Das Meer singt für dich - Natascha Schwarz - E-Book
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Das Meer singt für dich E-Book

Natascha Schwarz

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Beschreibung

Lass die Vergangenheit hinter dir und öffne dich der Zukunft! Das nimmt sich die 27-jährige Isabell vor, als sie nach einem schweren Schicksalsschlag in den Norden Teneriffas fliegt. Hier erlebt sie auf dem Surfbrett das Gefühl der grenzenlosen Freiheit im Spiel mit den Wellen. Und beim Wandern in der grandiosen Landschaft des Anaga-Gebirges wird sie geerdet und kann sich von der Last der Erinnerung befreien. Doch auch der Biobauer Pablo, dem das Leben ebenso übel mitgespielt hat wie ihr, zeigt Isabell, dass es trotz allem Dinge gibt, für die sich ein Weiterleben lohnt.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Natascha Schwarz

 

 

 

Das Meer singt für dich

 

 

 

 

1. digitale Auflage 2018

© 2018 Natascha Schwarz

Wiebelstraße 6, 04315 Leipzig

[email protected]

www.autorin-cornelia-lotter.de

 

E-Book Erstellung: www.mybookMakeUp.com

Covergestaltung: Tanja Prokop

Covermotive:pixabay.com

 

Alle Rechte vorbehalten!

Nachdruck, auch auszugsweise,

nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Epilog

Nachwort

Leseprobe “Absturz ins Leben“

Das Buch

 

 

Wie sehr kann ein schmerzlicher Verlust ein Leben bestimmen?

Die 27-jährige Isabell flieht nach einem schweren Schicksalsschlag auf eine Insel. Hier, im Norden Teneriffas, lernt sie den Biobauern Pablo kennen und entdeckt ihre Liebe zum Surfen. Sie muss eine schwierige Entscheidung treffen: Soll sie es wagen, alles hinter sich zu lassen und ihr Leben in einem anderen Land noch einmal ohne die Lasten der Vergangenheit zu beginnen?

Doch auch hier hat das Schicksal für sie schon die Entscheidung getroffen.

Prolog

 

 

In meinen Träumen sehe ich sie heute noch: Ihren winzigen Körper, der sich in meine Armbeuge schmiegt. Die geschlossenen Augen mit dem dunklen Wimpernkranz, das Stupsnäschen und den perfekt geformten Mund. Noch immer schmerzt es mich, dass wir damals kein Foto gemacht haben. Zwar ist die Erinnerung an meine wunderschöne Tochter noch lebendig, doch irgendwann wird auch sie verblassen. Und was bleibt dann noch?

Die Plattitüden wohlmeinender, aber ebenso hilfloser Menschen aus Familie, Freundes- und Kollegenkreis, haben mir genauso wenig geholfen wie die Psychotherapie, die mir angetragen worden war. Schließlich ging das Leben ja weiter. Und da musste ich irgendwann wieder funktionieren. Das fand mein Chef, und das fand auch mein Freund.

Nun liegt die Geburt ein knappes halbes Jahr zurück und ich habe spontan beschlossen, an einen Ort zu fliegen, der mich schon früher fasziniert hat: Nach Teneriffa. Diesmal aber nicht in den Süden, an die weitläufigen Sandstrände, sondern in den grünen Norden. Vielleicht finde ich dort die Ruhe und Gelassenheit, die ich für ein Weiterleben brauche.

Vielleicht kann ich dort wieder zu mir selbst finden. Und eine Antwort auf die Frage, ob es im Leben noch einen Sinn gibt für mich.

1. Kapitel

 

 

 

Die Ferienwohnung, die sich Isabell gemietet hatte, lag direkt am Atlantik. Eine große Terrasse lud zum Sonnenbaden ein, und die Piscina natural, das Meerwasserschwimmbecken, war über eine steile Treppe zu erreichen. Unterhalb des Hauses zog sich eine Promenade mit Bänken entlang, an der einige kleine Lokale ihre Meeresfrüchte und frischen Fisch anboten.

Gleich nachdem sie ihren Koffer neben dem Bett abgestellt hatte, trat sie hinaus an die niedrige Brüstung und blickte über das Meer.

Direkt unter ihr glitten Surfer auf ihren Boards elegant über das Wasser. Dieser Sport hatte Isabell schon immer fasziniert. Allerdings bezweifelte sie, dass sie dazu in der Lage wäre, auf so einem Brett zu stehen und auf den Wellen dem Ufer entgegenzugleiten.

Die Sonne war gerade dabei unterzugehen und zauberte auf die schmalen Wolkenstreifen, die sich am Horizont gebildet hatten, ein Farbenspiel aus Gold und Purpur. Wie gebannt verfolgte Isabell das Herabsinken der Sonne, bis diese blutrot im Meer verschwand. Noch lange war der Himmel vom Nachglühen des Naturschauspiels rosig überzogen. Dann senkte sich langsam die Dämmerung herab. Isabell ging zurück in ihr Zimmer und öffnete den Koffer. Sie hatte sich auf das Nötigste beschränkt, wollte sie doch hier oben im Norden der Insel in erster Linie wandern und keinen Modelwettbewerb gewinnen.

Ihr knurrender Magen signalisierte ihr, dass es Zeit war, sich um etwas Essbares zu kümmern. Die Knoblauchdüfte, die von einem der rustikalen Lokale nach oben zogen, wiesen ihr den Weg. Sie ging links herum, wo sie von der Terrasse aus einen kleinen Fischerhafen ausgemacht hatte. Bar Cofradia de Pescadores war auf einem großen Schild zu lesen.

Unter einem weißen Stoffdach saßen auf roten Kunststoffstühlen bereits Einheimische und Touristen, und ein Gewirr aus deutschen, spanischen und englischen Wortfetzen erfüllte die Luft. Sie konnte ein paar Brocken Spanisch, seit sie vor Jahren einmal zwei Volkshochschulkurse besucht hatte. Ihr Wörterbuch hatte sie eingesteckt, und so hoffte sie, hier einigermaßen durchzukommen. Dass nicht alle Leute Englisch verstanden und sprachen, hatte sie schon bei früheren Spanischurlauben bemerkt.

