Strandschmelze - Klaus Blumberg - E-Book

Strandschmelze E-Book

Klaus Blumberg

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Beschreibung

28 Erzählungen, zwischen 1976 und 2016 entstanden. Geschichten, die zeitlos von Menschen in Ausnahmesituationen handeln. Erzählungen, in denen sich ein großer Teil des Geschehens unter der Oberfläche befindet. Da ist immer etwas Verborgenes, das den Protagonisten ihr Handeln aufzwingt. Ein Schatten, den es nicht gelingt, abzuschütteln. Eine Spannung unter der Haut.

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Seitenzahl: 170

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Corrida

Der letzte Sommer

Gerlach

Danach

Vor dem Sturm

Lattenmeyer

Lohmann

Fische

Was für ein Leben

In einem Hotelzimmer

Dornmann

An der See

Freunde

Köpfe voller Wolken

Eine spanische Nacht

Die Erinnerung an Greta

Die Zeit der Lawinen

Die Insel

Mauern

Madeira

Sie ist weg

Menschen in der Landschaft

Scarborough

Die Maßnahme

Zwei Universen

Die alten Zeiten

Der erste Schritt

Strandschmelze

Corrida 1984

»Was wollen Sie von mir?«

Gildenast zeigte seine Marke und lächelte.

Die Frau ließ ihn herein.

»Sind Sie allein?«

»Ja.«

Die Frau war vielleicht Vierzig, sah aber älter aus. Um ihre Augen hatten sich dunkle Ränder gebildet.

»Sie wissen, weshalb ich hier bin?«

»Ja.«

Die Frau hatte sich auf einen der Stühle gesetzt. Über ihr kreiste ein Mobile aus Fischen. Gildenast gab den Fischen Schwung und sah, wie sie in den Raum eintauchten. Sanft und schwerelos.

»Ist er danach bei Ihnen gewesen?«

Die Frau sah zur Seite. Sie strich mit der Hand durch ihr Haar.

»Er ist nicht hier.«

Gildenast stopfte seine Pfeife. Er war ganz ruhig.

»Leben Sie allein?«

»Ich hatte einen Mann. Er hat sich davongemacht.«

Gildenast lehnte sich zurück und setzte die Pfeife in Brand. Die Frau schaute ihm fest ins Gesicht.

»Hat er es wirklich getan?«

Gildenast bückte sich, beschäftigte sich mit einem seiner Schnürsenkel: »Man hat ihn am Tatort gesehen.«

Die Frau stand auf und ging. Auf der Couch lugten Teile eines Kleidungsstücks unter dem Kissen hervor. Gildenast griff danach. Es war ein halbfertiger Herrenpullover.

Die Frau brachte auf einem Tablett eine Flasche Bier und ein Glas herein.

»Vielen Dank für Ihre Mühe.«

»Hören Sie, der Junge kann keiner Fliege etwas zu Leide tun. Er ist ein guter Junge.«

Gildenast kippte das Bier ins Glas, in dem sich eine ausgeprägte Schaumkrone bildete.

Die Frau hatte kleine raue Hände, die sie die ganze Zeit über unter dem Tisch verborgen zu halten versuchte.

»Mein Mann war häufig betrunken. Er war jähzornig und schlug den Jungen oft. Hinterher hat es ihm leid getan. Dann bat er um Verzeihung.«

Gildenast zog an seiner Pfeife. Dann stand er auf und ging zum Fenster. Auf der Straße zwischen den Baumreihen parkten Autos.

»Was ist mit dem Mädchen?«

»Sie haben sich vor zwei Jahren kennen gelernt. Zuerst war er Feuer und Flamme.«

»Und später?«

»Es gab immer wieder Streit. Sie war einfach nicht die richtige Frau für ihn. Zu wenig liebevoll. Eher hart, durchtrieben und lotterhaft. Sie hat ihn zerstört.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Wir hatten ein sehr inniges Verhältnis. Er hat mir alles erzählt. Bis vor zwei Jahren haben wir im selben Zimmer geschlafen.«

»War sie erfahrener?«

»Beide waren sie jung und unerfahren. Einmal haben sie sich geprügelt. Er solle ihr nicht hinterherlaufen wie ein Hund, meinte sie.«

»Haben sie sich getrennt?«

»Es ging hin und her. Sie schafften es einfach nicht, voneinander loszukommen. Vor einem halben Jahr war es dann endgültig vorbei.«

»Hat er sie wiedergesehen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich möchte sein Zimmer sehen.«

Das Zimmer war aufgeräumt. Alle Dinge standen an ihrem Platz. In der Mitte der Wand hing ein Bild, auf dem die Szene eines Stierkampfes abgebildet war. Die Akteure bewegten sich wie auf einem Schattenriss.

