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Die Reisejournalistin Lena fliegt in den Norden Teneriffas, um einen Bericht für eine Frauenzeitschrift zu schreiben. Bereits am ersten Tag wird sie vom jungen Surfer Jorge vorm Ertrinken gerettet. Bei einer Wanderung im Anaga-Gebirge lernt sie Torsten kennen, einen Deutschen, der seit Jahren auf der Insel lebt. Doch auch sein jüngerer Bruder Kai, der seit einem Kletterunfall im Rollstuhl sitzt, bringt ihr Gefühlsleben gehörig durcheinander. Schließlich taucht auch noch überraschend Lenas jüngere Schwester Katarina auf, und die Ereignisse steuern auf einen dramatischen Höhepunkt zu. Lena muss ihr gesamtes Lebenskonzept hinterfragen und lernen, wieder zu vertrauen und auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten. Für welchen der drei Männer wird sich Lena entscheiden?
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Natascha Schwarz
Absturz ins Leben
1. digitale Auflage 2017
© 2017 Natascha Schwarz
Wiebelstraße 6, 04315 Leipzig
www.autorin-cornelia-lotter.de
E-Book Erstellung: mybookMakeUp.com
Covergestaltung: Tanja Prokop
unter Verwendung von Motiven von © kjpargeter / freepik.com
Alle Rechte vorbehalten!
Nachdruck, auch auszugsweise,
nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
Nachwort
Leseprobe "Geliebter Macho"
Das Rauschen des Atlantiks drang durch die offene Balkontür. Gewaltig. Und doch so beruhigend. Nach einem stressigen Flug mit dauerhustendem Nebensitzer, dem außerdem die Benutzung von Deo fremd zu sein schien, hatte Lena endlich im Hotel Ruhe gefunden. Der Transfer vom Flughafen Teneriffa Süd hinauf in den bergigen Norden, nach Punta del Hidalgo, war lang gewesen. Die Busfahrt nutzte sie, um ihre Vokabeln zu wiederholen, die sie dann auch gleich beim Begrüßungssekt und Einchecken an der Rezeption anwendete.
Auf dem Zimmer erwarteten sie ein Obstteller und eine Flasche Wasser und dazu die umwerfende Aussicht von ihrem Balkon im neunten Stock auf den Atlantik und das Meerwasserschwimmbecken, über dessen Geländer die Brecher der Flut krachten. Schnell räumte Lena ihre Sachen aus dem Koffer in den Schrank und schlüpfte danach in den hoteleigenen Bademantel. Der Aufzug brachte sie in die Sauna im zweiten Untergeschoss. Hier hoffte sie sich vom anstrengenden Flug etwas erholen zu können.
Das Inspizieren jeglicher Hoteleinrichtungen gehörte zu ihrem Job. Sie vermerkte sich im Geiste das leere und abgesperrte Tauchbecken, das fehlende Eis im dafür vorgesehenen Behälter und eine von vier Duschen, die nicht funktionierte. Außerdem hing auch an der Tür zur Infrarot-Sauna ein Schild, dass jene außer Betrieb war.
Im Vorraum des Saunabereiches hatte sie auf den Regalen kurze weiße Frotteeröckchen liegen gesehen. Hoffentlich muss man die sich nicht anziehen, wenn man in die Sauna geht, dachte sie mit Schaudern und erinnerte sich an einen Hotelaufenthalt im polnischen Kolberg, als die Einheimischen grundsätzlich mit Badebekleidung saunierten und sie gemustert wurde wie eine Aussätzige. Okay, die Spanier waren fast ebenso katholisch wie die Polen, aber hey, das war ein Hotel unter deutscher Leitung, und im Gegensatz zu dem in Kolberg traf man hier fast ausschließlich auf deutsche Gäste.
Was sie positiv vermerkte, war der Teller mit Bananen und daneben ein Wasserspender.
Ja, es könnte eine ganz angenehme Recherche werden, auf die sie ihr Arbeitgeber da geschickt hat. Schauen Sie sich dieses Hotel mal an, über das so viel geredet wird. Sie müssen ja nicht gleich diese Mayr-Kur mitmachen, das sprengt unser Budget, hatte Karl, ihr Ressortchef, gesagt. Als ob sie Lust gehabt hätte, sich durch Fasten zu kasteien! Lenas Figur war gut so wie sie war, fand sie. Natürlich war die Haut an den Schenkeln mit dreißig nicht mehr so knackig wie mit zwanzig. Und auch um den Bauch herum könnte das ein oder andere Kilo durchaus verschwinden. Aber hey, war sie auf der Welt, um sich in Entsagung zu üben? Wer wusste schon, wann dieses Leben für sie zu Ende sein würde?
Nach zwei Saunadurchgängen, bei denen sie zum Glück niemanden sah, der ein Frotteeröckchen trug, verschwand sie in ihrem Zimmer und loggte sich ins Hotel-WLAN ein. Sie checkte ihre E-Mails, unter denen nichts Aufsehenerregendes zu finden war und sah nach, ob irgendjemand auf Facebook einen ihrer Beiträge gelikt oder geteilt hatte. Dann aß sie ihr letztes Salamibrot, von denen sie sich in weiser Voraussicht einige gemacht hatte, da es neuerdings bei Condor und Air Berlin kein kostenloses Essen mehr gab. Eine Sauerei, wie sie fand. Schon aus Protest kaufte sie niemals einen von den angebotenen und völlig überteuerten Snacks an Bord.
