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Menschen würde es oft in Erstaunen, versetzten, könnten Hunde aus ihrem Leben erzählen. In diesem Buch berichten sie über das Zusammenleben mit ihren Besitzern, das oft voller Überraschungen und Abenteuer steckt. Vielleicht ist es ein Appell an diejenigen, die das andere Ende der Leine in der Hand halten. Ein heiteres Hundebuch, das auch zum Nachdenken anregt.
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Seitenzahl: 254
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Danksagung
Charly
Baldo
Moritz
Chico
Kimberley
Bruno
Blacky
Erlo & Strolch
Zottel
Formel 1 auf 4 Pfoten
Patsy
Ach, könnten wir die Sprache unserer doch Hunde besser verstehen! Sie sprechen zu uns auf ihre Weise, teilen Freude und Leid mit uns. Die Zeit, die sie mit uns und wir mit ihnen verbringen bereichert unser Leben.
Tierfreunde erinnern sich gerne an ihre Partner auf vier Pfoten. Wäre es umgekehrt genauso?
Im Gespräch mit ihnen entstand eine Sammlung tierischer Kurzgeschichten. Es sind unvergessene Erinnerungen an einen Freund und Lebensbegleiter, der in den Herzen seiner Menschen lebendig geblieben ist.
Mein Dank gilt allen Tierfreunden, die mir aus dem Leben ihres Vierbeiners erzählten. Um deren Anonymität zu wahren verzichte ich auf die Bekanntgabe ihrer Namen bzw. benutze Pseudonyme. Ich bitte den Leser um Verständnis.
Danke für Bildmaterial und Textauszüge.
Ursula Menzel
Charly
Ein junger Labrador erobert die Herzen seiner Menschen
Nur knapp entgeht Charly einem Autounfall. Der Fahrer nimmt ihn mit nach Hause. So gerät der Labradorwelpe in eine Familie die ihn zunächst ablehnt. Erst auf den zweiten Blick gewinnt er die Herzen seiner Menschen und wird als Kind auf vier Pfoten angenommen und geliebt. Er überlebt einen Badeunfall an der Ostsee, macht seine Erfahrungen beim Großwild im Zoo, wird auf offener Straße entführt und als Grenzüberschreiter entlarvt. Dank polizeilicher Hilfe überlebt er eine lebensgefährliche Verletzung – eine abenteuerliche Hundegeschichte.
Ich weiß nicht woher ich gekommen bin und wohin ich gehöre. Wie alle jungen und neugierigen Hunde hat es mich irgendwann auf die Straße getrieben. Als wissbegieriger junger Labrador-Rüde will ich die große bunte Welt entdecken. Nichts will ich verpassen.
Es ist dunkel geworden. Die Straße erscheint mir unendlich lang und ich folge ihr – einfach so, ohne zu wissen wohin sie führt. Schon seit ein paar Stunden rebelliert mein Magen. Ungeduldig suche ich nach etwas Fressbarem. Wäre phantastisch wenn jetzt eine Maus oder ein Frettchen meinen Weg kreuzte. Mein Hör- und Geruchssinn ist bis zum Äußersten angespannt. „Halt, dort drüben im Gras raschelt etwas.“ Ich mache eine Kehrtwende und will gerade die Straße überqueren als dicht neben mir ein furchtbares Brummen mich in Angst und Schrecken versetzt. Vier starke Profile, darüber eine Höllenmaschine taucht neben mir auf. Fast hätte sie mich überrollt. Habe mal wieder „Schwein“ gehabt! Zwei starke Hände umklammern meinen Körper und ich lande auf einem Lederpolster. Der unverhoffte Zwischenfall bringt mich völlig aus dem Konzept. Die Fahrt geht mit ohrenbetäubendem Lärm hinaus in die Nacht - irgendwo hin.
Ich weiß nicht wie lange die Fahrt mit dem ohrenbetäubenden Motorengeräusch dauerte, als mich besagte Hände ein zweites Mal ergreifen. Sie tragen mich durch ein Treppenhaus. Immer höher geht es, bis in die vierte Etage. Plötzlich befinde ich mich in einem hellen Raum und fühle etwas Weiches unter meinen Pfoten. „Das muss ich näher untersuchen!“ Neugierig gleitet meine Nase über den Fußboden. Dessen Duft kann mein feines Riechorgan nicht so ganz einordnen. Irgendwie riecht er nach Chemie. Für einen Hund undefinierbar jedoch nicht gerade angenehm. Der Mann, der mich hierher gebracht hat, kümmert sich wenig um mich. Er scheint der einzige Mensch in der Wohnung zu sein. Weiß er überhaupt wie man einen Hund beschäftigt? Wie dem auch sei, vorerst habe ich genug damit zu tun, meine neue Umgebung kennen zu lernen. Damit ist der erste Tag so gut wie ausgefüllt.
Inzwischen ist es Abend geworden. Ein weibliches Wesen betritt die Wohnung. Sie kommt gerade von der Arbeit und freut sich auf einen erholsamen Feierabend. Erstaunt wendet sie sich dem Mann zu.
