Familienaufstellung - Klaus Blumberg - E-Book

Familienaufstellung E-Book

Klaus Blumberg

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Beschreibung

Familienaufstellung ist ein Verfahren, bei dem Personen stellvertretend für Mitglieder einer Familie angeordnet werden, um aus der eigenen Wahrnehmungsposition heraus gewisse Muster innerhalb des Familienbundes erkennen zu können. Der Roman versucht ähnliches, indem er das Verhältnis seiner Figuren zueinander auslotet. Er ist das Porträt einer Familie über einen Zeitraum von annähernd vierzig Jahren. Eine Erzählung über die Kriegsgeneration und deren Nachkommen, über das Scheitern gemeinsamer Lebensentwürfe und das Verdrängen von Erinnerungen.

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Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2024

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In Erinnerung an Günther Plenz (1936 – 2024)

Inhaltsverzeichnis

Hermann 1949

Hermann 1951

Margot 1951

Margot und Hermann 1952

Gisela 1958

Hermann 1960

Margot 1961

Gisela 1963

Hermann 1964

Hans 1965

Hermann 1967

Margot 1970

Hans 1973

Hermann 1973

Margot 1973/1974

Dorothea 1974

Hans 1974

Dorothea 1974

Gisela 1974

Hans 1974

Ferdi 1974

Hermann 1975

Margot und Hermann 1975

Familienaufstellung 1978

Hermann 1979

Margot 1980

Hans 1983

Hermann und Hans 1984

Margot 1985

Hermann 1986

Gisela 1986

Hermann und Margot 1986

Hans 1986

Hans 1986

Margot und der Trauerredner 1986

Gisela und Ferdi 1986

Die Trauerfeier 1986

Familienaufstellung

Familienaufstellung

Hermann 1949

Ein kleiner Ort im Kraichgau. Ein Gutshof. Hier ist Hermann untergekommen, seitdem er aus der Kriegsgefangenschaft in Amerika zurückgekehrt war. Er folgte der Schneckenspur seines Bruders, der sich ins Badische verheiratet hatte.

Die Zeit in Indianapolis hatte Spuren hinterlassen: Er war fast bis zum Skelett abgemagert.

»Wir werden dich hier schon wieder aufpäppeln«, versprach sein älterer Bruder Ernst.

Einstweilen schlief er in einer kleinen Abstellkammer neben dem Zimmer von Ernsts Schwiegermutter, die ihn ständig misstrauisch beäugte; ihn mit den Flüchtlingen aus dem Osten verglich, die wie Heuschrecken das Land überfluten würden. Sie war überzeugt, dass diese Menschen das Land nachhaltig veränderten und den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnahmen.

Hermann sah sich weniger als Flüchtling, eher als Heimkehrer. Ein Heimkehrer in ein fremdes, unübersichtliches Land.

Ernst war nach den Kriegswirren im Heimatdorf seiner Frau untergekommen. Nachdem sein Schwiegervater, der auf dem Gut als Schweitzer gearbeitet hatte, von einem Bullen zerquetscht worden war, konnte er dessen Arbeitsplatz übernehmen. Glück im Unglück. Allerdings prägte dieses Ereignis das Verhältnis zu seiner Schwiegermutter nachhaltig. Die alte Frau sprach danach kaum noch ein Wort mit ihrem Schwiegersohn.

In diese Gemengelage geriet nun Hermann, der von all diesen Vorfällen erst nach und nach erfuhr. Er verdingte sich als Helfer seines Bruders. Gemeinsam fütterten sie die Tiere, und misteten den Stall aus und halfen den Kühen bei der Geburt ihrer Kälber. Die körperliche Arbeit und die regelmäßigen Mahlzeiten sorgten dafür, dass Hermann wieder zu Kräften kam. Was ihm zuerst schwerfiel, ging ihm zunehmend leichter von der Hand. Ab und zu steckte sein großer Bruder ihm Geld zu, damit er sich seine geliebten Zigaretten Gold Dollar kaufen konnte.

In den Arbeitspausen vor der Scheune inhalierte er den würzigen Tabak und schaute über die Wiesen, auf denen die Kühe zwischen Obstbäumen grasten, und dachte über sein junges, turbulentes Leben nach und daran, wie es weitergehen sollte.

