Begehrter Macho - Natascha Schwarz - E-Book
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Natascha Schwarz

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Beschreibung

Er ist der geborene Macho. Sie ist es gewohnt, Anweisungen zu geben. Er ist Marokkaner. Sie ist Deutsche. Und sie haben einen kleinen Sohn. Wird ihre Liebe stark genug sein, um die unterschiedlichen Vorstellungen vom Zusammenleben unter einen Hut zu bringen? Der 2. Teil der Geschichte über eine bikulturelle Liebesbeziehung. (Erstes Buch: „Geliebter Macho“)

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Natascha Schwarz

 

 

 

Begehrter Macho

 

ZWEITES BUCH

 

 

1. digitale Auflage 2017

© 2017 Natascha Schwarz

Wiebelstraße 6, 04315 Leipzig

[email protected]

www.autorin-cornelia-lotter.de

 

E-Book Erstellung: mybookMakeUp.com

Covergestaltung: Tanja Prokop

unter Verwendung von Motiven von

© bigstockphoto.com / © pixabay.com

 

Alle Rechte vorbehalten!

Nachdruck, auch auszugsweise,

nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

Inhaltsverzeichnis

Was bisher geschah

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

Nachwort

Was bisher geschah

 

 

Die 35-jährige Lisa Krombach ist Besitzerin einer kleinen exklusiven Schuhfabrik. Sie leitet die Fabrik mit harter Hand und hat alles unter Kontrolle. Ihr Leben ist ausgefüllt mit Arbeit und Reisen auf Messen und zu Lieferanten. Für ihre sexuellen Bedürfnisse kauft sie sich Callboys. Für Beziehungen hat sie weder die Zeit noch die Energie. Ebenso verhält es sich mit Freundschaften. Ihr Vater ist tot, und ihre demenzkranke Mutter lebt in einem Heim. Lisas Sozialkontakte beschränken sich auf ihr Arbeitsumfeld und den Personal-Trainer, den sie zweimal wöchentlich zu sich kommen lässt.

Zunehmend fühlt sie aber eine Leere in ihrem Leben, und sie nimmt das „Projekt Kind“ in Angriff. Den Gedanken, sich einen passenden Spender in Bars zu suchen, verwirft sie gleich wieder, denn dabei hätte sie erstens das Risiko, sich mit einer Geschlechtskrankheit zu infizieren, zweitens eine Erbkrankheit zu übernehmen und drittens schlechtes Genmaterial im Hinblick auf Intelligenz u.Ä. zu erhalten.

Da in Deutschland keine Möglichkeit besteht, als Single-Frau die Dienste einer Samenbank in Anspruch zu nehmen, fährt Lisa in die Niederlande und lässt sich dort inseminieren.

Kurz nach dieser Befruchtung muss sie nach Marokko fliegen, wo in Fès ein Hauptlieferant von Leder sitzt, mit dem sie neue Verträge aushandeln will. Doch nicht ihr alter Geschäftspartner tritt ihr gegenüber, sondern sein 38-jähriger Sohn Mahmud. Dieser hat in England studiert und umgarnt die taffe Geschäftsfrau mit seinem Charme. Doch Lisa bleibt – zumindest nach außen hin – unbeeindruckt von der Charme-Offensive des Beaus.

Mahmud zeigt ihr die Stadt, und der Zauber des Orients bleibt auch bei Lisa nicht folgenlos. Bei einer nächtlichen Wüstentour passiert es: Lisa schläft mit Mahmud.

Wieder zurück in Deutschland stellt sie nach zwei Wochen fest, dass sie schwanger ist. Allerdings weiß sie nicht, ob die Insemination oder die Nacht mit Mahmud zum Erfolg geführt hat.

Mahmud meldet sich bei ihr, will sie wiedersehen, umschwärmt sie mit Aufmerksamkeiten. Doch Lisa ist unsicher. Was, wenn sie auf sein Werben eingeht, und es stellt sich nach der Geburt heraus, dass das Kind nicht von ihm sein kann?

Sie bricht jeglichen privaten Kontakt zu Mahmud ab, obwohl sie sich nach ihm sehnt.

Als man bereits ihren Babybauch sehen kann, steht er plötzlich vor ihr. Auch er bemerkt, dass sie schwanger ist, und kann ihren Rückzug erst recht nicht verstehen, da er annimmt, das Kind sei von ihm.

Lisa ist in einem Konflikt. Soll sie ihm die Wahrheit sagen?

Sie entscheidet sich dagegen und weist Mahmud barsch ab mit der Behauptung, das Kind sei nicht von ihm. So ist sie sicher, dass er nie wieder etwas von sich hören lässt. Die geschäftlichen Kontakte lässt sie zukünftig von ihrem Einkaufsleiter abwickeln.

Als das Kind zur Welt kommt, hat es blaue Augen. Nachdem sich Lisa etwas mit Vererbungslehre beschäftigt hat, weiß sie, dass es trotzdem sein kann, dass Mahmud der Vater ist, da sich sowohl Augen- wie auch Haarfarbe noch ändern können. Sie beschließt abzuwarten.

