2,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 2,99 €
Lisa ist Chefin einer kleinen Schuhfabrik, in der handgefertigte Schuhe nach alter Tradition hergestellt werden. Sie hat als taffe Geschäftsfrau ihr Leben voll im Griff; für die schwachen Stunden mietet sie sich einen Call-Boy. Irgendwann merkt sie, dass etwas in ihrem Leben fehlt. Daraufhin nimmt sie das „Projekt Kind“ in Angriff; das heißt, sie lässt sich in einer niederländischen Klinik mit Spendersamen inseminieren. Mahmud al-Hamid ist Junior-Chef ihres Lederlieferanten im marokkanischen Fés. Zusammen mit ihrem Einkaufsleiter fliegt Lisa am Tag nach der künstlichen Befruchtung nach Marokko, um die neuen Verträge zu unterzeichnen. Dort kann sie sich dem Zauber des charmanten Berbers nicht entziehen, und der Sternenhimmel über der Wüste tut ein Übriges dazu, dass Lisa die sonst gewohnte Kontrolle verliert. Wieder zu Hause stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Doch von wem? Wird es Mahmud und Lisa gelingen, alles Trennende zu überwinden und ihr gemeinsames Glück zu finden?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2021
Natascha Schwarz
Geliebter Macho
1. digitale Auflage 2017
© 2017 Natascha Schwarz
Wiebelstraße 6, 04315 Leipzig
www.autorin-cornelia-lotter.de
E-Book Erstellung: mybookMakeUp.com
Covergestaltung: Tanja Prokop
unter Verwendung von Motiven von
© bigstockphoto.com / © pixabay.com / © pexels.com
Alle Rechte vorbehalten!
Nachdruck, auch auszugsweise,
nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
Nachwort
Lisa knallte den Hörer des Telefons auf die Station. Sie schnaufte. Was für ein Idiot! Sowas hätte sich Bäuerle gegenüber ihrem Vater nicht herausgenommen. Ließ sie einfach mit der Lieferung hängen! Dabei brauchten sie das Leder so dringend. Wo sollte sie jetzt so schnell Ersatz herkriegen? Der Kunde kam extra aus Norddeutschland für die Schlussanprobe, der Termin stand seit Wochen fest, da er die Schuhe für einen Urlaub brauchte. Es sollte ein durchgefärbtes Rindsleder mit Top-Coat-Beschichtung sein; Bäuerle, ihr Lieferant aus dem Schwäbischen, hatte sie noch nie enttäuscht.
Sie musste an die frische Luft. Hier im Büro konnte sie ihrem Ärger keinen freien Lauf lassen. Noch lieber hätte Lisa jetzt eine Joggingrunde eingelegt, doch dafür war keine Zeit. In etwa einer Stunde fand der wöchentliche Jour-Fixe statt. Ein kurzer Gang durch den Park musste genügen.
Lisa schob ihren Ledersessel mit Schwung zurück, so dass er gegen die Wand knallte. Eleonore Wittstuhl hob im Nebenzimmer erstaunt den Blick und sah durch die Trennscheibe. Ja guck nur, du alte Vettel, kannst du wieder ein Minuszeichen auf deine geheime Liste machen!
Sie riss den eingebauten Garderobenschrank auf, stülpte sich die Mütze über ihren brünetten Haarschopf und wickelte sich den Schal um den Hals. Die Sonne schien zwar verlockend, doch Lisa wusste, dass draußen Temperaturen um den Gefrierpunkt herrschten. Der Winter wollte einfach nicht enden. Schließlich tauschte sie ihre Pumps gegen die Lederstiefel und zog sich den Mantel über.
„Ich bin mal für eine halbe Stunde weg“, rief sie im Vorbeigehen der Sekretärin zu und wartete nicht auf deren Antwort. Sie wusste auch so, dass die Besprechung noch anstand.
Draußen, nachdem sich die Glastüren hinter ihr lautlos geschlossen hatten, atmete Lisa tief die kühle Winterluft ein, bevor sie die Straße überquerte. Sie war sich sicher, dass oben Eleonore Wittstuhl hinter dem Fenster stand und sie beobachtete. Es kam nicht oft vor, dass die Chefin so Hals über Kopf die Firma verließ.
Lisa lief mit forschen Schritten, die Hände in den Taschen vergraben, den gefrorenen Weg entlang, der außen herum den kleinen Park durchquerte. In der Mitte war ein Teich, auf dem im Sommer Schwäne und Enten schwammen. Jetzt war alles verwaist, das Wasser war zugefroren. Vor ihrem Mund erschienen bei jedem Stoß Atemluft, den sie zwischen ihren Lippen hervorpresste, weiße Wölkchen. Sie spürte, wie der feuchte Tropfen, der sich unter ihrer Nasenspitze gebildet hatte, dabei war, der Schwerkraft zu folgen. Ganz undamenhaft wischte sie ihn mit ihrem Handschuh weg. Warum gehe ich nicht öfter hierher?, fragte sich Lisa. Um den Teich standen Bänke, die im Sommer zum Sitzen einluden. Sie nahm sich vor, ihr Sandwich ab und zu mal hier draußen zu verzehren, wenn es die Witterung wieder zulassen würde.
Ein älterer Mann mit einem Hund an der Leine kam ihr entgegen. Die Ohren des Mannes waren rot. Der Hund zerrte an der Leine, so dass er den Alten fast zum Straucheln brachte. Lisa warf dem Gespann einen verächtlichen Blick zu. Hunde! Wahrscheinlich kackte der Köter bloß wieder auf den Rasen. Ohnehin musste man bei jedem Schritt, den man tat, aufpassen, dass man nicht in die Hinterlassenschaften dieser Tölen hineintrat. Wenn es nach ihr ginge, käme die Welt auch ganz gut ohne diese Spezies aus.
Mit jedem weiteren Schritt ebbte ihre Verärgerung über den Lieferanten ein wenig ab. Sie würde sich etwas einfallen lassen. Sie hatte noch jede schwierige Situation gemeistert. Vielleicht würde Morgenstern ja noch irgendwo in den Tiefen seines Lagers ein passendes Stück liegen haben. Hatten sie nicht im letzten Jahr ein Paar mit einem ähnlichen Farbton hergestellt?
Eine junge Frau kam ihr entgegen. In der Hand hielt sie einen dieser Coffee-To-Go-Becher, die dafür sorgten, dass die Müllberge weiter ins Unermessliche wuchsen. Lisa legte in den Blick, mit dem sie die Frau bedachte, alle Verachtung, derer sie fähig war. So waren sie, diese Heuchler: Einerseits für den Klimaschutz auf die Straße gehen und andererseits den Kaffee in Wegwerfbechern unterwegs trinken oder diese kleinen bunten Alukapseln benutzen, um stylish und hipp ihren Kaffee zu Hause zu bereiten.
Lisa verspürte auf einmal ein unbändiges Bedürfnis nach einem starken Kaffee. Mit Caramellgeschmack. Den gab ihre Kaffeemaschine in der Firma nicht her. Hier musste doch irgendwo ein Starbucks sein!
Sie verließ den Park und überquerte die Straße. Auf der anderen Seite hatte sie das grüne Logo mit der gekrönten Frau erspäht. Im Verkaufsraum war es warm, und Lisa begann augenblicklich zu schwitzen. Sie zog die Handschuhe aus und öffnete ihren Mantel. Vor ihr standen noch vier Leute in der Reihe; und alle schienen sich unschlüssig zu sein, welches Getränk in welcher Größe sie haben wollten. Sie sah zum wiederholten Mal auf ihre Breitling. Wie lange war sie schon weg? Du bist die Chefin! Du kannst so lange wegbleiben, wie du willst!, beruhigte sie sich. Das stimmte. Und doch legte sie allergrößten Wert darauf, am Morgen pünktlich um acht in der Firma zu sein und auch sonst alle Termine peinlichst genau einzuhalten. Einer der ehernen Grundsätze ihres Vaters und ein Merkspruch von ihm war gewesen: Pünktlichkeit ist die Höflichkeit des kleinen Mannes. Seit seinem Tod vor zwei Jahren war sie nicht ein einziges Mal zu spät im Büro erschienen. Aber bis zur Sitzung hatte sie noch zwanzig Minuten Zeit. Das würde sie locker schaffen.