Ein Glas Wein wäre jetzt gut, dachte sie. Doch irgendwie konnte sie die Energie nicht aufbringen, sich noch einmal anzuziehen und nach unten ins Restaurant zu gehen. Eine Bar hatte sie gar nicht gesehen. Nein, sie würde noch ein wenig auf dem Balkon sitzen und dem Rauschen der Wellen zuhören und dann ins Bett gehen. Sie würde versuchen, in diesem Urlaub ohne die kleinen runden Helferlein einzuschlafen. Es waren zwar keine richtigen Schlaftabletten, sondern nur trizyklische Antidepressiva, die angeblich nicht abhängig machten, doch Lena schluckte nun einmal nicht gern regelmäßig Medikamente. Vielleicht gelänge es ihr in diesem Arbeitsurlaub die kreisenden Gedanken, die sie zu Hause vom Einschlafen abhielten, zu vermeiden oder dem Rauschen des Meeres zu überantworten. Dem Rauschen, das so urgewaltig durch die offene Balkontür ins Zimmer drang, dass es alles ausfüllte. Sie versuchte es mit Autogenem Training, einer Methode, die früher nicht sehr erfolgreich gewesen war. Doch bevor sie ihre Glieder mit Wärme überziehen konnte, befand sie sich schon in Morpheus Armen.
Während Lena den Weg an der felsigen Küste entlang ging, füllte sie das Rauschen des Ozeans vollkommen aus. Es ergriff geradezu Besitz von ihrem Gehirn, ließ keinerlei Gedanken an Vergangenes und Kommendes zu. Sie lief, und sie dachte an nichts anderes als daran, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie atmete, und nahm ganz bewusst die Luft wahr, die in ihre Lungen strömte. Ihr schien, als habe sie nie zuvor geatmet. Was war das für ein Genuss! Ihre Sinne waren geschärft, und sie erfuhr sich als lebendiges Wesen, das nur dazu da war, die Köstlichkeit der salzigen Meeresluft, die Wärme der Sonnenstrahlen, die durch Wolkenberge drangen und den schmeichelnden Wind, der über ihre Haut strich, zu spüren.
Erst, als der Uferweg im Nichts endete, erwachte sie aus dieser Trance. Hatte sie jemals etwas Ähnliches empfunden? Sie stand, dem Meer zugewandt, und ließ ihren Blick über die schwarzen Felsen gleiten, die aus dem Wasser ragten. Es war ihr, als sei sie der einzige Mensch auf der Welt. Lange stand sie da, und ihr Zeitgefühl kam ihr vollkommen abhanden. Erst, als sie, fast widerwillig, ihr Smartphone aus der Tasche zog und einen Blick darauf warf, fand sie den Anker, der sie wieder mit der Wirklichkeit verband. Mittagszeit.
Auf dem Rückweg rekapitulierte sie einige spanische Vokabeln und Wendungen. Wie sagte sie der Reinigungskraft, dass diese ihr Zimmer nicht jeden Tag zu putzen brauchte? Ein Trinkgeld würde sie ihr auch noch zustecken, vermutete sie doch, dass hier wie überall die Hotelangestellten schlecht bezahlt wurden. Wieder einmal wunderte sich Lena darüber, wie schnell doch bereits sicher Geglaubtes wieder verblasste, wenn man die fremde Sprache eine Weile nicht gesprochen hatte. Zum Glück gab es heutzutage diese tollen Übersetzungsapps, von denen sie eine heruntergeladen hatte.
Auf dem Platz vor der La Caseta, wo sie sich an einen der freien Aluminiumtische setzte und einen Barraquito especiale bestellte, bauten Männer eine Bühne auf. Dixie-Klos standen bereits dort und verschiedene Holzbuden, die noch geschlossen waren. Offensichtlich würde es hier bald ein Fest geben. Die Spanier liebten es zu feiern. Und bei den vielen Heiligen, von denen es neben den Landesheiligen noch jede Menge lokaler Heiliger gab, herrschte kein Mangel an Gelegenheiten. Schon oft hatte sich Lena gefragt, ob nicht vielleicht dieser Hang, jede Gelegenheit zu nutzen, um nicht arbeiten zu müssen, für die wirtschaftlichen Probleme des Landes verantwortlich war. Aber sie hatte auch gehört, dass die Spanier es vor ihrem EU-Beitritt zur Auflage gemacht bekamen, sich von einigen ihrer Feiertage zu trennen.
Der Kellner brachte ihr Glas mit dem starken, durch dicke gesüßte Kaffeesahne und Likör verfeinerten Kaffee. Der Duft des darüber gestreuten Zimtes kitzelte Lenas Nase. Ja, die Spanier, die wussten schon zu leben.
Während sie das süße Getränk genoss, blickte sie aufs Meer, das sich gerade vom Ufer zurückzog. Lena hatte schon immer ein Faible für Wasser gehabt. Am liebsten wild und ungezähmt. Das Mittelmeer war ihr fast zu brav. Auf dem Weg an der Promenade entlang waren ihr Stellen an den zu Gestein erstarrten Lavaflüssen aufgefallen, an denen Leitern angebracht waren, über die man in die kleinen gefüllten Becken einsteigen konnte. Einige Becken hatten auch eine Verbindung zum offenen Meer. Je nach Stand der Gezeiten ging es dort mehr oder weniger wild zu. Lag die Uferzone komplett frei, war das Wasser in den Becken ruhig wie in einem See. Lena sah einige Spanier, die dort schwammen und nahm sich vor, am Nachmittag dort ebenfalls ins Wasser zu gehen. Der Hotelpool übte auf sie die gleiche Anziehung aus wie ein vergammeltes Stück Käse.