Auf Dauer wollte er nicht hierbleiben, sondern sich ein eigenes Leben aufbauen. Irgendwo in der Stadt, mit einer Arbeit, von der man nicht von Milchsäure zerfressene Hände bekam und keine schweren Heu- und Strohballen stemmen musste. Ein Landleben war nichts für seinesgleichen.

Manchmal gesellte sich Ernsts kleiner Sohn Wolfgang zu ihm, der jeden Tag den Hofhund Waldi ausführte. Er stellte sich gerne zu dem nachdenklichen Mann, der den Rauch seiner Zigarette ausstieß und dann den Rauchwolken nachsah.

»Was denkst du, Onkel?«, fragte er unschuldig.

»Nichts!«, antwortete der und ließ seinen Stummel in die kleine Pfütze vor seinen Füßen fallen. Eine Pfütze, die bald übersät war mit seinen Kippen. Irgendwann war die Pfütze einem verkrusteten Erdboden gewichen, die Zigarettenreste in alle Winde verstreut und Wolfgangs Onkel abgereist.

Eine Freundin seiner Mutter hatte ihm eine Adresse zugesteckt. An die genauen Umstände konnte er sich nicht mehr erinnern. Er wusste aber, dass sein Onkel Hermann jetzt in Bad Cannstatt, im Sommerrain, wohnte.

Hermann 1951

Hermann bewohnte im Sommerrain ein möbliertes Zimmer im Einfamilienhaus von Frau Würz, einer Kriegswitwe, die streng die Hausordnung überwachte: Keine laute Musik, kein Damenbesuch nach neunzehn Uhr.

Wohnraum war knapp in der zum großen Teil zerstörten Stadt. Das Vermieten und Untervermieten war eine lukrative Einnahmequelle. Er hatte schnell eine Arbeitsstelle als Maler und Anstreicher im Straßenbahndepot Bad Cannstatt gefunden. An den weiß, schwarz und gelb lackierten Straßenbahnwaggons gab es ständig etwas auszubessern.

Die Strecke zwischen Wohnung und Arbeitsstelle legte er mit einem gebrauchten Fahrrad zurück. Das Bewegen an der frischen Luft bot für ihn einen willkommenen Kontrast zu der von Lösungsmittel und Farbe geschwängerten Luft seiner Arbeitsstelle. Die Altstadt war bei den Bombenangriffen weitgehend verschont geblieben. Hermann genoss den Anblick der historischen Fassaden, die sich stark von denen seiner Heimatstadt Köslin unterschieden.

In seiner Freizeit ging er regelmäßig in die Cannstatter Schwimmhalle, manchmal auch in eines der Mineralbäder auf der anderen Seite des Neckars. Mit seinem Arbeitskollegen Egon besuchte er von Zeit zu Zeit das Neckarstadion, um die Fußballer des VFB Stuttgart anzufeuern.

»Gottlob könne ma wieder«, erzählte Egon in der Werkshalle beim Feierabendbier.

»Bis vor zwei Johr gʼhörte den Amis das Stadion. Century Stadion nannten die es doomols. Kein Deutscher durfte bei ihren Footballspielen zugucke.«

Egon war aus dem Badischen nach Stuttgart emigriert. Die Amerikaner hatten Stuttgart als Besatzungsmacht voll im Griff.

»Awaa!«

In solchen Momenten beschlich Hermann manchmal ein Gefühl von Heimweh. Heimweh nach seiner kleinen Stadt an der Ostsee. Nicht unbedingt nach seinem prügelnden Vater, der während des Krieges schon verstorben war. Eher nach dem Ambiente dieser Stadt, die sehr überschaubar war; in der alles am rechten Platz stand.

Die sommerlichen Touren mit dem Fahrrad an die nahe Ostsee fehlten ihm. Er vermisste das Meer. Der träge dahinfließende Neckar war kein Ersatz. Der Neckar, auf dem die Frachtschiffe tuckerten, an dessen Ufer der Cannstatter Wasen stattfand, mit Fahrgeschäften, Losbuden, Bratwurstständen und Brauereizelten, in denen Bier und Wein in Massen strömten, Schweinshaxen und Brathuhn verspeist wurden und Fäuste locker saßen. In den Hochzeiten waren die Toilettenwagen vor den Zelten ständig überfüllt. Ameisen gleich bildeten sich lange Schlangen vor den nach Urin und Kot stinkenden Häuschen. Da stellte man sich lieber vor die Pappeln am Ufer des Flusses.