„Nanu Kurt, du bist noch hier? Müsstest du nicht schon längst wieder auf Achse sein?“ Leise taste ich mich an die Frau heran. Meine Nase gleitet an ihrem Schienenbein entlang. „Huch! Haben wir Besuch?“ höre ich eine gereizte Stimme. Darauf der Mann: „Den“, sein Finger zeigt auf mich, „habe ich auf der Straße aufgelesen. Fast wäre er mir unter die Räder gekommen. Was sollte ich mit dem armen Kerl machen, Gerdi? Ich habe ihn einfach mitgenommen.“ Die Frau blickt finster zu mir herab.
„Na Klasse. Schau dir doch mal seine schwarzen Pranken an. Und das auf unserem neuen Teppich. Weißt du noch wie teuer der war?“ Oh je, hier bin ich wohl voll ins Abenteuer geschlittert! Anscheinend glaubt die Frau, dass meine Pfoten auf dem neuen hellen Teppich schwarze Spuren hinterlassen. Was kann ich dafür, dass ich mit schwarzen Pfoten auf die Welt gekommen bin! Wahrscheinlich bin ich das erste vierbeinige Wesen, das das geordnete Leben einer Familie völlig durcheinander bringt. Wieder höre ich ihre genervte, jetzt lautere Stimme: „Um Himmels Willen Kurt, was sollen wir mit einem Hund? Ich arbeite den ganzen Tag in einem Gastronomie-Betrieb und du bist die ganze Nacht mit deinem LKW unterwegs. Wie also soll ein Hund in unser Familienleben passen? Das Beste ist, du suchst für den kleinen Kerl eine neue Bleibe. Ende der Debatte.“
Nachdem ich unter dem Ehepaar für reichlich Wirbel gesorgt habe, verlässt der Mann die gemeinsame Wohnung und tauscht sein Bett mit Fahrersitz seines LKW.
Inzwischen ist es spät geworden. Ohne von meiner Anwesenheit Notiz zu nehmen geht die Frau zu Bett, während ich mir irgendwo eine Ecke zum Schlafen suche. „Das ist doch kein Hundeleben!“ Das Leben auf der Straße war zwar nicht sehr gemütlich, aber bei Menschen unerwünscht zu sein ist auch nicht die wahre Freude. Also lasse ich meinem Unmut freien Lauf und protestiere heulenderweise was meine Hundekehle hergibt.
Am nächsten Morgen. Die Frau ist früh aus dem Haus gegangen, ohne von mir Notiz zu nehmen. Mag sein, dass mein Gejaule ihre Nachtruhe verkürzt hat. Ich fühle mich aufs Abstellgleis geschoben. So habe ich mir mein Dasein nicht vorgestellt. Dabei stehen meine Pfoten erst in den Startlöchern des Lebens! Eines habe ich gelernt: „Fällst du Menschen in die Hände kann das Leben ganz schöne abenteuerlich werden.“ Also lege ich mich erst einmal in eine Ecke und überlege, wie ich hier am besten wieder herauskomme. Vielleicht wird sich heute noch irgendetwas ereignen. Wie ich so vor mich hinträume, öffnet sich plötzlich die Tür. Gespannt schaue ich in Richtung Korridor.
„Oh je, die Frau ist zurückgekehrt!“ Sie nimmt mich kurzerhand an die Leine und geht mit mir hinaus. „Na Klasse! Bin auf die nächste Überraschung gespannt.“ Wir überqueren die Hauptstraßen. Rote Ampel – grüne Ampel; Autolärm und Straßenbahnen; mir wird ganz schwindlig bei dem Großstadtgedröhne. Finde ich mich hier noch zurecht?
Wir verlassen den Großstadtlärm und gelangen in einen Raum mit weißgedeckten Tischen und gepolsterten Stühlen. Riecht nobel hier. Kulinarische Düfte strömen aus der Küche nebenan. Gerne hätte ich einen Blick dort hineingeworfen und mir einige Köstlichkeiten zu Leibe gezogen. Eine stabile Leine hält mich jedoch zurück. Schade! Plötzlich sehe ich mich von vielen Menschen umringt. Sie tragen schwarze Röcke und weiße Schürzen. Einige von ihnen schwarze Hosen, weiße Kittel und hohe weiße Mützen auf dem Kopf. Sie alle sehen mich an, als käme ich aus einer anderen Welt. „Ist der süß!“ rufen alle und dann ernte ich jede Menge Streicheleinheiten.
„Ah, endlich ein positives Erlebnis!“
„Wie heißt denn der Kleine“, wollen sie wissen.
„Charly“, antwortet intuitiv meine Begleiterin. Plötzlich habe ich sogar einen Namen, einfach spontan „aus dem Hut gegriffen“.
