers ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und nickte dem korpulenten Herrn gegenüber von Max zu. »Herr Leuthenbacher, Sie haben für Ihre Reise nach Singapur unser Schiff gewählt. Schön, dass Sie an Bord sind. Darf ich an dieser Stelle erwähnen, dass Sie Schriftsteller sind?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Die Atmosphäre auf diesem Schiff wird Ihre Fantasie ohne Zweifel beflügeln.«

Leuthenbacher straffte die Schultern. »Das hoffe ich sehr. Ich stecke mitten in meinem neuen Roman und habe in Singapur nur noch vier Wochen Zeit bis zur Abgabe. Es wird mal wieder sehr eng werden. Sicher wissen Sie, wie ungeduldig Verleger sind.«

Er warf Anne einen langen Blick zu. Max brauchte Anne nicht anzusehen, um zu wissen, dass dies keinen nachhaltigen Eindruck auf sie machen würde.

Jetzt zwinkerte Ahlers den Kindern zu und richtete das Wort an sie: »Da haben wir die Geschwister Lotte und Alex. Wie ich erfahren habe, seid ihr zurück auf dem Weg in eure Heimat Indonesien. Sicher nicht überraschend ist, dass die Dame neben euch eure Mutter ist. Herzlich willkommen an Bord, Frau Stoll. Eher ungewöhnlich dürfte sein, dass ihr zwei euren eigenen Lehrer, Herrn Berger, mit auf der Holsatia habt. So etwas hatte ich in meiner langen Zeit als Kapitän noch nie. Wie es dazu kam, müsst ihr mir mal erzählen, wenn es etwas ruhiger geworden ist. Ihnen, Herr Berger, wünsche ich ebenfalls eine gute Zeit bei uns. Sie müssen ja wohl, wie wir auch, während der Überfahrt arbeiten.«

Max musste lachen. Bislang hatte er die Reise trotz des geplanten Unterrichts nicht in die Kategorie »Arbeit« eingeordnet. Aber im Grund hatte Ahlers recht. Er machte keine Urlaubsreise auf einem Kreuzfahrtschiff.

Jetzt wandte sich Ahlers wieder allen Passagieren zu: »Unser Zweiter Offizier musste leider zurück auf die Brücke und kann deshalb nicht mit uns speisen. Wichtig ist für Sie vielleicht im Moment noch, dass er neben seiner Tätigkeit als Navigationsoffizier auch für die kleine Krankenstation auf dem Schiff verantwortlich ist. Wir sind als Frachter mit einer sehr begrenzten Zahl mitreisender Passagiere nicht verpflichtet, einen Arzt an Bord zu haben. Wie alle unsere Zweiten Offiziere auf den Frachtschiffen hat aber auch Claasen die Grundausbildung zum Rettungssanitäter und einen Grundkurs in Physiotherapie absolviert. Letzteres ist hier auf dem Schiff besonders wichtig. Unsere Matrosen arbeiten körperlich sehr hart, und da sind Zerrungen und Verstauchungen an der Tagesordnung. Der Sanitätsoffizier bietet übrigens jeden Mittwoch um 17 Uhr eine Sprechstunde an. Lassen Sie uns aber hoffen, dass wir alle gesund bleiben und Sie seine Dienste nicht in Anspruch nehmen müssen.« Er räusperte sich. »Das erinnert mich an etwas. Wir haben noch zwei weitere Passagiere an Bord, die heute nicht zum Essen erscheinen konnten. Es handelt sich um das Ehepaar de Boer aus Holland. Frau de Boer wurde vor Kurzem am Knie operiert und fühlt sich im Moment etwas schwach. Ich hoffe, dass es ihr bald wieder besser geht.«

Zustimmendes Gemurmel ertönte.

»Und noch eine letzte Bemerkung. Ich werde, soweit es meine Verpflichtungen zulassen, die Mahlzeiten hier im Salon gemeinsam mit Ihnen einnehmen. Der Tisch, an dem wir hier sitzen, heißt schließlich nicht umsonst Kapitänstisch.«

»Wo essen denn die anderen Leute auf dem Schiff?«, fragte Alex.

»Wir haben noch zwei weitere Räume, in denen Mahlzeiten serviert werden«, erklärte Ahlers. »Eine Offiziersmesse und eine Messe für die Mannschaft. Wenn ihr mit eurer Mutter und eurem Lehrer die Holsatia erkunden wollt, dann lasst das unseren Zweiten Offizier wissen. Er hilft euch gerne, das zu organisieren.«

Alex nickte eifrig, die Diplomatengattin verzog gequält das Gesicht, und Max vermutete, dass sie kein gesteigertes Interesse daran hatte, in die Nähe der Besatzung zu kommen. Und wahrscheinlich konnte sie Kinder auch nicht leiden. Die Frau war ihm unsympathisch.