Nach so einem Besuch des Cannstatter Wasens geschah es. Hermann säuberte seine Hände am Uferrasen und musste dafür den Luftballon loslassen, den er beim Vogeljakob erstanden hatte. Der Ballon erhob sich in die Lüfte, wurde von einem Windstoß zurückgeweht und landete direkt in den Armen eines Mädchens, das mit seiner Mutter auf dem Uferweg spazieren ging.

Hermann hatte noch versucht, nach dem Ballon zu greifen und war rücklings ins Gras gefallen. Er lag wie ein Maikäfer auf dem Rücken.

»Darf ich Ihnen behilflich sein?«, fragte die Mutter des Mädchens und streckte Hermann ihre Hand entgegen.

Anschließend wandte sie sich an ihre Tochter, die den Ballon wie einen Ball vor ihrem Bauch hielt.

»Du musst den Luftballon dem Herrn zurückgeben.«

Trotzig hielt das Mädchen den Ballon fest.

»Du darfst den Luftballon behalten.«

Hermann schüttelte sich Grasreste von der Hose und strich mit den Händen über die Ärmel seines Jacketts.

»Warum?«

»Du hast ihn gefangen, also gehört er dir. Ansonsten wäre er über alle Berge, auf und davon.«

Mutter und Tochter lachten. Dann standen sie einen Moment verlegen herum, bis Hermann auf eines der Festzelte deutete.

»Darf ich Sie zu einer Bratwurst einladen?«

Margot 1951

Margot war im Stuttgarter Stadtteil Berg aufgewachsen, auf der anderen Seite des Neckars, gegenüber von Bad Cannstatt. In einer Straße, die es nicht mehr gab, und die auf ihrer Rückseite an das Mineralbad Berg angrenzte.

In der Nacht vom 12. September 1944 wurde ihr Schicksal besiegelt. Die britische Royal Air Force warf in dieser Nacht eine Kombination aus Spreng und Brandbomben über Stuttgart, die einen verheerenden Feuersturm auslösten, und Margots Stadtteil in Schutt und Asche legten. Sie konnte nie vergessen, wie sie mit ihrer zweijährigen Tochter Gisela im Kinderwagen über die von Phosphor glühenden Straßen vom Luftschutzkeller zu ihrer Wohnung rannte, die bei ihrer Ankunft nicht mehr existierte. Ihr Vater hatte alles vorausgesehen: »Dieser Hitler, dieser Gefreite, wird uns alle ins Unglück stürzen«, sagte er nicht unter vorgehaltener Hand in einem sicheren Zuhause, sondern brüllte es betrunken auf der Straße, was wesentlich gefährlicher war.

Zum Glück, so Margots Mutter, erkrankte er schwer und starb, noch bevor er oder die gesamte Familie im Konzentrationslager landeten.

Daran musste Margot denken, als sie am Stöckach mit ihrer achtjährigen Tochter aus der Straßenbahn stieg und einige hundert Meter weiter bei ihrer Mutter Alwine klingelte. Alwine war eine ernste, verbitterte Frau, die nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans schwarze Kleidung trug: eine ewig Trauernde.

Hans war damals, im Januar 1945, stolz, am Unternehmen Nordwind teilnehmen zu können. Die Deutschen versuchten, entlang des Vogesenkammes die alliierten Streitkräfte mit einem Überraschungsangriff zu schwächen. Alwine, ihre Tochter Margot und ihre Enkeltochter Gisela waren in dieser Zeit bei Verwandten im Schwarzwald untergekommen, in Villingen, der Stadt in der Alwine aufgewachsen war. Es war ein kalter, schneereicher Winter und die Frauen sahen den durch den Schnee stampfenden Briefträger schon von weitem. Als er Alwine den Umschlag mit dem Brief an der Gartenpforte überreichte und sich den Schnee von der Kleidung klopfte, konnte sie nicht schnell genug den Umschlag öffnen. Mit zunehmend versteinertem Gesicht überflog sie den Inhalt und warf dann das Papier von sich wie ein glimmendes Holzscheit, trat ein paar Schritte vorwärts und fiel ohnmächtig in einen Schneehaufen.