Und die Piscina, wie die zahlreichen an der Küste vorhandenen Meerwasserschwimmbecken genannt wurden, war nur interessant, wenn das Wasser so hoch stand, dass es über die Begrenzungsmauer ins Becken hineinschwappte und dort für Wellengang und Strömung sorgte. Sie liebte es, sich von sanft rollenden Wellenbergen tragen zu lassen.
Auch diese Liebe zum Meer hatte Holger nicht geteilt. Wie so vieles nicht, was Lena wichtig gewesen war. Sie wischte den Gedanken an ihren Ex-Freund schnell beiseite. War sie doch froh, dass sie in den letzten Tagen so selten an ihn hatte denken müssen. Vielleicht werde ich es schaffen, ihn ganz zu vergessen, hoffte sie. Auch deshalb hatte sie diesen neuen Auftrag so gern angenommen. Wenn erst einmal ein paar Flugstunden zwischen ihr normales Leben und ihr Domizil auf Zeit gebracht waren, schaffte sie es in der Regel, auch Belastendes hinter sich zu lassen. Zumindest solange sie eben woanders war. Das sind Fluchten, hörte sie die Stimme ihrer Schwester Katarina. Wie immer oberschlau, obwohl sie vier Jahre jünger war als Lena. Aber sie hatte einen Master in Psychologie und eine Ausbildung zur Psychotherapeutin. Dabei war sie, Lena, es gewesen, die für Katarina die Mutterrolle ausgefüllt hatte, als ihre Eltern, viel zu früh, bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Lena war damals gerade volljährig gewesen, so dass sie ihrer Schwester zumindest ein Heim oder eine Pflegefamilie ersparen konnte.
Und bereits als Sechzehnjährige hatte Katarina bezüglich Lenas Partnerwahl einen besseren Riecher gehabt als Lena selbst. Denn nachdem sie Holger kennengelernt hatte, machte Katarina keinen Hehl daraus, dass er ihrer Meinung nach erstens zu alt und zweitens zu dominant für Lena war. Doch Lena hatte in ihm wohl einen Vaterersatz gesehen, und sich überdies geschmeichelt gefühlt, dass sich dieser gut aussehende distinguierte Mann für sie interessierte.
Was für Lena wohlmeinendes Interesse war, bezeichnete Katarina als Bevormundung. Du bist der Diamant, der erst geschliffen werden muss, damit er sein Leuchten voll entfalten kann, hatte Holger immer gesagt. Und sie hatte sich geschmeichelt gefühlt, weil er sie mit einem Edelstein verglichen hatte. Selbstverständlich war für den Schliff niemand anderer zuständig als er selbst.
Erst Jahre später, als es schon mächtig kriselte in ihrer Beziehung, und sie im Theater My fair Lady gesehen hatte, war ihr mit einem Schlag bewusst geworden, dass er Professor Higgins war und sie die Eliza Doolittle. Von da an war es nur noch ein kleiner Schritt gewesen, bis sie die Kraft gefunden hatte, sich von ihm zu lösen. Zuerst innerlich, dann auch endgültig. Natürlich hatte er es nicht wahrhaben wollen. Niemand verließ Holger Kersten! Den angesehenen und begehrten Rechtsanwalt. Zum Glück hatte sie sich immer gegen eine Heirat gesträubt. Und Kinder waren auch kein Thema gewesen. Jetzt war sie seit einem halben Jahr solo und genoss ihr Single-Dasein in vollen Zügen.
Lena ärgerte sich darüber, dass nun doch die Gedanken an Holger es wieder einmal geschafft hatten, von ihr Besitz zu ergreifen. Besitz ergreifen. Genau das, was Holger Katarinas Meinung nach mit ihr gemacht hatte. Sie winkte dem Kellner und zahlte ihr Getränk. Hier war Kaffee und anderes um einiges günstiger als in Deutschland.
Katarina musste sie auch noch kurz ihre Ankunft vermelden. Sonst würde sie wieder sauer sein. Lena ging vorbei an den Ständen, an denen junge Leute, die wie Hippies gekleidet waren, selbst gefertigten Lederschmuck, Taschen und andere Accessoires anboten. Die Piscina war wegen des bewölkten Himmels nur wenig bevölkert. Weiter draußen sah sie die Surfer auf ihren Brettern auf die Wellen zupaddeln. Auch so ein Sport, den sie gern ausgeübt hätte. Doch wenn sie Holger damit gekommen wäre, hätte dieser nur gelacht. Warum es nicht jetzt probieren?, fragte sie sich. Sicher gab es hier auch eine Surfschule. Und wenn sie keine Zeit dazu finden würde, gäbe es gewiss auch anderswo Gelegenheit, den Ritt auf den Wellen zu lernen. Lena stellte wieder einmal fest, dass sie noch nicht gänzlich den Schritt in die Selbständigkeit geschafft hatte. Ihr Denken war noch immer rückwärtsgerichtet. Auf das, was Holger davon gehalten hätte. Doch ab jetzt zählte nur noch, was sie wollte. Sie konnte alles haben und tun. Diese neue Freiheit, so musste sie sich eingestehen, machte ihr auch ein wenig Angst. Zu ungewohnt war es, Entscheidungen allein zu treffen. Doch der Moment, wenn es ihr gelingen würde, ohne Hilfe auf dem Brett zu stehen und sich die Welle untertan zu machen, musste so erhebend sein, dass sich jede Anstrengung und die Überwindung aller Ängste mehr als lohnen würde. Dass sie dabei sehr oft auch fallen und Wasser schlucken musste, war ihr klar. Doch sie spürte, dass sie den Kampf mit dem fremden Element aufnehmen wollte. Auch wenn ein Scheitern immer möglich war.
