Abseits 2 - Johanna Constantini - E-Book

Abseits 2 E-Book

Johanna Constantini

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Beschreibung

Noch stärker als ihr erstes Buch "Abseits - aus der Sicht einer Tochter" richtet sich Johanna Constantinis zweites Werk an Angehörige und Betroffene einer Demenzerkrankung. Nicht zuletzt deshalb, weil die Klinische Psychologin darin private Einblicke in den Umgang mit und die Begleitung von ihrem an Alzheimer erkrankten Papa Didi Constantini, dem ehemaligen ÖFB-Teamchef, gewährt. Aus der Sicht einer Tochter, aber auch aus der Sicht einer Mama schildert die Autorin Situationen, die bei ihrem Papa und ihrer Tochter ähnlich ablaufen: Die Lernerfahrungen ihrer Tochter Frida spiegeln sich in den Verlernerfahrungen ihres Vaters Didi. Dabei wünscht sich Johanna Constantini auch mit ihrem zweiten Buch, andere Betroffene und Angehörige zu erreichen und sie durch eigene familiäre Strategien unterstützen zu können. Auch an die Gesellschaft appelliert Constantini mit diesem Buch: um das fortschreitende Verlernen eines an Demenz erkrankten Menschen genauso zu akzeptieren wie das sukzessive Lernen der Jüngsten unserer Gesellschaft.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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ABSEITS 2

VON LERN- UND VERLERNERFAHRUNGEN

JOHANNA CONSTANTINI

INHALT

Was bleibt, ist die Liebe

Einleitung – Rückspiel

1. Traumdeutung

2. Ginkgo

3. Schnuppertage

4. Der Loddar und der Tuifl

5. Tatbestand Tank geprellt

6. Fragestunden

7. Poppele, Poppele

8. Den Phasen zum Trotz

9. Vorfreude

10. Boeuf Stroganoff

11. Mafia-Entscheidungen

12. Land- oder Wasser- schildkröten?

13. Hr. Constantini Dietmar

14. See-Gang

15. Eingewöhnung

16. Phasenweise

17. Stein-im-Schuh-Tage

18. Ehre dem Opa Dieter

19. Lebenswerte

20. Innere Bilder

21. Putaketeparihu

22. Lebensfreuden

23. Bresl

24. Spielzüge

25. Nachwort – Ankunft

Quellen

Anmerkungen

unveränderte eBook-Ausgabe

© 2025 Seifert Verlag

1. Auflage (Hardcover): 2023

ISBN: 978-3-903583-13-9

ISBN Print: 978-3-904123-78-5

Umschlaggestaltung: Thomas Lechle, in Anlehnung an das Cover von „Abseits ... aus der Sicht einer Tochter“ (Seifert 2020), das von Michi Schwab

gestaltet wurde, unter Verwendung eines Fotos

von Mel Burger

Textlayout und Satz: Jakob Salner

Sie haben Fragen, Anregungen oder Korrekturen? Wir freuen uns, von Ihnen zu hören! Schreiben Sie uns einfach unter [email protected]

www.seifertverlag.at

INHALT

Was bleibt, ist die Liebe

Einleitung – Rückspiel

1. Traumdeutung

2. Ginkgo

3. Schnuppertage

4. Der Loddar und der Tuifl

5. Tatbestand Tank geprellt

6. Fragestunden

7. Poppele, Poppele

8. Den Phasen zum Trotz

9. Vorfreude

10. Boeuf Stroganoff

11. Mafia-Entscheidungen

12. Land- oder Wasser- schildkröten?

13. Hr. Constantini Dietmar

14. See-Gang

15. Eingewöhnung

16. Phasenweise

17. Stein-im-Schuh-Tage

18. Ehre dem Opa Dieter

19. Lebenswerte

20. Innere Bilder

21. Putaketeparihu

22. Lebensfreuden

23. Bresl

24. Spielzüge

25. Nachwort – Ankunft

Quellen

Anmerkungen

Für Frida & Gerda

zur Erinnerung an ihren wundervollen Opa Dieter, im Frühjahr 2023

Auf unsere gemeinsame Welt! © privat

Wenn auch meine Welt nicht mehr die seine

zu sein scheint, so ist sie doch die unsere geblieben.