Während die Schlange weiter vorrückte, fiel Lisa ein, dass sie ihre Handtasche gar nicht mitgenommen hatte. Womit sollte sie den Kaffee bezahlen? Eine heiße Welle durchfuhr sie und ließ den Schweiß auf ihrer Haut noch heftiger strömen. Hektisch durchwühlte sie ihre Manteltaschen und atmete erleichtert auf, als ihre Finger zwei Geldstücke berührten. Sie zog sie aus der Tasche. Vier Euro. Ein Blick auf die Preisliste sagte ihr, dass dies nicht mal für den kleinsten Caramell-Macchiato reichen würde. Mist! Heute war sie auch wirklich vom Pech verfolgt. Das konnte doch nicht wahr sein! Sie, die Chefin eines erfolgreichen mittelständischen Unternehmens hatte nicht genug Geld dabei, um sich den gewünschten Kaffee zu kaufen. Noch einmal wühlte sie in ihren Manteltaschen zwischen benutzten Tempotaschentüchern und irgendwelchen Papierfetzen herum. Da war noch was! Sie zog das Geldstück hervor und entspannte sich erleichtert. Ein Fünfzig-Cent-Stück hatte sich noch gefunden. Das reichte zwar nur für den Kleinen, aber sie musste immerhin nicht unverrichteterdinge wieder gehen.
Plötzlich spürte Lisa an ihrer linken Kniekehle einen kurzen Schmerz. Sie zuckte zusammen und drehte sich um. Hinter ihr stand eine junge Frau mit Pferdeschwanz, die entschuldigend zurückwich. Lisas Blick, der nun nach unten ging, um die Ursache des Schmerzes zu ergründen, erfasste einen kleinen Jungen mit einem Plastikauto in der Hand. Gleichzeitig entdeckte sie, dass dort, wo sie das Auto getroffen haben musste, ein winziges Loch in ihrer schwarzen Strumpfhose zu sehen war. Genau zwischen Stiefelabschluss und Rock.
„Mist!“, fauchte sie ärgerlich. Das würde eine Laufmasche geben. Heute war wirklich nicht ihr Tag!
„Ist das Ihrer?“, fuhr sie die junge Frau barsch an und zeigte mit ausgestrecktem, perfekt manikürtem und lackiertem Finger auf den etwa Zweijährigen. Die Frau nickte schuldbewusst. Der Junge versteckte sich hinter dem Rock seiner Mutter.
„Können Sie nicht besser auf das Kind aufpassen?“ Dabei legte sie in die Worte das Kind so viel Abscheu, wie sie aufzubringen vermochte.
„Entschuldigen Sie bitte, er hat es nicht mit Absicht gemacht.“
Lisa war nicht bereit, klein beizugeben, zumal der herausfordernde Ton in der Stimme der Frau nicht zu ihren Worten passte.
„Ob Absicht oder nicht, jetzt habe ich ein Problem.“
Die Frau schob nun trotzig die Unterlippe vor. „Ich ersetze Ihnen den Schaden, wenn Sie darauf bestehen.“
Klar doch, die Strumpfhose war von Kunert und hatte zwanzig Euro gekostet. Sie hatte sie erst am Morgen aus der Packung genommen. Sicher holte die Tussi ihre Strumpfhosen beim Discounter im Zehnerpack und hatte keine Ahnung, was Qualität kostete. Dass sie dann allerdings bei Starbucks den teuren Kaffee kaufte, passte nicht so recht dazu.
Lisa sah, dass nur noch ein Kunde vor ihr am Tresen stand und auf seinen Kaffee wartete. Wenn sie noch länger mit der unfähigen Mutter diskutierte, würde sie noch mehr Zeit verlieren. Shit happens. Abhaken. Mit säuerlicher Miene holte sie zum letzten Schlag aus: „Manchen Frauen sollte man verbieten, Kinder in die Welt zu setzen.“
Hatte sie das jetzt wirklich gesagt? Lisa war erschrocken über sich selbst. Das war nun eindeutig zu viel des Guten gewesen. Klassische Überreaktion. Doch sie hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn sie stand bereits vor der Theke und gab ihre Bestellung auf.
Ohne einen weiteren Blick auf die hinter ihr stehende und sichtlich um Fassung ringende Mutter und ihr weinendes Kind zu werfen, ging Lisa mit ihrem Becher in der Hand und hoch erhobenen Kopfes zur Tür hinaus.
Den kurzen Anflug eines schlechten Gewissens, weil nun auch sie ihren Teil zum gesteigerten Müllaufkommen beitrug, verscheuchte sie. Sie hatte schon frühzeitig erkannt, dass es nicht unbedingt dasselbe war, wenn zwei das Gleiche taten.
Wenig später verließ Lisa Krombach den Fahrstuhl und eilte über den dicken Teppichboden, der ihre Schritte schluckte, in Richtung der Büroräume.
Als sie die gläserne Front erreichte, hinter der sich die Verwaltungsbüros befanden, straffte sie die Schultern und drückte auf den Türöffner. Sie nickte der Sekretärin zu und ging in ihr Büro. Den Becher, aus dem sie erst wenige Schlucke getrunken hatte, stellte sie auf ihrem Schreibtisch aus polierten Nussbaumholz mit gebürsteten Stahlintarsien ab.
Nachdem sie die Schuhe gewechselt und den Mantel abgelegt hatte, setzte sie sich auf ihren Ledersessel, um in Ruhe den Kaffee auszutrinken. Sie hatte noch zehn Minuten. Lisa sah, dass Frau Wittstuhl, ihre Sekretärin, die bereits einige Jahrzehnte ihrem Vater gedient hatte, sich erhob und ihr Büro ansteuerte. Sie rollte innerlich mit den Augen. Ganz bestimmt würde sie sie auf ihre Laufmasche ansprechen. Immerhin war sie ja direkt an ihrem Schreibtisch vorbeigegangen. Hinter dem sie seit Urzeiten thronte wie Cerberus, der allen Eindringlingen den Zugang ins Allerheiligste versperrte.
Lisa kochte innerlich. Ausgerechnet! Es fiel ihr ohnehin schwer, die Miene der Sekretärin zu ertragen, in der stetig ein Tadel zu liegen schien; noch schwerer war es, den Anflug eines Triumphes in ihrem Gesicht zu sehen, wenn Lisa einen Fehler gemacht hatte. Was zum Glück sehr selten vorkam.
„Sie haben da…“ setzte die Sekretärin an, doch Lisa unterbrach sie.