***
Ich sehe sie. Sehe sie wie jede Nacht. Ihren aufgerissenen Mund. Ihren fliegenden Pferdeschwanz. Ihre weißpudrigen Hände, die ins Leere greifen. Recht so! Warum sollte ich es vergessen? Das wäre zu viel der Gnade. Das hätte ich nicht verdient.
Das Erwachen ist wie immer geprägt von einem jagenden Herzschlag. Ich will aufspringen, doch das geht nicht. Nur mein Oberkörper richtet sich auf. Die Beine bleiben liegen. Unnützes Anhängsel, und doch ist es geradeso richtig. Wie ungerecht wäre es, wenn ich weiter herumlaufen könnte, springen, laufen, tanzen, während sie nie wieder irgendetwas davon tun wird. Nie wieder. Diese zwei Worte sind für mich zu einem Rhythmus geworden, der mir ins Blut übergegangen ist. Er hämmert zu jeder Tages- und Nachtzeit von innen an meine Hirnschale, macht sich bemerkbar, auf dass ich sie nicht aus dem Blick verliere: Nie wieder.
Mein nichtsnutziger Bruder ist wieder einmal unterwegs. Keine Ahnung, wohin. Irgendwelche Frauen aufreißen vermutlich. Soll er doch! Hauptsache, er schleppt mir nicht wieder Tussen an, denen er mich vorführt wie eine Zirkusattraktion. Glaubt er wirklich, eine von denen würde sich für einen Krüppel interessieren? Glaubt er wirklich, ICH würde mich jemals in meinem Leben noch einmal für irgendeine Frau interessieren?
Stefanie. Wir haben uns angesehen und sofort gewusst, dass wir füreinander geschaffen sind. Damals, in der kleinen Tapasbar in La Laguna. Ich war zu Besuch bei Torsten, wollte in seiner Lieblingsbodega ein paar Weine kaufen. Sie war vom Strandurlaub im Süden auf einen Abstecher in den Norden gekommen. Sprach kein Wort Spanisch. Es war so süß, wie sie dem Vendedor begreiflich zu machen versuchte, welche sie von den ausgestellten Tapas essen wollte. Ich half ihr, und es stellte sich heraus, dass wir beide in derselben Stadt in Deutschland wohnten. Nicht lange danach waren wir das erste Mal im Urlaub bei meinem Bruder. Und schon in Köln ging ich mit ihr in der Halle Klettern. Klettern. Meine Leidenschaft. Und unser Verderben.
Der Sog war so stark, dass Lena keine Chance hatte, dagegen anzuschwimmen. Immer weiter zog sie die Strömung ins offene Meer hinaus. Die Felsen, zwischen denen sie noch vor wenigen Minuten im Wasser geplanscht hatte, schienen in unerreichbarer Ferne zu sein. So ist das also, wenn man ertrinkt, dachte sie bei sich. Und wunderte sich, wie gleichmütig sie dabei war. Doch etwas in ihr übernahm plötzlich die Kontrolle und pumpte Adrenalin durch ihre Adern. Ich will nicht sterben!, schoss ihr durch den Kopf. Panisch ruderte sie mit den Armen und hatte dabei keine Ahnung, wo Oben und Unten war. Ein Schwall Wasser drang in ihren Mund ein, und sie hustete und verschluckte sich erneut, als die nächste Welle über sie hinwegrollte. Warum bist du auch immer so leichtsinnig, hörte sie ihre Schwester mit vorwurfsvollem Ton sagen. War sie das wirklich gewesen? Sie hatte sich als gute Schwimmerin eingeschätzt. Sie hatte sich wieder einmal überschätzt. Vergeblich versuchte Lena, mit den Füßen festen Grund zu ertasten. Keine der bei Ebbe sichtbaren Sandbänke und Felsen rettete sie. Das war‘s also. Bye bye schönes Leben.
Eine kräftige Hand packte sie unter der Achsel und zog sie hoch, nachdem wieder einmal das Wasser über ihrem Kopf zusammengeschlagen war. Irritiert riss sie die Augen auf. Sie sah in das sonnengebräunte Gesicht eines jungen Mannes, der bäuchlings auf einem Surfbrett lag und sie auf Spanisch anschrie. Lena verstand nicht, was er sagte. Aber das war ihr egal. Sie wusste jetzt, dass sie nicht sterben würde. Noch nicht. Nicht heute. Ihr Retter zog sie noch ein Stück hoch, und bedeutete ihr, sich an dem Brett festzuhalten.