Viel mehr noch, so ist siezu der unseren geworden.

Johanna Constantini

WAS BLEIBT, IST DIE LIEBE

Vorwort von Birgit Meinhard-Schiebel, Präsidentin der Interessengemeinschaft

pflegender Angehöriger

Die eigenen Eltern auf dem Weg ins Alter zu begleiten, ist eine Herausforderung. Weil es klar wird, dass die Staffel des Lebens an die nächste Generation, die Töchter und Söhne, weitergereicht wird. Jahre des gemeinsamen Lebens mit allen Höhen und Tiefen sind dabei vergangen. Wann werden Töchter oder Söhne diejenigen in dieser Situation aus der ewig scheinenden Kindheit entlassen und eine neue Rolle übernehmen? Wenn Vater oder Mutter langsam ihre Kraft verlieren, wenn sie der Hilfe bedürfen, die sie allzu oft davor ihren Kindern gegeben haben, wenn eine Erkrankung, wie eine Demenz, ihr Leben unerbittlich aus der Bahn wirft, was dann? Töchter und Söhne erleben sich in einer Rolle, die sie nie zuvor hatten, sie müssen das Ruder in die Hand nehmen und für Schutz sorgen. Sie werden gefordert, sich mit allen Aspekten der Sorgearbeit auseinanderzusetzen – und ihre schützende Hand über ihre erkrankten Eltern zu halten.

Das Buch, das Johanna Constantini hier geschrieben hat, folgt den Wellen des Lebenslaufes ihres Vaters und sieht ihm zu, wie er die Zeit, die bleibt, mit oder ohne Hilfe gestaltet. Sie steht ihm zur Seite, als Tochter, aber auch als professionelle Psychologin. Nicht immer ist es einfach, die eine Rolle mit der anderen zu verbinden. Wohin dieser Weg sie und ihn führt, bestimmt die Erkrankung, und trotz professionellem Wissen über den Verlauf bleibt immer auch das ganz besondere Gefühl, das sie verbindet. Es ist die Gnade der besonderen Art, eine gemeinsame Zukunft zu haben, die anders ist, als sie sie erwartet haben, aber ihnen noch ein besonderes Geschenk anbietet: Was bleibt, ist die Liebe.

EINLEITUNG – RÜCKSPIEL

Neben einem Hin- gibt es im Fußball auch immer ein Rückspiel. Das erklärte mir mein Papa als alter Fußballkenner genauso häufig wie die Abseitsregeln, denen ich mich in meinem ersten Buch (Seifert Verlag, 2020) bereits gewidmet habe. Nun geht es um eben jenes Rückspiel, in dem ich weniger die länger vergangene Karriere als vielmehr die Gegenwart mit meinem Papa beschreibe. Einem Papa, der zeit seines Lebens in viele Rollen schlüpfte. Neben jener eines liebenden Papas und Ehemanns war er gefeierter Fußballstar, Trainer, und er wird dabei von vielen sogar als Legende bezeichnet. Er galt als Feuerwehrmann, der es über viele Jahre hinweg schaffte, Mannschaften aus Krisen zu führen und für gemeinsame Erfolge zu sorgen. Als Trainer so ziemlich jeder österreichischen Bundesliga – und nicht zuletzt der Nationalmannschaft. Um nun auch die Rolle eines Betroffenen zu bekleiden. Betroffen von einer Demenzerkrankung vom Alzheimertyp, die ihm im Jahr 2019 attestiert wurde. Nachdem er als Geisterfahrer auf sich aufmerksam gemacht hatte, worüber ich in meinem ersten Buch eingehend geschrieben habe. Eine weitere Rolle, die ihm mittlerweile zu Eigen wurde, ist jene des Bewohners eines Wohn- und Pflegeheims. Genauso wie diejenige eines liebenden Opas, deren er sich zwar nicht immer bewusst zu sein scheint, die ihn aber veranlasste, die ersten Lebensjahre seines ersten Enkelkindes zu begleiten. Während er selbst zunehmend verlernte.

