... doch Gefühle schweigen - Ursula Menzel - E-Book

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Ursula Menzel

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Beschreibung

Wie kam es zu dem beispiellosen Völkerhass, der in der Massenvernichtung von Juden und nichtarischen Völkern endete? Lag der Ursprung in einem übersteigerten Nationalismus? Waren es die Generationen der Jahrgänge um 1900, die ihren Nachkommen ein anmaßendes Deutschtum lehrten? Die bewegte Vergangenheit der Familien Niemeyer, Schneider und Löwenstern gäbe uns kaum Anlass zu Nachdenken, läge man sie als "Beiwerk einer Historie" beiseite. Es ist die Altersklasse der 20er Jahrgänge, die in die revolutionäre Weimarer Zeit hineingeboren wurde. Ihre Jugend prägte der Nationalsozialismus, der ihnen eine verheißungsvolle Zukunft prognostizierte. Wer von den jungen Menschen blickte schon hinter die Kulissen? Gerade sie erlebte das dunkelste Kapitel unserer Geschichte. Möge ihr Schicksal der Nachwelt eine Warnung vor Ausgrenzung, Rassismus und Gewaltverherrlichung sein.

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

PROLOG

HEIRAT NICHT GEPLANT

BEWÄHRUNGSPROBE

EINE NEUE BEKANNTSCHAFT

AUS DER FAMILIE VERBANNT

UNANGENEHME ÜBERRASCHUNGEN

EIN NEUES ZUHAUSE

EINE NEUE ÄRA

DAS BLAUE HAUS

BÜRGSCHAFT

REVOLUTIONÄRE ENTSCHEIDUNG

MUSIKSCHÜLER

UNERWARTETER ABSCHIED

AUFBRUCH UND NEUBEGINN

HARTES BROT

ÜBERRASCHENDER BESUCH

KRIEGSBEGINN

FRONTEINSÄTZE

ENDLICH EIN LEBENSZEICHEN

DENNOCH EIN „JA“

KAPITULATION

DÜSTERE AUSSICHTEN

KRIEGSGEFANGENSCHAFT

KRIEGSHEIMKEHRER

ZURÜCK ZUR NORMALITÄT

UNERWARTETE KONTAKTE

WIEDERSEHEN

SPÄTHEIMKEHRER

HEIMKEHR

VERÄNDERTE WELT

FREUDIGE ÜBERRASCHUNG

DIE ENTSCHEIDUNG

FAMILIENGLÜCK

TURBULENZEN

EPILOG

Prolog

Gibt es eine Antwort auf das Warum einer noch immer nicht ganz bewältigten Vergangenheit? Wer bereitete den Nährboden für den beispiellosen Menschenhass, der in der Massenvernichtung von Juden und nichtarischen Völkern endete? Lag der Ursprung in einem übersteigerten Nationalismus? Waren es die Generation der Kaiserzeit, die ihren Nachkommen ein anmaßendes Deutschtum lehrten? Lag es am schwachen Einfluss einer noch unerfahrenen Demokratie nach dem I. Weltkrieg?

Die bewegte Vergangenheit der Familien Niemeyer, Schneider und Löwenstern vor und während dieser Zeit gäbe uns kaum Anlass zum Nachdenken, läge man sie als „Beiwerk der Geschichte“ beiseite.

Die Judenverfolgung während der NS-Zeit riss Familien so genannter Mischehen auseinander. Als Clara Schneider 1930 in zweiter Ehe den jüdischen Mann Siegfried Löwenstern heiratete, nahm das Schicksal der Familie seinen Lauf. Um einer möglichen Deportation zu entkommen, wählten sie die Emigration. So wanderte ein Teil der Familie nach Südamerika aus. Zwei Söhne Günter (17.J.) und Walter (15 J.), blieben in Deutschland. Sie erlebten Krieg und Kriegsgefangenschaft.

Nach 1945 wagten sie den Neuanfang. Alte Wertvorstellungen hatten ihre Gültigkeit verloren.

Als Walter nach fünfundzwanzig Jahren seinem Vater begegnete, schilderte er ihm seinen leidvollen Lebensweg nach der Trennung seiner Eltern. Die Geschichte, wie sie sich im dritten Reich zugetragen hatte, begann weit vor ihrer Zeit, in den Jahren der deutschen Revolution nach dem ersten Weltkrieg. So auch die Geschichte von Günter und Walter, als ihr Vater, Karl Schneider, 1920 nach sechs jähriger Internierung auf Neuseeland in das zerrüttete Deutschland zurückkehrte.

Es ist die Altersklasse der 20er Jahrgänge, die in die revolutionäre Weimarer Zeit hineingeboren wurde. Ihre Jugend prägte der Nationalsozialismus, der ihnen eine verheißungsvolle Zukunft prognostizierte. Wer von den jungen Menschen blickte hinter die Kulissen? Gerade sie erlebte das dunkelste Kapitel unserer Geschichte. Sie war es auch, die unserem Land zum wirtschaftlichen Aufschwung verhalf, um ihren Nachkommen ein Leben in Frieden und Freiheit zu ermöglichen.

Mein Dank gilt meiner Großmutter, die mir einige Anekdoten aus ihrem früheren Leben erzählte, ebenso meinem Vater, dessen Geschwister, und ihren Nachkommen, die mir ihre schicksalshafte Geschichte aus ihrer Sicht berichteten, sowie einem Kollegen meines Vater, der mir Erinnerungen an seine Hagenower Zeit mitgeteilte. Mein Onkel Walter schilderte mir schriftlich seine Erlebnisse. Besonders ihm, herzlichen Dank. Ebenso danke ich der Bundeswehr-Auskunftstelle, die mir über die Kriegseinsätze meines Vaters Auskunft gab. Ihnen allen meinen verbindlichen Dank, denn ohne ihre Hilfe wäre dieses Buch nicht zustande gekommen.

Respekt vor einer Generation, die Oper einer fatalen Demagogie geworden ist. Möge ihr Schicksal der Nachwelt eine Warnung vor Rassenhass, Ausgrenzung und Diskriminierung sein.

