Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ina: Am liebsten hätte sie Sylvia ins Gesicht gebrüllt: Komm zu dir, sei auf der Hut. Es endet für dich auf irgendeinem Waldboden, mit Tränen und schlechtem Gewissen. Frank: Er war kein Abenteurer, obwohl ihn das Abenteuer faszinierte, solange es in irgendeiner Form kalkulierbar blieb. Frank scheute das Risiko. Sylvia: In einem imaginären Beduinenzelt empfand sie auf samtenen Kissen Geborgenheit. Männer in langen Gewändern gaben ihr Wärme und beschützten sie. Peter: Er dachte daran, was die schrecklichste aller Möglichkeiten wäre. Wenn sie ihre Koffer packen würde, um ihn zu verlassen. Aber warum? Ahmet: In der Liebe war alles möglich. Zu weit war es zu schaffen. Bestimmt. Sylvia würde zurückkommen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Cover Foto: Klaus Blumberg
Dieser Roman ist meiner Frau Silke gewidmet, für ihre Inspiration und Geduld.
Überarbeitete Auflage 2014.
Die Handlung dieses Romans, sowie die darin vorkommenden Personen sind frei erfunden; eventuelle Ähnlichkeiten mit realen Begebenheiten und tatsächlich lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Ina
Frank
Sylvia
Peter
Ahmet
Als sie in den Spiegel schaute, sah sie ein Gesicht, das ihr nicht gefiel. Ihre Nase war dick, an der Nasenwurzel breit und ausufernd. Ein nicht symmetrischer Kontrast in dem ansonsten schmalen Gesicht. Ihre Augen, hellblau wässern, schwammen wie Korken auf dem See ihres unnatürlich hellen Teint. Sie war keine Schönheit, wie sie resigniert feststellte, aber immerhin schon Mitte Vierzig und verheiratet. In Momenten wie diesem fragte sie sich selbstkritisch, was ihren Mann wohl bewogen hatte, sie zu heiraten. Damals. Es war kein Kind unterwegs.
Liebe? Es fiel ihr schwer diesen Begriff für sich zu interpretieren. Sex? In dieser Hinsicht funktionierten sie als Paar, zumindest in der Anfangszeit.
Das Licht über dem Spiegel begann sie zu blenden. Sie kniff ihre Augen zusammen, während sie mit einem Wattepad eine Unebenheit auf ihrer Wange mit Makeup übertünchte. Dann löschte sie das Licht und ihr Gesicht verschwand aus dem Fokus der Lampe. Sie öffnete das schmale Milchglasfenster nach draußen und ließ Tageslicht und Luft herein. Sie hörte nun Franks Stimme aus der Küche. Er trällerte irgendeine Schlagermelodie, während er das Frühstück zubereitete. Im Hintergrund dudelte das Radio. Seine gute Laune war ihr manchmal unheimlich. Während ihr Gemüt ständigen Stimmungsschwankungen ausgesetzt war, schien er die Ausgeglichenheit selbst zu sein. Manchmal dachte sie, er spiele ihr vielleicht etwas vor, sei nur an der Oberfläche ruhig, während es in seinem Innern rumorte. Ein Schwelbrand, der sich jederzeit bis nach außen durchfressen konnte und dann alles um ihn herum vernichtete. Irgendwann wache ich mit einem Messer im Bauch auf, dachte sie. Mit diesem Bild im Kopf trat sie auf den Flur hinaus. Das beige Nachthemd umflorte Knochen und Haut ihrer schlanken, etwas verhuschten Gestalt. Frank trat in diesem Moment aus der Küchentür:
»Komm zum Frühstücken, meine Elfe.«
Im Vorbeigehen streifte Ina die kleine Vase auf dem Sideboard im Flur und knickte dabei den Stil eines getrockneten Straußes. Adacay, eine türkische Bergteepflanze, um genau zu sein. Die wie eine Ähre geformte Frucht fiel ihr direkt vor die Füße. Sie bückte sich, nahm die Pflanze vom Fußboden und roch beim Aufnehmen daran.
Den Strauß hatte sie selbst gepflückt, während ihrer Reise mit Sylvia, in der Türkei. Auf dem Rückweg von Pamukale hielt der Bus in den Bergen, vor einer Teppichknüpferei. Während Sylvia mit den übrigen Insassen an der Präsentation von Teppichen teilnahm, blieb Ina zunächst am Rande des Parkplatzes stehen – bis sie in dem karstigen Gelände einen Pfad entdeckte, der zu einer kleinen Anhöhe führte. Ohne zu Zögern machte sie sich auf den Weg.