Erste und letzte Male konnte ich in den vergangenen Jahren, die mir als Grundlage meiner Erzählungen in diesem Buch dienten, fast zeitgleich an zwei der meistgeliebten Menschen in meinem Leben beobachten. Um dabei zu erkennen, was im persönlichen Umfeld und auch in der Gesellschaft akzeptiert wird und an welchen Stellen auch nahestehende Menschen an ihre Grenzen gelangen. Und so möchte ich auf den nun folgenden Seiten an die Rollen meines Papas erinnern, seine gegenwärtigen Positionen im Leben beschreiben und sein Verlernen den Prozessen des Lernens meiner Tochter gegenüberstellen. Um Menschen, die mit Demenz leben, auch weiterhin ein Dasein auf dem Spielfeld des Lebens zu ermöglichen, sie nicht ins Abseits zu stellen, sondern ihr Verlernen anzunehmen und zu akzeptieren.

Dafür schreibe ich. Als Tochter, als Mama und als Psychologin.

EINS

TRAUMDEUTUNG

Träume und Gedanken kennen keine Schranken.

Deutsches Sprichwort

„Was mag in ihrem Kopf vorgehen“, denke ich, während ich meine Tochter – die heute gerade einmal einen knappen Monat alt ist – wohl bei so etwas Ähnlichem wie Träumen beobachte. Oder träumt sie tatsächlich? Und wenn ja, wovon nur? Muss man, um träumen zu können, nicht auf Erfahrungen, auf Geschichten – erlebte oder erzählt bekommene – zurückgreifen?

Aus entwicklungspsychologischer Perspektive weiß ich, dass sie sich damals wohl gerade in einer REM-Schlafphase – der sogenannten „Rapid Eye Movement“-Phase – befand, die jeder Mensch mehrmals pro Schlaf durchläuft. Dabei handelt es sich um eine oberflächliche Schlafphase, in der sich in ihrem zarten Alter von vier Wochen, im August 2020, eine Art von Träumen erahnen ließ.

Meinen Papa, der an jenem Morgen flott aus dem Bett gekommen war, beschäftigten seine Traumwelten ebenfalls. Ja, er schien sich über eine Nacht voller Träume gewundert zu haben. Als ich ihn nach den Inhalten seiner nächtlichen Geschichten fragte, konnte er mir keine eindeutige Antwort mehr darauf geben. Zwar fällt es auch mir an den meisten Morgen schwer, mich an meine Träume zu erinnern, doch die Erinnerung meines Papas wurde schon damals zusätzlich getrübt. Er litt schließlich an Demenz. Genauer gesagt, handelte es sich bei seiner Erkrankung um eine Demenz vom Alzheimer-Typ, die ihm im Jahr 2019 attestiert worden war. Kurz zuvor hatte er einen Geisterfahrerunfall verursacht und war dadurch in den Medien gelandet. Wieder einmal, muss ich dazu ehrlicherweise sagen. Schließlich ist mein Papa niemand Geringerer als Didi Constantini, der als bekannter österreichischer Fußballtrainer über viele Jahrzehnte in den Medien überaus präsent gewesen ist. Im Jahr 2011 wurde es etwas ruhiger um seine Person. Damals musste er seinen Trainerposten beim Nationalteam, den er erst 2009 übernommen hatte, frühzeitig verlassen. In beiderseitigem Einvernehmen. Nach einer beispiellosen Karriere mit sehr vielen Höhenflügen lastete dieser Einschnitt schwerer auf ihm, als ursprünglich gedacht. Und die Veränderungen, die der Fußball zu jener Zeit durchmachte, brachten es mit sich, dass sich Papa in den darauffolgenden Jahren zunehmend zurückzog. Weshalb auch die Medien relativ rasch nichts mehr aus seinem Leben zu berichten hatten. Bis zu jenem 4. Juni 2019, als sich Papa durch ein Wendemanöver auf der Brennerautobahn in jene Schlagzeilen zurückkatapultierte. Ungewollt, versteht sich. Heute, knapp vier Jahre nach jenem sehr aufwühlenden Unfall und der in der Folge final gestellten Demenz-Diagnose, schreibe ich diese Zeilen und arbeite damit an meinem zweiten Buch über unsere Familiengeschichte und unseren Umgang mit der Erkrankung meines Papas. Die Diagnose, die ihm schließlich aufgrund der verschiedenen Untersuchungen und des Verfahrens, das auf den Unfall folgte, gestellt wurde, erhielt Papa im Alter von 64 Jahren. Damit lautet die Kategorie, die ich in meiner Praxis für klinische Psychologie für eben dieses Krankheitsbild vergeben würde, F00.0* (ICD, 10). Eine Demenz vom Alzheimer-Typ mit frühem Beginn – nämlich noch vor dem Alter von 65 Jahren. Eine Diagnose, die sich zu jenen Krankheitsbildern zählen lässt, mit denen in Österreich rund 130.000 Menschen leben.