Um die Identität der Protagonisten zu schützen wurden ihre Namen geändert. Sollten dennoch einige identisch sein, so ist das reiner Zufall.

Heirat nicht geplant

Die junge Krankenschwester Clara Niemeyer stand vor dem großen Ankleidespiegel, rückte ihre Haube zurecht und legte ihre weiße Schürze um ihren rundlich gewordenen Leib, den sie seit einigen Wochen in ein Korsett zwängte. Ein letzter kritischer Blick in den Spiegel, ehe sie auf die Station ging. Niemand sollte ihr ansehen, dass sie ein Kind erwartete. Welches Gerücht ginge in ihrem Stadtbezirk um: „Die Niemeyers-Tochter bekommt ein Kind, hat aber keinen Mann.“ Das durfte auf keinen Fall geschehen, waren doch Niemeyers in ganz Westfalen als biedere und christlich aktive Familie bekannt.

Mit dreiundzwanzig Jahren war Clara im heiratsfähigen Alter, aber die jungen Männer hatte der Krieg verschlungen. Nun war sie schwanger geworden, und der Vater ihres Kindes wusste nichts davon. Waren es Verschlingungen des Schicksals, als sie den Seemann Karl Schneider kennen lernte? Ihr Vater hatte als Mitarbeiter eines bekannten Essener Stahlwerks diesem Mann zu einer Beschäftigung verholfen.

Zu jener Zeit kamen die Arbeitssuchenden scharenweise nach Essen. Das Ruhrgebiet galt auch nach dem Krieg 1918 als das Industriezentrum Deutschlands und zog Tausende an. Wo sonst gab es Hoffnung auf eine Beschäftigung, wenn auch für karges Brot? Das Schicksal der Arbeitslosen teilte auch der junge Seemann Karl Schneider, der nach sechsjähriger Internierung wieder heimatlichen Boden betrat. Während in Europa der Krieg tobte, arbeitete er im fernen Neuseeland auf einer Farm. Doch nach Kriegsende zog es ihn in ein Land zurück, dessen Existenz in seinen Fundamenten zerrüttet war. Was wusste er auf der anderen Seite der Welt von Deutschland außer, was die Tageszeitungen in ihren Kurzberichten schrieben? Was für eine Vorstellung hatte er von dem, was ihn in seiner Heimat erwartete, als sein Schiff Neuseeland verließ? Karl hatte nur einen Wunsch. Er war Seemann und wollte – ja er musste wieder unter deutscher Flagge anheuern. Doch seine Hoffnungen und Bemühungen zerplatzten wie Seifenblasen. Die deutsche Handelsflotte war nach dem verlorenen Krieg teilweise versenkt, der Rest wurde den Siegermächten zwangsweise überlassen. So wie alle deutschen Seeleute wurde auch Karl Schneider von den heimatlichen Reedereien abgewiesen und auf unbestimmte Zeit vertröstet. Der ehemalige Seemann hegte bessere Erinnerungen an seine Heimat. Dass ihn sein Schicksalsweg ausgerechnet ins Ruhrgebiet führte, widersetzte sich seiner Vorstellung von einem Neuanfang. Aber Karl hatte einen Joker im Ärmel. Er hatte einst das Schlosserhandwerk erlernt. So hoffte er, wie viele seiner Altersgenossen, in Essen Arbeit zu finden. Dabei traf er auf einen gewissen Herrn Niemeyer, der bei seinem Vorgesetzten für den neuen Mitarbeiter ein gutes Wort ein legte.

Es gab noch Arbeit im Stahlwerk. Aber, so paradox es klang, die Arbeitsbeschaffung bestand aus der Vernichtung zahlreicher Arbeitsplätze. Seit der Ratifizierung des Versailler Vertrages begann in einem der bekanntesten Stahlwerke Deutschlands die große Demontage. Was in galoppierendem Tempo in den Jahren 1914 bis 1918 für die Kriegsproduktion gebaut wurde, fiel jetzt dem Abbruch zum Opfer. Panzer, Kanonen, sogar Werkshallen für die Kriegsproduktion wurden demontiert. Für Karl Schneider brachte die Nachkriegsphase für viele Monate eine Chance auf Arbeit.

In der Zeit der Nachkriegswirren sind sich Clara und Karl irgendwo begegnet. Der junge Seemann erinnerte Clara an ihre erste heimliche Jugendliebe, Carl Glitsch. Carl war einige Jahre älter als sie. Damals war sie sechzehn und unsterblich in ihn verliebt. Mutter durfte es niemals erfahren. Ihre Träume und Sehnsüchte vertraute sie ihrem Tagebuch an, das sie verschlossen in einer Kommode aufbewahrte. Sie wusste, Carl Glitsch könne niemals ihr Ehemann werden. Dennoch hätte sie eine Frau an seiner Seite nicht ertragen. So wäre es besser, wenn er ledig bliebe. Carl war der Sohn ihres Onkels Kat'l, Mutters Bruder, ein Cousin ersten Grades.

Carl Glitsch hatte Claras Tagebuch nie gelesen. Er ging in den Krieg, wie es zahllose junge Männer taten.

Und dann - 1916 - kam die schlimme Nachricht. Carl Glitsch war auf dem Schlachtfeld am Heldentod krepiert – für Kaiser und Vaterland. Für Clara war eine Welt eingestürzt. Mit bemerkenswertem Idealismus war Carl für seinen Kaiser in die Schlacht gezogen! Der Kaiser war nach dem verlorenen Krieg nach Holland geflüchtet, doch Carl Glitsch war an der Front geblieben.

