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Eine Frau sieht sich einer der schwierigsten Fragen gegenüber: die Entscheidung für oder gegen ein Kind Eine junge Frau – eine Abtreibung, ein Kind, kein Partner – ist schwanger. Das ist ein Fakt, er ist greifbar und scheint ganz klar, obwohl ansonsten gar nichts klar ist. Die Frau, Laura, ist an der Uni, sie schreibt an ihrer Dissertation, jobbt in einer gynäkologischen Praxis. Tag für Tag versorgt sie dort schwangere Frauen, sieht ihre Scham, ihre Geduld, ihre Freude, ihre Angst. Für manche ist es das größte Glück, für andere eine Katastrophe. Für Laura ist es beides. Sie liebt ihr Kind, doch sie hat Panik beim Gedanken an ein weiteres. Und wie könnte es anders sein? Ist nicht eigentlich jede Frau darauf eingestellt, dass sie ihr Kind allein großziehen wird? Der neue Roman von Antonia Baum ist in einer einzigen gedanklichen Bewegung erzählt, einem langen Atemzug, bevor etwas beginnt oder endet.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Achte Woche
ANTONIA BAUM ist Schriftstellerin und Autorin für DIE ZEIT. Ihr bisheriges Werk – darunter der Roman Tony Soprano stirbt nicht, das Memoir Stillleben und eine persönliche Bestandsaufnahme der Musik von Eminem – hat große Medienresonanz erhalten. Zuletzt ist ihr Roman Siegfried im Claassen-Verlag erschienen.
»Laura findet, dass jede Frau, die den Weg vom Wartezimmer zum Sprechzimmer zurücklegt, um eine Schwangerschaft abzubrechen, dies auf eine andere Weise tut. Doch etwas ist bei allen gleich: Sie gehen in dem Bewusstsein, dass man sie beobachtet, und sie rechnen damit, dass ihre Beobachter das, was sie tun, für einen Fehler halten.«
Antonia Baum
Roman
Ullstein
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Der Abschiedsbrief, auf den auf S. 59 Bezug genommen wird, ist in der von Udo Grashof herausgegebenen Sammlung »Ich möchte jetzt schließen«, Briefe vor dem Freitod enthalten (Reclam Leipzig 2004, S. 40). Auf S. 63 wird in von der Autorin leicht angepassten Fassung zitiert aus Roger Willemsen: Der Selbstmord. Briefe, Manifeste, Literarische Texte (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1986/2002).
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Foto der Autorin: © Urban Zinte
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ISBN 978-3-8437-3665-7
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Das Buch
Titelseite
Impressum
Montag
Mittwoch
Freitag
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Cover
Titelseite
Inhalt
Montag
Wenn Laura in dieser Zeit geht, dann immer so, als wäre sie schon zu spät, als hätte sie einen Fehler begangen. Dreimal die Woche hilft sie morgens vor der Uni-Bibliothek in Harros Praxis aus. Es ist Herbst, windig, aber mild. Laura geht schnell, wie früher auf dem Weg zur Schule. Harro zahlt gut, er ist der beste Freund ihres Vaters. Er hält Laura wie die meisten Frauen für ein bisschen irre, aber er mag sie. Sie macht inzwischen so gut wie alles. Blutentnahme, die Schwangeren versorgen, Termine, Rezepte. Spekula waschen, Instrumente desinfizieren, Spiralensets fertig machen, Rezepte ausstellen, Nadeln und Spritzen bestellen, das Labor wischen. Dort steht in einer Ecke auf dem Boden die Vakuumpumpe, die man auch für ein Küchengerät halten könnte. Sie ist so alt, dass die Werbung dafür in Lauras Kopf schwarz-weiß ist: eine Hausfrau mit onduliertem Haar und zu breitem Lächeln steht in ihrer Küche und redet mit blecherner Stimme über die Vorzüge des Geräts. Es wird kaum mehr benutzt, die meisten Abbrüche sind medikamentös. Viel eleganter, sagt Harro.
Laura findet, dass jede Frau, die den Weg vom Wartezimmer zum Sprechzimmer an der Anmeldung vorbei zurücklegt, um eine Schwangerschaft abzubrechen, dies auf eine andere Weise tut. Doch etwas ist bei allen gleich: Sie gehen in dem Bewusstsein, dass man sie beobachtet, und sie rechnen damit, dass ihre Beobachter das, was sie tun, für einen Fehler halten.
Gerade ist wenig los. Laura sitzt vor dem Rechner und geht die Liste der Patientinnen durch, schaut, was zu erledigen ist. Zwei Schwangere waren es bisher an diesem Morgen, sie hat Blutdruck, Gewicht, Urin kontrolliert und notiert. Sie hat sich konzentriert, denn das muss man, um keine Fehler zu machen, nichts durcheinanderzubringen, bei den Laboretiketten passiert das schnell.
Sie sieht auf die Uhr. Im Kindergarten ist jetzt das Frühstück vorbei, hoffentlich geht es Helena wieder gut. Beim Losgehen hat sie geweint, weil sie zu Hause bei ihrem Hasen bleiben wollte, also durfte sie ihn mitnehmen, aber beim Abschied weinte sie noch mehr. Dass Laura ging, tat Helena weh und Laura auch.