Dabei nehmen Demenzdiagnosen auch bei jüngeren Menschen stetig zu.⁠1

Um Kategorien, übermäßige Statistiken oder meine Rolle als Klinische Psychologin soll es aber auch in diesem Buch nicht gehen. Zumindest nicht im Übermaß. Vielmehr schreibe ich weiterhin als Tochter. Als Tochter, der ihr psychologischer Beruf zwar manches Mal hilft, einiges an der Erkrankung ihres Papas besser zu verstehen, der sie jedoch nicht davor bewahrt, diesen Weg als Tochter gehen zu müssen.

Zudem schreibe ich nun als Mama. Meine Tochter Frida hat kurz vor der Veröffentlichung meines ersten Buches das Licht der Welt erblickt.

In meinem ersten Buch fanden sich sehr viele Rückblicke auf die Karriere meines Papas, die es nicht nur verdient, in einem Buch gewürdigt zu werden, sondern die mich als Tochter auch schon zu seinen aktiven Zeiten stets besonders stolz gemacht hat. Zwar hatte ich niemals vor, in die fußballerischen Fußstapfen meines Papas zu treten, doch sehe ich bis heute zu ihm und seinen Leistungen auf. Unsere Familie kennzeichnet ein sehr enger Zusammenhalt, intensiviert nicht zuletzt durch die vergangenen Jahre, die mitunter ungemein herausfordernd waren. Auf wie viele schöne und glückliche Erlebnisse können wir nicht zurückblicken! Schließlich schafften es unsere Mama Irmy und mein Papa Didi stets, meiner Schwester Leni und mir ein unheimlich erfülltes Leben zu ermöglichen. Wir durften vieles ausprobieren und die Welt so entdecken, wie wir sie erfahren wollten. Auch gemeinsam mit Papa, der beruflich viel unterwegs gewesen war, verbrachten wir zahlreiche wundervolle Stunden.

Ob er heute noch davon träumt? Nur bruchstückhaft konnte er mir an jenem Tag im August 2020 erläutern, was nachts in seinem Kopf vorgegangen war. Ob es jene Abenteuer meiner Kindheit waren, die es in seine Gedanken geschafft und sich zu Traumgeschichten gesponnen haben?

Welche Geschichten kamen wohl in den Träumen meiner Tochter Frida in jener Nacht vor? Während Papa versuchte, mir seine Träume zu benennen, schlief die kleine Erdenbürgerin noch in meinem Arm. Dabei schnitt sie wilde Grimassen, ab und zu huschte ihr ein Lächeln über die Lippen. Dieses sogenannte „Engelslächeln“, das bei Neugeborenen in den ersten Lebenswochen auftritt, ist meist eher einer reflexartigen Muskelanspannung geschuldet. Diese tritt vor allem dann auf, wenn die frisch geschlüpften Wonneproppen zur Ruhe kommen und schlafen. Das Mamaherz erwär-men die hochgezogenen Mundwinkel jedoch allemal, so auch meines in jenen Momenten.

Ich schwelgte also gerade vor Entzückung, als sich Frida plötzlich rekelte, sodass ich Mühe hatte, ihren kleinen, flinken Körper auf meinen Unterarmen auszubalancieren. Was mochte sie dazu verleitet haben, sich derart zu recken und zu strecken?

Was ging nun wohl gerade in ihrem Kopf vor? Ob ihre Gedanken oder Träume etwas mit denen meines Papas gemeinsam hatten? Es gibt Momente, da hadere ich mit dem Gedanken, dass Papa nicht nur nach und nach die Geschichten seines Lebens, sondern vielleicht auch die Träume darüber verlieren würde.