Auch für Fritz, einen Studenten hatte Clara kurze Zeit geschwärmt. Doch auch er musste in den Krieg, und seitdem war er ihr nicht mehr begegnet. Doch besagter Karl Schneider war vom Waffengang verschont geblieben. Mochte man es nun Schicksal oder Fügung nennen – Vater hatte ihm eine Arbeit im Stahlwerk verschafft. Und dieser Mann hatte für sie Interesse gezeigt. Noch vor einigen Monaten hatte sie von einem Leben zu zweit geträumt. Wenn Karl sie beim Tanzen fest in seinem Arm hielt, spürte sie seine beschützende Stärke und Überlegenheit. Dieser Mann hatte die Welt gesehen, während sie noch nie über Deutschlands Grenzen hinausgegangen war. Die Bekanntschaft mit dem jungen Seemann rief in Clara Gefühle tiefer Zuneigung hervor. Sie musste die Weichen für ihr Leben stellen, jetzt, ehe es zu spät ist, musste raus aus der Umklammerung ihrer Eltern mit ihrer kleinbürgerlichen Lebenseinstellung. Mit Karl wollte sie das Leben teilen und die bunte Welt draußen kennen lernen. Und an jenem Tag, so glaubte sie, bot sich ihr die Chance einer intimen Beziehung. Und diese musste sie wahrnehmen, ehe er sich einer Anderen zuwandte. Frauen, unverheiratet oder verwitwet, gab es mehr als genug. So verlor Clara ihre Unschuld an einen Mann, dem sie einige Male begegnet war. Es war ihr erstes wunderbares Erlebnis, wobei sie sich einschneidende Veränderungen ihres Lebens erhoffte. Was wusste sie schon von seiner Vergangenheit und über seine Zielsetzungen?

Seitdem war ein halbes Jahr vergangen. Clara war dem jungen Seemann nicht mehr begegnet. Längst hatte der Alltag die junge Krankenschwester eingeholt. In der Krankenanstalt war der Zwölf-Stunden-Arbeitstag zur Normalität geworden. Dabei wurde drei Jahre zuvor die Arbeitszeit auf acht Stunden gekürzt. Jetzt war die Kürzung durch Notverordnung aufgehoben. Darüber hinaus war ab einundzwanzig Uhr Stromsperre. Die Arbeit wurde bei Kerzenlicht fortgesetzt, eine zusätzliche Belastung für Ärzte und Schwestern. Um diese Zeit fanden Pflichtuntersuchungen bei den Essener Prostituierten statt. Schwester Clara assistierte dem Arzt mit der brennenden Kerze, „Nun gehen Sie schon näher ran damit ich etwas sehen kann“, fuhr er die junge Krankenschwester an. Wortlos tat Clara das, was der Arzt verlangte, als die Patientin plötzlich aufschrie und es nach verbrannten Haaren roch.

Seit Kriegsende nahmen die Sterbefälle an Tuberkulose dramatisch zu, kein Wunder bei den miserablen Lebensbedingungen. Wer konnte bei Wassersuppen und Kohlrüben bei Kräften bleiben? Feuchte und dunkle Wohnungen taten ihr Übriges. Was der Krieg nicht geschafft hatte, raffte die Schwindsucht hin. „Das alles verdanken wir dem verdammten Krieg und dem Schand-Diktat von Versailles“, pflegte Mutter Friederike zu sagen, wenn irgendwelche Nachkriegsbotschaften an ihre Ohren drangen. Als treue Anhängerin der Monarchie, die es nun nicht mehr gab, konnte sie diese Bemerkung nicht verschweigen. Vor Epidemien der Nachkriegszeit war Familie Niemeyer verschont geblieben. Dafür quälte Clara die ungewollte Schwangerschaft. Seit einem Monat spürte sie Bewegungen in ihrem Leib, den sie nun nicht mehr verstecken konnte. Mit einem unehelichen Kind würde sie in der Gesellschaft für ein „leichtes Mädchen“ angesehen.

„Wohin also mit dem Kind, wenn es zur Welt kommt?“ Dieser Gedanke quälte Clara wie ein Albtraum. Sollte sie es heimlich weggeben, so tun, als ob nie etwas geschehen wäre? Wem aber sollte sie es geben, ohne dass jemand aus ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis Notiz davon nahm? Bis jetzt hatte sie ihre Schwangerschaft vertuschen können, aber künftig wird ihr rundlicher Leib nicht mehr zu verbergen sein. Obwohl sie ihn noch immer in ein festes Korsett presste, war ihr Zustand längst dem Kollegen Doktor Dressler, aufgefallen, der sie daraufhin ansprach. Er war der erste Mensch, dem sie ihr erdrückendes Geheimnis anvertraute.

„Ich bin gutgläubig und leichtsinnig gewesen und dafür wird mich die Gesellschaft mit Verachtung strafen.“

„Kennen Sie den Vater Ihres Kindes?“

„Oh ja, wir sind uns einige Male begegnet, aber für eine dauerhafte Beziehung hat es nicht gereicht.“

„Haben Sie ihn über die Schwangerschaft informiert?“

„Nein, mit niemandem habe ich bisher darüber gesprochen.“

„Auch nicht mit Ihren Eltern?“

Clara schüttelte den Kopf. „Wie kann ich so vor meine Eltern treten, die auf christliche Werte und Tugenden allergrößten Wert legen? Meine gestrenge Mutter hält sich an die gesellschaftliche Ordnung. Ihr Leben verläuft in festen Bahnen. Das gleiche erwartet sie von mir.

Der Arzt legte beruhigend die Hand auf den Unterarm der jungen Krankenschwester.

„Möchten Sie, dass ich mit Ihrer Mutter rede?“

„Wenn Sie das tun wollen, wäre es mir eine große Hilfe.“ Durch Claras Aussprache mit Doktor Dressler waren ihre Sorgen zwar nicht weniger geworden, aber sie hatte jetzt einen Vermittler, der ihr keine Vorwürfe machte, sondern mit einem Gespräch bei ihrer Mutter Einsicht erhoffte.