Mahmud schickt in die Firma eine Einladung zur Hochzeit seiner jüngeren Schwester. Lisa fliegt zusammen mit ihrem Einkaufsleiter hin. Sie wird herzlich in der Familie aufgenommen, doch Mahmud ist sehr zurückhaltend und distanziert. Lisa wartet auf einen günstigen Moment, um ihm von seinem Sohn zu erzählen, der nun tatsächlich braune Augen bekommen hat und Mahmud sehr ähnlich sieht. Sie hat extra ein Foto von ihm auf ihrem Smartphone gespeichert. Doch da stellt ihr Mahmud seine Verlobte vor, und Lisa sieht alle Hoffnung schwinden.

Enttäuscht und entmutigt fährt sie wieder zurück nach Deutschland, das ihr zunehmend kälter vorkommt. Durch das Zusammenleben mit ihrem Kind wird sie insgesamt weicher und auch in der Firma umgänglicher. Aber die Doppelbelastung reibt sie auch auf. Als Milan anderthalb Jahre alt ist, fliegt sie mit ihrer Freundin Annekatrin und deren Tochter nach Agadir in ein Hotel am Meer, um ein paar Wochen zu entspannen.

Auf dem Suq trifft sie eines Tages unerwartet – jedoch nicht unerhofft (und, wie sich später herausstellen wird, von ihrem Einkaufsleiter eingefädelt) – Mahmud. Dieser erkennt sofort, dass das Kind sein Sohn ist. Er kann nicht verstehen, wieso Lisa so ein Spiel mit ihm gespielt hat. Beide sprechen sich aus und beschließen, es zusammen zu versuchen. Die Verlobung hat Mahmud längst wieder aufgelöst; sie war eine Trotzreaktion auf das Verhalten von Lisa gewesen.

Lediglich die Reaktion seiner Familie auf die neuen Tatsachen könnte noch ein Problem werden.

Beide sprechen darüber, wie sie ihr Leben so gestalten können, dass sie ihre Arbeit nicht aufgeben müssen und doch so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen können. Mahmud will in Deutschland einige Geschäfte mit marokkanischen Leder-Accessoires eröffnen, so dass er einen Teil des Jahres in Deutschland zu tun hätte. Lisa ist damit einverstanden, das Winterhalbjahr in Marokko zu verbringen, so lange das Kind noch nicht zur Schule geht.

Da erhält Lisa einen Anruf von der Befruchtungsklinik, dass die Spendersamen vertauscht worden sind und sie mit dem Samen eines Türken befruchtet wurde. Lisa fällt aus allen Wolken und weiß nun wieder nicht, wer der Vater ihres Sohnes ist. Das türkische Ehepaar möchte auf jeden Fall ihr Kind behalten.

Lisa will Mahmud noch immer nichts von der Insemination erzählen und auch keinen DNA-Test machen, weil es für sie ohnehin keine Rolle mehr spielt. Sie liebt ihren Sohn über alles.

Doch da steht eines Tages ein fremder Mann vor ihrer Tür und verlangt, seinen Sohn zu sehen.

Hier endet der erste Band.

1. Kapitel

 

 

„Nein!“ Der Schrei gellte durch die leere Lobby des Hochhauses, in dem Lisa ein Penthouse ihr Eigen nannte. „Sie sind nicht der Vater meines Kindes!“

Lisa Krombach war an der Wand neben dem Fahrstuhl nach unten gerutscht und richtete sich mühsam wieder auf. Ihre Augen funkelten den Fremden an, der bis auf Armlänge an sie herangerückt war. „Sie wissen genau, dass ich recht habe“, flüsterte der Mann. „Auch Sie sind von der Klinik angerufen worden, oder?“

In Lisas Kopf schlugen die Gedanken Purzelbäume. Konnte es wahr sein? War ihre Überzeugung, dass Mahmud der Vater ihres Sohnes war, nur ihrem Wunsch geschuldet? Und die Ähnlichkeit, die nicht nur sie sah? Alles Einbildung?

„Woher haben Sie überhaupt meine Adresse?“

Der Türke grinste hämisch und warf ihr einen Zeitungsausschnitt vor die Füße. Lisa erkannte das Foto sofort. Es war der Bericht über den Innungsball, zu dem sie eigentlich gar nicht hatte gehen wollen. Ein Fotograf war herumgesprungen und hatte eifrig Fotos geschossen. Auch von ihr und ihrem Assistenten Torben Meister. Und ihr Name wurde natürlich in der Bildunterschrift genannt. Na toll! Das war‘s dann mit der versprochenen Diskretion.

Mittlerweile war Paul, der Concierge, auf ihre Auseinandersetzung aufmerksam geworden und näherte sich.

„Kann ich Ihnen helfen, Frau Krombach?“ Dabei schossen seine Augen Blitze auf den Besucher ab.

Lisa überlegte einen Moment, ob sie den Fremden einfach hinauswerfen lassen sollte. Doch damit wäre das Problem nicht gelöst, nur verschoben.

„Danke Paul, es ist schon in Ordnung. Der Herr wollte sowieso gerade gehen.“

Als sich der Concierge wieder hinter seiner Rezeption aufgestellt hatte, immer noch mit wachsamen Blicken auf sie und ihren ungebetenen Besucher, wagte Lisa endlich die alles entscheidende Frage: „Was wollen Sie?“

„Aha, ich sehe, wir verstehen uns“, knurrte der Fremde. „Wie Ihnen ja der liebe Herr Doktor gesagt hat, wird uns die Klinik finanziell entschädigen. Wenn Sie mir Ihre Summe auszahlen und noch – sagen wir fünfzigtausend drauflegen, werden Sie nie wieder was von mir hören.“

Lisa schluckte ihre Empörung hinunter. „Und was wollen Sie tun, wenn ich mich nicht erpressen lasse?“

Der fremde Mann grinste. „Was meinen Sie, wie sich die Regenbogenpresse freuen wird, wenn sie so eine Überschrift hat“, der Türke warf sich in Positur und deklamierte: „Firmenchefin lässt sich künstlich befruchten und bekommt falschen Samen gespritzt.“ Lisas Blick ging erschrocken zu Paul, der jedoch mit seinem Computer beschäftigt zu sein schien. „Schschschsch“, zischte sie. Der Fremde senkte wieder die Stimme.