Und gleichzeitig fragte ich mich, wovon er denn träumte? Schließlich kamen ihm bereits damals immer mehr seiner Lebensgeschichten abhanden. Geschichten, die meine Tochter Frida noch gar nicht erlebt hatte. Ob sie auch ein so spannendes und reiches Leben führen würde, wie es mir bisher vergönnt gewesen war?

Seit meine Tochter auf der Welt ist, stelle ich mir sehr viele Fragen. Noch mehr als sonst, war ich doch immer – so würde ich von mir behaupten – ein ziemlicher „Kopfmensch“. Dabei hoffte ich stets, dass ich ihr ein wunderschönes Leben würde ermöglichen können. Oder es mir zumindest gelänge, die Bedingungen zu schaffen, damit sie sich ihr wunderschönes Leben selbst gestalten könnte. So wie es unsere Eltern meiner Schwester Leni und mir stets ermöglicht haben. Und dies bis heute. Auch mein Papa, dem schon zu jenem Zeitpunkt kurz nach der Geburt meiner Tochter ein selbstständiges Leben aufgrund seiner fortschreitenden Erkrankung nicht mehr möglich war, der jedoch immer vor allem den Familienerhalt gesichert wissen wollte. „Wenn mi brauchst, rufst’ mi an! Dann bin i da“, sagte er stets zu mir, als Frida noch so klein war, um sich dann mit einem fragenden „Ok?“ nochmals zu versichern, ob ich ihn auch richtig verstanden hatte.

„Klar, Papa, das mach ich, versprochen!“, beteuerte ich darauf, um im Laufe dieses Buches zu versuchen, nicht nur Träume zu erahnen, sondern viele weitere Fragen in Bezug auf mei-nen Papa und meine Tochter zu beantworten.

ZWEI

GINKGO

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Hermann Hesse

„Geht scho, ge?“, fragte mich Papa regelmäßig, als ich meinen überdimensionalen Babybauch vor mir herschob. Irgendwie schob ich ihn auch vor uns her, schließlich ging Papa bei unseren vielen gemeinsamen Spaziergängen während meiner 42-wöchigen Schwangerschaft meist ein paar Schritte hinter mir. So wie auch am 25. Juli des Jahres 2020, an dem die zweite Geschichte, die ich zu Papier bringe, eigentlich beginnt. Es war ein Tag in einem Jahr, das auf eine sehr aufwühlende Zeit folgte und durch die Erwartung meiner Tochter Frida bereichert wurde. 2019 hatte mein Papa schließlich einen Geisterfahrerunfall verursacht. Es war der 4. Juni gewesen, als ich damals nichtsahnend durch den Wald joggte. Ohne Babybauch, dafür mit Hund und einer kleinen Raupe als Begleiterin. Ich habe darüber eingehend in meinem ersten Buch berichtet. Darin habe ich auch die Stunden rund um jenen Unfall geschildert. Und ohne mich zu sehr wiederholen zu wollen, kann ich sagen, dass dieser Unfall unsere familiäre Welt ganz schön durcheinandergerüttelt hat.

Bis dahin lebten wir trotz Promistatus aufgrund der langjährigen und erfolgreichen Fußballtrainertätigkeit meines Papas weitgehend zurückgezogen. Meine Mama war nie eine Spieler- oder Trainerfrau gewesen, meine Schwester Leni zog schon vor einigen Jahren nach Erreichen ihrer Volljährigkeit nach Wien, wo unsere Mama auch ursprünglich herkommt und wir Schwestern geboren wurden.

Papa war zeit seines Lebens beruflich überaus aktiv. Als Trainer so ziemlich jeder österreichischen Bundesligamannschaft und nicht zuletzt der österreichischen Nationalmannschaft (unter anderem an der Seite von Fußballlegende Ernst Happel) war er stets viel unterwegs. Als Familie hatten wir dieses Tun – allen voran meine Mama – immer sehr unterstützt. Im Gegenzug konnten wir ein sehr erfülltes Leben führen, und obwohl wir nie in übermäßigem Luxus lebten, fehlte es uns an nichts. Glücklicherweise und dank meiner Eltern auch nicht an Privatsphäre. An jenem 4. Juni 2019 änderte sich das.