Isabell setzte sich an einen der wenigen noch freien Zweiertische direkt an der niedrigen Mauer, die aus den für diese Gegend typischen schwarzen Basaltbruchsteinen erbaut war und nahm die in Plastik eingeschweißte Karte zur Hand, in der die Gerichte auf Deutsch aufgeführt waren. Ziegenfleisch, das hörte sich gut an. Das gab es in Deutschland nicht in den Restaurants. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, im Ausland immer das zu essen, was es zu Hause nicht oder kaum gab. Wozu sonst reiste sie? Sie konnte die Touristen nicht verstehen, die sich in Spanien Schnitzel bestellten, wo der frische Fisch direkt neben dem Lokal aus dem Meer kam. Doch auf Fisch hatte sie heute keinen Appetit. Sie würde noch genug Gelegenheit haben, auch ihren Fischhunger zu stillen.

Die Kellnerin kam und fragte nach ihren Wünschen. Isabell bestellte zum Fleisch Papas arrugadas, in der Schale mit viel Salz gegarte kanarische Kartoffeln. Sie liebte Kartoffeln. Ihretwegen konnte es jeden Tag Kartoffeln geben. Dazu Mojo, die aus Kräutern, Knoblauch und Öl bestehende Soße, die für die Kanaren so typisch war. Die Frage nach Pan, das hier zu jedem Essen gereicht wurde, verneinte sie.

Der Rotwein kam und war viel zu kalt. Doch vielleicht war das hier wegen der warmen Temperaturen so üblich.

Isabell sah hinunter auf den kleinen Hafen, wo noch geschäftiges Treiben herrschte. Ein blauer Kran diente wohl zum Einsetzen der Boote. Die Fischer arbeiteten an ihren großen Reusen oder hielten neben ihren Kähnen ein Schwätzchen. Die Rauchwolken ihrer Zigaretten zogen zu ihr hinauf. Doch im Gegensatz zu sonst störte sie der Rauch nicht. Der Himmel wurde allmählich dunkel, und die ersten Sterne zeigten sich. Sternenkinder, so wurden jene Wesen genannt, die noch vor der Geburt starben. Ein poetischer Name für etwas so Schreckliches.

Isabell verscheuchte die Gedanken an das vollkommene Geschöpf in ihren Armen. Vollkommen, bis auf die Tatsache, dass es nicht atmete. War es jetzt da oben im Himmel und sah auf sie hinunter? Spürte es ihr Leid und ihre Sehnsucht?

Vom Nebentisch klang fröhliches Kauderwelsch zu ihr. Die jungen Leute schienen sich gut zu amüsieren. Isabell ertappte sich dabei, wie sie die jungen Frauen und Männer beneidete. Sie war nur einige Jahre älter – wenn überhaupt. Was wusste sie schon vom Leben dieser Menschen? Vielleicht war auch unter ihnen eine Frau, die schon Schlimmes in ihrem kurzen Leben durchgemacht hatte.

Isabell wandte sich der ovalen Platte zu, die die Kellnerin gerade auf dem Tisch abgestellt hatte. Links befand sich ein Haufen Salat, den sie grundsätzlich nicht am Abend aß und rechts ein Berg bleicher Pommes Frites, die sie überhaupt nicht mochte. In der Mitte lagen die kurzgebratenen Fleischscheiben. Isabell hatte sich das Gericht etwas anders vorgestellt. Und ihr erster Fleischbissen ließ sie daran zweifeln, dass es sich hierbei um Ziegenfleisch handelte. Eher schien es die Schweinelende zu sein, die sich auf der Speisekarte eine Position weiter oben befand. Schweinelende, die sie oft zu Hause briet, allerdings in doppelt so starken Scheiben, die deshalb auch wesentlich zarter gerieten als das, was sie da auf dem Teller hatte. Da sie unter Umständen das Lokal noch öfter während ihres Aufenthaltes besuchen würde, entschied sie – auch wegen ihrer für solche Zwecke unzureichend ausgeprägten Kenntnisse der Landessprache – nicht zu reklamieren. Stattdessen hielt sie sich an die Kartoffeln und die Salsa verde. Die Platte war noch fast voll, als sich Isabell gesättigt zurücklehnte und dem Kellner winkte. Der schaute erstaunt auf den Teller. „Too much“, sagte Isabell. Sie verlangte die Rechnung. Als der Kassenzettel auf dem kleinen runden Plastiktellerchen vor ihr lag, sah sie, dass ihr tatsächlich die Lende, die sie nicht bestellt, aber wohl gegessen hatte, in Rechnung gestellt worden war. Und sie war um einiges teurer als das Ziegenfleisch. Also fasste sie sich doch ein Herz und versuchte dem Kellner klarzumachen, dass da ein Fehler vorlag. Er akzeptierte ihre Reklamation ohne Probleme und brachte eine neue Rechnung.

Isabell legte das Geld auf das Tellerchen und erhob sich. Es war empfindlich frisch geworden, und sie fröstelte. Die Flut hatte jetzt ihren Höchststand erreicht, und das Wasser brauste mit ohrenbetäubender Lautstärke gegen die Felsen. Ihre Befürchtung, bei dem ungewohnten Lärm nicht schlafen zu können, erfüllte sich jedoch nicht. Kaum hatte ihr Kopf das Kissen berührt, war sie schon eingeschlafen.

2. Kapitel

 

 

 

Die Nacht war vom Rauschen des Meeres erfüllt. Es schien so nah, als würde es jeden Moment in ihr Zimmer schwappen. Mächtig toste es an die Küste. Das Brandungsrauschen verfolgte sie bis in ihre Träume und untermalte diese wie die Tonspur eines Filmes. Träume von Sternen und fernen Galaxien. Träume von Babys und winkenden Händen. Immer wieder dieselben Träume, die sie schon monatelang zu Hause geträumt hatte. Wann würde das endlich aufhören?

Das Krähen des Hahnes beendete eine unruhige Nacht. Isabell stand schlaftrunken auf und schloss die Terrassentür. Draußen war es noch dunkel. Die Hähne hier schienen Frühaufsteher zu sein. Dazu zählte sie nicht. Erst recht nicht im Urlaub. Isabell kuschelte sie sich erneut in ihre Bettdecke und dämmerte dem Morgen entgegen.