Die Luft brannte wie in einem Backofen. Weit und breit waren weder Baum noch Strauch zu sehen. Mit gesenktem Kopf schaute Ina auf die hellen ausgeblichenen Steine, die überall wie hingeworfen herumlagen. Ihr Körper warf keinen Schatten. Auf der Anhöhe angekommen, sah sie die Pflanze. Zwei Handbreit über dem steinigen Boden. Mit festem Stiel und einer Blüte – wie eine Ähre geformt, von zartem pastellfarbenem Grün, vermischt mit einem Hauch Korngelb. Ina setzte sich auf einen großen Stein. Unter ihr glühte die Ebene. Die Sonne hatte sich auf das rote Dach der Teppichknüpferei gesetzt. Es glitzerte aus der Entfernung wie eine weggeworfene Chipkarte. Links davon schlängelte sich die Straße wie eine glänzende Schneckenspur den Bergrücken hinunter bis ins Tal – bis zur Küste.
Nachdem sie sich ausgeruht hatte, versuchte Ina die Pflanze zu pflücken, die jedoch fest in dem karstigen Erdboden verankert war. Zum Glück fand sie in ihren Hosentaschen einen Nagelknipser und schnitt damit die Pflanze am Stiel ab. Sie wollte sich einen ähnlichen Strauß zusammenstellen, wie Sylvia ihn von Ahmet bekommen hatte. Ahmet hatte erzählt, das man aus der Ähre einen vorzüglichen Tee brühen konnte.
Damals kannten sie Ahmet gerade drei Tage. Drei Tage die Ina wie eine Ewigkeit vorkamen. Ahmet arbeitete als Kellner in dem Hotel, in dem die beiden Frauen ein Zimmer gemietet hatten. Am ersten Abend im Restaurant saßen sie beide an einem Tisch direkt am Fenster. Beim Hinausschauen konnten sie in der Dunkelheit das Meer erahnen. Ahmet überreichte den beiden Damen galant die Weinkarte. Sylvia bemerkte süffisant, dass er für einen Türken ungewöhnlich groß sei, bestimmt über eins achtzig. Ahmet wog die Flasche in seiner großen Hand, schrägte sie zur Begutachtung leicht an. Sein dunkler Handrücken war behaart, seine Hände gepflegt, die Fingernägel sauber geschnitten. Er trug ein dunkles Sakko über einem weißen Hemd, das seinen dunklen Teint noch unterstrich. Beim Einschenken hob er leicht die rechte Augenbraue, die aus einem dichten Streifen schwarzen Haars bestand, über dunklen, fast schwarzen Augen. Er schenkte Ina zuerst ein, damit sie den Wein begutachten konnte. Vielleicht hielt er sie für die Ältere, die Erfahrenere. Ina errötete, nahm einen kleinen Schluck und nickte zustimmend. Ahmet strich sich mit der Hand durchs Haar und lächelte.
Am nächsten Abend formulierte er umständlich eine Einladung. Es sei dem Personal nicht gestattet, mit den Gästen auszugehen, sagte er. Er und seine Freunde wollten aber zum Grillen in die Berge fahren, und es sei für die Damen sicherlich interessant, auf diese Weise Land und Leute kennen zu lernen. Außerdem sei die Situation unverfänglich, wenn sie beide mitkämen.
»Man hat ja schon so viel gehört«, meinte Sylvia skeptisch.
Sie wollten sich nicht unnötig in Gefahr begeben.
»Wenn Ahmet mitkommt besteht keine Gefahr«, antwortete Ahmet und lächelte auf eine so unwiderstehliche Weise, das den beiden Frauen gar nichts anderes übrig blieb, als die Einladung anzunehmen.
Fast wäre dann doch noch alles schief gegangen, denn die Freunde stellten sich als einzelner Freund von Ahmet heraus. Ein plump wirkender Mann, der Abdul hieß und viel zu kurze, verschlissene Hosen über dreckverschmierten Turnschuhen trug.
»Unser Fahrer«, sagte Ahmet stolz und deutete auf Abdul und sein Gefährt, das in den Augen der beiden Frauen kaum die Bezeichnung Auto verdiente.
»Ich komme nicht mit«, sagte Sylvia und verschränkte die Arme über der Brust.