„Einen so liebenswerten Hund mit einem wahrhaft hübschen Namen wirst du doch wohl behalten wollen“, tönt es aus einigen Kehlen, „so ein schutzbefohlenes Wesen kann man doch nicht einfach weggeben!“ Mit einem bekräftigendem „Wouuu“ und meinem seelentreuen Hundeblick pflichte ich ihnen bei. Kann ein Mensch ein so zartes Wesen ablehnen? Meine Begleiterin schaut mich mitleidig an. „Jetzt ist er noch klein und passt in die „Jackentasche“. Aber er ist ein Labrador und wird an Größe kräftig zulegen.“
„Und wenn schon“, tönen die Gegenstimmen, „ich würde ihn behalten.“
Jetzt ernte ich sogar von meiner Begleiterin etliche Streicheleinheiten. Welch ein Wunder! Hurra, es scheint so, als könnten wir Freunde werden.
Seit einigen Tagen lebe ich nun bei Gerdi und Kurt. Kurt ist tagsüber für mich da und Gerdi abends und in der Nacht. Als Kurt an diesem Morgen von der Nachtschicht nach Hause kommt eröffnet er sichtlich erleichtert seiner Frau: „Du, ich habe jemanden für Charly gefunden. Sicher wird er es bei der neuen Familie gut haben.“
„Nein“, widerspricht sie energisch, „nur über meine Leiche.“
„Wie bitte? Ich höre wohl nicht richtig. Du willst ihn behalten?“
„Und ob. Charly gebe ich nicht mehr her. Stell dir vor, ich beschäftige mich neuerdings sogar mit Welpen-Aufzucht und Hundeerziehung. Hättest du nicht gedacht, wie?“
„Also bitte, dann nimm du die Sache in die Hand. Ich halte mich da heraus.“
Das Zauberwort „Hundeerziehung“ wird sofort in die Tat umgesetzt. Neuerdings habe ich sogar einen Hundekorb, der im Flur für meine Ruhebedürfnisse bereit steht. Im ehelichen Schlafzimmer ist Hundeverbot. Das hat mir gerade noch gefehlt! Weiß Frauchen nicht, dass ein Hund ein Gesellschaftswesen ist, und dass ihm das miteinander Kuscheln über alles geht? Wie aber kann ein Mensch, der unverhofft auf einen Hund gekommen ist, dessen Schlafverhalten ergründen? Hunde brauchen Nähe und Wärme. Das ist für sie überlebenswichtig. Missmutig rolle ich mich in meinen Korb, während Frauchen sich in ihre weichen Kissen kuschelt. Nee Frauchen, da hast du dich aber mächtig in einem Labrador-Welpen getäuscht. Sofort stimme ich ein Nachtkonzert an. Ob sie mich jetzt wohl in ihr Bett holt? Nein, sie ist stur, dreht sich von einer Seite auf die andere. Sie schaut nicht einmal nach mir, so nach dem Motto: „Lass ihn doch jaulen.“ Nun gut, wenn ich vor Einsamkeit nicht schlafen kann, dann soll sie es auch nicht. Meine Ausdauer im Heulen ist beispielhaft. Also geht Frauchen am nächsten Morgen völlig erschöpft von der langen Nachtmusik zur Arbeit.
Vorher machen wir noch eine ausgedehnte Runde. Immerhin muss ich nach der anstrengenden Nacht meine „Geschäfte“ machen. Ungeduldig warte ich in der Tür. „Na Frauchen, bist du endlich startbereit?“ Wir gehen eine Runde durch den naheliegenden Park. „Bitte nicht so eilig, Frauchen. Ich muss hier einige Spuren verfolgen und die Nachrichten lesen, die meine Artgenossen hinterlassen haben.“ Frauchen zieht schon wieder an der Leine. „Ja ich weiß, du musst zur Arbeit. Bevor du aber deinen hungrigen Gästen kulinarisches servierst, denke bitte daran. Auch ich bin hungrig.“ Und richtig, nach unserem Spaziergang kommt Frauchen mit einem Napf daher. Ich kann es kaum erwarten. Hm! Es riecht nach Welpen-Futter, Haferflocken mit Frischfleisch. Immerhin hat sich Frauchen inzwischen schlau gemacht und weiß was einem Welpen an erlesenen Köstlichkeiten guttut. So, mein Bauch ist gefüllt. Jetzt darf sich Frauchen um ihre zweibeinigen Gäste kümmern.
Nach einer Weile kommt Kurt nach Hause. Er streicht mir über den Rücken. „Na Charly, hast du schon deine Geschäfte erledigt?“
„Ja, habe ich schon. Du brauchst dich darum nicht mehr kümmern.“ Erleichtert geht Herrchen ins Bad und gleich danach ins Bett. So hat jeder von uns erst einmal seine Ruhe.
Der Nachmittag naht heran. Meine Blase drückt schon wieder und Herrchen liegt noch seelenruhig im Bett. Unruhig tapse ich durch die Wohnung. Merkt Kurt denn immer noch nichts? Nein, er liegt im Bett und gibt schnorrige Geräusche von sich. Also dann lasse ich eben alles in der Küche auf den Fußboden laufen. Ein paar Stunden später steht Herrchen endlich auf. Noch schlaftrunken tapst er in die Küche und will sich einen Kaffee machen. Der Muntermacher soll seine Lebensgeister wecken. Plötzlich höre ich fürchterliches Fluchen. „Verdammt noch mal, dieser Köter!“ Kurt hat plötzlich nasse Füße bekommen. Tut mir Leid Kurt, aber was kann ich dafür wenn ich mal austreten muss? Mürrisch nimmt er mich an die Leine und geht mit mir nach draußen. Mein Lebensretter hat sich wohl das Leben mit einem Hund etwas anders vorgestellt.