Gildenast trat näher heran: »Der Stier ist noch nicht erschöpft und der Pikador ist nervös, während er die Lanze fokussiert.«

»Es ist schrecklich«, sagte die Frau.

»Sie reizen den Stier, bis er außer sich gerät vor Wut. Manchmal tötet er ein Pferd.«

»Es ist grausam.«

»Es geht um Leben und Tod.«

Gildenast strich über die Möbel und betrachtete dann seine staubfreien Finger. Er öffnete den Schrank, in dem Kleider hingen. Es roch nach Mottenkugeln. Auf der anderen Seite, an der Wand, entdeckte Gildenast einen rechteckigen hellen Fleck.

»Hing dort ein Bild?«

»Ja, ich glaube.«

»Wo ist es?«

»Ich weiß es nicht.«

Gildenast ging ein paar Schritte und schnupperte dann an der Bettdecke. Das Bett war frisch überzogen. Es duftete nach Weichspüler.

Wortlos verließ er das Zimmer, ging zum Tisch zurück und nippte an seinem Bierglas. Dann kramte er die Pfeife aus seiner Manteltasche. Die Frau schob ihm einen Aschenbecher hin. Ihre Hand zitterte. Routiniert schälte Gildenast mit seinem Pfeifenstopfer die Tabakreste aus dem Pfeifenkopf.

»Wir haben sie nicht weit von hier gefunden. Sie wurde erwürgt.«

Die Frau ließ den Kopf in die Hände fallen und begann zu schluchzen. Gildenasts Finger spielten hilflos mit ein paar Tabakkrümel.

»Wie lange haben Sie ihn nicht mehr gesehen?«

»Ich bin schon lange allein.«

»Warum quälen Sie sich so?«

»Er ist doch mein Junge.«

Die Frau ging zum Schrank und kam mit einem kleinen Bild in einem Rahmen zurück. Das Bild zeigte einen blonden Jungen mit offenem Gesicht und leicht gewellten Haaren. Er sah weich und sensibel aus.

»Ist das ein Mörder?«

»Ich weiß es nicht.«

Gildenast stand auf. Er stopfte seine Pfeife und trat ans Fenster. Auf der Straße hielt ein Polizeifahrzeug. Von beiden Seiten des Wagens wurden Türen geöffnet. Zwei Beamte hielten einen jungen Mann in ihrer Mitte. Er trug Handschellen. Soweit Gildenast sehen konnte, hatte der Mann keine Ähnlichkeit mit dem Jungen auf der Fotografie.

Sie kamen auf das Haus zu. Gildenast wandte sich vom Fenster ab und trat zu der Frau ins Zimmer.

Der letzte Sommer 1984

Obwohl der Frühling verregnet war und die ersten Tage des Sommers zu kalt, stand das Korn gut. Tornhelm stand in einer Traktorspur inmitten des Kornfeldes und blickte über die wogenden Ähren hinweg zum Horizont. Johann kniete neben einer schwarzen Schnecke, deren Fühler er mit einem Stock kitzelte.

»Es tut gut, diese Luft zu atmen«, sagte Tornhelm und stemmte seine schweren Hände in die Hüften.

»Du warst lange weg.«

»Ich dachte nicht, dass ich mich nochmal erhole.«

Die Schnecke glitt über einen umgeknickten Halm.

»Die Schnecken sind dieses Jahr eine Plage«, sagte Tornhelm.

»Die Erde ist zu feucht.«

Der Wind fuhr in die Ähren und wiegte sie tänzerisch. Johann ließ von der Schnecke ab:

»Du hast dich nach der Operation erstaunlich gut erholt.«

Tornhelm knöpfte seine Latzhose auf und öffnete sein Hemd. Auf der Höhe seines Oberbauches verlief eine kleine senkrechte Narbe.

»Ein kleiner Schnitt«, sagte Johann.

»Ja, die Ärzte verstehen ihr Handwerk.«

Über dem Feld tauchten ein paar Spatzen auf. Die Wolken verdichteten sich.