Dann zeigte er mit der Hand die Kurve, die er beabsichtigte zu paddeln. Lena nickte als Zeichen, dass sie verstanden hatte. Mit kräftigen Armschlägen steuerte ihr Retter das Board um einen großen Felsen herum Richtung Piscina. Lena paddelte mit den Füßen, um ihm so das Vorankommen zu erleichtern. Wenn eine Welle in Richtung Strand rollte, hörte er auf zu paddeln und ließ sich von ihr tragen. Doch sobald sie am Strand ihre Gischt versprühte und die Unterströmung sie wieder hinaus zu ziehen drohte, setzte er seine kräftigen Arme erneut ein. Lenas Blick glitt über seinen muskulösen Körper, der zwar in schwarzes Neopren gehüllt war, ihr jedoch offenbarte, dass dieser Mann kein Gramm Fett an seinem Körper hatte. Seine schwarzen Haare waren etwas länger und hingen ihm in das vor Anstrengung gerötete Gesicht.
Du bist gerade mit viel Glück dem Tod von der Schippe gesprungen, schalt sie sich, und schon starrst du dem erstbesten Mann Löcher in die Haut! Er war nicht der Erstbeste. Er war ihr Retter. Wie war das doch in der asiatischen Welt: Wenn man einem Menschen das Leben gerettet hatte, war man für den Rest seines Lebens für ihn verantwortlich. Oder war es gar umgekehrt?
Lena sah den schwarzen Sand zwischen den Felsen jetzt dicht vor sich. Und sie fand tatsächlich mit ihren Füßen Halt, als sie sie probeweise nach unten hängen ließ. Der Mann ließ sich elegant vom Surfbrett gleiten und drehte sich zu ihr um. Sein Blick war vorwurfsvoll, und obwohl Lena auch jetzt nichts von dem Schwall Worte verstand, den er, schwer atmend in ihre Richtung ausstieß, brauchte sie nicht viel Fantasie, um an seinem Tonfall zu erkennen, dass es keine Nettigkeiten waren. Sie kramte in ihrem Gedächtnis nach den spanischen Worten für eine Entschuldigung und hoffte, dass ihr niedergeschlagener Gesichtsausdruck ausreichte, um ihm zu zeigen, wie peinlich ihr die ganze Geschichte war. Wortreich bedankte sie sich bei ihm und dachte gerade noch daran, ihn nach seinem Namen zu fragen.
„Jorge“, sagte er, wenig erfreut, und warf sich die feuchten Haarsträhnen mit einem Ruck seines Kopfes aus dem Gesicht, dass die glitzernden Wassertropfen nur so flogen.
„Soy Lena“, antwortete sie zitternd, obwohl sie vermutete, dass Jorge keinerlei Interesse an einer weiterführenden Konversation hatte.
„Be careful!“, gab er ihr noch auf Englisch mit auf den Weg, weil er wohl gemerkt hatte, dass Lena keine Einheimische war. Dann legte er sich wieder auf sein Board und paddelte dem offenem Meer entgegen.
Lena schickte ihm noch einen sehnsüchtigen Blick hinterher und erklomm dann mit wackligen Beinen das Ufer. Ein paar Leute hatten die Rettungsaktion verfolgt, und eine Frau kam mit einem großen Badetuch auf sie zu. Jetzt erst merkte Lena, dass sie völlig ausgekühlt war. Dankbar ließ sie sich das Tuch um die Schultern legen und nickte, als die Spanierin ihr mit eindringlichen Worten und ausufernden Armbewegungen die Gefährlichkeit der Meeresströmungen noch einmal klarzumachen versuchte. Auch das nächste Problem schien sich von selbst zu erledigen, denn ein Mann kam auf sie zu, der ihre Sachen in der Hand hielt. Bei ihm bedankte sie sich ebenfalls wortreich und zähneklappernd für die Hilfe. Dann zog sie schnell ihre Hose und ihr Sweatshirt über den nassen Bikini, schnappte ihre Flipflops und legte sich ihr eigenes Handtuch auf die nassen Haare. Sie reichte der Frau deren Badetuch und nickte dem Mann noch einmal zu, bevor sie zur Promenade hochkletterte.
In ihrem Zimmer angekommen, stellte sie sich zuerst unter die heiße Dusche. Das war noch mal gut gegangen! Nie wieder würde sie im offenen Meer baden. Nie wieder würde sie sich so überschätzen. Mit einem Handtuchturban um ihren Kopf und eingewickelt in ein großes Badetuch verkroch sie sich unter ihre Decke und krümmte sich zusammen wie ein Embryo. Bevor sie kurz wegdämmerte, sah sie vor sich die braunen Augen ihres Retters und wünschte sich, ihn unter anderen Umständen kennengelernt zu haben.
Ich muss etwas essen, dachte Lena, als sie wieder aus ihrer Betthöhle auftauchte. Seit dem Frühstück – das sehr reichlich und überaus zufriedenstellend ausgefallen war – hatte sie nichts weiter gegessen. Okay, eine Banane von ihrem Obstteller im Zimmer. Aber sonst? Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass das Grummeln im Bauch durchaus auf die überfällige Nahrungszufuhr hindeutete. Unten an der Promenade kamen eine Reihe von Lokalen in Frage. Kleine und größere, wie die La Caseta, wo sie den Kaffee getrunken hatte. Aber wenn sie, auf dem Balkon stehend, nach links schaute, sah sie einen malerischen Fischerhafen und Sonnenschirme über roten Kunststoffstühlen und -tischen. Dort würde es sicher fangfrischen Fisch geben. Natürlich hätte sie auch im Hotel essen können; die Speisekarte, die an der Tür zum Frühstücksraum hing, hatte sie schon studiert. Die Preise waren dem Viersternehotel absolut angemessen. Sie würde überall testessen; schließlich war sie das ihren Leserinnen schuldig, die nicht nur Tipps für Wanderungen erwarteten, sondern auch solche für ein lukullisches Erlebnis.