Friederike Niemeyer drückte auf die große Klinke an der schweren Eichentür, die sich knarrend öffnete. Noch immer war es ihr schleierhaft, warum ein Arzt der Klinik, in der ihre Tochter arbeitete, sie um ein Gespräch gebeten hatte. Clara hatte nicht gewagt, ihrer Mutter den Grund dieser Unterredung zu nennen. Die kleine rundliche Frau war zähe im Nehmen. Was hatte sie in den letzten Jahren alles überstanden: die Luftangriffe auf Essen und die chaotischen Zustände der Nachkriegszeit. Nein, so leicht konnte sie nichts mehr erschüttern.

Und jetzt saß sie einem Arzt gegenüber und lauschte gespannt seinen Worten: „Ihre Tochter ist im sechsten Monat schwanger. Wussten Sie das?“ Von einem Augenblick auf den anderen glich Friederikes Gesicht einer bleichen Maske und ihre Hände begannen zu zittern. Unter tränenverschleierten Augen flehte sie den Arzt an.

„Das Kind darf nicht auf die Welt kommen. Unsere Familienehre ist ruiniert. Bitte tun Sie etwas, dieses Unheil abzuwenden.“

Doktor Dressler lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er brauchte etwas Zeit und innere Ruhe, um dem hysterischen Auftreten von Frau Niemeyer zu begegnen. Dann sagte er fast im Flüsterton: „Frau Niemeyer, Sie wissen doch, dass ein Schwangerschaftsabbruch eine vorsätzliche Tötung ist. Auf Abtreibung steht *Zuchthausstrafe.

*Eine Strafe mit verschärften Haftbedingungen und körperlichen Züchtigungen wurde 1969 in Deutschland abgeschafft

Außerdem ist der Zeitpunkt für einen Schwangerschaftsabbruch weit überschritten. Eine Abtreibung wäre nicht zuletzt für Ihre Tochter mit einem hohen Risiko verbunden.“

„Soll das heißen, Sie können nichts mehr tun?“

„So ist es, Frau Niemeyer. Wäre Ihre Tochter innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen zu mir gekommen, hätte ich vielleicht noch etwas unternehmen können. Aber jetzt ist es zu spät.“

Friederike Niemeyer saß da, mit geröteten Augen und in sich zusammengesunken.

„Wer kann uns nur helfen?“ jammerte sie. „Gibt es keine Lösung, das Unheil in letzter Minute abzuwenden? Käme das Kind erst gar nicht zur Welt, auf keinen Fall in der Krankenanstalt wo Clara beschäftigt ist!“

Friederikes Flehen schien erhört. Im Augenblick tiefster Verzweiflung steckte jemand ihr unauffällig die Adresse einer Geburtshelferin zu.

Diese Hebamme half jedem, der in der Klemme steckte. Das hatte sich in gewissen Kreisen herumgesprochen.

„Es kostet aber eine Kleinigkeit“, hörte Friederike eine leise Stimme an ihrem Ohr. Das Opium für eine solche

„Behandlung“ gab es bei sogenannten „Fliegenden Händlern“. Sie liefen zurzeit in Scharen umher und handelten mit allem, was sich zu Geld machen ließ.

„Egal, koste es was es wolle, wenn nur das Problem von uns genommen würde.“ Friederike zwang ihren Mund zu einem Lächeln.

Als Clara ihrer Hebamme gegenübertrat, beschlich sie ein unheimliches Gefühl. Sie sah, wie ihre Mutter mit dieser Frau tuschelte, eine Handvoll Geldscheine aus ihrer Handtasche zog und sie der Hebamme reichte. Diese ließ das Geld sofort hinter ihrem breiten Schürzenlatz verschwinden. Clara ahnte Schlimmes. Am liebsten wäre sie jetzt davongelaufen. Die Hebamme führte die werdende Mutter in ein halbdunkles Nebenzimmer. Derartige Entbindungen wurden nicht regulär im Kreißsaal vorgenommen.

„Wenn es soweit ist, dann drücken sie auf den Klingelknopf.“ Danach verließen ihre Mutter und diese Hebamme den Raum. Clara war allein. Ihre Gefühle waren eine Mischung aus Angst, Wut und Misstrauen.

Wenn auch in Ermangelung der Männer viele Frauen ein Liebesverhältnis mit einer Frau oder einem verheirateten Mann führten, so versteckte man das unter dem Deckmantel „Scheinheiligkeit“. Was aber konnte Clara verstecken? Ihre Gedanken wanderten zurück in die Zeit, als sie das Lyzeum besuchte. Einmal hatte sie eine Fünf in einer Mathearbeit bekommen. Solche Noten honorierte Mutter sofort mit dem Teppichklopfer, und Clara hatte ihr hoch und heilig versprechen müssen, nie wieder solche Zensuren nach Hause zu bringen.

„Was hatte Mutter nur mit dieser Hebamme besprochen?“ Die Ungewissheit trieb Clara den Angstschweiß auf die Stirn. Sie drückte auf den Klingelknopf. Es dauerte einen Augenblick bis die Geburtshelferin hereinkam. In ihrer weißen Gummischürze sah sie Furcht erregend aus. Mit resoluten Schritten trat sie an Claras Bett.

„Das Kind kann tot auf die Welt kommen oder nach der Geburt für immer friedlich einschlafen“, sagte sie und glaubte die werdende Mutter damit zu beruhigen. Die Engelmacherinnen hatten ihre speziellen Methoden. Entweder ließen sie unerwünschte Kinder durch verzögerte Abnabelung als Todgeburt auf die Welt kommen, oder versetzten sie nach der Geburt mit Opium in einen Dauerschlaf.