Umso mehr bemüht sich Frauchen aus mir einen stubenreinen Hund zu machen. Das gelingt ihr zwar nicht immer. Manchmal kommt sogar der Scheuerlappen auf der Treppe zum Einsatz. Doch es geht von Tag zu Tag besser. Die gemeinsamen Übungen schweißen uns mehr und mehr zusammen.
Die nächste Nacht liegt vor uns. Seit ein paar Stunden sitzt Herrchen auf seinem LKW. Frauchen ist schon zu Bett gegangen. Schließlich muss sie morgen früh aufstehen. Missmutig verziehe ich mich in meinen Korb. Warum darf ich nicht bei Frauchen schlafen, wo doch das große Bett neben ihr die ganze Nacht über leer steht? Dort könnte ich mich so richtig ausstrecken anstatt mich in meinem Korb zusammen rollen. Wieder tue ich meinen Unmut lauthals kund. Ob Frauchen auf mein Nachtkonzert reagiert? Ich habe verdammt viel Ausdauer. Nach einer Weile steht sie auf. „Los komm her und lass endlich das Jaulen!“ Das ist ein Wort! Sofort verlasse ich meinen Hundekorb und kuschle mich neben Frauchens Kopfkissen. Na endlich! Ich habe es geschafft. Jetzt können wir beide ruhig schlafen.
Seit Kurt ausgezogen ist, sind Gerdi und ich ein ideales Paar. Inzwischen habe ich mich zu einem prächtigen Jung-Hund gemausert. Frauchen hat zurzeit Urlaub und endlich viel Zeit für mich, die wir beide in vollen Zügen genießen. Heute geht es auf große Fahrt. Wir stehen auf dem Bahnsteig und neben uns ein großer Koffer. Auf was warten wir hier eigentlich? Also Charly, lass dich überraschen. Plötzlich hält eine überwältigende Blechschlange neben uns. In nächsten Augenblick befinde ich mich in einem Dschungel von Menschenbeinen. Blicke ich noch durch? „Los, einsteigen“, fordert mich Frauchen auf. Ängstlich schaue ich nach oben. Noch nie habe ich unbequeme Stufen erklommen. „Autsch!“ Die Stufen drücken heftig unter meine Ballen. Um Himmels Willen, wie gelange ich nur in das Abteil? Zum Glück gibt Frauchen mir Hilfestellung. „Geschafft!“ Wir besetzen einen Fensterplatz. Ist doch klar. Schließlich will ich etwas von der Gegend sehen. Felder, Wiesen und Ortschaften sausen nur so an uns vorbei. Gerne hätte ich mir alles näher angesehen, den Duft von Felder und Wiesen in mich hineingezogen. Leider ist keine Zeit für Schnupperpausen. In Windesseile geht es weiter bis wir in Gral-Müritz ankommen. Zuerst checken wir im Hotel ein. Die Dame an der Rezeption händigt uns den Zimmerschlüssel aus. Die Unterkunft ist hell und freundlich. Frauchen packt den Koffer aus und hängt ihre Klamotten in einen Schrank. Nur gut, dass ich mit solchen Umständen nicht belastet bin. Und dann muss Frauchen auch noch ins Bad und sich ein wenig frisch machen, wie sie sagt, und ihr Strandoutfit anlegen. Ich habe so einen Firlefanz nicht nötig. Nachdem sie sich ausgiebig im Spiegel betrachtet und ihre Kleidung zurechtgezupft hat, geht es endlich an den Strand. Auch so ein Ding, das ich noch nie gesehen habe. Ich trotte neben ihr her und spüre plötzlich weichen Sand unter mir. Hier läuft es sich phantastisch. Sofort sind meine Vorderpfoten in Aktion. Ich buddle ein tiefes Loch. Will doch mal sehen, was da drunter steckt. Frauchen ist ein Stück voraus gegangen. Schnell verlasse ich meine Höhle und folge ihr ans Wasser. Eine Riesenwelle schwappt über meine Nase. Ich bin zu Tode erschrocken „Bloß weg von hier“, sagt mir eine innere Stimme. Soweit ich sehen kann, Wasser, Wasser, nur noch Wasser. Zum Glück bieten mir Gerdis Beine ein wenig Schutz. Wir gehen ins Hotel zurück. Das also war der Strand. Sand, okay, aber vom Wasser habe ich für heute mehr als genug. Der Urlaub hat erst angefangen. Wer weiß was mir hier noch alles bevor steht?