Die beiden Männer machten sich auf den Weg. Johann verabschiedete sich auf Höhe seines Hofes. Tornhelm ging allein weiter. Der Bach neben der Straße war mit Gestrüpp überwuchert und führte trotz des feuchten Sommers kaum Wasser. Wo die Pappeln den Bach säumten machte er eine Rast. Er fühlte eine leichte Verspannung in seinem Bauch. Von dieser Position konnte er über das ganze Land sehen; über Weideland bis zum Horizont. Er dachte daran, wieder zu arbeiten. Der Arzt war der Ansicht, dass er keine schweren Arbeiten mehr verrichten könne. In den vergangenen Jahren, zur Erntezeit, hatte er noch mit der Forke gearbeitet. Er war der Stärkste von allen. Nun betrachtete er seine Hand und den Unterarm mit den kräftigen Muskeln in der Beuge, den Oberarm mit dem einst ballartigen Bizeps. Es schien ihm, als hätten sich die Oberarmmuskeln während der Zeit seiner Krankheit gestreckt. Er fühlte sich deutlich schwächer. Auf der Weide entdeckte er eine Gestalt. Sie bewegte sich auf ihn zu. Es war sein Sohn Adam.

Er öffnete das Gatter und ging ihm entgegen. Adam trug in der einen Hand einen Vorschlaghammer und in der anderen einen Zaunpflock.

»Gib mir den Hammer, er wird zu schwer für dich.«

»Ich kann ihn gut tragen.« Adam war einen halben Kopf größer als sein Vater und sehr kräftig. Tornhelm griff nach dem Hammer und beide gingen über die Weide zum Weg zurück.

»Ich habe den Zaun repariert. Bereits letzte Woche sind ein paar Tiere ausgebrochen«, sagte Adam.

»Habt ihr sie gleich eingefangen?«

»Ein Bulle landete im Graben und wir hatten Mühe, ihn herauszuziehen. Er hat Gernot verletzt.«

»Ist es schlimm?«

»Eine Wunde am Fuß. Aber er kann nicht arbeiten.«

Tornhelm spürte das Gewicht des Hammers. Bei jedem Schritt zog er einen Teil seines Körpers nach unten. Er wechselte ihn in die andere Hand. Er wollte es schaffen.

»Kommt ihr trotzdem zurecht?«

»Ich denke schon.«

Das Gewicht des Hammers wurde unerträglich. Tornhelm blieb einen Moment stehen und holte tief Luft.

»Soll ich dir den Hammer abnehmen? Ich kann beides tragen.«

»Nein. Ich will es bis nach Hause schaffen.« Er griff nun mit beiden Händen nach dem Hammer und trug ihn das letzte Stück quer vor der Brust. Auf dem Hofplatz gab er ihn Adam zurück.

Es war schon spät. Aus dem Stall drangen die Geräusche der Melkmaschine. Tornhelm fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sie war schweißnass. Er sah auf seine Hände. Die Linien der Handinnenflächen waren aufgebrochen. Die Risse hatten eine dunkle hässliche Farbe. Die Milch hatte seine Haut angegriffen. Der Arzt im Krankenhaus hatte ihm eine gute Salbe mitgegeben. In einiger Zeit werde er großartige feine Hände besitzen, meinte der Arzt.

In seinen Augenbrauen hatten sich Schweißtropfen gebildet. Er nahm ein Tuch und wischte darüber, dann setzte er sich auf den Treppenabsatz am Eingang des Hauses und lehnte sich nach hinten. Er war erschöpft. Von seiner Position aus konnte er den von Pappeln gesäumten Weg einsehen. Hier entdeckte er den Hund schnüffelnd im hohen Gras am Grabenrand. Der Hund hob den Kopf und sah zu Tornhelm hinüber. Er wedelte gleichgültig mit dem Schwanz und sah erneut auf. Dann trottete er über den Weg, über die Wiese zum Hofplatz und setzte sich vor Tornhelm hin. Tornhelm griff in den Nacken des Tieres und massierte. Der Nacken bestand aus einer Wulst aus Fettpolstern. Der Hund war schon sehr alt. Vermutlich wird er bald sterben, dachte Tornhelm und strich ihm mit der flachen Hand über den Kopf. Der Hund gab glucksende, hohe Laute von sich und schloss seine Augen.