Sie musste einkaufen. Doch sie hatte ganz vergessen, dass heute, am 1. Mai, auch hier Feiertag war und deshalb die Geschäfte geschlossen hatten. Also Frühstück in einem Café. An der Promenade hatte sie ein Restaurant gesehen, das sie nun ansteuerte in der Hoffnung, dort einen starken Kaffee und ein Croissant zu bekommen. Isabell hatte Glück. Vor der La Caseta standen schon kleine Metalltische und -stühle draußen, und nur wenige Menschen saßen dort.

Sie bestellte Cappuccino und ein Croissant und widmete sich ihrem Reiseführer, um eine Wanderroute für den heutigen Tag herauszusuchen. Der Himmel war bewölkt, es war nicht allzu warm, ideales Wanderwetter. Sie fand eine Strecke, die vom Nachbarort hinein in das Anaga-Gebirge, entlang einer Schlucht und dann hinunter bis nach Tegueste ging. Im Reiseführer war sie als wenig anspruchsvoll, also gerade richtig für sie, ausgeschildert. Der Cappuccino wurde hier mit Sahne serviert, was sie jedoch nicht störte. Nachdem sie gefrühstückt und dabei den Blick aufs Meer genossen hatte, das jetzt bei Ebbe die zahlreichen Felsplateaus mit ihren Pfützen sichtbar werden ließ, zahlte sie und nahm noch eine Literflasche Wasser mit. Weiter vorn las sie auf einer Informationstafel, dass diese Pfützen Charcos genannt wurden. In ihnen finden zahlreiche Tierarten das passende Habitat, und auch Wattvögel nutzen diese Becken als Nahrungs- und Erholungsgebiete, las Isabell. Diese Gezeitenzone war eine der wenigen auf der Insel, die trotz der starken Bebauung der Küsten noch erhalten geblieben war.

Isabell wusste, dass hier die Busse recht häufig auf den Hauptlinien verkehrten, und sie hatte bei ihrer Ankunft gesehen, wo sich die Bushaltestelle befand. Dort ging sie hin und wartete. Nach zehn Minuten kam tatsächlich ein Bus, sie zahlte beim Busfahrer und fuhr bis nach Bajamar, um von dort den Anstieg ins Gebirge vorzunehmen. Der Weg war mit einem gelben und weißen Streifen gut ausgeschildert, und Isabell erklomm die erste Steigung. Wenn sie aus der Puste kam, trank sie einen Schluck Wasser und ließ die Aussicht auf sich wirken. Ab und zu kam ihr eine Wandergruppe entgegen, die sie mit Hola, dem typischen Gruß bedachte. Meist waren es spanische Familien oder Gruppen, und Isabell fiel auf, dass die Frauen fast alle perfekt geschminkt waren. Einschließlich knallroten Lippenstiftes. Sie selbst hatte das Schminken komplett eingestellt, nachdem ihre kleine Amalie von ihr gegangen war. Nicht einmal Mascara verwendete sie noch. Allerdings hatte sie bei ihrem dunklen Teint und den von Natur aus langen und dichten Wimpern auch ohne Schminke ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht.

Schwaden von Kamillenduft streiften ihre Nase. Blühende Pflanzen in allen Farbnuancen säumten neben Sukkulenten, Agaven und Euphorbien ihren schmalen Weg. In der Ferne hörte sie Frösche quaken. Erst dachte Isabell, sie sei einer akustischen Halluzination erlegen, doch schon bald sah sie, dass am Grunde der Schlucht, die sie gerade umging, Wasser floss. Ab und zu stand eine Korkeiche am Weg oder ein Eukalyptusbaum bildete ein markantes Zeichen auf dem Gipfel des Berges, zu dem sie unterwegs war. Auch die Hinterlassenschaften von Tieren roch sie, und sie erinnerte sich, in ihrem Reiseführer von Ziegenzucht gelesen zu haben. Viele dieser Pfade, wie sie einen ging, gab es schon seit den Zeiten der Guanchen, der Ureinwohner, die mit ihren Eseln die Waren von ihren einfachen Höhlen oder Behausungen zum nächsten Markt transportiert hatten.

Während sie Fuß vor Fuß setzte, wurde alles, was an Gedanken noch ungebeten und nicht abstellbar in ihrem Kopf gewesen war, abgelöst und ausgelöscht durch Meditation über die Landschaft. Sie dachte daran, dass dieser älteste Teil der Insel vor etwa sieben Millionen Jahren durch vulkanische Aktivitäten geformt worden war. Eine unvorstellbar lange Zeit.

Sie sah die Steine am Wegrand, auf deren Oberfläche gelbe oder weißgraue Flechten wuchsen. Manche ockerfarbenen Gesteinsbrocken sahen aus wie Schwämme, so porös waren sie. Sie sah die alten Wasserleitungen, die sich an den Flanken der Berge entlangzogen; Überbleibsel einer längst untergegangenen Bewässerungskultur. Runde Zisternen fingen das wertvolle Regenwasser auf, Wasser, das hier auf der Insel privatisiert war, wie sie gelesen hatte. Senkrechte Mauern zogen sich durch die Bergflanke nach unten und sahen aus, als wären sie von Menschenhand geschaffen. Stattdessen, so hatte Isabell gehört, handelte es sich hierbei um härteres Gestein, das der Erosion im Gegensatz zu dem ihn umgebenden Gestein getrotzt hatte. Wie lange hatte die Zeit gehabt, um durch die Elemente das zu schaffen, was sie hier gerade bewunderte? War Zeit überhaupt ein Faktor, der ihr in ihrem Schmerz helfen konnte, das Leben wieder in den richtigen Relationen zu sehen? Weniger als ein Wimpernschlag bedeutete im großen Werden und Vergehen ihr kleines Leben. Und noch weniger das ihres totgeborenen Kindes. Sternenstaub. Und niemand würde in hundert Jahren noch wissen, dass da einst eine Mutter war, die in sich den Tod getragen hatte.

Das Zwitschern der Vögel, das Lärmen der Zikaden und das Quaken der Frösche hatte nichts mit dem zu tun, vor dem sie weggelaufen war. Hier zählte all das nichts. Hier war sie nur eine von vielen Touristen, die dafür sorgten, dass die Einheimischen einigermaßen leben konnten. Niemand stellte Ansprüche oder Anforderungen an sie, keiner erwartete, dass sie nun endlich, endlich all das Schlimme vergessen und tief in sich verbergen würde. Hier gab es nur den Wind, die Wolken und die Berge. Zwischendrin malerisch verstreute Ruinen einstiger Viehzüchter. Die hatten ihrer Heimat wohl genauso den Rücken gekehrt wie sie.