„Didi Constantini verursacht Geisterfahrerunfall.“

Nur wenige Stunden, nachdem auch mich – bei meinem Waldlauf – die Nachricht eines Autounfalls von Papa auf der A13 Brennerautobahn erreicht hatte, folgten die ersten Schlagzeilen. Papas Unfall war in den Medien überaus präsent. Und auch im Krankenhaus, in dem er aufgrund von mehreren Knochenbrüchen und Prellungen einige Zeit verbringen musste, konnte er von der Öffentlichkeit teilweise nur mit Mühe abgeschirmt werden.

Der Unfall und alles, was danach kam, brachte also einiges an Trubel in unsere Familie. Und das nach einer Zeit, die die Wogen auch innerhalb unseres engen Familienkreises bereits hatte hochgehen lassen. Nach seinem Karriere-Aus hatte sich schließlich mein vielfach als strahlender Sunnyboy beschriebener Papa mehr und mehr zurückgezogen. Ein Rückzug, der der letztlich in einer depressiven Phase endete, aus welcher Papa nur mit Mühe wieder herauskam. Kaum hatte er seine Lebensfreude mühsam wieder zurückgewonnen, das Golfen aufgenommen und die Pension langsam, aber sicher zu genießen angefangen, warf ihn der Unfall 2019 wiederum um einiges zurück. Wer auf der Autobahn umdreht, wird schließlich zwangsläufig auf Fahrtüchtigkeit untersucht und auf mögliche Beeinträchtigungen getestet. Und auch, wenn Papa in den Jahren zuvor aufgrund seiner Wesensveränderungen einige Untersuchungen in Kauf genommen und auch regelmäßige Einheiten bei einer Psychologin wahr-genommen hatte, war eine finale Demenzdiagnose noch nie zuvor gestellt worden. Erst der Geisterfahrerunfall vom 4. Juni hatte dazu geführt, dass er diese Diagnose schwarz auf weiß lesen musste. Und wir mit ihm.

Und da uns der Unfall und die mediale Berichterstattung darüber bereits mehr als gewollt in die Öffentlichkeit katapultiert hatten, beschlossen wir als Familie, auch die nun ge-stellte Diagnose öffentlich zu machen. Vor allem, um Papa ein normales Leben auch weiterhin zu ermöglichen. Nämlich jenes Leben, das er nach seinem Tief wiederaufgenommen hatte.

Und so kam es, dass wir im September des Jahres 2019 erneut für Schlagzeilen sorgten. „Didi Constantini leidet an Demenz“ oder „Demenzdrama rund um Ex-Nationalteamchef“ lauteten die Meldungen. Von einem „Drama“ sprechen wir als Familie zwar bis heute nicht, doch das Publikum der Medien sollte jene Worte wohl eher locken. Von einem Drama wollten wir aber auch deshalb nicht sprechen, weil wir als Familie bis heute versuchen, diese Erkrankung in ein anderes Licht zu rücken. Vor allem möchten wir die Angst bei Betroffenen, die Hilflosigkeit bei Angehörigen und die Überforderung der Gesellschaft ein wenig lindern.

„Geht scho, oder?“, fragte mich Papa also angesichts meiner Rolle als Mama an jenem 25. Juli 2020, knapp ein Jahr nach seinem Unfall. Besser gesagt, als werdende Mama, schließlich versteckte sich meine Tochter an diesem Som-mertag noch in meinem dicken Neunmonats-Babybauch.

„Ja, geht, danke“, erwiderte ich ihm damals, als ich die Familie, bestehend aus meinem damaligen Freund und heutigen Mann Matthias, meiner Mama Irmy, meinem Papa Dietmar – genannt Didi – und meiner Oma Friedi, bei einem Spaziergang anführte. Unser Weg sollte uns zu einem Reitstall führen, in dem ich eines meiner Pferde eingestellt hatte. Schließlich sind wir nicht nur eine sportliche, sondern auch eine besonders tierliebende Familie. Fast zwei Stunden waren wir damals marschiert, Papa ging dabei wie so oft hinter oder neben mir und fragte immer wieder nach, ob alles in Ordnung sei.