Der Wind wehte die säuerlichen Ausdünstungen des nahe gelegenen Misthaufens herüber, vermischt mit der scharfen, klaren Luft des nahen Meeres. Tornhelm atmete tief ein. Er liebte diesen Geruch. Sein ganzes Leben hatte er in dieser Landschaft zugebracht. Hier wollte er auch begraben werden. Irgendwann.

Er gab dem Hund einen Klaps und ging ins Haus. In der Küche war es kühl. Einen Moment überkam ihn eine Gänsehaut. Er setzte sich an den Tisch. Seine Narbe schmerzte. In der Ecke wummerte eine Waschmaschine.

Seine Frau kam herein. Sie band ihr Kopftuch ab und hängte es an den Haken hinter der Tür. Mit ihr drang angenehmer Stallgeruch herein.

»Wie geht es dir?«, fragte sie.

»Gut.«

Ihre Bewegungen hatten etwas Mechanisches. Sie begann, den Tisch zu decken.

»Du wirst sicherlich Hunger haben.«

Tornhelm nickte.

»Du musst vorsichtig mit dem Essen sein.«

»Ich darf alles essen, was mir bekommt.«

»Möchtest du Kaffee?«

»Lieber Tee.«

Die Waschmaschine begann mit dem Schleudergang. Der Fußboden vibrierte. Seine Frau hatte Tornhelm bis dahin noch nicht angesehen.

»Ich möchte, dass wir unser Schlafzimmer verlegen. Die Tapeten gefallen mir nicht mehr. Außerdem ist es feucht. Die Bettwäsche ist ständig klamm und klebt am Körper. Lass uns in den ersten Stock ziehen«, sagte Tornhelm.

»Wenn du meinst.«

»Wir könnten uns in Oses Zimmer einquartieren.«

»Bitte nicht in Oses Zimmer!«

Tornhelm Frau stand jetzt am Fenster. Er sah ihren Rücken und den geraden Kopf. Ihr Körper besaß etwas unnachgiebig Festes. Er schien härter als Stein.

»Ich habe keinen Hunger mehr«, sagte Tornhelm, stand auf und ging hinaus.

Adam hantierte im Stall mit Milchkannen. An den Fenstern hingen Spinnweben und die letzte Abendsonne leuchtete in sie hinein und gab ihnen das Aussehen von gespenstischen Gardinen.

»Was machen die Schwalben?«, fragte Tornhelm und deutete auf einen Balken unter der Decke.

»Sie sind noch immer da.«

Adam goss Milch aus einem Kanister in kleine Plastikeimer. Er wollte die Kälber versorgen. Tornhelm nahm sich einen Eimer und folgte seinem Sohn.

Die Kälber weideten hinter dem Stall in einer kleinen Fenne. Als sie die Männer wahrnahmen, kamen sie angerannt.

»Deine Mutter hat mir niemals verziehen, nicht wahr?«

»Ich weiß nicht?«

Tornhelms Kalb hatte den Eimer geleert. Er steckte dem Kalb seine ausgestreckte Hand ins Maul und spürte den starken Saugreflex und die raue Zunge des Tieres. Adam nahm die Eimer und ging hinein. Tornhelm wischte die Hand an seiner Hose ab. Er war unschuldig. Er hatte es nicht verhindern können. Es war ein Unfall aber seine Frau glaubte, er hätte es verhindern können, wenn er gewollt hätte.

Tornhelm spürte die Krankheit. Es war ein Ziehen in seinem Bauch. Ein Schmerz, der langsam durch seinen ganzen Körper wanderte und ihn über die Arme und Hände wieder verließ.

Er ging durch den Stall und über den Hof gelangte er auf den Weg. Er setzte sich vor den Graben unter die Pappeln und sah über das Land. Es war die Stelle, wo er oft mit Ose saß. Er schob ihren Rollstuhl ganz nah an den Graben und machte die Bremsen fest. Er dachte daran, wie sie sich fühlen musste in ihrer dunklen Welt und daran, wie sie sich fühlen würde, könnte sie all dies sehen. Dieses Land sehen.

Aus dem hohen Gras schlich eine schwarze Schnecke. Ihre Fühler bewegten sich wie biegsame Antenne. Tornhelm nahm einen Stock und berührte die Fühler. Die Schnecke zog sich zurück.