Isabell erreichte den höchsten Punkt, und ein Wegweiser informierte sie darüber, dass sie den Camino de Las Penuelas erreicht hatte und dass es noch eins Komma sechs Kilometer bis nach Tegueste waren.

Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn, den die gerade wieder hervorbrechende Sonne verursacht hatte und trank einen Schluck aus ihrer fast leeren Wasserflasche. Dann machte sie sich an den Abstieg. Unter sich sah sie den Ort liegen. Der Weg wurde gesäumt von gelb blühendem Ginster und ihr unbekannten weißkugeligen Doldengewächsen. Lilafarbene Schmetterlingsblütler erinnerten sie an Orchideen. Eine Art Kornblume wuchs ebenso wie die kanarische Variante des Johanniskrauts, das hier jedoch über einen Meter hoch wucherte und seine gelben Blüten präsentierte. Isabell erinnerte sich daran, dass ihre Mutter daraus jedes Jahr das rote Öl herstellte, das angeblich bei allen möglichen Wehwechen half.

Am Ortseingang fand sich ein Stein mit einem Glaskasten davor. Im Kasten ein Heiligenbild und eine Madonnenfigur. Die Spanier, so wusste Isabell von vorigen Urlauben, waren ein sehr katholisches Volk, und die vielen Feiertage, in denen teilweise auch regional begrenzt die Heiligen geehrt wurden, zeugten davon. Beim Eintritt in die EU hatten sich die Spanier schweren Herzens von einigen dieser kirchlichen Feiertage trennen müssen, da diese ein Grund für die mangelnde Produktivität waren. Erfindungsreich wie die Spanier nun einmal sind, hatten sie stattdessen kurzerhand einige neue, staatliche Feiertage bestimmt.

Isabell lief auf der Dorfstraße, entlang farbenfroh gestrichener Häuschen und blühender Vorgärten, als ein Kanonenschuss sie zusammenzucken ließ. Die Böller waren Begleitmusik jeder Feier, und es dauerte nicht lange, da folgten weitere Schüsse. Isabell gelangte auf den Hauptplatz vor der pittoresken Kirche mit dem Glockenturm.

Auf dem Platz standen auf jeder Seite etwa fünf zweirädrige Karren, auf deren Dächern große Symbole mit lokalem Bezug aufgebaut waren. 50. Romeria de San Marcos stand an einem Wagen und Isabell vermutete, dass das so etwas wie eine Wallfahrt zu Ehren des Ortsheiligen war. An den Seiten der Wagen fanden sich kunstvoll gelegte Mosaiken aus den Körnern und Samen verschiedenfarbiger Getreidesorten. Auch Linsen, Reis und Kaffeebohnen waren für die eindrucksvollen Bilder verwendet worden. Sie stellten Szenen des bäuerlichen Lebens dar. Isabell betrachtete sich die Kunstwerke und staunte. Wieviel Zeit und Mühe, wieviel künstlerisches und handwerkliches Geschick sprach doch aus diesen Abbildungen!

Nach einer ersten Besichtigung zog es Isabell in das kleine Café an der Ecke beim Denkmal des Postmeisters, an dessen Bistrotischchen kaum noch ein freier Platz war. Doch Isabell hatte Glück. Ein Paar zahlte, und sie setzte sich hin. Sitzen. Sie genoss das Gefühl, ihre Beine ausstrecken zu können. Sicher würde sie am nächsten Tag heftigen Muskelkater haben. Aber egal, das Naturerlebnis war es wert gewesen. Und sie hatte zu dem beabsichtigten Ziel gefunden. Eigentlich ein Wunder bei ihrem wenig ausgeprägten Orientierungssinn. Der Kellner kam, und Isabell bestellte sich einen Cortado. Mit Genuss schlürfte sie das heiße koffeinhaltige Getränk. Langsam erwachten ihre Lebensgeister wieder.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle kaufte sie noch in einer kleinen Bäckerei etwas Kuchen. Sie hatte sich Kaffeepulver mitgebracht, weil in der Wohnung eine kleine Kitchenette mit Geschirr und Kaffeemaschine war. Eine halbe Stunde später saß sie auf ihrer Terrasse und genoss bei Kuchen und Filterkaffee den Ausblick aufs Meer.

Etwas später traute sie sich dann in die öffentliche Piscina, die heute, am Feiertag, von vielen spanischen Familien belagert war. Der Anzeige auf der Tafel bei den Rettungsschwimmern zufolge hatte das Wasser eine Temperatur von achtzehn Grad, ebenso wie die Luft, und Isabell musste die Zähne zusammenbeißen, um in das kalte Nass einzutauchen. Doch nach wenigen kräftigen Schwimmzügen hatte sich ihr Körper an die Temperatur gewöhnt und sie genoss es, sich von den leichten Wellen, die durch die beginnende Flut verursacht wurden, tragen zu lassen. Als der Wellengang zu heftig wurde und sie kaum noch gegen die Strömung anschwimmen konnte, verließ sie das Becken und duschte sich am Rand heiß ab.

In ihrem Zimmer wickelte sie sich in ein großes Badetuch und kuschelte sich in ihre Bettdecke. Bevor sie es verhindern konnte, war sie weggedriftet.

Der Geruch von Knoblauch und gegrilltem Fisch weckte Isabell. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie zwei Stunden geschlafen hatte. Sie verspürte bereits wieder Hunger. Heute würde sie in die La Caseta gehen. Schnell zog sie sich an und machte sich auf den kurzen Weg.

Stände, an denen Schmuck und Kleidung zu kaufen war, säumten den Weg. Jugendliche mit Dreadlocks und bunten Hippie-Klamotten genossen die Sonne auf der niedrigen Natursteinmauer.

Die meisten der Tische vor dem Lokal waren erwartungsgemäß belegt. Aber auch hier hatte sie Glück, und sie ergatterte einen Platz, als eine Familie zahlte.