Lena schlüpfte in ihre Jeans und zog eine leichte Jacke über ihr T-Shirt. Abends konnte es noch empfindlich kühl werden, zumal der Wind aufgefrischt hatte. Bevor sie ging, überprüfte sie noch einmal den Inhalt ihrer Handtasche. Notizblock, Stift, Handy und Geldbeutel, außerdem Taschentücher und ihren Lippenstift. Man wusste nie.
Die Stühle unter den großen Sonnenschirmen waren noch nicht allzu dicht besetzt, und so suchte Lena sich einen Tisch aus, von dem sie das Geschehen im kleinen Hafen verfolgen konnte. Momentan lagen die Boote auf dem Trockenen; ein blau lackierter Kran, dessen intakte Farbe den erst kürzlichen Erwerb vermuten ließ, zeugte vom Einzug der Technik auch in diesen Flecken Erde. Die kleinen Boote, die an der Hafenmauer, die teilweise aus erkalteter Lava bestand, festgemacht waren und auf luftbereiften Anhängern standen, trugen Namen wie Africa, Maria Cruz oder La Orca. An der Kaimauer stapelten sich grüne Reusen, die die Form von Hutschachteln hatten. Ein paar alte Fischer palaverten unten am Wasser, wo gerade zwei kleine Segler einliefen. Ein Stand-Up-Paddler machte sich auf, und Einer- und Zweierkanus legten ab. Einige der Kanuten schienen das noch nicht sehr oft gemacht zu haben. Wahrscheinlich Besucher des Festes, vermutete Lena.
Familien mit Babys und Kleinkindern belagerten die meisten Tische; oft waren noch Hunde dabei. Überhaupt schienen die Spanier ein Volk der Hundeliebhaber zu sein. Überall stieß man auf sie, einzeln oder paarweise, an Leinen geführt oder freilaufend. Gerade schüttelte sich so ein Exemplar neben Lenas Tisch, und sie war froh, dass noch kein Essen darauf stand.
Was ihr auch schon bei ihren früheren Spanienaufenthalten aufgefallen war: Die Familien schienen es sich – Wirtschaftskrise hin oder her – nicht nehmen zu lassen, regelmäßig und garantiert öfter als dass in Deutschland der Fall war, gemeinsam Essen zu gehen. Wahrscheinlich setzten die Menschen in Spanien einfach andere Prioritäten. Statt ihr Geld in teure Wohnungseinrichtungen zu stecken oder sich ein prestigeträchtiges Auto anzuschaffen, war es ihnen eben wichtiger, mit ihren Familien zusammenzusitzen und zu essen. Vielleicht konnten sie das wegen beengter Wohnverhältnisse ohnehin nur auswärts machen.
Die Kellnerin unterbrach ihre Überlegungen und Lena bestellte eine Karaffe Rotwein und dazu frischen Fisch. Die berühmten Papas arrugadas, schwarze Kartoffeln, eine Spezialität der Kanaren, mit Salsa verde, grüner Soße, durften dabei nicht fehlen. „Sin Pan“, rief sie der jungen Bedienung noch hinterher, kannte sie doch die Angewohnheit der Spanier, zu jedem Mahl Weißbrot und Butter zu reichen.
Auf dem Boden des einfachen Restaurants flogen Servietten, Eisverpackungen und leere Zuckertütchen umher; ab und zu ging ein Kellner mit Schaufel und Besen durch, um das Gröbste zusammenzukehren.
Nach einer Weile – der Wein, viel zu kalt, war bereits serviert – brachte die Kellnerin auf einer Platte einen rohen Fisch, den sie Lena fragend hinhielt. Es war ein schöner, ein beeindruckender Fisch, der Lena völlig fremd war. Seine rötlichen Schuppen schimmerten, die Rückenflosse war hoch und gezackt, und er schien Lena viel zu groß zu sein. Auf ihre diesbezügliche Frage zeigte die junge Frau an, dass er nach Abschneiden des Kopfes und des Schwanzes schon viel kleiner sei, und Lena nickte ergeben.
Hinter ihr lachte eine Gruppe junger Männer und Frauen; Gesprächsbrocken aus Spanisch und Englisch drangen an ihr Ohr. Als sie gekommen war, hatte Lena nur beiläufig einen Blick auf die Gruppe geworfen.
Fast sehnsüchtig dachte sie: Sie sind so jung. Und ich? Als was sehen sie mich? Oder übersehen sie mich schon? Bin ich schon weit jenseits von Gut und Böse?
Das Alter war bisher nichts gewesen, dem Lena viel Beachtung geschenkt hatte. Sie war keine von den Frauen, die ständig vor dem Spiegel standen und sich fragten, ob schon wieder eine neue Falte, ein graues Haar, hinzugekommen war. Vielleicht lag es auch daran, weil Holger zwölf Jahre älter als sie gewesen war und sie sich deshalb ihm gegenüber immer jung gefühlt hatte. Doch jetzt war vielleicht die Zeit gekommen, wo sie ihren Marktwert neu bestimmen musste. Welche Chancen hatte sie noch, auf dem hart umkämpften Markt der Eitelkeiten einen Treffer zu landen? Würde sie demnächst in Single-Foren versuchen, sich anzupreisen wie Sauerbier? Noch immer war sie in ihre deprimierenden Gedanken versunken, als plötzlich neben ihr eine bekannte Stimme erklang.