Margot befürchtete in den Wochen danach, dass ihre Mutter diesen Schicksalsschlag nicht überleben würde. Der Verlust ihres Mannes und ihrer Wohnung schienen sie stärker zu machen, bereit, noch verbissener ums Überleben zu kämpfen. Der Verlust ihres Sohnes aber vernichtete sie. Bis zu ihrer Rückkehr nach Stuttgart sprach sie kein Wort mehr.

Jetzt betätigte Margot drei Mal den Klingelknopf, das vereinbarte Zeichen, und Alwine öffnete mit ernstem Gesicht ihre Wohnungstür.

»Ihr seid wieder zu spät.« Alwine winkte die beiden herein: »Der Kaffee ist wahrscheinlich schon kalt.«

Margot wusste, dass es keinen Sinn hatte, ihrer Mutter zu widersprechen. Es gab kein Argument für ihre Unpünktlichkeit.

Auf dem Weg zur Kaffetafel in der Wohnstube streifte Margot die Vitrine, auf der in einem Silberrahmen ein Porträt ihres Bruders stand. Er trug seine Wehrmachtsuniform und sauber gescheiteltes Haar. Ein schwarzes Trauerband war diagonal über den Rahmen gespannt. Gisela, die ihrer Mutter auf dem Fuß folgte, blickte kurz nach oben auf das Bild und wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als Margot ihr spontan den Mund zuhielt.

Sie nahmen an der gedeckten Kaffeetafel Platz. Alwine hatte Rührkuchen auf einem Tablett geschichtet. Auf der Kaffeekanne saß eine Wärmehaube aus gestepptem Stoff. Gisela bekam einen kleinen Krug mit Kamillentee. Alwine verteilte den Kuchen auf die Teller. Bevor sie die Haube von der Kanne entfernen konnte, sagte Gisela: »Schau mal Mama, eine verkleidete Kaffeekanne!«

Alwine konterte sofort:

»Sei nicht so vorlaut mein Kind«.

Sie schenkte ihrer Tochter und sich Kaffee ein.

Aus ihren knochigen Fingern traten weißschimmernd die Knöchel hervor. Dann pflanzte sie ihren ausgemergelten Körper auf den Stuhl.

»Na ja, mit der Erziehung deiner Tochter ist es nicht weit her. Das Kind braucht dringend einen Vater.«

Margot warf ihrer Mutter einen irritierten Blick zu, während sie mit der Kuchengabel auf dem Teller hantierte.

»Es ist nicht einfach, bei deinem Vorleben einen Mann zu finden. Das verstehe ich schon«, sagte Alwine, während sie ungerührt ihre

Tasse zum Mund führte.

»Was soll das denn heißen? Ich bin nicht schuld, dass Georg im Krieg geblieben ist. Ich bin nicht verantwortlich für seinen Tod.«

Gisela hatte sich selbst Tee eingeschenkt und das erste Stück Kuchen bereits gegessen.«

»Das meine ich gar nicht.«

»Sondern?«

Gisela griff nach einem zweiten Stück Kuchen. Alwines Hand gab ihr einen Klapps auf die Finger:

»Du hast einen Mund zum Fragen, mein Kind.«

»Oma, darf ich mir ein zweites Stück Kuchen nehmen?«

Alwine nickte abwesend und sah sich dem giftig funkelnden Blick ihrer Tochter ausgesetzt.

»Sondern?«

»Ich meinte den Franzosen.«

Margot blieb das erste Stück ihres Kuchens im Hals stecken.

»Mutter, das war eine Vergewaltigung. Ich bin vergewaltigt worden. Verstehst du das?«

»Na, na.«

Margot war wie von der Tarantel gestochen von ihrem Stuhl aufgesprungen. Schnell war sie um den Tisch herum gesprungen, hatte ihre Tochter bei der Hand genommen. In Windeseile waren sie aus der Wohnung geflohen und standen nun auf dem Bürgersteig: »Mutter, was ist eine Vergewaltigung?«

Margot beugte sich zu ihrer Tochter herab:

»Wenn jemand etwas mit einem macht, das man nicht möchte«.

»Ein böser Mensch.«

»Ja, ein böser Mensch.«

Sie gingen die Straße hinauf, bogen links in die Neckarstraße ein.