Zuerst leistete sie sich einen Mojito. Sie genoss den minzig-zitronigen Geschmack des Trendgetränks, das auch seit einiger Zeit Isabells Lieblingscocktail war. Sie dachte an die Zeit ihrer Schwangerschaft, wo sie vom ersten Moment an ohne Probleme auf jeglichen Alkohol verzichtet hatte. Daran kann es nicht gelegen haben, sagte sie sich zum wiederholten Male. Und sie dachte an ihre Gefühle, wenn sie Frauen gesehen hatte, die während ihrer Schwangerschaft weiter rauchten und tranken, denen es egal zu sein schien, ob sie ihr Ungeborenes damit schädigten. Einmal hatte sie einen Bericht im Fernsehen über die sogenannten Crystal-Meth-Babys gesehen, die in bestimmten Gegenden Deutschlands gehäuft geboren wurden. Dort, wo die Mütter durch geografische Nähe zu den tschechischen Giftküchen problemlos an das Teufelszeug herankamen.

Sie durfte nicht schon wieder darüber nachdenken, wie ungerecht das Schicksal zu ihr gewesen war. Und erst recht musste sie die Frage vermeiden, die unweigerlich am Ende dieser Überlegungen stand: Warum gerade ich?

Isabell sog das etwas zu stark gesüßte Getränk durch ihren Strohhalm, zerkaute die kleinen Zuckerkristalle und betrachtete die Menschen, die an den Tischen vorbeiliefen. Viele hatten Hunde dabei. Die Spanier schienen ein hundeliebendes Volk zu sein. Aber auch Kinder tobten zwischen den Sonnenschirmen herum. Es hatte lange gedauert, bis Isabell beim Anblick von Kindern und Schwangeren nicht mehr das Gefühl gehabt hatte, ihr Inneres würde von einem glühenden Messer zerfetzt werden. Sie sind jung, hatte ihre Gynäkologin gesagt. Sie haben noch mehrere Chancen, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Ein lebendes hatte sie gemeint. Denn Isabell hätte mit Freuden sogar ein behindertes Kind angenommen.

Sie verscheuchte zum wiederholten Mal diese Gedanken. Ich bin hier, um loszulassen, sagte sie sich. Und erst jetzt wurde ihr der Zweck dieser Reise klar. Ja, sie war hierhergeflogen um auszuloten, welche Möglichkeiten es für einen Neuanfang gab. Dazu zählte auch die Frage, ob eine Fortführung ihrer Beziehung zu Robin möglich sein würde.

Während sie in der Ferne das Fangschiff betrachtete, das vor Anker zu liegen schien, sich jedenfalls nicht fortbewegte, spürte sie in ihrem Inneren vergeblich der Frage nach, ob sie Sehnsucht nach Robin hatte. Der war ohnehin nicht begeistert gewesen, als er von ihren Reiseplänen gehört hatte. Ob er ahnte, dass bei ihrer Rückkehr vielleicht eine Trennung anstand?

Liebte sie ihn noch? Hatte sie ihn je geliebt? Vielleicht würde sie die Antwort auf diese und weitere Fragen im Laufe der nächsten Wochen finden.

Ihr Blick ging nach links, wo der Teide, der höchste Berg der Insel, zu sehen war. Er erinnerte Isabell an eine liegende Frau. Der Gipfel zeigte die Form einer wunderschönen Brust. Sofort erstand in ihr die Erinnerung daran, wie ihre Brüste während der Schwangerschaft voller geworden waren, sehr zur Freude von Robin. Ja, sie hatte eine traumhafte Schwangerschaft gehabt, die von nichts belastet gewesen war. Keine Komplikationen, kein Stress, nicht einmal die typische und gefürchtete Morgenübelkeit. Gesunde Ernährung und Lebensweise. Wieso, wieso nur musste alles so enden?

Hätte sie doch irgendwann aufhören sollen, mit Robin zu schlafen? Sie hatte extra ihre Gynäkologin gefragt, weil sie keineswegs das Baby durch die Stöße schädigen wollte. Die Ärztin hatte sie beruhigt. Isabell hatte sich selbst gewundert, dass sie von Anfang der Schwangerschaft an mehr Lust auf Sex gehabt hatte, als jemals zuvor in ihrer Beziehung. Ausgenommen vielleicht ganz am Anfang, als noch alles neu und aufregend gewesen war.

Isabell ließ sich die Speisekarte geben und bestellte Papas arrugadas und frittierte Fischfiletstücke. Das Essen kam schnell, und sie versuchte es zu genießen, ohne dabei an die Vergangenheit zu denken.

Ein Mann mit zwei Kindern, der drei Stühle in der Hand trug, rollte auf der Promenade, genau zwischen Tisch und Kaimauer, einen Teppich aus und stellte die Stühle darauf. Aus einem Ghettoblaster tönte eine flotte Melodie, die Isabell irgendwoher kannte. Die drei waren wie Clowns angezogen und ihre Gesichter geschminkt. Der Vater trug einen Hut. Der Junge und das Mädchen, beide etwa achtjährig, tanzten zur Musik, während der Mann nach und nach die drei Stühle übereinanderstapelte und darauf Handstand und allerhand artistische Kunststücke ausführte. Zuvor hatte er mit Bällen jongliert und die Kids hatten ihm assistiert. Natürlich gingen die Kinder am Ende ihrer kleinen Vorführung mit einem Hut herum und sammelten einen Obolus ein. Isabell wusste nicht, ob sie diese Art, das Familieneinkommen aufzubessern, gut finden sollte. Zu sehr erinnerten sie die Kinder an dressierte Zirkuselefanten. Die nächste Vorstellung fand wenige Meter weiter beim folgenden Restaurant statt.

Isabell trank ihren Mojito aus und zahlte. Die Sonne ging gerade hinter Wolkenbänken unter und zauberte einen rosa Schimmer auf die Berge, hinter denen jetzt dicke Wolken hingen. Zeit für ihr Bett.

Unschlüssig schaute Isabell auf ihr Handy, auf dem bereits fünf Anrufe in Abwesenheit und mehrere WhatsApp-Nachrichten von Robin verzeichnet waren. Dass sie gut angekommen war, hatte sie ihm bereits mitgeteilt. Und bevor sie geflogen war, hatte sie ihm klargemacht, dass sie keinen Austausch wollte, um wirklich zur Ruhe kommen zu können. Warum hielt er sich nicht daran?

Isabell stellte den Ton aus und legte das Smartphone seufzend in die Nachttischschublade. Dort würde sie es lassen, bis sie zurückflog. Wann das sein würde, wusste sie jedoch noch nicht.