„Ich weiß. Ein kleines Malheur bei Starbucks. Ich habe eine Ersatzstrumpfhose hier.“
War Eleonore Wittstuhl enttäuscht? Lisa hoffte es. Sie war stolz darauf, stets auch auf unvorhergesehene Situationen vorbereitet zu sein. Auch das hatte sie von ihrem Vater gelernt. Es kann sein, dass du ins kalte Wasser springen musst. Entscheidend ist nur, dass du schwimmen kannst. Für jede Situation hatte er einen Spruch parat gehabt. Lisa wartete, bis sich die Sekretärin entfernt hatte und schüttelte den Kopf darüber, wie ihres Vaters Perle wieder angezogen war. Deren Vorliebe für pastellfarbene Twinsets und Faltenröcke, die noch dazu ihre korpulente Figur eher betonten als dass sie sie kaschierten, war der stylingerfahrenen und geschmackssicheren Lisa schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Lange halte ich das nicht mehr aus mit ihr!, ging Lisa durch den Kopf, bevor sie die unterste Schublade ihres Schreibtisches öffnete. Neben einigen Slips, Tampons und Slipeinlagen hatte sie auch immer eine originalverpackte schwarze Strumpfhose darin liegen. Lisa Krombach trug grundsätzlich nur schwarze Strumpfhosen, weil ihre Kostüme entweder schwarz, anthrazit oder grau waren. Ebenso wie ihre Pumps, die sie farblich darauf abgestimmt auswählte. Natürlich blickdichte Strumpfhosen, denn dieser Hauch von Schwarz, den sie manchmal an Frauenbeinen sah, erinnerte sie zu sehr an Beerdigungen. Das ging, rein modisch gesehen, überhaupt nicht mehr.
Mit der neuen Strumpfhose begab sie sich in das kleine Bad, das direkt neben ihrem Büro lag und das niemand außer ihr benutzte. Dort hatte sie sich neben einem Bidet auch eine Dusche einbauen lassen, weil es öfter vorkam, dass sie sich vor einem Geschäftstermin am Abend noch schnell duschen wollte.
Nach dem Tod ihres Vaters, der als gütiger Patriarch die kleine, aber exklusive Schuhmanufaktur geleitet hatte, waren die Büroräume über den Produktionsanlagen komplett umgebaut und nach neuesten Standards ausgestattet und eingerichtet worden. Das hieß in erster Linie: viel Licht und Glas, ebenso wie Grünpflanzen und kleine Ecken der Begegnung mit der Möglichkeit, Snacks und Getränke zu verzehren. Lisa Krombach verlangte von ihren Mitarbeitern zwar uneingeschränkten Einsatz, auch über das Normale hinaus, doch sie belohnte diesen nicht nur durch übertarifliche Bezahlung, sondern auch durch die Schaffung einer Arbeitsatmosphäre, die nichts zu wünschen übrigließ.
Mittlerweile war der Kaffee kalt geworden, und auch die Zeit für die Besprechung war herangekommen. Lisa warf einen letzten Blick auf die großformatige Fotografie ihres Vaters an der Wand über dem Schreibtisch, die sie noch kurz vor seinem Tod von einem Meisterfotografen hatte anfertigen lassen. Das in Schwarz-Weiß gehaltene Foto zeigte ihren Vater so, wie sie ihn stets erlebt hatte: mit einer Entschlossenheit, die sich in seinen markanten Gesichtszügen widerspiegelte, mit einer Intelligenz, von der die wachen Augen unter buschigen Brauen kündeten und mit einem Sinn für Humor, der in den unmerklich angehobenen Mundwinkeln zu ahnen war.
Leider hatte sie ihren Vater erst ein wenig besser kennengelernt, als sie selbst vor sechs Jahren nach Beendigung ihres BWL-Studiums und Praktika in einigen großen Unternehmen in die Firma eingestiegen war. Denn genauso wie bei ihr war es auch bei ihm gewesen: Die Firma ging ihm über alles. Die Familie lief nur im Hintergrund mit. Bei ihr war das nicht so tragisch, denn sie hatte selbst keine Familie. Da war niemand, der sich nach ihrem Heimkommen, ihrer Zuwendung sehnte. Dachte sie jedoch an ihre Kindheit zurück, so war da immer dieses Gefühl von Verlust. Ihr Vater hatte ihr schrecklich gefehlt. Gleichzeitig hatte sie alles versucht, um seine unausgesprochenen Erwartungen zu erfüllen. Ihre Hoffnung, sich mit guten Noten und tadellosem Benehmen die Zeit und die Liebe des Vaters zu erkaufen, hatte sich jedoch nie erfüllt.
Lisa schob die traurigen Gedanken beiseite und griff sich die Dokumente, die bereits vorbereitet auf ihrem Schreibtisch lagen. Verlangte sie von ihren Untergebenen auch Überdurchschnittliches, so legte sie an sich selbst noch höhere Maßstäbe an. Lisa Krombach war die Tochter ihres Vaters. Sie war perfekt. Sie musste perfekt sein. Alles andere wäre in ihren Augen ein Versagen gewesen.
Um den ovalen Konferenztisch saßen Eleonore Wittstuhl, der Sales Manager, Herbert Meisendreher, der Leiter des Einkaufs, Ludwig Morgenstern sowie ihr Chefdesigner Pete Miller. Meisendreher und Morgenstern hatten ebenso wie die Sekretärin schon unter ihrem Vater gearbeitet und somit quasi eine Anstellung auf Lebenszeit.
Manchmal wünschte sich Lisa, ihr Vater hätte nicht so ein familiäres Verhältnis zu seinen Angestellten gehabt. Er hatte ihr noch auf seinem Sterbebett die Zusage abgerungen, den langjährigen Mitarbeitern nicht zu kündigen, es sei denn, sie machten sich eines schweren Vergehens schuldig. Zwar hatte Lisa bisher keinen Grund, an der Leistungsfähigkeit und Loyalität der Drei zu zweifeln, doch manchmal hatte sie einfach das Gefühl, ein wenig frischer Wind würde der Traditionsfirma guttun. Umso überraschter war sie nun, als, nachdem die Termine der Woche durchgesprochen waren, ausgerechnet Herbert Meisendreher mit einem Vorschlag kam.
„Wir werden nach Vollziehung des Brexit damit rechnen müssen, einige unserer Londoner Kunden zu verlieren“, begann der kleine Mann mit der hohen Stirn, während er einen neuen Pfefferminzbonbon aus seinem Papier befreite. Das war in der Tat auch bereits Lisa klargeworden, deshalb bat sie ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung fortzufahren.
„Über die Gründe muss ich sicher nicht reden, Sie wissen alle, dass durch neue Zölle und Handelshemmnisse die Waren erheblich verteuert und der Warenverkehr außerdem komplizierter gehandelt werden muss. Außerdem ist damit zu rechnen, dass der Kursverfall des Pfundes fortschreiten wird, was unsere Waren für die Briten weiter verteuert. Daher frage ich mich, ob es nicht an der Zeit ist, sich mit dem Thema Diversifikation zu beschäftigen.“
Lisa schloss entnervt die Augen. Das Thema war nicht neu. Schon mehrmals hatte sie der Chefverkäufer dafür zu gewinnen versucht. Doch diesmal hatte der alte Fuchs sich besser vorbereitet. Er betätigte die Fernbedienung und die weiße Fläche an der Seitenwand wurde erhellt.
„Pete hat sich mal ein paar Gedanken dazu gemacht“, fuhr Meisendreher fort. An der Wand erschien ihr Modell Autumn.
Neben der Stiefelette aus senfgelben Nubukleder lag eine Handtasche aus demselben Leder und ein Gürtel mit einer Schnalle aus ziseliertem Messing in Blattoptik. Auch an der Handtasche war dieses Messingblatt am Verschluss zu sehen. Das Design gefiel Lisa, doch die Eigenmächtigkeit ihres Designers und Einkäufers ärgerte sie dennoch. Wo kämen sie hin, wenn hier jeder ohne ihre Anweisung strategische Entscheidungen treffen würde? Doch bevor sie etwas sagen konnte, rief Meisendreher das nächste Bild am Beamer auf. Es waren die rostroten Pumps aus der Vine-Linie, dazu ebenfalls eine elegante Clutch und ein schmaler Gürtel. Hier war das verbindende Element ein goldenes Kettchen mit grünem Glitzerstein. Meisendreher zeigte noch zwei weitere Beispiele und wartete dann schweigend auf die Reaktion seiner Chefin.