»Warum haben wir noch nie das Grab von

Onkel Hans besucht?«

»Er ist in Frankreich beerdigt.«

»Ist das weit weg?«

»Ja, sehr weit.«

»Wie ist er gestorben?«

»Er ist im Krieg gefallen, wie dein Vater.«

»Aber wie?«

»Kind, du fragst mir heute wieder Löcher in den Bauch.«

Auf der anderen Straßenseite begann das Gelände des Mineralbads Berg.

Hier hatten Margot und ihr Bruder Hans auf ihren Handtüchern im Gras gelegen und in den Himmel geschaut. Hans lachte und zeichnete mit seiner Hand die Wolken über ihnen nach. Später zog er in den Krieg. Er stand im Norden Frankreichs in einer Baracke und schaute in die sternenklare Winternacht hinaus, als ihn unvermittelt ein Granatsplitter traf.

Margot fasste ihre Tochter fest an: »So, meine Kleine, was fangen wir nun mit dem angebrochenen Nachmittag an?«

»Volksfest…Volksfest!«, jubelte Gisela.

Margot und Hermann 1952

Am 8. August 1952 heirateten Margot und Hermann in Stuttgart- Hedelfingen.

Alles war sehr schnell gegangen. Letztendlich hatte Giselas Zuneigung zu dem hübschen Onkelchen mit den blauen Augen den Ausschlag gegeben. Das Kind wollte unbedingt einen Vater haben. Margot war nicht so euphorisch. Ihre Erfahrungen mit Männern lagen ihr wie Wackersteine im Magen.

Der Vater von Gisela war ein stolzer Soldat, den Margot kaum kannte, von gelegentlichen Urlaubsaufenthalten einmal abgesehen. Nur ein Kurztrip nach Wien blieb in Erinnerung, bei dem Gisela gezeugt wurde. Österreich war seit 1938 ins Deutsche Reich eingegliedert, und Georg, Margots erster Mann, war zeitweilig in der Donaumetropole stationiert. Nun allerdings war er zum Fronturlaub in die Stadt gekommen. Zuerst saßen sie sich im Kaffeehaus gegenüber, schweigend, als habe der Krieg ihnen den Atem zum Sprechen geraubt. Als der Kellner den Kaffee und Wasser brachte, schaute Margot sich nervös nach allen Seiten um.

»Du brauchst keine Angst zu haben. Hier sind wir sicher.«

Georg sprach mit leicht hessischem Dialekt. Seine Familie stammte aus Frankfurt.

»Beruhige dich. Es gab bislang noch keine Luftangriffe auf Wien.«

Margot nickte stumm.

Georg hatte sich in einer Pension in der Nähe des Stephansdoms eingemietet. Hier verbrachte das Paar die meiste Zeit. Margot war zunächst zögerlich, voller Angst und Scham, weil sie sich vor ihrem Mann nicht nackt zeigen wollte.

»Meine Eltern haben sich niemals nackt gesehen«, sagte Margot, die Bettdecke bis zum Hals hochgezogen.

»Aber...nicht einmal bei der Liebe?«

»Meine Mutter hat ihr Nachthemd angehoben und mit beiden Händen am Saum festgehalten.«

»Und dann?«

»Hat sie alles schweigend über sich ergehen lassen.«

Georg streifte sich die Hosenträger von den Schultern und lachte. Margot schloss die Augen. Die Prozedur hatte dennoch etwas Schönes, dachte sie später. Die Wärme, die Körpernähe mochte sie. Nie wieder hatte sie dieses Gefühl.

Dann machte der Krieg alles zunichte und irgendwann erhielt sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes, den sie kaum kannte. Aber die Tage in Wien hatten sich in ihr Gedächtnis gegraben.

Sie vermisste das Sexuelle nicht. Im Krieg war man mit anderen Dingen beschäftig. Obendrein war sie eine junge Frau mit Kind, unter den Argusaugen ihrer Mutter Alwine.

Bis es in Villingen wieder geschah. Pierre war zuerst charmant. Er sah sehr gut aus in seiner Besatzeruniform. Ja, er erinnerte sie an Georg. Vielleicht an Georg in Wien. Sie wusste es nicht genau, war zu verwirrt und ein bisschen betrunken. Dann wollte er plötzlich alles. Auf dem Heimweg zu ihrer Unterkunft gab es erzwungene Küsse, dann Handgreiflichkeiten, wilde Schläge und schließlich das Unaussprechliche. Es war eine unvergessliche Vollmondnacht. Der gefleckte Mond beleuchtete die bizarre Szene in der Gasse wie in einem grobkörnigen Horrorfilm.