3. Kapitel

 

 

 

Am nächsten Morgen beschloss sie, nach Bajamar zu laufen, um sich dort ein wenig umzusehen. Der Weg entlang der Straße war zwar nicht schön, doch wenn man den Blick rechts auf das Meer gerichtet hielt, ließ es sich aushalten. An manchen Stellen waren Bänke aufgestellt, die zum Ausruhen einluden. Ein merkwürdiges Denkmal aus ockerfarbenem Sandstein auf einem Basaltsockel ließ Isabell einen Blick auf das Metallschild werfen. Allerdings reichten ihre Spanischkenntnisse nicht aus, um zu ergründen, was oder wen die aus einem Umhang herausragende Gitarre darstellen sollte.

Die leichte Steigung war nichts gegenüber den Anstiegen, die sie am vorigen Tag im Gebirge bewältigt hatte. Trotzdem musste sie nach einer Weile stehenbleiben, um zu verschnaufen. Unterhalb der steil zum Meer hin abfallenden und mit vielerlei Pflanzen bewachsenen Felsen schnitt eine kleine Bucht ins Land, auf deren schwarzem Sand sich einige Sonnenanbeter niedergelassen hatten. Auch ein paar Surfer tummelten sich in den noch müden Wellen. Der Flachbau, der windschief am Rande der Bucht und am Anfang eines schmalen, bergauf zum Ort hin führenden Weges stand, schien eine Art Surfschule zu beherbergen. Einige Boards lagen und standen davor. Da Isabell ihren Bikini unter der Hose und dem T-Shirt trug und auch ein Handtuch im Rucksack nicht fehlte, beschloss sie, ebenfalls die Gelegenheit zu einem Bad im offenem Meer zu nutzen.

Sie fand den Trampelpfad und kurz darauf grub sie ihre nackten Füße in den schwarzen, grobkörnigen Sand. In der Hütte war niemand zu sehen, und so legte sie ihr Handtuch etwas entfernt von den jungen Leuten, die ebenfalls in der Bucht chillten.

Sie entledigte sich ihrer Kleidung und cremte die Stellen nach, die sie bei ihrem Weggang ausgelassen hatte. Obwohl es ein wenig bewölkt war, wusste Isabell, dass die UV-Strahlen auch durch die Wolkenschicht auf ihre Haut trafen. Als ihre Hände die Sonnenmilch über ihrem Bauch verrieben, hielt sie in der Bewegung inne. Ihre Bauchdecke war bereits wieder so straff wie vor der Schwangerschaft. Sie wusste, dass sie darum von manchen Müttern beneidet wurde, die Probleme hatten, ihre frühere Figur wiederzubekommen. Wie gern hätte sie diese Probleme gegen ein gesundes Kind eingetauscht! Schnell wischte sie diese Gedanken beiseite. Sie war noch jung. Gerade einmal siebenundzwanzig. Die Ärztin hatte recht.

Aufseufzend ließ sie sich auf ihr Handtuch sinken und streckte ihre Beine auf dem warmen Sand aus. Nichts denken. Einfach die Sonne und den Wind auf der Haut genießen. Von Ferne hörte sie die Kommandos des Surflehrers. Erstaunlicherweise auf Deutsch. Dann driftete sie weg.

Sie schrak auf, weil über ihr ein Sirren erklang und sie kurz darauf von etwas an ihrem Arm berührt wurde. Mit klopfendem Herzen setzte sie sich auf. Neben ihr stand ein schwarzes Gerät auf vier Beinen. Eine Drohne. Deren Lenker lief gerade mit schnellen Schritten und seiner Steuereinheit in der Hand auf sie zu.

„O sorry, Entschuldigung, das wollte ich nicht“, stieß er atemlos hervor. „Ein Windstoß hat sie abgetrieben.“

Weil Isabell nicht reagierte, fragte der junge Kerl, ob sie Deutsch verstehe. Isabell nickte. Ihr Herz klopfte immer noch so schnell wie nach einem Dauerlauf.

„Ich bin Tim, und ich habe gerade die Surfer dort gefilmt. Das wollen wir später auswerten.“

Isabell verstand zwar nicht ganz, was ihr Tim sagen wollte, aber sie nickte erneut. Lass mich einfach in Ruhe!, dachte sie. „Ähmm, also, nochmals Entschuldigung, ich muss dann mal wieder.“ Er hob sein Spielzeug auf und trollte sich zu seinen Schülern, die gerade ihre Boards aus dem Wasser zogen. Alle trugen Neoprenanzüge, was wohl den kühlen Wassertemperaturen geschuldet war.

Sie war von der Sonne und dem schwarzen Sand unter ihrem Handtuch aufgeheizt genug, um einen Sprung ins kalte Nass zu wagen. Kälter als in der Piscina konnte es ohnehin nicht sein. Vorsichtig setzte sie einen Fuß in eine heranflutende Welle. Ups. Sie fühlte die Blicke der Surfer auf sich. Jetzt konnte sie sich keinen Rückzieher leisten. Tapfer rannte sie in die Brandung und warf sich kopfüber ins Wasser. Nach ein paar Schwimmzügen versuchte sie, mit ihren Füßen Grund zu ertasten. Doch da war nichts. Schon begann sie, Panik zu bekommen. Sie war keine besonders geübte Schwimmerin. Schnell schwamm sie in Richtung Ufer und registrierte dabei, dass die Strömung sie immer wieder zurück ins offene Meer trieb. Keine Panik!, machte sie sich selbst Mut. Sie sah, wie Tim am Ufer stand und zu ihr blickte. Das gab ihr die nötige Kraft und Sicherheit, der Strömung zu trotzen. Endlich spürte ihr Fuß festen Boden. Schwer atmend wankte sie aus dem Wasser. Tim hatte mittlerweile ihr Handtuch geholt und stand bereit, um sie in Empfang zu nehmen. „Das war leichtsinnig, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Du darfst nicht meinen, dass das Meer ungefährlich für Schwimmer ist, nur weil sich ein paar Surfer drin tummeln. Manche sagen, wir Surfer brauchen den Kick und begeben uns gern in Gefahr. Da ist tatsächlich was dran, wie du siehst.“

Er legte ihr das Handtuch um die Schultern und hielt sie eine Weile fest. Isabells Zähne klapperten so stark aufeinander, dass sie nicht sprechen konnte.