„Oder, noch besser: Firmenchefin bekommt ein Kind von einem fremden Türken.“

Er lachte schallend. Das Geräusch verursachte Lisa Magenschmerzen. „Vielleicht auch: Soll ein Türke das deutsche Traditionsunternehmen führen?“

„Hören Sie“, sagte Lisa mit zitternder Stimme. „Ich muss darüber nachdenken.“

„Kein Problem, wieviel Zeit brauchen Sie?“

„Zwei Wochen.“

„Das ist aber ganz schön viel. Aber gut, ich will nicht so sein. In zwei Wochen stehe ich wieder hier auf der Matte. Und keine Spielchen, Frau Krombach, meine Kontakte zur Presse sind sehr gut.“

Bevor Lisa noch etwas entgegnen konnte, hatte sich der Mann umgedreht und war grußlos durch die Haustür verschwunden.

Lisa taumelte mehr, als dass sie ging, in den Fahrstuhl hinein und drückte auf den Knopf für die oberste Etage. Als sich die Fahrstuhltüren wieder öffneten, hörte sie schon Milan jämmerlich weinen. Ganz aufgelöst rannte sie in sein Zimmer, wo er in seinem Gitterbettchen stand, das Gesicht rot und nass.

„Mein kleiner Schatz“, schluchzte sie und hob ihren Sohn hoch. „Hab ich dich so lange allein gelassen.“ Ihre Tränen vermischen sich mit denen ihres Kleinen. Sie drückte ihn fest an sich, saugte seinen Babygeruch ein und wünschte sich nur, ihm möge niemals ein Leid geschehen. Der Kleine hatte längst aufgehört zu weinen und machte sich jetzt in ihren Armen steif. Ein Zeichen, dass er heruntergelassen werden wollte. Der mütterliche Gefühlsausbruch war ihm wohl nicht geheuer. Endlich setzte ihn Lisa auf dem Boden ab. Sie sah die großen braunen Augen, die wie Halbedelsteine glänzten und die glitzernden Tränen, die noch in seinen langen schwarzen Wimpern hingen. Ich gebe dich nicht her, dachte sie. Egal, wer dein Vater ist.

2. Kapitel

 

 

Es war wieder eine dieser Nächte, in denen die Angst brutal nach ihren Eingeweiden griff, um sie zusammenzudrücken. Wie würde der DNA-Test ausfallen? Was würde sie machen, wenn tatsächlich der Türke Milans Vater wäre? Irgendwann würde Mahmud garantiert einen Nachweis seiner Vaterschaft verlangen. Vorher käme eine Heirat sicher nicht in Frage. Und der Türke, würde er sie nach einmaliger Zahlung des verlangten Betrages in Ruhe lassen? Man wusste doch, wie das mit Erpressern lief: Sie verlangten immer mehr, wenn man einmal ihren Forderungen nachgekommen war. Doch was wäre die Alternative? Große Schlagzeilen in der Zeitung. Würde das ihre Reputation beschädigen, gar der Firma schaden?

Lisa warf sich grübelnd im Bett herum. Sie wusste: Im Nachbarzimmer schlief Milan. Und ihre Einsamkeit und die Sehnsucht nach ihrem Kind waren so groß, dass sie gegen ihre selbst aufgestellten Prinzipien verstieß, aufstand, und Milan aus seinem Bettchen nahm. Mit dem schweren schlafwarmen Kind tappte sie zurück in ihr Schlafzimmer, legte sich ins Bett und presste den duftenden Körper an sich. Es war der größte Schatz in ihrem Leben. Etwas Besseres konnte nicht nachkommen. Die gleichmäßigen Atemzüge des Kindes verhalfen Lisa endlich zu einem unruhigen Schlaf.

Sie erwachte vom Brabbeln Milans. Seit einiger Zeit probierte er neue Wörter wie Bonbons. Er plapperte alles nach, was man ihm vorsagte. Er lernte wahnsinnig schnell. Beglückt schloss ihn Lisa in ihre Arme und drückte ihn fest. Milan schien dies nicht zu gefallen, denn er machte sich steif und protestierte. Nur ungern entließ ihn Lisa aus ihrer mütterlichen Umarmung. Wenn ihm etwas passiert, bringe ich mich um. Sie dachte diesen Satz nicht zum ersten Mal. Und jedes Mal war es ihr damit bitterernst gewesen. Mit Freuden würde sie ihr Leben für seines geben.