Lisa sah, wie Pete aufgeregt auf seinem Stuhl herumrutschte. Auf seiner Krawatte tummelten sich heute kleine Radfahrer, und nervös drehte er an den zahlreichen Ringen, die seine Finger schmückten.
„Ich freue mich immer, wenn meine Mitarbeiter mitdenken“, begann Lisa diplomatisch. „Über dieses Thema haben wir ja auch schon öfter gesprochen. Ich will auch nicht sagen, dass die Idee undurchführbar ist. Aber im Moment scheinen mir andere Themen wichtiger zu sein. Nächsten Monat ist die Messe in Mailand. Wie ich hörte, gibt es da noch einiges, was geregelt werden muss. Ich selbst werde in sechs Wochen nach Marokko fliegen, um die neuen Verträge zu unterzeichnen. Die Quartalszahlen für das letzte Quartal waren jetzt auch nicht so berauschend, das sollte sich, wenn möglich wieder ändern. Außerdem sollten wir dringend noch mal über eine Ausbildungsinitiative nachdenken. Sie wissen, dass unser größtes Kapitel gute Facharbeiter sind. Der Altersdurchschnitt bei unserer Belegschaft in der Fabrikation ist immer noch viel zu hoch. Jetzt, am Jahresbeginn, ist ein guter Zeitpunkt. Vielleicht sollten wir auch einfach mal in die Schulen gehen und dort werben. Wir haben also gerade eine Menge Baustellen, um die wir uns mit vereinten Kräften kümmern müssen. Deshalb würde ich diese Pläne erstmal auf Eis legen und vorschlagen, dass wir uns in zwei Monaten noch einmal damit auseinandersetzen. Bis dahin werde ich auch in mich gehen und versuchen, diesem Gedanken noch den ein oder anderen positiven Aspekt abzugewinnen, den ich momentan noch nicht zu sehen vermag.“
Lisa war stolz auf ihre Diplomatie, die hoffentlich dazu geführt hatte, dass sich niemand vor den Kopf gestoßen fühlte, sie jedoch das leidige Thema vorerst vom Tisch hatte. Allein die Vehemenz, mit der Meisendreher das Bonbonpapier in den Papierkorb pfefferte, zeigte ihr, dass er wütend war. Sicher hatte er sich mehr von seinem Vorstoß versprochen. Auch Pete Miller schaute etwas bedröppelt drein.
Nachdem Frau Wittstuhl sie noch einmal daran erinnert hatte, dass ihr saudi-arabischer Großkunde Scheich Ibn-Baz Anfang April anlässlich eines Klinikbesuches mit seinen vier Frauen kommen würde – beim letzten Mal waren es nur drei gewesen - beschloss Lisa die Sitzung.
Über das Problem mit Bäuerle, der nicht fristgerecht liefern konnte, wollte sie mit Morgenstern allein reden. Deshalb machte sie ihm ein Zeichen, noch einen Moment zu warten.
Nachdem sie ihm ihr Anliegen geschildert hatte, versprach Ludwig Morgenstern im Lager nachzusehen, ob ein Lederstück in der benötigten Farbe vorhanden war.
Nachdenklich kehrte Lisa in ihr Büro zurück. Dieser Scheichbesuch war stets mit erheblichem Aufwand verbunden. Nicht nur, dass der Gast mit spezieller Halal-Kost bewirtet werden musste, es waren ebenfalls immer Modelle vonnöten, die die einzelnen Schuhe vorführen mussten. Allein die Notwendigkeit, bei der neuen Frau, für die noch keine Leisten vorhanden waren, Maß zu nehmen, würde sie wieder vor ungeahnte Herausforderungen stellen. In der Werkstatt beschäftigten sie hauptsächlich Männer; die durften jedoch dem weiblichen Fuß nicht nahekommen. Also würde sie wieder die Bemessung vornehmen müssen.
Und da der Scheich jedesmal sowohl für sich als auch für seine Frauen mehrere Paare von Schuhen und Stiefeln bestellte, hieß das, Arbeit im Vierschichtsystem, um die Ware bis zur Abreise der Entourage fertigzustellen. Sie hoffte, dass es sich bei dem Grund für den Klinikaufenthalt um ein langwieriges gesundheitliches Problem und nicht nur um einen Routinecheck handelte. Denn dann würde höchstens die Zeit für eine erste Anprobe reichen, und die fertigen Schuhe müssten dann nach Saudi-Arabien geliefert werden, was wiederum einen erheblichen Aufwand und jede Menge Papierkram bedeutete.
Als Lisa gerade an ihrem Schreibtisch einige Höflichkeitsfloskeln auf Arabisch wiederholte, um für den Scheich-Besuch und ihren Marokko-Aufenthalt gewappnet zu sein, klopfte es an die Tür. Die Sekretärin – Assistentin – berichtigte sie sich selbst in Gedanken, trat ein.
„Ich wollte Sie nur daran erinnern, dass Ihre Mutter morgen Geburtstag hat. Ich habe am Nachmittag zwei Stunden für einen Besuch geblockt. Soll ich Ihnen noch ein Geschenk besorgen?“
Ihre Mutter. Lisa stöhnte innerlich auf. Ihre Mutter lebte seit zwei Jahren in einem Pflegeheim für Demenzkranke am Rande der Stadt. Wenn es ihre Zeit erlaubte, besuchte Lisa sie jedes Wochenende. Da ihr Geburtstag anstand, hatte sie am vergangenen Wochenende darauf verzichtet. Wenn jedoch Frau Wittstuhl sie nicht daran erinnert hätte, wäre das wohl untergegangen. Lisa bedankte sich bei ihr.
„Es wäre schön, wenn Sie bei Ludwigs einen Strauß bestellen würden. Irgendwas mit Dahlien, die mochte sie immer gern. Ich hole ihn dann auf dem Weg zu ihr ab.“
Eleonore Wittstuhl nickte und zog die Tür hinter sich zu. Lisa sah ihr sinnierend hinterher. Sie musste unbedingt einen Schlachtplan entwerfen, wie sie die Perle ihres Vaters loswerden konnte ohne ein Verfahren vor dem Arbeitsgericht zu riskieren und ohne dass es die Firma Unmengen kostete. Darüber würde sie baldmöglichst nachdenken müssen. Und vor allem musste sie einen Ersatz besorgen. Denn bevor sie irgendetwas zu Eleonore Wittstuhl sagte, musste eine andere oder ein anderer bereitstehen. Sonst riskierte sie, dass hier alles zusammenbrach.
Lisa schloss die Wohnungstür auf, zog die Reißverschlüsse ihrer Stiefel nach unten und schlüpfte heraus. Den Beutel mit der Nudelbox, die sie noch eben schnell beim Vietnamesen um die Ecke gekauft hatte, stellte sie auf den Küchentisch. Erstmal raus aus den Klamotten und unter die Dusche.
Als sie, eingewickelt in ihren flauschigen Bademantel und mit Frotteeschlappen an den Füßen, wieder in die Küche kam, fühlte sie sich schon viel besser. Sie goss sich ein Glas des Pinot Grigios ein, den sie am Vorabend geöffnet und in den Kühlschrank gestellt hatte, und während der Wein etwas erwärmte, schob sie die Nudeln mit Shrimps in die Mikrowelle. Ihr Blick glitt über die matt schimmernden Fronten der Küchenschränke und das Kochfeld des Induktionsherdes, den sie so gut wie nie benutzte. Selbst am Wochenende verspürte sie wenig Lust, für sich allein zu kochen. Wozu gab es einen Lieferservice? Allein in ein Restaurant zu gehen, fiel ihr dagegen nicht im Traum ein. Was gab das für ein Bild ab?