»Keine Sorge, Abdul ist ein großartiger Fahrer.«
Die Straße wand sich auf abenteuerliche Weise durch das Taurusgebirge. Der Grillplatz lag auf einer Anhöhe. Von dort konnte man auf die Ebene – bis ans Meer schauen. Im Dunst kräuselte sich das Wasser. Die beiden Männer hielten Fleisch an Stöcken über das offene Feuer. Sylvia schaute versonnen in die Flamme und Ina entdeckte neben einem Stein die Pflanze.
»Adacay«, murmelte Ahmet und beantwortete damit eine Frage, die Ina noch gar nicht gestellt hatte.
Später krabbelten Skorpione unter den Steinen hervor und schnitten quer über den Grillplatz.
»Ich bleibe keine Minute länger«, schrie Sylvia.
Am dritten Abend wurde deutlich, dass Ahmet es auf Sylvia abgesehen hatte. Er besaß diesen eindeutigen Blick, wenn er sie ansah.
Nach dem Abendessen sagte Sylvia zu Ina: »Ich muss dich heute Abend alleine lassen.« Ina trank den letzten Rest Wein aus ihrem Glas. »Er hat mich eingeladen.«
»Und du konntest nicht absagen?«
Ina verbrachte den Rest des Abends auf dem Zimmer. Sie öffnete die Balkontür und löschte das Licht. Sie hörte wie das Meer gegen die Felsen klatschte. Dann knipste sie die Nachttischlampe an und versuchte, in einem Buch zu lesen. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Immer wieder liefen ihr die Buchstaben weg, ohne in ihrem Gedächtnis haften zu bleiben. Irgendwann klappte sie das Buch zu und löschte das Licht. Die Lichter der Promenade flackerten wie betrunken an der Zimmerdecke.
Als junges Mädchen war Ina Stammgast im Himbeerparadies gewesen, ihrer heimischen Dorfdisco. Dort lernte sie irgendwann Jojo kennen. Jojo hieß eigentlich Jochen, aber niemand nannte ihn so. Er gehörte zu den Jungen, die nicht schüchtern waren, keine Angst vor Mädchen hatten und einige Jahre älter waren als Ina. Er nahm sich nicht viel Zeit für seine Annäherungsversuche. Bereits beim dritten Tanz begann er mit der Fummelei. Ina klopfte ihm liebevoll auf die Finger, denn Jojo besaß einen gewissen Charme, eine liebevolle Unverfrorenheit. Sie konnte ihm einfach nicht böse sein.
In den frühen Morgenstunden flüsterte er ihr ins Ohr: »Darf ich dich nach Hause bringen?«
»Nur wenn du anständig bleibst.«
»Großes Matrosenehrenwort.«
Es begann zu dämmern und Ina fühlte sich federleicht – in einer Art Schwebezustand, der immer einsetzte, wenn sie etwas Alkohol getrunken hatte. Die Luft roch würzig und frisch.
Sie nahmen den Weg zum Kanal. Jojo hatte seine Arme um sie gelegt und zog sie ständig an sich, was ihrem Mund ein kehliges dunkles Lachen entlockte. Er lachte, während er mit seinem Fuß die kleinen Kiesel wegkickte, die überall auf dem Weg verstreut lagen. So steuerten sie eine Bank an, die kalt und grau am Kanal stand. Unter ihnen gluckste das Wasser in den Abflussschächten. Im Osten ging die Sonne auf, zartrosa – ein schmaler Streifen über der flachen Landschaft. Sie saßen nebeneinander auf der Bank und stierten aufs Wasser. Ina wollte nicht reden. Jojo war verstummt. Er zog Ina an sich. Sie wehrte sich zaghaft. Er ließ von ihr ab und zündete sich eine Zigarette an, inhalierte den Rauch tief. In dem Moment glaubte Ina, auf dem Wasser einen fliegenden Fisch gesehen zu haben und wirbelte mit ihrem Körper herum. Dabei streifte sie mit ihrer Brust Jojos Ellbogen.
»Oh«, sagte sie und Jojo stieß eine Rauchwolke aus.
Dann berührte sein Mund ihr Ohrläppchen. Ein leichter Atem, eine warme Brise aus seinem Körperinnern, die sie erschauern ließ.