„Geht’s wieder?“

Sie nickte und trottete zu ihrem Rucksack. Erschöpft und beschämt ließ sie sich in den warmen Sand fallen. Was für eine Blamage! Nur gut, dass sie niemanden hier kannte!

Als sie wieder zu Atem gekommen war, zog sie ihren nassen Bikini aus und ihre Shorts und das T-Shirt über. Die Surfer hatten sich vor der Hütte versammelt. Einige waren bereits wieder mit ihren Boards unter dem Arm auf dem Weg nach oben Richtung Ortskern.

Sie wollte sich gerade an der Hütte vorbeischleichen, als Tim daraus hervortrat und sie fragte: „Hättest du nicht Lust auf eine Gratisstunde?“

Ungläubig starrte Isabell den braungebrannten Mann an. Seine dunklen Locken hingen ihm viel zu lang ins Gesicht. An seinem Körper war kein Gramm Fett zu sehen. Durchtrainiert und absolut haarlos. Jedenfalls am Oberkörper. Wie kam der Typ darauf, dass sie nach diesem Erlebnis auch nur in Erwägung ziehen könnte, sich auf einem Surfbrett erneut den unberechenbaren Wellen zu stellen?

„Du wirst es mögen, das garantiere ich dir“, entgegnete Tim auf ihre nonverbale Antwort.

„Im Moment ist noch nicht so viel los in meiner Surfschule, deshalb kann ich dir das Angebot machen. Überleg es dir. Und wenn du es ausprobieren magst, komm einfach Morgen gegen zehn wieder her. Einen Anzug werden wir für dich schon finden.“

Isabell winkte ab. „Ich glaube nicht“, sagte sie und wand sich dem Trampelpfad zu.

Nach dem Anstieg folgte sie der Dorfstraße hinunter zum Meer. Hier luden zwei große Piscinas zum Schwimmen ein. Außerdem gab es eine kleine Bucht mit aufgeschüttetem hellen Sand, in die das offene Meer zwischen zwei Felsen hineinfloss. Durch die Naturfelsbegrenzung war die Stärke der Strömung bereits gemindert, so dass ein gefahrloses Baden möglich wurde. Angesichts des Wochentages und der frühen Stunde waren nur wenige Menschen zu sehen. Isabell hatte kein Bedürfnis nach einem weiteren Bad. Die Anlage war jedoch so ansprechend, dass sie sich einen späteren Besuch vornahm.

Zwischen Läden und kleinen Restaurants stieg sie die Straße auf der anderen Seite hinauf, bis sie auf die breite Durchgangsstraße stieß. Sie wand sich nach links in Richtung Punta del Hidalgo, weil sie unbedingt ins Café Melita wollte. Die leckeren Torten, die die Namensgeberin dort anbot, hatten zu einer Empfehlung in ihrem Reiseführer beigetragen. Und Isabell liebte Torten.

Sie fand das Café im letzten Haus und auf einer Klippe liegend. Durch die hohen Fenster, die bei Bedarf aufgeschoben werden konnten, hatte man einen atemberaubenden Blick auf den Atlantik. Auch die Tortenauswahl war sehenswert, und es fiel Isabell schwer, sich zu entscheiden. Schließlich nahm sie eine Torte mit Meringen, die sie besonders gern mochte. Dazu einen Latte Macchiato. Melita sprach ein gutes Deutsch und bediente sie. Sie wechselten ein paar Worte, und Isabell versuchte sich ein wenig in der Landessprache.

Dann genoss sie den Ausblick und ihre Torte. Zwischen lockerem Baiser befand sich eine leichte Buttercreme. Es war ein Hochgenuss. Nachdem sie sich gestärkt hatte, trat Isabell den Rückweg an. Bergab kam sie schnell voran, und weil sie noch keine Lust hatte, auf ihr Zimmer zu gehen, lief sie einfach die Dorfstraße weiter. Sie wusste, dass die Straße in einer Busschleife endete, weil es dort nicht mehr weiterging. Es gab nur noch einige Wanderwege ins Gebirge, ins Höhlendorf Chinamada zum Beispiel, das sie sich unbedingt auch noch anschauen musste.

Beidseitig der Dorfstraße fanden sich kleine Läden und Cafés, Gärten, in denen üppige Vegetation zu bestaunen war, Amaryllismeere und vollhängende Papayabäume sowie Plantagen, in denen unter dünnen Netzen Bananenstauden gediehen. Kräftig blau und ochsenblutfarbig angemalte Häuser mit geschnitzten Fensterläden neben verfallenen Ställen und runden Zisternen säumten die Straße. Davor Oleanderbüsche und Drachenbäume, deren Saft blutrot und damit seit Jahrhunderten Stoff für Mythen war.

Linkerhand war auf einem großen Platz etwas unterhalb des Straßenniveaus eine Kirche in eindrucksvoller Größe aus roten Steinen erbaut. Die Tür war geschlossen, doch Isabell hoffte, irgendwann auch das Innere des Gotteshauses ansehen zu können.

In der Mitte der Busschleife hatte man ein erhöhtes Rondell erbaut, vor dem die Statue eines sitzenden Folkloremusikers thronte, wie Isabell der Tafel am Sockel entnahm. Daneben ein Relief, auf dem zwei Fische tragende Frauen zu sehen waren. Ein kleines Kind schmiegte sich an das Bein der rechten Frau. Die Aussicht von hier oben zeigte ihr zur Rechten die zwei Felsen mit dem Namen Dos Hermanos, zwei Freunde, und meerwärts gestaffelt die Küstenlinie nach Norden. Das Wasser glitzerte in der Sonne, die nun wieder öfter zwischen den Wolken hervorkam. Auf den Felsen, die bei Ebbe bloß lagen, standen Fischer mit ihren Ruten.

Isabell ging die Straße weiter nach unten. Eine Eidechse huschte quer über den Asphalt und verschwand zwischen den aufgeschichteten Basaltsteinen links der Straße. Die räudige, schwarz-weiß gefleckte Katze, die vor ihr die Straße querte, schien aus dem Nichts zu kommen. Rechts von der Straße wuchsen büschelweise zarte Gräser, die sich sanft im Wind wiegten. Ihre Samenstände spielten ins Violette und schimmerten seidig. Isabells Finger berührten die Wedel sanft und fuhren von unten nach oben an den filigranen Härchen entlang. Das Gefühl erinnerte sie an den zarten Flaum auf dem Kopf ihrer Tochter. Genauso hatte es sich angefühlt. Sie zog ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Rechts kam erneut hinter einer Mauer aus durchbrochenen Steinen eines der vielen Regenauffangbecken zum Vorschein. Nach einigen Schritten erkannte sie, dass sich hinter der weiß getünchten Mauer auf der linken Seite ein Friedhof verbarg. Neugierig trat sie durch das schwarze schmiedeeiserne Tor.