Gerlach 1984

»Hallo Vater.«

Lisa machte ein überraschtes Gesicht. Ihre Augen waren weit geöffnet und ihr Mund stand auf. Sie vollführte eine mechanische Handbewegung; ein körperliches Hereinwinken. Gerlach trat zaghaft einen Schritt nach vorne, ließ Lisa die Tür hinter sich zumachen. Blieb stehen. Sein Gesicht hatte nicht an Härte verloren. Noch immer schien schwer vorstellbar, dass hinter der Hülle, dieser ledernen, in Falten gelegten Haut, ein Mensch verborgen war.

»Du siehst schlecht aus«, sagte Gerlach mit beiden Händen in der Manteltasche.

»Nur eine Erkältung, Vater.«

Gerlach fühlte sich unwohl. Es war die fremde Umgebung, die ihn schreckte. Die hässlichen Tapeten in dem schlauchähnlichen, bedrückenden Flur. Er nahm seinen Hut ab und legte ihn auf ein kommodenähnliches Schränkchen.

»Möchtest du was trinken?«, rief ihm seine Tochter vom Wohnzimmer aus zu.

»Mach dir keine Umstände. Ich gehe gleich wieder.«

Nach dem Tod seiner Frau blieb er allein. Monatelang schloss er sich in der kleinen Wohnung ein. Sprach mit keinem Menschen. Die Frau hinter dem Bücherregal war seine Tochter. Sie kam dahinter hervor und er versuchte sich vorzustellen, wie sie einmal ausgesehen hatte, als sie noch seine Tochter war. »Wann hast du hier zuletzt aufgeräumt?«

Sie war hinter ihn gekommen. Hielt ihre flachen Hände auf seine Augen: »Weißt du noch?«

Er griff nach ihren Händen und streifte sie ab: »Es fiel dir schon früher nicht leicht, mir eine Freude zu machen.«

»Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich einen roten Teppich auslegen lassen und eine Musikkapelle bestellt.«

Am gardinenlosen Fenster pendelte ein Strohherz, dessen Umrisse plötzlich sichtbar wurden, während seine Struktur, das feine Geflecht, vom Gegenlicht verschluckt wurde. Gerlach griff in die Tasche und zog einen Geldschein heraus. Er achtete darauf, dabei von seiner Tochter beobachtet zu werden.

»Liest du immer noch so viel wie früher?«

Als er sah, dass sie nicht zu ihm herüberschaute, deutete er direkt mit dem Finger auf den Geldschein: »Da, du kannst es gut gebrauchen.«

Lisa trat angriffslustig ein paar Schritte nach vorn, ergriff den Schein, knüllte ihn zusammen und warf ihn über den Tisch zurück: »Danke. Ich brauche dein Geld nicht. Tu mir einen Gefallen und steck den Schein wieder ein.«

Gerlach zögerte einen Moment. In seinem Kopf rumorte es. Dann ließ er den Schein in seiner Manteltasche verschwinden.

»Wo ist der Kleine«?, fragte er und nahm den Schein wieder aus der Tasche. Über den Tisch gebeugt, strich er ihn glatt, faltete ihn sorgfältig.

»Er schläft.« Die Tochter stand mit zwei Gläsern in der Hand vor ihm.

»Mach dir keine Umstände. Ich gehe sofort wieder. Ich möchte nur noch den Jungen sehen.«

Als Lisa die Gläser auf die Kommode stellte gab es ein kurzes Klirren. Danach nahm sie die Hand des Vaters und führte ihn ins andere Zimmer, an das Bett des Kindes. Unter einer geblümten Bettdecke lugte ein heller Haarschopf hervor. Gardinen verdunkelten den Raum und ein süßlicher Kindgeruch lag in der Luft. Soweit er sehen konnte, war der Kleine ein Ebenbild seiner Mutter. Da lag die Tochter seiner Erinnerung. Gerlach griff in seine Manteltasche und zog ein kleines Päckchen heraus.

»Gib es ihm, wenn er aufwacht. Sag ihm, es sei von mir.«

»In Ordnung.«

Dann machte er sich schnell los. Strich mit der Hand über den Mantel.

»Ich muss jetzt gehen. Hab mich schon viel zu lange aufgehalten.«

»Vergiss deinen Hut nicht.«

Er spürte etwas in sich aufsteigen, ging schnell zur Tür, ohne sich richtig zu verabschieden, ins Treppenhaus und schnell befand er sich auf der Straße.

Dort verfiel er in ein Schlendern. Den Kopf gesenkt, die Hände in den Manteltaschen vergraben, bemerkte er, dass er weinte.