Clara stockte das Blut in den Adern. „Wer spricht hier von Todgeburt?“

„Das war mit Ihrer Mutter so besprochen. Wussten Sie das nicht Fräulein Niemeyer?“

„Wem steht es zu, über Leben und Tod meines Kindes zu entscheiden?“

„Ich tue nur das, worum mich Ihre Mutter inständig gebeten hatte.“

„Meine Mutter?“ Clara dachte einen Augenblick nach. Konnte sie zu einer solchen Handlung fähig sein? Vater und Mutter gehörten zu denen, die jeder für eine christliche Familie hielt. „Du sollst nicht töten!“ War dieses Gebot in Anbetracht der Moral bedeutungslos geworden? Clara richtete sich im Bett auf. „Meine Mutter, sagen Sie, hat Sie zur Tötung meines Kindes beauftragt? Und Sie haben sich dafür bezahlen lassen? Weder Sie noch meine Mutter haben ein Recht über Leben und Tod meines Kindes zu entscheiden! Die totgeborenen Kinder klagen uns beim Herrgott an. Wissen Sie das nicht?“

Das Gesicht der Geburtshelferin verzog sich zu einem breiten Grinsen. „Wollen Sie ein Kind kriegen, das ohne Vater aufwächst? Können Sie das Ihren Eltern antun?“

„Ich kenne den Vater meines Kindes, und ob es mit oder ohne ihn aufwächst, werde ich allein entscheiden!“ Claras Gesicht verzerrte sich plötzlich. Die Presswehen setzten weiteren Diskussionen ein Ende.

Clara schenkte einem Sohn das Leben und nannte ihn Wilhelm-Heinrich-Günter – mit Kurznamen Heini. Die Hebamme nabelte den Jungen ab und trug ihn fort. Völlig erschöpft sah Clara ihr nach.

„Was wird mit meinem Kind geschehen? Wird sie es umbringen?“ Sie fühlte ihre schweißnassen Haare, ihr von Schweiß durchtränktes Nachthemd. Nach der Entbindung lag sie mit zwanzig Wöchnerinnen im großen Bettensaal. Immer wieder verfolgten sie in dieser Nacht Alpträume, indem sie ihr Kind in Todesängsten schreien hörte.

Am anderen Morgen kam die Kinderschwester herein und legte jeder jungen Mutter ein frisch gewickeltes „Bündel“ in den Arm. Clara schlug das Herz bis zum Hals.

„Ist auch mein Kind dabei?“ wollte sie fragen, als die Kinderschwester sich zum letzten Mal zur Tür wandte, jedoch ihre Kehle war wie zugeschnürt. „Wo ist mein Kind“, dachte sie, „lag es vielleicht schon im Leichenraum? Und wenn ja, würde es wie eine Todgeburt behandelt – ohne Taufe und christliche Beerdigung?“ Die Kinderschwester kam noch einmal zurück. Sie trat an Claras Bett und überreichte ihr ihren Sohn. Die junge Mutter legte ihr Kind in ihren Arm. „Ich werde für Dich sorgen, auch ohne Deinen Vater“, sagte sie, indem sie dem Kleinen über das Köpfchen strich. Als Clara das Krankenhaus verließ, sollten es alle wissen, dass sie ein Kind zur Welt gebracht hatte. „Möge die Welt darüber denken, was sie wolle!“

Zu Hause betrachtete Friederike den Kleinen. Jetzt, da er seine Augen aufschlug, überkam es sie wie ein eiskalter Schauer. Fast hätte sie dieses kleine unschuldige Wesen umbringen lassen. Das könnte sie jetzt nicht mehr übers Herz bringen. Doch das Glück war mit einem Wehmutstropfen durchsetzt.

„Wenn er doch nur einen Vater hätte!“

Clara wollte den Vater ihres Kindes nicht nennen. Sie hatte ihn seit jenem Abend nicht mehr gesehen, und an eine Zukunft mit ihm dachte sie schon lange nicht mehr. Vielmehr war sie fest entschlossen, das Kind alleine zu erziehen, wäre nicht ihr Vater gewesen, der jetzt massiv forderte: „Du musst mit diesem Mann reden. Das bist Du Deinem Kind schuldig. Wenn er der Vater ist, dann wirst Du ihn heiraten. Das Kind muss in gesellschaftlicher Ordnung aufwachsen.“

Auf den Druck ihrer Eltern hin, nannte Clara den Vater ihres Kindes. „Es ist der junge Schlosser Karl Schneider.“ Völlig ahnungslos saß Karl Schneider Herrn Niemeyer am großen Eichentisch gegenüber. Der Mann, der fast die fünfzig erreicht hatte, legte die gefalteten Hände auf den Tisch. Er saß da, mit schütterem Haar, gerade und kantig, im dunklen Anzug mit einem weißen steifen Kragen. Er war ein Mann der alten preußischen Schule. Sein Blick war ernst, jedoch nicht böse.

„Ich habe Sie in einer äußerst heiklen Angelegenheit zu mir gebeten...“ Herr Niemeyer sprach mit gedämpfter Stimme, aber seine Worte hatten Gewicht. So nannte er ohne Umschweife die Dinge beim Namen.

„Unsere Tochter hat einen Sohn, und nach ihrer Aussage sind Sie, Herr Schneider, der Vater dieses Kindes. Sie sind sich hoffentlich dieser Verantwortung bewusst.“ Er machte eine kurze Pause. „Das Kind braucht eine Familie. Als gewissenhafter Mensch haben Sie die Pflicht die Mutter ihres Kindes zu heiraten. Nur so kann die Familienehre wiederhergestellt werden.“

Karl saß da, als hätte ihn jemand an Händen und Füßen gefesselt. Er wollte etwas sagen, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Er spürte, wie ein unsichtbares Netz ihn umspannte, aus dem es kein Entrinnen gab. Sollte, oder konnte er die Vaterschaft abstreiten? Für Karl war es eine Episode gewesen, eine schöne Begegnung, nicht mehr. Sobald es möglich war, wollte er wieder auf einem Schiff anheuern. Sein Zuhause suchte er auf den Weltmeeren. An eine dauerhafte Bindung mit Clara hatte er niemals gedacht.

Insgeheim stellte er sich jedoch die Fragen: „Warum hat mir Clara ihren Zustand nicht mitgeteilt? Wieso stellt man mich erst jetzt vor vollendete Tatsachen?“

Auf das große „Warum“ konnte ihm nur Clara antworten, die inzwischen ins Zimmer getreten war. Sie hielt ihren Sohn auf dem Arm. Wilhelm Niemeyer ging hinaus. Er hatte seine Mission erfüllt. Nun lag es an Clara und Karl sich mit der Tatsache auseinander zu setzten. Karl betrachtete den Jungen und blickte Clara lange an. Noch immer konnte er nicht glauben, dass dieses kleine Wesen, das Clara auf ihrem Arm hielt, auch sein Kind war.