„Hola Lena“, sagte der Mann, der sich als ihr Retter entpuppte. „Qué tal?“
„Bien, gracias, y tú?“, antwortete Lena überrumpelt und fühlte dabei eine heiße Röte in ihr Gesicht steigen. In Klamotten und mit zurückgegelten Haaren sah der Typ noch umwerfender aus als auf dem Board. Er beugte sich zu ihr hinunter und ein Duft hüllte sie ein, der ihren Mund ganz trocken werden ließ. Hatte sie überhaupt Parfüm aufgelegt? Sie konnte sich nicht erinnern. Ebenso wenig wie an die Worte, die sie jetzt zu ihm sagen könnte.
Jorge rettete sie aus ihrer Sprachlosigkeit, indem er sie einlud, mit zu ihm und seinen Freunden an den Tisch zu kommen. Lena musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass er damit die jungen Leute meinte, deren Lachen sie zu ihren trübsinnigen Gedanken verleitet hatte. Jorge schaute sie immer noch abwartend an. Was hatte er seinen Kumpels erzählt? Wollten sie sich auf ihre Kosten lustig machen? Die dumme Pute, die sich eingebildet hat, sie könne bei auflaufendem Wasser im offenen Meer schwimmen?
„Por favor“, sagte er leise und ergriff ihren Arm. Wie einen elektrischen Schlag empfand Lena diese Berührung. Sie zuckte erschrocken zusammen und sah in seine Augen. Auch er schien die Entladung bemerkt zu haben, lachte aber nur. Seine Zähne waren ebenmäßig und weiß. Aufseufzend erhob sie sich schließlich und nahm ihr Weinglas und ihre Karaffe mit zu dem Tisch der jungen Leute. Jorge übernahm die Vorstellung. Lena vergaß sofort die Namen, die er ihr nannte.
Es waren drei Frauen und sechs Männer, die da um den Tisch saßen. Die Frauen beäugten sie misstrauisch. Wahrscheinlich wunderten sie sich, was Jorge da für eine, vom Alter her völlig aus der Reihe schlagende Tussi angeschleppt hatte. Lena schätzte das Alter der Anwesenden zwischen zwanzig und fünfundzwanzig. Die drei Frauen waren alle auf ihre Weise schön. Auf jeden Fall braungebrannt und durchtrainiert. Fast alle trugen Tattoos auf ihren nackten Armen. Dieser Mode hatte sich Lena zum Glück bisher entziehen können. Sie dachte mit Grausen an die Zeit, als jede Frau, egal welchen Alters und welcher Figur, meinte, es sei sexy, sich ein Arschgeweih tätowieren zu lassen. Wenn sie heute in der Sauna solche Frauen sah, taten sie ihr immer leid.
Lena merkte, wie alle sie erwartungsvoll ansahen. Jorge schien eine Frage gestellt zu haben. Verwirrt entschuldigte sie sich und bat darum, die Frage zu wiederholen. Dann erzählte sie, dass sie hier Urlaub mache. Sie wollte nicht über ihren Auftrag, ihren Job sprechen.
Die Frauen und Männer kamen aus verschiedenen Ländern. Jedenfalls vermutete Lena das, denn sie verwendeten einen Mix aus Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch. Der deutschsprechende junge Kerl hatte Dreadlocks, die ihm bis auf die Schultern baumelten. Er hatte eine Sonnenbrille auf seinen Kopf geschoben, und eine Rasur war wie bei den meisten auch längst überfällig. Waren das welche von den Leuten, die ganz hinten, bei der kleinen Kapelle in ihren Autos und Wohnwagen hausten?
Schnell wandten sich die Gespräche wieder anderen Inhalten zu. Soweit Lena es mitbekam, ging es vor allem ums Surfen und wo es die besten Hot Spots auf der Welt gab. Womit zum Teufel verdienten diese jungen Leute ihr Geld, dass sie es sich leisten konnten, in all diese Länder zu fliegen? Denn es hörte sich nicht danach an, als ob jemand von ihnen einer Beschäftigung nachging. Vielleicht hatten sie reiche Eltern?
Was kümmert‘s dich? Du hast mit denen genauso wenig zu tun wie die anscheinend mit einem 40-Stunden-Büro-Job.
Lenas Fisch wurde serviert. Er war bereits aufgeklappt und sah mit den Gewürzen lecker aus. Es war ihr unangenehm, als Einzige am Tisch etwas zu essen. Hatten die anderen schon gegessen oder konnten sie sich nur die Getränke leisten? Jorge wünschte ihr mit einem Lächeln Guten Appetit. Er sagte es auf Deutsch, und das klang so süß und nett, dass Lena einfach lächeln musste. Die Zeit, in der sie sich in die Augen blickten, dehnte sich zu einer kleinen Ewigkeit. Ihr Lächeln schien eingefroren zu sein. Wie ein Insekt in einen Harztropfen. Merkten die anderen was? Die Eine, die mit dem Tuch im Haar und mit Brüsten, deren Spitzen deutlich unter ihrem Top zu sehen waren, schaute etwas pikiert. Jedenfalls interpretierte Lena ihren Blick so. War sie etwa eifersüchtig? Stellte sie einen Besitzanspruch an Jorge?