Frauchen lässt nicht locker. Jeden Tag geht sie mit mir an den Strand und animiert mich, an den Wassermassen Gefallen zu finden. Aber Frauchen, wie kannst du mich schon wieder ins Wasser scheuchen! Lass es mich noch einmal testen. Vorsichtig taste ich mich an die Wasserkante heran. Eine Welle schwappt über meine Vorderpfoten und weicht sofort zurück. „He, großes Wasser, hast du etwa Angst vor mir? Warte nur, ich kriege dich.“ Mutig laufe ich den Wellen hinterher und schon bin ich mittendrin. Es geht auf und ab – herrlich! Wasser zieht mich magisch an. Frauchen wirft einen Ball der lustig auf den Schaumkronen tanzt. Mein Jagdeifer ist nicht zu bremsen. Mit ein paar kräftigen Sprüngen habe ich den Ball erwischt und lege ihn Frauchen vor die Füße. „Los, Frauchen, weiter so.“ Von Wasserspielen kann ich nicht genug bekommen. Frauchen spielt begeistert mit. Wir verbringen den ganzen Nachmittag am Stand bis wir abends müde aber glücklich unsere Unterkunft aufsuchen. Frauchen fläzt sich in einen Liegestuhl und ich lege mich todmüde auf meine Decke.
Der nächste Tag beginnt mit strahlendem Sonnenschein. Nach dem Frühstück im Hotel geht Frauchen wie immer mit mir zum Strand. Ungeduldig tripple ich neben ihr her und schaue sie einige Male verwundert an: „Los Frauchen, nun mach schon!“ Frauchen aber reagiert nicht. Nanu, irgendetwas stimmt hier nicht. Ach, das Spielzeug liegt im Hotelzimmer. So ein Pech! Soll Frauchen zurückgehen und es holen? Nee, sie macht keine Anstalten. Stattdessen sucht sie auf dem Sandboden nach irgendetwas. Na, Frauchen, Bälle liegen hier ganz bestimmt nicht umher!“ Zum Glück findet sie ein Stöckchen. Na also, Holz tut´s auch! So komme ich heute doch noch auf meine Kosten. Auf dem Weg am Strand entlang werden die Stöckchen allmählich zur Rarität. Dieser Teilabschnitt ist mit Kieselsteinen übersät. Wenn schon kein Holz, dann tut es auch ein Stein. Mit kräftigem Platschen plumpst er ins Wasser. Voll im Jagdfieber stürze ich hinterher, suche auf den Schaukronen nach dem Stein. Nanu? Wo ist er geblieben? Ich tauche, lasse mich von den Wellen hinausziehen; und immer noch kein Stein in Sicht. Vom Ufer her höre ich Frauchens besorgte Stimme: „Charly kommt zurück!“ Zurück? Wo ist der Stein geblieben? Ich muss ihn finden. Vom Beutetrieb angestachelt merke ich nicht, wie die Wellen mich weiter aufs Meer hinaustreiben. Frauchen wittert höchste Gefahr. Plötzlich spüre ich, wie jemand nach meinem Halsband greift. Es ist Frauchen, die mir nachgeschwommen ist. Wir kämpfen gegen die Unterwellen, die uns immer wieder ins Meer zurückwerfen. Völlig erschöpft erreichen wir das Ufer. Einige Badegäste haben unser abenteuerliches Schauspiel mit Spannung beobachtet. „Da haben sie aber verdammt Glück gehabt.“ In meinem jugendlichen Eifer hätte ich fast mein Leben riskiert. Frauchen hat mich in letzter Minute gerettet. Das war knapp! Was also hat ein junger Hund daraus gelernt? „Nie wieder im Wasser nach einem Stein jagen!“
Aus der Küche duftet es nach frisch gebackenem Kuchen. Frauchen zieht ihn gerade aus dem Ofen und stellt ihn auf den Tisch. Dazu nimmt sie das gute Porzellan mit dem Platin-Rand aus dem Schrank. Meine Nase verrät mir; heute muss etwas Besonderes in der Luft liegen. „Charly, wir bekommen Besuch“, sagt sie freudig erregt. Besuch? Was ist das? Auch so ein Begriff, mit dem ich nichts anfangen kann. Erwartungsvoll begebe ich mich auf den Balkon und stelle meine Vorderpfoten auf die Brüstung. Gespannt beobachte ich zwei Leute, die sich unserem Eingang nähern. Richtig, es sind Christine und Fedor. „Na, die kenne ich doch!“ Also das ist Besuch! Warum sagt Frauchen das nicht gleich? Mit Freudengeheul laufe ich unseren Gästen entgegen. „Hallo Christine, hallo Fedor!“
Sofort schlüpft meine Nase in ihre Taschen. Habt ihr mir etwas mitgebracht?“ Mein sehnsüchtiger Blick zielt auf ihre Augen. Fedor zieht einen Büffelhautknochen aus der Tasche, toll. So hatte ich es erwartet. Auch für Gerdi haben sie etwas dabei: Tee, Kaffee, Schokolade und Bücher über Hundeerziehung. Darüber ist sie sichtlich erfreut, denn in der heutigen Zeit (DDR-Zeiten) ist derartige Lektüre Rarität. Jetzt geht es erst einmal an den Kaffeetisch. Der Kuchen, den Frauchen gebacken hat, scheint den Gästen besonders gut zu schmecken. Bekomme auch ich etwas davon ab? Nee, jeder Bissen verschwindet zwischen ihren Lippen. Wie gemein! Stattdessen steckt mir Frauchen ein Stück Hundekuchen zu. Na wenigstens etwas, wenn ich schon nicht Frauchens leckeren Kuchen probieren darf.