„Aber Clara“, er legte seine Hände auf ihre Schultern, „warum hast Du mir nie etwas davon gesagt?“

Clara senkte ihren Kopf. „Erinnerst Du Dich an jenen Abend? War es nicht nur ein Strohfeuer das schnell wieder erlosch? Wir hatten uns nach einer wunderbaren Begegnung getrennt. Was blieb, war Erinnerung. Und diese Erinnerung ist heute lebendige Tatsache. Das hatte damals keiner von uns gewollt. Sollte ich Dich zu einer Heirat zwingen?“

„Warum hast Du nicht mit Deiner Mutter gesprochen?“

„Mit meiner Mutter?“ Clara wandte sich ab und lachte bitter. „Was meinst Du, warum mich meine Mutter zu einer Hebamme gebracht hatte, bei der unerwünschte Kinder als Totgeburt zur Welt kommen? Niemals hätte ich das mit meinem Gewissen vereinbaren können!“

„Wenn das so ist, dann heiraten wir“, entschloss sich Karl spontan. Wenn er der Vater dieses Kindes war, musste er verantwortungsvoll handeln. Eine Unterschrift auf dem Standesamt, ein Jawort in der Kirchengemeinde. So wenig brauchte es, zwei Menschen für' s Leben zu binden, zwei Menschen, die im Grunde eine Heirat nie beabsichtigt hatten. Für Clara und Karl glich der Bund fürs Leben einem Sturzflug ins Unbekannte. Claras Eltern dagegen, konnten endlich wieder aufatmen. Ihre Scham und Bedrückung wich wie eine Gewitterwolke, die nun wieder die Sonne erstrahlen ließ. Als die Brautleute sich gegenseitig ihr Eheversprechen gaben, gestattete die Brautmutter sich ein paar Freudentränen.

Karl hatte auf dem Standesamt die Vaterschaft anerkannt. Die Moral war gerettet, und Friederike erzählte es allen: „Unsere Tochter ist verheiratet und wir haben ein Kind.“

Bewährungsprobe

Für Karl Schneider glich die Heirat mit der Niemeyers-Tochter einem Griff in die Wundertüte. Was verband ihn mit Clara? Niemals war es seine Absicht gewesen, sie zu heiraten. Nun aber war er Ehemann und Familienvater. Immer häufiger quälten ihn Zweifel ob er richtig gehandelt hatte als er ungebremst in den Hafen der Ehe gefahren war, und das eines Kindes wegen, dessen Vater er sein sollte. Seine Zukunftspläne waren mit der ungewollten Vaterschaft vereitelt. Schon die Suche nach einer geeigneten Wohnung gestaltete sich schwierig. So wurde das Wohnungsproblem dadurch gelöst, dass Clara und Karl die Wohnung mit Claras Eltern teilten.

Friederike übernahm nun die Mutterrolle einer Großfamilie. Als gelernte Hauswirtschafterin war ihr diese wie auf den Leib geschneidert. Vor allem sorgte sie sich um den kleinen Heini. Dem, von Geburt an hagerem Kind, schenkte sie nun ihre ganze Liebe und Aufmerksamkeit. Sie war es, die nachts aufstand, wenn der Kleine, von Krämpfen geschüttelt, schrie und dabei blau anlief. Stets stand ein Kessel voll Windeln auf dem Herd, und wenn die dicken Tücher in Ermangelung von Brennmaterial nicht schnell genug am Ofen trockneten, lag immer ein Stapel Tageszeitungen bereit, in die Friederike den Kleinen wickelte. Oft stand sie für Milch und Grundnahrungsmittel an, damit ihr Enkel annähernd das bekam, was sein Wachstum förderte. „Der Krieg hat Dir ein schlimmes Erbe hinterlassen“, seufzte sie, wenn sie dem Kleinen die Flasche reichte, „aber Du weißt ja gar nicht, was das ist. Du sollst es niemals erfahren.“

„Nie wieder Krieg!“ Derartige Parolen renommierten in letzter Zeit überall auf Plakaten und Spruchbändern. Der kleine Heini spürte an wenigsten von der turbulenten Welt um ihn herum. Er wuchs in der Geborgenheit seiner Eltern und Großeltern auf.

Seinem Vater hingegen, wurde es im Zusammenleben mit Frau und Schwiegereltern zunehmend bewusst, auf welch spektakuläres Abenteuer er sich eingelassen hatte. Vor allem war es seine Schwiegermutter, die ihm Respekt einflößte. Sie führte das Zepter, und wenn es zwischen Clara und Karl Auseinandersetzungen gab, ließ sie auf ihre Tochter nichts kommen. Dabei war diese keineswegs das, was Karl sich unter einer Hausfrau vorstellte. In der Küche am Herd stehen hatte sie, als Absolventin einer höheren Töchterschule nicht nötig. Ihre Einstellung zur Hausfrau trieb ihrem Mann oft die Zornesröte ins Gesicht, besonders dann, wenn sie bei Auseinandersetzungen ihn, als Facharbeiter, auf ein niederes Niveau stellte. Was war er, der Sohn eines ehemaligen Gardeoffiziers, weniger als sie? Karl stammte aus Bayern und war neben drei Töchtern der einzige männliche Nachkomme.

Bei der Familie ihres Mannes kehrte Clara, wie so oft, die Dame heraus, die es galt, zu hofieren, was ihr Mann mit Unmut betrachtete. Doch er schwieg dazu, denn eine kritische Bemerkung seiner Frau gegenüber, hätte sofort einen handfesten Krach ausgelöst. Eben diesen wollte Karl seiner Familie ersparen. Es reichte, wenn zuhause ständig Streit war, wobei häufig das Geschirr Opfer heftiger Auseinandersetzungen wurde. Derartige Konfrontationen folgten in letzter Zeit in kurzen Abständen. Es war die Enge und das Zusammenleben zweier Generationen, das alle Beteiligten psychisch aufs Äußerste belastete.