Lena ignorierte ihre Blicke und begann zu essen. Auch die Kartoffeln waren serviert worden; man sah noch die feine Salzschicht, die sich auf der runzligen schwarzen Haut bildete, nachdem die Papas im Salzwasser gegart worden waren. Dazu die Mojo verde und Mojo rojo - eigentlich brauchte Lena gar nichts weiter. Sie war ohnehin ein Kartoffelfan, konnte ohne Probleme jeden Tag diese Erdäpfel, wie sie in manchen Gegenden Deutschlands genannt wurden, essen.
Der Fisch schmeckte gut, das Fleisch war weich und zart. Allerdings war es wegen der vielen Gräten recht mühsam, an die Fleischstücke zu kommen. Immer wieder musste sie eine Gräte aus dem Mund ziehen, weil sie nicht aufgepasst hatte. Lena fragte Jorge nach dem Namen des Fisches, und er nannte ihr auch einen spanischen Namen, den sie jedoch sofort wieder vergaß. Er schien ihren Kampf mit den Gräten zu registrieren, denn er riet ihr lächelnd, das nächste Mal gleich Fischfilet zu bestellen.
Mittlerweile hatte auch der Rotwein die richtige Temperatur, und Lena sprach ihm reichlich zu. Die anderen am Tisch tranken Bier oder Cola. Es war von einem Fest die Rede. Wenn Lena es richtig mitbekommen hatte, konnte es sich dabei nur um das Fest an der Promenade handeln, wo sie die Buden und die Bühne gesehen hatte.
„Was für ein Fest ist das morgen?“, fragte sie Jorge auf Englisch.
„Es ist ein Fest der Umweltaktivisten. Wir wollen mit verschiedenen Informationsständen über die Gefährdung und den Erhalt unseres Ökosystems informieren. Du weißt ja sicher, dass unsere Meere längst mit Plastikmüll verschmutzt sind, dass Tiere und Pflanzen qualvoll eingehen.“
Ja, davon hatte Lena gehört. Sie hätte eine völlige Ignorantin sein müssen, um nichts von den riesigen Müllstrudeln zu wissen, die es in allen Ozeanen gab. Erst kürzlich hatte sie im Fernsehen einen Bericht gesehen, in dem von der Erfindung eines jungen Mannes berichtet worden war, mit der er es schaffen wollte, diesen Müll abzufischen.
Irgendwie hatte Lena gehofft, Jorge würde sie fragen, ob sie auch zum Fest kommen würde. Aber er tat nichts dergleichen. Stattdessen beteiligte er sich wieder an den Gesprächen der anderen. Lena kam sich vor wie das fünfte Rad am Wagen und winkte der Kellnerin zum Zahlen, sobald sie mit essen fertig war. Jorge hielt sie nicht auf, als sie sich von der Gruppe verabschiedete und zurück zum Hotel ging.
***
Ich lasse mich auf der schiefen Ebene in den Pool gleiten. Das Wasser ist angenehm kühl. Noch hat die Mittagshitze nicht zugeschlagen. Der Himmel ist heute so blau, dass man sogar den Teide in seiner ganzen Pracht sehen kann. Ohne ein einziges Wölkchen um seinen Gipfel. Jedesmal, wenn ich den Dreitausender ansehe, denke ich an einen Busen. Einen sehr wohlgeformten Busen einer Liegenden. Nur dass die spitze Brustwarze nicht dunkel ist, sondern hell leuchtet. Und ich denke an Stefanie. An mein Schicksal. An meine Schuld.
Ich kraule meine tausend Meter, meine Armmuskeln sind gut ausgeprägt. Nicht so verkümmert wie die an meinen Beinen. Auch wenn die Physiotherapeutin jeden zweiten Tag kommt, auch wenn ich meine Übungen täglich absolviere. Diese zwei dünnen Stecken haben nichts mehr gemein mit den einstmals so durchtrainierten Waden und Oberschenkeln. Und wenn ich ehrlich bin, ist das auch ganz gut so. Denn ich bin bereit, mein Päckchen zu tragen. Auch wenn ich viel lieber bei Stefanie wäre. Dort, wo es keine Schmerzen und keine Behinderungen gibt. Doch wer weiß, vielleicht gelingt es mir ja doch noch, zu ihr zu kommen. Torsten kann nicht immer auf mich aufpassen.
Auch in dieser Nacht konnte Lena ohne Schlaftabletten einschlafen. Das gleichmäßige Rauschen des Atlantiks ließ sie schnell wegdämmern. Außerdem hatte sie auf der Hotelterrasse noch einen Absacker getrunken. Dabei war ihr ein älterer Herr mit Bierbauch auf die Pelle gerückt. Bei der Bezeichnung älterer Herr musste sie daran denken, dass der Mann, mit dem sie die letzten achtzehn Jahre zusammengelebt hatte, mittlerweile ebenfalls so alt wie der zudringliche Verehrer sein dürfte. Vielleicht nicht ganz, aber viel fehlte sicher nicht. Nie wieder, nahm sie sich vor, würde sie einen Typen in ihr Bett lassen, der älter als sie war.