Lisa erhob sich und befreite Milan von seinem Schlafsack. Sogleich krabbelte der Kleine aus dem Bett und lief in sein Zimmer. Sie legte ihm eine frische Windel an und trug ihn die Treppe hinunter in die Küche. Dort pürierte sie ihm gekochte Möhren zusammen mit einer Banane und gab die Mischung auf einen Plastikteller. Für sich toastete sie Brotscheiben und stellte die Butter und die Marmelade aus dem Kühlschrank auf den Tisch. Dann setzte sie Milan in sein Hochstühlchen, band ihm sein Lätzchen um und stellte den Plastikteller auf das kleine Tischchen vor seinem Bauch. In eine Schnabeltasse aus Kunststoff füllte sie ungesüßten Kräutertee und stellte sie neben den Teller. Dann gab sie ihrem Sohn einen Plastiklöffel und ließ sich selbst einen Kaffee aus der Maschine.

„Lass es dir schmecken, mein Schatz“, sagte Lisa und lächelte ihren Sohn an.

„Brot haben“, sagte Milan und zeigte auf Lisas Toastbrot. Diese zerteilte das Marmeladenbrot in mundgerechte Stücke und stellte es ebenfalls zu dem Teller.

Beide aßen schweigend. Milan konnte schon recht gut mit dem Löffel umgehen. Kaum etwas von dem Brei landete auf seinem Lätzchen, und auch die Brotstückchen fanden unfallfrei den Weg in seinen kleinen Mund.

Lisa sah ihrem Sohn beim Essen zu, war jedoch mit ihren Gedanken ganz woanders. Sie würde nachher bei der Apotheke vorbeifahren und ein Testset für eine Speichelprobe kaufen. Diese würde sie mit einem begleitenden Schreiben an die Klinik in den Niederlanden schicken.

Außerdem würde sie sich endlich um eine Tagesmutter für Milan kümmern müssen. Der Kleine war viel zu beweglich, als dass sie ihn guten Gewissens weiterhin mit in die Firma nehmen konnte. Dort besaß er zwar mittlerweile ein stattliches Arsenal an Spielzeug, doch ihm fehlte der Kontakt zu anderen Kindern. Annekatrin kam mit ihrer Kleinen auch nicht mehr so oft zu Besuch wie anfangs. Überhaupt hatte sie sich jetzt schon einige Tage gar nicht mehr gemeldet. Ob etwas passiert war? Lisa machte sich in Gedanken eine Notiz, die Freundin am Abend unbedingt anzurufen.

Ein Blick auf die Küchenuhr mahnte Lisa zur Eile. In einer halben Stunde würde ihr Chauffeur unten stehen und auf sie warten. Sie beendete deshalb ihr Frühstück und hob Milan aus seinem Hochstuhl. Im Bad duschte sie sich schnell, während der Kleine auf dem Boden saß und mit seinem Auto spielte. Durch die Glasabtrennung hatte sie ihn dabei gut im Blick. Aber auch so konnte nichts passieren. Mit dem Moment, als Milan zu krabbeln und sich überall hochzuziehen begann, hatte Lisa sämtliche gefährliche Gegenstände und Substanzen entfernt sowie scharfe Ecken und Kanten mit Schaumstoff gepolstert.

Schon vor seiner Geburt hatte sie bei den Johannitern einen mehrwöchigen Kurs zum Thema Erste Hilfe bei Säuglingen und Kleinkindern besucht. Trotzdem verließ die Angst, Milan könne etwas passieren, sie nie. Deshalb hatte sie bis jetzt das Thema Tagesmutter auch verdrängt. Der Gedanke, ihr Ein und Alles in die Verantwortlichkeit einer fremden Person zu übergeben, verursachte ihr Bauchschmerzen.

Nachdem Lisa sich geschminkt, die Haare geföhnt und sich angezogen hatte, kümmerte sie sich um Milan. Dann packte sie die vorbereitete Kindernahrung, etwas Obst und für sich einen Nudelsalat in ihren Korb, schnappte die Wickeltasche und nahm Milan auf den Arm. Er war inzwischen ganz schön schwer, so dass sie, als sie unten aus der Haustür trat, froh war, als ihr Peter, der Chauffeur, entgegenkam und ihr die Tasche und den Korb abnahm.

„Bitte halten Sie unterwegs noch an einer Apotheke“, bat Lisa ihn, bevor sie Milan in den Kindersitz hob und anschnallte.

In der Firma wackelte Milan auf seinen kurzen Beinchen, wie immer, erst einmal ins Büro von Eleonore Wittstuhl, um sie zu begrüßen. „Hallo Lore“, sagte er, weil er ihren schweren Namen noch nicht aussprechen konnte. Die Assistentin, die schon Lisas Vater treu gedient hatte und ihr zu einer wichtigen Stütze geworden war, strahlte, als der Kleine auf sie zugelaufen kam.

„Können Sie kurz auf ihn achtgeben, Frau Wittstuhl? Herr Meisendreher wollte mich sprechen, da können wir das ungestört tun. Sie können gern in mein Büro gehen, da hat er ja seine Spielsachen. Ich werde Herrn Meisendreher in seinem Büro aufsuchen.“

„Aber mit Vergnügen! Lassen Sie sich Zeit, Herr Meister ist ja da.“ Wegen der Einstellung des jungen Torben Meister hatte es im vergangenen Jahr erhebliche Unruhe in der Firma gegeben. Eigentlich hatte Lisa die Sekretärin loswerden wollen und deshalb nach einem Ersatz für sie gesucht. Nachdem Lisa allerdings gesehen hatte, wie Eleonore Wittstuhl, für die die Firma mehr als nur ein Arbeitsplatz gewesen war, unter die Räder gekommen war, hatte sie sie schnell wieder eingestellt. Nach anfänglichen Dissonanzen in der Zusammenarbeit zwischen dem jungen Assistenten und der altgedienten Sekretärin war es zum Glück ein normales Miteinander geworden, bei dem jeder der beiden von den speziellen Kenntnissen des anderen profitierte. An dieser Front herrschte seitdem zumindest Ruhe.