Bei jedem Krach der jungen Eheleute war Friderike einem Herzanfall nahe, ahnte sie jedoch nichts von dem, was ihr vor der Tür zum Schlafzimmer der jungen Leute verborgen blieb. So heftig sich Clara und Karl stritten, so leidenschaftlich war ihre Liebe und so sonnenklar ihr Bestreben, sich durch räumliche Trennung dem ständigen Einfluss der Eltern zu entziehen. Diese Chance blieb ihnen versagt. Ein besiegter Staat hatte andere Probleme, als ausreichenden Wohnraum für seine Bürger zu schaffen.

Ebenso sehnten sich Claras Eltern nach Ruhe und Familienfrieden. Das aber war im ständigen Zusammenleben zweier Generationen unmöglich. Wie sollte es nur weitergehen? Karl und Clara hatten sich gegenseitige Treue bis an ihr Lebensende versprochen. Ihre Ehe war besiegelt. Als aktives Mitglied seiner Kirche und von seiner Religion überzeugt, hätte sich Claras Vater einer Ehescheidung massiv entgegengestellt. So glaubte er an das Schicksal, welches ihnen irgendwann einen Ausweg aus der Krise zeigen sollte.

Durch seine frühere Arbeit in der Diakonie, und seine Mitarbeit in der Kirche als Posaunenmeister, kannte Wilhelm Niemeyer viele einflussreiche Leute. Zu diesem Kreis zählte ein Mitglied eines weltweit bekannten Familienunternehmens aus Bielefeld. Hier knüpften sich Verbindungen zu einer bekannten Hamburger Reederei. Die Beziehung seines Schwiegervaters sollte für Karl ein Sprungbrett zur späteren beruflichen Karriere werden.

Die Jungfernfahrt des Postdampfers WADAI im September 1922 brachte Karl die Wende. Er spürte wieder Schiffsplanken unter seinen Füßen und dankte dem Schicksal, das ihn von alten Zwängen befreit hatte: Fort von dem Essener Stahlwerk, das unter dem wachsenden Druck der Kriegsentschädigung stand, raus aus dem goldenen Käfig der Familie. Karl war wieder ein freier Mensch. Wie in alten Zeiten kreuzte er die Weltmeere von Hamburg nach Kapstadt und in den Indischen Ozean.

Die „Wadai“ am Kai von Teneriffa Foto aus dem Familienalbum

Postschiffe waren monatelang unterwegs. Wann immer über Funkspruch ein Auftrag kam, beförderten sie Postgüter von Kontinent zu Kontinent. Schnelligkeit war geboten, denn Mitbewerber gab es mehr als genug. Für die Besatzung war kaum Zeit für Heimaturlaub.

Politische Unruhen an Rhein und Ruhr

Bei Niemeyers war der Familienfrieden wiederhergestellt. Dagegen spitzen sich die politischen Ereignisse im Ruhrgebiet wieder einmal dramatisch zu. Mit Schaudern erinnerte sich Friderike an den Kapp-Putsch vor zwei Jahren, der viele Tote und Verletzte gefordert hatte. Jetzt marschierte französisches und belgisches Militär in den Straßen. Deutschland sei laut Versailler Vertrag mit den Reparationszahlungen im Rückstand, hieß es. Die Narben des Krieges waren noch nicht verblasst. Nun standen wieder Soldaten in langen Mänteln mit Stahlhelm und geschultertem Gewehr auf den Kohlenwaggons. Sie beschlagnahmten Brennmaterial, Lebensmitteltransporte und Lohngelder. Die Reichsregierung Cuno hatte die Arbeiter zu passivem Widerstand aufgerufen. In den Hallen der Fabriken, wo sonst die Maschinen surrten, war es jetzt unheimlich still. Nur der Klang der eigenen Schritte hallte hundertfach wider.

Friederike machte sich an diesem morgen früh auf den Weg zum Einkaufen. Erst gestern hatte sie mit ihrem Mann den Monatslohn im Wäschekorb nach Hause getragen. Jetzt stopfte sie die Einkaufstasche voll Geldscheine. Sie musste sich beeilen, denn mit jeder Stunde verteuerten sich die Lebensmittel. Wenn gestern noch ein Pfund Butter eine Million Reichsmark gekostet hatte, so zahlte man heute schon ein Vielfaches mehr dafür.

In der Essener Innenstadt traf Friderike auf eine Kolonne Soldaten. Der begleitende Offizier kommandierte etwas auf Französisch wobei er mit exakter Geste auf die Fahrbahn wies. Friederike dachte nicht daran, der Truppe auszuweichen. Ihren Kopf geradeaus gerichtet, ging sie auf die Truppe zu und mitten hindurch. „Was kümmert mich das Besatzungsrecht!“ schoss es ihr durch den Kopf. Sie war im Grunde ihres Herzens noch immer eine Verehrerin des Kaisers. „Niemals werde ich mich Euren schmachvollen Forderungen beugen“, dachte sie, als sie unerwartet einen heftigen Stoß im Rücken spürte. Einer der Soldaten hatte sie mit dem Säbelknauf verletzt. Die Verletzung war nicht lebensgefährlich, aber Friederike musste den Zwischenfall ernst nehmen. Die Mittfünfzigerin war noch nie zimperlich gewesen. Schwäche zeigen? Jetzt erst recht nicht! Sie ging weiter und tat so, als wäre nichts geschehen.

Am Morgen des 31. März 1923 heulten die Sirenen. In der Gussstahlfabrik waren Schüsse gefallen. Soldaten hatten in die Menge der Arbeiter geschossen, die aus Protest gegen die Beschlagnahme ihre Arbeit niedergelegt hatten. Auf dem Boden lag das Blut von dreizehn Toten und zahlreichen Verletzten. Das Massaker machte wieder einmal Schlagzeilen.