Und nun? Sollen wir den ganzen Nachmittag am Kaffeetisch hocken? Das kann´s doch nicht gewesen sein!
Plötzlich stehen alle auf. Fedor holt etwas aus seiner Tasche. „Oh, du hast deine Kamera mitgebracht“, bemerkt Frauchen verwundert. Kamera? Was ist denn das für ein Ding? Erst einmal dran schnuppern. Hm, zum Fressen ist das sicher nichts. Aber was macht man damit? Da kenne sich ein Hund mit den Dingen der Menschen aus! Egal, wir fahren erst einmal mit der U-Bahn. Den Trick kenne ich bereits. Bevor der Zug einfährt legt mir Frauchen einen Maulkorb an. „Pfui, schon wieder dieses lästige Ding!“ Ich bearbeite ihn kräftig mit meinen Vorderpfoten. Als der Zug einfährt hängt der Maulkorb zwischen meinen Ohren. Der Anblick bringt die Umstehenden zum Lachen.
Der Ausstieg befindet sich nahe am Zoo-Eingang. Frauchen ist der Meinung, es sei für einen jungen Rüden lehrreich, einmal andere Kreaturen kennen zu lernen. Na dann mal los! Ich habe die Order brav an der Leine zu gehen. Okay, wer weiß, was mir hier noch alles blüht. Sicher wird es auch für meine Menschen interessant sein zu beobachten, wie sich ein Hund auf fremdem Territorium und bei exotischen Artgenossen aufführt.
Wir kommen zum Ziegengehege. Die weißen Vierfüßler sind viel größer als ich. Ihr Kopfschmuck irritiert mich ein wenig, habe noch nie Artgenossen mit Hörnern gesehen. Ich beobachte sie eine Weile aus sicherer Entfernung. Sie sehen friedlich aus. Eine von ihnen trinkt aus einem Wassertrog „He, ich habe auch Durst.“ Ob sie auch mich aus ihrem Gefäß trinken lässt? Mutig schlüpfe ich unter der Absperrung hindurch. Ich genehmige mir ein paar kräftige Schlucke von der anderen Seite. Wir schauen uns aufmerksam an. „Ja, trink nur, Wasser ist für alle da.“ Ziegen sind großzügige und nette Wesen stelle ich fest. „Danke für die Gastfreundschaft.“ Auf der anderen Seite des Geheges sehe ich ähnliche Wesen. Sie tragen einen runden Kopfschmuck und haben dicke Pullover an. „Huch, bei der Wärme!“ Da schwitze ich ja schon beim Hinsehen.“ Frauchen zieht an der Leine. „Los, Charly es gibt noch mehr zu sehen.“ Oh je, was ist das? Vier dicke Säulen, obendrauf ein Kopf mit einem riesigen Horn auf der Nase. Dahinter türmt sich ein gewaltiger Fleischberg auf. Einer der Genossen schaut interessiert zu mir herüber. Was will der von mir? Meine Beine fangen an zu zittern. Nee, bloß weiter. Wer weiß was die Ungeheuer mit mir vorhaben? Da drüben wittere ich noch mehr Fleischberge mit langen Nasen, die bis auf die Erde reichen. Trompetenartige Geräusche machen die. Mit ihren riesigen Ohren vertreiben sie lästige Insekten. Außerdem tragen sie einen eigenartigen Geruch herüber. Ich ziehe an der Leine. Bloß weg von hier! Was fällt Frauchen eigentlich ein, mich in diese gemein gefährliche Gegend zu schleppen? Und die Menschen haben noch Gefallen daran? Wie soll ein junger Hund das verstehen? Hobbykameramann Fedor kommt ganz schön ins Schwitzen. Er zieht einen Super-Acht-Film nach dem anderen aus seiner Tasche. Tiere müssen für Menschen wohl etwas Besonderes sein. Sonst würden sie uns nicht mit einer Kamera jagen.