»Das wird dir ewig nachhängen«, mutmaßte ihre Mutter Alwine. Zum Glück blieb das Erlebnis folgenlos. Margot blieb von einer Schwangerschaft verschont.

Dann stand Gisela strahlend mit ihrer Zuckerwatte neben dem blonden Onkelchen und alles begann von Neuem.

Sie wohnten in Hedelfingen, in einem Zimmer zur Untermiete. Herrenbesuch war streng untersagt. Von ihrem Fenster konnte man den Katzenbach in seinem Steinbett fließen sehen.

Bei Daimler-Benz in Untertürkheim hatte Margot eine feste Anstellung gefunden. Zuerst im Büro, später in der Produktion als Fräserin. Da konnte man in den Akkordschichten mehr Geld verdienen. Alwine passte während ihrer Arbeit auf die kleine Gisela auf, die schon bald zur Schule ging. Die Schule lag direkt an der Straße nach Wangen, ein Eckgebäude, das auf einer Seite direkt auf die Straße nach Obertürkheim zeigte.

Dann kam das Onkelchen und eroberte das Herz des kleinen Mädchens im Sturm. Und das Herz des großen Mädchens? Hermann gefiel die Frau mit den halblangen, dunklen Haaren, dem fein geschnittenen Gesicht, den lustigen Augen und dem Lächeln, das dieses Gesicht umspielte wie eine Prise Sommerwind.

Sie trafen sich an den unterschiedlichsten Orten, machten Spaziergänge in die nähere Umgebung, und immer war Gisela an ihrer Seite. Einmal folgten sie dem Katzenbach, wie einer Spur. Am Saum des bewaldeten Hügels entlang, an den Schrebergärten vorbei, bis zum Hundefriedhof im Wald. Gisela stand fassungslos vor den kleinen Grabsteinen.

»Die armen Hunde«, sagte sie.

»Warum?«

»Weil die Hunde tot sind.«

Hermann dachte an die toten Menschen, die er in seinem dreißig Jahre währenden Leben bereits gesehen hatte:

»Es sind nur Hunde.«

Gisela lief weinend bis zur Pforte des Friedhofs, fand ein Stöckchen und warf es wütend in den Wald hinein.

Hermann fasste Margots Hand und drückte sie: »Sie ist zu jung. Sie kann es nicht verstehen. Der Krieg hat mir meine Jugend geraubt.«

»Meine auch…«, antwortete Margot.

Das war der gemeinsame Nenner. Das führte sie zusammen: Eine Vergangenheit, die wie ein Trümmerhaufen hinter ihnen lag. Etwas, das sie auf Teufel komm raus vergessen wollten, als wäre es nie geschehen. Wie eine böse Krankheit, an die man nicht mehr erinnert werden wollte.

Ein gemeinsames Liebeslager fanden sie nicht. Hotelzimmer kamen nicht in Frage. Also beschlossen sie zu heiraten. Danach fanden sie eine gemeinsame Wohnung in Hedelfingen. Eine Notwohnung: zwei Zimmer und eine Küche und eine Abseite auf dem Dachboden. Die Toilette befand sich außerhalb der Wohnung, im unteren Flur, vor dem Hauseingang. Ein unwirtliches, zugiges Örtchen, an dem niemand lange verweilen wollte. Eine ihrer ersten gemeinsamen Anschaffungen waren Nachtöpfe.

Hermann saß am Küchentisch und sah aus dem Fenster auf die benachbarte Terrasse. Er steckte sich eine Overstolz an und sah den Rauchwolken nach, die sich über dem Steinwaschbecken verflüchtigten. Hier würden sie nicht lange wohnen. Er war bereit, in seinem Leben etwas zu erreichen, etwas zu schaffen. Ein Bollwerk, das die Tür zu seiner Vergangenheit blockieren würde. Hoffentlich! Irgendwann würden sie in einem eigenen Haus leben, einen eigenen Garten bewirtschaften. Es musste vorangehen, etwas Schönes aus dem Chaos des Krieges erwachsen. Seine innere Trümmerlandschaft hatte seine Seele verkapselt. In ihm wohnte eine seltsame Leere.