Danach 1983

Über dem Armaturenbrett baumelte ein Stofftier, während direkt unter dem breiten Spiegel der Lichtkegel eines Fahrzeugs auftauchte.

David umklammerte sein Lenkrad fester. Auf dessen Oberfläche hatten sich feine Tröpfchen Schweiß abgesetzt. Er bog in eine Seitenstraße ein. Der Wagen hinter ihm folgte ihm. Sein Licht blitzte im Spiegel. David stellte den Rückspiegel um und verringerte die Geschwindigkeit. Sein Körper zitterte – dann wurde er langsamer und hielt am Straßenrand. Der hintere Wagen fuhr an ihm vorbei.

Er stützte seine Hände am Lenkrad ab. Als er sich umsah, stellte er fest, dass er in einer Einkaufsstraße geparkt hatte. In einem Schaufernster neben ihm standen nackte Plastikpuppen. David griff im Handschuhfach nach einem Tuch, um sich die feuchten Hände zu wischen.

Er sah sich um. Sein Blick fiel auf die sanften Ausbuchtungen von Augenhöhlen, hervorstehenden Nasen, halbgeöffneten Mündern in porzellanenen Gesichtern und auf Brüste mit zarten Nippeln. Frauenplastikkörper.

David stieg aus und schloss sein Fahrzeug ab. Er stellte sich vor das neonerleuchtete Schaufenster. Langsam breitete sich Ruhe in seinem Körper aus. Er versuchte, sich Linda vorzustellen. Aus dem Gedächtnis, ohne Hilfe einer Fotografie.

»Diese Körper haben etwas Faszinierendes, nicht wahr?«

David zuckte zusammen. Er hatte den Mann neben ihm nicht kommen hören.

»Ich kannte einmal einen Mann, der hatte so eine Puppe im Wohnzimmer sitzen. Eine Sitzpuppe, verstehen Sie? Sie saß auf seinem besten Stuhl und hatte sogar einen Fensterplatz. Für sie schob er die Gardine zurück und ließ sie hinaussehen. Abends las er ihr aus einem Buch vor.«

Der fremde Mann schüttelte mitleidig den Kopf.

»Da kann man mal sehen, wohin Einsamkeit einen Menschen treiben kann.«

David war erstarrt. Seine Arme baumelten wie leblos an seinem Körper. Am liebsten wäre er wegelaufen, aber seine Beine zitterten.

»Ist Ihnen kalt? Sie sehen schlecht aus. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«

»Ich möchte nur allein sein.«

»Entschuldigung. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Können Sie mir sagen, wie spät es ist?«

»Es ist zwanzig vor elf.«

»Danke«, sagte der Mann höflich und ging weiter.

David stand allein vor dem Schaufenster, während die Schritte des Mannes sich langsam entfernten. Er hatte plötzlich keine Ruhe mehr. Machte er sich bereits verdächtig, wenn er auf die Puppen sah? Der Mann hatte bemerkt, dass er schlecht aussieht. Blass. War ihm seine Tat anzusehen? Er sah an seinem Ärmel hinab, zog sein Jackett aus und überprüfte es von allen Seiten. Dann begann er, leise zu kichern. Wie konnte sich auf dem Jackett auch irgendeine Spur befinden.

David ging schnell zum Auto zurück und fuhr weiter.

Die Nacht war mondhell. Er hielt in der Straße gegenüber dem Lokal, in dem sie sich kennengelernt hatten. Es schien ihm, als habe er in dieser ganzen Zeit gerade den Weg von einer Straßenseite zur Anderen zurückgelegt. Er schloss die Augen, senkte seinen Kopf aufs Lenkrad und hielt sich mit beiden Händen daran fest. Dann ließ er abrupt los und betrachtete die Linien seiner Handflächen, als wären sie imstande zu erklären, was passiert war. Da war eine Linie unterbrochen, durchzogen von feinen Spuren, wie Querbalken, die auf einem Weg lagen. Diese Hände! Er hielt sie vor sich, als wollte er mit ihnen sprechen. Was nun zu tun sei. Wie es weitergehen sollte!?

Seine Augen tränten plötzlich. Er sah aus dem Autofenster zu dem Lokal hinüber. Im Gaumen spürte er ein schmerzhaftes Ziehen.

Er startete den Wagen und fuhr weiter. Die Straßen waren leer. Er hörte den Pulsschlag seines Herzens. Er wünschte sich Regen – dichte Wasserläufe über der Windschutzscheibe, die alles wegspülten.