Unsere Exkursion in fremde Länder ist noch lange nicht zu Ende. Ein besonderes Aroma strömt aus den Raubtierhäusern die meine Nase wieder magisch anziehen. Das muss ich mir näher ansehen. Mutig stapfe ich durch den Wassergraben, der die Löweninsel vom Besucherraum trennt. Es ist die viel zu kurze Leine, die es mir nicht gestattet, den Löwen, die da vor sich hindösen, einen Besuch abzustatten. Wie gebannt schaue ich hinüber. „Eine friedliche Gesellschaft“, wie ich vermute. Sogleich gebe ich ein hochfrequentiertes Fiepen von mir. „He, seht ihr mich nicht? Kommt mal zu mir herüber. Ich möchte euch näher kennenlernen.“ Majestätisch hebt Vater Löwe seinen Kopf. „Da ist doch ein fremdes Geräusch und ein eigenartiger Geruch im Raum?“ Jetzt ist auch der Rest der Löwenfamilie in Alarmbereitschaft versetzt. Sofort ertönt aus vier Löwenkehlen ein ohrenbetäubendes Gebrüll. Von Panik getrieben setze ich zur Flucht an. Haben die mich etwa als Zwischenimbiss betrachtet? „Oh Charly, wie hast du dich in der Sippe nur so täuschen können?“ Frauchen rennt hinter mir her als hätte sie Rollschuhe unter den Füßen. Auch hier habe ich etwas gelernt: „Ein Löwenhaus betrachtet man am besten von außen.“
Im Raubkatzenhaus siegt wieder meine Neugierde. Dennoch, verschreckt durch das Löwenerlebnis begegne ich den Raubkatzen mit einer gewissen Portion Vorsicht. Auch sie sind neugierige Wesen. Eine prächtige schwarze Katze nähert sich den Gitterstäben. „Oh Mann, sieht die unheimlich aus! Bitte keine weitere Bekanntschaft, okay?“ Ein Schutzwall von Besucherbeinen gibt mir Deckung. Also wieder eine neue Lektion: „Dränge dich niemals vor. Das kann gefährlich werden.“
Der Besuch im Kleintierhaus ist fast wie eine Erholung für mich. Gespannt schaue ich dem agilen Treiben der Kaninchen und Wühlmäuse zu. Ich stelle meine Vorderpfoten gegen den Drahtverhau. Es duftet nach Leckerbissen. Gerne hätte ich zugeschnappt. Wie komme ich nur an sie heran? Aufgeregt laufe ich vor der Voliere hin und her. Nix da mit Beutemachen! Die clevere Gesellschaft tummelt sich in Sicherheit. Also Charly, zügle deinen Beutetrieb. Wie soll ein Hund verstehen, dass Zootiere nur zum Anschauen da sind? An diesem Tag habe ich eine Menge aufregender Erfahrungen gesammelt. Noch einmal auf Zoosafari? Nein Danke!
Die Aufenthaltsgenehmigung in der DDR ist für Besucher aus West-Berlin zeitlich begrenzt. So treten Christine und Fedor nach dem Abendessen die Heimreise an. Wir begleiten sie zum Grenzübergang Bornholmer Brücke. Er ist der nördlichste von sieben innerstädtischen Grenzübergängen. Von allen anderen spiegelt gerade diese Grenzanlage den Charakter der menschenverachtenden Teilung Berlins in allen Fassetten wider. Darum wird sie von Einheimischen „Böse Brücke“ genannt. Rechts und links schiebt sich die Autokolonne, eingerahmt von Fußgängern unter der gewaltigen Eisenkonstruktion wie durch ein Nadelöhr zum anderen Teil Berlins.
Frauchen löst die Leine an meinem Halsband. „Danke Frauchen, kein Angst, ich kenne die Gegend wie meinen Futternapf. Christine und Fedor verabschieden sich von uns – Schade! „Kommt gut heim“, sagt Frauchen und „Danke für euren Besuch.“ Sie gehen durch die Sperranlage und – weg sind sie. Ich kann mir ein sehnsüchtiges Fiepen nicht verkneifen. „Komm Charly, wir gehen noch eine Runde spazieren.“ Sollte es eine Ablenkung sein? Frauchen ist schon vorausgegangen. „Aber ich möchte doch…“ Ich zögere einen Augenblick. „Nun komm schon!“ höre ich Frauchens Stimme. „Nee Frauchen.“ Ich habe es mir anders überlegt. Spontan mache ich einen Satz nach vorn, vorbei am Zollhäuschen und auf die Brücke. Irgendwohin müssen Christine und Fedor verschwunden sein. Ich muss sie aufspüren. Was macht ein Hund sich schon aus Grenzanlagen, Passierschein und Zollbestimmungen! Ich recke meine Nase in den Wind. Zwischen den vielen Besuchern muss ich doch Christine und Fedor erkennen! Ich muss hinter ihnen her – will doch mal den Westen kennenlernen. Von weitem höre ich Frauchens aufgeregte Stimme: „Chaaarlyyy!“ Ach, pfeif drauf! Zuerst muss ich meine Aktion zu Ende bringen. Ob Frauchen mir nachkommt? Gespannt schau ich hinüber. Sie hat sich sogar bis ans Zollhäuschen gewagt.
„Mein Hund ist in den Westen gelaufen. Ich muss ihn zurückholen.“
„Sie wollen doch wohl nicht…?