»Du fröstelst«, sagte er und umarmte sie erneut. »Ich leihe dir meine Jacke.«
»Nein, schon gut, nicht nötig.« Sie entschlüpfte ihm. »Lass uns weiter gehen.«
Sie eilte voraus und ertappte sich bei dem Gedanken, er möge schnell hinterherkommen, sie einholen, sie einfangen, sie wieder berühren. Und genau das tat Jojo. Mit Schwung stieß er sich von der Bank ab und lief hinter ihr her. Die Kiesel knirschten unter seinen Füßen. Vor der nächsten Bank hatte er sie eingeholt. Ihr Atem ging schnell. Er packte sie an beiden Armen und zog sie zu sich heran. Sie spürte brennend seinen heißen Atem auf ihrem Gesicht. Er küsste sie nicht.
»Wir sollten uns noch einen Moment setzen«, keuchte er mit fast atemloser Stimme.
Auf der nächsten Bank scheuchten sie eine schlafende Katze auf. Mit wildem Fauchen stob sie davon.
»Armes Tier«, flüsterte Ina, während Jojo ihren Hals streichelte.
Er setzte mit den Fingerspitzen unter dem Ohrläppchen an und strich dann vorsichtig bis zur Beuge ihres Dekolletés, wo ihre silberne Halskette auflag. Ein paar Zentimeter unter dieser Oberfläche fühlte sie ihr Herz wild schlagen. Sie bog den Hals, indem sie den Kopf seitlich abkippte, so dass ihre Haut an dieser Stelle noch mehr spannte und er strich wie mit einem Bogen über ihre vibrierende Saite. Sie stöhnte leicht und legte den Kopf in den Nacken. Dann küsste er ihren Hals. Sein Mund fühlte sich sanft und trocken an, wie die Haut einer Schlange und Ina ließ es geschehen. Auf dem Kanal schwammen Enten. Sie trieben auf der Wasseroberfläche wie Plastiktiere. Plötzlich war er mit seinen Fingern an ihrem Hosenbund und wie im Reflex schlug sie ihm mit ihrer Hand auf seine Finger. Aber sie wusste, dass ihr Widerstand sich halbherzig anfühlte, denn es war mehr ein Klapsen als ein richtiger Schlag und sie zog ihre Hand zurück. Jetzt war sie in dem Tunnel angekommen, den sie vor einiger Zeit schon vorausgeahnt, herbeigesehnt hatte. Jojo hatte ihre Hose aufgeknöpft und den Reißverschluss nach unten gezogen, bis zu der Stelle wo ihr Widerstand einsetzte. Im Tunnel angekommen, begann sie zu taumeln, ein paar gefühlte Meter weiter war es fast ein Stolpern und dann…Er schob seine flache Hand in ihren Hosenbund, ziepte mit den Fingern am Bund ihres Höschens und ließ den Gummizug sanft zurückschnellen. Sie drehte ihren Kopf in seine Richtung und dann war er mit seinem Mund an ihrem Gesicht, küsste ihre Nasenspitze und endlich ihren Mund. Ganz sanft, fast wie dahin gehaucht. Dann wand Ina sich unter dem Druck, den sein Körper ihr bereitete, strauchelte in dem Tunnel, fiel aber nicht. Sie öffnete ihren Mund und Jojo drang blitzschnell mit seiner Zunge hinein, als gelte es keine Zeit zu verlieren, die Gunst der Sekunde zu nutzen. Ina stieß ihn sanft zurück. Aber er ließ sich nicht beirren. Seine Hand fuhr energisch in ihr Höschen und verharrte kurz auf der Wölbung ihrer Scham. Sie presste ihre Lippen aufeinander um den Ton nicht herauszulassen, der plötzlich in der Tiefe ihres Körpers entstanden war. Ganz deutlich konnte sie seine Hand auf dieser Stelle spüren, einen Druck auf den Haaren ihrer Scham und darunter und davor. Wie ein kleines Tier arbeitete sich die Hand nach vorne und nun war es kein Stolpern mehr, sondern ein Fallen. Es zog sie in diesen Tunnel immer weiter, immer drängender und sie fiel und fiel – immer tiefer und tiefer.
»Möchtest du heute nicht frühstücken?«
Franks Stimme kam aus der Küche. Ina hielt immer noch die umgeknickte Pflanze in der Hand und machte sich damit auf den Weg zum Mülleimer, der in der Küche unter der Fensterbank stand.
»Dein Ei ist fast schon kalt.«
Ina setzte sich und Frank kam mit der Thermoskanne um den Tisch herum und schenkte ihr Kaffee ein. Sie waren schon lange ein Paar. Ina war noch eine junge Frau als sie Frank kennenlernte.