Lisa gab ihrem Schatz noch einen Kuss und zog sich ihren Mantel aus. Torben Meister war bereits aufgesprungen, nahm ihr Mantel und Taschen ab, um sie in ihrem Kleiderschrank zu verstauen.

Auch Herbert Meisendreher hatte schon unter Lisas Vater in der Firma gearbeitet und war für den Verkauf zuständig. Neudeutsch: Sales Manager. Lisa konnte mit den Anglizismen genauso wenig anfangen wie ihr Vater. Was brachte es, wenn man einen Hausmeister Facility Manager nannte? Fühlte sich dieser dann besser, wenn er den Dreck der anderen wegputzen oder die Mülltonnen auf die Straße rollen musste?

Nach ihrem Klopfen und dem „Herein“ des Verkaufschefs betrat Lisa sein Büro. Meisendreher erhob sich, ging um seinen Schreibtisch herum und reichte Lisa die Hand.

„Einen wunderschönen Tag, liebe Frau Krombach. Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Sie sehen etwas müde aus. Raubt Ihnen der kleine Racker etwa Ihren wohlverdienten Nachtschlaf?“

Lisa lächelte. Meisendreher bediente sich gern einer etwas antiquierten Ausdrucksweise. Die passte genauso zu ihm wie die schräggelegten Strähnen über seiner Halbglatze. Oder wie die Pfefferminzbonbons, von denen er auch im Moment gerade eins lutschte. Doch er war keineswegs gestrig, im Gegenteil. Erst vor einem halben Jahr hatte er sie soweit gehabt, dass sie einer Ausweitung der Produktpalette auf Accessoires – passend zum jeweiligen Schuh - zugestimmt hatte. Und dieser Schritt hatte einiges in ihre Kasse gespült. Da hatte der alte Fuchs den richtigen Riecher gehabt. Sie war gespannt, was er heute von ihr wollte. Allzu oft bat er sie nicht zum Gespräch.

Nachdem sich beide gesetzt hatten, rückte er mit der Sprache heraus. „Sie wissen ja, dass unsere Babyschuhchen ganz ausgezeichnet laufen. Vor allem über den Webshop. Jetzt haben wir das Problem, dass die Marokkaner nicht mit Liefern hinterherkommen. Wir haben einen regelrechten Lieferengpass und mussten vorübergehend die Schuhe aus dem Sortiment nehmen.“

Lisa dachte an den Moment, als sie das Paket von Mahmud geöffnet und die Baby-Babouschen darin gefunden hatte. Sie waren allerliebst gewesen, mit Stickereien auf der Oberseite und aus so weichem Ziegenleder, dass sie leicht wie eine Feder waren. Milan wollte die Schuhe am liebsten gar nicht mehr ausziehen, und es hatte ihr einiges an Zureden abverlangt, bis er auch festere Schuhe akzeptiert hatte, die beim Laufen und Spielen draußen einfach unerlässlich waren.

„Und was schlagen Sie vor?“, fragte Lisa, wohl wissend, dass Meisendreher ihr kein Problem präsentieren würde, für das er nicht auch schon eine Lösung parat hatte.

„Wir haben die Schuhe mal auseinandergenommen. Der Schnitt ist nicht schwer. In unseren Abfallbeständen haben wir jede Menge geeignetes Leder dafür. Nur für die Stickereien haben wir noch keine Lösung gefunden. Ich finde, man könnte es durchaus probieren, sie wegzulassen. Eventuell durch eine Applikation aus Leder ersetzen.“

Lisa freute sich über die Eigeninitiative ihres Verkaufsleiters. Doch etwas schien er noch auf dem Herzen zu haben, wenn sie seine bedrückte Miene richtig deutete. Schließlich rückte er mit der Sprache raus.

„Es geht um das Markenrecht. Wir können nicht so einfach die Schuhe kopieren, selbst wenn Herr Hamid die Marke nicht eingetragen haben sollte. Wir sollten uns von ihm die Erlaubnis einholen, die Schuhe selbst herzustellen. Seine Schuhe nehmen wir ihm selbstverständlich weiter ab, damit er keinen Nachteil dadurch bekommt. So können wir zwei parallel laufende Linien anbieten. Die Frage ist nur: Wer soll ihn fragen? Ich dachte, es sei vielleicht besser, wenn Sie das übernehmen.“

Lisa war froh, dass Meisendreher auch diese rechtlichen Folgen bedachte, bevor es Ärger gab. Und natürlich lag es nahe, dass sie selbst Mahmud fragte. Zumal sie ohnehin mit ihm täglich telefonierte, skypte oder chattete.