„Ja, ich will.“
„Das war jetzt wohl ein Scherz - wie?“
„Nein, meinerseits ist es kein Scherz.“
Der Zöllner scheint verunsichert. Ist der angeblich entlaufene Hund nur ein Vorwand in den Westen überzulaufen? Akribisch kontrolliert er die Ausreisenden nach West Berlin, wobei sein nervöser Blick nebenbei auf die Frau gerichtet ist, die angeblich wegen ihres entlaufenen Hundes eine Möglichkeit sucht, in den Westen zu entkommen. Soll er Verstärkung rufen, die Person ohne grenzüberschreitende Erlaubnis wegen versuchter Republikflucht festnehmen? Noch unentschlossen steht Gerdi auf der Ostseite und beobachtet die endlose Blechschlange die sich von Westen herüber schiebt. Ein Blitzgedanke schießt durch ihren Kopf: „Soll ich einfach hinüber laufen und meinen Charly suchen?“ Aber dann hätten die Grenzsoldaten womöglich geschossen und das hätte in der westlichen Presse mal wieder Aufsehen erregt: „Weibliche Person wegen eines Hundes an der Grenze erschossen“ - oder so ähnlich.
Verzweifelt schweift Gerdis Blick über die Brücke. Charly ist nicht mehr zu sehen – abgehauen in den Westen. Dieser Schlingel! „Könnte ich doch nur hinüber! Ich würde ihn suchen bis ich ihn wiederfände, und wenn ich eine ganze Nacht suchen müsste.“ Eine aussichtslose Situation. Gerdi kann es noch nicht glauben. Charly ist weg – einfach so und unerwartet. Wie sie noch ratsuchend am Zollhäuschen steht, reißt ein Autofahrer die Wagentür auf. „Da hinten zwischen den Grenzanlagen irrt ein entlaufener Hund umher.“ Wie bitte? Gerdi wagt sich ein paar Schritte nach vorn. Weiter geht´s nicht. Hier ist Niemandsland.
Eine Zeitlang irre ich durch die Grenzanlagen. Autos, Motorräder, Menschenbeine. Verdammt, wo sind nur Christine und Fedor geblieben? Ich kann sie nicht ausmachen, obwohl meine Ohren die ganze Zeit angespannt auf Hörposition gestellt sind.
„He, da war doch Frauchens Stimme?“ Und wieder höre ich meinen Namen: „Charly!“
„Ach, lass doch die Besucher laufen. Wer weiß wohin sie entkommen sind?“ Ich renne zurück zum Zollhäuschen und dann durch die Sperre gerade auf Frauchen zu. Sie nimmt mich in den Arm. „Charly, da bist du ja endlich! Weißt du wie viel Angst ich um dich ausgestanden habe?“ Vor Freude lecke ich ihre Wange und den Angstschweiß von ihrer Stirn. Ich habe Frauchen wieder gefunden – welch ein Glück!
„Da haben sie aber Glück gehabt“, mahnt der Grenzer, „normalerweise müssen wir schießen.“
„Sie werden doch wohl nicht auf einen Hund schießen.“
„Oh ja, auch hier haben wir unsere Vorschriften.“
Jetzt fasst Frauchen wieder Mut.
„Wollen sie mir noch eine Moralpredigt halten, Herr Zollbeamter. Sie können jetzt sagen was sie wollen. Mein Hund ist zurückgekommen von ganz alleine. Hätten sie nicht gedacht, wie? Das nächste Mal hänge ich ihm eine Tasche mit einem Portemonnaie um den Hals und schicke ihn in den Westen zum Einkaufen.“
Alle Umstehenden lachen über den tierischen Spaß an der innerdeutschen Grenze.
Anmerkung: Die Angelegenheit hatte für die Hundebesitzerin, Gott sei Dank, kein unangenehmes Nachspiel. Auch mit dem Grenzbeamten hat sie nie wieder ein Wort gewechselt. Wer hätte gedacht, dass ein Jahr später die Grenzen geöffnet wurden und es danach weder eine DDR noch eine BRD gab. Noch heute erinnert sich die Hundebesitzerin an das verkniffene Gesicht des Grenzbeamten mit den Geheimratsecken. Wie dieser den Zusammenbruch der DDR erlebt hat, wird niemand erfahren. Er war ein DDR-Genosse und gehörte zu denen, die ihre Arbeit treu und gewissenhaft ausführten. Gelegentlich sah die Hundebesitzerin ihn wankend aus seiner Stammkneipe kommen. Vielleicht hat der Alkohol ihm über sporadische Gewissensfragen hinweg geholfen. An die Begegnung von damals denkt die Hundebesitzerin noch oft zurück wenn sie an der Bornholmer Brücke steht, wo Zollhäuschen und Schlagbaum längst zur Vergangenheit gehören.
Mit vierzehn Monaten und einer Schulterhöhe von fünfundsechzig Zentimeter bin ich bereits ein angesehener Rüde. Höchste Zeit zwischen Frauchen und mir die Rangordnung festzulegen. „Ha Frauchen, du wird dich noch wundern! Eines steht zwischen uns fest; ich bin nicht mehr dein Kuscheltier, verstanden?“ Gerade will sie aus dem Haus gehen und nimmt ihre rote Jacke von der Sofalehne. Ausgerechnet die, auf die ich mich immer so gerne kuschle. „Nee Frauchen, so geht das nicht!“ Sofort fasse ich zu. „Die gehört mir, kapiert?“ Frauchen zieht von der anderen Seite. „Hallo mein Freund, das ist meine…“