Von den Köstlichkeiten, die jetzt in mehreren Gängen aus der Tiefe des Schiffs über den Aufzug nach oben kamen, aßen Lotte, Alex und Max nichts. Kai servierte ihnen stattdessen mit weißen Handschuhen Haferschleim im Reederei-Porzellan, Wasser und schwarzen Tee. Max betrachtete sehnsüchtig den Weißwein, der zum Fisch gereicht wurde, aber noch sehnsüchtiger den italienischen Rotwein aus dem Piemont, der die Hauptspeise begleitete. Was ihm über die Enttäuschung hinweghalf, war die Tatsache, dass dies erst der Beginn einer vierwöchigen Schiffsreise war, und die Gewissheit, dass die Küche sie auch weiterhin gut versorgen würde.

Leuthenbacher war der Einzige, der sich durch die gesamte Speisenfolge aß und dies sichtlich genoss. Die strenge Gräfin gab nach Ochsenschwanzsuppe und Dorade auf. Anne schaffte noch den Rinderbraten, ließ aber die Finger vom Nachtisch, einer roten Grütze mit Vanillesoße. Am Ende nahmen alle Erwachsenen bis auf Max einen Mokka und brachen dann auf. Die Crew-Mitglieder gingen zurück an die Arbeit, die Passagiere in Richtung ihrer Kabinen.

»Wie geht es dir, Anne?«, fragte Max beim Verlassen des Salons.

»Ich kann nicht klagen. Ich bin trotz des Sturms schnell eingeschlafen. Aber dann tauchten Lotte und Alex mitten in der Nacht bei mir auf und mussten sich übergeben. Danach wollten sie nicht mehr zurück in ihre Kabine und ich hatte sie die ganze Nacht bei mir im Bett.« Sie lachte. »Wahrscheinlich hatten sie auch Angst, als das Schiff diese schrecklichen Geräusche machte, als ob es auseinanderbrechen wollte. Hast du das auch gehört?«

»Habe ich. Und ich muss ehrlich gestehen, dass es mir mulmig wurde. Ich habe so was noch nie erlebt.«

»Und wie geht es jetzt bei dir weiter?«

»Ich schlage vor, dass Alex und Lotte in einer Stunde zu mir auf die Kabine kommen, um den Unterricht vorzubereiten.«

»Ist das vernünftig, Max? Willst du dich nicht noch etwas erholen? Du bist blass um die Nase.« Anne betrachtete ihn sorgenvoll. »Was ist, Max? Wird es dir wieder übel?« Sie legte ihre sonnengebräunte Hand leicht auf seinen Arm. Die Berührung elektrisierte ihn.

»Alles gut, Anne.« Seine Stimme krächzte. Er musste aufhören, diese Frau anzuhimmeln. Oder zumindest dafür sorgen, dass sie es nicht merkte. Wie das in den kommenden zwölf Monaten, in denen sie fast täglich dicht beieinander sein würden, funktionieren sollte, wusste er selbst nicht. Warum hatte er sich darüber vor der Abreise in Deutschland keine ernsthaften Gedanken gemacht?

»Max?«

»Ich habe nur kurz nachgedacht. Ich würde gerne schon heute mit dem Unterricht beginnen. Wenn ich in meiner Kabine herumhänge, wird es mir wieder übel. Es ist besser, wenn ich abgelenkt bin. Und ich freue mich sehr auf Lotte und Alex.«

6

»ES IST EIN Brief für dich angekommen, Max.« Die Stimme seiner Mutter am Telefon klang fast geschäftsmäßig. Sie kam gleich zur Sache und erkundigte sich nicht, wie sonst üblich, erst einmal nach seiner Befindlichkeit.

»Der Brief kommt aus Indonesien.«

Und als Max nicht sofort reagierte: »Du weißt schon, von wem, oder?«

Max hatte große Lust, seine Mutter zu ärgern und so zu tun, als ob er den Absender nicht erraten könnte. Er verzichtete aber auf das Spiel und fragte, wie von ihr erwartet: »Anne?«

»Von wem denn sonst? Von deiner guten alten Freundin Anne Stoll.«

Max ignorierte den Unterton.

»Wann kommst du bei uns vorbei?«, fragte seine Mutter. »Ich backe einen Kuchen für dich.«

Max überlegte. »Nächsten Sonntag. Gegen drei Uhr.«

Er legte schnell auf. Sein Herz schlug höher.

*

Anne Stoll lebte in Medan, stammte aber aus seiner Heimatstadt. Als sechzehnjähriger Schüler hatte Max sie auf dem Tennisplatz kennengelernt. Anne war damals um die dreißig gewesen und wie jeden Sommer für zwei Monate aus Indonesien zum Urlaub gekommen. Sie besuchte ihre Familie und Freunde und spielte, wann immer sie Zeit hatte, als Gast im örtlichen Tennisverein. Begleitet wurde sie von ihren beiden kleinen Kindern, Alex und Lotte. Und wie jedes Jahr stieß am Ende von Annes Urlaub ihr Mann Robert zu ihnen. Danach reisten alle vier gemeinsam zurück nach Indonesien, wo er als Exportkaufmann eine Reihe deutscher Firmen vertrat.