Er stand auf und öffnete das Fenster zum Hof. Herr Grassinger, der Vermieter, schleppte eine Holzkiepe den steilen Gartenhang hinauf. Wahrscheinlich wollte er die überall herumliegenden Äpfel aufsammeln, um sie danach in seiner Obstpresse zu verarbeiten. Schon des Öfteren hatte ihm Grassinger von seinem grässlichen Apfelmost ein Gläschen angeboten. Ein Getränk, das zuerst seinen Gaumen und danach seinen Magen zusammenzog. Hermann ging zum Tisch zurück und steckte sich die nächste Zigarette an. Seine Vergangenheit blitzte wie ein Sonnenstrahl vor ihm auf.

Hermanns Flucht vor seinem despotischen Vater hatte ihn achtzehnjährig in eine Uniform gezwungen, die sich als Segen und Fluch zugleich entpuppte. Seit Kriegsbeginn 1939 war er bei der Fahne. Zuerst war er stolz durch die Straßen von Köslin spaziert. Er wollte den Mädchen gefallen in seiner schmucken Fliegeruniform, die seinen schlanken Körper betonte. Später, vom Leben gezeichnet, gedemütigt und voller Angst, hätte er sich die Uniform am liebsten vom Leib gerissen wie eine von Krankheit befallene Haut. Dann wäre er erfroren in dem kalten Winter 1945.

Die nächste Zigarette. Neben der Spüle stand eine Kiste Bier. Dinkelacker, seine Lieblingsmarke. Er langte nach einer Flasche und betätigte den Bügelverschluss. Mit einem hörbaren Plopp setzte er den Flaschenhals an seine Lippen und trank, gierig, wie ein Verdurstender.

Er hatte sich stets bemüht zu vergessen, was er gesehen hatte. Aber wie sollte er das anstellen? Gott sei Dank gehörte er weder zu den Bomberpiloten noch zu den Bordschützen. Als Mann vom Bodenpersonal im Fliegerhorst Heiligenbeil nahe Königsberg blieb er zunächst verschont. Aber später?

Jetzt musste man nach vorne schauen. Zuerst galt es, seine Mutter nach Hedelfingen zu holen. Sie war am Ende ihrer Flucht aus Pommern im nordfriesischen Bredstedt gelandet. Inzwischen zweimal verwitwet, würde sie das Angebot ihres Sohnes bestimmt gerne annehmen.

Gisela 1958

Es hatte sich alles verändert. Seit Jahren schon. Für Gisela brach nach und nach eine Welt zusammen. Sie war vom Mittelpunkt der Familie in eine der hinteren Reihen verbannt worden. Von dort aus, weit entfernt, nahm sie am Geschehen teil. Immer wieder versuchte sie, den Zeitpunkt auszumachen, an dem alles begann anders zu werden. Irgendwann stand es glasklar vor ihrem inneren Auge: Es war die Geburt von Hans im November 1953.

Im Vorfeld begannen die Streitereien zwischen Alwine, Margot und Hermann. Margots Schwangerschaft verlief problematisch. Sie musste viel liegen und konnte ihrer Arbeit nicht nachgehen. Alwine kümmerte sich um den Haushalt und um Gisela. Die strenge Oma führte ein hartes Regiment. Gisela musste die Bedeutung des Wortes Disziplin lernen. Ihre Mutter hatte keine Zeit für ihre Belange, weil Alwine sie ständig unter Druck setzte. Sie habe selbst zwei Schwangerschaften miterlebt und zwei Weltkriege, argumentierte Alwine. Aber so ein selbstmitleidiges Verhalten, wie es von ihrer Tochter an den Tag gelegt wurde, kenne sie nicht.

Mit Hermann stritt sich Margot um den richtigen Namen des Kindes. Beide Eheleute glaubten, dass es ein Junge werden würde, also müsste dieser Margots Meinung nach Hans heißen, wie ihr gefallener Bruder.

Hermanns Lieblingsonkel hieß Günter, ein über zwei Meter großer Infanterist, der in den ersten Tagen des Krieges gefallen war. Hermanns Junge sollte diesen Namen tragen. Am Ende setzte sich Margot durch…und dann ging alles sehr schnell.