Das Klingeln zeigte ihr an, dass die Nudeln warm waren, und so begab sich Lisa mit einem Teller und ihrem Weinglas ins Wohnzimmer, wo sie es sich in ihrem Sessel bequem machte. Mit der Fernbedienung stellte sie den Fernseher an und suchte einen Nachrichtenkanal. Während sie die Nudeln wie ein Roboter in sich hineinschaufelte und ab und zu einen Schluck von ihrem Wein trank, zogen Bilder von neuerlichen Zerstörungen in den Kriegsgebieten dieser Welt auf dem Bildschirm vorbei. Naturkatastrophen, Terroranschläge, Bombardements, das war der Stoff, aus dem die täglichen Nachrichten waren. Und neuerdings die Flüchtlinge. Die Gabel stoppte auf ihrem Weg von der Kunststoffschale zu Lisas Mund. Ob sie so das Nachwuchsproblem in der Firma lösen könnte? Sie nahm sich vor, bei Gelegenheit die Durchführbarkeit zu überprüfen. Wahrscheinlich war das mit jeder Menge Papierkram und Rennerei verbunden. Andererseits könnte sie so ihr Ansehen in der Öffentlichkeit stärken. Ein Foto von ihr zusammen mit ein paar Flüchtlingen unter der Überschrift Unternehmerin Lisa Krombach wird ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht wäre keine schlechte Publicity. Lisa machte sich im Geiste eine Notiz.
Genervt schaltete sie den riesigen Flachbildschirm aus und stellte die leere Schale auf dem Glastischchen ab. Sie wickelte sich in ihre Alpakadecke ein und sann, wie so oft in letzter Zeit, über ihr Leben nach. Der Firma ging es gut, um die musste sie sich – Brexit hin oder her – keine Sorgen machen. Doch wie ging es ihr? Sie war jetzt 35, ihr Leben war, von der Firma abgesehen, nicht besonders ausgefüllt. Weder hatte sie Freunde noch ein soziales Netz. Wenn sie ins Kino oder ins Theater gehen wollte, musste sie das allein tun, und zunehmend störte sie das. Gerne hätte sie sich über eine Aufführung, einen Film oder eine Ausstellung mit jemanden unterhalten. Sie ertappte sich sogar dabei, wie sie auf ihren einsamen Spaziergängen anfing, Selbstgespräche zu führen. War sie dabei komisch zu werden?
Natürlich hatte es da in den letzten Jahren auch den ein oder anderen Mann gegeben. Doch die kurzen Beziehungen waren stets an ihren überhöhten Erwartungen oder an ihrem Engagement in der Firma gescheitert. Manch einer hatte auch versucht, aus Lisa, der ihre Selbständigkeit über alles ging, ein Hausmütterchen zu machen, die zu ihrem Mann anhimmelnd aufsah. Oder – das Gegenteil – Männer, die Männchen machten und sabberten, wenn sie nur mit dem Finger schnippte. Das konnte sie erst recht nicht brauchen. Sie hatte zwar nichts dagegen, im Rahmen gewisser sexueller Praktiken das Spiel zwischen Dominanz und Unterwerfung wechselseitig auszuprobieren; wenn es jedoch um das reale Leben ging, bevorzugte sie einen Partner, mit dem sie auf Augenhöhe kommunizieren konnte. Irgendwann war ihr das alles zu stressig gewesen, und nicht jeder, den sie in die Wüste geschickt hatte, war damit auch einverstanden. Manche hatten sich anhänglicher als Kletten erwiesen, und einer hatte sie ausdauernd gestalkt. Erst ein Gerichtsverfahren hatte an dieser Front Ruhe gebracht.
Mittlerweile war sie dazu übergegangen, sich für ihre sexuellen Bedürfnisse Call-Boys zu bestellen. Das war ohne emotionale Verwicklungen gefahrlos für sie und ein reines Geschäft. Doch gerade dieses Wissen um den Geschäftscharakter machte aus dem Sex einen reinen Dienstleistungsakt; da konnte der Call-Boy noch so sehr seinen Charme herauskehren. Sie wusste in jeder Sekunde, dass seine Komplimente Kalkül waren, dass er sie nicht deshalb in einer bestimmten Weise berührte oder vögelte, weil er wollte, dass es ihr gutging, sondern weil er quasi darauf angewiesen war, dass seine Bemühungen Erfolg hatten und sie mit ihm zufrieden war. Und in ihr war jedesmal ein schales Gefühl, wenn der junge Mann – denn meistens war er jünger als sie – sich mit einem Wangenkuss von ihr verabschiedete und etwas davon säuselte, wie schön es wieder gewesen war.
So sehr Lisa vor sich selbst auch die abgeklärte Karrierefrau herauskehrte, gelang es ihr doch nicht völlig, sich selbst zu betrügen. Die Art und Weise, wie sie ihr Sexleben gestaltete, war mehr aus der Not geboren als Folge einer freiwilligen Entscheidung. Lisa merkte zunehmend, dass sie das Bedürfnis hatte, wieder einmal zu erleben, dass ein Mann sie um ihrer selbst willen begehrte. An Liebe wagte sie dabei nicht einmal zu denken. Das wäre wohl ein bisschen zu viel verlangt.
In Minuten wie dieser, den Blick hinaus in den dunklen Himmel gerichtet, fragte sie sich, ob das tatsächlich schon alles gewesen sein, ob ihr Leben bis zum Schluss in dieser Bahn weiterlaufen sollte. Waren die Möglichkeit eines unbegrenzten Zugriffs auf Geldmittel - die sie in erster Linie für Markenklamotten ausgab - und Urlaube, wo immer sie wollte - die sie jedoch aus Zeitgründen nie antrat - wirklich das, was den Sinn ihres Lebens ausmachen sollte? Wer würde dereinst, wenn sie nicht mehr wäre, ihre Firma weiterführen? Die Früchte ihrer Arbeit ernten?
Sie erinnerte sich an einen Vorfall, den sie kurz danach wieder vergessen hatte, der aber nun erneut vor ihrem geistigen Auge erstand. Sie war auf dem Weg in die Teeküche gewesen, der Teppichboden hatte wie immer ihre Schritte gedämpft, und als sie ihren Namen gehört hatte, war sie vor der Tür stehengeblieben. Drinnen unterhielt sich Ludwig Morgenstern, ihr Einkaufsleiter, mit Eleonore Wittstuhl.
„Sie ist ja nicht mehr die Jüngste. Ich frage mich, wann sie endlich mal einen Mann an Land zieht und einen Nachfolger produziert“, tönte die Stimme der Sekretärin.
„Was soll aus der Firma werden, wenn sie allein bleibt?“, erwiderte Morgenstern. Tassen klapperten. Die Kaffeemaschine zischte.
„So hat das ihr Vater sicher nicht gewollt“, war wieder die Stimme der Sekretärin zu hören.
„Uns kann es egal sein“, warf Morgenstern ein, „bis es so weit ist, sind wir längst in Rente. Aber der Alte würde sich im Grabe rumdrehen, wenn die Firma irgendwann verkauft würde und womöglich von so einer Heuschrecke ausgeschlachtet.“
Löffel klapperten am Porzellan, und Lisa lief schnell den Gang entlang und verschwand im Fahrstuhl. Dort hatte sie minutenlang an der kühlen Metallwand gelehnt und gewartet, bis sich ihr Atem wieder beruhigt hatte. Was redeten die Leute in der Firma noch über sie? Dass sie eine alte Jungfer war und niemand mehr abbekam, der ihr ein Kind machen konnte? Dass sie das Erbe ihres Vaters aufs Spiel setzte? Dieses Gespräch hatte noch lange in ihr nachgehallt, bevor sie es endgültig verdrängt hatte. So weit käme es noch! Dass sie sich von ihren Untergebenen ihr Privatleben vorschreiben ließe!