Nur wenige Stunden später kam meine erste Tochter Frida zur Welt. Zwar bebte an jenem Abend des 26. Juli 2020 nicht die Erde, wie sie es laut meiner Oma Hanni bei Papas Geburt am 30. Mai 1955 getan und sie gleich beide aus dem Bett geworfen hatte. Aber Beben hin oder her, Frida machte meinen Papa in jener Nacht erstmals zum Opa.

Es war am Morgen nach Fridas Geburt, als ich den mächtigen Ginkgobaum vor dem Klinikfenster zum ersten Mal wahrnahm. Zwar war ich an dem Krankenhaus, in dem wir nach einer langen Geburt nun diese ersten Lebenstage von Frida verbringen sollten, schon so oft vorbeigekommen – auch Papa hatte ich nach diversen Operationen dort bereits besucht –, doch der beeindruckende Gigant war mir zuvor nie wirklich aufgefallen. Matthias und ich hatten uns schon länger für dieses Krankenhaus entschieden. Hier sollte unsere Tochter auf der Welt willkommen geheißen werden. Dass diese Ent-scheidung goldrichtig war, lag nicht ausschließlich an dem märchenhaften Ginkgo, der es nun schaffte, die heiße Julisonne ein wenig zu dämpfen. Er trug auch durchaus zu der angenehmen Atmosphäre an den Tagen nach Fridas Geburt bei. Während sie schlief, beobachtete ich oft, wie die Blätter im Wind wehten und die Sonne immer wieder hinter den massiven Ästen verschwand. Der Baum muss bereits viele Jahre direkt vor den Krankenhausmauern gestanden sein, dachte ich, während mein Blick den mächtigen Stamm entlangglitt. Frida war zu jenem Zeitpunkt erst wenige Stunden auf der Welt, und die Sonnenstrahlen streichelten ihre zarte Haut. Die Wärme der Sonne schien ein wohliges Gefühl bei ihr zu hinterlassen. Von Beginn an wirkte die kleine Erdenbürgerin zutiefst zufrieden. Auch die vielen neuen Gesichter konnten diese Zufriedenheit nicht trüben. Denn obwohl sie mitten in die Zeit der COVID-19-Pandemie geboren wurde, durfte sie bereits an ihrem ersten Lebenstag – dem 27. Juli 2020 – außerhalb des Klinikgebäudes von ihrer Familie begrüßt werden. Während der Sommermonate 2020 waren die Einschränkungen etwas gelockert worden, und Besuche außerhalb des Gebäudes wurden erlaubt. Dies ließen sich Matthias und meine Familie nicht zweimal sagen, weshalb unsere Mamas Irmy und Sonja, unsere Geschwister Thomas und Leni, die Uroma Friedi und natürlich die frischgebackenen Opas Martin und Didi mit selbstgepflückten Blumen, Pralinen und einigen Decken unterm Arm im Klinikgarten aufmarschierten.

Mein Papa erschien damals – wie sollte es auch anders sein – im Fußballdress und in Begleitung seines besten Freundes und Ex-Co-Trainers beim Nationalteam, Heinz Peischl. Fridas Geburt fiel schließlich mitten in eine seiner Fußballcamp-Wochen. Das von Papa seit mehr als zwei Jahrzehnten veranstaltete Fuß-ballcamp fand zu dem Zeitpunkt gerade im Tiroler Ischgl statt, und genau an dem Tag, da Frida von ihrer Familie willkommen geheißen wurde, waren Papa und Heinz aufgebrochen, um dem dortigen Trainerteam und den Teilnehmern⁠1einen Besuch abzustatten.