Der Friedhof war auf verschieden hohen Ebenen angelegt, was der Hanglage geschuldet war. Im Gegensatz zu den Friedhöfen, die Isabell kannte, waren hier die Verstorbenen in Urnen beigesetzt, die in Fächern übereinander verstaut wurden. Auf den schwarzglänzenden oder mattgrauen Granitplatten, die diese Fächer verschlossen, waren die Lebensdaten des Verstorbenen, oft auch ein Foto und eine Vase mit Blumen angebracht. Natürlich fehlten die christlichen Symbole nicht. Am folgenden Tag würde, das wusste Isabell, auf der Insel der Tag des Kreuzes gefeiert. Auf ihrem Weg durchs Dorf war ihr schon ein mit Blumen geschmücktes Kreuz aufgefallen. Isabell ging durch die verschiedenen Abteilungen und las die Geburts- und Sterbedaten der Bestatteten. Manche waren jung gewesen. Doch bis jetzt hatte sie noch kein Grab gefunden, bei dem das Sterbedatum nur wenige Tage oder Wochen nach dem Geburtsdatum gelegen hätte. Isabell dachte an das kleine Grab ihrer Tochter, das sie mit Spielzeug und Windrädern sehr schön geschmückt hatten. Würde Robin sich um die Blumen kümmern? Sie hatte das Grab jeden Tag besucht. Es war ihr ein Bedürfnis gewesen, in Gedanken Zwiesprache mit Amalie zu halten. Doch brauchte sie dafür wirklich ein Grab?

Isabell zuckte erschrocken zusammen, als jemand sie an der Hand berührte. Eine alte, krummgebückte Frau ganz in Schwarz sah sie von unten herauf an. Hatte sie etwa laut gesprochen? Was wollte die Alte von ihr? Die Augen der Frau waren vom Star ganz trüb. Hatte sie kein Geld für eine Operation? Isabell dachte an den Fernsehbericht über die Kanaren, in dem festgestellt wurde, dass es den einfachen Menschen hier wirtschaftlich ganz schlecht ging. Wollte die Alte, die sie sicherlich als Touristin identifiziert hatte, Geld von ihr? Noch immer schwieg die Alte, ging aber auch nicht weg. Isabell versuchte es mit einer Begrüßung.

„Buenos Dias.“

„Hola.“

Die Frau machte ein Zeichen mit ihrem gekrümmten Zeigefinger und schlurfte voran. Isabell sollte ihr wohl folgen, auch wenn sie nicht verstand, warum. Langsam schritten die beiden Frauen aus. Hin zu dem etwas höher gelegenen Teil des Gräberfeldes. Die Alte blieb vor einem der Mauerteile stehen und deutete mit dem Finger auf eine Platte, an der blühende Amaryllis in einer muschelförmigen Vase steckten. Sollte Isabell das Wasser erneuern? Fragend sah Isabell die Frau an. „Agua?“

Die Alte schüttelte den Kopf. Isabell sah auf das Foto, das einen jungen Mann zeigte. Den Daten nach war er mit nur zwanzig Jahren gestorben. 1974. Noch immer wusste sie nicht, was die alte Frau ihr damit sagen wollte. Irgendwie, das spürte sie jedoch, war da eine Verbindung, etwas, das wichtig war. Als die Frau sie berührt hatte, hatte sie es gespürt. Wieder nahm die Frau ihre Hand und drückte sie. Ein warmer Strom durchfloss Isabell. Die Alte wollte ihre Hand gar nicht mehr loslassen. Ihre trüben Augen schienen in ihr Inneres zu sehen. Dann sagte sie etwas mit einer erstaunlich klaren Stimme, die so gar nicht zu den tiefen Runzeln in ihrem Gesicht zu passen schien. Isabell kannte aus dem Satz nur ein Wort: Corazon, Herz.

Ein Mann kam auf sie zu. Er war schon älter, vielleicht vierzig, sah aber für sein Alter sehr gut aus. Die typische gebräunte Haut ließ an einen Wanderführer oder Surflehrer denken. Er trug helle Stoffhosen, Espadrilles und ein weißes T-Shirt, unter dem sich ein straffer Oberkörper abzeichnete. Nicht die Spur eines Bauches. Beschämt senkte Isabell ihren Blick. Der Mann schien zu der Alten zu gehören, denn die ließ bei seinem Anblick Isabells Hand los und wandte sich mit einem Wortschwall an den Mann.

„Sind Sie Deutsche?“, fragte dieser. Erstaunt nickte Isabell.

„Entschuldigen Sie bitte meine Großmutter“, fuhr er fort, „sie ist etwas verwirrt im Kopf.“

„Was hat sie eben zu mir gesagt? Mein Spanisch ist leider zu schlecht, um es zu verstehen. Aber irgendwas mit Herz war es.“

Der Mann hielt kurz Rücksprache mit seiner Großmutter, und die wiederholte den Satz.

„Sie sagte, sie haben ein gutes Herz und eines mit viel Leid darin. Ich weiß nicht, wie sie das gemeint hat.“

„Warum hat sie mir dieses Grab gezeigt? Wer liegt hier?“

Die Miene des Mannes veränderte sich. Der offene Ausdruck wich einem distanzierten. Hatte sie etwas Falsches gefragt?

„Hier liegt ihr Sohn, mein Vater.“

„Oh. Das tut mir leid. Er ist sehr jung gestorben.“

Der Fremde nickte. „Ja, das ist er. Er hat mich nicht einmal kennenlernen dürfen. Meine Mutter war damals gerade schwanger mit mir.“

Isabell wusste jetzt, wieso sie die Verbindung zu dieser alten Frau gespürt hatte. Ihr gemeinsames Schicksal war es. Doch woher wusste die Frau um das ihre?

„Tut mir leid, wir müssen jetzt gehen“, sagte der Mann.

---ENDE DER LESEPROBE---