„Danke für die Info und Ihren Vorschlag, Herr Meisendreher. Selbstverständlich werde ich mit Mahmud darüber sprechen. Ich denke, dass ich Ihnen schon morgen seine Antwort geben kann. Und die Idee, die Schuhe selbst zu produzieren, ist wirklich grandios. Da hätten wir auch endlich für all das Leder, das zu weich und zu klein für unsere anderen Produkte ist, eine Verwendungsmöglichkeit. Aber lässt sich das auch unter kaufmännischen Gesichtspunkten sinnvoll bewerkstelligen? Werden wir sie zu dem bisherigen Preis anbieten können?“

Meisendreher wiegte seinen wuchtigen Kopf. „Das müssen wir ausprobieren. Hängt auch davon ab, ob wir sie mit oder ohne Verzierungen herstellen.“

„Gut, warten wir noch damit, bis ich das Okay von Mahmud habe. Ist sonst noch etwas?“

Meisendreher schüttelte den Kopf. „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag“, beendete Lisa das Gespräch und stand auf.

Meisendreher sprang hinter seinem Schreibtisch hervor und öffnete Lisa die Tür.

„Auch Ihnen einen schönen Tag, Frau Krombach.“

Lisa schloss noch eine Runde durch die Produktion an und schaute im Atelier ihres Chefdesigners vorbei. Der wuselte mit einem Stift hinter seinem Ohr zwischen voll beladenen Tischen mit Zeichnungen und Lederstücken herum. Wie immer trug er eine rote Hose und einen Schlips, der diesmal anmutete wie eine Illustration zu Findet Dorie. Pete Miller war, im Gegensatz zu Morgenstern und Meisendreher, erst seit gut elf Jahren in der Firma. Ihr Vater hatte sich bei seiner Einstellung nicht von seinem Schwulsein stören lassen, sondern erkannt, welch kreativer Kopf ihm da begegnet war. Und bis heute hatte der Engländer Lisa noch nie enttäuscht.

Mit schnellen Schritten, die vom dicken Teppichboden gedämpft wurden, eilte sie den Gang zu ihrem Büro entlang. Sie sehnte sich schon wieder nach ihrem Sohn, obwohl sie nicht einmal eine Stunde getrennt gewesen waren. Wie sollte das erst werden, wenn sie ihn den ganzen Tag zu einer Tagesmutter bringen würde?

Eleonore Wittstuhl saß in ihrem beigen Twinset und dem schwarzen Faltenrock auf dem Boden und steckte mit Milan unterschiedliche Holzklötze in dafür vorgesehene Löcher. Lisa blieb eine Weile in der Tür stehen und betrachtete das friedvolle Bild. Milan war so vertieft, dass er seine Mutter erst nach einigen Minuten bemerkte.

„Mama wieder da“, strahlte er sie an und erhob sich. Dann wackelte er auf sie zu, und sie ging in die Hocke, um ihn besser umarmen zu können. Doch bald schon wurde ihm die mütterliche Nähe zu viel, und er wand sich aus ihren Armen. „Lore spielen“, sagte er, und Lisa wurde klar, dass sie tatsächlich ersetzbar war. Milan würde sie nicht vermissen. Jedenfalls nicht so, wie sie ihn vermissen würde. Es war an der Zeit, ernsthaft nach einer Betreuung für ihn zu suchen.

3. Kapitel

 

 

Bevor Lisa ihren Kleinen ins Bett brachte, nahm sie noch eine Speichelprobe von ihm und verschloss das Röhrchen, in das sie den Watteträger gesteckt hatte. Dann schrieb sie eine Mail an die niederländische Klinik, in der sie die Sendung ankündigte und einen DNA-Vergleich mit dem vermutlichen Kindsvater verlangte. Sie nahm an, dass auch von diesem eine DNA-Fragmentation gemacht worden war, um die Empfängnischancen bei seiner Frau zu erhöhen. Also musste der Klinik seine DNA vorliegen. Kurz überlegte sie, ob sie dem Klinikleiter von der Erpressung erzählen sollte, doch sie wollte nicht noch mehr Staub aufwirbeln. Erst einmal würde sie das Ergebnis abwarten.

Als Nächstes wählte sie auf Skype den Laptop von Mahmud an. Es hatte sich eingebürgert, dass einer von ihnen nach neun Uhr abends versuchte, den anderen zu erreichen. Heute wollte sie mal wieder sein Gesicht sehen. Sie sehnte sich nach ihm. Er nahm auch sofort das Gespräch entgegen und begrüßte sie liebevoll und wortreich.

„Habibi, Schamsi, ich habe dich so vermisst! Gerade habe ich an dich gedacht. Ach was, ich denke den ganzen Tag an dich! Wie geht es dir, meine Blume?“

Lisa musste angesichts von Mahmuds Wortwahl lächeln. Daran musste sie sich erst gewöhnen. Aber es war auch irgendwie schön. Die orientalischen Männer waren nicht so kühl und zurückhaltend, sondern konnten sehr bildreich, wenn auch oft übertrieben, ihre Gefühle ausdrücken. Wann hatte sie schon mal von einem ihrer bisherigen Partner ein Kompliment bekommen?

„Mir geht es gut, mein Schatz. Wie geht es dir?“

„Jetzt, da ich wenigstens dein Gesicht sehen kann, geht es mir besser. Und was macht mein kleiner Sonnenschein?“

„Er schläft friedlich.“

Mahmuds Gesicht wirkte müde. Hatte er so viel in seiner Firma zu tun oder gab es anderweitig Ärger? Lisa hatte sich abgewöhnt, derartige Fragen zu stellen. Sie hatte lernen müssen, dass ein stolzer marokkanischer Mann niemals über seine Probleme sprach. Die waren dazu da, nur von ihm allein gelöst zu werden. Deshalb kam sie gleich auf ihr vordringlichstes Problem zu sprechen. Die ausbleibenden Schuhlieferungen von seiner Fabrik.