Sie denkt an ihre Tochter später beim Mittagsschlaf. Wie sie aussieht, wenn sie schläft, das Ohr ihres Hasen mit der Faust umschlossen, die Faust an der Wange. Das Gefühl beim Anblick des schlafenden Kindes kann man nur mit dem anderen Elternteil teilen, mit sonst keinem. An guten Tagen war das mit Aram gegangen.
Laura setzt sich gerade hin. Eigentlich muss sie mehr trinken, viel mehr. Sie nimmt einen zu großen Schluck Früchtetee aus der pinkfarbenen Tasse, ein Werbegeschenk, auf dem der Name einer Anti-Baby-Pille steht. Sie hustet.
Gleich halb zehn, Laura sieht auf, sucht die Patientin mit dem Zuckertest, die jetzt zur Blutentnahme kommen muss, doch vor ihr steht eine andere Frau, vielleicht Anfang dreißig, sie putzt mit gesenktem Blick ihre beschlagene Brille, unter ihrem Arm klemmen Mutterpass, Versichertenkarte und ein Buch, das offensichtlich aus einer Bibliothek stammt. Es hat ein orangefarbenes Etikett auf dem Buchrücken, vorne drauf steht Biología Celular. Sie hält alle diese Dinge und entwirrt gleichzeitig ihr langes Haar aus einer Spange. Sie wird ungeduldig, zieht an den Haaren, dicke Haare wie schwerer Stoff, schwarz mit rotem Schimmer. Sie murmelt etwas und es klingt, als würde sie schimpfen. Laura ist sicher, dass gleich einer der Gegenstände herunterfallen wird, die Situation dauert zu lang. Sie steht auf, tritt neben die Anmeldung, aber die Frau nimmt keine Notiz von ihr. »Ich nehme Ihnen das mal ab«, sagte Laura etwas zu deutlich, in absteigender Intonation.
Man gewöhnt sich diese Art zu sprechen an, ein wenig so wie mit einem Kind. Elena, Lauras Kollegin, die seit zwanzig Jahren in der Praxis arbeitet und über sie herrscht wie eine Königin, hat Laura mal gesagt, dass sie sich einen Punkt zwischen den Augen der Patientinnen suchen soll. Da guckst du hin und lächelst. Oft guckt Laura den Patientinnen auch gar nicht ins Gesicht, sie schaut auf den Computer, die Teststreifen, den Unterarm, in den sie die Nadeln im perfekten Winkel gleiten lässt. Es gibt Patientinnen, die sich am liebsten von ihr Blut abnehmen lassen.
Der Mutterpass fällt runter, Laura bückt sich, hebt ihn auf. Die Frau greift danach und zieht ihn an sich, ihre Blicke treffen sich. Ein kleiner, nackter Moment, der sich anfühlt wie eine Umklammerung, aber es geht sofort weiter. Das Telefon klingelt, die Tür geht auf, die Patientin gibt Laura nach kurzem Zögern den Mutterpass, auch wenn sie nicht wirkt, als wäre sie einverstanden.
Sie heißt Amelia, spricht offenbar kein Deutsch und nur wenig Englisch. Laura hält sie für eine Studentin, kann sich aber nicht erklären, wie das gehen soll mit ihren Sprachkenntnissen. Sie steht jetzt mit dem Rücken zu ihr, schließt für einen Atemzug die Augen. Dann legt sie den babyblauen Mutterpass aufgeklappt neben das Waschbecken, sucht die Röhrchen, die sie braucht, entscheidet sich für eine Butterfly-Nadel. Sie ist nervös und mit diesen Nadeln kommt sie am besten zurecht. Sie spürt, wie die Frau jeden ihrer Handgriffe verfolgt, manchmal seufzt, stöhnt sie fast, so als würde Laura etwas Entscheidendes nicht verstehen, was auch stimmt, denkt sie. Als sie neue Pflaster aus dem Schrank über dem Waschbecken holt, erwischt sie den Mutterpass, er fällt zu Boden. Ihre Bewegungen werden schneller, doch sie fängt sich wieder, konzentriert sich. Amelia seufzt weiter. Laura hätte sie nur fragen müssen, sie hätte sofort den Mund aufgemacht und die Wörter wären aus ihr herausgekommen, kein Mensch hält diese Frau, das sieht Laura. Sie fragt, welcher Arm besser sei, left or right? Amelia schüttelt den Kopf. Derecha, sagt sie plötzlich leise. Laut Mutterpass ist sie in der achten Woche, sieben Wochen plus drei Tage. Wie Laura.
Ein Kind ist ein Fakt, ist ein eindeutiger Beweis und es klingt erst mal nicht gut, aber genau das ist es, was Laura braucht: Beweise. Sie ist nicht panisch, anders als bei den ersten beiden Schwangerschaften, da wollte sie fliehen, abhauen. Aber das ist es ja, das geht nicht. Ist man schwanger, nimmt man sein Urteil – und wie ein Urteil kommt es ihr vor, auch beim dritten Mal – immer mit, egal wohin man geht. Die Gewissheit, die darin liegt, hat nach allem, was zwischen ihr und Aram passiert ist, aber auch etwas Beruhigendes, jedenfalls für sie. Sie wird die Suppe auslöffeln.