Nun jedoch drängte sich der Gedanke an ein Kind erneut in ihre Überlegungen. Wahrscheinlich waren daran bestimmte Hormone schuld, die berühmte biologische Uhr, die bei ihr schon ziemlich laut tickte. Was wäre, wenn sie ein Kind hätte, das am Abend auf sie wartete? Das sie liebte und von ihr geliebt wurde? Das die Kälte aus ihrer durchgestylten Wohnung vertrieb und aus ihr ein gemütliches Heim machte?
Klar, sie würde natürlich bald nach der Geburt wieder mit Arbeiten anfangen, doch wozu gab es Nannys? Geld dafür war genug da. Lisa grübelte. War sie wirklich bereit dazu? Ihr kam die Szene aus dem Starbucks am Morgen in den Sinn. Wieso hatte sie eigentlich so überreagiert? Der Kleine war doch ganz süß gewesen. Würde sie ihr Kind besser im Griff haben? Konnte sie ausschließen, dass ihr so etwas ebenfalls passierte? Eignete sie sich wirklich für eine Mutterschaft und die damit verbundene Verantwortung?
Was würde eine Schwangerschaft mit ihrer Figur machen? Wie würde sie die neun Monate, die ja eigentlich zehn waren, überstehen? Und woher – und das war die wichtigste aller Fragen – woher sollte sie den Erzeuger nehmen? Samenspende war in Deutschland für Single-Frauen nicht erlaubt, das hatte sie schon herausgefunden. Sollte sie einfach in Bars auf Jagd nach einem geeigneten Spender gehen? Nein, das war zu gefährlich. Wer sah es schon einem Menschen an, ob er gesund war, ob nicht irgendwelche Erbkrankheiten in seiner Familie vorkamen oder er sogar an Aids erkrankt war, vielleicht ohne es zu wissen. Das Einzige, was infrage kam, war eine Befruchtung in einem Land, wo dies gesetzlich erlaubt war.
Warum eigentlich nicht? Warum sollte so eine wichtige Sache nicht genauso geplant und durchgezogen werden können wie ein Geschäft? Lisa ging in die Küche und schenkte sich den Rest aus der Weinflasche ein. Platz hatte sie in der Wohnung mehr als genug. Die 150 Quadratmeter waren auf fünf Zimmer verteilt, von denen eins gut als Kinderzimmer fungieren konnte.
Lisa ging in ihr Arbeitszimmer und fuhr ihr MacBook hoch. Sie wollte gleich recherchieren, wo genau sie diese Befruchtung vornehmen lassen konnte. Neben Kliniken in Prag, Spanien und Dänemark wurden ihr auch mehrere in den Niederlanden vorgeschlagen, die sie sich näher ansah. Was sie bei einer der angezeigten holländischen Kliniken überzeugte, war die Zusammenarbeit dieser Klinik mit einer Samenbank. Dort würde sie neben der Krankengeschichte des Spenders auch andere Basisinformationen wie Familiengeschichte, Kinderfotos und Interessen erhalten.
Außerdem machte diese Klinik bei den Samenspendern eine sogenannte DNA-Fragmentation, mit Hilfe derer die Wahrscheinlichkeit, eine Empfängnis zu erzielen, erhöht wurde. Wie Lisa las, wurde durch dieses Screening eine um 20 Prozent höhere Chance für erfolgreiche Schwangerschaften – ohne Abbrüche – erzielt.
Die angegebenen Gebühren von etwa 1000 Euro, inklusive Samenspende pro Versuch, vermochten Lisa nicht abzuschrecken.
Allerdings waren einige Abklärungen bei ihrer Gynäkologin im Vorfeld erforderlich. Sogleich notierte sie sich in ihrem Smartphone für den nächsten Tag ein Telefonat mit ihrer Ärztin, in dem sie ihr kurz ihr Anliegen schildern und einen Termin vereinbaren würde. Beim Lesen des Abschnittes über die Vorbereitung der Insemination wurde Lisa bewusst, dass sie, sobald sie sich dafür entschieden hatte, auf Alkohol würde verzichten müssen. Zum Glück rauchte sie nicht, doch das ein oder andere Glas Wein, mit dem sie sich den Feierabend versüßte oder die Getränke während der vielen Geschäftsessen würden ihr schon fehlen. Aber so war es mit vielen Dingen. Wenn man etwas unbedingt wollte, musste man manchmal Opfer bringen. Es war auch hier eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung. Und da sie sowieso nicht vorhatte zu stillen, würde sich die Abstinenz lediglich auf etwa elf Monate beschränken, je nachdem, wie viele Inseminationsversuche sie würde machen müssen. Denn dass es gleich beim ersten Mal klappte, davon ging Lisa, die während ihres BWL-Studiums genug von Wahrscheinlichkeiten gehört hatte, nicht aus.
Sie speicherte sich den Link zur Seite der Klinik in einem Extra-Dokument ab, das sie Projekt Kind nannte, und fuhr den Laptop herunter. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es eigentlich schon wieder viel zu spät geworden war. Gähnend begab sie sich ins Bad, um die Zähne zu putzen und ihre reichhaltige Nachtcreme aufzutragen. Dann nahm sie eine ihrer trizyklischen Antidepressiva, ohne die sie nicht einschlafen konnte und legte sich in ihr großes Bett. Mit den Gedanken an ein Baby, das sie freudig glucksend mit einem Lächeln am Ende eines Arbeitstages zu Hause empfangen würde, schlief sie ein.
Lisa lenkte den silbergrauen Porsche 718 Boxster auf den Besucherparkplatz des Pflegeheims. So geil sich die 300 PS auch fahren ließen, so schlecht kam sie aus dem Geschoss wieder raus. Es war schlicht ein Unding, in engem Rock und hochhackigen Stiefeln elegant auszusteigen. Vielleicht sollte ich mir doch langsam ein Auto mit erhöhtem Einstieg zulegen, sinnierte sie. Doch alles, was sie daran erinnerte, dass auch sie älter wurde, verursachte ihr schlechte Laune. So ging es ihr auch immer, wenn sie ihre demente Mutter besuchte. Wer wusste schon, was ihr selbst an ihrem Lebensende blühte. Und ob dann jemand da war, der sie besuchte, war auch noch die Frage. Immerhin hatte Lisa heute, um die Chancen für diesen Fall zu erhöhen, einen Termin mit ihrer Gynäkologin gemacht.
Lisa ging um das Cabrio herum und öffnete die Beifahrertür. Sie nahm den in Folie verpackten Strauß mit Dalien heraus und gab der Tür einen Tritt mit ihrem Stiefel. Nachdem sie die Fernbedienung betätigt hatte, machte sie sich auf den Weg zur Station, auf der ihre Mutter untergebracht war. Ob sie mich heute erkennt?, fragte sich Lisa wie jedes Mal.
Die Stationsschwester kam ihr lächelnd entgegen. „Frau Krombach, Sie haben Glück. Heute hat Ihre Mutter einen ganz ausgezeichneten Tag.“ Lisa rang sich ein Lächeln ab. „Könnten Sie mir eine Vase für die Blumen besorgen?“
Die Schwester, deren Namen sich Lisa nicht merken konnte, eilte davon. Lisa klopfte an die Tür, hinter der ihre Mutter ein Appartement bewohnte. Ein munteres „Herein, wenn‘s kein Schuster ist!“ erklang.