Die Sorgenfalten in seinem Gesicht wurden noch tiefer, was Lisa nicht für möglich gehalten hätte.

„Ich weiß, Habibi, wir kommen nicht schnell genug nach mit Produzieren. Außerdem dieser elendige Papierkram. Er bringt mich noch um meinen Verstand. Für die paar Euros lohnt es sich wirklich nicht.“

Ein guter Einstieg in Lisas Vorschlag, den sie sogleich anbrachte. Mahmuds Blick wurde wachsam. Witterte er einen Nachteil?

„Selbstverständlich werden wir weiterhin von euch Schuhe beziehen. Wir können ohnehin die wunderschönen Stickereien nicht anfertigen. Unsere Modelle würden also ein klein wenig anders aussehen.“

„Wir können eine Lösung finden, die für uns beide vorteilhaft ist“, sagte Mahmud. „Ihr könntet uns einen kleinen Beitrag zahlen, eine Art Lizenz, und ich schaue mir bei meinem nächsten Besuch euer Modell an. Was hältst du davon? Soll mein Anwalt mal einen Vertrag aufsetzen?“

Das schien Lisa sinnvoll und sie fragte gleich darauf, wie weit er mit dem Ehevertrag sei.

Sein Gesicht hellte sich auf. „Wir haben alles durchdiskutiert; ich würde so in zwei Wochen zu dir kommen, und dann können wir alles besprechen. Was sagst du dazu?“

In Lisas Bauch tanzten die Schmetterlinge. Nur noch zwei Wochen!

„Das wäre toll, Habibi! Ich habe auch eine Überraschung für dich!“ Gleich darauf biss sich Lisa auf die Zunge. Jetzt würde er wahrscheinlich denken, sie sei wieder schwanger. Er hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er gern ein Schwesterchen für Milan hätte, bevor der Altersunterschied zwischen den Geschwistern zu groß wäre. Doch Lisa war noch nicht bereit dazu. Im Moment hatte sie noch nicht einmal ihren Alltag mit einem Kind voll im Griff. Mit Grausen dachte sie an das Thema Tagesmuttersuche. Nachher würde sie deswegen noch im Netz surfen müssen.

Jetzt war das Gesicht des fernen Geliebten ein einziges Strahlen. „Ich habe solche Sehnsucht nach dir“, säuselte er. „Ich auch“, entgegnete Lisa. Sie war eher die Nüchterne von ihnen beiden. Schwülstige Liebesschwüre kamen nicht über ihre Lippen.

Sie sprachen noch eine Weile über Alltägliches und versicherten sich gegenseitig ihrer Liebe, dann beendeten sie die Verbindung.

Lisa griff erschöpft und mit heißem Kopf nach ihrem Weinglas. Als sie es zum Mund führte, stockte sie. Wie würde Mahmud eigentlich auf ihren gelegentlichen Alkoholkonsum reagieren? Während seines letzten Besuches hatte sie es vermieden, in seiner Anwesenheit Alkohol zu trinken. Doch wenn er - wie er vorzuhaben schien - diesmal länger zu bleiben gedachte, sah sie nicht ein, warum sie auf das Glas Wein zum Essen oder am Abend vor dem Schlafengehen verzichten sollte. Würde es wegen des Alkoholverbots bei den Muslimen Probleme mit Mahmud geben? Würde sie ihm zuliebe auf Alkohol verzichten wollen? Nein!, war ihre spontane Antwort auf diese Frage. Ihr war zwar klar, dass es in einer interkulturellen Beziehung Kompromisse geben musste, doch die waren bei ihr eher in Bezug auf Schweinefleisch möglich, das sie von ihrem Speiseplan streichen wollte.

Kommt Zeit, kommt Rat, bemühte sie den alten Spruch ihrer Großmutter. Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

4. Kapitel

 

 

Turbulente Tage lagen hinter Lisa. Sie war bei drei Tagesmüttern zu Hause gewesen und hatte sich schließlich für Inge entschieden, eine Mutter von Zwillingen in Milans Alter, die außerdem noch einen Dreijährigen betreute. Ihre Wohnung war ausreichend groß und gut mit Spielzeug sowie kindersicher ausgestattet. Inge war gelernte Kindergärtnerin, die wegen ihrer Zwillinge pausierte. Die besten Voraussetzungen, wie Lisa fand. Auch war die Wohnung nicht allzu weit von ihrer eigenen entfernt, so dass sie Milan gut auf dem Weg in die Firma dort absetzen konnte. Nachdem sie sich über den Preis geeinigt hatten, verbrachte Lisa zur Eingewöhnung einige Nachmittage zusammen mit Milan bei Inge. Milan schien sich wohlzufühlen, fremdelte nicht und mochte die beiden Zwillingsmädchen. In dieser Hinsicht brauchte sich Lisa also keine Sorgen zu machen. Trotzdem zog es ihr das Herz zusammen, als sie am ersten Morgen den Kleinen bei Inge abgab und sich zum Gehen wandte. Irritiert schaute Milan ihr hinterher. „Mama bleiben“, sagte er, und seine Augen füllten sich mit Tränen.