An den Tag ihrer ersten Begegnung erinnerte sie sich noch genau: Sie machte Urlaub in einem kleinen Ort an der Ostsee. Eine Seebrücke führte zu einem kleinen Schiffsanleger hinaus. Die Bohlen der Brücke knarrten unter ihren Schritten. Der Himmel schimmerte milchig grau und um sie herum segelten Möwen. Am Anleger warfen Angler ihre Köder aus. Mütter schoben Kinderwagen, während größere Kinder gelangweilt nebenher trotteten und kleine Kiesel über die Bohlen kickten oder sich neben die Angler stellten und jeden der geübten Handgriffe beobachteten. Ina lehnte mit ihrem Ellbogen auf der Brüstung und sah aufs Meer hinaus. In einigem Abstand von ihr bemerkte sie einen Mann, der interessiert in eine andere Richtung schaute. Plötzlich schnurrte hörbar eine Leine über die Spule einer Angel. Die Rute geriet unter Spannung und die Menschen auf der Reling schienen den Atem anzuhalten, während ein Angler unter Aufbietung seiner Kräfte den am Haken zappelnden Fisch hereinholte. Er nahm den Fisch vom Haken, packte ihn bei der Schwanzflosse und schlug seinen Kopf mit Kraft auf die Bohlenbretter.
»Ahh«, schrien die umstehenden Kinder.
»Sie unverschämter Schlächter«, schimpfte eine der Mütter, während sie angewidert ihren Kinderwagen wendete.
Ina hatte ihren Kopf in Richtung des Geschehens gedreht und sah plötzlich in das lächelnde Gesicht eines Mannes hinein.
»Zum Lachen ist mir nicht zumute«, bemerkte sie spontan.
»Ach«, erwiderte der Mann, »hier lernen sie nichts weiter als eine Lektion fürs Leben.«
Der Angler hatte seine Schnur wieder ausgeworfen. Kinder standen um den Eimer herum, in dem der getötete Fisch lag. Eigentlich war Ina damals noch gar nicht bereit für eine neue Beziehung, aber dann ergab sich alles von selbst – ohne dass sie in der Lage gewesen wäre, sich dagegen zu wehren.
Jetzt reichte ihr Frank das Marmeladenglas. Er war älter geworden, sein dunkles, fast schwarzes Haar an den Seiten ergraut. Seine Stirn hatte sich erheblich nach hinten auf die Oberfläche seines Kopfes verlagert. Am Hinterkopf türmte sich ein Büschel Haare. Er sah merkwürdig aus, zumal er im Laufe ihrer Ehe mindestens fünfzehn, eher zwanzig Kilo zugenommen hatte. Aber all diese Veränderungen nahm er mit einer Gleichmut, einer Gelassenheit hin, die Ina an ihm bewunderte. Ina hatte in Gedanken versunken die Butter auf ihrem Toast verteilt, das Messer zur Seite gelegt und an ihrer Kaffeetasse genippt.
»Besuchst du heute wieder Sylvia?«, fragte Frank interessiert.
»Auf jeden Fall. Ich würde mir Vorwürfe machen, wenn ich es nicht tun würde.«
»Wenn du mich fragst, ist sie an dieser ganzen Situation selber schuld.«
»Wie kannst du nur so etwas behaupten.« »Zuerst wandert sie aus, will angeblich ein neues Leben beginnen, lässt hier alles und jeden im Stich und als es ihr schlecht geht, kehrt sie wieder zurück, als sei nichts geschehen. Die Frau hat keinen Charakter.«
»Hast du niemals in deinem Leben einen Fehler gemacht?«
Frank zögerte einen Moment mit seiner Antwort. »Wir sind eben alle nicht perfekt.« Frank biss von seinem Toast ab. »Besucht Peter sie auch?«
»Natürlich. Ich glaube, er hat ihr verziehen.«
»Ich ziehe meinen Hut vor Peter.«
»Wieso? Wärst du in einer solchen Situation nicht für mich da?«
Frank strich sich mit der Hand übers Kinn. »Ich bin mir nicht sicher.«
»Das macht mich aber sprachlos.«
»Wieso? Sylvia hat sich für einen anderen Mann entschieden und Peter verlassen.«
»Aber sie ist zurückgekehrt.«
»Weil sie krank wurde.«
»Warum seid ihr Männer nur so gefühlskalt?«
»Ich kann mich eben noch sehr gut daran erinnern, wie beschissen es Peter damals ging, als Sylvia ihren Koffer packte.«
Ina stutzte.
»Mag sein.«