Noch einmal atmete Lisa tief durch und öffnete die Tür. Ihre Mutter saß in ihrem Lieblingskleid auf dem Sessel, den sie, wie alle Möbel in diesem Zimmer, aus der Villa mitgenommen hatte. Lediglich das Bett war einem hydraulischen Pflegebett gewichen. Beim Friseur schien sie auch gewesen zu sein, denn ihre weißen Locken waren fachmännisch gelegt und glänzten matt. Um den Hals trug sie ihre Perlenkette und auch ihr Chanel hatte sie aufgelegt, wie Lisa registrierte, als sie sich zu ihr hinunterbeugte, um sie auf die Wange zu küssen.
„Herzlichen Glückwunsch, Mama“, sagte sie und hielt ihr die Blumen hin. Wie auf ein Zeichen klopfte es und die Schwester kam mit einer wassergefüllten Kristallvase in der Hand ins Zimmer.
„Danke“, sagte Lisa und befreite den Strauß vom Zellophan. Dann stellte sie die Blumen in die Vase und drapierte sie, bis der Strauß von allen Seiten gleichmäßig wirkte.
„Wo willst du ihn haben?“
Lisas Mutter zeigte auf den kleinen Beistelltisch neben der Heizung.
„Dankeschön. Es ist lieb von dir, dass du meinen Geburtstag nicht vergisst und mir immer meine Lieblingsblumen mitbringst.“
Lisa setzte sich auf den anderen Sessel.
„Wie geht es dir?“
Die alte Frau blinzelte hinter ihrer Brille. „Wie soll es mir schon gehen? Tagein taugaus dasselbe Programm. Wozu bin ich überhaupt noch nütze?“
Was sollte Lisa darauf sagen? Manchmal war es ihr lieber, wenn ihre Mutter nicht mehr wusste, wen sie vor sich hatte. Mit ihrem Lebensüberdruss konnte Lisa nur schlecht umgehen.
„Sag mir lieber, wie es dir geht? Was macht die Firma? Läuft alles nach Wunsch?“
Lisa erzählte von ihrer bevorstehenden Reise nach Marokko und vom demnächst stattfindenden Besuch des Scheichs. Dabei bemerkte sie, wie sich das Gesicht ihrer Mutter verzog, als habe sie auf eine Zitrone gebissen. Das war Lisa schon öfter aufgefallen, wenn es um Marokko gegangen war.
„Dein Vater wäre stolz auf dich“, sagte ihre Mutter jetzt, und Lisa hoffte, dass das stimmte. „Du weißt ja, dass er sich immer einen Stammhalter gewünscht hat, doch in seinen letzten Jahren hat er gesehen, dass du genauso gut wie ein Junge sein Vermächtnis fortführen kannst.“
Lisa schmerzten diese Worte und der Gedanke, die Erwartungen ihres Vaters in dieser Hinsicht nicht erfüllt zu haben, noch immer. Doch was konnte sie dafür, dass bei ihr das Y-Chromosom gefehlt hatte? Ein Chromosom, das nur ihr Vater hätte beisteuern können. War sie deshalb ein schlechterer Mensch? Leistete sie deshalb weniger? Es war nicht nur die viele Arbeit in der Firma gewesen, weshalb sie von ihrem Vater mehr oder weniger ignoriert worden war. Er konnte schlicht nichts mit einem Mädchen anfangen. Da mochte sie sich noch sehr bemühen, seinen Anforderungen gerecht zu werden. Bestleistungen in Schule und während des Studiums waren selbstverständlich und keiner Erwähnung wert. Erst ihre Arbeit in der Firma hatte sie in den letzten Jahren etwas näher zueinander gebracht. Vielleicht hätte ich mich ohne ihn nicht einmal für ein BWL-Studium entschieden, dachte Lisa nicht zum ersten Mal. Doch wäre sie dann glücklicher gewesen? Ihre Mutter riss sie aus ihren Gedanken.
„Wie sieht es denn bei dir mit Nachwuchs aus? Hast du mittlerweile einen Freund?“
Lisa verdrehte innerlich die Augen. Ihr war schon klar, dass ihre Mutter hoffte, in einem ihrer seltenen klaren Momente noch ihr Enkelkind auf dem Schoß halten zu können. Und so, wie es im Moment aussah, bestanden dafür durchaus ernstzunehmende Chancen. Auch ohne Mann. Doch das sagte sie ihrer Mutter natürlich nicht.
„Mama, du weißt doch, dass ich im Prinzip neben der Firma keine Zeit für Familie habe. Bei euch war das anders, da hast du den Laden zu Hause geschmissen. Aber wie sollte das bei mir laufen? Soll ich mir einen suchen, der zu Hause bleibt wie du und aufs Kind aufpasst? Ehrlich gesagt, würde mir so ein Mann nicht gefallen.“
Die alte Frau seufzte. „Ja, ja, du hast ja recht. Ich hätte mir manches auch anders gewünscht. Es ist nicht immer leicht gewesen, mit allem allein gelassen zu werden. Aber so war es damals halt. Dein Vater hätte mich, glaub ich, rausgeworfen, wenn ich nur den Gedanken an Kindergarten oder Tagesmutter geäußert hätte, um arbeiten zu gehen. Heute ist das alles ja ganz anders. Aber ob es besser ist, wenn man die kleinen Würmchen schon mit einem Jahr oder noch früher in so eine Kita gibt, ich weiß es nicht. Ein so kleines Kind braucht doch noch am meisten seine Mutter.“
Lisa hatte sich noch keine abschließende Meinung zu diesem Thema gebildet. Kita würde für ihr Kind sowieso nicht in Frage kommen. Allerhöchstens eine Frau, die sich allein um ihr Kind kümmerte. In den Kindergarten käme es noch früh genug.
„Wollen wir ein bisschen im Park spazieren gehen? Es ist so schönes Wetter draußen“, versuchte Lisa ihre Mutter abzulenken. Sie hatte das Gefühl, in dem vollgestellten Raum, inmitten von Familienfotos und Meißner-Porzellan-Figuren keine Luft mehr zu bekommen.
„Na gut, du hast ja recht. Wer weiß, wie lange ich noch auf meinen eigenen Beinen und ohne Rollator laufen kann.“ Lisa half ihrer Mutter, die Jacke und die Schuhe anzuziehen und reichte ihr den Arm, an dem sich die alte Frau festhielt. Dann gingen sie langsam aus dem Haus und über die gekiesten Wege des großzügigen Parks. Lisa hatte für ihre Mutter das beste Heim ausgewählt, das in der Stadt zu finden war.
Trotzdem kämpfte sie öfter als ihr lieb war mit Schuldgefühlen à la: Du hast sie nur abgeschoben. Realistisch betrachtet war ihre Mutter jedoch nach dem Tod des Vaters nach und nach verwirrter geworden. Vielleicht war sie es auch schon vorher gewesen, ihr Mann hatte ihr möglicherweise noch ein wenig Halt gegeben. Oder du hast die Verantwortung auf ihn abschieben können, ließ sich ihre kritische innere Stimme vernehmen.
Nachdem die alte Dame mehrmals außerhalb des Hauses orientierungslos aufgegriffen wurde und einmal durch eine unbeaufsichtigte Kerze fast ein Wohnungsbrand verursacht worden wäre, sah Lisa den Moment gekommen, eine Entscheidung zu treffen. Da sie nicht bereit war, ihr gesamtes Leben der Pflege und Beaufsichtigung ihrer Mutter zu widmen, war nur ein Heim in Frage gekommen.