Bei Niemeyers läutete es derweil an der Haustür. Als Friederike öffnete, sah sie sich drei französischen Soldaten mit vorgehaltenem Gewehr gegenüber. Wortlos stießen sie die rundliche Frau zur Seite und drangen in ihre Wohnung ein. Sie durchstöberten jedes Zimmer, zogen die Vorhänge beiseite, warfen die Bettdecken herunter, öffneten die Kleiderschränke und warfen die Kleidungsstücke hinaus. Friederikes Gesicht verfinsterte sich. „Darf ich fragen was Sie suchen?“

„Wo ist Fritz, junger Mann - Student?“

„Ich kenne keinen Studenten.“

Einer der Soldaten lud das Gewehr durch.

„Wo Du ihn versteckt?“

Friederike erinnerte sich an einen früheren Freund ihrer Tochter. „Hier ist niemand“, konterte sie. „Und wenn Sie mich erschießen, bei mir finden Sie ihn nicht.“ Die Franzosen mussten wieder gehen. Ihre Schritte verhallten in einer Seitenstraße.

„Diese Unholde“, schimpfte Friederike, und machte sich daran, wieder Ordnung zu schaffen, „erst geben sie uns die Schuld am Krieg, dann bringen sie hier alles durcheinander.“

Während Clara ihrer Mutter beim Aufräumen half, tauchten alte Erinnerungen auf. Sie war im neunten Monat schwanger, und zum ersten Mal hörte sie wieder den Namen ihres Verflossenen. Während seiner Studentenzeit war er oft bei Niemeyers ein- und ausgegangen, und das war in der Nachbarschaft bekannt. Irgendjemand musste den Franzosen einen Tipp gegeben haben. Wie konnte es anders sein, dass sie ihn ausgerechnet hier suchten?

„Wenn Fritz in Essen ist, muss ich ihn finden. Ich muss ihn warnen, bevor die Franzosen ihn festnehmen. Warum nur, suchen sie ihn? Hatte er etwas mit der Widerstandsbewegung zu tun?“ Die Französische Besatzung spürte nach Anhängern Albert Schlagethers, die Sabotage- und Sprengstoffanschläge gegen die Besatzungstruppen verübten. Solche Anschläge hatten in den letzten Wochen massiv zugenommen. Schlagether war mit anderen Saboteuren bereits zum Tode verurteilt. Seiner Bewegung gehörte auch Fritz an.

„Hilfst Du mir, Fritz zu suchen?“

Friederike horchte erschrocken auf. „Weißt Du wie gefährlich das ist?“

„Das ist mir egal. Vielleicht ist Fritz in Lebensgefahr.“

„Warum willst Du Dein Leben für einen Mann aufs Spiel setzten, mit dem Dich nichts mehr verbindet? Du bist doch mit Karl verheiratet“

„Karl! Was habe ich von Karl? Er ist auf den Weltmeeren zu Hause, und ich erwarte in Kürze das zweite Kind von ihm.“

„Nun gut, wenn es Dich beruhigt, dann suchen wir morgen Deinen Freund gemeinsam.“ Niemals hätte Friederike geduldet, dass ihre Tochter allein, und in hochschwangerem Zustand durch die Straßen von Essen irrte, noch dazu nach einem Revolutionär suchte. So fuhr sie am nächsten Morgen mit ihrer Tochter durch die ganze Stadt, aber besagter Fritz blieb verschwunden. Niemand wusste etwas von ihm.

„Vielleicht haben die Franzosen ihn erschossen. Dann finden wir ihn in einem der Leichenhäuser.“ Also ging Clara mit ihrer Mutter durch die weiß gekachelten Gänge der Leichenhäuser, aber auch hier war Fritz nicht aufgebahrt. „Haben Sie in den letzten Tagen den Studenten Fritz Lange bestattet?“ fragte Clara bei der Friedhofsverwaltung.

„Fritz Lange? Unter den Bestatteten ist er nicht.“ Also musste er noch am Leben sein. Wo aber, sollte sie ihn dann suchen?

Bei Clara setzten die Wehen ein. Vater Niemeyer ließ nach der Hebamme rufen. Es war am Morgen des 10. April 1923, der Tag, an dem die dreizehn Arbeiter der Gussstahlfabrik beigesetzt wurden. Die Öffentlichkeit verherrlichte sie als Märtyrer. Clara quälte ein schrecklicher Gedanke: „Sollte Fritz unter denen sein, die heute auf dem Friedhof ihre letzte Ruhe fanden, oder wartete er im Gefängnis auf seine Hinrichtung?“ Was immer auch mit Fritz geschehen wird, Clara konnte es nicht verhindern. Jetzt bekam sie ein Kind, dessen Vater irgendwo zwischen Afrika und Südamerika unterwegs war. Ja, sie war mit Karl verheiratet. Nach all den Wirrnissen wurde es ihr wieder bewusst. Während die Hebamme den Jungen abnabelte, dachte Clara bei sich: „Wie schön, wenn Karl jetzt hier wäre.“ Sie legte den kleinen Walter in ihren Arm. „Du siehst deinem Vater sehr ähnlich“, sagte sie mit leichtem Lächeln, und mit einem Seufzer fügte sie hinzu „vielleicht werden wir irgendwann doch noch eine richtige Familie sein.“

Auch Walter wurde in eine Zeit hinein geboren, die von Hunger und Revolution zerrüttet, alles andere als hoffnungsvoll war. Wie sollte ein zweites Kind gedeihen, wo das ausgehungerte Volk vor Plünderungen der Lebensmittelgeschäfte und vor Ausschreitungen nicht zurückschreckte? Clara hatte nun zwei Kinder, und die sollten trotz aller Entbehrungen möglichst das bekommen, was sie zum Wachstum brauchten. Dafür machte sich wieder einmal Friederike stark. Die Zeiten der Not forderten ihr ganzes Improvisationstalent.

Das Ende des Ruhrkampfes und eine Wende bei Familie Niemeyer