Auf dem Tennisplatz war ihm Anne sofort durch ihr sportliches Äußeres und ihr einfallsreiches Spiel aufgefallen. Irgendwann kam sie auf ihn zu und fragte, ob er Lust auf eine Partie habe. Als Max der attraktiven Frau im kurz geschnitten weißen Tennisdress auf dem Platz gegenüberstand, war er so aufgeregt, dass er die ersten Bälle verschlug.

»Mach dir nichts draus, Max. Ich bin auch etwas aufgeregt«, rief sie ihm zu. »Das passiert gerne, wenn man mit einem neuen Partner spielt.«

Der Bann war gebrochen. Beide stellten fest, dass sie hervorragend miteinander trainieren konnten, und so wurden ihre sommerlichen Begegnungen auf dem Tennisplatz über die Jahre zur Gepflogenheit.

Sehr bald beschränkte sich ihr Kontakt nicht mehr nur auf den Sport. Anne lud ihn immer häufiger auch abends zu sich nach Hause ein, und ihre Gespräche wurden mit den Jahren persönlicher und vertrauensvoller. Waren Alex und Lotte noch nicht im Bett, wenn er zu ihr kam, versuchte er sich bei ihnen als Erzähler und schöpfte dabei aus seinem gut gefüllten Repertoire an selbst erfundenen Gutenachtgeschichten.

Ab und zu vergaßen Anne und Max über ihren Gesprächen die Zeit und es wurde spät. Da Max bis zum Abitur noch bei seinen Eltern wohnte, blieben diese nächtlichen Treffen seiner Mutter nicht verborgen, und ihre besorgten Hinweise, dass es sich hier um eine verheiratete Frau handele und dass die Nachbarn alles mitbekämen, mehrten sich. Max war froh, als er sofort nach dem Abitur in die nahe gelegene Universitätsstadt umziehen konnte, aber auch dann erinnerte ihn seine Mutter am Telefon immer wieder daran, dass die Nachbarn auf dem Posten wären und genau beobachteten, ob sein VW Käfer Cabrio wieder einmal bis nach Mitternacht vor dem Haus der verheirateten Frau Stoll geparkt hätte.

So sehr Hilde Berger die junge Anne Stoll schätzte, so glaubte sie doch zu wissen, was in den Köpfen der »Weiber« so abging. Und ihrem Sohn Max konnten Annes weibliche Attribute, die Hilde neidlos anerkennen musste, unmöglich entgangen sein: Anne war ein fröhlicher Mensch, unter dem halblangen Pagenschnitt strahlten zwei klare blaue Augen. Sie war schlank, sportlich und ihre sonnengebräunte Haut hatte einen seidigen Glanz.

Um sich Annes Wirkung auf Männer zu vergewissern, suchte Hilde Berger Bestätigung bei ihrem Mann: »Julius, unser Junge sieht das doch auch!«

»Was sieht er?«

»Dass diese junge Frau sehr gut aussieht. Das sieht ein Mann doch, oder?«

Julius zögerte. Er ahnte die aufgestellte Falle. Was immer er jetzt antwortete, konnte ihn in Schwierigkeiten bringen. Hilde war eine wunderbare Frau, er liebte sie sehr. Aber sie war verdammt eifersüchtig.

»Wir Männer sehen manches nicht. Das weißt du doch, mein Schatz. Wir sind oft unaufmerksam und in Gedanken.«

Der Schachzug gelang. Dieser Aussage konnte seine Frau nicht widersprechen, sonst hätte sie ihrer eigenen Kritik an ihm widersprechen müssen. Für den Moment gab sie auf.

Max verfolgte, ohne es zu wissen, seiner Mutter gegenüber eine Strategie, die der seines Vaters ähnlich war. Er hütete sich davor, ihr auch nur den geringsten Hinweis darauf zu geben, dass ihre Sorge begründet sein könnte. Das wurde jedoch über die Jahre immer schwieriger, denn je länger die Beziehung zu Anne dauerte, desto stärker fühlte er sich zu ihr hingezogen. Es gab eine klare Linie, die er besser nicht überschritt, und dennoch konnte er nicht verhindern, dass er immer öfter männliche Fantasien entwickelte. Aber er fragte sich in solchen Momenten auch, was denn falsch daran sein sollte. Die Gedanken waren schließlich frei und er schadete damit niemandem.

Manchmal dachte Max darüber nach, ob es Anne genauso ging wie ihm. Es musste doch auch so etwas wie weibliche Fantasien geben. Dass sie ihn mochte, zeigte sie deutlich. Sie nahm ihn ungeniert in den Arm, berührte ihn beim Reden, neckte ihn. Vor allem aber genoss sie offensichtlich ihre Gespräche über Gott und die Welt. Warum sonst sollte sie ihn immer wieder zu sich einladen? Sie wirkte sehr entspannt in seiner Gegenwart, lachte ihr ansteckendes Lachen. Aber was sie für ihn, den jüngeren Mann, als Frau wirklich empfand, wusste er nicht, und er traute sich nicht, sie danach zu fragen.