Auf den Wegen des Parks begegneten ihnen einige der anderen Heimbewohner, die teilweise von Familienangehörigen, teilweise von Pflegepersonal begleitet wurden. Ihre Mutter grüßte den ein oder anderen, und Lisa hatte durchaus das Gefühl, dass sie sich dort heimisch fühlte. Die Schwestern hatten Lisa erzählt, dass sie regelmäßig an den Singstunden teilnahm und gern bastelte und malte. Werde ich auch einmal in so einem Heim enden?, fragte sich Lisa. Und spielte es für die Beantwortung dieser Frage überhaupt eine Rolle, ob sie ein Kind haben oder kinderlos bleiben würde?
„Wann kann ich denn wieder nach Hause?“, fragte ihre Mutter plötzlich, und Lisa wusste, dass die hellen Momente vorbei waren. Wie stets tat es ihr auch jetzt in der Seele weh, den geistigen Verfall ihrer Mutter mitansehen zu müssen.
„Bald, Mama, bald“, log sie. Denn die Tatsache, dass es keine Villa mehr gab, in die ihre Mutter hätte zurückkehren können, behielt Lisa lieber für sich. Für sie war von vornherein klar gewesen, dass sie nicht in die Familienvilla ziehen würde. In diesem alten Gemäuer würde sie immer das Gefühl haben zu ersticken. Und andere Verwandte gab es nicht. Also musste der alte Kasten ausgeräumt und verkauft werden, und allein dieser Akt hatte dafür gesorgt, dass sie fast einen Burnout bekommen hatte. Noch immer vermied sie es, in dem Viertel oder gar an ihrem ehemaligen Elternhaus vorbeizufahren. Das ertrug sie nicht. Die Vernunft war das eine, die Gefühle ließen sich nicht so einfach abstellen. Und auf Zweifel, ob es richtig gewesen war, die Villa zu verkaufen, konnte sie gut und gerne verzichten.
Zum Abschluss ihres Besuches tranken sie in der Caféteria einen Kaffee und aßen dazu den mitgebrachten Kuchen von einer Edelbäckerei. Lisas Mutter schien guter Dinge zu sein, als sie sich von ihr verabschiedete. Vom Fenster aus winkte sie ihr zu, als sie zum Parkplatz ging.
An diesem Abend kam Lisa nicht so deprimiert wie sonst vom Besuch ihrer Mutter zurück in ihre Wohnung. Sie nickte dem Concierge freundlich zu und trat in den Fahrstuhl. Unterwegs hatte sie noch einige Antipasti beim Feinkostladen eingekauft und freute sich auf einen entspannten Abend.
Nachdem sie die Köstlichkeiten zusammen mit frischem Baguette und zwei Gläsern Weißwein verzehrt hatte, begab sie sich in ihr Arbeitszimmer, um ein wenig im Netz zu surfen. Alle paar Wochen gab sie die Suchbegriffe rahmengenähte Schuhe und handgenähte Schuhe sowie ein paar ähnliche Begriffe ein und las, was die Suchmaschine ihr dazu anzeigte. Das waren sowohl ihre eigene Website, die dringend einer Auffrischung bedurfte sowie die Seiten der Konkurrenz. Auf YouTube fanden sich Filmchen zur Herstellung oder über alte Handwerksbetriebe, die dieses traditionelle Geschäft schon über Generationen betrieben. Es war Lisa wichtig, auf dem Laufenden zu bleiben.
Diesmal wurde ihr auf der zweiten Seite ein Blog angezeigt, den sie noch nicht kannte. Style&More nannte er sich, und Lisa klickte interessiert auf den Link. Das Design der Seite war minimalistisch mit wenig Farbe gestaltet. Geschmackvolle Schwarz-Weiß-Fotos von hippen Twenties überwogen. Lisa scrollte sich durch die Texte. Da ging es um das neue Szene-Lokal, die aktuellen Musthaves und solche Fragen wie: Sollte Mann in den Barber-Shop gehen, um In zu sein? Oder: In neuen weißen Sneakern feiern gehen? Der Schreibstil war witzig und pointiert, so wie es Lisa mochte, selbst aber nie hinbekam. Und da war auch der Blogbeitrag, dessentwegen ihr die Website angezeigt worden war. Warum die Wahrscheinlichkeit höher ist, ein handgenähtes Paar Schuhe länger zu haben als eine Frau. Lisa las, was der Autor zu diesem Thema zusammengetragen hatte. Seine Angaben stimmten; er hatte eine kleine Schuhmanufaktur besucht. Seine Ausführungen gaben seine Begeisterung für das alte Handwerk wieder. Lisa ging ins Impressum und notierte sich den Namen. Torben Meister. Nomen est Omen ging ihr durch den Kopf. Dann öffnete sie die Seite von Xing, da sie auf dem Blog keine weiteren Angaben zum Ersteller des Blogs gefunden hatte. Auch dort gab sie den Namen ein. Und tatsächlich, da war er! Torben Meister, 30 Jahre, Bachelor in Medienwissenschaften und Allgemeiner Rhetorik, Master in Unternehmenskommunikation. Praktika in verschiedenen Firmen. Auf der Suche nach einem Job. Hatte sie hier die Nadel im Heuhaufen, den Ersatz für Eleonore Wittstuhl gefunden? Auf dem Foto sah er sympathisch und vorzeigbar aus. Wieso kein Mann? fragte sich Lisa, die bei der Besetzung der Stelle zunächst an eine Frau gedacht hatte. Doch bereits die Überlegung, auf welches Alter sie sich festlegen sollte, hatte ihr Probleme bereitet. Wäre sie zu jung, würde sie vermutlich schon bald wegen Schwangerschaft wieder ausfallen. Hätte sie bereits Kinder, wäre sie womöglich öfter wegen der Kinder krank. Am besten jenseits der 40 hatte sie gedacht, dann hätte sie genügend Berufserfahrung und die akute Kinderphase wäre auch vorbei. Doch bei den Frauen, die in diesem Alter noch auf dem Arbeitsmarkt waren, konnte sie davon ausgehen, dass sie nicht ohne Grund keine Arbeit hatten. Außerdem war die Lernfähigkeit ab einem bestimmten Alter begrenzt. Lisa musste sich ehrlichkeitshalber eingestehen, dass es da noch einen anderen Grund gab, der gegen die Einstellung einer Frau sprach. Sie waren ein fast reiner Männerbetrieb. Eine Frau, noch dazu, wenn sie vielleicht attraktiv war, konnte da schnell Unruhe hereinbringen. Meisendreher und Morgenstern waren zwar, soweit das Lisa bekannt war, glücklich verheiratet und Pete war schwul, doch wie sich die Anwesenheit einer jungen Frau auf den Hormonhaushalt der Männer auswirkte, wollte Lisa lieber nicht austesten. Schließlich befanden sich die Beiden in einem Alter, in dem normalerweise die gefürchtete Midlifecrisis zuschlug.
Mit einem männlichen Sekretär, der dann natürlich ein Assistent sein würde, hätte sie all diese Klippen elegant umschifft. Fragte sich nur, ob sie so einem top ausgebildeten Mann genug bieten konnte, damit er ihr Angebot in Betracht ziehen würde. Und da war ja auch noch das Problem mit Eleonore Wittstuhl. Sie würde es so regeln müssen, dass sie ihr den Neuen als Arbeitserleichterung und Unterstützung verkaufen konnte.
Mach dir keine Gedanken über ungelegte Eier! Das würde ihre Mutter jetzt sagen, und Lisa setzte für sich hinzu: Ein Schritt nach dem anderen. Wer wusste schon, ob Torben Meister noch immer nach einer Stelle suchte oder nur versäumt hatte, seinen Eintrag bei Xing zu löschen. Sollte sie ihm eine Mail schreiben, oder ihn gleich anrufen?