„Mama kommt gleich wieder“, sagte Lisa, so wie sie es auch an den Nachmittagen vorher schon gesagt hatte, wenn sie zunehmend länger die Wohnung verlassen hatte. Aber irgendwie schien Milan zu spüren, dass jetzt etwas anders war. Hatte er Angst, sie würde nicht zurückkommen? Würde er gar sein Urvertrauen verlieren?

„Ich komme in zwei Stunden wieder“, versprach sie und drückte den Kleinen noch einmal an ihre Brust. Schnell musste sie sich abwenden, um nicht selbst loszuheulen. Hinter ihr war noch lange der klagende und schluchzende Ton des Jungen zu hören.

Auf der Arbeit konnte sie sich überhaupt nicht konzentrieren. Alle paar Minuten sah sie auf die Uhr, um nur ja nicht zu spät zu kommen. Als sie endlich an der Tür klingelte, musste sie sich zusammenreißen, um nicht in die Wohnung zu stürmen und ihr Kind an sich zu pressen.

„Wie lief es?“, fragte sie stattdessen Inge. „Er hat noch ungefähr zehn Minuten geweint, dann hat er mit den Mädchen gespielt. Morgen können Sie ruhig vier Stunden wegbleiben. Er weiß ja inzwischen, dass sie wiederkommen werden.“

Lisa lief auf das Spielzimmer zu, aus dem Geräusche von Kindern kamen, die sich auf die ihnen ganz eigene Weise miteinander unterhielten. Als Milan ihrer ansichtig wurde, glitt ein Strahlen über sein Gesicht und er wackelte auf seinen kurzen Beinchen auf sie zu. „Mama“, rief er, und Lisa wurde das Herz weit. Sie hob ihren Sohn hoch und drückte und küsste ihn. „Mama ist wieder da, mein Herz, jetzt gehen wir nach Hause.“

Doch Milan wollte noch nicht nach Hause. Er wollte weiterspielen. Inge lud Lisa auf einen Kaffee ein. „Ich habe auch frischen Kuchen da, heute gebacken.“

Die beiden Frauen setzten sich in die Küche, von der aus sie die offene Kinderzimmertür im Blick hatten.

„Deine beiden Mädchen sind ja so süß“, machte Lisa der Jüngeren ein Kompliment.

„Ja, aber auch sehr anstrengend. Du kannst dir ja denken, dass du den ganzen Stress doppelt hast. Wenn eine anfängt zu heulen, heult die andere aus Solidarität gleich mit.“

„Umso erstaunlicher, dass du dir noch zwei andere Kinder dazu holst“, bemerkte Lisa.

„Was soll ich machen? Es reicht finanziell einfach hinten und vorne nicht.“

„Und der Kindsvater?“

„Der hat sich bald aus dem Staub gemacht. War ihm wohl doch zu anstrengend mit den beiden Mädels. Und mit dem Unterhalt nimmt er es auch nicht so genau. Ständig muss ich beim Amt um Unterhaltsvorschuss betteln, das ist nicht gerade angenehm.“

Lisa wurde wieder einmal bewusst, in welch privilegierter Situation sie sich befand. Immer befunden hatte. Schweigend tranken die beiden Frauen Kaffee und aßen Schokoladenkuchen. Da kamen zuerst die beiden Mädchen und danach Milan und Maik in die Küche gewackelt. „Auch Kuchen“, sagte eine der beiden Zwillinge. Lisa würde sie wohl nie auseinanderhalten können. „Aber ihr habt doch gerade!“, sagte Inge lachend.

Schließlich hob sie die Kinder in ihre Hochstühlchen; Lisa half ihr dabei, und dann bekam jedes Kind noch ein Stück Kuchen und ungesüßten Tee in seine Schnabeltasse.

Als Lisa und Milan sich verabschiedeten, war es schon später, als Lisa geplant hatte. Sie lief mit Milan im Buggy nach Hause und überlegte, was sie am Abend kochen sollte. Eigentlich müsste sie noch Einkaufen, doch mit dem Kind gestaltete sich dies nicht so ganz einfach. Währenddessen kamen sie an einem Spielplatz vorbei. Das entging natürlich auch Milan nicht.

„Mama, Spielplatz“, sagte er und drehte den Kopf. Auch das noch! Lisa war so überhaupt kein Spielplatztyp. Es langweilte sie kolossal, auf einer Bank zu sitzen und dem Kleinen beim „Kuchenbacken“ zuzusehen. Aber es gehörte wohl dazu zum Muttersein, und so seufzte sie nur und schob den Buggy in Richtung Kindergeschrei.

Milan lief zunächst auf die Schaukel zu. Neben angeketteten Gummireifen gab es auch eine für Kleinkinder, in denen sie sicher sitzen konnten. Lisa hob Milan hinein und gab ihm einen kleinen Schubs. Milan jauchzte. „Mehr!“, rief er begeistert. So waren beide eine Weile damit beschäftigt, Milan in immer größere Höhen zu schaukeln. Dann beschloss Lisa, dass es genug sei und ließ die Schaukel zum Stillstand kommen. Jetzt wollte Milan mit den anderen Kindern im Sand spielen. Doch Lisa hatte kein Sandspielzeug dabei. Sie musste sich sogar erst welches kaufen. Ein Blick auf die anderen Kinder im Sandkasten sagte ihr, dass es wegen des Spielzeugs Probleme geben würde. Doch Milan war schon auf dem Weg dorthin.

---ENDE DER LESEPROBE---