Obwohl Papa zuletzt im Jahr 2011 eine aktive Position im österreichischen Fußballgeschehen – nämlich nach zwei Interimsposten seinen damals dritten Trainer-Job beim österreichischen Nationalteam – innegehabt hatte, kennen ihn die Kids auch heute noch als „Didi Constantini“. Und ganz egal, ob sie von seiner Karriere über ihre Eltern, die älteren Geschwister oder jemand anderen aus ihrem näheren Umfeld erzählt bekamen, es herrschte stets Hochstimmung, wenn Papa eines seiner Camps besuchte. „Didi, Didi, Didi!“, begrüßten ihn die Kinder auch noch vor Freude schreiend, als ich Papa im Sommer 2022 zuletzt auf eines seiner Camps begleiten durfte. Damals waren wir nach Ischgl gefahren, wo Papa es sich sogar im Jahr 2019 trotz Liegegips – sein Geisterfahrerunfall war damals nur wenige Wochen her – nicht nehmen lassen wollte, ein paar Pässe der Kids zurückzuspielen.

Natürlich war Papa – im Bild mit dem frischgebackenen Papa Matthias – im Fußballdress gekommen, um seine Enkelin auf der Welt willkommen zu heißen. © privat

Ich musste schmunzeln, als ich Papa und Heinz an jenem ersten Lebenstag meiner Tochter im Garten des Krankenhauses um die Ecke biegen sah. „Na, Wahnsinn. Der Kloane! Schau her“, zeigte sich Papa damals von seinem Enkelkind entzückt. Papa – das muss ich an dieser Stelle sagen – verzichtete seit jeher darauf zu gendern. Ihm kam zeit seines Lebens auch wirklich immer nur die männliche Form in den Sinn. Was schon das ein oder andere Mal dazu geführt hat, dass er sich von Mama, meiner Schwester Leni oder mir am Telefon mit den Worten „Passt, ciao, Junge!“ verabschiedet hatte. Papa war schließlich – bis auf die wenigen weiblichen Camp-Teilnehmerinnen – in seinem Berufsleben hauptsächlich mit Männern und Burschen konfrontiert gewesen. Und vielleicht hatte er immer heimlich gehofft, auch seine Mädls irgendwann an das runde Leder gewöh-nen zu können.

Immerhin ist er bis heute von meinem fußballerischen Talent begeistert, das ich nur ein einziges Mal vor ihm zur Schau stellen konnte. Zwar empfinde ich mein Ballgefühl als eher mittelklassig, doch Papa beeindruckte ich, als ich vor ungefähr sechs Jahren, am Beginn meiner Zusatzausbildung im Bereich der Sportpsychologie, mit einer von mir betreuten Volleyball-Herrenmannschaft kickte. Zu jenem „Spaßtraining“ hatte ich damals auch meinen Papa gebeten, und er war sehr gerne gekommen. Dass weder aus Leni noch aus mir einmal Fußballerinnen werden würden, war allerdings spätestens nach unseren ersten Reitstunden klar gewesen. Unsere Liebe galt von Kindesbeinen an den Pferden, und damit dem Dressur- und dem Springreitsport. Ob Papa sich von seiner Enkelin eher „seine“ Sportart erwartete, als er sie an jenem Tag mit den Worten „der Kloane“ begrüßte, weiß ich nicht. Doch bis heute ist Frida für meinen Papa vielfach „der Liabe“, und ob sich dies einmal ändern würde, konnte ich auch damals nicht sagen. Zwar korrigierte er sich meist selbst mit „ihr, ihr!“, wenn er wieder einmal vorschnell „Wie geht’s ihm?“ fragte, doch quittierten wir diese Nachfragen stets mit gemeinsamem Gelächter.

In den Momenten, in denen ich den Ginkgo-Baum vor meinem Krankenhausfenster beobachtete und den Blättern bei offenem Fenster und sommerlichen Temperaturen lauschte, musste ich oft an unsere Familie denken. An meine Mama, die die letzten Jahre damit verbracht hatte, sich sehr aufopfernd um meinen Papa zu kümmern, an meine Schwester Leni, die es zwar nach Wien gezogen hatte, mit der mich jedoch ein scheinbar immer stärker werdendes Band verbindet. Und natürlich an meine kleine Familie. An meinen Mann Matthias und unsere Tochter Frida und welche Abenteuer uns nun wohl noch erwarten würden. Ich dachte an Matthias’ Eltern, die glücklicherweise beide fit und gesund sind und sich unheimlich über die Ankunft ihres ersten Enkelkindes gefreut hatten.